Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„I liked my mem’ries as they were – but now I leave rememb’ring her“

Die Story, wie ich mich Knall auf Fall in einen Mann verknallte, der dieses so wundervoll vor Kitsch und Pathos triefende „Why God Why“ aus Miss Saigon volltrunken an der Bar von Schmidt’s Tivoli schmetterte, die erzähle ich jetzt nicht – kann man ja sinnentstellt auch als Zeilen auf ein Bauwerk hin, das gerade abgeräumt wird, lesen, den Passus in der Überschrift.

War es gegen Nürnberg, im letzten Spiel der Hinrunde, als Nico Patschinski nach einem grandiosen 1:0-Sieg gegen den Tabellenführer ein Interview mit der Gegengeraden im Rücken gab – als er sozusagen nebenbei, während er Fragen beantwortete, die Arme hoch riss und mit den dort Stehenden die Welle machte? Das Spiel

mit dem genialen Freistoß von Markus Lotter fast von der Eckfahne, der zum entscheidenden Tor führte?

Meine erste Saison; von Anbeginn an saß ich Block 1 gegenüber, damals H10, jetzt H8, im Angesicht der Singing Area, als es die alte Südkurve mit dem Gästeblock hinterm Tor noch gab … hätte ja nie da mitten drin stehen wollen, inmitten der Gegengerade-Stehplätze, aber der Anblick war schon richtig prima und bewegte zum immer wieder kommen wollen.

Prima, so richtig ganz und gar prima war es auch, 6 Jahre lang Carsten Rothenbach zuzujubeln, in finstersten Regionalligazeiten diese charmanten O-Beine unermüdlich zuverlässig und immer irgendwie würdevoll und aufrecht den Platz beackern zu sehen; unvergessen nicht nur das Tor gegen Dresden. Prima, überwältigend prima war auch diese irrevidierbare Geste Nakis, als er die Fahne in Rostocker Boden rammte – eigentlich war ich ja ganz und gar auf solche Gefühle, wehmütig, sentimental, rührselig mit Tränen in Augenwinkeln eingestellt, auf eine Klatsche durch Paderborn, Sechster, weil 1860 parallel gewinnen würde.

Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, nach dem Spiel zu hören, dass der Herr Schubert unseren FC St. Pauli verlassen würde und dass Marco Kurz käme. Weil wir einen Motivator brauchen, einen, der mit selbstbewussten, klugen Spielern klar kommt und diesen den Spaß am Spiel nicht nimmt. Keinen von denen, die glauben, man könne nur Verbesserungen erzielen, wenn man ständig alle zusammen faltet und auf ihre Defizite verweist. Keiner von denen, die die Machtregel Nr. 1 „Niemals anerkennen, was jemand anders tut!“ – da kommt man verblüffend weit mit, ich kann die 😀 – zur Autoritätsstabilisierung nutzen und Andere klein halten, um sich selbst groß zu fühlen.

Ich weiß ja gar nicht, ob der Herr Schubert so agiert, die Mannschaft hat aber so gespielt als ob. Er verzeihe mir Fehldeutungen.

Neben mir kündigen langjährige Haupttribünensitzer an, sie wollten keine Dauerkarte mehr kaufen, wenn die „Paderborniertheit“ am Ruder bliebe.

Nun ist es zu billig, diese seltsame bleierne Schwere und Öde, die die Saison trotz sportlicher Erfolge begleitet hat, an einer Person fest zu machen. Das ist natürlich auch ein unterschwelliges Wühlen und Graben gewesen, weil von den Untiefen der 3. Liga bis zum Rückrundenbesten zu Beginn eben dieser und dem Derbysieg eine ziemlich euphorische Aufwärtsbewegung der Fall war zumindest sportlich, die Sozialromantiker zudem auch zunächst Schwung verhießen – und doch zugleich die alte Heimat sich in etwas verwandelt, was gar nicht mehr aussieht wie der FC St. Pauli.

Weiß noch, wie ich nach Abpfiff, ich meine, es war ein Spiel gegen Düsseldorf, noch ewig traurig und mit beginnendem Phantomschmerz auf meiner heiß geliebten, alten Haupttribüne verharrte und ins Nichts der Zukunft starrte, und natürlich kann das neue Gemäuer den alten Brettern nicht das Wasser, geschweige denn das Astra reichen.

Fühlte so ganz und gar mit jenen, die gestern ein letztes Mal auf ihren Stufen standen und auf ihren wohl vertrauten Sitzen ein letztes Mal das Spiel verfolgten; dort jedes zweite Wochenende jahrzehntelang zu wohnen, das ist ja ganz verdammt viel eigenes Leben, was da stattfand und mit Bier, Gefühlen, Leidenschaften, Zusammenbrüchen, Zorn und Freude und allerlei Arten von Rauch angefüllt Sinn verhieß.

Und trotzdem, trotz all des Abschieds von Menschen und Geraden lag während des Spiels so ein Gefühl von Befreiung in der Luft. Dieses seltsame Raunen dann noch, als alle dachten, Duisburg würde führen, die so wundervoll druckvoll aufspielende Mannschaft, die tollen Tore, ach, was habe ich „meinem“ Florian Bruns das gegönnt, wie fantastisch frech das Tor vom Volzy doch war, und der dramaturgisch perfekte Abschluss durch unser aller Naki, der immer unser aller Naki bleiben wird – da war wieder was inmitten all des Schwindens spürbar, für mich zumindest, was da eben sein muss am Millerntor.

Ich fand es schön.

Aaaaaargh … und dann sickerte es berichteweise schon vor die Domschänke, diese absurde Hatz um das Abbauen der Sitzschalen. Im Falle der Haupttribüne hatte es einen Extra-Termin gegeben, wo alle an den Bänken sägten, und ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass das Geld gekostet hätte. Es gab noch eine Abschiedsveranstaltung in der Süd, bei der ich flennend zusah, wie Corny den Bagger gegen das Haupttribünendach führte. Was war denn das für ein Scheiß diesmal?

Und dann dieses ganze Hin und Her heute.

Okay, man hat Schubert noch eine Chance gegeben, was ja auch völlig in Ordnung ist. Weil ja in den letzten Heimspielen zumindest die totale Verkrampfung im Spiel der Mannschaft gewichen war, in Düsseldorf auch – in Dresden leider nicht.

Hätte mich über eine andere Entscheidung mehr gefreut, aber für solche Erwägungen hat man das Präsidium ja auch gewählt (ich zwar nicht, egal), deshalb gilt auch hier nach diesem Eintrag erstmal wieder „Abwarten!“ und eine erneute Loyalitätsverpflichtung. Jemand, der so offen Lern- und Entwicklungsbereitschaft signalisiert wie Schubert, der hat dafür jeden Respekt verdient. Das hat mir schon imponiert heute.

Was freilich nicht die mediale Arbeit des FC St. Pauli betrifft. Mal ab davon, dass spätestens der Mopo-Irrsinn heute eher zeigt, ich verlinke ihn nicht, was für ein journalistisch verkommenes Gernegroß-Personal bei solchen Blättern schmierfinkt. Nun also Schulte weg schreiben, wo es schon bei Schubert nicht geklappt hat.

Diese kaum getrübte Wut, den eigenen Informanten auf den Leim gegangen zu sein, das ist ja schon eine freiwillige Selbstdemütigung. Und, abgesehen davon, selbst wenn das Prinzip in anderen Fällen gravierender greift – statt Informantenschutz nur wieder diffuse Denunziationen. Weil ja selbst die Heckenschützen aus dem Verein, wer auch immer das war, eben solchen Schutz zu genießen haben, der eigentlich für andere Fälle eingeführt wurde und den die Exekutive hasst wie die Pest.

Das ist nur ein weiterer Schritt der Kriegsführung der Hamburger Presse gegen den Verein, dieses völlig verblendete Hereinregieren wollen, von dem auch Wöckener nicht frei ist und das Herr Wenig so blamabel voller schiefer Töne in die Welt posaunt. „Vierte Gewalt“ kann eben auch der Wunsch nach sadistischer Machtausübung über ein Objekt sein und ist dieses ja auch ständig, ich frag mich nur immer, woher solche ihre Hybris nehmen.

Wie eben sich auch die Frage stellt, wieso es da so plötzlich zu all den Maulwürfen, Löchern und Indiskretionen kommen konnte und wer da eigentlich was genau gewollt hat. Das muss sich der Herr Bönig schon fragen lassen, wieso er das nicht mehr im Griff hatte, oder eben andere, wieso sie ihn so da im Regen stehen ließen. Und der Zeiger der Kirchturmuhr rückt von Strich zu Strich …

Und ist der Verein eigentlich verpflichtet, solche wie Rosenfeld und Dierenga weiter ins Stadion zu lassen?

Na, es war wie viel zu oft: Da siegt eine tolle Mannschaft aus sympathischen Typen 5:0 gegen einen Tabellennachbarn und direkten Konkurrenten, man will sich einfach nur freuen, um die paar Tore die Relegation verpasst zu haben, warum soll man sich da ärgern, wo es eh nicht mehr gegen den HSV gegangen wäre – und hinterher liest man von aus dem Ruder laufenden Ordnern, halbgare und teildreiste Vereinsstellungnahmen, sieht den FC ST. Pauli in Kriegsführung mittels Druckerschwärze verwickelt und tröstet sich damit, dass ausnahmsweise mal die Polizei keine Rolle in all den Eintrübungen nach einem tollen Sieg spielte …

PS: Mehr zum Spiel auch und zur wieder ganz famosen „Bezugsgruppe“ auch hier und hier.

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