Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ein ziemlich persönlicher Nachruf: Danke, Donna Summer!

Well, darling, it is nice to be the queen of something. Isn’t it?! Wouldn’t you like to be the queen of something or the king of something? It is better than being, you know, I mean nothing. It is very, it is the highest compliment.”

Donna Summer in einer Fernseh-Dokumentation

«Wenn man sich « I feel Love » von 1977 anhört, klingt es wie aus der Zukunft. Und das zu einer Zeit, wo sich Punk gerade entwickelte und Punk dagegen altmodisch wirkte.

Simon Reynolds ebd.

Queen of Disco – bei mancher Musik weiß ich ja selbst nicht so ganz genau, wieso sie mir so immens viel bedeutet. Sie spricht etwas Fundamentales in meinem Seelenraum an, trifft einen Punkt, da Hochempfindliches, Elementares lebt, ein Zentrum des eigenen Lebensgefühls, das wie eine Farbe ein Bild prägen kann, die eigene Wahrnehmung, Aisthesis durchdringt und in einem fast schon intimen Innen angesiedelt ist.

Viele der Songs von Donna Summer berühren mich in diesem Sinne. Gar nicht unbedingt die bekanntesten Nummern, eher „On the Radio“ oder „Dim all the lights„, die Mac Arthur’s Park-Suite und „Last Dance„. Dieses bewusste und seltsam artifizielle, trotzdem ganz von Sehnsucht durchdrungene Spiel mit dem Kitsch, dem Glamour, dem Sentimentalen, das in ihrer Stimme liegt, die einen so ganz und gar eigenen Sound im ekstatischen Drive der Disco-Klänge entfaltet und durch die Arrangements strahlt in unübertrefflicher Klarheit; die dabei eine Wahrheit trifft, eine Möglichkeit, inmitten des Involviertseins noch Distanz und sogar Ironie in Melancholie zu wahren, gerade weil man gefühlstrunken den Klängen fast mit Hingabe folgt, ganz ohne sich aufzugeben oder sich nicht mehr ernst zu nehmen. Ach, ich liebe diese Stimme einfach, nun ist sie verstummt, und ich trauere wirklich.

In einem Urlaub auf Elba war es, da ich das „Bad Girls“-Album zum Geburtstag geschenkt bekam. Ein wirklich visionäres Stück Popmusik; ich meine, es wäre eines der ersten gewesen, da die Tracks ineinander gemixt waren, und es enthält so viel mehr als nur die Gassenhauer „Hot Stuff“ oder „Bad Girls“, auch so viel Leises, Sanftes, einfach nur Schönes. „On my honor“ zum Beispiel.

Es war toll, dieses Cover, das eigentümlich Donna Summer in verschiedenen Huren-Posen zeigte, in den Händen zu halten, während sich jeden Abend die eigene Mutter mit ihrem damaligen Freund unerträglichst über dessen Tochter stritt. Dass Heterosexuelle ganz schön seltsam sein können lernte ich da, ohne schon über derlei Begrifflichkeiten zu verfügen, während der Körper des Sohnes des Lebensabschnittsgefährten mir durchaus interessant erschien, damals, mit 13.

Donna Summer gehört zu diesen Initiationen in eine schwule Ästhetik, die natürlich erst durch Aneignung durch Schwule zu eben solcher wird. Wie einst auch Abba, in den mich sozialsierenden Jahren auch Zarah Leander oder Marlene Dietrich, keine Ahnung, wen die Youngster heute wählen, ob Beth Dito oder Lady Gaga.

Das Merkwürdige ist, dass viele dieser Identifikationsangebote, bei denen man selbst oft nicht weiß, wieso es welche sind, mich bereits faszinierten, bevor der Schritt der Annahme von so etwas wie „sexueller Identität“ auch mir aufgenötigt wurde. Die Knef oder Marianne Rosenberg und eben auch Disco packten mich in zartem Alter, ging ja los, als ich anfing, bewusst Musik zu hören; den ersten erotischen Traum, an den ich mich erinnern kann, hatte ich tatsächlich von Barry Gibb, man glaubt es kaum – eben jener der auch so überragenden Bee Gees, über deren „Eunuchenstimmen“ sich gröhlende Heten in Unkenntnis popmusikalischer Kriterien für Größe und Genie so gerne erheben.

Es ist ja fast ein Paradox, dass so vieles, was ein „queeres Lebensgefühl“ ausmacht, aus der Gospelkirche stammt. Da hat auch Donna Summer ihre Erweckungserlebnisse empfangen, da kommt so viele großartige Black Music her, das durchzieht noch den Chicago-House der 80er, diese fast religiös aufgeladene Hingabe an den Rhythmus, über den die nach Erlösung strebenden Gesangslinien sich sphärisch erheben und so einen Rausch erzeugen, den schon Irenäus von Lyon dem Glauben austreiben wollte. Disco und House sind so, oft so gar nicht intendiert, auch immer eine schwule Rache an der Kirche und eine Wiederaneignung von Gewissheit im Tanz.

Um so größer der Skandal, als vermeldet wurde, Donna Summer habe AIDS als Strafe Gottes behauptet. Manche Quellen vermelden, sie habe bestritten, das je gesagt zu haben, andere, sie habe sich entschuldigt. Auch als Gerücht ein schwerer Schlag, war Disco doch auch Soundtrack jenes Aufbruchs nach der Legalisierung von so called „Homosexualität“, jener so kurzen Phase nach Stonewall und vor AIDS. Es gibt einen Dokumentarfilm über West End-Records, eines der wichtigen Label damals, der, wenn ich mich recht entsinne, mit einer Totenliste endet, weil jeder Schwule in New York binnen kurzem einen Freundeskreis aus lauter Leichen besaß – es ist eine unsagbare Gemeinheit der Geschichte, mitten hinein in die neue Freiheit diese Krankheit geschickt zu haben.

Die Melancholie, die unterschwellige Traurigkeit, die so vielen Disco-Hymnen, den guten, inne wohnt, scheint das voraus geahnt zu haben und spiegelt auch reale Verhältnisse. Und diese Doppelbödigkeit ist es, die auch im Gesang von Donna Summer wirkt und noch die Arbeiterinnenhymne „She works hard for the money“ antreibt. Es erstaunt nicht, dass sie mit einer anderen unserer Göttinnen, Barbra Streisand, ein Duett geschmettert hat.

Und natürlich fragt man sich manchmal, ob bei dieser Vergöttlichung eine Instrumentalisierung von Frauen durch Schwule vorliegt, aber, ich weiß nicht, ist Verehrung und sich inspirieren lassen ein instrumentelles Verhältnis? Simon Reynolds, jener Autor, der die wohl besten Bücher über Popmusik ever geschrieben hat, erklärt den Zusammenhang folgendermaßen:

„Disco kam aus dem schwulen Untergrund – die erste Pop-Musik, die die schwule Kultur in die Normalität des Alltags einbrachte. Die Homosexuellen, vor allem die Männer, haben sich mit starken weiblichen Stimmen identifiziert, mit Diven wie Donna Summer.“

Weil es ansonsten kaum Identifikationsangbote für Schwule gab und im Grunde genommen ja bis heute kaum gibt. Weil man nicht automatisch daran gewöhnt wurde, als Mann von Männern begehrt zu werden, ganz im Gegenteil, und so die Vorstellung, wie Donna Summer fast pornoesk zu locken, als Pose angeeignet wird.

Wer will schon sein wie Guido Westerwelle? Auch das ist ja das Bemerkenswerte an Disco: Es ist genuin nur dann eine Anzugträger-Kultur, wenn selbst Marginalisierte wie der von John Travolta in „Saturday Night Fever“ Verkörperte ihn sich überstreifen, um der ökonomischen Rollenzuweisung auf der Tanzfläche zu entfliehen. Was dann im „Studio 54“ – ambivalent, immerhin auch der Ort für Andy Warhol, Truman Capote und Grace Jones – oder dem P1 draus wurde, geschenkt; es ist eben die Musik zum Zelebrieren von Emotion und Körperlichkeit und nicht das vertonte Gedicht eines Bob Dylan und gerade deshalb so großartig. Es ist auch das Gegenbild zum verbürgerlichten LSVD-Schwulen und setzt dem Hedonismus, Ekstase und Rausch entgegen – wobei man wohl beides auch verbinden kann, schade eigentlich.

Disco heißt „Ich habe nichts als meinen Körper, und selbst wenn ich ihn verkaufen muss, den habe ich und genieße ich“ von Latino-Strichern und -Transvestiten und anderen, die zur Disco gewandelte Kirchen im New Yorker Hell’s Kitchen so lustvoll betanzten, dass Razzien an der Nachtordnung waren und zum Sound von Curtis Mayfield die Polizei tanzend und lautstark verhöhnt wurde. Bis sie den Club dicht machten, habe vergessen, wie der hieß.

Interessant ist somit auch, wo und wie Disco fort gewirkt hat – zum einen der Negativ-Strang, der zu Dieter Bohlen führt, zum anderen aber zu großartigen und stilprägenden Künstlern wie den Pet Shop Boys. Klaus Walter hat jüngst eine Hommage zu deren neu veröffentlichten B-Seiten geschrieben; ich habe mich schon geärgert, dass mal wieder eine Hete Schwulen erzählen will, wie sie zu agitieren haben, aber in der Sache hat er ja recht:

„Schwule Pop-Universalisten im besten Sinn und als solche für bestehende Ordnungen mitunter gefährlicher als Bekennertypen, die zu dröger Musik lauthals rauströten, wie „Glad to be gay“ sie doch sind.“

Und mag auch Donna Summer von „Hot Stuff“ an mit dem Rock kokettiert haben, ihr Erbe lässt sich auch wie folgt verstehen:

„Oder was ist zu halten von Titeln wie „Sexy Northerner“? „The Truck-Driver And His Mate“? Oder „How I Learned To Hate Rock And Roll“, ein Konzeptkunstwerk von einem Popsong.

Zum simplen Eurodiscowumms wiederholt Tennant viereinhalb Minuten lang die Titelzeile, seinen Hass äußert er mit aller Teilnahmslosigkeit, zu der seine Stimme fähig ist, und es gab nicht viele teilnahmslosere Sänger in den letzten 60 Jahren. Damit führen die Pet Shop Boys in ihrem Hasslied genau das vor, was Rockisten hassen an Pop, an Disco, an House, an Techno. An den Pet Shop Boys.“

Eben jene reaktionären Wixer, die bei „Disco Sucks!“-Veranstaltungen Platten verbrannten, was sie jedoch lieber gleich und am liebsten auch mit Queer- und People of Colour gemacht hätten. Weil die aus dieser Musik etwas zogen, was die Headbanger und Luftgitarrenspieler nie erfahren werden.

Ein emphatisches und wirklich tief empfundenes Dankeschön an eine gigantische Künstlerin wie Donna Summer, es sind Tage, Wochen, Monate, Jahre des mit ihrer Musik Lebens, sei somit stellvertretend formuliert für alle, denen sie wirklich viel Glück im Erleben geschenkt hat, sei es nun auf der Tanzfläche, zu Hause auf dem Sofa oder mit Kopfhörer im ICE. Und derer gibt es weltweit so unendlich viele.

Rest in Peace.

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5 Antworten zu “Ein ziemlich persönlicher Nachruf: Danke, Donna Summer!

  1. T. Albert Mai 20, 2012 um 12:13 pm

    ja, mist! die tollen leute sterben parallel zum laufenden rollback. die lassen uns allein.

  2. momorulez Mai 20, 2012 um 4:29 pm

    In der Musik gibt es ja zum Glück immer wieder auch tolle Leute – in anderen gesellschaftlichen Bereichen verschwinden die aber tatsächlich. Die 60er, 70er und 80er waren politisch, philosophisch, soziologisch, in bestimmter Hinsicht auch literarisch, doch noch ganz schön wuchtig und inspirierend. Und das haben manche denen derart übel genommen, dass sie sich ganztägig davon ernähren ihren Rollback ausscheiden. Zudem im Grunde genommen vieles, was in der Popmusik gut war in den letzten 10 Jahren, auch nur Retro war.

  3. T. Albert Mai 20, 2012 um 8:06 pm

    Die 60er, 70er und 80er waren politisch, philosophisch, soziologisch, in bestimmter Hinsicht auch literarisch, doch noch ganz schön wuchtig und inspirierend. Und das haben manche denen derart übel genommen, dass sie sich ganztägig davon ernähren ihren Rollback ausscheiden.

    – Genau das meine ich. Es war schön, wuchtig und inspirierend, und es ist vorbei trotz toller Leute in der Musik. In meinen Bereichen zählt das alles nicht mehr, und ich kenne genug Leute meines Alters, von denen ich jetzt weiss, dass sie damals nur Camouflage betrieben haben und heute als Lehrer das erzählen, was ihre Väter auch erzählt haben. Aber ich kenne auch andere, die ihre Irritationen gerade zu überwinden versuchen, um sich wieder auf die Füsse zu stellen, wie ich ja auch. Und manche ganz junge entwickeln starkes ästhetisches und politisches Interesse an jenen Zeiten, morgen darf ich zu meiner Freude wieder einige davon unterrichten.

  4. momorulez Mai 20, 2012 um 9:19 pm

    Dass nach diesem 90er/Nuller-Jahre-Loch bei den jetzt Anfang bis Mitte 20jährigen neues Interesse heran wächst, das Gefühl habe ich auch. Hatte auch am Freitag einen solchen, der in unserer Buchhaltung jobbt ( und der hier u.U. mit liest) in meinem Büro sitzen, der sich gerade die Anfänge linker Bewegungen drauf schafft, die ihm nie jemand in der Schule lehrte, und geradezu verblüfft, aber fasziniert von Hunderttausenden auf Kropotkins Beerdigung berichtete. Vermutlich hat der „Mauerfallschock“, ich fand ja prima, dass sie weg war, nur die prompt einsetzenden Fehldeutungen, na, die wusste man ja gleich als solche zu verstehen, haben eine völlig verdrehte, vermeintliche „Realitätsanpassung“, so ein Mitmachen aus illusionärer Desillusionierung, erzeugt. Manchmal kommt mir Stephen King gegen die eingebildeten „Realisten“ wie Fotorealismus vor. Und von der Erfahrung dieses Bruchs sind die Youngster halt frei und begegnen nun dem, was all die Freiheitslügner von Friedman über Nixon über Thatcher und Reagan bis Schröder für ein Unheil angerichtet haben. Dass alles dafür getan wird, durch „Rassifizierungen“ und den ganzen Islamkritik-Quatsch davon abzulenken, das schnallen ja hoffentlich auch immer mehr Leute.

  5. momorulez Mai 21, 2012 um 8:07 am

    Und jetzt hat es auch noch Robin Gibb erwischt 😦 – weder die BeeGees noch Donna Summer waren Kapitalismuskritiker, so gar nicht, aber in deren Sound lag eben doch was, was über die Affirmation des Bestehenden hinaus wies. Ruhe sanft, Robin Gibb!

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