Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Das St. Pauli-Rätsel

Rätselraten war angesagt.

Fussballkultur ist ja u.a. die Sakralisierung des Profanen, zumindest zum Teil am Millerntor, und doch fehlen so viele Mittel, die alten Kulten noch zur Verfügung standen – insbesondere jenes des Orakels.

Man kann ja schlecht nach dem Spiel vor der Domschenke ein Schaf opfern und aus den Eingeweiden lesen, um Hilfe beim Begreifen des Spiels zu erleben. So betrachtet man nach einem Spieltag spielerisch das Spiel selbst als ein Orakel und deutet es wie eine heilige Schrift: Zeichenmagie und die Vorstellung der Welt als Text, der zu lesen und auszulegen sei, laufen einfach so ab. Ob man will oder nicht.

Weil Uneindeutigkeiten und Rätselhaftigkeiten das Spielgeschehen prägen und so dessen Lektüre erschweren. Und, wenn schon die 90 Minuten selbst nicht allzu spannend sind, man solche wenigstens im Nachhinein erzeugen möchte durch das Erdenken dramatischer Konstellationen.

Da müssen Antagonismen her, sonst stimmt die Story nicht. Konflikt, Konflikt, Konflikt! ist die Regel, die manchmal zur aristotelischen Kartharsis leitet, manchmal auch nicht, und es gelingt bei der Dramatisierung im Falle des FC St. Pauli nicht, die Einheit von Raum und Zeit zu wahren – eine Tiefenstruktur scheint das Sichtbare zu erzeugen. Und die scheint außerhalb des Platzes zu liegen. Oder?

Spielen sie gegen den Trainer? Möglich, unmöglich? Ja, reine Spekulation, schreib ich ja. Oder haben Sie Angst vor ihm? Vor dem Aufstieg? Oder vor uns, dem Heimpublikum? Vor Regenwürmern gar?

Irgendwas wirkt offensichtlich unrund, so, als würden sie nicht verstehen, was der  Trainer von ihnen will, als würde ihnen irgendetwas nicht passen, als wäre das Teambuilding nicht ganz das, was es sein könnte.

Wir sind sogar schon mal mit einem viel schlechteren Kader einst aufgestiegen, danach ging es allerdings auch sehr steil und tief hinab bergab – da hatte das gemeinsame Kochen und das Gefühl, ein Haufen Aussortierter, Absteiger Nr. 1, zu sein, für Schwung und permanentes Toreschießen gesorgt.

Die nunmehr auf dem Platze rücken teilweise gar nicht mehr auf, wenn vorne jemand den „Sturm“lauf beginnt, als wüssten oder wollten sie wahlweise gar nicht mehr, worum es bei diesem Spiel geht.

Hat der Trainer nur ein Defensivkonzept? Glaube ich nach gestern nicht mehr, da waren immerhin zwei Stürmer auf dem Platz. Was schon dolle ist, nachdem wir zeitweise ganz und gar ohne spielten. Ja, die ersten 10 Minuten waren prima, aber dann?

Sind die „Alten“ zu satt und wissen, dass sie im Falle eines Aufstiegs ggf. keine große Rolle mehr spielen würden, Ebbers, Bruns, vielleicht Boll oder Morena, der zwar nicht spielte, aber wohl als Persönlichkeit auch weiter prägen wird? Also lieber noch gemütlich beim Verein, zu dem man so viel Bindung spürt, noch ein Jahr die zweite Liga rocken? Unbewusst? Eine ganz besonders fiese Frage, ich liebe sie alle!! Und verehre sie! Und werde das auch weiterhin in Liga 2 tun. Und gönne ihnen alles, jede Lebensfreude, jedes Liebesglück!!! Das wäre nur leider gar kein ungewöhnlicher Effekt, das ist in vielen anderen Mannschaften auch schon so gelaufen.

Sind zu viele geistig schon auf dem Absprung, fühlen sich zu Unrecht auf die Bank gesetzt oder sehen den FC ST. Pauli nur als Durchgangsstation?

Sind alles gemeine Fragen, weil ja nichts von dem wirklich willentlich ablaufen oder gar wahr sein  muss. Weil diese Saison sowieso jene des Übergangs von den alten Recken, mit denen wir schon aus der Regionalliga aufgestiegen sind und dann in die erste hinein, zu neuen Ufern ist und Schubert sich augenscheinlich so was wie eine Hausmacht aus Paderbornern aufbaut. Was ja normal ist. Und wie wir reagieren, wenn man unsere Helden entfernt, das war ja beim Aussortieren von Eger und Lechner wirklich deutlich. Das ist ja auch schwierig, mit solch gewachsenen Strukturen zu agieren, während man doch eigene bauen will.

Ist auch gemein, weil wir in der Tabelle gut stehen, die Wurst auf dem Dom lecker schmeckte, so schrecklich das da sonst auch war, und die Begleitung war prima wie immer!!!, wir also nach dem Spiel eh genug Spaß hatten, dass das davor zumindest relativiert wurde.

 

Und nein, es geht nicht darum, nun ein Spektakel zu erleben, weil man ja dafür bezahlt hat.

Es geht um dieses seltsame Gefühl nach jedem der letzten Spiele. Der Eindruck von Rat-, Plan- und Ziellosigkeit. Man meint, dass da mehr Potenzial wäre, das nicht ausgeschöpft wird. Und will ja eigentlich „Wir freuen uns schon auf die Relegation“ als Überschrift für Blogeinträge wählen. So sitzen dann alt vertraute Menschen neben einem und fangen auf einmal an, eigene Spieler zu beschimpfen. Dann rüffelt man sie, sie beginnen einsichtig, jeden Spielzug nur noch mit „Super!“, „Klasse!“ zu kommentieren – was plötzlich noch viel fieser wirkt.

Vor allem wirkt es immer wieder so, als würde es der Mannschaft selbst keinen Spaß mehr machen. Dabei will man doch mit ihnen welchen haben.

Doch was des Rätsels Lösung ist – keine Ahnung … vielleicht doch ein Schaf opfern und in den Eingeweiden lesen?

Na, immerhin auf den Rängen war manches Transparent sehr fein. Von denen kann es ja gar nicht genug geben, liebe BASCH. Nicht nur das „Wir müssen draußen bleiben!“ an die Adresse der Polizei gerichtet (kann man beim Kleinen Tod angucken), auch das folgende meines Fanclubs Die Desorgansierten St. Pauli fordert den Applaus geradezu heraus:

 

Quelle: Kleiner Tod

 

In diesem Sinne! Zu den Bekenntnissen mancher Cottbusser siehe hier.

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