Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Äh … Frau Kuttner, ich habe da ein paar Fragen.

„Nichts zu sagen ist allerdings gegen meine N(…)puppe. Ein riesiges Stoffungetüm, ganze achtzig Zentimeter purer, unschuldiger Rassismus mit einem obszön großen Kopf, der so schwer ist, dass er der Puppe immer wieder auf die schmalen Schultern fällt und ihr so permanent einen ergreifend niedergeschlagenen Eindruck verleiht. Als wäre das nicht schon entsetzlich genug, wird das Ganze noch von einem furchterregenden Paar praller, aufgenähter Wurstlippen getoppt. Vollkommen undenkbar, dass so etwas heute noch verkauft würde (…).“

Ich finde den Fall ja auch schwieriger als andere und hoffe sehr, dass sich PoC-Freunde dazu noch profunder äußern als ich hier und jetzt und mich ggf. rüffeln.

Aber … was soll das N-Wort da? Das hat nirgends etwas verloren, von Weißen geäußert.

Was ist „unschuldiger Rassismus“?

Wieso diese geradezu genüsslich angewiderte Beschreibung der Puppe, die nun wirklich jedes noch so blöde Darstellungsstereotyp zwar kritisiert, aber eben auch reproduziert?

Wieso diese bescheuerte Pointe, dass so was ja HEUTE nicht mehr verkauft würde? Wieso so eine seltsame Geschichte kollektiver und individueller Läuterung schreiben, als sei man in einen post-rassistischen, historischen Raum vorgestoßen – als würde man gewissermaßen auf die Kindheit der Republik zurück blicken, die nunmehr in ganz Schland zum vermeintlich exklusionsfreien Party-Nationalismus übergegangen ist? Bei einer Lesung unter Weißen, die sich darauf einigen, wie schlimm sie das finden und wie frei sie doch nun davon sind und darüber ewig und untereinander reden?

Und das auch noch im Rahmen eines Buches mit dem Titel „Wachstumsschmerzen“?

Das ist echt nicht harmlos. Wieso erscheint da wieder nur ein Objekt, mit dem sich die Autorin konfrontiert und über sich selbst verständigt, aber keine Person, kein Subjekt, die ihr z.B. von Rassismuserfahrungen berichtet? Mal ganz im Ernst: Stephen King kann so was besser. Der gestaltet ganze Sequenzen in ES mit der Wahrnehmung des einzigen, schwarzen Jungen in einer nordamerikanischen Kleinstadt der 50er als Subjektive. Wieso wird ein Platzhalter gewählt?

Wieso stellt der Spiegel nicht die Frage, wie es zu der Rezeption des PoC-Mannes im Publikum kommen konnte? Sie schreiben, sie hätten versucht, ihn zu befragen, er stünde jedoch nicht zur Verfügung – sollte sich jede_r auch gut überlegen, ob sie oder er sich zur Verfügung stellen will in so einem Fall, wenn wieder erleichtert das weiße Deutschland jubiliert und sich unter Weißen einigt, dass natürlich der Rassismusvorwurf unbegründet war. Hat sich wieder wer was eingebildet.

Natürlich jammert der SpOn-Autor jetzt herum, was für ein gemeiner Shitstorm über Frau Kuttner herein bricht – über eine Vorstellung von den Shit-Tornados, die über jene herein brechen, die es wagen, Sexismus, Rassismus oder Homophobie anzugreifen, Strukturen, denen sie eh schön ständig unterworfen sind, scheint er nicht zu verfügen.

Weil es ja angeblich nichts Schlimmeres in Deutschland gäbe, als als Rassist, Schwulen- oder Frauenfeind dargestellt zu werden. Das ist so schlimm, dass man von DIE ZEIT und der FAZ interviewt und dort veröffentlicht wird und Millionen Bücher verkauft. Dass Rassismus, Homophobie oder Sexismus unterworfen sein schlimm ist, das geht wie üblich unter.

Es werden ja mit zementiert heteronormativen Gründen keine „Schwuchtelpuppen“ in Kindergärten gespeist, da besteht ja Gefahr, dass Kind selbst es werden könnte. Wenn ich mir jetzt eine analoge Beschreibung einer solchen vorstelle, „dieser ekelhaft effiminierte Gesichtausdruck, dieses widerlich künstliche und affektierte Kleid an einem Männerkörper, der Arsch war zum Wackeln eigens beweglich gemacht – man gut, das so was heute nicht mehr hergestellt wird!“ – ja, der Vergleich hinkt, weil „Tunten“ ggf. wirklich „effiminiert“ wirken, Schwarze hingegen sich in der Beschreibung der Unwort-Puppe einfach in kolonialrassistsicher Tradition böswillig karrikiert sehen, und auch sonst verschieben sich da nicht nur Nuancen. Ja. Trotzdem.

Wenn auf so eine seltsam indirekte Art man sich meine Diskreditierungsgeschichte aneignen würde, von mir aus ein Buch voll scheißen mit den Schulhofwitzen über Arschficker, Schwuppen und Trinen und wie ekelhaft das doch alle fanden und dass sie selbst das ganz, ganz schlimm fand, dass alle das so sahen, zum Glück gibt es das ja HEUTE nicht mehr – mich würde das sehr, sehr unangenehm berühren. Im Falle der Beschreibung eines Objekts noch viel mehr. Was fehlt, sind bestimmt nicht PoC-Objekte, sondern Subjekte.

Übrigens auch unangenehm berührt, weil man gewöhnt ist, darauf trainiert wurde, sich mit dem Diskreditierenden gemeint zu fühlen. Das hat einen geformt.

So hat es Herr B. ggf. auch wahr genommen.Oder irre ich?

160 Antworten zu “Äh … Frau Kuttner, ich habe da ein paar Fragen.

  1. Social Heinz Mai 24, 2012 um 4:07 pm

    Geheimtipp: Vielleicht ist es einfach Literatur.

    (Weiterführende Erklärung für Nichtkenner des Begriffs: Literatur, das ist das, wo Leute Dinge schreiben, die „fiktional“ sind. Fiktional bedeutet: Der Text gibt nicht unbedingt die Meinung des Menschen wieder, dessen Name als Autor vorne drauf steht und ist teilweise oder ganz erfunden.)

  2. momorulez Mai 24, 2012 um 4:19 pm

    „Auf so einen Kommentar habe ich nur gewartet, Du miese kleine Nazi-Sau, aus den Genen der SS geschnitzt.

    Hey, nicht so empfindlich, Du, ich meine das literarisch! Rein literarisch! Alles hier im Blog ist lediglich Literatur! Hab Dich nicht so!

    Hast Du mal H.P. Lovecraft gelesen? „Der Ruf des Cthulhu“? Das ist tatsächlich Weltliteratur, ungemein wirkungsstark, und trotzdem durch und durch rassistisch. Zudem aus dem SpOn-Artikel ja nun deutlich hervor geht, dass es sich um einen Erfahrungsbericht handelt und nicht etwa die literarisch-satirische Darstellung irgendeiner Figur, einer Schland-Frau namens „Sarah Kuttner“. Auch literarische Formen sollte man schon sinnvoll beurteilen können. Und eine mit der zwar kritisierten Reproduktion von rassistischen Sterotypen arbeitende Literatur ist zudem auch noch sehr schlechte Literatur. Zur Bearbeitung eines Themas wie Rassismus wählt man auch fiktional nach Möglichkeit nicht so eine Puppe.

    Vielleicht ist der Rest des Buches ja besser.

  3. Social Heinz Mai 24, 2012 um 4:45 pm

    Lieber „Momorulez“,

    hast Du den Spiegel-Artikel gelesen, den du zitierst?

    In dem Kapitel beschreibt Kuttner, wie die Protagonistin Luise ihre Wohnung durchstreift und ihre Habseligkeiten kritisch in Augenschein nimmt. Es endet mit einem kurzen Absatz, der das Wort enthält, das nun an Kuttner klebt.

    „Nichts zu sagen ist allerdings gegen meine N(…)puppe. Ein riesiges Stoffungetüm, ganze achtzig Zentimeter purer, unschuldiger Rassismus mit einem obszön großen Kopf, der so schwer ist, dass er der Puppe immer wieder auf die schmalen Schultern fällt und ihr so permanent einen ergreifend niedergeschlagenen Eindruck verleiht. Als wäre das nicht schon entsetzlich genug, wird das Ganze noch von einem furchterregenden Paar praller, aufgenähter Wurstlippen getoppt. Vollkommen undenkbar, dass so etwas heute noch verkauft würde (…).“

    Es geht um eine Passage, die eindeutig Fiktion ist, nicht Meinung der Verfasserin des Buches (und nicht mal als solche anstössig wäre, sondern im Gegenteil den Rassismus thematisiert, der in dieser Puppe steckt). Ich glaube, du bist in der Lage, das zu unterschieden, auch wenn du mich in deiner Antwort anpöbelst und zu provozieren versuchst.

  4. momorulez Mai 24, 2012 um 4:52 pm

    „Im Uebel & Gefährlich liest Kuttner nicht nur vor, sie redet auch über die Stelle, gibt sie als autobiografisches Mosaik des Romans zu erkennen. „Ich habe, wie in der Passage im Buch beschrieben, erzählt, dass die Lippen der Puppe furchtbar und unnatürlich riesig gewesen seien, mit dem ganz klaren und für alle Anwesenden eindeutigen Verweis darauf, wie unrealistisch und rassistisch diese Puppe sei. Ich sagte, dass so eine Puppe heutzutage zu Recht gar nicht mehr hergestellt werden würde“, sagt Kuttner.

    So weit SpOn, Link siehe oben. Und nun lies noch mal meinen Blog-Eintrag, aus dem hervor geht, wieso ich diese Art, Rassismus zu thematisieren, für grundfalsch halte, ob nun literarisch oder als Erfahrungsbericht. Und ich habe weder gepöbelt noch provoziert, sondern ein Stück Literatur verfasst, hey! Das ist sogar Zitat gekennzeichnet großer Dichtkunst und rein fiktional!

    Abgesehen davon ist die Nonchalance, mit der Du hier schon wieder da N-Wort in mein Blog kopierst, an Ignoranz nicht zu überbieten. Das redigiere ich jetzt.

  5. Tim Mai 24, 2012 um 5:23 pm

    Darf man eigentlich als hetero von schwuchtelpuppe sprechen?

  6. Asean Mai 24, 2012 um 6:24 pm

    Nun habe ich Kuttners Text wieder und wieder gelesen und halte ihn immer noch für ein Statement GEGEN Rassismus, das nicht mal zweideutig oder missverständlich formuliert ist. Ja, ich würde sagen: Hier irrst du.

  7. Social Heinz Mai 24, 2012 um 6:24 pm

    Selbst wenn man mal den Schritt macht und die Literatur und Fiktionaltität des Textes ganz aussen vor lässt, also einfach so tut, als wäre das nur eine dahergeplapperte Erinnerung: In dem Fall würdest du kritisieren, dass sich eine Frau an eine Stoffpuppe aus ihrer Kindheit erinnert und daran, dass sie sie grotesk überzeichnet fand? Eben weil die Puppe, wie sie heute erkennen kann, eine rassistische Karikatur ist? Und DAS ist dann rassistisch? Diese Erinnerung und die Reflektion darüber? Sorry: Nö. Mit solchen Verdrehungen kann man jeden nachweisen, dass er Nazisympathisant ist. Google: „Martenstein Nazisympathisant“, der hat eben darüber mal einen guten Artikel geschrieben.

  8. momorulez Mai 24, 2012 um 7:26 pm

    @Tim:

    Ach, dürfen oder nicht dürfen – wenn man als Hetero Respekt vor Schwulen hat, sollte man es bleiben lassen. Das ist hinsichtlich meines Blocktextes natürlich ein Knackpunkt – als selbst schwul habe ich zur Verdeutlichung des Problems die Methode angewandt, die ich bei Frau Kuttner kritisiere, aber eben als „schwul“ markierter. Was einen Unterschied ums Ganze macht, aber trotzdem mir von schwuler Seite vorgeworfen werden könnte. Es kommt da schon drauf an, wer spricht oder schreibt. Hier sind schon Leute aus dem Blog geflogen, die die Kritik von Homophobie dazu nutzten, einen Kommentar nach dem anderen zu parken, der vor homophoben Kraftausdrücken nur so strotzte. Schwule als Betroffene würde ich nicht raus schmeißen in einem solchen Fall. Ansonsten vermeide ich das auch, nur dass ich halt versuche, dann, wenn ich mich PoC-Themen behandele, klar zu machen, aus welcher Perspektive ich mich denen annähere – neben dem, was ich z.B. vom Braunen Mob, Freunden und Kollegen gelernt habe, ist das die des weißen Schwulen, Bildungsbürger und ökonomisch in keiner marginalisierten Position mit deutschem Pass.

  9. momorulez Mai 24, 2012 um 7:42 pm

    @Social Heinz:

    Na, Herr Martenstein wird sich da auskennen 😀 – was ich kritisiere, ist, dass Frau Kuttner als weiße Journalistin und Moderatorin sich einem derartigen Thema offenkundig nicht sonderlich informiert über Antirassismusarbeit widmet. Das fängt schon beim N-Wort an, und ansonsten gilt halt, dass die Reproduktion von Stereotypen völlig ungeeignet ist, diesen anzugehen. In einer sowieso rassistischen Gesellschaft behauptet man auch keine post-rassistischen Räume, und das ist in deutschen Zusammenhängen ein Riesenproblem, dass viele, die sich nicht informieren wollen, ja tatsächlich glauben, da sei irgendwas vorbei. Ist es aber nicht. Und Deine Intervention beschäftigt sich ja auch lieber damit, dessen Nichtexistenz zu behaupten, als vielleicht meinen Text auch zur Kenntnis zu nehmen. Das ist, gelinde gesagt, unhöflich.

    Es geht mir freilich nicht um den Nachweis, Frau Kuttner nun in die eigentümliche Seinsweise des Rassisten hinein zu schreiben, geschweige denn einen Text wie den ihren unter nationalsozialistischer Propaganda zu verbuchen, Quatsch. Es geht mir darum aufzuzeigen, dass er voller Ideologie steckt und das Thema völlig verfehlt. Dass sie das total gut meint und glaubt, da eine gewichtige Erkenntnis hinsichtlich der Funktionsweise von Rassismus entdeckt zu haben, das bestreitet doch gar keiner. Nur dass dieses „gut gemeint“ und sich danach auf das gemütliche Moderatorensofa setzen oft der Sache so gar nicht dient, sondern eine psychologisch verständliche, journalistisch oder literarisch jedoch komplett misslungene Methode ist, dem Sujet gerecht zu werden. Das ist keine Auseinandersetzung mit PoC, sondern irgendein deutsches Reinigungsritual, weil hier ständig alles hinsichtlich irgendwelcher Identitätsfragen diskutiert wird.

  10. momorulez Mai 24, 2012 um 7:50 pm

    @Asean:

    Siehe Antwort auf Social Heinz. Und bei Statements gegen Rassismus empfiehlt es sich, sich vorher bei Leuten zu informieren, die da Experten sind, bei „Der braune Mob“ zum Beispiel, und Recherche ist ja nix, was nun für eine öffentlich-rechtliche Moderatorin eine Zumutung wãre. Ich verweise auch erneut auf den Passus zu Stephen King, der hat sich nämlich meiner Ansicht nach, vielleicht irre ich, tatsächlich damit auseinandergesetzt, welche Sprachformen und Sichtweisen da tauglich sind. Und jetzt setzen wir uns darüber hinaus zusammen hin, wo hier so schön über Literatur geredet wird, und überlegen, welche schwarzen Autoren wir eigentlich gelesen haben und auf wessen Lesung wir da waren. Sind auch bei mir sehr wenige, und daraufhin gründen wir mit Frau Kuttner einen Literaturzirkel unter PoC-Leitung und lernen alle was dazu.

  11. momorulez Mai 24, 2012 um 8:34 pm

    Zur Ergänzung:

    http://afrikawissenschaft.wordpress.com/2012/05/24/die-sache-mit-sarah-kuttner/

    Den Vorwurf, hier gewalthaltige Sprache rein kopiert zu haben, den muss ich mir auch machen lassen. Verlinke es gerade deshalb.

  12. mumurestrictionz Mai 24, 2012 um 8:54 pm

    momorulez, Dir ist aber schon klar, dass das Signifikat des Signikanten „N-Wort“ weiterhin „N…“ ist, oder? Ob du es ausschreibst oder nicht, es ändert sich am Inhalt nichts für die Lesenden.

  13. momorulez Mai 24, 2012 um 9:18 pm

    @mumurestrictionz:

    Das sind unterschiedliche, logische Ebenen. Die gewissermaßen metasprachliche, eben nicht objektsprachliche Ebene beinhaltet die Kritik jener Haltung und Historie, die sich in dem, worauf Bezug genommen wird, zeigt. Beschimpf mal jemanden mit „Du N-Wort!“, das ist deutlich schwieriger, könnte sich zwar einbürgern, hätte dann aber schon eine andere Historie und somit auch Bedeutung. Die performative, appellative und intersubjektive Ebene von Sprache verschwindet ja nicht, nur weil irgendwas in einem Buch steht, deshalb hat doch Herr B. so reagiert, wie er reagiert hat.

    Und natürlich würde ich auch am liebsten über den ganzen Scheiß nicht schreiben müssen. Ist aber nicht mein Fehler, dass Frau Kuttner es mit so ungebrochener Selbstverständlichkeit verwendet. Das wäre auch ohne den Spiegel-Artikel und den Rückzug von Publikative gar kein Thema hier im Blog geworden. Das wurde es wegen des Sich-Brüstens weißer Journalisten damit, wieder einmal einen ungerechtfertigten Rassismus-Vorwurf enttarnt zu haben – was bei SpOn nicht erstaunt, bei Publikative schon. Deshalb ist ja auch interessant, wie von den Kommentatoren auch hier überhaupt nur diese Frage als relevant erachtet wird, weil so halt in Deutschland diskutiert wird. Ich glaube, oben wirklich differenzierter diskutiert und ja auch gefragt zu haben. Es diskutieren aber alle, wer denn nun Rassist ist und wer natürlich nicht. Weil sie die Rassismusfrage überhaupt nur und ausschließlich hinsichtlich der Weißen interessiert, die es ja alle gar nicht sind, und dann kommen immer so boshafte Attacken überempfindlicher PoC, obwohl „wir doch“ die Guten, Geläuterten sind. Deshalb ja eine Puppe, nicht eine Person. Noch nicht mal „die da“, nein, ein von Weißen konzipiertes Objekt, von dem man sich gelöst hat. Den meisten ach so antirassistischen Weißen gehen PoC doch am Arsch vorbei. Die sind nur an sich und ihren Spielzeugen interessiert.

  14. Bersarin Mai 24, 2012 um 10:13 pm

    Ich denke, es ist beides: einerseits wurde und wird diese Angelegenheit (von beiden Seiten, denn Aufmerksamkeit ist ein ökonomisch bedeutsames Gut) medial vernutzt und (teils) an einer Frau ausgekocht, mit der manches Medium noch eine Rechnung offen hatte oder wo zudem ein ganz anderes Süppchen geköchelt werden sollte. (Der Bild-„Zeitung“ sowie der übrigen Drecksspringerpresse wäre wahrscheinlich Charlotte Roche noch lieber gewesen. Da gingen dann all die Antiras bei Bild ab.)

    In der Sprache des Spiegels etwa läßt sich gut ablesen, wie er genüßlich in jede Wunde hineinbohrt und nach beiden Seiten tritt. Sobald die öffentliche Meinung nach einer Seite ausschlägt, sich dahin wendend und nach dem Mund schreibend.

    Andererseits sollte eine öffentliche Person wie Kuttner auf Weisen des eigenen Sprechens und Schreibens, auch im fiktionalen Rahmen, reflektieren: wieweit Klischees, die doch sowieso bereits im Raume stehen, bloß reproduziert werden. Und darunter fällt dann insbesondere der zuweilen nicht unwitzige Martenstein. Denn er verbeißt sich in seiner Kritik am politisch korrekten Diskurs an den Falschen. Satire haut nach oben, nicht nach unten. Zudem: Was in den 80ern noch von der Titanic her subversiv witzig war (Weißer: „Du schwarz“. Farbiger: „Ich weiß“, dazu eine Cartoon-Zeichnung), geht in den 00er und 10ern anders. Es ist auch der zum hundertsten Mal gemachte Witz am Ende nicht mehr witzig, schon gar nicht für die, über welche der vermeintliche Spaß gemacht wurde.

    Jeder und jedem kann eine Dummheit oder ein unbedarftes Wort herausrutschen. Man sollte sich dann aber darüber im klaren sein und zumindest einen Tag später einen Gedanken darauf verschwenden. Um für mich selber diese Dinge bei Kuttner jedoch angemessen zu beurteilen, sollte ich allerdings auf der Lesung gewesen sein oder zumindest einen exakten Wortlaut der Sache vorliegen haben. Insofern schreibe ich nur im Modus einer Ahnung.

    Ich schätze Sarah Kuttner, auch wenn sie zuweilen daherfaselt; ihr provokant-witzig-ironischer Gestus ist mir aus eigenen jungen Jahren in den 80ern mehr als vertraut. Da ich reflektiert genug bin, dieses besagte Wort nicht zu gebrauchen, betriebe ich anhand dieser Puppe ein versiertes Spiel mit der Sprache und den Formen des Ausdrucks. Eine solche Puppe zum Anlaß einer Lektüre zu nehmen und Wahrnehmungen in eine literarische Darstellung zu bringen, ist natürlich legitim und zudem eine außerordentlich interessante Herausforderung, vor allem deshalb, weil es solche Puppen zuhauf gab. Die Frage ist aber, auf welche Weise das geschieht.

    Es trifft bei dieser Angelegenheit in bezug auf Rassismus dennoch die Falsche, so scheint es mir. Es wird der Sack geschlagen und gemeint ist der Esel.

    Einerseits: wenn alle auf Kuttner herumhacken, würde ich für sie eine Lanze brechen. Sobald aber jener Mann, der Kuttner anzeigte, zum Spott der Presse wird, gerät für mich die Sache in ein ganz anderes Fahrwasser. Hat alles etwas mit Takt, Reflexion und sogar mit Intuition zu tun: Zeitig den Braten riechen und von woher der Wind weht und wer da welche Maschinen und Mechanismen betätigt, auf welcher Klaviatur gerade gespielt wird. Sich auf keine Seiten schlagen, keine Sprachstereotypen produzieren, sondern denken.

    Mumurestrictionz (schöner Name, gefällt mir gut. Und wenn der noch von einer Frau gebraucht wird, dann will ich sogleich mein Sprachherz verschenken) möchte ich auf der Ebene sprachphilosophischer Reflexion und auch fürs Praktische recht geben. Denn was mich interessiert: ob man beim nichtausgeschriebenen n-Wort den rassistischen Rest doch oder nicht mitdenkt. Wie sehr nagt das Wort und sein Gehalt ins Denken hinein: Die Ubiquität auch des abwesend konzipierten Signifikats.

    Momorulez gebe ich recht, daß sich hierzulande im Grunde nur wenige für die Anliegen von Schwarzen, Farbigen, People of Color, Migranten, Flüchtlingen interessieren, außer denen, die aktiv mit den Menschen zu tun haben. Mich selber (als ästhetizistischem Betrachter) eingeschlossen.

  15. momorulez Mai 24, 2012 um 10:39 pm

    @Bersarin:

    Schön, dass Du mal wieder rein schaust! Aber, mit Verlaub – was vermutlich Willy alias mumurestrictionz da schreibt, das ist nun im philosophischen Sinne ganz außerordentlich falsch, was einem freilich dann entgeht, wenn man die Analytische Philosophie nicht zur Kenntnis genommen hat 🙂 – was er da eigentlich einschmuggeln wollte, war ein ganz anderes Signifikat, und Du gehst ihm auch noch auf den Leim. Wie auch Frau Kuttner – der zur Diskussion stehende Text ist ja oben zitiert, und exakt die sich darin äußernde Haltung halte ich aktuell für die politisch wie auch ästhetische Diskussion für außerordentlich problematisch. Weil ja nun gerade die, die es am meisten „gut meinen“, dazu neigen, Verscheierungstaktiken noch zu befördern – während man die richtigen Arschlöcher eh nicht erreichen würde. Was sie aktuell auf ihrem Facebook-Profil postet, ist auch die übliche narzißtische Kränkung. Keine Reflektion, nichts, und damit die Entwertung dessen, der bei der Lesung opponierte. Und genau DAS eint sie mit den Reaktionären, die sich gerade in allen Kommentarsektionen ausheulen und zum Teil sogar in Flüchtlingsräten sitzen.

    Es ist ja gar nicht ausgeschlossen, dass man auch über so eine Puppe einen gelungenen, Deine Worte, Text zustande bringt. Aber doch nicht so. Ich bitte Dich. Dir mögen zwar Flaubert oder Beckett näher sein als Stephen King, meinem aktuellen Idol, aber die Nummer in der zitierten Passage, da trifft es nun wirklich nicht die Falsche. Mit Roche hätte es die noch richtigere getroffen 🙂 – ich hatte bisher keine Haltung zu Frau Kuttner, außer, dass sie mich langweilte, wenn sie auftauchte und auf irgendwas machte, was im medialen System gerade ankommt, weil es etwas suggeriert, was da nicht ist, und ich drum weg zappte, wenn sie kam. Ihre Reaktionen im aktuellen Fall sind so typisch deutsch, dass ich auch in Zukunft keinen Anlass sehe, mich mit ihr intensiver zu beschäftigen.

    Wobei: Unverhofft kommt oft 😦 … grusel, ich ahne was …

  16. Bersarin Mai 24, 2012 um 11:06 pm

    Ja, Du wirst lachen, bei Mumurestrictionz habe auch ich im zweiten Zug an Willy gedacht. Wobei mich diese Frage in der Tat interessiert: Was spare ich aus, was denke ich unbewußt dennoch, das dann mein Denken und die Diskurse bestimmt.

    Kuttners Facebookeinträge werde ich lesen.

    Ich schaue hier bei Dir übrigens nicht nur (mal wieder) herein, sondern lese beständig mit. (Trotz aller Kontroversen, die ich nicht werde auflösen können.) Es gab für mich jedoch nur wenige Anläße zu schreiben.

  17. momorulez Mai 24, 2012 um 11:07 pm

    PS: Ich muss doch noch mal mein Erstaunen formulieren, dass zwar alle gerne darüber diskutieren, ob es bei Frau Kuttner nun die richtige oder die falsche trifft, deutsche Expertisen bezüglich des N-Wortes sind eh Teil des Volkstums und eine Lieblingsbeschäftigung wie das Ferngucken und zugleich dagegen Opponierens – aber, wieso wurde noch kein Gedanke aus meinem Blogeintrag wenigstens harsch niedergemacht? Das mag jetzt meine narzißtische Kränkung sein, aber wieso kommen hier Leute vorbei, schreiben, was sie vorher schon dachten, und sonst …

  18. momorulez Mai 24, 2012 um 11:09 pm

    @Bersarin:

    Wir haben parallel gepostet, sorry – und wie solltest Du auch Kontroversen auflösen können? Mitlesen freut mich ja auch 🙂 … und das Unbewusste ist da, bei mumurestrictionz, glaube ich, gar nicht die Frage. Das sind Reflektionsebenen, die ohne das auskommen.

  19. ClaudiaBerlin Mai 25, 2012 um 7:43 am

    Also wenn ich in einem autobiografischen Buch meine Kindheitserinnerungen beschreibe, fände ich es äußerst seltsam, von einer „N-Puppe“ zu reden! Das wäre nicht mal für alle verständlich, geschweige denn authentisch. Die aus der Rückschau formulierte Kritik an früheren Formen des Alltagsrassismus, die die Autorin dazu geschrieben hat, ist klar und deutlich – was will man mehr? Niemals darüber schreiben, dass es „N-Puppen“ gab und wie die aussahen?
    Es ist nicht Sache autobiografischer Erzählungen, auch gleich noch kundige Infos über zeitgenössische Anti-Rassismusarbeit einzuflechten. Die Vergangenheit war, wie sie war und das darf man m.E. auch erzählen. Dass es heute keine solchen Puppen mehr gibt und auch andere Dinge umbenannt wurden, ist Fakt und bereits Ergebnis von Anti-Rassismus-Arbeit. Mit keinem Wort behauptet die Autorin, dass es heute gar keine rassistische Diskriminierung mehr gäbe – ich verstehe nicht, wie man ihr das unterstellen kann.

  20. momorulez Mai 25, 2012 um 8:20 am

    Ich verstehe lediglich, dass Sie und die ganzen anderen Weißen, die sich hier empören, sehr viel Bereitschaft aufbringen, in tiefes Verständnis mit Frau Kuttner zu versinken, aber keinerlei Bereitschaft zeigen, sich mal mit der Rezeption durch Herrn B. auseinanderzusetzen – und genau, dass Frau Kuttner Verständnislosigkeit in diese Richtung anstachelt, ist Teil des Dominanzgeschehens, dass auch Sie hier gerade ausleben. Alles andere habe ich ja nun ausführlich und mehrfach begründet. Wenn eine Erwachsene nicht in der Lage ist, die eigenen Kindheitserinnerungen anders literarisch zu brechen, als Frau Kuttner das tut, sollte sie sich vielleicht überlegen, ob sie als Autorin geeignet ist, sich solcher Themen anzunehmen. Dass Sie es zudem auch noch als Zumutung darstellen, dass eine Autorin, die öffentlich-rechtliche Fernsehsendungen moderiert, mal reflektiert mit dem Thema beschäftigt, das sie in ihren Büchern behandelt, finde ich zudem erstaunlich. Scheinen Nicht-Betroffene ja dazu zu neigen. Und was soll mir die Story denn sonst erzählen, wenn nicht, dass die Antirassismusarbeit in Deutschland ja so erfolgreich war, dass nunmehr diese Puppen verschwunden sind? Das ist einfach falsch, es ist eher schlimmer geworden. Weil offenkundige Erscheinungen wie diese Puppe zwar verschwunden sind, ansonsten aber Leute wie Sie durch ihre spontane Identifikation mit Frau Kuttner jegliche Kritik mit Empörung ahnden. Und das ist immer so bei solchen Diskussionen: Der Volkskörper schließt sich und empört sich über die Kritiker, während PoC in Abschiebehaft verrecken oder Polizeiterror ausgesetzt sind. Und derweil lauscht man gerührt den Kindheitserinnerungen von Frau Kuttner. Was eine Farce, und Sie sind Teil des Problems.

  21. momorulez Mai 25, 2012 um 9:01 am

    Was für einen Mist die Kuttner auch weiterhin hervor ruft und was auch Claudia Berlin anstachelt, kann man nun in der Mopo bewundern:

    http://www.mopo.de/nachrichten/nach-anzeige-sarah-kuttner-auf-facebook—ich-bin-kein-rassist-,5067140,16111022.html

    „in seiner Ehre gekränkt“, wie süffisant – da kommt dann wie immer in solchen Fällen die neurechte Publizistik auf Knopfdruck durch, die sich die Finger wund geschrieben hat über Themen wie „Kultur der Ehre“ und „Ehrenmorde“, und die weiße Deutungshoheit in Rassismusfragen ist durch Frau Kuttner wieder her gestellt. Wie immer schon. Zum Kotzen.

  22. ClaudiaBerlin Mai 25, 2012 um 10:02 am

    @momorulez: ich stachle gar nichts an, sondern sage hier im Blog meine Meinung zu einem Artikel! Dass ich die Reaktion des Herrn B. für unangemessen halte, geht aus meinem Kommentar doch wohl logisch hervor!

    Wenn z.B. ein männlicher Autor beschreibt, dass seine Mutter noch ihren Mann um Erlaubnis bitten musste, um einen Arbeitsvertrag unterschreiben zu dürfen (war bis 1977 Gesetz), dabei auch erzählt, wie ätzend er den elterlichen Streit darüber fand – würdest du ihm dann auch vorwerfen, er verleugne heutige Diskriminierungen wegen Geschlecht? Ich käme als Frau nicht mal auf die Idee und ganz sicher würde ich ihn nicht anzeigen.

    Oder die Mutter eines Menschen mit Down-Syndrom: würde sie in einer Lesung einen Aufstand machen, wenn da jemand aus der Vergangenheit erzählt und die damalige Bezeichnung „Mongoloide“ verwendet, weil sie nun mal gang und gäbe war und das neue Wort noch gar nicht Usus?

    Was gewesen ist, ist historische Tatsache. Also darf es m.E, auch erzählt werden.

  23. momorulez Mai 25, 2012 um 10:20 am

    @Claudia Berlin:

    Ja, aber es geht doch um das Wie. Sie führen ja richtige Argumente an: Ob z.B. die Mutter des Kindes mit Down-Syndrom das als angemessen empfindet, wie etwas dargestellt wird, das weiß halt sie und nicht irgendein Dritter, der nie mit diesen Kindern zu tun hatte. Ich habe Zivildienst an einer Schule gemacht, wo ich prima Zeiten mit ihnen verbracht habe, und kann mir eine mit Frau Kuttners Puppenbeschreibung korrespondierende Variante da erschreckend gut vorstellen. Ich weiß nicht, wie Betroffene sich „Rainman“ angucken, deshalb Vorbehalt, aber das ist ja ein Versuch der emphatischen Einfühlung in eine solche Problematik.

    So ist es auch im Fall von Herrn B. – Frau Kuttner MUSS voraus setzen, dass der schon weiß, wovon er spricht. Und Sie ebenfalls. Stattdessen geht sie auf Abwehr. Ich habe doch nicht aus Koketterie geschrieben, dass ich mich für das, was ich hier schreibe, von PoC auch gerne rüffeln lassen. Bisher kam keine keine Mail und kein Kommentar diesbezüglich, ich würde sofort eine Gegendarstellung verfassen.

    Adäquater Umgang bei solchen Themen ist aber, nicht auf Abwehr zu gehen, sondern erst mal eine Runde drüber nachzudenken. Es steht nicht zur Verhandlung, wer Rassist ist und wer nicht, sondern wie man sich so einem Sujet angemessen nähert. Hätte Frau Kuttner auf ihrem Facebook-Profil z.B. geschrieben „Da denke ich jetzt erst mal drüber nach, wieso der Herr B. da so reagiert hat. Der wird schon wissen, was er da sagt, der macht schließlich die Erfahrung, Rassimus unterworfen zu sein, und nicht ich. Vielleicht muss ich die Passage bei Neu-Auflagen überarbeiten, bei Lesungen lasse ich sie lieber erst mal weg“, dann wäre doch gar kein Problem entstanden. Das ist die grundfalscheste Reaktion, die man in so einem Fall zeigen kann.

    Natürlich muss man auch über Vergangenheiten angemessen schreiben können; da ist allerdings der beste Weg, sich mit der Perspektive Betroffener auseinander zu setzen. Und Sie haben vermutlich, ich kenne Sie ja nicht, keine Vorstellung davon, wie irrwitizig schwierig das im deutschen, massenmedialen System ist, diese zu Gehör zu bringen. Da kommen immer weiße Redakteure um die Ecke, werden nervös und zensieren vor sich hin. Dieses „in seiner Ehre gekränkt“ ist ja wieder ein Klassiker, und man braucht nur …-Puppe zu schreiben, und schon platzt Twitter vor rassistischen Witzen, das ist verstörend, was da in weißen Deutschen abgeht.

    Bei Publikative wurde das Beispiel angeführt, wie man denn bitte eine akademische Arbeit über den Nationalsozialismus schreiben solle, ohne den „Stürmer“ zu zitieren. Das ist wie die Frage nach Meta- und Objekt-Sprache weiter oben: Das kann man machen, ohne es sich zueigen zu machen, und das ist Frau Kuttner einfach nicht gelungen. In der Passage vor dem „Stürmer“-Zitat würde man ja nicht in der Sprache des Nationalsozialismus sprechen, um sich gleichzeitig empört von ihr abzuwenden. Das macht man anders.

  24. momorulez Mai 25, 2012 um 10:24 am

    Und zu den rassistischen Witzen: Was ich hier gerade parallel weg lösche, das möchten Sie auch lieber gar nicht wissen.

  25. S Mai 25, 2012 um 5:56 pm

    Hallo momorulez,
    Danke für diesen Artikel, er macht mir als PoC und womöglich ja auch anderen etwas Hoffnung.
    Ich habe Deinen Artikel heute als Link in einer Email eines Freundes erhalten und ihm folgende Antwort geschrieben, einen kurzen Kommentar zu diesem Artikel.
    »Hallo M,
    Danke für den interessanten Link. Ich lese gerade alles, was ich auf der Seite finde, inklusive Kommentaren. Sehr interessant, wirklich. Mir gefällt auch, wie geduldig und fundiert sich der Blogautor mit den kritischen Kommentaren auseinandersetzt. Erschreckend, wenn auch wenig überraschend finde ich, dass niemand, der sich bemüßigt sah, den Blogeintrag zu kommentieren, die fundierte Meinung des Autors teilt. Alle Kommentatoren, die ich bisher gelesen habe sind Kritiker, die den Rassismus an Kuttners Text offenbar nicht sehen können, weil sie sich nicht genug mit der Thematik auseinandergesetzt haben, um diese Kompetenz zu erwerben. Positiv zu bemerken allerdings, dass auch keiner dabei war, der offensichtlich den Rassismus nicht sehen will.
    Aus linguistischer Sicht finde ich natürlich die Sache mit dem „N-Wort“ spannend. Tatsächlich, wie der Blogautor geschrieben hatte (im Text selbst oder in einer Antwort auf einen Kommentar) habe auch ich keinen Artikel über Kuttners Rassismus gelesen, der es vermieden hätte, das „N-Wort“ auszuschreiben. Diese ständige Reproduktion rassistischer Ausdrucksweise wühlt mich geradezu auf. Oft genug hat man mich auch mit dem „N-Wort“ belegt und es wird wieder Menschen geben, die das machen. Da hat der Autor ganz recht: Hautfarbe kann man nicht verstecken. (Oder doch? Wer will dem Afro-Amerikaner Michael Jackson verdenken, sich so weiß zu geben? Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt oder wenigstens durch Deutschland geht, sieht, dass man als Weißer in der weißen Mehrheitsgesellschaft durch Reaktion auf die Hautfarbe ausgelöste Probleme schlichtweg nicht hat. Wenn ich einige der ignoranteneren Kommentare lese, stelle ich fest, dass das offensichtlich so weit geht, dass man vergisst oder sogar nie erfährt, dass es sie gibt.)
    S.«

    Dem ist noch hinzuzufügen, dass wohl deswegen kein PoC kommentiert und Deinen Artikel auseinander nimmt, weil er sehr einfühlsam geschrieben ist. Ich fühle mich als schwarzer Deutscher in deinem Text verstanden, ganz im Gegenteil zu den Texten einiger Kommentatoren, bei deren Lektüre ich (mal wieder) glaube, dass es wohl nie aufhören wird, mit dem Rassismus. Nicht, weil diejenigen, die sich selbst als Rassisten bezeichnen, so zahlreich seien; im Gegenteil, zahlreich sind vielmehr die Rassisten unter denen, die der festen Überzeugung sind keine zu sein, weil sie einfach nicht verstehen (können), was Rassismus eigentlich ist oder wie es sich anfühlt, Rassismus ausgesetzt zu sein. Wie ärgerlich es ist, dieses menschenverachtende N-Wort immer wieder reproduziert zu sehen, obwohl doch -eigentlich- Einigkeit darüber herrscht, dass es nicht zu verwenden ist.
    Noch ärgerlicher ist es, wenn man als Schwarzer einem Weißen sagt, dass man allein schon die Verwendung des Wortes, also dessen mündliche oder schriftliche Reproduktion, als unangenehm, unangemessen und beleidigend empfindet, als Antwort jedoch sinngemäß hören muss: Stell Dich nicht so an, ist doch gar nicht schlimm! Woher wissen die, was schlimm für mich ist? Fragt ja keiner die Schwarzen.

  26. momorulez Mai 25, 2012 um 7:50 pm

    Danke für diesen ausführlichen Kommentar! Darüber freue ich mich natürlich sehr hinsichtlich der Zustimmung und des Sich-Verstandenfühlens! Natürlich nicht hinsichtlich dessen, was Sie durchleben müssen – als ich mir die ganzen Diskussionen in all den Kommentarsektionen durchgelesen habe, wurde mir auch nur noch schwindelig vor Entsetzen, obwohl man ja weiß, wie so viele weiße Deutsche ticken: Fürchterlich empfindlich, wenn es um sie selbst und ihr „Ansehen“ geht, aber geradezu grausam ignorant gegenüber Diskriminierten. Dieses Insistieren auf dem Recht, Andere herabwürdigen zu „dürfen“, die ist schon erstaunlich – obgleich Frau Kuttner ja gar nicht merkte, was sie da angerichtet hat. Was es ja nicht besser macht. Daraus entstehen ja oft noch viel verletzendere Dynamiken.

    Es gab bei Twitter und Facebook übrigens auch viel Zustimmung zu meinem Text, die Diskussionen werden ja mittlerweile parallel auch in anderen Medien geführt. Die Kommentare hier, die ein anderes Bild abgeben, sind nur ein Teil der Resonanz. Ist also noch nicht alles verloren 😉 …

  27. momorulez Mai 25, 2012 um 10:06 pm

    Kleiner Hinweis an Kommentierende, ob nun „BasementBoi“ oder auch andere, die ich gelöscht habe: Ich würde doch darum bitten, bisherige Argumente in der Diskussion auch zur Kenntnis zu nehmen und erlebe die Unterstellung, Rassismus nicht analysieren zu wollen, angesichts der bisherigen Debatte als nicht sonderlich sachdienlich. Wie man das tun kann oder auch nicht, ohne Rassismen zu reproduzieren, ob und wie das möglich sein könnte, das ist ja nun die ganze Zeit Thema hier. Deshalb schalte ich hier aktuell solche Kommentare nicht frei, für so was bieten die Kommentarsektionen von DIE WELT oder SpOn nun wirklich genug Raum, und auch Frau Kuttner sah keinen Anlass, die auf ihrem Facebook-Profil zu moderieren, wenn ich das richtig verfolgt habe.

  28. T. Albert Mai 26, 2012 um 10:13 am

    immer wieder interessant zu sehen, wie bei dem thema automatisch der identitäre, solidarische selbstschutzmechanismus in uns anspringt. jene puppe war wahrscheinlich die hauptrassistin, alle andern wie frau k. aber antirassisten, aber wir haben ein recht auf unsere jeweils zeitgeistige sprache, immer, weil sie immer gleich bleibt.
    die englische Variante aus von „n…“ kommt ja zum glück ganz entspannt bei sehr jungen leuten gerade auch wieder in gebrauch, wie ich im unterricht hören kann. gut, dass es diese rassistische …lippenpuppe nicht mehr zu kaufen gibt, die uns unsere gewachsene sprache verbieten will.
    (was ausserdem quatsch ist, man kann solches zeugs kaufen, wie ich als vater sehen kann.)

  29. momorulez Mai 26, 2012 um 12:13 pm

    Das war nun einer der Fälle, wo sich das Ausschreiben des N-Wortes wirklich nicht vermeiden ließ, oder, S.? Selbst bei „englische Variante des N-Wortes“ gibt es ja zwei Möglichkeiten.

    Ja, ist alles so. Und diese in kolonialer Tradition stehenden Darstellungen gibt es ja nicht nur als Spielzeuge, die sieht man überall. Wir hatten das ja hier beim FC St. Pauli bei den Comics von Guido Schröter, der dann allerdings eher souverän reagierte und die Darstellungsform wechselte, nach dem Ring2 ihn darauf hingewiesen hatte.

    Das ist auch kunstgeschichtlich ganz interessant hinsichtlich des Einsatzes der Linse, der Hell-Dunkel-Malerei, der „Weißhöhung“ und solcher Geschichten. Auch, weil es, glaube ich, um die Wende zum 19. Jahrhundert, als die Hochzeit des Kolonialismus eingeläutet wurde und mit der Aufklärung auch das Andere, „unterlegene“, „natürliche“, „unzivilisierte“ systematisch gedacht wurde, kann man exemplarisch bei Kant nachvollziehen, gab. Auch in Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ ist das überdeutlich.

    Deshalb wundert es mich oft, @bersarin, wie ungebrochen Du die großen, historischen Entwürfe weißer Männer übernimmst. Fiel mir auch beim Fichte-Text auf.

  30. T. Albert Mai 26, 2012 um 12:42 pm

    Das war nun einer der Fälle, wo sich das Ausschreiben des N-Wortes wirklich nicht vermeiden ließ, oder, S.?
    – Nee, hätte sich eben doch vermeiden lassen. Wenn ich im Unterricht wegen diesen Mists Streit anfange, dann wiederhole ich es ia auch nicht, sondern sage, sorry, Leute, aber ich will nicht, dass Ihr/wir so reden, Ihr habt wohl nicht Alle gerade.
    Ich kann gut beobachten, wie bewusst und taktisch solche Sprache benutzt wird, und zwar sehr präzis auf EIgenschaften anderer Menschen bezogen. Dieses Unschuldsgetue dabei, wenn Widerspruch kommt, gehört zur Taktik dazu, auch das Wissen, dass die 4 PoC-Studierenden, die sich das anhören müssen, eben nicht sagen, so, jetzt gibts was aufs Maul dafür.
    Man kann das ja ganz konkret auseinandernehmen, in Echtzeit. Nur, dass ich auch ein gelernter Eassist bin.

  31. momorulez Mai 26, 2012 um 1:54 pm

    Okay, ich redigiere dann noch mal, auch bei den Lippen …

    „Dieses Unschuldsgetue dabei, wenn Widerspruch kommt, gehört zur Taktik dazu, auch das Wissen, dass die 4 PoC-Studierenden, die sich das anhören müssen, eben nicht sagen, so, jetzt gibts was aufs Maul dafür.“

    Ja, in der Tat. Das spielt ja wie immer schon auch eine sadistische Qualität eine Rolle – dieses Schmerz verursachen, dann aber ganz unschuldig tun. Hinterher auch noch „war doch gut gemeint, nur zu Deinem Besten“, wie bei Frau Kuttner, das verschärft das dann noch.

  32. momorulez Mai 26, 2012 um 1:56 pm

    PS: Und gelernte Rassisten sind wir ja eh alle. So fängt Noah ihr Buch ja an, dass man sich zunächst eben das klar zu machen hat, und dann erst kann man anfangen, was zu ändern.

  33. ziggev Mai 26, 2012 um 2:39 pm

    Fremdschämmen ist das falsche Wort … ich finde den Text einfach eklig. Was soll eigentlich dieses, dass nichts gegen die (…) Puppe zu sagen sei?

    hier kündigt sich schon ein frisch der Pubertät entronnene Bedürfnis an, sich zu üer-erheben. Sich zu überheben – über was überheben? Was soll diese leere Ironie? Nur diesen Ausschnitt betrachtet, handelt es sich bereits um den Verweis darauf, dass eben gerade doch etwas gegen diese Puppe zu sagen sei. Es ist diese selbstgefällige Ironie, sich selbst im Nirgendwo-Nirwana zu imaginieren. Warum beschreibt sie nicht das Entsetzen, dass sie beim Anblick dieser Puppe ergriff?

    Es gibt nun mal Elemente der eigenen Biographie, wer kennt´s nicht?, die einfach einen quälenden, bohrenden Schmerz verursachen, obwohl oder gerade weil es oftmals ganz nebensächliche, kleine Dinge sind. Dann drängen sich einen beschämende Selbsterkenntnisse auf. Die Autorin aber bürdet ihre „Wachstumsschmerzen“ allen auf, die das lesen oder hören müssen, nur sich selbt nicht. Diese Qual, sich mit dem eigenen Gewordensein auseinanderzusetzen, ist der Heranwachsenden offenbar eine Zumutung. Dieser Schmerz muss unter allen Umständen verdrängt, überspielt werden. Alles und jedes ist für die Zumutung, erwachsen zu werden, verantwortlich, nur eins selber nicht. Dumpf scheint sie es ja zu ahnen, dass die „anderen“, die „großen“ ja irgendwie doch oftmals recht hatten, dass das kindliche, präpubertäre Urteilen so oft in die Irre ging, dass die eigene kindliche Trotzköpfigkeit eben doch immer wieder der Korrektur bedurfte, was, wenn eins sich ja bereits erwachsen wähnt, eine unerträgliche Demütigung bedeutet. Schließlich wurde sie durch den infantilen Medienbetrieb in die Öffentlichkeit gehypt, da muss sie doch souverän über ihr eigenes Gewordensein zu urteilen in der Lage sein. Ihre eigene Reflexionsarmut hat sie schließlich dahin gebracht, wo sie jetzt ist, also ist es geradezu verpflichtend, sich breit machend diese öffentlich auszustellen. Es ist die pubertär-aufbegehrende „Ironie“, sich über das eigene Gewordensein, genauer: dass eins sich doch noch tatsächlich – welch eine Demütigung! – entwickelt, lustig zu machen.

    Hinter solcher „Ironie“ stecken im Grunde pubertäre Allmachtsphantasien. Es gibt jedoch noch eine andere Form der Ironie. Junge Schreiber benutz(t)en diese Figur, wie mir schon oft schien, was mich jedes mal anödete und was auf mich immer etwas gewollt wirkte, gern quasi als Rechtfertigung dafür, sich in der Öffentlichkeit im Modus eines „Existenztialismus-light“ über die eigenen Biographie bzw. über diesen „Existenzialismus-light“ auszubreiten. Sich öffentlich entblößen – lieber doch nicht! Besonders krass thematisiert, in eine Art Primitivismus zurückfallend: Das Kleine Arschloch.

    Es gibt allerdings noch die ebenfalls etwas billige und öde Figur der Selbstironie, die diesen jugnedlichen Überheblichkeitsdrang selbst ironiesiert. Ich vermute, es ist diese Form der Ironie, die Bersarin meinte.

    Zu dieser Selbstironie ist die Autorin, was beim Lesen einfach wehtut, entwicklungsbedint ganz offensichtlich nicht befähigt. Der Text selbst ist Symptom solcher „Wachstumsschmerzen“, vor denen sich Heranwachsende gern in mehr oder weniger bewusst ironiesierte Überhablichkeit flüchtenm, aber offensichtlich ist der Text nicht als Ironisierung solchen Symptoms verfasst. Als Beweis dafür dürfen ihre bisherigen Reaktionen angeführt werden.

    Dazu sind tatsächlich „unschuldige“ Sujets zu wählen. Die Autorin hat offenbar nicht begriffen, dass es sich bei dieser Figur der jugendlichen Überheblichkeit um eine Figur der Selbstironie handelt, die sich daraus ergibt, dass Heranwachsaende irgendwann anfangen, über sich selbst, über ihr Gewordensein zu reflektieren. Mit dem Reflektieren ist es bei ihr jedoch nicht weit her.

    Sie benutz nämlich ein ganz und gar nicht „unschuldiges“ Sujet, wie ich als WHM es mir als Ausgeburt eines tief verwurzelten Rassismus krasser kaum vorstellen kann, um ihr ach so Souveränsein schamlos zu demonstrieren. Und dazu ist ihr nichts zu schade. Es sind, wie schon gesagt, die kleinen, „unschuldigen“ Dinge, die ironischerweise einem die überaus schmerzliche Erkenntnis des eigenen Sich-noch-in-Entwicklung-Begriffen-Seins bereiten. In ihrem verzweifelten Versuch, zu sich selbst Distanz zu gewinnen, verahrmlost sie den Rassismus, den sie ja offensichtlich einen ganzen Lebensabschnitt ausgesetzt gewesen ist. Verharmlosung, denn diese Puppe scheint den in ihren Augen selbstverständlich „unschuldigen“ Rassismus lediglich als Groteske zu persiflieren.

    In gewisser Weise finde ich Momorulez Verweis auf Steven King einigermaßen erhellend: diese Figur ist eigentlich mehr wie ein nichtabzuschüttelnder Wiedergänger, ist wie ein Alptraum, der den- oder diejenige, der oder dem er unvermmeidlich immerwieder erscheint, in seiner Verblendung und der Verzweiflung des Versuchs, auf Kosten anderer sich seiner selbst zu ermächtigen, verhöhnt.

    Von all dem will sie nichts wissen. Sie klammert sich an eine altbekannte Form der Selbstironie, über die sie nie nachgedacht hat, um sich möglichst schmerzbefreit den eben eigenen „Wachstunmsschmerzen“ nicht zu stellen.

    Warum stellt sie sich nicht dem eigenen Entsetzen beim Anblick dieser Puppe? Einfach mal hin und wieder ehrlich sich selbst gegenüber sein. Ein schwieriges Unterfangen. Oder findet sie die gar nicht entsetzlich? Rassismus? – Das ist doch eh alles Ironie!

  34. ziggev Mai 26, 2012 um 4:42 pm

    “Nichts zu sagen ist allerdings gegen …“ Schlaghosen, Vokuhilas, … oder so. In der Art hätte ein (möchtegern) ironischer Text anfangen können. Fr. Kuttner müsste Benjamin B. eigentlich dankbar sein, diese ihre Peinlichkeit, die ihr hoffentlich irgendwann einmal bewusst werden wird, letztlich etwas abgemildert, ihr die Möglichkleit zu etwas Selbsterkenntnis gegeben zu haben.

  35. T. Albert Mai 26, 2012 um 7:34 pm

    Du schickst einen ja immer qua ihrer Erwähnung in diese Kommentar-Höllen bei SpOn und WELT und anderes Grauen. Jetzt hab ich diese sich selbst organisierenden SPIEGEL-Schwarmintelligenz-Texte zu dem Thema gelesen und das ist ja wirklich irre beängstigend, was da abgeht, zumal man ja selbst jede Menge netter Menschen kennt, die solche Anlässe sofort nutzen, um verbale Lynchjustiz an Leuten zu verüben, für deren Opfer sie sich halten. Faschismus ist nichts weiter als Kollektivneurose, die sich sofort selbstfunktionalisierend jedem geeigneten Auslöser zur Verfügung stellt, um gewissermassen materielle Ergebnisse der Zerstörung zu erzeugen, wenn sie nur kann (, hier schon mit der dauerhaften Belehrung des B. über sich selbst durch die Meute.)

  36. T. Albert Mai 26, 2012 um 7:39 pm

    vergessen: Frau Kuttner wird völlig unbedeutend, wenn man das Kommentarzeuchs liest, die ist nur ein organischer Bestandteil davon. Das ist noch viel beunruhigender.

  37. momorulez Mai 26, 2012 um 8:13 pm

    Den Satz mit der sich zur Verfügung stellenden Kollektivneurose finde ich großartig 😀 – und diese Belehrung des Herrn B. über sich selbst, das ist ja der Kern. Das ist dieses SM-Spielchen, dass Sartre in seinem Für-Andere-Sein beschreibt – alles dafür tun, selbst Subjekt zu sein, der den Anderen objektiviert. Deshalb rasten die ja so aus, wenn man sie zum Thema macht. Das sind die einfach nicht gewöhnt, und als einzige Lösung fällt ihnen ein, Opfer finsterer Übermächtigung und denunziatorischer Absichten zu sein. Das ist ein derart hochaggressiver Mob, schlimm – zudem man den ja ständig auch im Alltag antrifft, wenn es um solche Themen geht. Ganz vernünftige Menschen kippen plötzlich um und reden wie Rayson. Schlimm.

    @Ziggev:

    Ja.

  38. momorulez Mai 29, 2012 um 5:01 pm

    http://afrikawissenschaft.wordpress.com/2012/05/29/wenn-weise-weisen-erklaren-dass-sie-nicht-rassistisch-sind-eure-absolution-mein-rant/

    Wobei ich ja hier auch als Weißer so manchem Weißen einen erklärt habe, aber zumindest nicht, dass sie keine Rassisten sind 😉 – zum Glück stieß S. nach hinzu. Und im Grunde genommen referiere ich hier nur, was PoC-Freunde mir beigebracht haben und ich sonst wohl auch nicht geschnallt hätte. Also: Zuhören, zuhören, zuhören! Lesen, lesen, lesen!

  39. momorulez Mai 29, 2012 um 10:05 pm

    Haut in die selbe Kerbe:

    http://stoptalk.wordpress.com/2012/05/29/reflection-its-a-thing/

    und ist übrigens der Grund, warum ich die strukturellen Identitäten und Unterschiede zur Homophobie so hervor hebe. Schwulen wird auch nur beim Einnehmen einer ganz bestimmten Haltung gelauscht, Lesben meistens gar nicht. Und wenn letztere eine offensiv-feministische Perspektive einnehmen, dann geht das Gegeifer so richtig los. All das ist wohl der Grund, warum feministische PoC-Lesben aus den USA in den letzten Jahrzehnten häufig die spannendsten Gedanken hervor gebracht haben 🙂 …

  40. Pingback: Unkritisches Weißsein « sanczny

  41. Jan Juni 4, 2012 um 4:56 pm

    „Adäquater Umgang bei solchen Themen ist aber, nicht auf Abwehr zu gehen, sondern erst mal eine Runde drüber nachzudenken. Es steht nicht zur Verhandlung, wer Rassist ist und wer nicht, sondern wie man sich so einem Sujet angemessen nähert. Hätte Frau Kuttner auf ihrem Facebook-Profil z.B. geschrieben “Da denke ich jetzt erst mal drüber nach, wieso der Herr B. da so reagiert hat. Der wird schon wissen, was er da sagt, der macht schließlich die Erfahrung, Rassimus unterworfen zu sein, und nicht ich. […] Das ist die grundfalscheste Reaktion, die man in so einem Fall zeigen kann.“

    Und was ist, wenn man darüber nachgedacht hat und zu dem Ergebnis kommt, dass man den Rassismus-Begriff von Herrn B. nicht teilt?
    Du machst, bewusst oder unbewusst, einen rhetorischen Trick: Aus der Tatsache, dass Herr B. Rassismus erfährt, folgerst Du, dass er deswegen auch die Instanz ist, die definiert, was man unter Rassismus zu verstehen hat. Diese Folgerung ist aber nicht zwingend, sondern entspricht einfach deiner postkolonialen Ideologie. Was würdest Du denn machen, wenn ein Schwarzer sagen würde: „Ich halte das nicht für Rassistisch“? Dann hättest Du ein ziemliches Problem! Es geht bei der Frage, wie Rassismus zu definieren ist, ja eben nicht um ein subjektives Erleben, das können Weiße sicherlich nicht nachvollziehen und man kann Herrn B. auch nicht absprechen, das für rassistisch zu halten. Nur folgt hieraus nicht, dass das Empfinden von Herrn B. automatisch zu einer „allgemein gültigen Wahrheit“ wird. Diese „allgemein gültige Wahrheit“ ist eine politische Frage, über die man sich streiten kann und muss und hier können Schwarze wie Weiße gleichermaßen Schlaues beitragen. Ein Erdbebenforscher muss ja auch kein Erdbeben erlebt haben, sondern nur kundig in den entsprechenden Theorien sein.

  42. momorulez Juni 4, 2012 um 5:31 pm

    http://www.derailingfordummies.com/retaliation.html

    Mehr ist dazu eigentlich auch nicht zu sagen – das ist kein rhetorischer Trick, sondern ein klares Kriterium: Was Rassismus ist, erfährt man als Betroffener. Und wenn zwei Betroffene da unterschiedliche Ansichten haben, hört man eben beiden zu. Die „Ding an sich“-Variante des Sujets „Rassismus“ wirst Du nicht finden unabhängig von den Empfinden und Erfahren Betroffener. Was Du findest, sind historisch situierte Praktiken PoC gegenüber, die jeweils einen Zugriff von Weißen z.B. auf Schwarze initiieren- Segregation, Versklavung, Ausweisung, Racial Profiling. In diesen Kontext gehört auch die Verwendung des N-Wortes sowie die seltsame Angewohnheit Weißer, ständig PoC über irgendeine von ihnen unabhängige „allgemein gültige Wahrheit“ zu belehren. Das ist selbst eine rassistische PRAXIS. Rassismus ist keine theoretische Frage, sondern Haltungen und Handlungen PoC gegenüber, die irgendeine Variante der „Supremacy“ signalisieren, und der erste Schritt ist das Abstreiten dessen, dass deren Erfahrungen irgendeine objektive Relevanz hätten. Dazu können Weiße aus Erfahrungsmangel auch nichts Sinnvolles beitragen, es sei denn, sie betreiben so etwas wie „Critical Whiteness“ oder operieren sozusagen als Medien dessen, was sie von PoC gelernt haben, so sehe ich ja meine Rolle hier auch. Sich nun selber unter massivem Beiseitedrücken von PoC wieder die eh schon gesellschaftlich manifeste, dominante Position anzueignen ist Teil des rassistischen Regimes. Es muss erst mal die faktische Ungleichheit angegangen werden, nicht Gleichheit voraus gesetzt werden. Und das kann ganz hegelianisch-sartrisch nur erfolgen, indem man sich als Weißer zum Objekt macht und PoC in der Subjektposition verortet. In lange währenden, konkreten Beziehungen ist dann evtl. irgendwann auch so was wie richtige Intersubjektivität möglich, aber im politischen Bereich sind wir da meilenweit davon entfernt. Dafür ist die Traumatisierung durch Rassismus etwas, was viel zu tief sitzt, als dass man das in Deinem Sinne angehen könnte.

    Rassismus wirkt in den Relationen zwischen Individuen und in Institutionen und ist ein gesellschaftliches Machtverhältnis, das ist ein ganz anderes Phänomen als ein Erdbeben.

  43. Jan Juni 4, 2012 um 6:01 pm

    …ww.derailingfordummies.co…Was Rassismus ist, erfährt man als Betroffener…historisch situierte Praktiken PoC gegenüber…Zugriff von Weißen z.B. auf Schwarze…Segregation…Racial Profiling…N-Wortes…Angewohnheit Weißer, ständig PoC über irgendeine von ihnen unabhängige “allgemein gültige Wahrheit” zu belehren. Das ist selbst eine rassistische PRAXIS. Rassismus ist keine theoretische Frage…Supremacy…Abstreiten dessen, dass deren Erfahrungen irgendeine objektive Relevanz hätten…Critical Whiteness…Beiseitedrücken von PoC…gesellschaftlich manifeste, dominante Position…rassistischen Regimes…Weißer zum Objekt macht und PoC in der Subjektposition verortet…Traumatisierung durch Rassismus…gesellschaftliches Machtverhältnis

    Siehst du denn ein, dass das deine Ideologie oder Meinung dazu ist und nicht automatisch für alle gültige Ansicht sein muss? All diese Begriffe, die extra neu erfunden wurden, sind nicht universell akzeptiert, sondern nur in dem postkolonialen Kontext gültig. All deine Annahmen ebenso. Du ziehst mich auf deine Ebene, um mich dann dort Argumente und Begriffe um die Ohren zu hauen, die ich nicht teile. Sartres Haltung beispielsweise fand ich in der Beziehung schon immer peinlich.
    An sich stört mich deine Haltung nicht: Du hast deine und die Welt eine andere. Aber da ist leider dieser Versuch, in stalinistischer Manier eine neue Wahrheit für alle vorzuschreiben.
    Was machst du, mit einem schwarzen Rassismusforscher, der, sagen wir, marxistisch und nicht poststrukturalistisch orientiert ist. Ist seine Perspektive nichts wert? Es gibt eine Milliarde Menschen schwarzer Hautfarbe und ein paar Hundert/Tausend Anhänger dieser Ideologie. Es ist anmaßend, die politische Position einiger Politchecker, als die „PoC-Position“ zu verallgemeinern, nur weil sie der eigenen Haltung entgegen kommt.

    Mein Rassismusbegriff*, meine Grundannahmen, etc. und die der meisten Linken, sind grundlegend anders als die deinen. Ich kann das problemlos akzeptieren, du und deine Polit-Fraktion leider nicht. Und hier beginnt das Problem.

    *Du kannst dir ja mal Robert Miles Buch durchlesen, dessen Definition geht zumindest in die Richtung.

  44. momorulez Juni 4, 2012 um 6:41 pm

    Ach, fick Dich doch mit Deinem Stalinismus – wenn Du gleichzeitig Phänomene wie Sklaverei und Segregation unter „Meinung“ verbuchst. Auf Marx kannste Dich damit schon mal nicht berufen, und Racial Profiling als Praxis der Polizei ist schlicht gut belegt, ebenso traumatisierende Subjektivierungsweisen durch rassistische Praktiken.

    Ich habe zudem keinerlei Möglichkeiten, einen Schauprozess gegen Dich anzuzetteln noch, Dich erschießen zu lassen oder in den Gulag zu transportieren. Nun mach mal den Stalin nicht harmloser als er war.

    „Peinlich“ verbuche ich auch nicht unter Argument, das Vorwort Sartres zu Fanon war epochal. Im Gegensatz zu manch Schwätzer wie mir hat der sich nun wirklich im Umfeld des Algerienkrieges engagiert, was u.a. zu Anschlägen Rechtsextremer auf seine Wohnung führte. Der hat sich mit Kolonialismus wenigstens auseinander gesetzt.

    Und natürlich ist die Perspektive eines schwarzen Marxisten – Stuart Hall z.B. – viel „wert“, das steht doch völlig außer Frage und bewegt sich übrigens ganz im Rahmen meiner Argumentation,.

    Schon dieses scheinsüffisante „poststrukturalistisch“ ist hier völlig fehl am Platz, die meisten Antideutschen und andere Scheinmarxisten wissen gar nicht, was das meint, wenn sie es schreiben, sondern basteln sich da ihren steil idealistischen Popanz. Ich verallgemeiner es auch nicht als „die PoC“-Position, sondern gebe eine derer weiter und fordere ansonsten dazu auf, zuzuhören, und zwar nicht irgendwelchen weißen Antifas aus Landstrichen, wo sie froh sind, möglichst wenig PoC zu treffen, sondern Betroffenen, und da auch kontroversen Stimmen.

    These ist, dass es mir nicht möglich ist, eine solche Diskussion stellvertretend zu führen, als Weißer, dass freilich das tiefe Bedürfnis, hier nun wieder paternalisieren zu wollen, Leuten wir Dir offenkundig zu wichtig ist. Diese „teile und herrsche“, was Du hier praktizieren willst, ist eben typisch weiß – Hauptsache, die Markierten untereinander zu klassifizieren und selbst den weißen Blick wahren.

    Einfach zusammen kopieren, als blabla zu kennzeichnen und dann irgendwas schreiben, was man immer schon fand, zeigt eher, dass z.B. eine Beschäftigung damit, was ein Argument ist, Dir zumindest nicht schaden könnte. Dein Rassismusbegriff spielt angesichts dessen, was PoC dazu sagen, einfach keine Rolle, weil er ein bestimmtes Kriterium, nämlich Rassismus selbst erfahren zu haben, nicht erfüllt. Und ich wüsste übrigens auch nicht, welcher „Polit-Fraktion“ ich angehöre, außer in einem weit verstandenen Sinne links.

    Und so ein Knaller ist ja wieder mal 😀 :

    „sind nicht universell akzeptiert, sondern nur in dem postkolonialen Kontext gültig

    Na, denn nenn mir doch mal „universell akzeptierte Sätze“ jenseits der tatsächlichen Wirkung von Schwerkraft oder, dass es morgens irgendwann hell wird in den meisten Landstrichen. Das ist bei praktischen und intersubjektiven Fragen aber ein anderes Wahrheitskriterium, was gilt, als in der Physik, und selbst da gehört die String-Theorie nicht zu den „universell akzeptierten Sätzen“.

    Es stört mich übrigens nicht, wenn Du nicht darauf antwortest, diese Art der Diskussion bringt in der Regel keinerlei Erkentnisgewinn.

  45. Nörgler Juni 4, 2012 um 7:02 pm

    Ich finde das witzig, wie Jan erst abgesoftet und im Mantel des Sachargumentierers hereintänzelt, um im nächsten Moment den Mantel ruckartig zu öffnen, und uns seinen ekligen Hammer des Stalinismus-Vorwurfs vorzeigt.

  46. momorulez Juni 4, 2012 um 7:27 pm

    Schön, Dich mal wieder zu lesen, Nörgler! Und ich würde hier gar nicht so kiebig werden, wenn nicht dieses alberne Stilisieren zum irgendwie Herrschenden statt fände und das dann auch noch mit dem Argument, dass meine Perspektive ja so viele nicht teilen würden 😀 … ich partizipiere an der Herrschaft Weißer über Schwarze und versuche, gegen diese Struktur anzubloggen und auch sonst anzuarbeiten, indem ich mich bemühe, PoC-Perspektiven Gehör zu verschaffen. Derartige Praktiken wären mir von Stalin nicht bekannt.

    Was aber WIRKLICH spannend ist, übrigens, da muss ich demnächst mal zu bloggen, sind die Aktivitäten von Schwarzen in der Komintern in den späten 20er Jahren – unter anderem ein Vizepräsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei der USA, somit der erste Schwarze, der je so einen Posten in den USA im Rahmen einer Partei anstreben konnte.

    Die schwarzen Arbeiter haben u.a. in Hamburg einen Kongress abgehalten und agitierten auch auf englischen Schiffen, was dann zu deren Verfolgung durch die Hamburger Polizei auf Veranlassung der Briten führte. Leider sind alle Dokumente aus der Zeit, auch die Selbstzeugnisse, in einer derart rassistischen Sprache verfasst, dass es es schwierig ist, das darzustellen – was man daran ablesen kann ist aber, was Jan hier wegzureden versucht, nämlich die Prägung jener durch Diskriminierungsmuster, die ihnen unterworfen sind und zunächst im Zuge der Selbstbewusstwerdung auf die Sprache der Unterdrücker angewiesen sind. Das ist ja auch in ehemaligen Kolonien, wo z.B. Französisch Amtssprache ist, ein Riesendrama. Habe auch mal eine Doku über die Nachfahren der Maya gesehen, die begierig die entschlüsselte Sprache ihrer Vorfahren lernten.

    Und es ist schon bemerkenswert, dass zu Zeiten, da das stalinistische Grauen sich ja abzeichnete und Kronstadt schon geschehen, TROTZDEM die Komintern die einzig mögliche politische Heimat für Schwarze war – nicht in Russland, aber eben in Deutschland und den USA.

    Dass es eine kommunistische Partei in den USA gab, das wusste ich peinlicherweise gar nicht, obwohl später sogar Angela Davis da Mitglied war. Nachdem tatsächlich auch in Schauprozessen mit hanebüchenen Rechtsverdrehungen diese Partei annähernd zertrümmert wurde. Kann man ja auch mal erzählen, diese Vergangenheiten.

  47. ClaudiaBerlin Juni 4, 2012 um 8:38 pm

    Meine Güte, das ist hier ja noch richtig ausgeufert…
    Was mir beim Lesen der Kommentare aufgefallen ist: wenn ich Betroffene wäre, würd‘ ich mich diskriminiert fühlen, wenn ich hier ständig als „PoC“ gekürzelt würde. Gibts tatsächlich keine normalen Worte mehr? Warum nicht z.B. „Andersfarbige“ ? 3-Buchstaben-Abkürzungen finde ich respektlos!

  48. momorulez Juni 4, 2012 um 10:14 pm

    Auch da gilt, dass das ziemlich egal ist, als was Sie das empfänden – das ist ein Sprachgebrauch, den ich von meinen Freunden von „Der braune Mob e.V.“ übernommen habe, der im Wesentlichen darauf zielt, Weißsein als zentrale und dominante, sozial wirksame, jedoch zumeist unmarkierte Kategorie zu kennzeichnen und dieses übliche Spielchen, alles davon abweichende dann wie in biologischen Klassifizierungssystemen aufzufächern, zu unterbinden.

    Auf der Seite des Braunen Mobs kann man unter FAQ auch nachlesen, wieso Varianten von „farbig“ sich im Rahmen rassistischer Begriffssysteme bewegen.

    Hätten Sie Respekt vor den Betroffenen, wäre das übrigens auch gar nicht schwer, sich einfach mal zu informieren. Vermutlich werden Sie auch auf widersprüchliche Perspektiven treffen; es ist dann aber nicht Ihre Aufgabe, das nun auflösen zu müssen. So ein Emphatieversuch Privilegierter, von sich auf andere zu schließen, ist ja nun auch kein Dialog.

  49. momorulez Juni 4, 2012 um 10:27 pm

    PS: Mal ganz ab von dem „Othering“ 😀 – sag ich mal als einer von „anderen Ufer“. Ich geh den Bahnsteig lang und weiß nicht ob ich hier wegfahr oder was?

  50. Armenian Dissident Juni 4, 2012 um 10:55 pm

    Der Stalinismus war zunächst mal eine sehr weiße Unternehmung, die gelben und hellbraunen Menschen ihre Rollen und Lebensräume unter Vernichtungsandrohung sehr erbarmungslos zuwies. Einen schwulen oder schwarzen oder schwarzschwulen Stalinismus sich zu erdenken ist so absurd, wie den sogenannten „reversen Rassismus“ von Befreiungsbewegungen, der aus einer Selbstbehauptungsposition entstand, mit dem Rassismus der dominanten Position gleichzusetzen. Etwas ganz Anderes ist der Traditionsantiimperialismus, der sich sehr wohl in vom Stalinismus geprägten Frontstellungen bewegt und „den Westen“, Israel und reaktionäre Militärregime als eine Front gegen die Befreiung der Völker betrachtet. Beides sind aber historisch gescheiterte Angriffsweisen, die außer in den Phantasmagorien antideutscher oder marxistisch-leninistischer Spinnerfraktionen oder aber sehr realer Kampfbewegungen im aktuellen arabischen Raum sonst keine Rolle mehr spielen.

  51. momorulez Juni 4, 2012 um 11:04 pm

    Da habe ich jetzt den Adressaten nicht ganz verstanden – wem wolltest Du jetzt was genau mitteilen? Von einem schwarzschwulen Stalinismus zu träumen wäre in der Tat absurd, der Stalinismus war unter anderem die Fortsetzung des Zarismus mit anderen Mitteln und grauenhaft; aber worauf bezieht sich Dein Kommentar genau?

  52. Nörgler Juni 5, 2012 um 7:53 am

    Erst kommt einer angedackelt, der mit einem oberschlauen Erdbebenvergleich Gesellschaftliches naturalisiert (ein übrigens, ähm, eher rechtes Hirnmuster); dann wird im Wege vollendeter Ahnungslosigkeit „andersfarbig“ vorgeschlagen. Rollstuhlfahrer nennen wir ab jetzt „Andersfortbewegte“, und „Andersbeheimatete“ sollten doch besser „rückbeheimatet“ werden, damit sie wieder zu „Originalheimatern“ werden können.
    Allerdings hätte die Benennung von Patienten geschlossener Psychiatrien als „Andersirre“ ebensoviel Charme, wie die Bezeichnung von Weißen als „Minder-“ oder „Deviantfarbige“.

  53. T. Albert Juni 5, 2012 um 8:02 pm

    Was war denn an Sartres Haltung so peinlich?

    „Andersfarbige“ hat was. Stimmt, im Verhältnis zu mir sind alle andersfarbig.

  54. momorulez Juni 5, 2012 um 8:48 pm

    Jetzt müssen wir aufpassen, nicht in der „bunt“ oder „Farbe bekennen“-Rhetorik zu landen 😉 – Sartres Haltung zum Stalinismus bei seinem Russland-Besuch war wirklich peinlich, aber gerade seine Schriften zu schwarzer Literatur, selbst zu den essentialistischen Versuchen, auf die sich heute kaum noch wer bezieht, und zu kolonialen Fragen sind im Grunde genommen der Aktualität noch weit voraus (und klar, gründet in Hegel, „Herr und Knecht“). Da hat er in seiner Intersubjektivitätstheorie etwas vor gedacht, das nie in seiner vollen, politischen Tragweite rezipiert wurde in den weißen Philosophien, während er PoC heute in afrikanischen Lândern durchaus zu begeistern und zu inspirieren vermag. Weil er halt auch in der Lage war, Fanon verstehen zu wollen und das dann auch zum Ausdruck zu bringen ( freilich lange nach „Das Sein und das Nichts“).

  55. T. Albert Juni 5, 2012 um 11:20 pm

    Sartre hat spätestens bei der Ungarn-Besatzung – wieder – eindeutig aus seinem Denken heraus antistalinistisch Stellung bezogen. Von den französischen und anderen europäischen Parteikommunisten war er auch vor seinem Sowjetunion-Besuch attackiert und angepisst worden, und danach auch, aus ihrem Stalinismus heraus. Ich finde, man kann ja gegen Sartres taktisches Verhalten gegenüber der SU sein, aber damit stand er nicht allein, so wenig Jahre nach dem Hitlerismus und seinen Statthaltern, und das hatte Weissgott einen Grund, peinlich war daran nichts, so wenig wie an der Unterstützung der Sowjetunion und der Roten Armee durch die USA, die eben die Sowjetunion unterstützt haben, zu unserem Glück. Zumal jeder nachlesen kann, wie sich Sartre bei seiner Selbstverrenkung gefühlt hat.
    Jan schlägt ja den Fanon letztlich via Sartre auch irgendeinem „Stalinismus“ zu, und das ist die aktuelle rechte Denkstruktur bei vielen Linken, die ja Sartre auch nicht gelesen haben. Ich kenne keinen mehr.

    „An sich stört mich deine Haltung nicht: Du hast deine und die Welt eine andere. Aber da ist leider dieser Versuch, in stalinistischer Manier eine neue Wahrheit für alle vorzuschreiben.
    Was machst du, mit einem schwarzen Rassismusforscher, der, sagen wir, marxistisch und nicht poststrukturalistisch orientiert ist. Ist seine Perspektive nichts wert?“ (Jan)

    Super, der Sartre-Leser hier.

  56. momorulez Juni 6, 2012 um 12:07 am

    Ich meine mich schon an ziemlich naive Aussagen zu erinnern, ich müsste sie noch mal nachlesen, und das zu einem Zeitpunkt, als es wenig Gründe gab, in Stalin noch irgendwas zu wittern. Dass auch nach dem „großen Terror“, war es 36 oder 37, dieses „System“ noch Fürsprecher fand, das habe ich nie verstanden – wobei man schon immer wieder betonen muss, dass es die rote Armee war, die Auschwitz befreite und dass die Geschichte der Opfer des Antikommunismus noch nicht geschrieben wurde. Die Texte, wie Sartre sich dabei fühlte, kenne ich nun wieder nicht, mein Fehler.

    Ansonsten, was diese seltsame Einordnung Sartres Vorwortes zu Fanon z.B. betrifft, bin ich ja ganz bei Dir. Wie auch der konstanten Ignoranz dessen, wen die USA-Außenpolitik so alles inthronisierte und stützte – sei es nun Pinochet, Khomenei oder die Taliban.

    Und die Schwarzen in der Komintern, ja, irgendwie auch 1930 von Stalin gesteuert, irgendwie auch nicht, die parke ich hier ja nicht zufällig. Weil die eben die einzigen waren, die die Interessen von Schwarzen überhaupt zur Kenntnis nahmen. Was systematisch kein Zufall war. Wenn man sich mal in Biographien aus jener Zeit vertieft, sei es Hilarius Gilges oder schwarze Nebendarsteller im deutschen Film der 20er oder auch die eines Louis Armstrong oder des ersten schwarzen Vizepräsidentschaftskandidaten, man landet zwangsläufig bei einem anderen Bild, als die „Distanziert euch!“-Extremismustheoretiker es lobpreisen.

    Und auch wenn mir Louis‘ Armstrong-Haltung zum Kommunismus nicht bekannt ist, es gehœrt trotzdem zum Sarah-Kuttner-Thema mit ihrer blöden Puppe, dass sie nie auf die Idee gekommen ist, dessen Biographie zu googeln.

  57. futuretwin Juni 6, 2012 um 9:22 am

    „Was aber WIRKLICH spannend ist, übrigens, da muss ich demnächst mal zu bloggen, sind die Aktivitäten von Schwarzen in der Komintern in den späten 20er Jahren – unter anderem ein Vizepräsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei der USA, somit der erste Schwarze, der je so einen Posten in den USA im Rahmen einer Partei anstreben konnte.

    Die schwarzen Arbeiter haben u.a. in Hamburg einen Kongress abgehalten und agitierten auch auf englischen Schiffen, was dann zu deren Verfolgung durch die Hamburger Polizei auf Veranlassung der Briten führte. Leider sind alle Dokumente aus der Zeit, auch die Selbstzeugnisse, in einer derart rassistischen Sprache verfasst, dass es es schwierig ist, das darzustellen – was man daran ablesen kann ist aber, was Jan hier wegzureden versucht, nämlich die Prägung jener durch Diskriminierungsmuster, die ihnen unterworfen sind und zunächst im Zuge der Selbstbewusstwerdung auf die Sprache der Unterdrücker angewiesen sind. Das ist ja auch in ehemaligen Kolonien, wo z.B. Französisch Amtssprache ist, ein Riesendrama. Habe auch mal eine Doku über die Nachfahren der Maya gesehen, die begierig die entschlüsselte Sprache ihrer Vorfahren lernten.“

    In den 20ern/30ern war der Kommunismus in den USA noch nicht so ein „Rotes Tuch“ (sorry für den Kalauer) wie später. Irgendwo ist mir sogar mal der Begriff „Red Decade“ für die us-amerikanischen 30er über den Weg gelaufen. Ich glaube es war im Wikipedia-Eintrag zu Ayn Rand, einer anarchokapitalistischen Antikommunistin, die in der Zeit Schwierigkeiten hatte ihre Bücher zu verlegen. Heute kennt sie dort jeder. In Costa-Rica hab ich mal eine Amerikanerin getroffen, die „Atlas Shrugged“ von Rand las. Den Autor Matt Ruff, aus dessen „GAS“ mir Rand ein Begriff war ihr wiederum nicht bekannt. Das war jetzt nur das eine.

    Ich versuche jetzt mal aus Jans Aussage etwas Bereicherndes herauszudestillieren:
    Du, Momo, schreibst, dass es schwierig ist die alten Dokumente darzustellen, da sie selbst in rassistischer Sprache geschrieben sind. Sollen sie deshalb ausgeblendet werden?
    Und auch heute gibt es ja diese Mechanismen noch, viele PoC kennen diese Selbstbezeichnung schlicht nicht. Besteht eine Gefahr diese (möglicherweise weniger gebildeten) PoC unsichtbar zu machen, in dem man sich an Diskursen wie „Brauner Mob“ orientiert? Mir fällt allerdings keine Alternative ein.
    Wie gehe ich mit Erlebnissen wie folgendem um:
    Ich komme mit einem PoC aus Eritrea ins Gespräch. Er bezeichnet sich selbst als „nur ein ‚N-Wort'“. Und das hatte nichts mit HipHop o.ä. zu tun. Er ist z.B. auch pro-Bush (in der Zeit spielt die Episode).
    Was HipHop angeht, so gibt es hier auch eine interessante Debatte zwischen Diederich Diederichsen und Günther Jacob über die signifying-monkey-These, nämlich dem Thema der subversiven Wiederaneignung der unterdrückenden Sprache im HipHop. Da wären wir dann wieder bei dem Sprachproblem. Ich hab grade nicht so viel Zeit und finde auch kaum passende Links dazu, außer:
    http://kein-plan.de/hiphop/txt/jive.html

  58. momorulez Juni 6, 2012 um 10:11 am

    Das sind ja zwei Punkte. Den einen habe ich, glaube ich, schon angesprochen – man kann die Diskussion zwischen jemandem aus Eritrea und dem „Braunen Mob“ nicht stellvertretend führen, noch sollte man Personen, die nicht die gleichen Bildungschancen hatten, nun zum Verschwinden bringen. Es kommt halt immer auf den Kontext an. Ich glaube, dass man als Blogger oder Journalist für ein mitteleuropäisches Publikum sich sehr gut an den Kriterien des Braunen Mob orientieren kann. Die sind sehr eng angekoppelt an den angloamerikanischen Forschungsstand und schaffen, indem sie White Privilege und White Supremacy angreifen, ja auch den Raum für PoC im Allgemeinen.

    Den Punkt mit der kritischen Wiederaneignung können auch nur Betroffene vollziehen. Es ist was fundamental anderes, ob ich „Schwuchtel“ verwende als allgemeinen Begriff oder ein heterosexueller Kommentator. Die Sprecherposition ist da maßgeblich. Mir ist kurioserweise im St. Pauli-Forum mal passiert, dass ich angemailt wurde, weil ich „Homo“ geschrieben hatte. Das fand ich insofern interessant, dass Heten das offenkundig als Schimpfwort rezipieren, ich aber nicht 😀 …

    Die Frage der historischen Darstellung ist verzwickt. Ich habe hier gerade ein Buch „Schwarze im Nationalsozialismus“ auf dem Tisch liegen – beim Durchblättern war ich geradezu entsetzt, in was für einer rassistischen Sprache da viele Texte abgefasst sind. „Negro Worker“ sollte man z.B. einfach mal so stehen lassen und nicht übersetzen, zumindest für ein deutsches Publikum, weil die Konnotation im Englischen da eine andere ist als beim deutschen N-Wort. Man kann dem dann eine Darstellung der Entwicklung schwarzer Selbstbewusstwerdungsbewegungen an die Seite stellen und wieso nach der „Negritude“ irgendwann „PoC“ kam, weil sich die literarische Bewegung der „Negritude“ noch im Rahmen kolonialrassistischer Artikulation bewegte. Das aber möglichst nicht, indem man nun einen weiß0en Läuterungsprozess rekonstruiert, sondern die Schwierigkeiten, in einer durch und durch rassistischen Gesellschaft überhaupt Wege zu einer eigenen Sprache zu beschreiten. Die gibt es ja noch lange nicht.

    Auch die ganzen Original_Exponate werden fast schon lustvoll einfach so abgedruckt. Es wird kein Versuch unternommen, denen irgendetwas entgegen zu setzen, sie zu brechen oder irgendwas. Erhellend ist daran, dass kaum ein Unterschied zwischen der Perspektive auf Schwarze 1925, 1937 oder 2012 besteht – aber das BESTÄTIGT dann auch rassistische Sichtweisen, wenn man sich gar keine Gedanken macht, wie man das mal so aufbereitet, dass das nicht passiert.

    Ich habe zu Studentenzeiten mal eine Hausarbeit über den Antisemitismus im Kaiserreich geschrieben und war völlig fertig wegen des Effektes, den diese geradezu lustvoll boshaften Schriften von damals auf mich hatten. Ich musste mich richtig dekontaminieren, um nicht in diese Sprachwelt gezogen zu werden. Und da muss man dann Wege finden, dass exakt das nicht passiert, und das ist eine gigantische Herausforderung. Meines Erachtens hat Sartre da tatsächlich Wege gefunden, weil dem die Sprecherposition und das, was die Objektivierung des Anderen als Gewaltverhältnis bedeutet, so klar ist. Er hat sich stattdessen einzufühlen versucht in die, die Kolonialismus unterworfen sind, ohne die eigene Rolle als Weißer dabei unter den Teppich zu kehren. Bei dem zitierten „Schwarze im Nationalsozialismus“ bleiben sie Objekt.

    Man kann der Kontroverse ganz gut hinter googeln. Das Buch ist zu einer Ausstellung in Köln erschienen, die, glaube ich, empörenderweise schon „Besondere Kennzeichen: N…“ hieß. Sie wurde massiv vom ISD, vom Braunen Mob und anderen angegriffen, richtig so, und es finden sich Darstellungen zu der damaligen Kontroverse, wo die üblichen Abwehrzyklen bis hin zum Totalitarismusvorwurf durch die Ausstellungsmacher an die protestierenden PoC, der kommt dann ja immer, sie auch oben diesen „Stalinismus“-Quatsch.

    Was halt immer die Antwort ist, ist: Lass PoC zu Worte kommen und höre ihnen zu, wenn sie berichten, was Weiße so alles anrichten. Beziehe sie federführend (!!!) mit ein, also in den Leitungspositionen, wenn Du solche Fragen thematisierst, auch und gerade in der Darstellung von Historie, und sei bereit, ihre Perspektive anzunehmen. „Jud Süß“ läuft ja auch nicht einfach so im Fernsehen.

  59. momorulez Juni 6, 2012 um 10:55 am

    Es gibt auch zusammen fassende Darstellungen zu der Kontroverse, die ich nicht verlinke, weil sie ein ziemlich dummes Fazit ziehen, indem sie anfangen zu diskutieren, ob es denn „schwarze“ und „weiße“ Wissenschaft gäbe und das verneinen und auch sonst nicht allzu sensibel vor sich hin texten. Aufgrund der inflationären Verwendung des N-Wortes und einer groben Respektlosigkeit dem ISD gegenüber verlinke ich das nicht.

    Da das ganze in einer Zeitschrift für „Kritische Afrikawissenschaft“ erschienen ist, wird auch klar, worum es da natürlich auch immer geht: Um Jobs. Und da werden sich WHM ihre Dominanz im Wissenschaftsbetrieb bestimmt nicht nehmen lassen.

    Interessant freilich ist ein Zitat aus der Süddeutschen, wenn ich das richtig gelesen habe, von Sonja Zekri, die die Frage stellt:

    „ob wirklich jede Minderheit eine Ontogenese von Verletzungen durchmachen muss, bis man den zeitgemäßen Stand der Debatte erreicht“.

    Eben.

  60. momorulez Juni 6, 2012 um 2:33 pm

    „Wildes Denken“ ist da nun auch wieder so naja, aber das ist trotzdem ganz erhellend für das, was wir hier diskutieren und vor allem auch dazu, dass „postkolonial“ eben nicht irgendeine spinnerte Theorieidee mitteleuropäischer Scheinintellektueller ist, die sich zum Privatvergnügen oder Manipulationszwecken ein willkürliches Referenzsystem gebastelt haben, sondern schlicht die ganz reale, geschichtliche Situation von Milliarden Menschen, und eben auch von denen in Deutschland:

    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=11946

    Das Vorwort Sartres zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ findet sich übrigens bei scribd.com. Und er weist zu Recht darauf hin, wie egal und überflüssig sein Vorwort angesichts des Textes von Fanon ist – da sich in den 60ern Bücher mit Sartre-Vorworten schlicht besser verkauft haben, legitimiert ihn das natürlich trotzdem. Und ja, auch das taucht das N-Wort auf und bräuchte es nicht; es ist aber ein sehr kritischer Einsatz, würde er das heute schreiben, ließe er es auch bleiben.

  61. El_Mocho Juni 6, 2012 um 4:50 pm

    „viele PoC kennen diese Selbstbezeichnung schlicht nicht“
    Klar, ist schon schlimm wenn die nicht wissen, dass sie sich selbst so bezeichnen.

  62. Jan Juni 6, 2012 um 6:02 pm

    Hallo Momo, ich komme deinem Wunsch, nichts mehr zu schreiben, nicht nach. Nicht, weil ich erwarte, dich zu überzeugen, denn du akzeptierst bestimmte Annahmen, auf deren Grundlage dein Denken konsistent ist. Ich schreibe noch einmal, um meinen Punkt für all die anderen, die sich deinen Annahmen (noch) nicht unterworfen haben, aufzuzeigen, dass Antirassismus eben nicht identisch ist, mit postkolonialer Ideologie.

    Deine zentrale Prämisse teile ich schon nicht, weshalb wir auch keinen gemeinsamen Nenner kommen werden. Sie lautet, dass man sich als Weißer zu Rassismus nicht selber eine Meinung bilden soll, sondern sie von „PoC“ zu erlernen hat.
    Was kann ich von „PoC“ erfahren? Zum Beispiel, wie es sich anfühlt, bei fast jeder Zugfahrt von der Polizei kontrolliert zu werden. Wie es ist, permanent als der Andere gesehen zu werden. Was es heißt, in einer Nussschale über das Mittelmeer zu fliehen. Und unzählige Beispiele mehr werde ich nie selbst erfahren und kann ich höchstens von „PoC“ geschildert bekommen.
    Darin stimme ich wohl mit dir überein.
    Wenn ich mir jetzt aber die Frage stelle – „Warum schottet sich Europa vor Flüchtlingen ab? Weil Europäer ordinäre Rassisten sind, die Schwarze ablehnen oder weil Europa den eigenen Wohlstand auf Kosten von Menschenleben bewahrt, weil es bei Rekordarbeitslosigkeit keine Verwendung für schlecht ausgebildete Migranten gibt?“ – dann bringt mir für die Beantwortung dieser Frage, der Erlebnisbericht eines Flüchtlings, der es über das Mittelmeer geschafft hat, doch überhaupt nichts. Und dies ist es, was ich als rhetorischen Trick bezeichne: Es stellen nur die Wenigsten infrage, dass Weiße bestimmte Erfahrungen nicht machen können und deshalb zu manchen Fragen auch nichts beitragen können. Du und deine Theorierichtung verallgemeinern diese Tatsache und folgern daraus, eine Definitionsmacht von „PoC“ in jeder Frage von Rassismus. Dies ist der Streitpunkt.

    Nun könnte man diese zwei Positionen nebeneinanderstehen lassen, einen Konsens wird man ja ohnehin nicht erzielen. Die „Politfraktion“, der du nahe stehst (braune mob, ISD, Critical Whiteness-Gruppen,…), geht aber mit einem Absolutheitsanspruch in die Debatte, der seine Entsprechung nur in manchen K-Gruppen findet, was mich zu dem Stalinismus-Anwurf brachte. Was ich damit auf den Punkt bringen wollte, war weniger, dass ich Gefahr laufe in den Gulag geschickt zu werden, sondern zwei Aspekte, die ich innerhalb der Linken, nur in diesem Kontext kennengelernt habe:
    Zum einen, mit welcher Selbstgewissheit man sich im Besitz der Wahrheit wähnt und mit welcher Vehemenz sie verkündet und durchgesetzt wird. Zum anderen, wie Linke sich selbst als denkende Subjekte aufgeben und sich einer höheren Instanz bedingungslos unterordnen. Dieses Phänomen, was eigentlich ein Wesensmerkmal des Faschismus ist, kenne ich nur aus dem Stalinismus. Und dieses Phänomen, treffe ich in einem Blog wie diesem wieder oder in der Unterwürfigkeit, mit der weiße Antiras, auf Vorhaltungen durch „PoC“ reagieren. Das ist für mich gänzlich schleierhaft, wie sich ein intelligenter Mensch, zu einem reinen Sprachrohr der Gedanken von anderen machen kann. In diesem Sinne fand ich auch Sartre peinlich: Der Autor von „Plädoyer für die Intellektuellen“ liefert in Bezug auf Fanon einen intellektuellen Kotau ab, der seinesgleichen sucht.
    Dies ist in meinen Augen das Gegenteil von Respekt: Wer sich selber zu einem Papagei macht und den Anderen apotheoisiert, der akzeptiert ihn nicht als denkende Menschen. Ich traue es einem Schwarzen genauso zu, mich mit einem klügeren Gedanken zu überzeugen und verschone ihn deshalb auch nicht mit meinen Argumenten, wie ich auch dieselben Anforderungen an seine stelle: Die Argumente von dir und anderen postkolonialen Denkern lehne ich ab, nicht weil ich eine rassistische Abneigung habe, sondern wegen ihrer inneren Widersprüche (den zentralen habe ich oben dargelegt, andere finden sich beispielsweise in Robert Miles, Rassismus S. 12-14).

  63. momorulez Juni 6, 2012 um 7:50 pm

    Na ja, Jan, an Antworten hat es hier nun wirklich nicht gemangelt; nunmehr z.B. die ISD irgendwie mentalitätstechnisch im Vorfeld von Schauprozessen zu verorten ist bei eine Organisation, deren reale gesellschaftliche Macht gen Null tendiert, einfach rechte Demagogie ebenso wie die Unterstellung, man habe sein Gehirn irgendwo abgegeben. Dass schon Zuhören nicht so Dein Ding ist, kann man ja Deinem Kommentar entnehmen; aus Ignoranz ein politisches Programm basteln zu wollen ist halt auch sehr „westlich“. Vermute, Du hast Dich mal mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ beschäftigt, ungefähr auf dem Niveau bewegst Du Dich gerade.

    Und in der Tat, hättest Du z.B. das Vorwort Sartres zu Fanon tatsächlich gelesen, dann kann Dir als mutmaßlich Weißem tatsächlich in manchen Weltregionen die Gewalterfahrung drohen könnte, wenn koloniale und postkoloniale Erfahrungen sich die Bahn brechen. Sartre hat in dem Text durchaus auch Vorgänge wie in Ruanda sozusagen prophezeit, und das sehr treffsicher, Vorgänge, von denen man nichts begreift, wenn man sich nicht mit Kolonialgeschichte beschäftigt hat.

    Ansonsten kannst Du auch die Flüchtlingspolitik nicht kritisieren, wenn Du die Erfahrung des Ersaufens nicht als schlimm empfindest. Das Beispiel ist schon ein ganz Gutes, das ist ja deutscher Standard, sich in Emphatie für ersaufende, biafrabäuchige, gefolterte PoC zu engagieren, aber hochallergisch zu reagieren, wenn diese gesellschaftliche Machtpositionen anstreben, in gesellschaftlich relevanten Diskussionen schlicht kompetenter sind oder gar für sich selbst sprechen. Die in Deutschland Diskutierenden diskutieren solche Themen halt lieber ohne PoC. So ein Antirassismus ohne PoC, bei dem man sich noch für die eigene Güte ständig auf die eigene Schulter klopft, ist hier ein ganzer Wirtschaftszweig.

    Zudem erklär mir mal die Genese der „Festung Europa“ ohne Rekurs auf die Gegenwärtigkeit kolonialer Strukturen. Über die man sich natürlich auch als Weißer informieren kann, klar kann man das. Was sie schlimm macht, erfährst Du trotzdem nur in Abschiebehaft oder auf den Schiffen selbst.

    Und nun sonder Deinen rechtsliberalen Krempel bitte woanders ab. Du bist Teil des Problems.

    @El-Mocho-Willy:

    ❤ -mach doch einfach mit Jan ein eigenes Blog auf! Der ist zumindest nicht in akuter Gefahr, abgeschoben zu werden …

  64. momorulez Juni 6, 2012 um 8:03 pm

    PS: „weil es bei der Rekordarbeitslosigkeit keinen Platz für schlecht ausgebildete Migranten gibt“ – alles Bauern aus Anatolien. Da schwingt doch selber schon wieder Rassismus mit. Zudem Kriterium für „gut ausgebildet“ weiße Standards sind. Es gibt auch keinen für die gut Ausgebildeten, und auch die behandelt man eben auch mit geballtem Rassismus. Weil Rassismus natürlich auch eine Ideologie ist, die angestachelt wird, um trotz Deklassierungserdfahrung sich noch als was Besseres zu fühlen. Deshalb ist die bei sich vom sozialen Abstieg bedroht sehenden Mittelschichten so populär.

    Auch das kann man bei Sartre lernen, wie man die „Rassen-“ und die Klassenfrage aufeinander beziehen kann. Zudem es auch keinen Platz für „schlecht ausgebildete“ Weiße gibt in mittlerweile oft rassismusanaloger Struktur, wie z.B. die Debatte um das Betreuungsgeld zeigt, die ja die Vorstufe zur Zwangssterilisierung von Deklassierten ist, wie sie in Skandinavien einst praktiziert wurde und übrigens auch an den so genannten “ Rheinlandbastarden“. Und wenn man das jetzt mal miteinander vergleicht, dann kann man auch Kriterien entwickeln, wie sich Klassen- und „Race“-Fragen aufeinander beziehen lassen. Alleine schon, dass Du Dich hier auf mich beziehst, S. weiter oben aber ignorierst, zeigt doch, wie ekelhaft borniert weiße Männer sind.

  65. ziggev Juni 7, 2012 um 11:48 am

    welch Glück, „dass Antirassismus eben nicht identisch ist, mit postkolonialer Ideologie.“ !!!

    „dass man sich als Weißer zu Rassismus nicht selber eine Meinung bilden soll, sondern sie von “PoC” zu erlernen hat.“

    – logisch kann man haben/sich bilden: ich finde momos Argumentation doch sehr überzeugend; das eigene Gelaber über Rassismus ist einfach zu supergut dazu geeignet, sich selbst vom eigenen abzulenken.

    Diese Einsicht hat nichts mit Definitionsmacht zu tun.

    Und das ist einfach ziemlich abscheulich, was du schreibst: dass sich da Leute unterwerfen würden. Es ist eben nicht einfach alles Friede-Freude-Eierkuchen. Gegen diese Vorstellung sich zu wehren, Solidarität, ist Unterwerfung! Übe einfach mal, bitte, nur probeweise, Solidarität – mit wem oder was auch immer. Viel einfacher ist es, solches Unterfangen von vorneherein zu diskriminieren. Wie gesagt, ich bin einigermaßen geschockt von deinen Ausführungen. So einfach ist nämlich Solidarität nicht. Mit ein wenigTaktgefühl wirst du feststellen, dass du dich zwar solidarisch erklärst, aber eigentlich von der Situation Betroffener kaum etwas verstehst. Aua! Alles, was du dir so gedacht hast über Rassismus ist vielleicht gar nicht richtig; in Wiklichkeit hast du keine Ahnung, womit, mit wem du dich solidarisch erkläst! Du müsstest deine Denkrichtungen gehörig ändern, aber wie? (Nochmal zum mitschreiben, das ist dasmit dem Zuhören.) „Klar kann ich mir zu allem und jedem eine Meinung bilden.“ Diese dem Ego schmeichelde Selbstmeinung, die aber immerhin nicht stalinistisch ist, gerät ins wanken.

    Und jetzt kommt die Stunde des Ressentiments: diese Kränkung ist auf keinen Fall zu dulden, dass sie einem Diskriminierte antun! Scheiß Rassismus, habe davon, besonders vom eigenen, keine Ahnung; schuld an dieser misere sind hilflose Helfer wie Momo, im ersten Schritt, im zweiten: People of Colour!

    Möllemann.

    Frau Kuttner hat einfach nur einen kranken, schrecklich schlechten, verlogenen-möchtegern ironischen Text geschrieben, wobei „möchtegern“ noch falsch ist; denn sie hat einfach nicht vestanden, was Ironie ist. Das ist das mit den Doppeldeutigkeiten. Und wer versteht diese Doppeldeutigkeiten? : Die Eingeweihten, die Wissenden. Die gibt es aber unter dem Publikum, das sie anspricht, grundsätzlich weiße, nun einmal, as a matter of facts, einfach nicht. Diese Publikum darf sich jetzt aber – vermittels des pseudo-ironischen Identifikationsangebots – als eingeweiht imaginieren. Und in diesen bereitgestellen Imaginationsraum darf dann wieder all das ungeprüfte herumgemeine Nichtbetroffener hineinprojiziert werden. Guten Tag! Herauskaommt solch ein Schmarrn, den du hier verzapfst.

  66. momorulez Juni 7, 2012 um 12:00 pm

    Man muss ergänzend noch mal betonen, wie ekelhaft perfide eine Vergleich zwischen K-Gruppen und dem ISD oder dem braunen Mob ist. Da schwingt auch so was „extremismustheoretisches“ mit und der Vorwurf des „Sektiererischen“ – und das in Fällen, wo Leute einfach versuchen, ihre akuten Lebensprobleme zu bewältigen. Das ist einfach eine Noch-Mal-Marginalisierung von eh.-schon-Marginalisierten, um die eh schon dominante Position abzusichern. Erst exkludieren und dann denen, die exkludiert wurden, auch noch vorwerfen, dass sie es wurden und sich dagegen wehren, und das dann auch unter Verweis auf die überlegene Fähigkeit zur Analyse der Flüchtlingsproblematik, von der die Absüppelnden, „schlecht ausgebildeten“ ja eh keine Ahnung hätten im Gegensatz zum weißen Mann – das ist einfach eine Form von Sadismus, an den kolonialen Blick gekoppelt. Jan wäre vermutlich Fan von Filmen wie „Carl Peters“ mit Hans Albers.

  67. Jan Juni 7, 2012 um 1:06 pm

    Die ISD ist ein hervorragendes Beispiel für unsere Differenz: Für dich eine per se zu unterstützende Vereinigung, für mich eine, die die Nation of Islam bewirbt. Ich sehe einen Islamisten nicht plötzlich mit anderen Augen, weil er sich jetzt Person of Color nennt. Das ist wieder der Punkt mit dem Respekt: Wenn politische Differenzen hier automatisch keine Rolle mehr spielen, dann ist das für mich ungemein respektlos: Ich würde ihn dann nicht ernst nehmen.

    Ich kann die Flüchtlingspolitik nicht kritisieren, wenn ich die Erfahrung des Ersaufens nicht als schlimm empfinde, schreibst du und hast damit Recht! Nur ist das ja eben nicht strittig: Ich finde das alles grauenvoll: Ich finde es schlimm, dass Menschen verhungern und ertrinken, dass Kinder in Deutschland chancenlos aufwachsen, nur weil ihre Eltern den falschen Pass haben, dass manche alle paar Tage von der Polizei kontrolliert werden, viele nie ernst genommen werden und unzählige Sachen mehr. Mit anderen Worten, fast all das, was PoC mir berichten können, wo sie wegen ihrer Erfahrung kompetent sind, finde ich ohnehin schlimm. Weshalb mir dein „Zuhören, Zuhören“ nicht viel bringt.
    Hochallergisch reagiere ich immer, wenn jemand eine gesellschaftliche Machtposition anstrebt! Das ist unabhängig von diesem Thema. Insbesondere dann, wenn er versucht, dies mit argumentatorischen Tricks zu erreichen und nicht durch das bessere Argument.
    Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich lieber „ohne PoCs“ diskutiere. Das ist wirklich Blödsinn. Ich diskutiere es vielleicht ganz gerne ohne Menschen mit einer festgefahrenen Weltsicht, die nicht bereit sind, eine andere als die eigene Meinung zu akzeptieren und nichts anderes wollen, als mir die Welt zu erklären. Das ist nur nichts PoC-spezifisches, solche Wahrheitsverkünder gibt es überall.

    Schwingt in der Feststellung, dass ein Flüchtling aus Afrika im Durchschnitt (!) schlechter ausgebildet ist als jemand, der hier aufgewachsen ist, wirklich Rassismus mit? Kann das nicht auch einfach zutreffen? Und die Kriterien für “gut ausgebildet” sind doch eher kapitalistische Standards, als „weiße“. Und da Menschen in der Regel nach Europa migrieren, um ihre Arbeitskraft in kapitalistischen Verhältnissen zu verkaufen, sind dies die relevanten Kriterien. Und die Regierung versucht doch durch vielfältigste Maßnahmen, gut ausgebildete Migranten nach Deutschland zu holen. Deine Einschätzung finde ich hier nicht nachvollziehbar.

    Dass ich mich nicht auf S beziehe, könnte auch den Grund haben, dass er nur einmal etwas geschrieben hat oder ich andere Punkte diskutieren wollte.
    Ziggev, mein Fokus ist nicht „Solidarität“, sondern die Änderung von unmenschlichen Verhältnissen. Das ist eine grundlegend andere Perspektive, woraus sich vielleicht auch die verschiedenen Perspektiven ergeben.

  68. Jan Juni 7, 2012 um 1:14 pm

    Ach Momo, deine letzte Polemik, dieses Vermengen von Behauptungen muss doch nicht sein. Es geht in keiner Sekunde darum, Schwarze für inkompetent zu erklären, im Gegenteil. Ich überhöhe sie halt nur nicht, wie du es tust. Ich nehme sie als Subjekte ernst: Sie sind genauso dumm und klug, genauso nett und genauso solche Arschlöcher, politisch schlau und politisch weniger schlau, genauso fähig zur Analyse, etc. wie es Weiße auch sind.
    Einen Schwarzen als per se schlau zu betrachten, ist nicht viel anders, als ihn als per se dumm anzusehen. Die andere Seite der Medaille.

  69. momorulez Juni 7, 2012 um 2:13 pm

    Ich strebe nun also mittlerweile nach der Weltherrschaft 😀 – ich bin in keiner politischen Partei und auch sonst nicht organisiert, doch, im DJV und im FC St. Pauli, habe da allerdings keinerlei Ämter und strebe auch keine an. Die meisten Pöstchen sind von weißen, heterosexuellen Männern besetzt, und so sieht sie dann auch aus, die Wirklichkeit in diesem Land. Es ist naiv anzunehmen, dass es eine machtfreie Welt geben könnte. Aktuell wird sie durch die WHM-Sicht durch und durch dominiert, und ich bin froh, dass z.B. der ISD und der Braune Mob da ja nun rein publizistische, gelegentlich in irgendwelchen Ecken Nischen thematisierte Gegenmacht entfalten.

    Diese kruden Übermächtigungsfantasien, die Mehrgesellschaftler da entwickeln, sind ja genau das, was die „Protokolle der Weisen von Zion“ ausmacht und schlicht rechte Agitation.

    Und bevor Du hier mit Islamismus um die Ecke kommst, das wird auch schnell zum neo-rassistischen Klassiker – belege das mal bitte, zudem Islamismus oft auch nur eine unter anderem von Geheimdiensten geschürte Form westlicher Politik ist. Siehe z.B. die Taliban.

    Dass sich Dir der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Rassismus nicht erschließt, das liegt daran, dass Du vieles dessen, was ich oben geschrieben habe, als rhetorischen Trick und nicht als sachliches Argument liest.

    Dabei sollte für jeden im marxschen Sinne materialistisch orientierten Menschen klar sein, welche Rolle Rohstoffgewinnung, die Erschließung landwirtschaftlicher Flächen wie auch Bodenschätze als Basis auch der industriellen Produktion sind. Kann man punktuell z.B. im Bezug auf die Handy-Produktion ergoogeln.

    Anhand der Kriterien kannst Du nun die ehemaligen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent wie auch dem afrikanischen Dir anschauen und wirst fest stellen, was warum wo los ist, wo eher Großgrundbesitzer, wo hingegen eher Bodenschätze Priorität haben. Wo besonders viel Bodenschätze sind, geht es den Leuten am dreckigsten, es werden Kriege und ethnische Konflikte geschürt und instrumentalisiert, die teils erst über die Kolonisatoren und sogar den Import germanischer Rassenlehren dort wirksam wurden, siehe z.B. Burundi und Ruanda. Wo man sie als tatsächliche oder aber als Lohnsklaven einsetzt, geht es etwas gesitteter unter dem Banner der Ausbeutung zu.

    Es ist doch kein Zufall, dass z.B. ein Regime wie in Saudi-Arabien, wo vieles viel drastischer ist als im Iran z.B., kein Schwein zu interessieren scheint.

    Die Sklaverei wurde zunächst vor allem forciert, um z.B. Zuckerrohrplantagen in der Karibik zu bewirtschaften, dann auch Baumwollfelder usw. – Rassismus ist die Leitideologie, die flankiert von Christentum und Aufklärung, paradoxerweise, und mittels Pseudowissenschaft die PoC als zu zivilisierende, geschichtslose, historische Vorstufe des weißen Menschen begreift, sie mit Natur identifiziert, sich selbst mit Kultur usw. – und natürlich gründet in diesen Annahmen auch das gesamt Bildungssystem, und der ganze Schmonz dient im Wesentlichen dazu, die manifesten, ökonomischen Priviliegien abzusichern.

    Und das alles reproduziert sich in individuellen Beziehung, und PoC bekommen das zu spüren, während Du im Sinne des „White Privilege“ bestimmte Erfahrungen einfach nicht machst.

    Das macht sie in solchen Fragen nicht schlauer, aber kompetenter. Und deshalb sollte man ihnen schlicht und ergreifend zuhören im Sinne dessen, was wahr ist, und sie nicht noch über die Wahrheit des Rassismus belehren. Das ist einfach eine Unverschämtheit und sichert einfach nur das Privileg der Weißen, die Welt zu erklären, ab. Und ist auch eine Masche – guck Dich mal um, wer federführend in Antirassismusorganisationen sitzt, vor allem das, wo auch Geld sitzt. Selbst bei der Antonio Amadeu-Stiftung, guck Dir das Team-Foto mal an. Guck Dir an, wer bei Publikative schreibt.

    Ich weiß auch mehr über Homophobie als mutmaßlich Du, weiß ich ja nicht.

  70. dangerousbeans Juni 7, 2012 um 5:49 pm

    „Hochallergisch reagiere ich immer, wenn jemand eine gesellschaftliche Machtposition anstrebt! Das ist unabhängig von diesem Thema. Insbesondere dann, wenn er versucht, dies mit argumentatorischen Tricks zu erreichen und nicht durch das bessere Argument.“

    Tut mir leid, aber diese Argumentation finde ich sehr seltsam: Ganz so, als ob marginalisierte Gruppen einfach nur die besseren Argumente finden müssten, um endlich erhört zu werden. Es geht hier doch schlicht um die Feststellung, dass über Jahrzehnte die Erfahrungen von rassistisch Diskriminierten unsichtbar gemacht wurden, dass sie eben nicht sprechen durften und wenn dann stets in einem Kontext, der sie zum Nicht-gehört-werden verdammte. Dass es oftmals eben ausreichte, wenn ein Weißer daherkam, der meinte, er fände das ja alles nicht rassistisch und das als gleichwertige Meinung daneben stehen bleiben konnte. Und so wird aus einer konkreten Rassismuserfahrung dann schnell eine persönliche Meinung, eine harmlose Befindlichkeit.

  71. Jan Juni 8, 2012 um 12:59 pm

    Momo, all das, was du zu der Ausbeutung des Trikonts schreibst, finde ich nicht falsch. Ich würde es allerdings nicht unter Rassismus subsummieren: Wenn ein Bergbau-Konzern in Nigeria für einen Appel und ein Ei eine Mine errichten kann, weil die dortigen Politiker ihm das aus welchen Gründen auch immer erlauben, dann ist höchstens die Macht des Stärkeren, also ein genuin kapitalistisches und kein rassistisches Phänomen. Man kann doch nicht überall dort, wo Schwarze unter dem Kapitalismus leiden, Rassismus rufen.

    Und zu dangerousbeans & momo: Ja, nicht jede subjektive Erfahrung ist eine objektive Tatsache. Es tut mir leid, aber das ist einer der weiteren argumentativen Tricks: Wenn ich denke, dass mich jemand nicht mag, dann kann das richtig sein, aber auch das Gegenteil kann zutreffen. Wenn ich in einen Club nicht reingelassen werde, dann kann mein subjektives Empfinden, dass meine Visage dem Türsteher nicht passt, stimmen oder der Club kann wirklich überfüllt sein, wie der Security-Typ behauptet. Wenn ihr als Arschloch bezeichnet werdet, dann seid ihr ja auch nicht bis zu eurem Lebensende tief geknickt, weil ihr Arschlöcher seid! Denn ihr wisst beide ja ganz genau, dass das eben eine Meinung von einem einzelnen ist. Aber bei PoC soll das eben nicht gelten, hier soll subjektive Empfindung gültiges Gesetz sein. Das nenne ich einen argumentativen Trick, überall sonst lasst ihr es nicht gelten, aber hier wird das zu einem Argument.

    Die subjektive Meinung als objektive Tatsache zu etablieren, das ist ja gerade Politik. Und hier geht um das bessere Argument, denn sonst ist die Chance deutlich geringer, dass man sich durchsetzt. Auch finde ich es erstrebens- und erkämpfenswert, dass die Positionen und Empfindungen von Menschen Gehör verschafft wird. Aber dann muss es einen Filter geben, denn nicht alles, was Menschen empfinden ist zu akzeptieren.
    Ein Beispiel, wo das Problem evident ist, wäre es, wenn die Antipsychatrie-Bewegung die selbe Forderung für psychisch kranke Menschen erheben würde. Die Perspektive eines Paranoid-Schizophrenen ist nicht automatisch objektive Realität! Genauso wenig, wie es meine, eure, die „weiße“ und es auch nicht die „PoC“-Perspektive ist.
    Ich stimme auch in 95 % der Fällen mit Schwarzen überein, dass ihre subjektive Empfindung auch nach meinem Gefühl die Realität zutreffend beschreibt, dass es sich also um Rassismus handelt. Aber es gibt 5 % an Fällen, gerade bei der postkolonialen Fraktion, wo ich deren Einschätzung nicht teile. Ich spreche ihnen wohlgemerkt nicht ab, dass sie es für rassistisch halten! Nur halte ich es nicht für eine objektive Tatsache. Und es gibt, wie oben schon ausgeführt, bei einer Milliarde Schwarzen auch nicht die Instanz, die legitimiert währe, die PoC-Position zu vertreten: Es ist immer die Meinung einer Fraktion.

    Noch zwei Anmerkungen: Zum einen finde ich den Dominanz-Vorwurf schwierig, weil es wenige Politfraktionen, die sich der Linken zuordnen, gibt, die in einem solchen Ausmaß über Lehrstühle, Blogs, Politgruppen, Bücher etc. verfügen wie die Postkolonialismus-Fraktion. Da finde ich die behauptete Selbstwahrnehmung, PoC würden permanent mundtot gemacht, absurd. Für eine, in meinen Augen sehr schlecht und widersprüchlich begründete Ideologie, wird sie geradezu hofiert. Demgegenüber gibt es nicht einen Lehrstuhl, wo meine Perspektive vertreten wird. An dieser Stelle finde ich es abstrus, Kommunisten, Liberale, Konservative und Faschisten unter einer „weißen Perspektive“ oder einer „schwarzen“ zu fassen. Gerade schwarze Feministinnen waren es doch, die deutlich gemacht haben, dass es diese Gruppenperspektive nicht gibt! Aber, wenn es dann darum geht, die eigenen Standpunkte zu verbreitern, da fallen solche Einsichten dann wieder unter den Tisch!
    Der andere Punkt ist der, des Vorwurfs, meine Begründungen seien „rechts“. Momo, du hast doch schon Ahnung, dann weißt du doch sicherlich, wer der Bezugspunkt für Fanon und Sartre (oder auch Foucault) war! Auch weißt du, in welchem Kontext es sonst um nach Hautfarbe getrennten Kollektive geht. Oder wo es sonst das Prinzip gibt, dass man sein Denken, seine Meinung, der eines anderen unterordnet. Auch ahnst du vielleicht, mit was für Leuten, aus welchen „Volksbefreiungsbewegungen“ oder religiösen Strömungen, du im Namen des Antirassismus zusammenarbeitest.
    Deshalb wäre ich vorsichtig mit dem Vorwurf „rechts“ und wir sollten die Diskussion ohne solche Totschlagargumente führen.

  72. momorulez Juni 8, 2012 um 2:20 pm

    „Wenn ein Bergbau-Konzern in Nigeria für einen Appel und ein Ei eine Mine errichten kann, weil die dortigen Politiker ihm das aus welchen Gründen auch immer erlauben, dann ist höchstens die Macht des Stärkeren, also ein genuin kapitalistisches und kein rassistisches Phänomen.“

    Rassismus ist u.a. die Leitideologie, bestimmte Formen kapitalistischen Wirtschaftens schlicht zu legtimieren, und natürlich ist überall da, wo unter weißer Dominanz gewirtschaftet wird, auch Rassismus am Wirken. Umgekehrt gibt es Rassismus auch in präkapitalistischen Gesellschaften, im osmanischen Reich gab es den z.B., und auch unter feudalen Bedingungen. Würdest Du Sartre lesen, anstatt irgendwas über ihn zu behaupten, z.B. seine Schrift zur schwarzen und weißen Literatur, würdest Du Dich mit Fanon beschäftigen, dann wäre Dir das einfach klar. Das ist ein völlig absurdes Auseinanderdividieren, nun im Zuge der Kapitalismuskritik Rassismus verschwinden zu lassen, und das ist auch deshalb absurd, weil es die Erfahrungsdimension von Millionen von Menschen ausklammert, weg drückt und ist somit selbst eine rassistische Praxis, die Du hier vorführst, die allerdings gerade außerordentlich modisch geworden ist, weil sie z.B. irgendwelchen Antifa-Kids aus Erfurt ermöglicht, weiterhin ein klassisch paternalistisches Verhalten Frauen, Schwarzen und Schwulen gegenüber an den Tag zu legen. Die gleichen Einwände kommen ja bei Queer-Theory oder Feminismus auch.

    „Ja, nicht jede subjektive Erfahrung ist eine objektive Tatsache. Es tut mir leid, aber das ist einer der weiteren argumentativen Tricks: Wenn ich denke, dass mich jemand nicht mag, dann kann das richtig sein, aber auch das Gegenteil kann zutreffen. Wenn ich in einen Club nicht reingelassen werde, dann kann mein subjektives Empfinden, dass meine Visage dem Türsteher nicht passt, stimmen oder der Club kann wirklich überfüllt sein, wie der Security-Typ behauptet. Wenn ihr als Arschloch bezeichnet werdet, dann seid ihr ja auch nicht bis zu eurem Lebensende tief geknickt, weil ihr Arschlöcher seid! „

    Was soll denn das sinnvoll heißen, „nicht jede subjektive Erfahrung ist eine objektive Tatsache“? Das ist logischer Unsinn. Entweder wurde etwas erfahren, dann ist es auch eine objektive Tatsache, DASS erfahren wurde, oder nicht. Und wenn etwas immer wieder erfahren wird, z.B., das Weiße Schwarze darüber belehren, was Rassismus ist was nicht, dann kannst Du davon ausgehen, dass es sich um eine belegbare, gesellschaftliche Struktur handelt, wo nicht Indivdiuenrelationen wirken, sondern etwas anderes, und zwar schlicht Rassismus als in Deutschland dominante Struktur. Und Betroffene sind da schlicht Experten, weil sie das halt ständig erfahren, und zwar etwas, was Du nicht erfährst. Dass Du das dann unter „Befindlichkeit“ verbuchst, zeigt, dass Du Teil einer dominanten Gruppe bist, die die gesellschaftliche Position hat zu bestimmen, welche Erfahrung als relevant gilt und welche nicht, das behauptest Du dann als „Objektivität“. Das ist nichts anderes als Machtgebrauch, Du weißt ja, dass Du die Mehrheit hinter Dir hast, wenn man wieder die Devianten beschimpft werden, die sich ständig irgendwas einbilden. Und so reproduziert sich die gesellschaftliche Struktur in Dir als Agent des Rassimus.

    Du ebnest wie üblich auch den Unterschied zwischen individuellen Beschimpfungen und struktureller Diskriminierung ein, wie alle Liberalen. Selbst ein und dieselbe Person von allen als Arschloch empfunden wird und diese dem das auch sagen, ist damit immer noch ein Individuum gemeint. Wenn jemand Arschficker nicht ab kann und deshalb auch seinen schwulen Kollegen nicht, dann bezieht sich das ja nicht auf individuell vollzogene Penetrationspraktiken, sondern auf eine ganze Personengruppe, die mit dieser Praktik identifiziert wird. Man spricht hier nicht zufällig von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Die unterscheidet sich maßgeblich von individuellen Beleidigungen. Es gibt ein paar Strukturen, die sind so grundlegend für die Organisation dieser Gesellschaft – die Markierung der Nicht-Weißen, die Diskreditierung von Unterschichten, die Unterscheidung Mann/Frau, die Unterscheidung homo/hetero, und in allen Fällen findet eine nachweisbare und da facto Abwertung von dem jeweils nicht Dominanten statt, die sich in einer Privililegienstruktur für Dominanten abbildet. Du verteidigst hier gerade Deine Privililegien, und ich kann deshalb einigermaßen kontern, weil ich als bildungsbürgerlicher, weißer Mann auch über einige verfüge. Deshalb redest Du auch mit mir und nicht mit S. Und wart’s ab, was passiert, wenn eine als PoC identifizierbare Frau sich zu Worte meldet. Dann geht es aber so was von rund, wenn sie es „wagt“, WHM auf Augenhöhe zu begegnen. Dann beginnt ein derart hochaggressives Zurechtstutzen, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen, was das heißt, so zu leben. Und dieses Lebenserfahrung bildet ein Kompentenz- und Wahrheitskriterium, über das Du nicht verfügst.

    Dominant bist Du als whm. Und Du gibst in dem Schlusspassus ja wenigstens zu, dass es da auch um Jobs geht. Zu meiner Studienzeit (88-95) hat es noch keine Lehrstühle an der Hamburger Uni für „Postcolonial Studies“ an der Hamburger Universität Hamburg gegeben, und wenn, dann vielleicht in marginalisierten Fächern wie Afrikanistik oder Ethnologie, die angesichts dessen, was in die TU Hamburg oder in die Wirtschaftswissenschaften gepumpt wird, wirklich eine Randerscheinung war. Dass ansonsten alles linke Denken geradezu diktatorisch eliminiert wurde, ja, das ist so. Das liegt aber nicht an den Postcolonial Studies.

    Dass diese z.B. in Exzellenz-Cluster wie das zu den „Normative Orders“ in Frankfurt hinzugezogen werden, das ist ja schon mal gewaltig – aber eben als eine Komponente neben lauter WHM-Komponenten. Mein Prüfer Martin Seel, einer der bekannteren deutschen Philosophen, ist völlig unbeleckt von solchen Fragen, z.B. Habermas hat sich schon damit auseinandergesetzt, Honneth auch, aber ansonsten ist das weiterhin ein sehr randständiger Diskurs. Bei Honneths „Kampf um Anerkennung“ kannst Du auch besser verstehen, wieso es natürlich Perspektiven von gesellschaftlich als Gruppe Behandelten gibt.

    Der Vorwurf „rechts“ ist kein Totschlagsargument, sondern aktuell wichtig, weil gerade rund um die Anti-PC, Feminismus- und Queer-Theory-Frage sehr viel rechte Muster auf der Linken reproduziert werden. Das muss mal in die Köpfe rein.

  73. Jan Juni 9, 2012 um 3:33 pm

    Es geht nicht darum, Rassismus durch Kapitalismuskritik zum Verschwinden bringen zu lassen, sondern darum, ob es plausibel ist, immer da, wo ein Schwarzer benachteiligt wird, sofort mit Rassismus zu kommen, wenn man dies, wenn das gleiche unter Weißen vorfällt, es als kapitalistisch benennt. Bei dir wird Rassismus zu einer alles umfassenden Welterklärung, was ich nicht teile.

    Der andere Punkt, scheint wirklich schwer verständlich zu sein: Wenn ein Mensch etwas subjektiv erfährt, dann ist es sicherlich eine objektive Tatsache, dass er es erfahren hat. Seine Einschätzung dessen, was er erfahren hat, ist aber nicht zwangsläufig eine objektive oder besser plausible Beschreibung.
    Dass Schwarze immer wieder erfahren haben, dass sie von Weißen über Rassismus belehrt wurden, ist eine subjektive Erfahrung einzelner und wegen der Häufigkeit auch eine objektive Tatsache. Ich stimme dir zu. Nur liegt der Behauptung, dass es sich hierbei um Rassismus handelt, zugrunde, dass Erkenntnismöglichkeiten an Erfahrung geknüpft ist, was ich nicht plausibel finde. Es bleibt also aus meiner Perspektive eine Meinung, hierin Rassismus zu sehen. Ich widerspreche nicht ihrer Erfahrung, sondern nur ihrer Bewertung.
    Du hast doch eben selber dargelegt, dass sich viele Schwarze in einer aus deiner Sicht rassistischen Sprache geäußert haben. Du könntest ihnen entweder Rassismus vorwerfen oder anerkennen, dass Erfahrungshintergrund und eine für dich plausible Bewertung nicht verknüpft sind.
    Etwas überfragt bin ich jetzt, wie du darauf kommst, ich wollte den Unterschied zwischen individuellen Beleidigungen und struktureller Diskriminierung eineben? Es ging nur darum, dass auch du, obwohl du hier die ganze Zeit dagegen anschreibst, dir im Klaren darüber bist, dass die Einschätzung von jemandem, nicht mit deiner Einschätzung übereinstimmen muss. Dass du dir also in unzähligen Fällen das Recht heraus nimmst, Situationen selber zu bewerten und dich nicht der Einschätzung von anderen zu unterwerfen.
    Dass es um Jobs geht, diskreditiert deine Argumentation im Grunde noch viel mehr. So wurde in jedem Interview, dass es zu dieser Berliner Blackfacing-Kampagne gab, angemerkt, dass es viel zu selten Rollen für schwarze Schauspieler gibt. Die Argumente, die Empörung, um dann im Nachsatz damit zu kommen, worum es manchen wirklich geht. Entweder man empört sich, weil man sich wirklich getroffen fühlt. Wenn aber Empörung oder politische Positionen zu einem Mittel werden, um Jobs, Geld oder Stipendien zu bekommen, dann wird es echt eklig. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich finde es krass rassistisch, dass manche Theaterleute meinten, dass es halt so selten Rollen für Schwarze gibt, weil es wenig schwarze Figuren gibt. Als wenn Schwarze nicht auch sämtliche andere Rollen spielen können. Und ich habe vollstes Verständnis, wenn Selbstorganisierungsgruppen Lobbyarbeit machen und versuchen Jobs, Geld etc. für ihre Klientel rauszuschlagen. Aber wenn eine politische Position auch deshalb vertreten wird, weil sie ökonomische Vorteile für sich und die Klientel bedeutet, dann fühle ich mich verarscht.
    Ja, es geht auch um Jobs, Geld und Interessen und gerade deshalb werde ich mich nie ohne Reflexion vor den Karren einer Gruppe oder Organisation spannen lassen.

    Ich wollte dir mit dem letzten Absatz nur schonend beibringen, dass du dich mit deiner Position, in der Individuen nur als Teil von Völkern, Kulturen oder Kollektiven gesehen werden, wo subjektive Erfahrung jede Erkenntnis ersetzt, nicht wirklich in einer linken Tradition befindest.

  74. momorulez Juni 9, 2012 um 4:50 pm

    Das wäre ja eine fürchterliche Pointe 😀 – alles, was Du hier betreibst, ist nicht anderes als die Verteidigung des „White Privileges“ und krass naiv, was den Wissenschaftsbetrieb betrifft. Was meinste denn, warum bestimmte Wissensfelder von bestimmten Leuten beackert, warum bestimmte Thesen eher bedient werden als andere, warum bestimmte Spezialisierungen vollzogen werden und andere nicht, warum man sich in einer marktgerechten Marktlücke positioniert, warum VWLer möglichst solche Theorien entwickeln, die der herrschenden, wirtschaftlichen Ordnung entsprechen? Dass es nun plötzlich nicht mehr linke Theorie und Praxis ist, Fragen Verteilungsgerechtigkeit und Partizipation zu behandeln, das ist für mich tatsächlich ein Novum. Du kannst hier nur so großkotzig daher schwadronieren, weil Du diese Probleme offenkundig nicht hast. Marx Kritik der Ausbeutung und Gewerkschaften, die für mehr Lohn kämpfen, findest Du vermutlich ebenso unappetitlich wie „Wirtschaftsflüchtlinge“. Ekelhaft, dass die Geld verdienen wollen. Ist ja auch eine der sieben Todsünden. Gier! Dann doch lieber für Flüchtlingshilfe und Brot für die Welt spenden, dann bleiben sie in dem Status, der Weißen ermöglicht, sich um sie zu kümmern.

    Es ist übrigens zudem natürlich so, dass Betroffene nun genau so durch Rassismus und Homophobie geprägt sind wie Nicht-Betroffene was glaubst Du denn? Das ist ja das Widerliche, dass Typen wie Du dafür sorgen, dass man ziemlich alt und gefestigt werden muss, um zu schnallen, was man sich so alles eben nicht eingebildet hat. Ihr seid einfach Sadisten mit dieser ganzen Rhetorik.

    Und dass die Gesellschaft durch ein paar konstitutive Differenzen wie weiß-nicht weiß geprägt ist, wirst Du nun auch nicht dadurch los, dass Du die beschimpfst, die darauf hinweisen. Das Schlimme ist ja, das ihr tatsächlich als Kollektiv alle das gleiche quasselt. Diese Diskussion habe ich nun gerade mit vermeintlich „linken“, die eigentlich verkappte Rechtsliberale mit säkular-christlicher Prägung sind, derart oft geführt, und ihr schreibt alle stereotyp das Gleiche, was ja klar ist, die dominante Perspektive ist ja eine normalisierte, die dazu dient, abweichenden Perspektiven das Maul zu stopfen, weil alles andere ja Angst machen würde.

    Wahrscheinlich bist Du einfach noch ein bißchen jung, um reale Machtverhältnisse außerhalb von Schule und Uni aus Studentenperspektive erlebt zu haben. Du wirst auch nie erfahren, wie annähernd unmöglich es ist, schwule, schwarze oder feministische Perspektiven als Subjektiven zu Gehör zu bringen, weil Du als WHM ja jetzt schon alles dafür tust, die üblichen Ausgrenzungsmuster stumpf zu reproduzieren. So als Nutznießer des Herrschaftssystems kann man dann noch sich darüber erheben, wie minderwertig es doch sei, was zu fressen haben zu wollen oder Miete zu bezahlen. Ist ja auch die billigste Lösung. Dann blockiert man stolz Nazi-Aufmärsche und setzt sich danach zufrieden auf seinen weißen Arsch zu Hause auf dem Sofa und genießt die Teilhabe am arisch-evangelikalen Komplex, indem man Schwarze darüber zurecht weist, wann sie etwas als Rassismus begreifen dürfen und wann nicht, ganz wie einst der Herrnhuter Missionar sich um die Menschwerdung der Schwarzen mühte.

  75. Jan Juni 9, 2012 um 6:56 pm

    90 % deines Kommentars ist Projektion, dem Rest stimme ich zu! Ich stimme dir bei allem zu, was du zum Wissenschaftsbetrieb schreibst. Ich finde es kein Stück weniger zum Kotzen, wenn man Gramsci zu einem Linksliberalen zurechtbiegt oder wenn der hier zitierte Axel Honneth in obskurer Weise aus dem Frühwerk von Marx zwei/drei Zitate holt und damit sich und seine Anerkennungstheorie in diese Tradition zu stellen. Das finde ich nicht minder kritikabel, aber diese Vermischung von Wissenschaft und Interesse ist bei postkolonialer Theorie deutlich größer als in anderen Feldern. Natürlich auch deshalb, weil es für Marginalisierte viel, viel schwieriger ist, sich durchzusetzen. Das stelle ich weder in Abrede, noch finde ich es moralisch besonders verwerflich, sondern nachvollziehbar. Nur verwahre ich mich gegen die so kontaminierten Theorien.
    Ich teile deine Behauptung nicht, die postkoloniale Theorie abzulehnen, bedeutet weiße Privilegien zu schützen: Das ist geradezu essentialistisch: Das Wesen des Schwarzen ist es, dieser Theorie anzuhängen. Nein, es gibt Weiße wie Schwarze, die sie aus ihrer politischen Einstellung heraus für gültig halten. Es gibt genug Schwarze, die ihr nichts abgewinnen können und Weiße, die sie absolut unkritisch übernehmen. Es ist nicht „die schwarze Theorie“ im Kontrast zu der „weißen Theorie“, sondern eine aus dem Antiimperialismus in die Wissenschaft gewanderte Ideologie, für oder gegen die sich Schwarze wie Weiße entscheiden können.

    Wenn du akzeptierst, dass Betroffene und Nicht-Betroffene durch Unterdrückungsverhältnisse geprägt sind und auch dieses Denken übernehmen, dann müsstest du doch daraus ableiten, dass es nicht den privilegierten Ort der Erkenntnis gibt. Ein Schwarzer also nicht per se Rassismus besser erklären kann, als ein Weißer. Selbst wenn du argumentieren würdest, dass ein Schwarzer es tendenziell besser kann, wie es Lukács in Bezug auf das Proletariat behauptete, fallen deine obigen Behauptungen, deine Forderung nach bedingungsloser Gefolgschaft, in sich zusammen.

    Du vertrittst eine Theorie, deren größte Fans sich an den Theologie-Fakultäten dieser Republik finden, die mit ihren ganzen Ritualen („ich bekenne mich weiß, weiblich und lesbisch zu sein“, ein gender-Seminar gleicht bisweilen eher einem Erweckungsgottesdienst einer evangelikalen Sekte, als einer Univeranstaltung), ihrem linksliberalen Horizont und ihrer Konzeption des a priori schuldigen (weißen) Menschen, so offensichtlich dem Protestantismus entstammt (nicht umsonst kommt diese Theorie ja aus den USA) und wirfst einem Kommunisten, der Religion, egal welcher Ausprägung, verachtet, vor, christlich zu sein?
    Darüber bin ich ernsthaft etwas entsetzt!

  76. momorulez Juni 9, 2012 um 8:06 pm

    Ja watt denn nun – gibt es nun diesen übergreifenden Ort der Erkenntnis oder nicht? Mal nimmst Du ihn für Dich in Anspruch und mal nicht, mal faselst Du von irgendeiner übergreifenden Objektivität und mal nicht, mal bildest Du Dir ein, es gäbe eine interessenunabhängige Wahrheit, behauptest dann, dass die nun ausgerechnet in den weiß geprägten Wissenschaftsfeldern am Wirken sei, als sei es nicht die Biologie gewesen, die Rasselehren beförderte, die Geschichtswissenschaft, die eurozentrisch von der „Entdeckung Amerikas“ schwafelt, über afrikanische Königreiche aber nichts weiß, die Medizin und Psychiatrie, die Schwule übel folterten, die nun weniger parteiisch seien? Eine Musikwissenschaft, der afrikanische Polyrhythmik am Arsch vorbei geht, die Literaturwissenschaft, die orale Überlieferungen verachtet, die Kunstwissenschaft, die jene ins Museum hängt, die Masken abmalten, aber ins „Völkerkundemuseum“ die Masken selbst; eine Literaturwissenschaft, die annähernd ausschließlich europäische und US-Literatur, ergänzt mit ein paar Russen und weißen Lateinamerikanern, kanonisierte? Eine Physik, die Grundlagenforschung für die Rüstungsindustrie betreibt, oder im Falle biochemischer Forschung für Pharmakonzerne, die dann in afrikanischen Staaten Schwarze Versuchskanichen einsetzt, aber ansonsten Medikamente Millionen Menschen verweigert? Und da behauptest Du die Postcolonial Studies als parteiischer? Und das auch noch unter Berufung auf linke Traditionen? Mal was von Ideologie gehört und Ideologiekritik? Brauchste doch nur in VWL- und BWL-Bücher zu gucken. Mal was vom „Basis und Überbau“-Theorem gelesen?

    Zudem ich es schwierig finde, nun als Führer Gefolgschaft zu generieren, wenn ich dafür plädiere, doch bitte PoC zu lauschen, wenn es um Rassismusfragen geht. Das ist schwer zu praktizieren als Weißer, Gefolgschaft zu begründen, wenn bei Fragen des Befehlens die Antwort „Frag lieber jemand anders, der kennt sich da besser aus“.

    Deine Pointe ist ähnlich bizarr wie der Text von Martenstein. Das ist wirklich krass, dass weiße Deutsche offenkundig unfähig sind, irgendwas mal nicht als Tugendlehre zu lesen. Die hiesigen, kulturellen Prägungen funktionieren ausschließlich im Sinne von Ego-Diskussionen.

  77. Jan Juni 9, 2012 um 8:58 pm

    Es gibt nicht den übergreifenden Ort der Erkenntnis. Es gibt auch niemanden, der über die Wahrheit verfügt. Aber es gibt Theorien, Erkenntnisse oder auch Menschen, die näher an der Wahrheit sind als andere. Würdest du das ähnlich sehen, dann müsstest du mir dankbar sein, über all die Widersprüche, die ich dir in deiner Ideologie aufgezeigt habe.Du hättest jetzt die Möglichkeit, deine Einstellungen zu überdenken und, wenn du die Widersprüche nicht aufheben kannst, deine Meinung zu ändern. Das ist wäre dann das von dir so verachtete wissenschaftliche Denken, in das zwar immer, hier gebe ich dir Recht, auch die Unterdrückungsverhältnisse der jeweiligen Epoche eingeschrieben sind, aber sich eine Behauptung, deren Falschheit nachgewiesen wurde, nicht lange halten kann.
    Demgegenüber steht die Ideologie: sie kennzeichnet, dass jeder Widerspruch ignoriert oder durch Argumente, die zwar offensichtlich falsch sind, aber geglaubt werden wollen, getilgt werden. Immer dann, wenn ich in dieser Diskussion einen Punkt gemacht habe, bist du nicht mehr auf ihn eingegangen. Du wirfst mir jetzt zwar nicht mehr christliches Denken vor, aber zuzugestehen, dass Critical Whiteness zutiefst protestantisch (und somit nicht links) geprägt ist, das kommt dir nicht über die Lippen. Das kann dir nicht über die Lippen kommen, weil du dann nach und nach deine gesamte Ideologie infrage stellen müsstest.
    Das ist leider der Unterschied zwischen uns: Ich weiß, dass ich nicht der Schlauste bin, es Millionen Menschen, welcher Abstammung auch immer, gibt, die schlauer sind, dass ich nicht die Wahrheit gepachtet habe. Ich wäre dir dankbar, für jeden Hinweis, dass ich irgendwo falsch liege, mich irgendwo verrannt habe. (mir vorzuwerfen, dass ich nicht so linksliberal, grün-alternativ bin, wie die „Kritischen“ Weißen, bringt aber natürlich recht wenig, weil ich deren Prämissen nicht teile)
    Du hingegen hast eine festgefügte Meinung, die du jeden Einwand übergehend, nur noch in die Welt posaunen musst. Ich hoffe, doch so ein paar Denkanstöße gegeben zu haben und es steht dir ja auch frei zu versuchen, die aufgetauchten Widersprüche und Unzulänglichkeiten innerhalb deiner Theorie zu beseitigen. Ich glaube nicht, dass das klappen kann, aber ich lass mich sofort eines Besseren belehren.

    Hier noch ein Lukács Zitat, dass, ersetzt man das „orthodoxer Marxismus“, mein Verhältnis zu Erkenntnis wiedergibt: „Denn angenommen ― wenn auch nicht zugegeben ―, die neuere Forschung hätte die sachliche Unrichtigkeit sämtlicher einzelnen Aussagen von Marx einwandfrei nachgewiesen, so könnte jeder ernsthafte »orthodoxe« Marxist alle diese neuen Resultate bedingungslos anerkennen, sämtliche einzelnen Thesen von Marx verwerfen ― ohne für eine Minute seine marxistische Orthodoxie aufgeben zu müssen. Orthodoxer Marxismus bedeutet also nicht ein kritikloses Anerkennen der Resultate von Marx’ Forschung, bedeutet nicht einen
    »Glauben« an diese oder jene These, nicht die Auslegung eines »heiligen« Buches. Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die Methode. Sie ist die wissenschaftliche Überzeugung, daß im dialektischen Marxismus die richtige Forschungsmethode gefunden wurde.“

  78. momorulez Juni 9, 2012 um 9:39 pm

    Jetzt weiß ich, wieso Du Dich soviel mit rhetorischen Tricks beschäftigst, Deine solltest Du aber doch bitte noch etwas verfeinern. Ich hatte tatsächlich gerade einen Lachkrampf und hätte mich fast an einer Pistazie verschluckt. Das ist nicht nett von Dir, einen so überraschend mit so viel Selbstironie zu konfrontieren. So viel Humor hätte ich Dir gar nicht zugetraut.

    Wenn es diesen übergreifenden Ort der Wahrheit nicht gibt, dann fragt man man die mit Erfahrungsvorsprung. Und der Witz an der Ideologie ist ja, dass es keinen Ort gibt, von dem aus man sie dann mit irgendeiner Wahrheit konfrontieren könnte, weil eh alle mit drin stecken. Und wenn alle mit drin stecken, ist ein Weg, zuzuhören, wie es anderen damit geht und was es mit ihnen macht.

    Dafür, dass Du Dich inständig weigerst, Dich mit PoC-Perspektiven mal ernsthaft zu beschäftigen, sondern auf dem weißen Privileg beharrst, ihnen zu erzählen, was Rassismus sei, hättest Du aber nicht so viel schreiben müssen. Die Formulierung „Ich lass mir doch von ’nem Schwarzen nicht erzählen, wie Rassismus funktioniert!“ hätte vollkommen gereicht. Warten wir also auf die nächste Runde, in der Du mir erklärst, was Homophobie ist und was nicht und das zumeist ja gar keine vorläge.

  79. T. Albert Juni 9, 2012 um 10:12 pm

    Jan: Es gibt auch niemanden, der über die Wahrheit verfügt. Aber es gibt Theorien, Erkenntnisse oder auch Menschen, die näher an der Wahrheit sind als andere. Würdest du das ähnlich sehen, dann müsstest du mir dankbar sein, über all die Widersprüche, die ich dir in deiner Ideologie aufgezeigt habe.Du hättest jetzt die Möglichkeit, deine Einstellungen zu überdenken und, wenn du die Widersprüche nicht aufheben kannst, deine Meinung zu ändern. Das ist wäre dann das von dir so verachtete wissenschaftliche Denken, …..

    “An sich stört mich deine Haltung nicht: Du hast deine und die Welt eine andere. Aber da ist leider dieser Versuch, in stalinistischer Manier eine neue Wahrheit für alle vorzuschreiben.
    Was machst du, mit einem schwarzen Rassismusforscher, der, sagen wir, marxistisch und nicht poststrukturalistisch orientiert ist. Ist seine Perspektive nichts wert?” (Jan)

    Jan und Lukacs: „“Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die Methode. Sie ist die wissenschaftliche Überzeugung, daß im dialektischen Marxismus die richtige Forschungsmethode gefunden wurde.”*

    Cool. Und der „Kommunist“ „verachtet“. Jetzt weiss ich wieder warum ich mich von deutschen Kommunisten so fern wie möglich halte. Ich war gerade etwas unsicher geworden in der Sache. Armer Gramsci!

  80. Jan Juni 10, 2012 um 3:17 pm

    Momo, du schreibst: „Der Witz an der Ideologie ist ja, dass es keinen Ort gibt, von dem aus man sie dann mit irgendeiner Wahrheit konfrontieren könnte, weil eh alle mit drin stecken“
    Ja, du wirst von mir auch an keiner Stelle mit einer Wahrheit konfrontiert. So ein Vorgehen fände ich peinlich. Ich sage doch nicht wie Antideutsche: „Du bist doof, weil du Sartre besser findest, als Adorno“. Du kannst von mir aus denken und glauben, was du willst. Du kannst Antiimp, Faschist, Liberaler oder Marxist sein. Das ist mir relativ egal. Alles, was ich sage, ist: Du hast Widersprüche, die du übergehst, anstatt sie zu korrigieren. Auch setzt dein Rassismus-Begriff Annahmen voraus, die du nicht offen legst, sondern die du, in klassisch „weißer“ Manier, als allgemeingültig hinstellst, um andere, wie Frau Kuttner, als Rassisten zu bezeichnen. Noch einmal deutlich: All das, was du und andere Postkoloniale der weißen Wissenschaft vorwerft, macht ihr genauso, nur etwas platter:
    – Ihr stellt eure linksliberale, protestantische Moral, als universell hin.
    – Anstatt eure Theorie, die sich aus dem Protestantismus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung entwickelte, als eine Theorie unter vielen zu sehen, die genauso widerlegbar ist, wie jede andere, propagiert ihr sie als Wahrheit.

    Ich könnte noch weitere Punkte aufzählen, der Kern ist aber, dass ihr euch so verhaltet, wie das Schauerbild, das ihr von der „weißen Wissenschaft“ zeichnet.

    Zudem schreibst du, und hier drehen wir uns etwas im Kreis: „Wenn es diesen übergreifenden Ort der Wahrheit nicht gibt, dann fragt man man die mit Erfahrungsvorsprung.“

    Ja, definitiv!!! Du hast vollkommen Recht! Dort, wo man sich für die Erfahrung von jemandem interessiert, dort fragt man die mit Erfahrungsvorsprung. Wenn man sich für politische Theorie interessiert, dann fragt man die, die viel zu politischer Theorie gelesen haben.
    Also noch mal klipp und klar: Wenn man sich dafür interessiert, wie es ist, ständig ausgegrenzt und diskriminiert zu werden, dann fragt man einen Schwarzen in Deutschland. Hier einen Weißen zu fragen, wäre relativ absurd. Wenn man sich dafür interessiert, wie Rassismus und Kapitalismus verwoben sind, dann fragt man jemanden, der sich ausführlich mit der Historie vom Kapitalismus, Kolonialismus und Rassismus beschäftigt hat. Das kann ein weißer Professor sein, genauso wie eine schwarze Studentin. Hier ist die Hautfarbe oder Erfahrung ohne jeden Belang: Hier ist nur die Anzahl gelesener Bücher und die Fähigkeit zu kritischem Denken von Relevanz. Und letztere ist unter allen Menschen gleichverteilt.
    Mein Vorwurf an deine Adresse ist, dass du die offensichtlich verschiedenen Ebenen zusammen schmeißt. Ein Blog wie der braune Mob ist sicherlich gut geeignet, zu verdeutlichen, was Diskriminierungserfahrung bedeutet. Für grundlegende Aussagen über die politische Theorie des Rassismus, sind die Autoren nicht mehr oder weniger qualifiziert, wie jemand, der sich in selbem Maße mit Theorien und Debatten zu diesem Thema beschäftigt hat.

    @T.Albert: ???

  81. momorulez Juni 10, 2012 um 4:51 pm

    Lieber Jan,

    es ist mir mittlerweile echt zu anstrengend, weil ich nun dazu übergehen müsste, Dir erst mal ein paar Grundlagen logischen Denkens zu vermitteln, weil Du schon daran scheiterst, Theorie und Praxis sinnvoll zu unterscheiden und Dich z.B. mit der Unterscheidung zwischen Moral und Tugendlehren nie befasst hast und Du ansonsten im Sinne dessen, was Horkdorno den „totalen Verblendungszusammenhang“ nannten, reale Machtverhältnisse nicht zur Kenntnis zu nehmen bereit bist und in monologischer Manier noch nicht mal diese Diskussion verfolgt hast. Alles typisch weißer Mann.

    Das Verhalten zu manifesten Rassismen ist eine praktische, keine theoretische Frage. Rassisten sind wir sowieso alle, das Problem bei Frau Kuttner ist, dass sie das nicht reflektiert.

    Rassismus wirkt in Beziehungen, ist ein intersubjektives Phänomen, dass sich z.B. in Haltungen wie „White Supremacy“ zeigt. Genau die Position nimmst Du hier fortwährend ein, und die merken Weiße in der Regel nicht – PoC sehr wohl, die werden ja ständig von bornierten Laberheinis wie Dir zurecht gewiesen.

    Und Rassismus hat eine Geschichte, die man tatsächlich objektiv rekonstruieren kann, was aber in kaum einen weißen Wissenschaftszweig ernsthaft betrieben wurde, mal ab vom Antisemitismus, der recht intensiv erforscht wurde, nachdem 6 Millionen Juden ermordet wurden.

    Nur beim letzten Punkt ist Rassismus im Rahmen irgendwelcher wissenschaftlichen Fragestellungen Gegenstand, alles andere ist alltägliche, soziale Praxis. Wenn Du nun tatsächlich glauben solltest, dass es um die Anzahl der Bücher geht, die man gelesen hat, und dass irgendein bürgerlich gepampertes WH-Männchen mit Universitätskarriere auch nur irgendeine entfernte Ahnung von dem, was es heißt, als Betroffener von Rassismus geprägt zu sein, ohne maßgeblich Rekurs auf die Erfahrungen Betroffener zu nehmen, tust Du mir einfach nur leid. Ich kriege auch bei Studien zur Homophobie meistens Schreikrämpfe, weil sie borniert, falsch und gemein agieren, und glaub man bloß nicht, die Geschichte der Psychiatrie z.B. würde aus der Perspektive mit Elektroschocks gequälter Schwuler im Rahmen von Aversionstherapien geschrieben, sollte sie aber.

    Zur Frage der vermeintlich „protestantischen Moral“ – was meinste denn da eigentlich? Die göttliche Gnade? Die Prädestinationslehre? Die Hermeneutik, dass bei der Bibellektüre das Urteil des Einzelnen zählt, sie aber wörtlich auszulegen sei, selbst das Buch Leviticus, also eine materiale Ethik?

    Da ich in Fragen der Moralphilosophie ein hoffentlich durch Gilligan und Benhabib belehrter Kantianer bin, denke ich tatsächlich, dass als Moral nur begründet werden kann, was universell gilt. Nur dass, was begründet wird, mit Tugenden gar nichts zu tun hat, sondern mit dem Anderen. Und dass das eben eine andere Frage ist als die nach der Geltung und Erforschung von Naturgesetzen, weil es um menschliche Freiheit geht. Und die verstehe ich politisch praktisch völlig anders als Neocons. Und mit Habermas verstehe ich all das als eine Frage des praktischen Diskurses, im Gegensatz zu ihm glaube ich, dass man Symmetrie in Kommunikationen da nicht voraus setzen kann, wo die Machtverhältnisse drastisch intervenieren, also z.B. Frauen, PoC und Schwule und ökonomisch Deklassierte sich erst mal mal im Sinne des Empowerments durch herabwürdigende Subjektivierungsweisen und ebensolche Reaktion von WHM kämpfen müssen, im Gegensatz zu Dir, der Du das alles offenkundig nicht erleben musst, und das immer wieder, die sich auch ganz klassisch in Formen politischer Ökonomie abbilden und sich in Möglichkeiten der Partizipation wie auch auf dem Konto zeigen. Und eben diese Lebenserfahrung ist ein enormer Wissensvorsprung. Zudem übrigens der Braune Mob entscheidendes Scharnier für das Vermitteln des enormen Wissensvorsprungs der angloamerikanischen Diskussion ist, und da sollte jeder weiße Professor aus Leipzig einfach mal die Schnauze halten und zuhören. Noah steckt doch 70% all der Typen an philosophischen, soziologischen und kulturwissenschaftlichen Fakultäten locker in die Tasche, ohne auch nur promoviert zu sein.

    Da taucht kein Widerspruch auf. Du faselst, um Deine Machtposition abzusichern. Ich stelle mir gerade die ganze Zeit vor, wie Du jemandem wie D-Flame diesen Vortrag hälst. Du musst Dich echt nicht wundern, wenn Dir irgendwann schlicht jemand die Fresse poliert, wenn Du hinter Deinen Bücherbergen hervor kriechst. Die Angst davor kenne ich gut, diese Gesellschaft wird ja von einer permanenten Gewaltandrohung Frauen, Schwulen und PoC gegenüber am Laufen gehalten, und Dein Rumtheoretisieren ist Teil dieser Gewaltandrohung.

    Ich würde auf all das auch gar nicht antworten, weil es mir im Grunde genommen zu blöd ist, aber vielleicht kann ja der eine oder andere Mitlesende damit was anfangen.

  82. momorulez Juni 10, 2012 um 5:36 pm

    PS: Du hast ja offenkundig noch nicht einmal die grundlegende Differenz zwischen ÜBER jemanden sprechen und MIT jemandem sprechen verstanden, nicht die Handlungsdimension des Sprechens noch die performative Dimension.Zudem ich mich hier ja auch über solche Sujets wie Rassismus äußere, und die reale Gefahr dessen kann man hier auch nachvollziehen – auf einmal bin ich Adressat und übernehme die Federführung, und keine PoC weit und breit. Wie üblich. Es gibt ja. Möglichkeiten des Sich-Äußerns, da muss man allerdings erst mal Zuhören und so was wie Einfühlung betreiben, letzteres zeichnet ja Stephen King aus, und stets bereit sein, einen Schritt zurück zu trten und sich korrigieren zu lassen.

  83. schwules Mädchen Juni 11, 2012 um 8:31 am

    Das Verhalten zu manifesten Rassismen ist eine praktische, keine theoretische Frage. Rassisten sind wir sowieso alle, das Problem bei Frau Kuttner ist, dass sie das nicht reflektiert.

    Das nenne ich katholisch. Oder protestantisch. Egal. Das ist ja so was ähnliches wie die Erbsünde. „Wir sind alle Sünderlein“.

    Da sieht man, Rassisten wie Antirassisten, also alle hier versammelten wie el mocho und seine Gegner beschäftigen sich nicht mit der Realität, also mit Soziologie, Politik, Geschichte und Wirtschaft sondern ausschließlich mit Moral, Tugend. Um halbwegs sinnvoll über Rassismus reden zu können, müßte man ja zunächst einen sinnvollen Begriff von Rassismus besitzen, damit es nicht immerzu geschieht, daß Daschnakentum, Kemalismus, Zionismus und ähnliche Nationalismen und völkische Ideologien mit Antirassismus und Emanzipationsbestrebungen verwechselt werden.

  84. schwules Mädchen Juni 11, 2012 um 8:44 am

    Achja, wenn ich schon dabei bin:

    Diese Moralisierei und die Ignoranz in der Sache macht Rassisten wie Antirassisten zu Pharisäern, Pfaffen, paternalistischen Menschenverbesserern. So kommt es, daß sich Feministen wie Alice Schwarzer und strunzdoofe Teutonen sich um Kopftücher und Frauenrechte bei Leuten kümmern, für die sie sich sonst überhaupt nicht interessieren, die von Bildung, wirtschaftlicher Teilhabe und Bürgerrechten ausgeschlossen werden, also bei Roma & Sinti, Einwanderern, Langzeiterwerbslosen etc.

  85. T. Albert Juni 11, 2012 um 9:21 am

    was ist das jetzt fürn quatsch? was weisst du von meinen persönlichen erfahrungen? soll ich die jetzt hier für dich auspacken, damit strunzdoofe teutonen wie du oder frau schwarzer hier andere leute über Daschnakentum, Kemalismus, Zionismus und ähnliche Nationalismen und völkische Ideologien sowie Antirassismus und Emanzipationsbestrebungen belehren?

    „Das Verhalten zu manifesten Rassismen ist eine praktische, keine theoretische Frage.“
    Und es gibt Situationen, wo die Antwort u. U. praktisch körperlich werden kann.
    Katholisch bin ich übrigens, wie viele meiner indischen und tamilischen Nachbarn hier ohne wirtschaftliche Teilhabe und Bürgerrechte auch, die anderen sind katholische Italiener und muslimische Türken und Araber ; als ich noch inD-Land lebte mit einer kopftuchtragenden Frau, mit der ich zu teutonischen Pogromzeiten anfangs 90er Jahre ständig die Strassenseite wechseln musste, war ich über die praktische Veranlagung meiner jugendlichen Quartiersnachbarn bezüglich prügelnder und messerstechender Rassisten ziemlich froh. Mehr erzähle ich heir nicht – mehr.
    Es ist schon bewunderungswürdig zuviel was Momorulez hier von sich preisgibt,

    – wovon redest du, du Antitheoretiker?

  86. momorulez Juni 11, 2012 um 10:13 am

    „Diese Moralisierei und die Ignoranz in der Sache macht Rassisten wie Antirassisten zu Pharisäern, Pfaffen, paternalistischen Menschenverbesserern.“

    Herzlich willkommen, Herr Martenstein-Fleischauer! Mit „wir sind alle Sünder“ hat das tatsächlich nix zu tun, auch nix mit „Erbsünde“, sondern mit gesellschaftlichen Strukturen, zu denen man sich verhalten kann – wie eben auch zu anderen. Die Rezeptionsweise der „Tugendlehre“ ist zwar in eure Köpfe von irgendwelchen christlichen Spinnern gedrillt worden, auf der Ebene argumentiere ich aber nicht. Wenn gewünscht, kann ich den Unterschied zwischen traditionaler, aristotelischer Konzeption und Kantischen Entwürfen gerne referieren.

    Es ist aber erstaunlich, dass es so gelesen wird, das verbuche ich mal auch unter Verblendungszusammenhang und Ego-Pflege. Da ähneln dann „schule Mädchen“ auf einmal Frau Kuttner. Und die Ego-Kritik ist übrigens keine christliche, sondern eher brahmanisch-buddhistisch oder so 😉 … und existentialistisch im Sinne Sartres auch irgendwie. Was irgendwelche Pfaffen in den Staaten im 19. Jahrhundert einbläuen wollten, unterscheidet sich davon wirklich total.

    Es geht nicht darum, „ein guter Mensch“ zu sein, sondern darum, Erfahrungen und Perspektiven Raum zu verschaffen, die faktisch weggedrückt werden – und dazu gehört auch, nicht etwa wie Frau Schwarzer den Frauen die Kopftücher zu entreißen, um sie zu befreien, das ist die Neocon-Variante, sondern diesen selbst zuzuhören, dann, wenn sie sich äußern wollen. Und das machen ja einige, Kübra zum Beispiel.

    Strunzdoof teutonisch ist es dann eher, undifferenziert und vollends aufgeklärt den Zionismus als „Nationalismus“ zu behandeln. Das ist ziemlich ekelhaft im deutschen Diskussionszusammenhang, eine Fluchtbewegung vor dem Antisemitismus, der natürlich ein Rassismus war, so abzubügeln. Gibt genug an der aktuellen Regierung und deren sich auf den Zionismus von einst berufenden Siedlungspolitik zu kritisieren, aber da die Historie weg zu lassen und den Nachkommen „hätten sich eure Eltern mal lieber vergasen lassen sollen“ zuzurufen ist zum Kotzen. Das lasse ich dieses eine Mal hier stehen, dann wird es gelöscht.

    „el mocho und seine Gegner beschäftigen sich nicht mit der Realität, also mit Soziologie, Politik, Geschichte und Wirtschaft sondern ausschließlich mit Moral, Tugend“

    Dann lies doch bitte noch mal hoch. So richtig der Hinweis an sich ist, mal eben raus gerotzt erklärt der gar nix.

  87. momorulez Juni 11, 2012 um 10:16 am

    für die sie sich sonst überhaupt nicht interessieren, die von Bildung, wirtschaftlicher Teilhabe und Bürgerrechten ausgeschlossen werden, also bei Roma & Sinti, Einwanderern, Langzeiterwerbslosen etc.

    Das ist echt eine Unverschämtheit, da kommt jetzt doch mein Ego durch – was meinst Du denn, was ich alltäglich tue? U.a. habe ich seit Wochen Nachmittage mit einer fantastischen Sinti-Frau verbracht und überlegt, was für Wege es gibt, deren Stimme mal mehr Gehör zu verschaffen in ganz anderen Medien. Langzeitarbeitslose habe ich schon eingestellt, und das Thema wurde hier im Blog aber sowas von beackert. Und um „Einwanderer“ geht es hier doch u.a. die ganze Zeit.

  88. lily Juni 11, 2012 um 8:39 pm

    @ mo
    das hier ist die nächste stufe, jetzt kreuchen allerortens die pseudointellektuellen schwafelroboter aus ihren löchern u. spielen die gelehrten…

  89. momorulez Juni 11, 2012 um 11:00 pm

    Die Groteske ist ja, was für ein irrwitziger argumentativer Aufwand betrieben wird, wenn man einfach nur schreibt „Hör doch mal PoC zu“. Da knallen die schon durch. Und T. Albert hat völlig recht, bis hin zu massiven, körperlichen Drohungen.

    Danke aber für die unterstützenden Worte. Man sitzt dann ja schon manchmal und fragt sich, was eigentlich abgeht. Komme gerade aus einem Georgette Dee-Konzert, und würde ich jenseits des Fantums die Perspektive beschreiben, aus der sie ihre Programme strickt und dabei über die Bühnenfigur hinaus gehen, irgendwer würde prompt ausrasten und zurecht weisen. Hier ist mal eine Diskussion völlig entgleist, als ich ein paar positive Worte zu Genets „Querelle“ geschrieben hatte, dagegen ist diese Diskussion hier harmlos. Die unkommentierte Subjektive von Marginalisierten muss für manche Mehrheitsgesellschaftler unerträglich sein.

  90. T. Albert Juni 12, 2012 um 12:40 am

    Ja, hier ist irgendwie neben El Mocho auch noch die Heilige Marxistische Inquisition unterwegs, um festzustellen, dass man als Sartre-Stalinisten keinen linken Standpunkt nahe der Wahrheit vertritt und keinen Begriff von irgendwas hat. Darüber rede ich morgen mal mit einer älteren Dame aus Südamerika, die kürzlich von mehreren Spezialisten einen sehr genauen Begriff alldessen eingeprügelt bekommen hat, weil sie als Fussgängerin gerade zufällig dafür zur Verfügung war.

  91. momorulez Juni 12, 2012 um 8:29 am

    Oha 😦 – ja, die heilige marxistische Inquisition ist mittlerweile sehr aktiv und hat sich zur männlichen Privilegiensicherung nicht etwa auf die Rechte eingeschossen, sondern auf Queer-Theory, Feminismus und Postcolonial Studies, weil irgendwelche phallokratischen Macker weiter die Lufthoheit über die Stammtische in Juzis und linken Kneipen, wo Weiße und Heterosexuelle zumeist unter sich bleiben, zu wahren versuchen. Dass nun ausgerechnet das liebste Angriffsziel der Poststrukturalisten, Sartre, dabei auch immer wieder zur Reizfigur gerät, zeigt wohl, was in dem steckt. Und dieser ewige „Moralisierungs“-Vorwurf ist auch elender Schwachsinn, weil natürlich genau die Typen, die ihn erheben, immer als erste beleidigt sind und irgendein Verhalten nun so gar nicht in Ordnung finden und vor Empörung kaum noch schreiben können, wenn es z.B. um die Definitionsmachtsfrage bei Vergewaltigungen geht oder angeblich „ungerechtfertigte Rassismusvorwürfe“. Da springt dann von Martenstein bis Jan und schwulen Mädchen sofort die „tut man nicht“-Maschinerie an.

  92. schwules Mädchen Juni 12, 2012 um 5:44 pm

    …bin nicht beleidigt…

    …obwohl mir die Schandtaten meiner völkischer Ideologien anhängender Gegner angelastet werden. Zum Beispiel wird mir angelastet, daß ich in Fußgängerzonen dunkelhäutige Personen belästigen würde, weil sie mir nicht deutsch genug erscheinen, oder ich mir wünschen würde, daß Eltern bestimmter Personen vergast worden wäre.

    Ich wüßte nicht, wer unter marxistischer Inquisition zu verstehen wäre. Meint er mich? Oder Jan? Oder gar Martenstein? Worüber habe ich oder erstrebe ich die Lufthoheit? Die ist mir doch sowieso egal, weil ich mich nicht bei Juzis sehen lasse, und die übrigen Gäste im Lokal in Ruhe lasse, wenn ich überhaupt einmal ein Lokal aufsuche, das selten und niemals zur politischen Betätigung geschieht.

    Ich höre übrigens ganz gern PoCs zu, erlaube mir, ihre Behauptungen aber genauso gewissenhaft zu prüfen, wie jede andere. Wenn all die PoCs, die Alice Schwarzer als Betroffene sekundieren, mir einreden wollen, Frauen würden unter das Kopftuch gezwungen, dann zweifel ich das an, allein schon, weil ich weiß, daß Feministinnen und Kemalisten es nicht gern haben, daß türkische Frauen selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht.

    Manchmal habe ich auch keine Lust, Erfahrungen von PoCs zu prüfen. Ich müßte mich ja erst schlau machen. Im Gegensatz zu Queer-Feministen versuche ich ja zunächst einmal die mir vollkommen fremden Menschen in der Türkei und die gesellschaftliche Beziehungen zu verstehen. Das fällt Betroffenen sicherlich leichter als mir, der die Fakten über diese Menschen nur aus den Werken Karl Mays kennt. Ich müßte mich möglicherweise mit Bachofens „Mutterrecht“ beschäftigen, um das archaische Gewohnheitsrecht mit all seinen Erscheinungen wie Blutrache, Brautraub, Ehrenhändel und Brigantismus verstehen zu können. Diesen Anspruch stelle ich, bevor ich zu einem Urteil bereit wäre. Und auch in diesen Fall würde ich darauf verzichten, türkische Frauen zu tyrannisieren und zu bevormunden. Die Stabilität archaischer Gesellschaftsstrukturen unter marginalisierten Volksgruppen in modernen Gesellschaften könnte ja auch mit eben dieser Marginalisierung in Zusammenhang stehen. Diese Strukturen sind ja nicht nur frauenfeindlich sondern bieten auch soziale Sicherheit, für die in modernen Gesellschaften der Staat zuständig wäre, von dem die marginalisierten Volksgruppen aber ausgeschlossen sind. Zumindest im Fall der Roma & Sinti erscheint mir das naheliegend.

  93. momorulez Juni 12, 2012 um 7:58 pm

    Mit der Hoheit über die Juzi-Stammtische meinte ich eher Jan und diese irgendwie „antideutsch“ sozialisierten oft ostdeutschen Leute, mit denen man sich bei Twitter über solche Themen kabbelt. Und auch viele der in den 80ern und 90ern sozialisierten „Linken“, durchaus auch solche, die in der Antira-Arbeit aktiv waren und sind, aber mit PoC, die nicht in de facto abhängiger und mit „niedrigerem Status“ versehen sind, sondern auf dem bildungsbürgerlichen Feld aktiv, wo massives Gerangel eben auch um Jobs und Wortführerschaft entstehen kann.

    Mit Martenstein meinte ich diesen mittlerweile ja reflexhaft geäußerten Vorwurf des Tugendterrors und der Moralisierung eigentlich ökonomischer Probleme. Es gibt ja Fälle, wo der Einwand berechtigt ist, nur dass da häufig selbst mit massiver Moralisierung agitiert wird, um Minderheiten und Frauen schlicht das Maul zu stopfen. So lange man urteilt und überhaupt spricht, kommt man um das normative und evaluative Sprachuniversum eh nicht herum.Sich da in eine Position außerhalb zu begeben gelingt allenfalls in guter Literatur, guten Filmen, Musik und bildender Kunst, aber auch da gibt es echt viele Fallen, in die man tappen kann, wenn man sich einbildet, l’art pour l’art wäre möglich.

    Die Expertise, die ich PoC zugestehe, ist jene hinsichtlich dessen, wie aus der marginalisierten Position heraus Rassismus identifiziert und erfahren wird. Da sind dann natürlich die von Broder und Konsorten gefeierten „Islamkritikerinnen“ Spezialfälle, das stimmt. Denen höre ich trotzdem eher zu als den Weißen, die einfach nur Dominanz absichern.

    Die Phänomene, die Du ansprichst, sind das nicht eher andere Themenfelder? Bei schwulen Themen würde ich eine Analyse des Für und Widers subkultureller Phänomene durch Heten dezidiert zurück weisen. Die haben uns über eineinhalb Jahrhunderte zum Forschungsobjekt degradiert mit schlimmen Folgen, die sollen dazu einfach ihre Schnauze halten. Da plädiere ich für Blickumkehr, eben Thematisierung der Heteronormativität, der Konstruktion von Geschlechtsidentitäten usw. In Analogie dazu finde ich die Frage, wie die sich „nach unten“ abgrenzenden weißen Bürgerlichen als Normalität behaupten viel interessanter als die Frage, wer warum ein Kopftuch trägt. Übrigens auch die Bürgerlichen unter den Schwulen.

    Noch mal was anderes sind Strukturen in den „Herkunftsländern“, weil da Dominanzen oft anders gebaut sind und da, wo sie wie z.B. in Algerien postkolonial geprägt sind oder wie im Iran von britischen und US-Interessen traktiert, sowieso noch mal anders gespielt wird, auch wegen des Interesses der US-Außenpolitik an der Stärkung der Islamisten.

    Die Türkei mit der Geschichte des „Osmanischen Reiches“ im Rücken ist dann ja noch mal was anderes. Ich würde meinerseits mich scheuen, irgendwas zur „Blutrache“ in der Türkei zu schreiben. Da kann ich nur daneben hauen.

    Zu Sinti und Roma durfte ich gerade sehr viel lernen, da war wirklich nur Zuhören und sonst gar nix angesagt. Dazu schreibe ich auch nichts, da lerne ich gerade noch.

  94. momorulez Juni 12, 2012 um 8:08 pm

    Sehr gut:

    http://www.publikative.org/2012/06/12/das-wort-das-wir-nicht-aussprechen-durfen/

    Gut auch, dass sich da jetzt nicht mehr nur weiße Männer zu solchen Themen schreiben, das freut mich persönlich 😉 …

  95. schwules Mädchen Juni 12, 2012 um 9:36 pm

    Ich würde meinerseits mich scheuen, irgendwas zur “Blutrache” in der Türkei zu schreiben.

    Das ist schon mal besser, als beständig über Ehrenmorde herzuziehen, ohne dabei etwas von der Materie zu verstehen.

    Da sind dann natürlich die von Broder und Konsorten gefeierten “Islamkritikerinnen” Spezialfälle, das stimmt. Denen höre ich trotzdem eher zu als den Weißen, die einfach nur Dominanz absichern.

    Ich höre natürlich möglichst allen zu, und versuche, so gut es geht, die Realität zu erfassen. Am liebsten höre ich gescheiten Leuten zu, die etwas zu sagen haben und vernünftig urteilen statt unablässig auf der Metaebene sich gegen Widerspruch abzusichern. Egal ob weiß oder nicht. Ich glaube auch nicht, daß Weißen das Dominanzstreben angeboren ist. Frau Schwarzer und ihre kemalistischen Freundinnen ignoriere ich zum größten Teil, mögen es auch PoCs und Frauen sein, und damit Betroffene sein.

  96. momorulez Juni 12, 2012 um 10:36 pm

    „Ehremorde“ wurden, belehrt durch eine Berliner Anwältin, in diesem Blog unter „Beziehungstaten“ in fast allen Fällen behandelt und eher auf Gemeinsamkeiten hin mit eben diesen durch weiße, heterosexuelle Männer verglichen. Über irgendwas in der Türkei könnte ich mangels Wissen nichts schreiben.

    Männern, also auch mir, wird Dominanzstreben antrainiert, um in einer auf Konkurrenz basierenden Gesellschaft diese weiter als Basis zu erhalten, damit auch ja nix knirscht im kapitalistischen Getriebe. Ich denke, das ist bei PoC-Männern nicht anders, sie sind halt nicht in der strukturell dominanten Person, und manche wählen dann die für Deklassierte üblichen Kompensationsstrategien. Wie das unter Frauen ist obliegt nicht mir, das zu kommentieren.

    Diese weiße Dominanz ist irgendeine Form von Geschichtsbewältigung, so eine Art Kollektivego, an der Spitze der Kulturellen Evolution stehen zu wollen und das zu brauchen, sich da zu sehen. Sogar post-rassistisch wie Frau Kuttner. Wow! Das kann sogar das unbewusste Wissen darum sein, dass große Teile des „wirtschaftlichen Erfolges“ in der Rohstoffausbeutung gründen wie auch in der Ausbeutung der Landwirtschaft in anderen Weltregionen. Da braucht es dann kompensatorische Legitimationsdiskurse, um nicht zu merken, dass der Großteil der Leute hier auch nur verarscht wird.

  97. T. Albert Juni 13, 2012 um 6:36 pm

    @schwules Mädchen:
    „Das ist schon mal besser, als beständig über Ehrenmorde herzuziehen, ohne dabei etwas von der Materie zu verstehen.

    – hat ja auch niemand gemacht; war gar kein Thema, Frau Schwarzer und ihre Antikopftuchtalkshowbeteiligungen waren auch kein Thema.
    Oder bei Jan und El Mocho? Lese ich also nochmal nach.

  98. schwules Mädchen Juni 13, 2012 um 8:55 pm

    – hat ja auch niemand gemacht; war gar kein Thema, Frau Schwarzer und ihre Antikopftuchtalkshowbeteiligungen waren auch kein Thema.
    Oder bei Jan und El Mocho? Lese ich also nochmal nach.

    hier im Forum vielleicht nicht, in der Öffentlichkeit aber schon. Neben der Schwarzer gibt es da ja noch jede Menge anderer feministischer, zionistischer, kemalistischer, christlich-fundamentalistischer oder einfach strunzdoof-teutonischer Kopftuchhasser, die sich auf genau dieselbe Art ihren Haß vor sich selbst rechtfertigen. Die beschäftigen sich ja hingebungsvoll mit Ehrenmord, Zwangsheirat und Kriminalität bei Menschen, die sie hassen, deren Lebensumstände sie nicht interessieren und daher auch nicht kennen. Solche nennt man Pharisäer. All diese unterschiedlichen sonst eher verfeindeten Ideologien eint dieselben Mechanismen zur Absicherung gegen Widerspruch und ein gemeinsamer Feind: im vorliegenden Falle das Kopftuch. Leise ausgesprochen: „links“. „Links“ stünde ja mit dem Kopftuch im Bunde. „Links“ sei gefährlich, weil „Links“ tatenlos zusieht, wie das Kopftuch sein Unwesen treibt. Man staunt immer wieder, wie gut sich Schwulenaktivisten und schwulenfeindliche christliche Fundamentalisten auf Kosten kopftuchtragender Frauen vertragen können, und antisemitische Pius-Brüder mit Zionisten und antifeministische „Junge Freiheit“-Leser und Alice-Schwarzer-Feministen. Das finde ich doch gewalthaltiger als die sicherlich absichtsvolle Verfehlung Frau Kuttners und die Feministen ärgernden Aufsätze Martensteins.

  99. momorulez Juni 13, 2012 um 9:14 pm

    Ich glaube, dass sich das ergänzt und wechselseitig stützt. Und dieses in-Relation-Setzen zudem ein Auseinanderdividieren stützt, gegen das der PoC-Begriff gerade gerichtet es, weil er auf die Thematisierung von Weißsein abzielt. Das ist doch die gleiche Nummer der Selbstimmunisierung, ob nun bei Kuttner, Martenstein oder Wilders und Sarrazin. Wir Weißen als die vollends Aufgeklärten, Gipfel der Historie, sogar durch die Läuterung des 3. Reiches gegangen, sehen herab auf diese überempfindlichen Schwarzen und Muslima, die ständig beleidigt uns, die wir ihnen nur Gutes wollen, mit ihrem Tugendterror und ihrer denunziatorischen Hetze permanent zu Unrecht etwas in die Schuhe schieben und uns in Ecken stellen wollen, wo wird doch nicht stehen! Wenn Du jetzt auch noch anfängst, Kopftuchträgerinnen gegen Schwarze auszuspielen, geht die Saat voll auf, die Klassifizierung der Nicht-Weißen wird praktiziert und alle sind zufrieden.

    Mal ab davon, dass ich das in Martensteins Worten besonders bizarr finde, gegen die Neue Rechte blogge ich hier und anderswo seit 7 Jahren an. Aktuell sehe ich das Problem, dass die Anti-PC-Rhetorik so nachhaltig eingeübt wurde, dass sie sie auch die Martensteins und Kuttners erreicht hat und die Linke ergänzend schlicht verschwunden ist. Es gibt sie kaum noch, stattdessen nur noch die Kritik des vermeintlichen Tugendterrors und die Hetze gegen Minderheiten, die sich angeblich irgendwas einbilden.

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  101. momorulez August 3, 2012 um 12:28 am

    @Lieber Schablonenhasser;

    ich werde Deinen Kommentar nicht frei schalten, weil dieses Blog keinem Raum dafür bieten wird, irgendwelche seltsamen Hypothesen bezüglich Noah Sow zu formulieren, deren Persönlichkeit, ob charismatisch oder auch nicht, in diesem Blog nicht Gegenstand der Diskussion sein wird.

    Ob ich den Rest Deines Textes in einem eigenen Blog-Text aufgreife oder auch nicht, das weiß ich noch nicht, ich hebe mir den Kommentar auf jeden Fall auf, weil er versucht, ausführlich zu begründen, insofern auf jeden Fall vielen Dank dafür! Inhaltlich freilich setzt er Akzente, die schon aufgrund der Ausführlichkeit einer nicht minder ausgiebigen Antwort bedürften. So was kann man nicht einfach so frei chalten.

    Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir das nicht in der aktuellen Diskussion – siehe die mit den aktuell meisten Kommentaren – nicht eh schon gerade verabschiedet haben als Diskussionsgrundlage. Lass mir Zeit.

    Es kann sein, dass Du all die Diskursvorgaben machst, die nunmehr in diesem Blog keine Rolle mehr spielen werden, weil sie eh in 3000 Blogs anderswo diskutiert werden, und dann kann man das ja auch da machen.

    Aber wie gesagt, Danke trotzdem.

    PS: Einen Kommentar, wieso Du glaubst, ich würde mich auf eine Diskussion auf lange Expertisen bzgl. Noah oder eine solche, wieso ich faschistoid sei und bedingungslose Unterwerfung fordern würde einlassen sollte, würde ich frei schalten. Wenn das wirklich so wäre, also Du das wirklich glauben würdest, was Du schreibst, bräuchtest Du doch solche Kommentare nicht schreiben, dann hätte ich Dich längst verhaften lassen. Hab ich nicht, könnte ich nicht, würde ich nicht wollen. Also ist das eh Blödsinn, was Du schreibst.

  102. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 3:00 am

    Lieber Momo,

    danke erst mal für Deine schnelle und freundliche Antwort.

    Zur Frage der Diskussionsnotwendigkeit über die Persönlichkeit Noah Sows: Da hst Du wohl Recht, dass das hier kein angemessener Rahmen für eine solche Diskussion wäre. Prinzipiell war meine Einschätzung auch bestimmt nicht als fachmännische Expertise zu verstehen, sondern als mit psychologischen Argumenten untermauerter, aber letztlich subjektiver Eindruck. Ferndiagnosen kann eh niemand seriöserweise stellen, und Andersdenkende auch nur im Ansatz zu pathologiseren, wäre mir nun wirklich sehr fremd – also wirklich ein dickes Sorry dafür, falls das so rübergekommen sein sollte, denn so war es gewiss nicht gemeint. Das täte mir dann wirklich sehr Leid, zumal ich Noah auch insgesamt recht sympathisch finde. Ihr Engagement und ihren Idealismus finde ich jedenfalls super, und Schwächen haben wir ja nun alle irgendwie. Ich wollte sie nicht diskreditieren. Sie war nur – das war vielleicht etwas ungeschickt – für mich der Anknüpfungspunkt zwischen dem Inhalt des Kommentaraustauschs zwischen Dir und Jan und meinen Ausführungen zu Gruppendynamiken, die sich in stark medialisierten Gesellschaften durchaus auch auf nationaler oder (später dann auch) globaler Ebene herausbilden können. Ich finde das nicht so ganz ungefährlich.

    Es ging mir mehr also auch um allgemeine gesellschaftliche Strukturen und Merkmale der gegenwärtigen Diskussionsklultur sowie verschiedener gruppendynamischer Prozesse, die ich darin zu erkennen glaube. Das sind Prozesse, die prinzipiell alle Menschen betreffen, die aber gerade in ihren sehr extremen Ausprägungen die Herausbildung totalitärer Strukturen jedweder Art begünstigen können (und darüber hinaus auch die Grundlage des „Erfolgs“ bisher jedes totalitären Regimes bildeten). Daher meine Bezeichnung solcher Tendenzen als „faschistoid“ und totalitär – in eben diesem Sinne. Das bedeutet nicht, dass ich mich selbst als vollkommen frei davon verstehen würde – ich finde es nur sehr wichtig, sich solche Einflüsse auf die eigenen Urteilsprozesse bewusst zu machen, um ihnen nicht zu erliegen. Und es heißt auch nicht, dass ich Dir das als generelles Persönlichkeitsmerkmal (Autoritarismus und fehlende Reflexionsfähigkeit) unterstellen wollte. In der Diskussion auf dieser Seite kam so eine Tendenz in einigen Deiner Kommentare – meinem subjektiven Eundrtuck nach – etwas zum Vorschein – das, was ich davor gelesen hatte, hatte mir eigentich sehr imponiert, weil Du da durchaus auch differenzierend und ohne jede Abwertung auf andere Meinungen eingegangen bist und jede Bereitschaft gezeigt hast, auch Dich selbst permanent kritisch zu hinrterfragen. Gerade das hatte mir vorher sehr imponiert, denn das findet man in politischen Diskussionen nicht allzu häufig. In diesem Blog überwog dann nur plötzlich ein anderer Eindruck, auch aufgrund aggressiver Äußerungen wie der, nicht Betroffenen stünde zu bestimmten Themen quasi gar keine eigene Meinung(-sbildung) zu, und sie sollten einfach „die Fresse halten“. Das finde ich dann schon wirklich ziemlich bedenklich, weil es für mich eben auf diese Strukturen hindeutet, die ich beschrieben habe. Auch wenn ich mich da nun völlig ungefragt eingeschaltet und meinen Senf dazu gegeben habe. Aber auf solche Tendenzen (ohne Anprangern und ohne Übertreibungen) aufmerksam zu machen, finde ich wichtig und gerade keinen Blödsinn.

    Ich will auch noch anmerken – um hier nicht in einem falschen Licht gesehen zu werden – dass viele der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten meiner Ansicht nach keinesfalls nur von dieser einen problematischen Tendenz (zur intellektuellen Unterordnung unter moralisch-autoritär definierte Meinungsvorgaben) geprägt wären. Es gibt nämlich auch den entgegengesetzten Trend, der immer mehr in Richtung „PI“ statt „PC“ geht. Auch das kann man einfach dadurch erklären, dass sehr viele Menschen immer dann, wenn sie eine Einschränkung ihrer Freiheiten bemerken, versuchen, sich ihre Freiheiten gewissermaßen durch die exzessive Ausübung des Verbotenen und Tabuisierten zurückzuerobern. Das ist dann freilich auch nur die Illusion von Freiheit, weil Menschen so ja nur vom Regen in die Traufe – und im schlimmsten Falle in die ideologischen Fahrwasser von NPD, Pro Deutschland & Co. geraten – denn deren Ansichten sind nun mal aus gutem Grunde sozial extrem tabuisiert.

    Wenn man diese zwei gegenteiligen Reaktionen von Menschen auf die Einschränkung ihrer intellektuellen Freiheiten versteht – also quasi Opportunismus vs. Rebellion („Reaktanz“) – je nach Persönlichkeitstyp – dann kann man auch beginnen zu verstehen, warum mediale Diskreditierungen von Menschen (wie etwa Sarrazin) häufig am Ende den gegenteiligen Effekt haben, dass eine breite Mehrheit erst recht anfängt, alleine schon aus „Trotz“ diese Menschen zu verteidigen und ihnen ziemlich viel Blödsinn abzukaufen. Und im Zweifslafall auch dann, wenn sie wirklich schäbige Dinge von sich gegeben haben, wie etwa Sarrazins biologistisch-rassistsiche Thesen über die vermeintlichen Erblichkeitsanteile von Intelligenzunterschieden zwischen zwei „Subpopulationen“ (die übrigens auch belegen, dass er statistisch nicht allzu gebildet zu sein scheint, weil er offennbar den Unterschied zwischen Binnengruppen- und Intergruppenvarianz nicht kennt – das hier nur am Rande). Es kann einen aber auch vielleicht zum Nachdenken darüber bringen, dass zu offen ausgeübter sozialer Druck selbst unter den edelsten Motiven manchmal effektiv das Gegenteil von den bewirken kann, was man sich als Effekt wünscht. Sarrazin ist v.a. von den Medien zum Märtyrer der Meinungsfreiheit stilisiert worden, die sich zum Teil noch nicht einmal die Mühe gemacht haben, seine Thesen (was ein Leichtes gewesen wäre) inhaltlich und in der Sache zu widerlegen und sich stattdessen auf deren moralische Unzulässigkeit konzentriert haben. Es kommt aber aus verständlichen Gründen oft nicht so gut an, wenn man versucht, (noch so falsche) Tatsachenbehauptungen mit primär moralischen Argumenten zu widerlegen. Ganz einfach deshalb, weil das ein Kernmerkmal ideologisch geführter Debatten ist, in denen nicht sein kann, was nicht sein darf.

    Wenn es zudem aber wie bei Sarrazin zu Hauf sehr gute Argumente auf der Tatsachenebene gegeben hätte und diese v.a. deshalb zurückgehalten wurden, weil man die moralische Dimension des Problems eigentlich viel entscheidender fand – dann ist auch das für mich ein klassischer Fall von „gut gemeint“, aber letztlich grob fahrlässig gehandelt. In den Online-Umfragen keinesfalls rechtslastiger Zeitungen gaben z.B. ca. 80% der Befragten an, sie würden glauben, dass Sarrazin mit seinen Thesen inhaltlich Recht hätte. Dieser falsche Eindruck wurde meiner Ansicht nach v.a. durch die unsachliche und skandalisierende Art der Auseinandersetzung mit ihm gefördert. Das ist dann die Kehrseite der sozialen Anpassung: die Neigung zum „Widerstand aus Prinzip“ (Reaktanz). Und die kommt meistens dann zum Tragen, wenn die Absicht der Beeinflussung für die Adressaten solcher Versuche zu deutlich erkennbar wird (z.B. durch offensichtlich suggestive Argumentation oder emotionale Beweisführung).

    Natürlich kannst Du Teile meines Beitrags gerne auch woanders veröffentlichen, wenn Du das für sinnvoll hältst. Das Du meine Ausfürungen zu Noah da rausschneidest, finde ich völlig OK, weil die hier wohl wirklich fehl am Platz waren. Auch wenn sie für mich der Grund dafür waren, auf die von mir vermuteten gruppendynamischen Prozesse hinzuweisen. Die Persönlichkeit der „AnführerInnen“ von Gruppen ist der Theorie nach nur leider ein ganz zentrales (wenn auch nicht zwingend notwendiges) Kriterum für die sich daraus ergebenden Dynamiken. Nur deshalb hatte ich es überhaupt erwähnt, bestimmt nicht, um Noah und ihr wichtiges Anliegen zu diskreditieren. Ich wollte nur Probleme und Grenzen ihres Ansatzes aufzeigen. Damit war mein Kommentar auch weniger einer zu Sarah Kuttner, bezüglich derer ich Dir ja weitgehend zugestimmt habe. Es war eher eine Reaktion auf Deine polemisierenden Ausführungen darüber, wer das Recht habe, sich wozu eine eigene Meinung zu bilden und wozu nicht. Und das hast Du sinngemäß sehr wohl so geschrieben. Und das halte ich sehr wohl nach wie vor für problematisch, ohne deshalb jetzt gleich überzogene Stalinismusvergleiche bemühen zu müssen wie zuvor Jan. Das Grundprinzip ist nur problematisch, dass Menschen dann, wenn sie glauben, ein Problem in all seiner Komplexität ganz alleine vollkommen richtig erfasst zu haben, das moralische Recht für sich beanspruchen, andere Menschen für abweichende Meinungen zu sanktionieren. Nicht durch Gulag oder juristische Verfolgung, sondern alleine schon durch soziale Diskreditierung. Effektiv durchgesetzt kann das ein durchaus wirksames Mittel sein.

    Und deshalb glaube ich, dass es schon sehr wichtig wäre, Dich unvoreingenommen damit auseinanderzusetzen. Ich weiß nicht, was andere schon überall sonstwo dazu geschrieben haben. Ich finde es problematisch, wenn – egal mit was für guten Absichten – Menschen nicht mit sachlichen Argumenten überzeugt, sondern durch die Ausübung sozialen Drucks konditioniert werden sollen. Im Namen der guten Sache. Weil eben das langfristig nur die Tendenz befördert, nicht mehr eigenständig und kritisch nachzudenken, sondern gesellschaftlich angesehen Autoritäten alles blind nachzuplappern und ungeprüft zu glauben. Und das kann, wie ich bereits ausgeführt habe, hochgefährlich werden, sobald die falschen Ideale und Überzeugungen nur einmal Überhand gewinnen und als „politisch korrekt“ definiert werden. Ich habe haja gar nichts gegen die Grundabsicht der Political Correcntess, die Belange von Minderheiten zu unterstützen. Dagegen kann man als Linker auch nur schwerlich rational etwas einwenden. Probleme habe ich aber damit, mir vorzustellen, wie sich die Definitionen von Political Correctness verschieben würden, wenn irgendwann noch mal der Geist von ’33 oder auch nur irgendetwas in rudimentären Ansätzen Vergleichbares auferstehen sollte. Wir erleben das z.B. derzeit in der Eugenik-Debatte, zuerst in England und den USA, zunehmend aber auch in Deutschland. In England galt es schon lange als stockkonservativ und reaktionär, dagegen irgendwelche noch so zart formulierten moralischen Bedenken anzubringen. Wir erleben es in der Debatte über den Islam, der zunehmend indifferenzierend als Sündenbock für vergangene (und durchaus noch aktuelle) deutsche Verfehlungen wie Antisemitismus, Frauendiskriminierung und Homophobie herhalten muss, weil ihm selbst seitens renommierter Islamforscher ein unvermeidbares totalitäres ideologisches Fundament angedichtet wird. (Das Alte Testament, z.B. Levitikus, wird da als Basis zweier anderer großer Weltreligionen zum Vergleich bewusst nicht herangezogen). Selbst in gebildeten Schichten setzt sich zunehmend die völlig einseitige Interpretation des Islam als antisemitischer, totalitärer Herrschatsideologie (in gezielter Unterscheidung von den anderen Religionen) durch.

    Die Verfasser der Mohammed-Karikaturen wurden als Helden der westlichen Meimnungsfreiheit gefeiert und mit Auszeichnungen und Ehrungen überschüttet – den Muslimen wurde zugleich in weißer Herrenmenschen-Manier (und eben auch vermeintlich ganz politisch korrekt!) von oben herab erklärt, dass das eben die Werte der freiheitlichen und aufgeklärten, demokratischen westlichen Gesellschaft seien, dass sie das Recht auf freie Meinmungsäußerung und Religionskritik eben einfach zu respektieren hätten, auch wenn sie so was „von zu Hause her“ natürlich nicht gewöhnt seien. Dabei ist die Wahrheit doch, dass mindestens jede andere inhaltlich entsprechende, pauschalisierende Karikatur einer der vier weiteren Weltreligionen (mit Ausnahme des Christentums) zumindest zu lautstarken Forderungen nach strafrechtlicher Verfolgung wegen Volksverhetzung geführt hätten. Man stelle sich nur einmal die Wirkung einer Karikatur vor, die den David-Stern auf israelischen Panzern gezeigt hätte, oder alles auch in dieser Richtung. Da wären dieselben Leute, die „den Muslimen“ die freiheitlichen Grundwerte der Demokratie nahebringen wollten, völlig zu Recht empört auf die Barrikaden gegangen.

    Und auch, wenn man mir das als politisch korrekt verkaufen will, habe ich mich stets geweigert, mir von Politik oder Medien vorschreiben zu lassen, welche Minderheiten ich als vermeintliche potenzielle soziale Gefahr kritisch zu beäugen hätte, und von welcher anderen Minderheit ich mir deren – sorry – gelegentlich ebenso einseitige Interpretation der Verhältnisse in Nahost vorschreiben lassen müsste. Ich bin durchaus in der Lage, verkappten Antisemitismus zu erkennen – aber ich weigere mich auch, mir von der angeblich durch die Kriegsfolgen geläuterten öffentlichen Mehrheitsgesellschaft erklären lassen zu müssen, warum die Situation der Palästinenser in Israel ja eigentlich gar nicht so schlimm sei, und warum einseitige Israel-Kritik zwar (ohne Frage!) oftmals antisemitisch motiviert sei, einseitige Schuldzueisungen an die Palsästinenser aber als politisch durchaus korrekt und ideologisch unbedenklich zu bewerten seien – als ob das rassistische Hintertürchen nicht auch genauso gut andersherum funktionieren würde, oder als ob die Betroffenen der anderen Seite als PoC und (wie Romney noch kürzlich betonte) vermeintlich kulturell minderentwickelte Gruppe weniger Rechte hätte.

    Das Problem, das ich mit angeblicher Political Correctness habe, ist nur, dass ich die Zielvorgaben schon längst nicht mehr für ausgewogen im Interesse des gleichberechtigten Schutzes aller marginalisierten Gruppen halte, sondern für hochgradig tendenziös – und dass der Trend eben dahin geht, alleine schon die Benennung solcher Biases zu skandalisieren. Selbst Imperualismus- und Kapitalismuskritik stehen ja schon fast unter Generalverdacht.

    Es bleibt Dir überlassen, was Du davon wo veröffentlichen möchtest, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, oder auch nicht. Erst mal war es mir wichtig, dass Du es gelesen hast. Danke dafür.

  103. momorulez August 3, 2012 um 8:56 am

    @Schubladenhasser:

    Den Kommentar jetzt konnte ich frei schalten. Das vorher ging echt nicht; ich bin auch mit Noah befreundet und will hier kein Podium schaffen, wo über die Persönlichkeit von Menschen diskutiert wird, die mir sehr am Herzen liege. Und ich habe von ihr mehr gelernt als von den meisten anderen Menschen, die ich kenne.

    Kurz ein paar Punkte heraus gegriffen:

    – Die 80% Zustimmung zu Sarrazin sehe ich als Symptom eines sehr tief sitzenden Rassismus in Deutschland und auch dessen, dass wir vom Geist von ’33 nicht weit entfernt sind.

    – Ein Punkt aus dem nicht veröffentlichten Kommentar: Es obliegt nicht mir als Weißem, eine Diskussion zwischen PoC, die in afrikanischen Ländern aufgewachsen sind, und jenen, die zunächst den Kampf führten, überhaupt als schwarze Deutsche wahr genommen zu werden und dann den jeweils aktuellen Stand angloamerikanischer Perspektiven importieren, stellvertretend zu führen. Ich finde, man kann da beiden Seiten zu hören und etwas lernen, weil es nicht um theoretische Wahrheit, sondern um soziale Prozessse geht.

    – Diese „Trotz“-Prozesse, die Du beschreibst, dienen dem Aufrechterhalten von Dominanz. Dieses herbei fantasierte Unterworfensein ist eine rechtsradikale Strategie, kein Argument. Und dieses ach so fürchtliche Angst, denunziert werden zu können, hallelujah, wenn man immer nur darüber diskutiert, kommt man ja nie zu irgendeiner sinnvollen Aussage. Da sage ich mittlerweile tatsächlich „Halt die Fresse“. Weil das zum einen sowieso überall diskutiert wird, dafür brauche ich hier nicht auch noch Raum zu geben. Und weil es dazu dient, die Perspektiven Marginalsierter zu unterdrücken und diesen keine Meinung zuzugestehen. Ich bin weder Willens noch fähig noch mächtig genug, anderen das Haben einer Meinung abzusprechen, aber lege Wert darauf, dass die Diskussionen, an denen ich teilnehme oder die ich initiiere, nicht von Mehrheiten und jenen, die eh schon überall dominieren, okkupiert werden.

    – Deshalb ist auch das, was Du über gruppendynamische Prozesse schreibst, gesamtgesellschaftlich nicht relevant. Da ist ja klar, wer die Mehrheit stellt und dominiert, und die Herrschaftsfantasien, dass nunmehr die Minderheiten die Mehrheiten unterjochen, mag bei den ökonomisch Mächtigen gegeben sein, ist aber bestimmt nicht innerhalb europäischer Länder als Herrschaft der Schwulen, PoC oder Frauen vorstellbar. Das ist ebenfalls eine rechtsradikale Strategie, die vielleicht auch aus Deklassierungsängsten sich speist, aber als realistische Vorstellung einfach Unsinn ist. Das taucht aber in jeder dieser Diskussionen auf, und darüber habe ich hiermit zum letzten Mal geschrieben. Auf der Basis von kontrafaktischen Diskursstrategien zu diskutieren macht keinen Sinn und dient wiederum nur dazu, Minderheiten zu unterdrücken und mundtot zu machen.

  104. Loellie August 3, 2012 um 12:36 pm

    Ab der Beschränkung intelektueller Freiheit musste ich so bitterlich weinen, dass ich den Kommentar leider nicht zu ende lesen konnte 😦

  105. T. Albert August 3, 2012 um 3:24 pm

    an den Mann vom Gesundheitskomitee:
    hier unten in der Mehrheitsgesellschaft siehts ganz anders aus. Ich bin weit und breit der einzige, der die Situation der Palästinenser für ausgezeichnet hält; alle andern finden Juden mehr oder weniger doof, auch trotz Palästinensern.
    Aber ich verstehe sie: man muss es schon sagen dürfen.
    Freiheit für Sarrazin! Gegen die faschistoiden, totalitären PoC und ihre NPD!

  106. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 5:09 pm

    @ T. Albert (& Momo):

    Ich hatte vorher in einem noch längeren Beitrag, den ich dann wegen seiner Überlänge gar nicht erst abgeschickt hatte, schon geschrieben, dass die Frage, wie der Nahost-Konflikt bewertet wird, und welche einseitige Tendenz in der Bewertung überwiegt (- ich finde beide Arten der Einseitiogkeit gleichermaßen problematisch, falls es entgangen sein sollte -), dass das alles auch stark von der sog. „sozialen Schicht“ und vom Bildungszugang abhängig ist. Unter vielen (sicherlich nicht allen) Journalisten findet man die Tendenz, auf einseitige Äußerungen zu Ungunsten der Palästinenser sehr viel gelassener zu reagieren, als wenn es um einseitige Kritik an Israel geht. Ich halte beides für rassistisch. Und sorry – wer von sich behauptet, dass er/sie die Situation der Palästinenser im Nahen Osten für ausgezeichnet hält, der urteilt wohl selbst aus seiner/ihrer europäischen „Herrenmenschen-“ bzw. „Herrenkultur-„Perspektive heraus über die Geschicke einer Gruppe, die er/sie als minderwertig und unterentwickelt betrachet. Dass am Stammtisch derzeit die Situation überwiegt, dass Israel mit dem NS-Regime gleichgesetzt wird, und dass es einen eklatanten Anstieg des Antisemitismus gibt, bestreite ich doch gar nicht. Der Punkt ist doch nur, dass das rassistische Hintertürchen in diesem Konflikt, in dem die Angehörigen zweier marginalisierter Gruppen und ihre Interessen aufeinander prallen, genauso gut auch anders herum funktioniert: Explizit pro-israelisch, aber islamophob bis dort hinaus. Das Dumme ist nur, dass genau das in Deutschland – auch in der Presse – niemanden wirklich juckt. Und das ist doch einmal mehr der Beweis dafür, dass unser sog. Bildungsbürgertum (wenn auch vielleicht aus nachvollziehbaren historischen Gründen) Minderheiten erster und zweiter Klasse kennt.

    Das ist übrigens auch beim Streit um religiöse Beschneidungen deutlich geworden: Obwohl es in dem Urteil um einen musimischen Jungen ging, haben viele Politiker sich ausschließlich(!) über die religiösen Gefühle, Bedürfnisse und Rechte der Juden in Deutschland gesorgt – und bei praktisch allen anderen konntest Du sicher sein, dass sie zumindest die Diskriminierung der Juden ganz sicher an erster Stelle als Problem genannt haben – der Islam wurde dann quasi als Erweiterung des Grundproblems an zweiter Stelle angefügt. Lies Dir mal die Statements der Politiker durch. Es geht mir hier nicht darum, Minderheiten gegeneinander auszuspielen – das fände ich fatal. Aber meine Beobachtung ist die, dass Antisemitismus in den meisten Fällen zwar am Stammmtisch äußerst gut ankommt, i.d.R. aber von der Presse scharf zurückgewiesen wird. Im Gegensatz dazu ist die Islamophobie auch im „Bildungsbürgertum“ äußerst erfolgreich – da gelten Muslime als dann eben als frauen- und schwulenfeindlich, als antisemitisch und als Bedrohung der vielen kleinen Fortschritte, die wir in unserer Gesellschaft schon erreicht haben. Und die Autoren der Mohammed-Karikaturen werden im Namen der westlichen Werte mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft, während so was in Deutschland im Falle praktisch jeder anderen der fünf großen Religionen (außer dem Christentum) zumindest zu lautstarken Forderungen nach Anzeigen wegen Volksverhetzung geführt hätte. Den Muslimen erklärt man aber, dass das halt die Werte der freien Welt seien, auch wenn sie so wa „von zu Hause“ ja sicher nicht kennen würden.

    Darüber hinaus frage ich mich ernsthaft, wie man meinen letzten Kommentar als Forderung nach mehr Freiheit für Sarrazin interpretieren kann – geschwei
    ge denn als Verunglimpfung antirassistischer Aktivitäten als faschistoid. Was ich zu Sarrazin geschrieben habe, macht vielmehr auf eine große Gefahr aufmerksam:

    Gerade wenn man gute sachliche Argumente hat, ist es wichtig, sie auch ruhig und schalich vorzubringen. Sicherlich ist der Rassismus in Deutschland zur Zeit tatsächlich wieder sehr weit verbreitet, da gebe ich Momo Recht. Aber dass mittlerweile über 80% der Deutschen glauben, Sarrazin hätte mit seinen Thesen Recht – und das auch nach allem, was er zu Lippizanerpferden und belgischen Ackergäulen von sich gegeben hat – das lässt sich dadurch alleine m.E. nicht erklären.

    Was ich meine, ist, dass viele gut gemeinte Versuche von Journalisten, rassistische Theorien mit polemischen Worten (statt ruhig vorgetragenen Argumenten) zurückzuweisen, effektiv einen Anstieg rassistischer Tendenzen in der Bevölkerung bewirken, eil die Leute sich durch moralisierende Argumente und scharfe Verurteilungen in ihrer intellektuellen Freiheit beschnitten fühlen und dann von allen Meinungen, die tabuisiert sind, um so exzessiver Gebrauch machen, um sich ihre Freiheiten damit gleichsam zurückzuerobern. Was natürlich eine Illusion ist, denn sie geraten so noch eher in die Fahrwasser von NPD, Pro Deutschland & Co. Dass die soziale Ächtung von Äußerungen (anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen – bei Sarrazin hätte es da sehr viele gute Argumente gegeben, die meist verschwiegen wurden!) den paradoxen Effekt hervorrufen kann, dass immer mehr Menschen diesen Äußerungen inhaltlich zustimmen, lässt sich psychologisch sehr einfach erklären: Da geht es um Reaktanz. Das ist beine sehr starke menschliche Tendenz zur „Rebellion aus TRotz“, nach em Mottto: „Jetzt erst recht“ – gerade wenn Menschen das subjektive Gefühl haben, dass ihre Freiheiten eingeschränkt werden sollen.

    Da sollte man sich dann doch erst mal unvoreingenommen mit auseinandersetzen. Wenn es wissenschaftliche Hinweise darauf gibt, dass das Erstarken z.B. der neuen Rechten u.a. – psychologisch – gerade von solchen Journalisten mit(!) gefördert wird, die eigentlich genau das Gegenteil erreichen wollen, dann ist das doch ein wichtiger Hinweis, mit dem man sich ernsthaft auseinandersetzen sollte, ansttatt den Leuten, die darauf aufmerksam machen, unlautere Motive zu unterstellen. Dass die Rechten so viel Zulauf bekommen, ist durchaus auch eine Folge dessen, wie autoritär Diskussionen in Deutschland geführt werden. Political Correctness bewirkt oft genug das genaue Gegenteil von dem, was sie bewirken soll. Und für jeden, der über ein paar sozialpsychologische Grundkenntnisse verfügt, ist das völlig offensichtlich.

    Daher ist es ja gerade so wichtig, zumindest mit den Menschen, die sachlichen Argumenten noch zugänglich sind (und dazu zählen die meisten der 80%, die Sarrazin zustimmen), ruhig und sachlich zu reden und sie durch die Kraft der besseren Argumente zu überzeugen. Es gibt ja sehr viele sehr gute Argumente, und daher ist es grob fahrlässig, sie zurückzuhalten und den Leuten nur mehr oder weniger offen vorzuwerfen, dass sie ja alles rassistische Schweine sind. So vermittelt man keine Einnsichten – so treibt man (wenn man die psychologischen Dynamiken versteht) die Leute geradezu in die Hände von Sarrazin, Pro Deutschland & Co.

    Ein Großteil des Erstarkens der neuen Rechten ist hausgemacht – mit den besten Absichten. Damit möchte ich nicht bestreiten, dass auch rassistische und antisemitische Tendenzen in er Bevölkerung auch ganz unabhängig vom Phänomen der Reaktanz weit verbreitet wären. Aber die Reaktanz spielt eine erhebliche Rolle bei der Zunahme solcher Tendenzen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Rektanz_(Psychologie)

    Also: Wenn man gute Argumente hat, sollte man sie sachlich und ruhig vorbringen, um die Leute zu überzeugen und nicht zu überreden. Emotionale und suggestive Argumentführung bewirkt oft genau das Gegenteil dessen, was man erreichen will.

  107. momorulez August 3, 2012 um 5:23 pm

    Ich gucke gerade Fussball und kann das jetzt nicht en Detail gegenchecken, bitte aber darum, auf Co-Autorenschaften zu verzichten.

  108. momorulez August 3, 2012 um 5:59 pm

    So, jetzt noch mal gelesen – T. Alberts Kommentar hast Du nicht verstanden, und dass nun nicht Sarrazin verantwortlich ist für Sarrazin und Rassisten nicht für ihren Rassismus, halte ich für eine Denkkurve zuviel und verstehe das so, dass Du jene, die gegen Rassismen agitieren, eine Macht zugestehst, die sie nicht haben. Das sind immer so Muster, dass die Kommunisten ja Schuld an Adolf waren, und damit spielst Du den Arschlöchern in die Karten.

    Zu dem PC- Thema habe ich hier genug geschrieben, wer da was gegen hat, fordert Verunglimpfung, Beschimpfung und Herabwürdigung ein und muss sich nicht wundern, ebenso behandelt zu werden.

    Ich meinerseits werde einen Scheißdreckt tun, mich in meinem Verhalten an Diktaten und Zensurmaßnahmen der Mehrheitsgesellschaft zu orientieren.

    Ansonsten interessiert mich nichts von dem, was Du schreibst, da fand ich die Intervention des PoC-Zischauers bei Frau Kuttner intelligenter. Sie hat übrigens eine Gehendarstellung bei der Mopo gegen das von ihm gesagte erwirkt, was zeigt, wie wichtig ihr das Thema ist.

  109. momorulez August 3, 2012 um 9:02 pm

    Sorry, Schubladendingens, rechte Propaganda dulde ich nicht meinem Blog. Dass nun Wilders und Fordingens irgendetwas mit der „Tabuisierung von Integrationsproblemen“ zu tun haben ist mir als Diskursvorgabe zu blöd, das kannst Du auch in Deiner CDU- Ortsgruppe diskutieren, die bilden sogar die Mehrheit und hetzen Polizisten auf PoC. DAS ist autoritär, und DAS ist der Weg in die Diktatur wie schon ’33. Deine gruppendynamischen Prozesse kannste dagegen sonstwo parken.

    Und autoritär sind Wilders, Fordingens und Leute, die „Integration“ krakelen und nicht die, die dagegen opponieren.

    Das Netz ist groß, das Netz ist weit, und Leute, die meinen, Juden seien für Antisemitismus verantwortlich, haben genug anderen Raum, sich auszukotzen. Die „Bell Curve“ würde ich auch nicht diskutieren. Das ist unterste Schublade, die Du auspackst.

    Geh mal irgendwo hin, wo Du hin passt, aber lass mich in Ruhe. Oder in irgendeiner dieser lauschigen, türkischen Vereine und erzähl denen, sie sollten sich „integrieren“.

    PS: Ach ja, ich habe die Tirade gelöscht, auf die ich gerade antworte, ganz autoritär und maoistisch, und morgen ziehe ich dann die Machtergreifung durch …

  110. Loellie August 3, 2012 um 9:12 pm

    Zu spät … ich habs noch gesehn. Jetzt bin ich traumatisiert und muss mir eine Minderheit zum unterdrücken suchen, damit mein Selbstwertgefühl wieder ins Lot gerät. Ich eigentlicher Nazi, Ich.

  111. momorulez August 3, 2012 um 9:14 pm

    Sorry, dann war ich nicht schnell genug mit der Guillotine 😦 …

  112. momorulez August 3, 2012 um 9:41 pm

    Jetzt kommen all die zu Löschenden hier schon wieder mit der Pathologisierungsnummer und machen einen tatsächlich für die Agitation der Rechten verantwortlich. Das ist echt die Logik der Asylrechtsabschaffung damals – weil es Lichtenhagen gab, muss man möglichst viele Leute im Meer ersäufen, Grenzen abschotten und die BILD exklusiv mit Muslimstudien versorgen und möglichst viele PoC quälen und deportieren, um den Faschismus zu verhindern, den man dabei einführt. Der einzige Weg zur Verhinderung Hitlers wäre gewesen, in die NSDAP einzutreten. Wahrscheinlich war Auschwitz ein Judenschutzprogramm, an dem einzig die Kommunisten und Sozialdemokraten schuld waren. Hat Nolte ja auch so gesehen.

  113. Loellie August 3, 2012 um 9:52 pm

    Ach, keine Ursache.
    Der alte Fritz hat den Abend mit seiner „allergeringsten Abeweichung“ wieder gerettet. Ich musste so lachen, dass ich mich bei meiner Spätrasur fast verletzt hätte.

  114. Loellie August 3, 2012 um 9:57 pm

    Sorry, ich hatte die Seite noch offen und war zwischendurch im Bad.

    Ja! Vor allen dingen weil das jetzt original die gleiche Nummer wie vor zwei Jahren mit der „Migranten-Kriminalität“ war. Gut, mit Psycho-Schwerpunkt.
    Hat er Narzissmus gesagt? Bei der Textwüste?

  115. momorulez August 3, 2012 um 9:57 pm

    Ja, das hat auch wirklich Komik, in ein und demselben Kommentar Therapien zu empfehlen und zu beklagen, man könne „allergeringste Abweichungen“ nicht ertragen 😀 … als Ergänzung zu Integrationsforderungen. Der Wahnsinn hat Methode.

  116. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 10:03 pm

    Momo, Du hast echt ein Problem. In der CDU-Ortsgruppe wollen sie leider keine Leute haben, die die Linke wählen und die sich u.a.für die Entstigmatisierung von Pädopholen (nicht Tätern) einsetzen und die konsequent auf die Unterscheidung zwischen Neigung und Tat und auf die Unkontrollierbarkeit von sexuellen Empfindungen als solchen hinweisen. Da auch klar war, dass ich selbst nicht pädophil bin, hättest du Dich ja spätestens an dieser Stelle einmal fragen können, ob das wirklich so sehr dafür spricht, dass ich jemand bin, der nur das Recht der Mehrheitsgesellschaft sichern will, Minderheiten zu diskriminieren. Es gibt kaum etwas, was mir wichtiger ist als Minderheitenschutz – nur lasse ich mir eben nicht vorschreiben, welche Minderheiten ich als schützenswert zu erachten habe und welche nicht – und ich lasse mich im Namen der Political Correctness auch nicht dazu zwingen, die Interessen der Schwachen auf Kosten der Schwächsten durchzusetzen, die praktisch gar keine Lobby haben.

    Mehr habe ich nicht gesagt. Und dass die Gruppendynamik, die ich Deiner Ansicht nach vergessen kann, tatsächlich wirksam ist (und Du ganz schön darin gefangen bist), hast Du ja gerade genau mit Deiner Reaktion bewiesen: Du hast mich (Deinen Kritiker) recht schnell als Angehörigen der Feindgruppe identifiziert, der ja eh nur rechte Propaganda verbreiten will. Das erspart Dir die Auseinandersetzung mit der unbequemen und selbstbild-bedrohenden Frage, ob einiges, was Du tust, tatsächlich kontraproduktiv sein könnte: die Abwehr Deines Egos eben.

    Hier noch mal Wikipedia dazu: http://de.wikipedia.org/Gruppendenken

    Ich wünsche eine gute Nacht allerseits.

  117. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 10:06 pm

    @ Loelli:

    Ich würe meine eigenen narzisstischen Strukturen niemals bestreiten – ich reflektiere sie nur.

    Das ist der Unterschied.

  118. momorulez August 3, 2012 um 10:16 pm

    Ich habe ab ungefähr der Hälfte im Machtrausch nicht mehr weiter gelesen, weil die Prämissen am Anfang schon so daneben waren, und diese Übermächtigungsfantasien, die die Leute entwickeln, wenn ein Häufchen Leute bei einem Camp, eine Solitärin wie Noah oder ein randständiger 200-400 Hits am Tag-Blogger wie ich mal selber das Thema vorgeben, anstatt es sich von den Mehrheitsgesellschaftlern diktieren zu lassen, die sind wirklich pathologisch. Das muss sozusagen der Schatten sein, also dass sie ja wissen, was Dominanzkulturen Anderen den ganzen Tag antun, und dieses Wissen wird mobilisiert, sobald jemand widerspricht und Zugriff verwehrt, und sie haben Angst, dass ihnen das selbst widerfahren könnte.

    Das ist aber einen Zacken schärfer als Hartmut damals. Der hatte ja die Illusion, man könne gewissermaßen mit Statistiken Sarrazin widerlegen und schnallte nicht, dass man dann eben Begriffe wie „Ausländerkriminalität“ mit schleift, anstatt sich mal mit den kriminellen Machenschaften Weißer zu beschäftigen.

    Hier nun wird die These aufgestellt, dass es den Faschismus befœrdere, wenn man sich gegen Diskriminierung wehrt, nichts anderes meint ja PC. Was impliziert, dass gesellschaftliche Hierarchien und Diskriminierungen Faschismus verhindern würden 😀 – da muss man erst mal drauf kommen, dass das beste Mittel gegen Faschismus ein bißchen Faschismus ist. Das haben die Nationalkonservativen vor ’33 und noch Stauffenberg ja auch geglaubt in ihrer Naivität.

    Der Witz ist ja, dass Schublade im ersten, nicht frei geschalteten Kommentar sich als schwul identifizierte. Was Pimp Fordingens ja erschreckenderweise auch war. Für mich ist das ja immer die Identifikation mit dem Aggressor, eine Art Stockholm-Syndrom, die wohl hofft, wenn sie noch so strategisch verbrämt mit mischt, dieses Mal mit heiler Haut davon zu kommen. Gab es unter Juden in den dreißiger Jahren ja auch, dieses Phänomen.

  119. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 10:19 pm

    Momo – Du hast leider nicht begriffen, dass es in meiner Analyse („Political Correctness für das Erstarken der neuen Rechten verantwortlich machen“) nicht um Schuldzuweisungen geht, sondern um den Hinweis auf kausale Effekte (Reaktanz), die empirisch nun mal leider nachweislich existieren. Und die existieren leider auch dann noch weiter, wenn Du ihre Behauptung höchst unmoralisch findest und als Bestandteil rechter Propaganda klassifizierst.

    Du bist natürlich nicht der Einzige, der Probleme hat, die Ebenen der Moral und die der objektivierbaren Tatsachen auseinanderzuhalten. Tatsachenbehauptungen, z.B. über kausale Mechanismen, sind entweder wahr oder falsch – sie sind nicht moralisch oder unmoralisch. Diese beiden Ebenen hast Du auch woanders schon des öfteren miteinander vermengt. Bei Deinen philosophischen Vorkenntnissen wundert mich das allerdings.

  120. momorulez August 3, 2012 um 10:30 pm

    @Schublade:

    Wer im Glashaus sitzt 😀 – nein, ich identifiziere nicht Dich als einen aus der Feindgruppe, sondern das, was Du schreibst, als Topoi, die sich jenen der Neuen Rechten wahlweise anbiedern oder aber deren Prämissen für diskussionswürdig halten. Da ich mir meinerseits aber angewöhnt habe, mir nicht vorschreiben zu lassen, welche Prämissen zu diskutieren sind, lösche ich das dann weg, allein die Springerblätter sind voll davon.

    Dass Du Deinen Narzissmus reflektierst – warum eigentlich? Diese Psycho-Schlenker wirken irgendwie auch, als wärest Du dem falschen Therapeuten aufgesessen. Solche Diskurse, wie Du sie hier anstimmst, nähren doch selbst nur das Ego.

    Es geht mir hier insofern um das meine, mein Ego, dass ich das Leben eigentlich viel zu schön finde, als dass ich mich ständig mit falschen Diskursvorgaben auseinander setzen möchte. Es gibt so viel Tolles zu entdecken, zu lernen, zu finden, davon lenkt das doch nur ab. Ich kenne das doch, was Du schreibst, da ist nichts neu für mich, dazu habe ich alles gesagt und geschrieben, was ich dazu zu sagen und zu schreiben habe, warum sollte ich das mit Dir jetzt noch mal tun? Wie des öfteren angemerkt, es gibt unzählige Seiten im Netz, wo all das mit offenen Ohren empfangen wird.

    Ach, und diese Unterscheidung zwischen echten und unechten Opfern – die unechtesten sind immer noch die der PC.

  121. momorulez August 3, 2012 um 10:39 pm

    Schublade, Du großer Geist: Ich habe das schon begriffen und übrigens sogar studiert, das ist ja in der Philosophie keine unwichtige Unterscheidung. Aber die Tatsache, dass es Antisemitismus gibt und ich weiß, wie er funktioniert, heißt ja nun nicht, dass man auf ihn eingehen müsste und freundlich diskutieren, ob denn nun die Juden wirklich unser Unglück sind. Meiner Ansicht nach sind die Antisemiten unser Unglück, deshalb sollte man ihre falschen Annahmen nicht auch noch verbreiten.

    Du überträgst zudem einen psychologischen Reflex auf die Gesamtgesellschaft, als hätte diese ganze Hetze z.B. gegen Muslime gar keine gesellschaftliche Funktion auch ganz unabhängig von Trotz und Häme. Dass den Leuten eingeredet wird, es gäbe ein „Integrationsproblem“ von „vormodernen Muslimen“, ist eine gewaltige Ablenkungsschlacht, und dann dient es der Aufklärung, stattdessen lieber über das zu reden, wovon es ablenkt.

  122. Loellie August 3, 2012 um 10:54 pm

    Was dem einen die Stastik ist dem andern sein Argument. Und dazu Verhaltensregeln und welche Wahrheiten man zu akzeptieren hätte. Neenee, die passen schon zusammen.

    Und wie üblich ist das Ablehnen der steilen These, wir politisch korrekten produzieren Faschismus dadurch, dass wir mit unserem enormen Einfluss dem Springer vorschreiben, was er zu publizieren hat, und was nicht, eine reine Moralfrage. Was sonst.
    Und die Figur, dass dem Migrant nichts passiert, wenn er mit seinem Migrantischsein die Faschos nicht dazu zwingt Faschos zu sein, und die sich dann gegen ihn wehren müssen, keine rechte Propaganda. Ist bestimmt wieder was mit unserer Moral. Oder war es eine unbequeme Wahrheit?

  123. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 10:56 pm

    Momo, ich habe nirgendwo geschrieben, dass der Kampf gegen Diskriminierung den Faschismus befördern würde. So ein Quatsch. Ich habe selbst schon Aktionen u.a. beim braunen Mob mit Unterschriften unterstützt, und zwar aus tiefster Überzeugung. Ich habe sogar mehrfach geschrieben, dass ich diesen Kampf sehr wichtig finde. Das scheinst Du selektiv überlesen zu haben – passte wohl nicht in das Bild, das Du Dir von mir gemacht hast.

    Es geht auch nicht um die Problematisierung der Political Correctness als solche, sondern um die Frage, wie sie umgesetzt und eingefordert wird. Es ist wichtig, Leute mit klaren und sachlichen Argumenten zu überzeugen – und die gibt es ja. Die Leute sind nicht mehrheitlich so doof, dass sie das nicht verstehen würden, wenn man es ihnen wirklich erklärt. Wenn man dann allerdings (z.B. in er Presse) intellektuen Gehorsam einfordert, statt mit ruhigen, sachlichen Argumenten zu kommen, und wenn man mit Zensur, mit Empörung und mit Skandalisierung arbeitet, dann löst man damit bei den meisten Menschen Reaktanz aus. Das ist nun mal leider wissenschaftlich belegt, und es wird nicht dadurch falsch, dass Du es für rechte Propaganda hältst. Sarrazin wure durch die Empörungswelle (statt guten und sachlichen Argumenten, die es zur Genüge gegeben hätte) in der Presse erst so erfolgreich. Er ist zum Märtyrer der Meinungsfreiheit avanciert. Daher glauben heute 80% der Deutschen, seine Thesen würden stimmen. Sonst wären es sicherlich auch etliche und viel zu viele gewesen, aber 80% ist schon der Hammer. Das kannst Du nicht einfach nur auf die Tendenzen zurückführen, die auch vorher schon da waren. Das war zu einem erheblichen Anteil der Empörungs-Tsunami in der Presse – und die Reaktanz-Reaktion darauf (Trotz, „jetzt erst recht“, die Suche der eigenen geistigen Freiheit in tabuisierten Meinungen). Echte Aufklärungsarbeit wäre stattdessen sehr viel produktiver gewesen. Erklären, warum genau Sarrazins Thesen rassistisch sind, und warum seine statistischen Interpretationen nicht stimmten. Und zwar ganz sachlich und ruhig. Dann hätte Sarrazin vermutlich nur in der neuen Rechten Anhänger gefunden – aber eben nicht noch weiter darüber hinaus, wie es jetzt war.

    Ich find’s schon bedenklich, wenn Leute, die antifaschistisch aktiv sind, so was wie Reaktanz-Effekte (auf autoritär geführte Debatten – nicht auf sachliche Aufklärung hin!) überhaupt nicht interessiert. Worum geht es Dir denn mehr? Um Dein Selbstbild oder um das, was Du erreichst?

  124. Loellie August 3, 2012 um 10:58 pm

    Wobei es tatsächlich psychologische Ursachen hat, dass ich die ganze Zeit schon „Schwulen-Hasser“ lese.

    Hat jemand einen Filmtip? Das Period-Piece über Lennon gestern war ja nicht so doll. Der McCartney war aber niedlich, obwohl man da noch ein paar Kilo hätte zufüttern müssen. 🙂

  125. momorulez August 3, 2012 um 11:00 pm

    Irgendwie so. Die armen Sarrazin-Fans können da gar nix dafür, freilich nur deskriptiv, nicht normativ, dass wir mit unserem massiven Einfluss auf Springer-Kampagnen, Frau Kelek und Hape Friedrich geradezu notwendig zum „Ausländer abfackeln“ beitragen, was heißt beitragen, es im Sinne strikter Kausalität verursachen. Alles willenlose Marionetten der PC-Diktatoren, deskriptiv, nicht normativ – das liegt an unserer gruppendynamischen Struktur hier.

  126. Loellie August 3, 2012 um 11:10 pm

    Jetzt wird er auch noch unaufgeregt. 🙄

  127. Loellie August 3, 2012 um 11:12 pm

    Ach … so geht das 🙄

  128. momorulez August 3, 2012 um 11:14 pm

    @Schubladenhasser:

    Das ist falsch. Wenn gegen die Linksfraktion polemisiert wird oder Du gegen mich, entsteht doch auch keine Solidarisierung oder „Reaktanz“. Dann schaut sogar Fritz vorbei und will mich zwangseinweisen lassen.

    Sarrazin wurde durch BILD, DIE Welt und das öffentlich-rechtklche Fernsehen der Burner, weil die den promotet haben und, indem sie ständig kontrafaktisch behaupteten, er würde tabuisiert und unterdrückt und sei Vorkämpfer der Meinungsfreiheit, eine übliche, rechte Masche, jemanden zum Tabubrecher zu erklären – obwohl der einfach an niedere Instinkte appelliert, die weit verbreitet sind. Und da hatte dann sachliche Argumentation gar keine Chance mehr. Es gab doch diese Berliner Forscherin, die seinen Quatsch seziert hat, die wurde nieder gebrüllt, denunziert und musste um Leib und Leben fürchten.Umgekehrt haben die gebündelten Interventionen bei der Blackface-Debatte was bewirkt, und die Fernsehlotterie verwendet auch keinen Kolonialslogan mehr.

    Der Shitstorm geht doch seit geraumer Zeit fast nur noch von der Rechten aus – und von Privilegien und Definitionsmacht absichernden „Linken“, die über Feminismus, Antirassismus, Schwule und Lesben her fallen, das erlebe ich doch hier seit Jahren, die sind ja kein Deut besser mehr und kippen in genau die gleichen Muster wie Poschardt und all die Pfeifen. Ich brauche hier nur „Genet“ zu schreiben, und irgendwer klinkt aus.

    Da noch sanft zu argumentieren bringt rein gar nichts. Damit erreicht Du NICHTS.

  129. momorulez August 3, 2012 um 11:16 pm

    Filmtipp? TV, iTunes, Kino?

  130. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 11:34 pm

    Lieber Momo, „kollektive“ Reaktanz-Effekte lassen sich in medial vernetzten Gesellschaften durchaus auch im größeren Zusammenhang beschreiben. Das sind nicht meine Phantasien.

    Dass darüber hinaus die Hetze gegen Muslime, die mittlerweile auch schon im sog. „Bildungsbürgertum“ und in der sog. Qualitäts-Presse salonfähig geworden ist, eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, ist ja klar. Die angeblich kollektiv-voraufgeklärten Muslime sind die Projektionsfläche für unsere eigenen Verfehlungen, für unseren eigenen Sexismus, unseren Antisemitismus und unsere Homophobie, etc. – sie geben uns die Gelegenheit, uns durch den kulturellen Vergleich so richtig progressiv und fortschrittlich fühlen zu können und dabei zu übersehen, dass es da bei uns selbst auch noch alles andere als rosig aussieht. Um von vor 20 bis 30 Jahren mal ganz zu schweigen. Und natürlich beschweren sich ausgerechnet die reaktionärsten Gruppen, Konservative, Kirchen und neue Rechte, am lautesten über die Bedrohung genau jener freiheitlichen Werte, die sie selbst am massivsten bekämpft haben und auch noch heute bekämpfen. Das zeigt ja schon, dass es da ganz zentral um Projektion geht.

    Dass das Verfassen langer Texte auch der narzisstischen Befriedigung des Egos dient, da hast Du wohl Recht (solange Du das bei Dir auch refletktierst …) Mir ging es aber auch daraum, etwas mitzuteilen, was ich wichtig fand. Du hast einen Teil davon gelöscht – gut, das ist Dein Recht, es ist Dein Blog. Ich nehme Dir das nicht übel, weil ich wohl erkannt habe, dass Du es aus Überzeugung getan hast. Es ist auch nicht so, dass Du nicht sympathisch rüberkämst – ich bewundere Dein Engagement und Deinen Idealismus. Auch ich habe meine Ideale, die ich vertrete – und ich glaube, dass die sich grundsätzlich von Deinen weitaus weniger unterscheiden, als Du mir vielleicht unterstellst. Ich habe etwas andere Vorstellungen darüber, wie sich die Ideale von Gleichberechtigung, Antidiskriminierung, Vielfalt und Toleranz am besten verwirklichen lassen.

    Ich habe auch keine Theorien der neuen Rechten aufgegriffen, wenngleich Du glaubst, da Parallelen erkannt zu haben. Es sind meine Gedanken und Einschätzungen, und die Theorien, die ich dabei aufgegriffen habe, sind psychologische. Und ob meine Einschätzungen und Überlegungen stimmen, ist wiederum eine Frage objektivierbarer Tatsachen, sonst nichts.

    Aber dass Du mich in die CDU-Ortsgruppe geschickt hast, habe ich schon so verstanden, dass Du mich damit als Teil der „Feind-Gruppe“ identifiziert hast und nicht als Linken mit entsprechenden Idealen, dessen Ansichten sich vielleicht etwas von Deinen unterscheiden.

    Und die Therapieempfehlung kam auch nicht von mir.

  131. Loellie August 3, 2012 um 11:35 pm

    Egal, ich hab alles.
    Doku geht auch.

    Ach, ich hab den gerade noch auf der Platte gefunden

    http://www.imdb.com/title/tt0071334/

  132. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 11:40 pm

    @ Lollie:

    „Wobei es tatsächlich psychologische Ursachen hat, dass ich die ganze Zeit schon “Schwulen-Hasser” lese.“

    Das muss psychologische Ursachen haben, ich bin nämlich schwul und leide nicht an Selbsthass. Vielleicht passt es aber ganz gut in das Bild, das Du von mir hast. Selektive Wahrnehmung?

  133. Schubladen-Hasser August 3, 2012 um 11:50 pm

    „Irgendwie so. Die armen Sarrazin-Fans können da gar nix dafür, freilich nur deskriptiv, nicht normativ, dass wir mit unserem massiven Einfluss auf Springer-Kampagnen, Frau Kelek und Hape Friedrich geradezu notwendig zum “Ausländer abfackeln” beitragen, was heißt beitragen, es im Sinne strikter Kausalität verursachen. Alles willenlose Marionetten der PC-Diktatoren, deskriptiv, nicht normativ – das liegt an unserer gruppendynamischen Struktur hier.“

    Momo, vielleicht solltst Du Dich mal ernsthaft mit den psychologischen Grundlagen dazu befassen, statt es jetzt so ins Lächerliche zu ziehen und mir lauter Dinge in den Mund zu legen, die ich nie gesagt habe. Was Du hier demoinstrierst, ist reine Abwehr, nicht mehr. Würdest Du Dich ernsthaft mit dem auseinandersetzen, was ich geschrieben habe, und nach gründlicher Reflexion zu dem Schluss kommen, dass da entweder was dran sein könnte, oder aber auch tatsächlich alles völlig an den Haaren herbeigezogen ist, und zwar aus diesem und jenem Grunde – dann wäre es keine Abwehr. Aber Du tust leider sehr viel, um gar nicht erst darüber nachdenken zu müssen. Sicherlich wirst du Deine Gründe dafür haben.

  134. momorulez August 3, 2012 um 11:51 pm

    @Schubladenhasser:

    Ich finde das übrigens gar nicht schlimm, wenn man mir was übel nimmt 😀 … manchmal strebe ich das geradezu an, und es gelingt mir nicht. Und dieses Blog ist übrigens ursprünglich entstanden, weil im Rahmen meiner Arbeit bei den Massemedien waaaaaaahnsinnig viel nicht gesagt werden kann und auch nicht in einer Form, die ich für richtig halte – soll heißen: Da, wo wirklich viele Leute erreicht werden, ist es bestimmt nicht PC, was da zensiert oder autoritär unterbindet, glaube es mir.

    Die Topoi, die ich als Strategie der Neuen Rechten betrachte, habe ich doch genannt – die vermeintlich totalitäre Herrschaft von PC behaupten, die Herrschaft von Minderheiten über Mehrheiten unterstellen, jenen, die historische Opfer der Totalitarismen waren, diesen in die Schuhe schieben wollen, zu behaupten, eine gewissermaßen naturwüchsige und gerechtfertigte Wut auf Nicht-Integrierte sei der Grund für Rassismus und somit die PoC selbst. All das lösche ich hier meistens weg und reagiere harsch.

    Ansonsten schreibe ich hier eigentlich „raus“, was mir durch den Kopf geht und ich loswerden muss, um nicht weiter darüber zu grübeln, mittlerweile. Oder auch, wenn ich merke, dass PoC- oder feministische Allierte Unterstützung brauchen, manchmal hilft es, wenn ein weißer Mann mit mischt. Das hat schon auch was mit Ego zu tun, aber nicht nur.

    Und wenn dann Loellie, T. Albert oder jüngst Hannah hinzu stoßen, dann freue ich mich. Was hier sonst manchmal abgeht verblüfft mich immer wieder aufs Neue.

  135. momorulez August 4, 2012 um 12:01 am

    @Schubladenhasser:

    Ich halte das für dummes Zeug und völlig absurd. Ich weiß, dass es psychologische Entlastungseffekte und Trotzreaktionen gibt und manche sich einbilden, irgendwelche linken Diskurswächter würden aus moralischen Gründen Wahrheiten verschleiern wollen, bin aber medienerfahren genug, um zu wissen, dass das Bullshit ist. Primär ist der Impuls, sich als etwas Besseres fühlen zu wollen, indem man eh schon Marginalisierte abwertet, dass man Subjekt bleiben will, indem man andere objektiviert, und dass bei alledem die Normalisierten auf das Deviante eindreschen und es zum Gegenstand von Diskursen und Abhandlungen machen und auf die marginalisierten Gruppen zeitgleich eingewirkt wird und sie zum Verschwinden gebracht werden. Und das alles im Rahmen einer Verteilungsschlacht.

    Das, was Du schreibst, ist sekundär und im Grunde genommen nicht weiter wichtig zum Verständnis sozialer Prozesse.

  136. T. Albert August 4, 2012 um 12:14 am

    merke gerade an mir, dass da was dran ist an der Reaktanz.

  137. Schubladen-Hasser August 4, 2012 um 1:37 am

    Gelöscht auf Wunsch des Kommentators. MR

  138. Schubladen-Hasser August 4, 2012 um 3:12 am

    „Die Topoi, die ich als Strategie der Neuen Rechten betrachte, habe ich doch genannt – die vermeintlich totalitäre Herrschaft von PC behaupten, die Herrschaft von Minderheiten über Mehrheiten unterstellen, jenen, die historische Opfer der Totalitarismen waren, diesen in die Schuhe schieben wollen, zu behaupten, eine gewissermaßen naturwüchsige und gerechtfertigte Wut auf Nicht-Integrierte sei der Grund für Rassismus und somit die PoC selbst. All das lösche ich hier meistens weg und reagiere harsch.“

    Nichts, aber auch wirklich gar nichts von dem, was Du hier schreibst, hatte ich auch nur annähernd so geschrieben. Ich habe keine totalitäre Herrschaft der PC behauptet – ich habe nur gesagt, dass es wichtiger ist, die Leute mit Argumenten zu überzeugen. Und dass es unschöne Nebenwirkungen haben kann, wenn man stattdessen versucht (was leider oft getan wird), sie nicht zu überzeugen, sondern mit Empörung und sozialer Ächtung zu konditionieren.

    Erstens, weil das häufig Reaktanz erzeugt und somit das Gegenteil von dem bewirkt, was es bewirken soll. Und zweitens, weil sich diejenigen, bei denen es keine Reaktanz erzeugt, dann einfach nur daran gewöhnen, nicht mehr eigenständig zu denken und ihre Einstellungen und Werturteile von moralischen Autoritäten zu übernehmen. Und weil sich der Wind schneller drehen kann, als Du gucken kannst. Und mit ihm die Leute, die die Vorgaben machen. Das passiert ja gerade schon. Und auch jetzt wird oft schon von sehr vielen nicht bemerkt, dass das, was in den Massenmedien als PC verkauft wird, eigentlich Minderheiten diskriminiert. Z.B. die Palästinsenser, z.B. Menschen mit Behinderungen, wenn es um extreme Spätabtreibungen von lebensfähigen, kognitiv und emotional voll entwickelten behinderten Föten geht. (Da sind wir wieder bei dem Punkt, dass im Fall von Interessenskonflikten grundsätzlich die besser organisierte Minderheit bestimmt, was als PC zu gelten hat und was nicht.) Und ich glaube auch, dass das, was dazu führt, dass Du viele Deiner Ansichten nicht in den Massenmedien veröffentlichen kannst, sehr wohl viel mit PC-Zensur zu tun hat. Für DIE ist es nämlich nicht PC. Die halten eben andere Dinge für politisch korrekt. In den USA war es lange Zeit politisch extrem unkorrekt, gegen den War On Terror zu sein. Glaubst Du wirklich, dass Menschen, die zu konsequentem intellektuellem Gehorsam (durch soziale Konditionierung, nicht durch Einsicht) erzogen werden, beim Aufkeimen eines neuen Faschismus Widerstand leisten würden? Würden sie natürlich nicht, weil sie sich ja eh immer an den Wertvorstellungen anderer orientiert haben, und weil es dann ja z.B. heißen würde, die Muslime seien antisemitische, homophobe und frauenfeindliche Faschisten, und wenn Du die in Schutz nimmst, bist Du selbst der Nazi. Das würde DANN in der Mehrheit als als politisch korrekt gelten. Und wenn man ja schon immer politisch korrekt sein musste, dann natürlich auch jetzt.

    Davon abgesehen habe ich noch nirgendwo hier die These zur Diskussion vorgeschlagen, die Juden seien selbst schuld am Antisemitismus, oder integrationsunwillige PoC seien schuld am Rassismus. Was ich über die Vorläuferbedingungen geschrieben habe, die Pim Fortuyn und Geert Wilders mutmaßlich erst so stark gemacht hatten, stammte aus einer soziologischen Analyse, übrigens von einem linken Schwulen, falls es Dich interessiert. (In Holland ist die Linke intellektuell etwas weniger konservativ-traditionell und aufgeschlossener als hier.) Aber auch da ging es nicht darum, dass ich schlecht integrierte Migranten als Grund genannt hatte. Es ging vielmehr darum, dass man in NL lange gar nicht über Integration sprechen durfte, noch nicht einmal über die sprachliche, die ja die Voraussetzung für soziale Teilhabechancen ist. (Wenn Du auch gegen sprachliche Integration bist, raubst Du den Nachkommen der Einwanderer sämtliche Bildungschancen. Ist es das, was Du willst?)

    Was Du unterdrücken willst, wird immer wieder hochkommen – und je tiefer Du den Ball unter Wasser drückst, desto schneller kommt er plötzlich hochgeschossen. Also drück den Ball (Rassismus) nicht unter Wasser, sondern versuche, ihm die Luft wirklich nachhaltig abzupumpen. Das kannst Du nur, indem Du diskutierst und überzeugst, nicht indem Du Dich empörst und Menschen mit sozialer Ächtung abstrafst. Das kommt immer irgendwann wieder zurück. Die halten dann vielleicht kurzfristig die Fresse, aber langfristig rotten sich die Frustrierten dann zusammen, machen Politik und ziehen alle Leute auf ihre Seite, die ebenfalls frustriert sind. Und das werden irgendwann ziemlich viele sein, wenn die Diskussionen in den Medien weiter so autoritär und bevormundend geführt werden, statt die Leute – ohne Ausübung von Konformitätsdruck – einfach nur mit den guten Argumenten aufzuklären, die man hat.

  139. momorulez August 4, 2012 um 9:06 am

    Mal ab davon, dass es mir leid für Dich tut, dass Dir ansonsten offenkundig niemand zuhört, mir ist das hier gerade echt zu viel – was in massenmedialen Kontexten vor sich geht, dazu brauche ich Deine Expertise wirklich nicht. Und „Politically Incorrect“ heißt nicht umsonst so. Und dann ziehe Du mal weiter in die Welt und versuche zu „überzeugen“; ich arbeite derweil weiter an der Errichtung einer maoistischen Diktatur 😀 – und träume von Sex mit Männern in Uniformen.

  140. David August 4, 2012 um 11:33 am

    Es kann vielleicht teilweise ganz erheiternd sein, Leuten vorzuführen, daß ihre Positionen schon innerhalb ihrer eigenen Diskursvorgaben nicht haltbar ist. Aber man sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß solche Argumente die wenigstens hypothetische Akzeptanz der Diskursvorgaben voraussetzen und darum nur innerhalb dieser Diskursvorgaben überhaupt wirklich von Interesse sind. Ich bin mir nicht sicher, ob sich alle Verfechter des sachlichen Arguments das bewußt machen.

    Beispielsweise bin ich mir ziemlich sicher, daß sich die Behauptung, die Gleichstellung Homosexueller stehe dem Fortbestand der traditionellen Familie entgegen, widerlegen läßt, indem man sich in Ländern, wo sie stattgefunden hat, die tatsächlichen Auswirkungen der Gleichstellung auf die Zahl der geschlossenen heterosexuellen Ehen ansieht. Ist sie nicht wesentlich zurückgegangen, hat man das Argument sachlich widerlegt, aber Voraussetzung war, es zuerst ernst zu nehmen, also die Sorge um die traditionelle Familie als berechtigt anzuerkennen und als unbegründet zurückzuweisen. Was wäre aber, wenn der Befund anders ausfiele und die Zahl der geschlossenen traditionellen Ehen tatsächlich zurückgegangen wäre? Wäre das dann ein Argument gegen Gleichstellung?

    Diese Art von sachlichem Argument ist darauf angewiesen, daß die Empirie zufällig das nicht hergibt, was die, die man überzeugen will, behaupten. Gibt sie das aber her, hat man entweder kein Argument mehr oder man ist spätestens dann gezwungen, die Wertsetzungen derer, die man überzeugen will, selbst anzugreifen. Momorulez verstehe ich so, daß er keinen Bock mehr darauf hat, Heten davon zu überzeugen, daß – beispielsweise – Gleichstellung ihre geliebte Familie nicht gefährde, sondern stattdessen die Forderung von Gleichstellung zur Diskursvorgabe macht. Wenn also der Fortbestand der traditionellen heterosexuellen Familie der Gleichstellung entgegensteht, dann ist das vielleicht traurig für die Familie, aber die Probleme der Heten, ihre bevorzugte Lebensform aufrecht zu erhalten, sind nicht Momorulez‘ Problem.

    Und jetzt überzeuge Mal jemand, der etwas anderes denkt, mit Statistiken davon, daß Gleichstellung wichtiger ist als der Fortbestand der Familie.

  141. Schubladen-Hasser August 4, 2012 um 11:37 am

    Was soll das denn jetzt mit „Politically Incorrect“ – das ist doch nur die Kehrseite der Medaille. Wenn Du die Leute durch Ausübung von sozialem Druck zwingen willst, „politisch korrekt“ zu denken und zwar nur im Sinne Deiner Definition, dann werden einige genau das tun, und andere werden erst recht alles tun, um möglichst „politisch inkorrekt“ zu sein und sich dadurch die Illusion von Autonomie zurückzuerobern. Ich habe niemanden dazu aufgefordert, politisch inkorrekt zu sein – das Problem ist nur, dass es in Deiner Welt zwischen den zwei Extremen (den einen, die Dir blind alles glauben und den anderen, die sich auf „Politically Incorrect“ organisieren) nicht viel zu geben scheint. Wenn sich jemand wirklich mit der Thematik befasst und daher aus Überzeugung politisch korrekte Einstellungen übernimmt, ist es doch wunderbar. Sonst hat es keinen Wert.

    Wenn er/sie es aber nur macht, weil sie/er Angst vor sozialer Ächtung hat, dann kannst Du das heute als Erfolg verbuchen – und wirst Dich morgen darüber wundern, dass genau dieser Mensch aus der gleichen Motivation und dem gleichen Konformismus heraus anfängt, die Dinge zu glauben, die ganz andere Leute ihm als vermeintlich „politisch korrekt“ vorgeben. Du hast ihn ja jahrelang genau dazu trainiert, nicht mehr selbst zu denken, sondern sein Fähnchen immer schön in den Wind zu halten und genau das zu glauben und zu denken, was im jeweiligen Zeitgeist gerade als „gut“ gilt. Dann wundere Dich doch bitte nicht, wenn es morgen als gut gilt, den bösen faschistischen Islam auszurotten. Die entscheidende Frage ist doch nicht, was jemand denkt und sagt (politisch korrekt oder nicht), sondern warum er oder sie es tut: aus eigener Überzeugung nach gründlicher Reflxion oder aus Opportunismus und Angst vor sozialer Ausgrenzung. Das Ergebnis mag zwar zunächst dassselbe sein – wenn sich der Wind im Lande dreht, ist es das aber nicht mehr. Und der Wind ist ja schon längst dabei, sich zu drehen. Es gibt nicht wenige Menschen gerade im sog. „Bildungsbürgertum“, die es unglaublich politisch inkorrekt finden, wenn anderen Leuten trotz aller Differenziertheit die Palästinenser nicht ganz so scheißegal sind wie ihnen selbst. Und by the way: Was glaubst Du denn, womit gerade der Krieg der „westlichen Wertegemeinschaft“ gegen den Iran vorbereitet wird? Richtig – mit (opportunistisch verstandener) Political Correctness. Weil es doch in vielen Kreisen schon lange heißt, dass ja jede(r), der/die gegen solche militärischen Interventionen ist, doch in Wahrheit eh nur Israel ausrotten wolle.

    Wie naiv bist Du? Das Problem ist doch nicht die Political Correctness an sich als authentische Überzeugung – ein Problem ist es dann, wenn die Leute dazu erzogen werden, die Definitionen dessen, was als PC vorgegeben wird, gar nicht mehr zu hinterfragen. Und genau das erreichst Du doch, wenn Du sagst, sie sollten einfach nur die Fresse halten, zuhören und nicht widersprechen.

  142. momorulez August 4, 2012 um 1:34 pm

    @David:

    Ja. Zudem ja, da kann man noch so sehr tun, als ob man nun sozusagen metaethisch das Normative deskriptiv betrachtet, die Fragen, um die es meistens geht, wahlweise evaluativ oder normativ aufgeladen sind. Als gesellschaftlicher Akteur bist Du dann Teilnehmer, ob Du willst oder nicht, und kannst Dich noch sehr objektiv und beobachtend gebärden, das interessiert die dominanten Gruppen gar nicht.

    Die Fragestellung, die Du ausgewählt hast, ergubt sich ja aus der Bewertung, dass die heterosexuelle Kleinfamilie etwas ist, was gut ist und Homosexualität nicht ganz so gut oder schlecht, je nachdem. Darüber diskutiere ich aber gar nicht 😀 – warum auch? Da stelle ich etwas zu Disposition, was für mich so ist, als würde ich dann lange Diskussionen mit anderen darüber führen, ob mein rechter Arm der Welt schadet und man ihn nicht lieber amputieren sollte – und die diskutieren ja meinen Arm, nicht ihren.

    Es wird zudem a priori nur eine Korrelation gecheckt, intervenierende Variable aber nicht, was nun wirklich jeder als erstes in der Einführung in die Methoden Sozialforschung lernt. So was wie Wahlprognosen kriegt man relativ kleinen Stichproben hin, weil es da die Möglichkeit intervenierender Variablen kaum gibt. Bei der Frage, ob denn nun Homosexualität die Kleinfamilie bedrohe, wirst Du sehr schnell auf ökonomische Parameter treffen, die viel entscheidender Formen des Zusammenlebens so oder so beeinflussen und auch die Wirkung von Religion.

    Es ist zudem so, dass eh schon rassistische Prämissen mit einer Konstruktion operieren, die gar keine Entsprechung in der Realität hat, es sei denn, man hält die Nürnberger „Rasse“gesetze für wissenschaftstauglich.

    Was ich hier betreibe, ist eben oft einfach zu gucken, welche Fragestellung nun mit Blick auf die Mehrheitsgesellschaft analog möglich wären, und da rasten die Leute aus und unterstellen sonstwas. Das ist dieser Prozess der „Markierung“, der da hinter steht: Schwul ist markiert, hetero zumeist nicht. Schwarz ist markiert, weiß in der Regel nicht. Frau ist ein Sonderfall, Mann das Allgemeine.

    Und es ist erstaunlich, was abgeht, wenn man das macht. Sich einfach mal so verhält wie der ganz durchschnittliche Mehrheitsgesellschaftler. Hammer! Im Grunde genommen bezichtigen die sich permanent selbst des Totalitarismus, Maoismus, des Autoritären und wasweißich, und vieles, was dann als „objektiver“ Diskurs auftritt, ist als soziale Praxis betrachtet ja noch mal was ganz anderes. Bei einem der Debatten hier kam ja jemand im Falle Sarrazins mit der Judenzählung, sehr treffend, da knallte dann auch wieder wer durch – Du wirst ja kaum Wissenschaft außerhalb gesellschaftlicher Funktionszusammenhänge finden, und immer, wenn etwas naturalisiert wird, was eigentliches Soziales betrifft, kannste sicher sein, dass da gerade was vermauschelt wird.

  143. momorulez August 4, 2012 um 1:49 pm

    @Schubladenhasser:

    Ob da nun gerade der Richtige über Naivität herzieht – ’nen Nazi, der mich gerade verprügeln, ’nen Evangelikalen, der mich aufhängen will, überzeugen? Die kann ich weder überzeugen noch zu irgendwas zwingen; was mich immer wieder irritiert, ist, dass ich jene Sphäre, die mit der Befugnis zu zwingen verbunden wäre, nämlich das staatliche Recht, annähernd ausschließlich im Sinne der Grundrechte behandel und ständig zum Pol Pot verklärt werde.

    Meine Erfahrung ist zum einen, dass man den Leuten erstmal ordentlich gegens Knie treten muss, damit die überhaupt zuhören – und so lange die das nicht tun, braucht man sich auch kein Mühe zu geben, die zu überzeugen, die meisten Mehrheitsgesellschaftler sind selbstgefällig, ignorant und mit sich selbst beschäftigt. Zum zweiten erregst Du in dieser Gesellschaft keinerlei Aufmerksamkeit, wenn Du nicht skandalisierst. Zum Dritten ist, wenn es einem gelungen ist, nach viel Gequäke mal 5 Minuten Aufmerksamkeit zu erhalten, dann ist angesagt, devianten Erfahrungen Raum zu verschaffen. Damit das Gegenüber nicht mehr mit Schablonen hantiert, sondern merkt, dass er es mit Personen zu tun hat. Viele rasten dann immer noch aus oder erst recht, bei manch anderem bleibt etwas hängen.

    Das war jetzt aber auch meine letzte Antwort an Dich. Dein manipulatives Getue, dass irgendwie davon ausgeht, dass all das noch NIE in den Horizont meines Denkens gerückt wäre, nervt und führt auch zu nichts. Das erste Mal habe ich diese Diskussion glaube ich 1982 geführt.

    Geh Du mal wieder schön in Dein Wolkenkuckucksheim und lass mich in Ruhe. Das grenzt ja schon an Stalking.

  144. Loellie August 4, 2012 um 2:52 pm

    David,

    „Diese Art von sachlichem Argument ist darauf angewiesen, daß die Empirie zufällig das nicht hergibt …“

    Das sowieso, aber es sind doch gerade christliche Extremisten, die ein Problem mit der Ehe herbeikonstruieren. Wie willst du denn mit Leuten diskutieren, die bei jedem Schlechtwetter vor Fernsehkameras rennen „die Schwulen sind schuld … „, und deren Seelenheil davon abhängt, deine Wissenschaft für Teufelswerk zu halten, mit dem der Anti-Christ ihre Glaubensfestigkeit prüft.
    Und wer wirklich glaubt, Sarazin kämpfe gegen Zensur, der hat sich genauso gegen das Konzept! des Argumentes verschlossen. Dabei war das einzige „Sprechverbot“ der letzten Jahrzehnte das Streichen der Nationalität / Herkunft in der Kriminalitätsstatistik, und den Polizeiberichten. Weil es keine Erkenntnis bringt.
    Hier ist ja schonmal einer rausgeflogen, der nicht begreifen wollte, dass der Begriff „Migrant“ kein PC-Geschwurbel für „Ausländer“ ist, um deren zarte Gefühle nicht zu verletzen, sondern Staatsbürgern die Staatsbürgerschafft abspricht, und warum anwesende Migranten, die zu dem Zeitpunkt der Diskussion in einer schweizweiten Kampagne als Kinderschänder diffamiert wurden, keine Lust hatten, diese abwertende Fremdzuschreibung für sich zu akzeptieren, um unaufgeregt über „Migrantenkriminalität“ zu diskutieren.
    Es gibt Begriffe, die eben nicht einfach nur Worte oder Bezeichnungen sind, sondern bei denen es sich um soziale und sogar juristische Praxen handelt. Der „Migrant“ und der „Migrationshintergrund“ macht aus mir, selbst nach Erlangung des schweizer Passes einen Bürger zweiter Klasse. Das ist keine „Beleidigung“ über die ich mich „moralisch ereiffere“ sondern eine juristische Einstufung mit der ich Leben muss.
    Ich käme nie auf die Idee, mein Schicksal mit einem Geflüchteten auf eine Stufe zu stellen, der einem Folterkeller entflohen ist, der bei dessen Abschiebung noch immer auf ihn wartet. Und trotzdem kann ich nicht so tun, als ginge mich das Thema nichts an.

    Ganz davon ab, dass das Thema Integration tatsächlich Jahrzehntelang tabuisiert wurde, aber doch nicht von den „politisch Korrekten“, sondern von den konservativen und rechten Rassisten, die den Kindern der „Gastarbeiter“ den Zugang zu Bildung gesetzlich verweigerten. DAS ist der Grund, weshalb es zu der zweiten Generation Zugewanderter kam, die kein Wort deutsch sprechen, und sich auch noch bei der dritten und vierten Generation Defizite in der Sprachkompetenz finden.
    Die „politisch Korrekten“ haben genau dagegen gekämpft, für Bleiberecht und Bildungszugang.
    Reaktanz my ass …

  145. Schubladen-Hasser August 4, 2012 um 3:16 pm

    Gelöscht auf Wunsch des Kommentators, MR

  146. momorulez August 4, 2012 um 4:59 pm

    @Schubladenhasser:

    An das mit Deinen Psychiatrierfahrungen erinnere ich mich tatsächlich nicht; da stand ja relativ viel in den gelöschten Artikeln, die ich zum Teil nachts gelöscht habe. Jetzt wird mir freilich einiges klarer. Der Punkt tut mir leid; Du führst hier doch aber gerade vor, was ich die ganze Zeit meine: Zeigst Du Deine persönliche Betroffenheit und Verletztheit, kann ich reagieren, aber doch nicht, wenn Du abstrakt über PC als Gruppenzwang auf Normalisierte, die man doch bitte überzeugen möge, referierst.

    Wenn ich das richtig verstehe, schreibst Du gerade aus dem Gefühl der Assymmetrie heraus, hier der als „krank“ sich fühlende, gefühlt habende, einer, der sich so bezeichnete oder auch nur so bezeichnet wurde, gegenüber einem, der sich – na ja, viele hier haben mir auch wundervolle Ferndiagnosen geliefert – ggf. auch wegen „keine Psychiatrierfahrung“, Therapieerfahrung habe ich, jn eine Surpremacy-Position begibt.

    Das ist doch aber exakt die Position, aus der heraus ich hier Marginalisiertenerfahrungen gegen die Mehrheitsgesellschaft ins Feld führe. Du versuchst doch auch gerade nicht mehr, mich zu überzeugen, finde ich ja gut. Und beziehst Dich damit auf ein vermeintlich autoritäres Verhalten, in dem sich die Haltung von Personengruppen wider spiegeln würde, eine individuell autoritäre Position Dir gegenüber habe ich ja nicht, bin weder Psychiater, der Zwangseinweisungen vor nehmen kann noch sonstwas. Du reagierst aber ja auf Manifestes; meine Arroganz, meine Besserwisserei, auf die Zurückweisung, und reagierst wütend und enttäuscht. „Stalker“ kann ein Trigger-Wort gewesen sein.

    Da ich das individuell nun auch nicht ändern kann, ins Allgemeine gewendet: Das ist exakt das, was ich hier auch seit Jahren ins Feld führe, dass genau das möglich sein muss. Marginalisierung ist Trauma, und die teils sehr heftigen emotionalen Reaktionen, die sich aus Traumatisierung ergeben, brauchen gesellschaftlichen Raum. Und sie werden unterdrückt, indem Leute zu Besonnenheit, sachlicher Argumentation, Unaufgregtheit usw. aufrufen – da hilft auch keine Überzegung des jeweils anderen, sondern nur Empowerment und Gefühlsausdruck ohne Rücksicht auf Verluste.

    Dafür nunmehr stelle ich gerne Webspace zur Verfügung. Und ich wünsche Dir mehr Empowerment und weniger Glaube daran, dass unaufgeregt-Allgemeine einem auch nur irgendwie weiter hilft. Im Grunde genommen ist das auch das Fazit meiner Blogger-Erfahrung hier.

  147. momorulez August 4, 2012 um 5:09 pm

    @Loellie:

    Ja. Das ist ja das, wo ich mir auch immer die Finger wund tippe, wenn mal wieder jemand Noah oder die Mädchenmannschaft des geplanten Massenmordes, der Errichtung Diktaturen, öffentlichen Haarabschneidemanövern oder scientologyartiger Gehirnwäsche bezichtigt – die ganzen juristischen und institutionellen Ordnungen, mit Sanktionsgewalt bewehrt, werden dann ganz plötzlich ausgerechnet von der Linken völlig ignoriert. Das einzige, wo die hinein spielen, ist die Vergewaltigungsfrage, aber auch da zeigen die Dunkelziffern, dass weniger ein denunziatorischer Gebrauch das Problem ist.

    Das ist schon verblüffend, wie das Spiel gespielt wird.

  148. Schubladen-Hasser August 4, 2012 um 8:37 pm

    Gelöscht auf Wunsch des Kommentators, MR

  149. Schubladen-Hasser August 4, 2012 um 8:43 pm

    Gelöscht auf Wunsch des Kommentators, MR

  150. momorulez August 4, 2012 um 8:45 pm

    Letzteres bezog sich auch nicht auf Dich, das waren Beispiele aus andren Diskussionen von anderen Leuten. Den Rest lese ich gerade.

  151. momorulez August 4, 2012 um 9:32 pm

    Puuh, zu dem langen Text – ich glaube schon, das alles zu verstehen, und da gibt es nun auch nix, worüber man sich lustig machen müsste.

    Aber überleg doch mal, wo Du Dich gerade äußerst: Du befindest Dich hier gerade auf einer allgemein einsehbaren Internetseite. Ich schreibe ja hier auch manchmal die dollsten Privatheiten rein, auch unter dem Schutz des Pseudonyms und viel stilisierter, als ich im sonstigen Leben so bin. Momo Rulez ist ja an irgendeinem Punkt auch eine Kunstfigur, die ich schreibend erzeuge und die auch für etwas da ist. Z.B. auch, um anmaßenden Heten, Sexisten und Rassisten an Bein zu pissen. Und ich glaube, Du musst ein bißchen aufpassen, nicht zu viel Persönliches im Netz Preis zu geben.

    Dieses ist nun eine Diskussion unter einem Text über die Reaktion eines Schwarzen auf eine Lesung von Sarah Kuttner, die sich, so scheint es, herzlich wenig Gedanken darüber gemacht hat wie PoC ihre Wahrnehmung – und sogar noch Gegendarstellungen erwirkt, wenn diese sich äußern. Natürlich dresche ich da auf sie ein, damit Leute wie sie merken, was sie da anrichten. Und werde einen Teufel tun, mich dann auf eine Diskussion über die arme, weiß Frau, zu der Schwarze so böse war, einzulassen. Das ist doch eh überall Thema.

    Wenn ich mir jetzt jedes Mal vorher vorstelle, mich gerade einer innerpsychiatrischen Therapiegruppe von Hochsensiblen gegenüber zu sehen, wenn ich mich zu solchen Fragen äußere, würde ich in der Tat verstummen. Dann kann man
    politische Praxis allerdings auch knicken und den Arschlöchern das Feld überlassen.

    Ich finde das Argument auch hochgradig manipulativ, und da ist mir dann auch vorrübergehend schnurz, ob das auch ein psychiatrischer Begriff ist.

    Würde ich hier über strukturelle Diskriminierung von Psychiatrisierten schreiben, mache ich nicht, weil ich das Thema zu schwierig finde, kannst Du aber davon ausgehen, dass ich mich da über mögliche Trigger vorher informieren würde, was ich schlicht und ergreifend von Frau Kuttner, die immerhin öffentlich-rechtliche Fernsehsendungen moderiert, auch erwarten würde. SIE macht ja das Thema Rassismus auf mit ihrer blöden Puppe.

    Mir sind nun allerdings keine tiefer gehenden, allgemeinen strukturellen Traumatisierungen aufgrund der Tatsache bekannt, dass Menschen in Deutschland weiß, heterosexuell oder Mann sind. Du verwechselt einfach Ursache und Wirkung.

    Und ich denke, da bringst Du zu viel aus Deiner persönlichen Lebensgeschichte mit allgemeinen, gesellschaftlichen Phänomenen durcheinander. Dieser Konflikt zwischen Selbstbestimmung und Konformität ist ja nun allerdings kein rein individueller, natürlich besteht der sowieso und für alle.

    Aber exakt den kritisiere ich hier fortwährend, den Konformismus, entschuldige bitte. Der geht zunächst von den dominanten Kulturen aus. Das vergisst man natürlich, wenn man sich viel in diesen subkulturellen Welten, Schwulenszene, linken Grüppchen usw. aufhält. Wieso das in letzteren so unerträglich ist verstehe ich selber nicht so ganz, bei der schwulen Szene ist das eine Zerrspiegelung von Heteronormativität und Patriachat.

    Das hat nur gesamtgesellschaftlich keinerlei Wirkung, dieses Subkulturgedöhns, und man kann sowas wie Rassismus und auch nicht so psychologisieren, wie Du das tust, sorry.

    Das kann ja passieren, wenn man sehr viel in der eigenen Psyche und der Reaktion anderer darauf zu tun hat. Und das sagt bestimmt auch sehr viel über den Umgang mit Traumatisierungen aus.

    Aber über irgendeine Struktur, in der dann PC irgendwelche Schweinereien hervorbringt, weil die BILD gar nicht anders kann, als das Verdrängte zu artikulieren aufgrund meines massiven Drucks auf sie, nee, sorry, das ist sachlich einfach falsch. Da hälst Du psychologische und gesellschaftliche Prozesse einfach nicht genug auseinander. Was ja in der psychoanalytischen Gesellschaftstheorie auch oft passiert ist von Fenichel bis zu Horst-Eberhardt Richter.

    Und es sei nur noch mal betont: Ich kann hier nicht so kommunizieren, als könnte ich Dir beim Gespräch in die Augen schauen.

  152. Schubladen-Hasser August 4, 2012 um 10:55 pm

    Gelöscht auf Wunsch des Kommentators, MR

  153. momorulez August 4, 2012 um 11:26 pm

    Ich schließ das für mich mal so ab: Es gibt strukturelle, systematische Diskrimierungen – Sexismus, Homophobie, Rassismus und auch Klassismus.

    Es gibt sehr viel andere Faktoren, die individuelle psychische Reaktionen nach sich ziehen können. Manche davon sind auch systemisch bedingt – Ehe, Familie, Mutterschaft, Angestellter sein, Chef sein, Politiker sein. Religion, Neoliberalismus, Polizeistaat. Davon sind die meisten in irgendeiner Form auf die anderen 4 bezogen, und dass viele damit nicht mehr klar kommen und auch nichts an die Hand bekommen, damit umzugehen, als Pillen, anachronistische Therapieformen wie Psychoanalyse und Verhaltenstherapie usw., ist ein Problem, ja. Die, die dann nicht funktionieren, sind auch Stigmatisierung ausgesetzt, ja, sehr heftig u.U.. – und die, die sich nicht darüber zu reden wagen, auch.

    An dem Punkt setzt dann auch strukturelle Diskriminierung ein, aber erst da.

    Gesellschaft ist aber nicht aus einzelnen Psychen zusammen gesetzt, das hat Margaret Thatcher zwar geglaubt, aber das ist deskriptiv wie normativ falsch. Man kann auch nicht wie die Liberalen „es werden doch auch Dicke gedisst“ zu einem Phänomen wie Rassismus in eine Relation im Sinne von „das ist doch das gleiche“ setzen, weil das nicht stimmt, trotzdem Körperkult und Schlankheitswahn Probleme sind.

    Mein geringer Einfluss auf die BILD ist keine Glaubensfrage, den habe ich nicht. Das ist eine Tatsache, die auch durch noch so originelle Thesenbildung nicht aufzuheben ist – dass Du Täter zu Opfern machen willst, dafür wirst Du Deine Gründe haben.

    Und ja, ich werte Leute manchmal ab, weil ich ja Politik nicht moralisieren will und mir abgewöhnt habe, mich dem Konformitätsdruck von Leuten wie Dir zu beugen 😀 … ich halte es da eher mit Varianten des Klassenkampfes. Du schreibst doch hier nur so viel, weil Du es nicht erträgst, dass ich eine andere Meinung als Du habe.

    Empowerment könnte Dir gut tun, so, wie Du da ran gehst, kommst Du ja nie raus aus den Dilemmata, die Du beschreibst.

    Ich empfehle Dir „Leben im Jetzt!“ von Eckehard Tolle und „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron, insbesondere das Kapitel über “ Die Tugendfalle“. Ersteres lebe ich hier im Blog zwar auch nicht, aber außerhalb gelingt es mir immer besser und bescherte mir bis dato mir noch nicht bekannte Momente des Glücks 🙂 … kein Scheiß. Und ich kenne niemanden, der das Buch von Frau Cameron nicht mit Gewinn gelesen hätte.

    Ansonsten lass uns diese Kommunikation hier bitte abschließen.

    Falls diese Unterhaltung etwas mit Deiner psychischen Verfasstheit macht, darfst Du mich gerne anmailen, meine ich ernst, aber bitte auch nur dann.

    Einen schönen Abend noch!

  154. Schubladen-Hasser August 5, 2012 um 12:04 am

    Gelöscht auf Wunsch des Kommentators, MR

  155. momorulez August 5, 2012 um 12:23 am

    Mail steht unter „Über“. Aber nur im Notfall. Und auch Dir eine gute Nacht.

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