Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tagesarchive: April 6, 2012

“Das Lamm Gottes”

“Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen.”

Das war der mit Abstand lehrreichste Satz, der in der Debatte um dieses allein sprachlich schon völlig ungehobelte und fernab dessen, was als “Literatur” noch zu bezeichnen wäre, Gedicht von Grass zu lesen war.

Diese vielerorts überbordende Bekenntnis-Pamphletistik, die als Erwiderung auf den Ausfall des Literatur-Nobelpreisträgers zu lesen war, diente freilich oft eher dazu, in bester Neocon-Manier aus einem hochkomplexen Thema eine unzulässig reduzierte Fragestellung zu entwickeln im Rahmen nationaler Selbstbespiegelung.

Was natürlich auch in der Verantwortung von Grass liegt; wer politische, ressentimentgeladene Wortreihungen mit Zeilenumbruch, die ebenso ein schlechtes Flugblatt ergeben könnten, in den Ring wirft bei einem solchen Sujet, der muss sich einfach nicht wundern, wenn er dafür verprügelt wird. Zudem die Motivation des Schriftststellers die Unfähigkeit zu sein scheint, die eigene, individualbiographische Vergangenheit zu verarbeiten und frecherweise stellvertretend für “Deutsche” zu reden.

Das wiederum eint ihn indirekt mit einem Großteil seiner nicht-jüdischen Kritiker, die alles dafür, zugunsten der Analyse des sekundären Antisemitismus den primären möglichst zum Verschwinden zu bringen und Juden nach Möglichkeit gleich mit, wird auch der Höflichkeit halber gelegentlich Frau Knobloch zum Beispiel zitiert.

So freute ich mich sogar ausnahmsweise darüber, Artikel von Henryk M. Broder zu lesen – denn so billig sein Ausflug in die Bonner Republik geraten ist, so treffsicher sind Sätze wie der folgende:

“Zugleich fühlt sich der Antisemit durch den Vorwurf, er wäre einer, “tief verletzt”, denn eigentlich meint er es gut mit den Juden, sei es, dass er sie zur Aufgabe ihrer Religion zwingen möchte oder dass er sich “Sorgen um die Zukunft dieses Landes” (Israel) macht, wie es Grass in einem Gespräch mit Tom Buhrow in den “Tagesthemen” erklärte. Alternativ dazu dekretierte er im ZDF, man könne es nicht Israel überlassen, “wann es sich verteidigen darf”. Nein, da muss auch Günter Grass mitreden dürfen.”

Strukturell und auch fernab jeder Israel-Deabtte bringt Broder da eine diskursive Strategie auf den Punkt, die sich wohl im Sinne Foucaults als “Pastoralmacht” begreifen ließe: Unter Berufung auf das Seelenheil des Anderen diesem Vorschriften zu machen noch hinsichtlich dessen, wie er sich gegen Diskreditierungen und Vernichtungsdrohungen zur Wehr zu setzen hat. Kenne ich ja auch, diese endlosen Vorträge Heterosexueller, welche Strategien in Abwehr der Homophobie zu wählen sei, damit sie sich überzeugen lassen.

Und dann findet sich, das von Broder Geschriebene völlig ignorierend, auf der gleichen Seite folgendes Traktat:

“Zudem wirkt es so pubertär wie realitätsblind, wenn in Zeiten kirchlichen Relevanzverlustes noch so getan wird, als müssten die Christen endlich mal provoziert werden. Und was soll man im Übrigen von einem Atheismus halten, der stets als Jubel, Trubel, Heiterkeit daherkommt?

(…)

Doch geht es nicht nur um den Schutz religiöser Gefühle, sondern auch darum, dass unser Staat nicht anders kann, als die prägenden Grundlagen unserer Kultur durch öffentliche Ordnungssetzung zu schützen.”

Ein Text, wie er verlogener kaum sein könnte – allein schon, weil er sich ausschließlich im Paradigma des Widerstreits zwischen Atheismus und Christentum bewegt. Mit einer solchen Nonchalance Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten und sonstwie spirituell Suchende und Lebende aus der Diskussion zu werfen und sich in einer Welt zwischen “heidnischem” Sylvester und “christlichem” Osterfest zu bewegen, da spukt noch das Selbstverständnis der römischen Staatsreligion mit, die nur Dank Unterdrückung, Mord und Totschlag und brutalen Kampfes gegen Ketzer, Heiden und Häretiker das düstere Mittelalter mitsamt seiner Bildungsfeindschaft und Ausbeutungspraxis vorbereiten half. Diese Frechheit, die dadurch entstandene Zwangsordnung retrospektiv zu sakaralisieren und so implizit einen sich permanent forstchreibenden Antisemitismus zu stabilisieren, das wohnt dem christlichen Glaube wohl tatsächlich derart inne, dass er ohne das nie überlebensfähig gewesen wäre.
Man muss sich das mal klar machen: Eine Religion, die darin gründet, dass ein Jude brutal ermordet wurde, das an Feiertagen feiert, der angeblich als Begründer des Christentums auferstand, die bringt Phänomene wie die regelmäßig einsetzenden Pogrome gegen Juden, die historisch nach Passionsspielen entbrannten, gewissermaßen notwendig hervor.
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