Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der „Störer“ ist vor allem die Polizei – trotzdem: Danke an die Mannschaft für 6 Punkte gegen Hansa!!!

Überraschung: Keine Polizeikette vor dem Park, in den ich ansonsten meinen Hund ausführe. Dabei ist der doch Teil des rechtsfreien Raumes „Gefahrengebiet“ – dass ein SPD-Senat dieses Unrechtsinstrument nicht nur nicht abschafft, sondern auch noch unkommentiert den Polizeiapparat anwenden lässt, mag zwar dank historischer Vorbilder wie Gustav Noske auch eine Art Traditionsbestand der Partei sein. Letztlich zeigt es aber einfach nur den immer endgültiger werdenden Abschied ehemaliger Volksparteien von der Demokratie (zum Hintergrund lese man zum Beispiel das hier und auch das, „Wir brauchen ein System, das Demonstranten Angst macht„, Hamburgs Polizei hat heute schon mal geübt, der spanischen Exektutive vorauseilend nachzueifern).

Sonst wäre ja nach Abwahl des CDU-Senates irgendein Wandel spürbar. Manchmal fragt man sich ja insgeheim, ob der Innensenator von der Polizei ebenso bedroht wird wie die Fans des FC St. Pauli oder ganz alltäglich PoC-Kids auf den Straßen …

Wären nicht Unmengen Uniformierter jenseits des Parks aufgefahren gewesen – es wäre ein ganz entspannter Marsch zum Stadion gewesen.

Ja, Orthographie ist nicht die Sache eines Jeden, meine ja auch nicht.

Auf dem Südkurvenvorplatz treffe ich den Kleinen Tod, den Magischen FC, zur großen Freude auch mal wieder den Herrn Pantoffelpunk – eine gute Stimmung, während der ersten Halbzeit lausche ich dort der Radio-Übertragung des Spiels. All die Protest-Transparente im Stadion werden verlesen, „niemand hat die Absicht, einen Polizeistaat zu errichten“; alle freuen sich. Es zeugt nur wieder von der Intensität des Kampfes gegen den Journalismus durch lokale Medien, dass darüber dann NICHT berichtet wird – immerhin ist das Abendblatt trotz unrühmlicher Springer-Tradition

dazu in der Lage, die Meldungen des Polizeisprechers in indirekter Rede und nicht als Wahrheit wieder zu geben.

Alle betrachten den Sarg für die Fankultur, der per Demo zum Wappen getragen wurde …

… und mir scheint es, dass da weit mehr als 800 Leute versammelt sind, und vor allem keineswegs nur USP-Mitglieder, eher ein Schnitt durch alle Kurven und Geraden scheint mir versammelt zu sein.

Große Freude herrscht über das 1:0, ansonsten entsteht der Eindruck, dass Hansa mehr Chancen hat als wir und wir wie üblich zu viele verdaddeln. Aus dem Stadion hören wir so gut wie nichts, zu diesem Zeitpunkt lässt die Polizei noch keinen Terror gegen die eigene Bevölkerung erkennen. Zumindest nicht da, wo ich stehe.

Zur zweiten Halbzeit gehe ich hinein. Die Süd wirkt erstaunlich voll. Recht schnell fällt das 2:0, Super, Ebbers, zwei Tore gemacht, es hätten auch vier sein können, eines vorbereitet – so richtig entspannt bin ich trotzdem nicht, auch, weil die Hansa-Mannschaft so gar nicht auf Defensive spielt, sondern munter nach vorn und außerordentlich fair. So fangen sie sich natürlich einige Konter. Die wirken fast ein wenig entspannt, dass sie mal ohne ihre zu so großen Teilen so ekelhaften Fans spielen dürfen. Was die Entscheidung der Polizei aber auch nicht rechtfertigt.

Und, so lieb ich USP ja habe – manche auf den Rängen wirken auch entspannt, dass deren Support nicht da ist. Ein bißchen blöd triumphierend die einen, sich auch mal ganz von selbst und ohne Aufforderung gesanglich engagierend die anderen. So fordert eine entfesselte Haupt die Stehplätze Süd zum Sitzen auf, die machen mit, einige Gesänge, die ich ewig nicht gehört habe, werden angestimmt – eine alles in allem wirklich schöne Stimmung bei dem Spiel. Ich kann dieses Gemecker gegen den USP-Support eigentlich nicht mehr hören; gelegentlich etwas runter fahren und den anderen Raum lassen könnte aber vielleicht wirklich nicht schaden.

Nach dem 3:0 glaube dann sogar ich an den Sieg, irgendwann lässt Hansa auch nach und wir haben Chance um Chance. Hätte dem Ebbers ja einen Hattrick so was von gegönnt, so kann sich Fin Bartels noch mal Genugtuung verschaffen.

Und eigentlich hätte man glückselig nach Hause taumeln können, einen der unangenehmsten Vereine der Fussballgeschichte weiter in Richtung Liga 3 geschossen, das erste Mal seit Ewigkeiten ein 3:0 gesehen … dann nerven schon die Duchsagen, man solle doch Richtung Feldstraße das Stadion verlassen. Nö, dann erst recht nicht, will mich ausnahmsweise mal zum Jolly begeben. Geht nicht, der Weg dorthin versperrt, also doch zur Domschenke.

Das Polizeiaufgebot ist einfach unerträglich, ein Wasserwerfer nach dem anderen fährt vorbei, Reitertstaffel, Räumfahrzeuge, eine unwürdige Machtdemonsration gegen die, die idealerweise Souverän wären, de facto aber nur als potenziell zu malträtierende und zu regulierende Masse behandelt werden. Eine wilhelminisch-obrigkeitsstaatliche Performance, Pickelhauben im Geiste gucken finster – und das ohne jeden Anlass, es gab ja nichts, was diesen Einsatz gerechtfertigt hätte. Einzig aufpassen, dass die Hansa-Demo sich nicht in Richtung Stadion bewegt, ebenso niemand von uns zu denen, war sinnvoll zu begründen – und wären keine Polizisten da gewesen, wäre vermutlich keine einzige Flasche geflogen.

Natürlich ist es völlig gaga, auf die Staatsübermacht, die so deutlich macht, dass sie stets bereit ist, das Gewaltmonopol zu missbrauchen, wäre dem nicht so, gäbe es das Instrument „Gefahrengebiet“ nicht, Flaschen zu werfen und Reiterstaffeln mit Leuchtmunition zu beschießen, keine Frage, Scheiße ist das – aber warum zum Teufel war denn da eine Reiterstaffel? Weil die so pittoresk aussehen?

Nee, der „Störer“, um den es im Vorfeld in dem Verwaltungsgerichtsprozess ging, das war meiner Ansicht nach die Polizei.

Es war eine GAL-Senatorin, meine ich mich zu erinnern, die einst sagte, die Hamburger Polizei würde wie eine Besatzungsmacht gegenüber der eigenen Bevölkerung auftreten – es war mal wieder so weit.

Und es ist schlicht und ergreifend an der Zeit, den Legitimationsdruck auf dieses Organ zu richten, so wie die agieren, sind die durch rein gar nichts mehr legitimiert, ja, entziehen sich selbst die Basis, auf der sie zu agieren vorgeben.

Da wurde nicht etwa für Sicherheit gesorgt, sondern die Polizei selbst stellte in meinen Augen das Sicherheitsrisiko dar, sag ich mal als einer, der die Verfassung eigentlich ziemlich gut findet unter aktuellen Bedingungen – und ALLE um mich herum, weiß Gott keine Versammlung „Linksextremer“, sahen das genau so und hatten einzig Angst vor den Uniformierten.

Der Kleine Tod war leichenblass, als ich an der Domschenke ankam – die genaue Story kann er noch selbst erzählen, von einem urplötzlich einsetzenden 360°-Tränengas-Einsatz war die Rede, in den er geraten war. Kurze Lautsprecherdurchsage, sinngemäß „Wir räumen, bitte verlassen sie diesen Ort“, und dann druff, bevor auch nur irgendwer flüchten konnte, so ungefähr berichtete er.

Natürlich haben die im Forum völlig recht, die meinen, es sei albern, sich auf „pubertäre Katz und Maus-Spiele“ mit Cops einzulassen. Das Schlimme ist, dass die Polizei genau dieses pubertäre Spiel eben AUCH zu spielen scheint. Die begeben sich, so wirkt es auf mich, auf die Ebene von irgendwelchen Steine werfenden Youngstern, „Ätschbätsch, wir sind stärker, und jede eurer Protestregungen beantworten wir mit noch mehr Staatsmacht, passt bloß auf!“, als ginge es um Schulhofkeilereien. Sonst wäre dieser Einsatz ganz anders gelaufen, kein Gefahrengebiet ausgerufen worden, versucht worden, im Hintergrund zu bleiben.

Nein, stattdessen wird als Reaktion auf eine Protestaktion auf dem Südkurvenvorplatz eine Maschinerie angeworfen, als ginge es darum, eine Revolution nieder zu schmettern. Gäbe es schon den Bundeswehreinsatz im Inneren, hätten die vermutlich noch Panzer aufgefahren. Eine derartige Verantwortungslosigkeit im Handeln der Staatsmacht ist zwar alles andere als überraschend, aber ein handfester Skandal. Den jeder noch verschärft, der wegen irgendwelcher Headlines von Mopo-Schmierfinken jetzt ins Forum kotzt, um Protest zu delegitimieren.

Auf dem Nachhauseweg werden Kinderwagen von alten Männern in gelben Anzügen daran gehindert, die Budapester Straße zu überqueren, damit Polizeifahrzeuge mit Blaulicht hin und her und hin und her fahren können – die Herrn Sliskovic und Daube irren herum, wissen vermutlich nicht, wie sie denn nun ihre Fahrzeuge aus dem von der Polizei verursachten Chaos heraus bekommen, fragen bei einem der unzähligen blau-silbernen Wagen nach … und ich bewege mich durch das Gefahrengebiet, eine Parkanlage namens „Wallanlagen“, idyllisch liegt sie da vor mir im Lichte des späten Nachmittags, nach Hause.

Und ärgere mich ganz wie Bene bei Facebook, dass statt der großen Freude über den Sieg dieser Groll auf die Einsatzkräfte mich in den Abend geleitet.

So siegt man gegen den Erzfeind und kann es gar nicht genießen.

Danke aber, liebe Mannschaft, ihr uns schon ewig Treuen wie auch den Neulingen: 6 Punkte gegen die Kogge. Prima! Morgen freue ich mich da auch wieder voll und ganz darüber!

EDITH: Zur vertiefenden Würdigung des Polizeieinsatzes lese man hier!!!

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14 Antworten zu “Der „Störer“ ist vor allem die Polizei – trotzdem: Danke an die Mannschaft für 6 Punkte gegen Hansa!!!

  1. Noergler April 22, 2012 um 9:26 pm

    Jedenfalls Glückwunsch zum Sieg!
    Nachdem der FCK eins runter muß, darf mich nicht auch noch St. Pauli enttäuschen. Strengt euch an! Ein Punkt zum Relegationsplatz – das kann doch nicht so schwer sein!

  2. momorulez April 22, 2012 um 9:30 pm

    Dankeschön! Und Beileid und Mitgefühl für den FCK!

    Ich glaube, unsere Jungs wollen jetzt auch. Ist halt jetzt auch die Frage, wie ernst Fürth das Spiel gegen Düsseldorf nimmt … Paderborn schwächelt ja zum Glück.

  3. Hackentrick April 23, 2012 um 11:23 am

    Ich habe gestern Abend nur den Kopf geschüttelt, als ich zu später Stunde die Nachrichten auf ARD sah. Sinngemäss: „Nach dem Spiel gab es Ausschreitungen durch St. Pauli-Fans…“ (fehlt nur das obligatorische „sogenannte“ oder „unverbesserliche“).

    Die Darstellung der Medien wird immer unerträglicher in solchen Fällen…

    Naja. Glückwunsch nach Hamburg. Wir werden heute Abend feiern 🙂

  4. momorulez April 23, 2012 um 12:00 pm

    Danke! Viel Spaß beim Feiern! Die Darstellung ist mal ab von der taz wirklich erbärmlich, hier sei sie verlinkt:

    http://www.taz.de/Fc-St-Pauli-gegen-Hansa-Rostock/!91979/

    „Es war wohl wirklich ein Trüppchen Riot-Kids, glaubt man dem Übersteiger-Blog, nicht von USP, die aus der Paulinenstraße heraus, die direkt neben der Fankneipe Jolly Roger in die Hauptsstraße mündet, dann die Polizei motivierten, mal loszulegen.

    Die Stellungnahme des Jolly bei Facebook sei auch nicht vorenthalten, weil die in die gleiche Richtung zielt:

    Danke an alle, die sich Freitag und Sonnabend die Nacht um die Ohren geschlagen haben.
    Danke an alle, die Sonntag in dem sinnlosen Kessel so ruhig geblieben sind und sich nicht haben provozieren lassen.
    Danke an alle, die auf dem Südkurvenvorplatz waren.
    Danke an alle, die im Stadion ihren Unmut kundgetan haben.
    Keinen Dank an alle, die durch sinnlose Scheißaktionen andere Leute und Läden in Gefahr bringen.

    Für mich rechtfertigt freilich NICHTS davon dieses triumphale Auflaufen der Polizei.

  5. Pingback: Rumstehterroristen – #FCSP nahezu ohne Hansa Rostock im Gefahrengebiet « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  6. Kindergarten April 23, 2012 um 1:08 pm

    Ich bin kurz nach Spielschluß über die Budapester und durch die Annenstraße zum Paulinenplatz gegangen. Vor mir her ein Trupp angeschickerter „Riot-Kids“ in St. Pauli Montur deren Großtat darin bestand die Bauabsperrung in Mitte der Annenstraße umzuschmeißen und die Fahrbahn damit zu blockieren. Ohne Anlass, null Bullerei – einfach so. Sie hatten viel Spaß daran, die Radfahrer die anschließend da rüber fahren mussten weniger.

    Ich meine, das Bullen sind wie Bullen sind, ist nichts Neues. Das die sich, nachdem Roststock clever genug war ihnen nicht auf den Leim zu gehen, nach einer zweiten Chance sehnten und diese auch geliefert bekamen – wie dumm ist das denn? Liebe vegane Frauenfreunde mit den bunten Haaren die immer da sind wo vorne ist: legt euch gehackt. Gott ist nicht mit den Doofen und wir sollten es auch nicht sein.

  7. momorulez April 23, 2012 um 1:31 pm

    Nichts gegen vegane Frauenfreunde, bitteschön! Ansonsten stützt das ja, was taz, Jolly, Übersteiger und der Magische FC schreiben. Und mit dem „die Polizei ist eben so, wie sie ist“ kann ich mich nun wieder nicht abfinden, und die sind ungleich gefährlicher als diese Riot-Kid-Idioten.

  8. Kindergarten April 23, 2012 um 1:42 pm

    Auf die Bullerei haben weder du noch ich Einfluß, mehr wollte ich damit nicht ausdrücken. Die Agenda wird woanders geschrieben. An dem Rest werden wir alle noch lange Spaß haben, denn der Amtsschimmel vergißt nicht.
    Und das mit „die Partei hat immer Recht“, hast du schon ganz gut verstanden.

  9. momorulez April 23, 2012 um 2:14 pm

    Ich bin ja im Grunde meines Herzens so hoffnungslos idealistisch, dass ich mir einbilde, dass, wenn Demokratie mal wieder ernst genommen würde, schon auch Einfluss auf Polizei zu nehmen sein könnte.

  10. kleinertod April 23, 2012 um 2:28 pm

    Also Tränengas war das wirklich nicht, nur Wasser mit eben jener Beimischung an unangenehmen Pfefferelementen. Und wir haben das auch nicht voll abbekommen. War nur wohl wirklich etwas geschockt, da wir sofort auf die Ansage den Ort verlassen haben und trotzdem nicht verschont wurden. Seltsamer Abend…

  11. momorulez April 23, 2012 um 2:33 pm

    Danke für Korrektur! Du wirktest nämlich wirklich geschockt. Was aber auch an der gespenstischen Gesamtatmosphäre gelegen haben kann, und das ging ja allen so, dass sie nur noch fassungslos guckten, was die Gesetzeshüter da trieben.

  12. kleinertod April 23, 2012 um 2:44 pm

    Wäre ja auch nie in die Nähe gegangen, wenn ich Auseinandersetzungen gesehen hätte. Wirkte alles friedlich, bis auf die gespenstische Polizei mit ihrem enormen Aufgebot. Und auf die Ansage sind wir auch sofort weg, da wir ja rein friedlich den Abend verbringen wollten – was aber eben nicht reichte, da die sofort mit der Rundumwasserwerferaktion angefangen hatten. Daß da trotzdem jemand was abbekommen hatte, machte mit der Folgewirkung den Abend irgendwie sehr unschön. Auf so etwas habe ich einfach keinen Bock.

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