Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Got the wings of heaven on my shoes …“

„Kaum zu glauben, dass drei Brüder mit so tuntigen Eunuchenstimmen in viel zu engen Glitzer-Overalls mit Riesenstehkragen und Brusthaarimplantaten, gepaart mit geföhnten langen Locken …“

Na, und nach diesem Ausfall folgt das völlig gerechtfertigte Lobpreisen dreier Pop-Genies. „Tuntig“ darf aber nicht fehlen. Voll schwul, ey.

Sie wimmerten, jammerten, kreischten, umschmeichelten, zeigten sich in ihrer Musik weich und doch rhythmisch – erinnere mich gut an ein leckeres Essen im „Freischwimmer“ mit einem der wichtigsten Musikproduzenten Deutschlands, der unter anderem Tocotronic und Kante zum Leuchten brachte, als wir uns völlig hinein steigerten in Begeisterungsstürme für die Bee Gees.

„Menschen, die gewohnt sind, auf derart hohem Niveau Musik zu machen“, so Tobias wörtlich, und irgendwie verspüre ich bei den BeeGees immer den Drang, Kronzeugen wie ihn anzuführen, weil auch hier in der Kommentarsektion zumeist von heterosexuellen Männern ungewöhnliche Ausfälle gegen sie erfolgten.

„Plastikmusik“, „Kommerzscheiße“ und diese Reihungen von Begriffen, die sich auch im Stern-Artikel finden – die wohl „unmännlichste“ Musik, die von einem rein männlichen Trio je gemacht wurde, allein das schon würde alle zu ihren Ehren verfassten Hymnen rechtfertigen. So was macht sich ihres Phallus stets versichernde Kerle ja oft nervös, all diese als weiblich geltenden Attribute, da nagt etwas am Selbstverständnis, wenn die brillianten Popsongs in ihrer so eigenwilligen Rhythmik aus Lautsprechern tönen.

Wer etwas über die Dramaturgie des Pop-Songs lernen möchte, sollte sich mal genau Stücke wie „Spirits having flown“ anhören. Das ist derart präzise, wie sich die Spannung aufbaut, wie die Chöre und Gesangslinien gesetzt sind als Flächen und Rhythmen über einem instrumentalen Bett, das ist wundervoll artifiziell, das gaukelt keinerlei Authentizität vor und spielt mit sich verschiebenden Oberflächen, ganz, wie man das auch von Andy Warhol lernen kann. Das ist konsequent durchproduziert und in sich vollkommen, vollständig künstlich und virtuos pointiert. Toll.

Da ist nichts inszeniert „Wildes“, ist nichts raw – was nun gar nichts gegen Künstler sagen soll, die raw agieren, aber dieses „Tuntige“, „Unechte“, das haben sie mit Wehmut und Melancholie gesättigt zu jenen Höhen geführt, zu der guter Pop fähig ist und die Cockrocker nie erreichen werden. So einen Welthit muss man erst mal zustande bringen, da stimmt einfach alles.

Klar, man kann ihnen wie vielen weißen Künstlern vorwerfen wollen, sie hätten sich Sounds aus PoC-Subkulturen zusammen geklaut und dann kommerziell abgesahnt, kurioserweise ähnlich wie auch Elvis Presley, der White-Trash-Junge mit den gefärbten Haaren und den geschminkten Augen, indem sie Country-Elemente mit vermengten und verpoppten. Diese Anekdote scheint das zu be- wie auch zu widerlegen:

„Do you know what „Jive Talkin'“ means? And we said, well yeah, it’s, ya know, you’re dancing. He says NO…it’s a black expression for bullshitting. And we went OH, REALLY?!?“. Maurice goes on to describe how Arif gave them „the groove, the tempo, everything.“ Robin then goes on to mention that, because they were English, they were less self-conscious about going into the „no go areas“, referring to musical styles that were more black in styles, etc. He then said „We didn’t think that there was any „no go“ areas, it’s music!“

Hier der Song zur Geschichte – ich denke, das ist so weit abstrahiert von jedem Versuch, an „Street Credibility“ zu schmarotzen, ist so eigen, dass man hier andere Kriterien anlegen muss als bei Leuten, die in den 80ern in Joe Cocker-Konzerte rannten, weil der „wie ein Schwarzer singt“ (so wörtliche meine Mutter). Zu Chuck Berry-Konzerten gingen sie nicht.

Disco ist immer schon die hybride Kultur des Melting Pots,

„The New York Times‘ effect on man

Whether you’re a brother

Or whether you’re a mother,

You’re stayin‘ alive, stayin‘ alive.

Feel the City breakin‘

and everybody’s shakin‘ – stayin‘ alive!“

und wenn man die dann noch in leckeren engen weißen Satin-Hosen betritt und dabei nicht den Jon Bon Jovi oder Rod Stewart  gibt, sondern die Föhnwelle, und mit „Eunuchenstimme“ singt, dann ist das, glaube ich, ziemlich in Ordnung – wurde Jimmy Summerville oder Sylvester eigentlich auch eine „nervige Falsettstimme“ bescheinigt, oder halten sich Heten da lieber gleich fern, um nicht in Verdacht zu geraten und lieber weiter über die Frisur von Mario Gomez zu lästern?

Ja, alles eben auch Nachfolger der Bee Gees, irgendwie, und es ist unendlich traurig, direkt nach einem Nachruf auf Donna Summer nun einen über Robin Gibb schreiben zu müssen. Auch hier gilt ein Dankeschön von tiefstem Herzen; über die guten Seiten einer Ästhetik der Popkultur habe ich bei denen unglaublich viel gelernt. All-Time-Favorites.

Rest in Peace, Robin Gibb.

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2 Antworten zu “„Got the wings of heaven on my shoes …“

  1. mark793 Mai 31, 2012 um 8:28 am

    Schmalztopf hin, Männersopran her, „Stayin‘ Alive“ und die anderen Gibb-Beiträge zum „Saturday Night Fever“-Soundtrack haben ihren Platz in der Hall of Fame des Pop meines Erachtens völlig zu Recht. Wobei es halt nicht jedem gegeben ist, die Hochfrequenz-Vokalistik der Bee Gees als angenehm zu empfinden, von daher glaube ich halbwegs zu wissen, was der SZ-Schreiber mit „nervigem Falsett“ meinte. Über Jimmy Summervilles Stimme zu lästern verbietet sich aber nicht etwa aufgrund dessen sexueller Orientierung, sondern weil sein glockenheller und klarer Gesang schlechterdings über alle Kritik erhaben ist.

  2. momorulez Mai 31, 2012 um 8:48 am

    Na, Falsett hat ja durchaus Tradition, z.B. in der Barock-Oper 🙂 – auch deshalb, wegen der Kastraten, finde ich das als nervig empfinden unter Bedingungen des patriachalen Phallozentrismus schon auch ganz lustig 😀 . Zudem das Interessante weniger die Melodieführung als diese rhythmischen Chöre sind, dieses Keuchen und Lechzen. Das ist echt brilliant.

    Und der Soundtrack ist schon ein Meilenstein, nicht nur wegen der BeeGees, da ist ja auch so viel anderer, wundervoller Kram mit drauf. „Disco Inferno“ und so was.

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