Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Melancholia – zwei laue Frühlingsabende, ein Fussballspiel und ein Konzert

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Zusammen altern. Eine Herausforderung.

Lebe zwar nicht in diesem kleinbürgerlichen Zwangskorsett „Familie“, das freiwillig zu wählen so vielen aufgenötigt wird; dieser primär kapitalismusstärkenden Institution, dieser dank Parzellierung in praktische Schließfachordnungen den Wohnungsmarkt fördernden Portiönchenlebensform.

Dank außerordentlich konstantem Umfeld seit mehr als 10 Jahren z.B. im recht familiären Arbeitsalltag sieht man um sich herum auch außerehelich nichtsdestrotz die Falten sich eingraben, die Fettpölsterchen wachsen, die Frustrationen sich kulminieren – und es gilt doch und trotz alledem: Lieber Fünfter als Fürther, wie irgendwer so treffend twitterte.

Weil ich gar nicht weiß, ob in fränkischen Mittelstädten Gedanken wie jene,

wie denn wohl Städte aussähen, wenn die bürgerliche Kleinfamilie nicht mit allerlei Normalisierungsmitteln als Ordnungsprinzip dominierte, überhaupt zu denken sind. In so einer irgendwie auch angenehm provinziellen Umgebung wie der Hamburger Stadtlandschaft erhält man eine Ahnung davon angesichts all der hybriden Weisen des Miteinanders, die einen umgeben. Die Liturgie der Spieltage erzeugt auch ein Durcheinander quasi-familiärer Konstellationen, und da Broder schon nicht den Kibbuz als innerstädtische Lebensform fordert, mache ich das hiermit.

Man stelle sich Mehrgenerationshäuser mit multiplen Beziehungskonstellationen jenseits von Kategorien wie homo/hetero, Vater, Mutter usw. vor, in denen die Übergänge zum gemeinschaftlichen Arbeiten fließend sind und doch jeder seinen eigenen Raum erhält – wie prickelnd alleine die Stâdte aussähen, weil ganz andere Gebäude und Bauweisen vonnöten wären! Das alles würde freilich schon an der Bankfinazierung scheitern.

Zu Zeiten der Alternativbewegung der frühen 80er waren solche Vorstellungen sehr populär. Dummerweise sind die mir bekannten Versuche allesamt gescheitert; das gilt freilich auch für den Großteil der mir bekannten Versuche, die Kleinfamilie als Glücksmodell zu begreifen. Das ist ja auch immer so ein Kuriosum, dass zwar über das Scheitern von Männergruppen damals manch einer sich echauffiert und amüsiert, wohingegen das Leid und Gräuel, die tradierte Modelle anrichten können, selten noch gegen diese selbst gewandt werden.

Auch zu Kibbuzzim – ist das das Plural? – gibt es ja diverse Dokumentationen, die das Leid der Kinder in den kommunistisch reglementierten, indoktrinierenden Kindergruppen zum Thema machen. Das Leid in Kleinfamilien freilich wird z.B. im Falle des Kindesmissbrauchs nie auf die Struktur als solche zurück geführt.

Wenn ich mir mein Scheidungskind-Feminismus light-Mutter-Politiker-Vater-Leben betrachte, war das Innerfamiliäre eher fatal und gespenstisch und hat viel Druck ausgeübt, aber wenig Segen bereitet. Auch vor der Scheidung.

Die Umfelder jedoch, all die anderen Menschen, Nachbarn, das auch feministisch-light inspirierte Freundinnen-Umfeld, Sozialpädagogik-Studentinnen und Psychoallerlei, das war , so oft gescholten, in vielerlei Hinsicht hochinspirierend. Ebenso das Parteiumfeld meines Vaters, die SPD-Grillfeste in Reihenhausgärten, Erbsensuppe bei der Arbeiterwohlfahrt, selbst der SPD-Bundeswehr-Offizier, mit dem wir an der Adria urlaubten. Man fuhr fast immer in einem Klüngel in den Urlaub, alleinerziehende Väter, Single-Freundinnen, und ja, klar, es war ein ökonomisches Privileg, jeden Sommer mal auf Sardinien, mal auf Symi, mal auf Elba zu verbringen, und auch am Wolfgangsee. Erst als die Mutter wieder „in einer Beziehung lebte“, wurde es stressig, weil die Eltern darum konkurrierten, wer die weniger neurotischen Kinder hätte. Eine Groteske. Spaß gemacht hat das nicht. Aber ich habe ein Donna-Summer-Doppel-Album dort zum Geburtstag bekommen, „Bad Girls“! Da war ich 13.

Es war die Zeit, da der „Softie“ mediales Thema war, die Friedensbewegung der frühen 80er auf ihren Höhepunkt zusteuerte – wenn unsere Ultras das „Was wollen wir trinken, 7 Tage lang“ von Bots auf St. Pauli umsingen, weiß ich immer gar nicht, ob die wissen, was das einst für ein Lied war. Eben das, das alle hassten, die sich über die „Ökos“ und „Alternative“ erhoben haben und noch heute seitenlang darüber bloggen, dass SIE ja im Gegensatz dazu die coolen Lederjackenträger waren.

Das Ressentiment, ja, der Hass auf diese Szene wirkt bis in die Publizistik eines Broder, eines Fleischhauer und auch bei Publikative nach. Und es gibt ja gute Gründe, diese oft christlich verbrämte Bigotterie, Scheinheiligkeit und Doppelmoral, die so viel Affektiertes mit sich brachte, vollblöd zu finden.

An einem Punkt freilich wird das schnell verdächtig – häufig ging es eben auch darum, sich als total männlich gegenüber den langhaarigen Weicheiern zu positionieren, kurz: Bellizismus ist auch die Angst vor „Verweiblichung“, also der Mechanismus, der auch im Straßenalltag so viel manifeste Frauenfeindlichkeit hervor bringt. Frieden ist irgendwie „weibisch“, und man muss sich schreibend als cooler, kampffreudiger Hecht behaupten. Zur Armee meldet sich ja auch keiner von den freiwillig.

Einer, den das fast die Karriere gekostet hätte, ist Klaus Hoffmann. Das meine ich ja mit „zusammen altern“ – dessen Lieder sind für mich seit über 30 Jahren unverzichtbare Wegbegleiter. Der hat damals Songs wie „Mannomann, Du darfst doch Deine Schwächen zeigen“ gesungen, was all der rhetorischen Kraftmeierei in der Publizistik wie auch dem in funktionellen Erfordernissen gefangenen Normalmann im Arbeitsalltag vermutlich den Angstschweiß auf die Stirn treibt, daran auch nur zu denken.

Hoffmann musste sich dann als „Der Sänger“ mit Anzug, den Chansonnier, neu erfinden, das Alternativ-Image abstreifen, um wieder Publikum zu finden. Das ist ihm besser gelungen als z.B. diesem unsäglichen Heinz-Rudolf Kunze. Und dass Grönemeyer immer wieder erzählen muss, dass er viel weniger Wollsocke gewesen sei als BAP, das spricht auch nicht für ihn.

Gestern, einen Abend nach dem Fürth-Spiel, lief das Konzert zu Hoffmanns 60. Geburtstag auf 3Sat. Das hatte ich schon in meinem iPod, nun konnte ich es gucken. Zusammen altern.

Da standen all die so vielen Renegaten Verhassten auf der Bühne, gealtert: Herrmann van Veen, Hannes Wader, Reinhard Mey, Lydie Auvray, allerdings auch Romy Haag und Robert Kreis, Tupfer, Einsprengsel queerer Kultur, die das bescheuerte „Mein Hund ist schwul“-Lied kompensierten. Stellte neulich fest, dass die Youngster Romy Haag gar nicht mehr kennen. Das ist so eine, die manchem als Alptraum als St. Pauli-Präsident erschiene, auch wenn sie meines Wissens die Operation vollzog. Hey, das war die Geliebte von David Bowie! Und lauter Glam-Künstler, auch Mick Jagger haben sich in deren Club getroffen!

Zusammen altern. Ja, alle waren weiß und bildungsbürgerlich, es war auch jene Szene, die Antirassismus ohne PoC betreibt – trotzdem ja „Hannes Wader singt Arbeiterlieder“ zu den großartigsten Aufnahmen aller Zeiten zählt. Und trotzdem, mir ging mit die Veranstaltung mitten durch Herz. Hing in tiefer Dankbarkeit für die Begleitung durch diese Lieder vor meinem Fernseher.

Was das nun alles mit dem Fürth-Spiel zu tun hat? Na ja – zusammen altern. Wie ja auch die ganze Gegengerade. Und wegen Melancholia.

Mit Bruns, der ja wieder so dermaßen unverschämt hervorragend aus sah, der altert gut ( das unterscheidet ihn von Asamoa, dem Stinkstiefel, ich verehre ihn trotzdem),mit Ebbers, mit Morena, mit Calle Rothenbach, der nicht mit spielte.

Es ist eben doch so, dass es der Umbruch ist, der dominiert. Die Neuhinzukömmlinge sind noch nicht strukturgebend, und jene, mit denen wir nun so lange so unendlich viel Großartiges erlebt haben, sind ein wenig über ihren Zenith hinaus gewachsen und dann auch immer mal einen Schritt zu spät. Und bevor das jetzt jemand kritisch auslegt – das finde ich gar nicht schlimm. Mannomann, Du darfst doch Deine Schwächen zeigen!

Ein Album von Hoffmann heißt „Melancholia“. Die befiel mich im positivsten nach dem Spiel. Hoffmann ist ein Meister der Wehmut, der Sehnsucht, des Sentimentalen, der Grenze zum Kitsch, der inszenierten Tölpelhaftigkeit, der aufflammenden Leidenschaft in ihrer kultivierten Form, der dieses tiefe Glück, das in trauriger Musik liegen kann, so unvergleichlich schön heraus arbeitet.

Als ich dann über die Brücke über die Wallanlagen nach dem Spiel nach Hause ging, ein lauer Frühlingsabend, ich genoss meine Stadt, das Licht, das Vertraute, die Niederlage war so verdient und unsere Jungs hatten trotzdem so prima gekämpft, da flackerten in positiver Melancholie die Bilder all der anderen Spiele, die ich in der O-Feuer-Sportsbar gesehen haben, durch mein inneres Fernsehgerät und ich war richtig glücklich, mit denen wie eben auch mit Hoffmann so viel Lebenszeit verbracht zu haben. Na, mit der Mannschaft nicht ganz so viel wie mit dem Sänger, egal, und Eger, Lechner und Gunesch sind auch schon weg, Timo Schulz Co-Trainer der Zweiten.

Mit Hoffmann durfte ich sogar mal quatschen, mit den Spielern nicht, auch meine Blödheit, wenn die sich schon neben mich stellen – einen begleitende Idole und Identifikationsfiguren sind trotzdem ja eigentlich eine tolle Kulturleistung. Ist doch auch eine Form von Konstanz.

Auch Schubert scheint ein wenig Hoffmann gehört zu haben, heimlich. In dieser verkniffenen Phase, da man das Gefühl hatte, er wollte auf Teufel komm raus sein Konzept des kontrollierten Spiels durchsetzen und damit die Spieler zu verunsichern schien, da machte er mir Angst. Nun ist das wohl einem „die Zügel lockerer lassen“ gewichen, einem „den zweiten Stürmer rein schicken“. Der guckt auch entspannter. Und ein lernfähiger Trainer, das ist ja prima. Stani ist daran gescheitert, dass er das nur eingeschränkt war. Hoffe jetzt wieder auf Schubert.

Dieser Kontrollverlust im Sinne des Zulassens, „zulassen“, oft ironisiert und doch wichtig, das ist ja auch eine Hoffmann-Lehre. Gegen das Korsett des Verstandes, des Geschmacks, dessen, was als cool oder als Kunst gilt ein paar Momente des Glücks erzeugen und erleben, einfordern, sich zielunabhängig einlassen auf das, was begegnet.

Scheiß doch auf Siege und Aufstieg, ich alter ja gerne und gerne auch mit diesen Spielern zusammen. Deren älteste ja noch 10 Jahre jünger als ich sind.

Altern ist zumindest in dem meinen sehr schön. Kann man ja auch mal schreiben. Ich genieße es sehr. Es wird alles entspannter.

Weil die Räume, die in meiner Lieblingshymne von Hoffmann besungen werden, sich ja trotzdem immer wieder, immer noch auftun – beim FC St. Pauli und anderswo:

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„Und stand’s so oft an der Wand mit dem hochmütigen Blick des Richters

Du wärst so gern beteiligt gewesen an der Spontaneität der ander’n

Hattest immer ein ABER bereit

Sprangst dann doch mitten hinein, ohne zu denken

Erlebtest ein paar Momente des Glücks

Und warst Minuten lang DU …“

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