Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn Jammerlappen plappern: Im Stilblütengarten des Maskulinismus

Bei diesem auf einmal allerorten aufploppenden, variantenreichen Maskulinismus, der von dem Gedanken zehrt, Männer seien das allseits diskriminierte Geschlecht, erstaunt die Stilblütenvielfalt dann doch. Was wohl auch daran liegt, dass in ihrem reggressiven Habitus die Neigung, jemand haben ihren Gefühlszuständen hinterher zu räumen, manch Männerpsyche dominiert und eben einfach Jammerlappen plappern.

Christoph Kucklick lässt seinen Text heute bei SpOn als „Essays“ bezeichnen, was in diesem Fall wohl daran liegt, dass er etwas versucht, was er in diesem Text nicht kann: Nämlich sinnvolle Gedanken auf halbwegs handfester empirischer Basis zu formulieren. Bemerkenswert ist, dass wie üblich darauf verzichtet wird, auch nur irgendeine rechtliche oder sozioökonomsiche Basis zu Gegenstand der Analyse zu erheben; so was gilt ja neuerdings auch als „Linksradikale Sozialstrukturanalyse“. Da finden sich dann Sätze wie:

„Über Männlichkeit wird schon seit 200 Jahren abfällig gedacht.“

Was mit Sicherheit noch nicht mal falsch ist, aber von wem denn? Wer durfte darüber publizieren, wann wurde das Frauenwahlrecht eingeführt, wann durften diese studieren – die Liste ist endlos weiter auszuführen; es ist eben nicht nur erheblich, was zufällig irgendwer irgendwann gedacht hat, sondern was davon reale Folgen hat, die sich in manifesten Sozialstrukturen abbilden.

Die „Hysterisierung der Frauen“ beispielsweise hatte klinische Relevanz und ist im Kontext des „Erfüllens ehelicher Pflichten“ zu begreifen; dass die eine oder andere der Vergewaltigten dann auch mal abwertend über Männer dachte, wird kaum Relevanz für Lehre, Forschung und faktische Kriminalistik gehabt haben. Und auch so populäre Sätze wie die eines Schopenhauer oder Nietzsche seien dabei auch nicht vergessen, ebenso wenig die Debatten zu „Frau am Steuer“, die ich noch in meiner Kindheit in den 70er Jahren verfolgen durfte,

Lustig auch Formulierungen wie die folgende:

„Frauen sind kommunikativer? Nö. Männer und Frauen reden etwa gleich viel.“

Na, aber über was denn wohl? Das ist meines Wissens nun tatsächlich ganz gut in der Jugendforschung belegt, dass Frauen auf Beziehungspflege und Partnerschaftverwaltung getrimmt werden, Männer auf Statuserwartungen. Das steht sogar in Ratgebern für Drehbuchautoren bei der Dialoggestaltung, darauf solle man achten: Männer reden über Status, Frauen über Beziehungen. Von daher reden Männer auch meistens über sich selbst, Frauen über Andere.

Das hat nun beides allerlei Folgen, dass ich z.B. auch oft genug vor den psychologisierend-manipulativen Seiten von Frauen davon gelaufen bin und mir so ein Egomane an meiner Seite weniger anstrengend erschien, gehört auch dazu. De facto ist das aber ein Ausgleich ungleicher Machtverhältnisse: Männer lernen, auf direktem Wege Bedürfnisse befriedigen zu dürfen, während Frauen sich doch bitte erst mal um Andere kümmern sollen. Und dann werden andere Wege der Macht gesucht, stelle ich einfach mal als These auf.

All das verweist auf nichts als auf das Wirtschaftssystem selbst, dessen zentrales Scharnier zur Aufrechterhaltung der Dominanz der Lohnarbeit für die breiten Massen die Kleinfamilie wurde. Noch zu Zeiten der frühen Industrialsierung war das komplexer, weil da Frauenarbeit gebraucht wurde und die von Kindern auch.

Heute gilt: Er wird der „Fortpflanzer“ und „Ernährer“ und von Kindesbeinen an darauf getrimmt, das anzustreben; dass es mittlerweile auch Väter gibt, die die Ernährer-Rolle gar nicht spielen wollen, um so besser. Erhellend ist dennoch wie üblich die Diskussion darüber, was passiert, wenn bei alleinerziehenden Müttern der „Ernährer“ abhanden gekommen ist, also abgewichen wird von der Norm – gegen die gibt es dann sogar Pressekampagnen.

Beim Gehalt-Thema entfaltet der „Essays“ erstaunlichweise genau das, was nun mal Kern ist: In Fragen der Ökonomie sind Frauen benachteiligt, weil das System darauf angelegt ist, dass sie die Mutterrolle spielen und ein „Ernährer“ an ihrer Seite steht.

Interessant freilich, was der Herr zum Thema Gewalt schreibt:

„In Sachen Gewalt sorgt unsere Gesellschaft mit Akribie dafür, dass vor allem Männer Gewaltopfer und -täter sind. Wir rekrutieren Männer, wenn es um Sterben, Beschädigung oder Straftaten gehen soll, von der Armee bis zu gefährlichen Berufen. Und wir ziehen vor allem Männer für Verbrechen zur Rechenschaft, in bemerkenswerter Ausschließlichkeit: Nur fünf Prozent aller Gefängnisinsassen sind weiblich – eine historisch Mini-Quote, frühere Zeiten sperrten durchaus paritätisch ein. Aber unser Rechtssystem sieht vor allem Männer als Täter.“

Wie kommt er von da aus nun zur „Männerphobie“? Das ist für eine Art „Critical Masculanity“ nun eigentlich ein spannendes Thema – warum landen denn Leute im Knast? Ich wette mal, dass in extrem vielen Fällen berechtigter Verurteilung wahlweise Status oder Ernährertum eine Rolle spielten. Sei es nun Drogenhandel oder Körperverletzung, ein gekränktes Ego oder Versicherungsbetrug – wofür verwenden denn Männer die Kohle? Na gut, Koks und Huren sollen auch vor kommen. Als Ausgleich vermutlich.

Und dass nun aus Männerphobie all die leckeren Jungs in den Schützengräben des 1. Weltkriegs oder in diversen Golfkriegen verheizt wurden, das bezweifele ich sehr. Die hätten mal lieber miteinander … na, make love not war gilt ja immer noch, aber genau vor dieser Art der Wehrkraftzersetzung haben Armeen Angst. Und warum führen Nationen Kriege? Mal von Neocon-Begründungen abgesehen, geht es auch da zumeist um Ressourcen oder um Kollektiv-Egos, also Status, an dem partizipiert wird, wie sie sich im Nationalismus zeigen.

Komischerweise geht darauf der Herr gar nicht ein, er betreibt lieber Literaturwissenschaft und sieht den Grund ebenfalls nicht im ja gar nicht primär „männerverachtenden“, sondern emanzipatorischen Feminismus. Was auch wieder so ein Megatrend ist, emanzipatorische Bestrebungen zwanghaft als Abwertung von irgendwas begreifen zu wollen.

Herr Kucklick sucht stattdessen irgendwelche Quellen in Schriften von Autoren, die kein Schwein mehr kennt, und ignoriert dabei, dass in faktischen, sozioökonomischen Strukturen die Identifizierung von Frauen mit Natur, Männern mit Geschichte, die natürlich von ihnen gemacht wird trotz Königin Victoria, die viel populärere, große Erzählung war. Was übrigens auch die ganzen analytischen Verknüpfungsmöglichkeiten mit dem Rassismuskomplex ermöglicht – die Kolonisierten sortierte man ganz ähnlich ein. Auch, weil Vernunft zugleich universal als auch männlich und weiß gedacht wurde, was das Ausklammern von Frauen aus dem Wahlrecht und Bildungsmöglichkeiten erklärt wie auch die Sklaverei – und aus Heeresführungen übrigens auch.

Diese im historischen Nichts situierten Ausführungen des Herrn Kucklick mögen als Albernheit ja schnell erkennbar sein – aber wo kommen diese Typen eigentlich auf einmal alle her? Ich finde die Frage, inwiefern herrschende Männlichkeitsideale Druck auch auf Männer ausüben, ziemlich interessant, und z.B. in homophoben Diskursen läuft ja tatsächlich oft eine Art „Männerphobie“ und Abwertung auch männlicher Körperlichkeit mit, eben jener, die sich nicht in Leistungsfähigkeit, Kraftmeierei und Potenz erschöpft.

Aber das könnte diese ganzen Spinner, die neuerdings auch beim Spiegelfechter ihre Tiraden ablassen, wohl nervös machen, das so weit zu denken …

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Eine Antwort zu “Wenn Jammerlappen plappern: Im Stilblütengarten des Maskulinismus

  1. zweisatz April 27, 2012 um 10:19 pm

    Aber das könnte diese ganzen Spinner, die neuerdings auch beim Spiegelfechter ihre Tiraden ablassen, wohl nervös machen, das so weit zu denken …

    Nicht nur beim Spiegelfechter, sondern auch vom Spiegelfechter :/

    Ansonsten interessanter Artikel!

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