Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Schwuler Defensivscheiß“

Hättet ihr uns lieber offensiver? Von mir aus …

Ich distribuiere das mal, weil der Facebook-Auftritt des „Aktionsbündnisses gegen Homophobie und Sexismus“ natürlich nicht so viele „Gefällt mir“-Klicks hat wie der Übersteiger, die Spieler oder der Verein, so als „Special Interest“-Thema:

„‎“Gegner und Schiedsrichter werden als „Pussies“, „Schwuchteln“ oder als „Tussies“ beschimpft.“ – Hier mal ein paar Eindrücke eines Gegengeradenstehers Block 3, die zeigen, wie sehr es für uns immer wieder lohnt, vor der eigenen Tür zu kehren.“

usw. – war zwar auch irritiert, dass sich Vertreter dieses Bündnisses mit einem Katholischen Geistlichen auf ein St. Pauli-Podium setzen, aber egal, bin ja auch nur eine Internethupe.

Natürlich kommt prompt irgendein ein Onkel in die dortige Kommentarsektion und faselt irgendwas von „Gutmenschmentalität„, was zu einem der zentralen Themen dieses Blogs überleitet, nämlich den Strategien der Neuen Rechten. Die sind im verlinkten Wikipedia-Eintrag am Beispiel „Gutmensch“ ganz treffend erläutert; es würde auch verblüffen, wenn sie sich in Diskussionen rund um das Millerntor nicht finden würden.

Bemerkenswert finde ich auch diesen, wie mir scheint, inflationären Gebrauch von eh schon abwertenden Termini für weibliche Geschlechtsorgane als Schimpfwort an Männer gerichtet, der mir in letzter Zeit extrem zugenommen zu haben scheint, wenn ich lauschend über bevölkerte Bürgersteige flaniere.

Wie kommt das eigentlich? Ich dachte immer, heterosexuelle Männer mögen diese Körperzonen (Unkenrufen zum Trotze habe ich da auch nix gegen, es erregt mich lediglich nicht)? Das soll jetzt keineswegs auf Genitales und Penetration reduzierte Sexualität proklamieren, geschweige denn eine Reduktion von Frauen auf dieses, nein!, trotzdem, was ist das eigentlich für ein völlig verdrehtes Verhältnis zum eigenen Begehren, abwerten zu müssen, was man doch sexy findet? Wenn ich im Vergleich dazu an die Sakralisierung mancher Körperteile im Werke Jean Genets denke …

Irgendetwas in der Sozialisation hinsichtlich eigener Lustvorstellungen muss da außerordentlich schief laufen … und da finden manche Schwule „krank“. Lachhaft, wenn man sich das Verhalten mancher, vieler?, heterosexueller Männer so betrachtet …

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10 Antworten zu “„Schwuler Defensivscheiß“

  1. Sem März 23, 2012 um 7:30 pm

    Bei der auf Genitales und Penetration reduzierten Sexualität hast du doch schon deine Antwort. Im Patriarchat mit seinem Phallozentrismus denken wir doch Sex und Sexualität auf den Mann bezogen, also der Mann als begehrendes und/oder begehrtes Subjekt.

    In ihrem Buch „Vulva: Die Enthüllung des ‚unsichtbaren Geschlechts'“ (2009) nimmt Mithu M. Sanyal sehr anschaulich und auch traurig amüsant auseinander, wie die weibliche Sexualität unsichtbar gemacht wird, indem Organe des Geschlechts unaussprechlich und unsichtbar gemacht werden. (Ich würde nicht allen ihren Lesarten von Texten folgen, aber die historische Einordnung finde ich spannend und wichtig.)
    Wir definieren Sex doch über die Penetration. Schwul = Analverkehr, hetero = Penetration der Vagina, lesbisch = das geht doch gar nicht. Selbst Oralverkehr bedeutet „Fellatio“ und nicht „Cunnilingus“. Ich stelle einmal die These auf, dass Heteromänner nicht die Vulva begehren, sondern das, was sie damit machen können. Und da sind wir wieder bei der auf die Penetration reduzierten Sexualität.

  2. momorulez März 23, 2012 um 8:22 pm

    Da haut hin, ja.

    Es gab bei Facebook parallel eine ganz interessante Diskussion zu dem Text mit zwei recht denkoffenen Heten, die das Ganze eher, flapsig formuliert, ich will den beiden aber rein gar nix, die haben sich der Frage wenigstens gestellt, dass Frauen, blöd gesagt, entschieden, wenn sie „ran ließen“ und wen nicht und dass dieses Ohnmachtsgefühl und jenes der Frustration dann Aggression und Abwertung provoziere, und dass es zudem auch viel mit Riten unter Männern zu tun habe, dass Status dadurch generiert würde, dass man Frauen vor den Kumpels abwertet.

    Die fanden nix von dem gut oder richtig (!!!), das war so ein spontaner Erklärungsansatz, der ja männliche Selbst- und Frauenbilder erhellt.

    Und die christlich tradierte Abwertung von Sexualität, auch und gerade weiblicher, im Allgemeinen – die „Heilige und Hure“-Nummer gibt es ja wirklich.

    Das ist schon erhellend und bezeichnend, wenn da drei Männer miteinander quatschen, dass das von Dir Erwähnte keinem einfiel. Und dass tatsächlich nur die aktive Rolle des Pentrierenden, wie üblich, Thema war, die Mann nicht ausüben „dürfe“. Was ja auch viel zu den Diskussionen rund um Vergewaltigung aussagt.

    Will jetzt auch gar nicht meine Antworten ausführen außer vielleicht dem Punkt, dass mir das neulich auch bei einem Blog auffiel, das ich nicht mehr lese, dass der Niedergang des Feminismus dahingehend betrauert wurde, dass nicht mehr so viele toughe Tankgirl-Frauen im Angebot seien. Was mir ziemlich dieSprache verschlug.

    Was ja alles auf das gleiche Schema hinaus läuft: Es fällt vielen heterosexuellen Männern einfach wahnsinnig schwer, Frauen unabhängig von der Bedürfnisbefriedigungsfunktion von Männern überhaupt wahr zu nehmen.

    Und so verschwindet dann die Vulva, und Männer reden wieder über sich … Danke für den Kommentar!

    Gibt übrigens bemerkenswerterweise auch diese ganzen Sissy, P… usw.-Bezeichnungen in schwuler Pornographie, aber da wird irgendwas anderes ausagiert, glaube ich zumindest.

  3. Ring2 März 24, 2012 um 10:50 am

    Habe gestern auch nochmal darüber nachgedacht, und bin zu einem ähnlichen Schluss gekommen: „Ich stelle einmal die These auf, dass Heteromänner nicht die Vulva begehren, sondern das, was sie damit machen können“ – was ja auch in dem Verhalten sich wiederfindet, dass Fauen einen Orgasmus vortäuschen, damit er sich herrlich fühlen kann. Ziel des Wohlfühlens ist da ja nicht das Vergnügen der anderen, sondern Bestätigung der eigenen Potenz.

    Ich halte das übrigens für einen Mythos, dass Männer das nicht merken würden. Ihnen ist eine durch freundlichen Betrug bestätigte Potenz einfach lieber und meist vieleicht auch genug.

    Und um ein wenig weiterzudenken, ist der Kern imho das Bild des Liebhabers, des potenten Glücksspenders, das Ursache für soviel Verkrampfung ist. Auch letztlich der verbalen.

    Und da schwule Männer ja auch Männer sind, würde mich ehrlich interessieren, wie Mann sich diesem Klischee erfolgreich entzieht (ja, auch hier lauert die Klischeefalle, oder aber am Ende ist das Fehlen einer Fortpflanzungkomponente tatsächlich der Schlüssel?)

  4. Ring2 März 24, 2012 um 11:06 am

    „Zwischen Anschauen und Angeschautwerden verläuft die Geschlechterdifferenz, und deshalb kommt es darauf an, die Blickrichtung zu ändern und sich den Sex anzueignen. Sagen die einen. Die anderen sagen: Wer das zeigt, was die Klientel ohnehin sehen will – einen makellosen Teesekörper zum Beispiel -, hat nichts gewonnen, schon gar nicht den Posten in der Chefetage oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die Stripperin kann sich von schmierigen Stammtischblicken nicht befreien, und wenn die Ware sich einfach nur selber Liebesblicke zuwirft, ändern“ – Süddeutsche

  5. Ring2 März 24, 2012 um 11:13 am

    Ich lese mich da gerade ein.

    „Im Laufe meiner Recherchen bemerkte ich, dass es nicht nur ein Tabu gibt, über die Vulva zu sprechen oder sie darzustellen, sondern dass bereits die Tatsache, dass hier etwas tabuisiert wird, tabuisiert wird. Nahezu alle Bilder, die wir kennen, sind Produkte der Porno- oder Hygieneindustrie und nur die wenigsten davon sind wertschätzend, geschweige denn glorifizierend. Das war nicht immer so.“

    http://www.sanyal.de/content/kulturgeschichte-des-weiblichen-genitals

  6. Pingback: "Viva la Vulva" | ecriture automatique aus hamburg - st. pauli |☠ ring2

  7. momorulez März 24, 2012 um 12:02 pm

    Im Allgemeinen kann ich da auch nicht über Schwule philosophieren; mein Eindruck ist, dass das Penetrationsmodell da nicht im selben Sinne die Priorität genießt – wobei ich mich zu erinnern meine, dass es bei queer.de mal eine Umfrage gab, dass das in den USA z.B. anders verstanden wird mehrheitlich als in GB, also die Frage, ob orale Praktiken, sich wechselseitig einen runter holen usw. als Sex verstanden werden. Zudem der „Freudenspender“ ja nicht notwendig nur das Genital des Anderen ist, aber sein kann. Auf dieses richtet sich aber schon auch Begehren, freilich nicht auf jedes 😀 – was gar nicht so trivial ist, wie es scheint. Es ist nur ein Bruchteil der Männer, denen ich ganztägig begegne, die für mich in Frage kämen oder die ich attraktiv finde. Insofern hat das Begehren konkreter Personen nicht so wahnsinnig viel Einfluss auf mein Verhältnis zu den 99% anderer Menschen, denen ich begegne – allenfalls hinsichtlich deren Haltung zu Männlichkeit, Weiblichkeit und meiner „Orientierung“. Hatte gerade ein kuriosen Dialog mit S., in dem ich mich für die Beine von Barbara Schöneberger hoffentlich gänzlich unsexistisch begeisterte, weil die mal zufällig am Hbf. die Rolltreppe direkt vor hoch fuhr. Die sahen einfach sehr sehr schön aus, und Frau Schöneberger hat eine sehr starke und beeindruckende Aura. Das aber ja völlig abgekoppelt von irgendwelchem Begehren, was S. einfach nicht verstehen wollte. Manchmal glaube ich, dass das Heten sehr schwer fällt, irgendwas mal nicht im Bezug darauf zu sehen.

    Beim Begehren konkreter Personen spielen dann ja seh viele Faktoren – Blick, Körperhaltung, Frisur :D, Hände, Lächeln, James-Dean-Blick, eben so ein Gesamtpaket Ausstrahlung und Verhalten, auch Wortwahl, ich verknall mich in Typen manchmal, weil die ungewöhnlich formulieren, eine wirklich eigene Sprache haben und nicht in Klischees oder angelernt quasseln. Das spielt ja alles mit rein, und daraus ergeben sich auch ganz und gar unterschiedliche Wünsche, Fantasien und Vorstellungen. Bei jemandem, den man eher „niedlich“ findet, entstehen andere Bilder als bei jemandem, den man im positiven Sinne als dominant erlebt 🙂 … und das sind ja dann so Individuen-Relationen, die ich immer als Chance, die Schwulsein beinhaltet, zumindest idealerweise erlebte. Es muss mehr ausgehandelt werden. Umgekehrt, weshalb so was wie Gayromeo nie was für mich wäre, hat sich daraus dann ja so eine Einkaufszettel-Ankreuz-Mentalität, bezogen auf Vorlieben und Präferenzen, ergeben, die in heterosexuellen Köpfen auch existieren werden, in schwulen Zusammenhängen aber, glaube ich, dominanter werden und dann zu Vertragsverhältnissen statt zu Beziehungsformen führen.

  8. momorulez März 24, 2012 um 12:29 pm

    Dieses Buch von der Sanyal ist aber tatsächlich sehr spannend. Kann man nicht ein Gesetz einführen, dass jeder, der ständig mit all diesen abwertenden Termini um sich wirft, das lesen muss?

    DAS wären mal Themen für die Antisexismus-Arbeit beim FC St. Pauli. Kann da der Übersteiger nicht mal drüber schreiben?

  9. Ring2 März 24, 2012 um 12:57 pm

    „Manchmal glaube ich, dass das Heten sehr schwer fällt, irgendwas mal nicht im Bezug darauf zu sehen.“ – das stimmt wohl mit meiner Erfahrung überein.

  10. Fred Mai 21, 2012 um 8:59 am

    Zitat
    Ring2 März 24, 2012 um 11:13 vormittags
    Ich lese mich da gerade ein.
    “Im Laufe meiner Recherchen bemerkte ich, dass es nicht nur ein Tabu gibt, über die Vulva zu sprechen oder sie darzustellen, sondern dass bereits die Tatsache, dass hier etwas tabuisiert wird, tabuisiert wird. Nahezu alle Bilder, die wir kennen, sind Produkte der Porno- oder Hygieneindustrie und nur die wenigsten davon sind wertschätzend, geschweige denn glorifizierend …”
    _________________
    Dem kann ich nur zustimmen.
    Außer Frau Sanyal, deren Buch ich gelesen habe, gibt es noch weitere Versuche das Thema zu enttabuisieren. Zum Beispiel mein Projekt: VIVA LA VULVA! – eine etwas andere Sichtweise auf die menschliche Vulva mit Beispielen für ihre Schönheit, Vielfalt und Einzigartigkeit in Verbindung mit Bildern aus Fauna & Flora.
    http://viva-l-vulva.blogspot.de/

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