Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Es kann nicht angehen, dass jemand der solche Sprüche entlarvt und den Verursacher anspricht sich noch rechtfertigen muss“

Es kann nicht angehen, dass jemand der solche Sprüche entlarvt und den Verursacher anspricht sich noch rechtfertigen muss.

Exakt.

Genau das jedoch ist im Großteil der Fälle der Fall, um mal einen stilistischen Unfall zu kreieren – die Antwort ist fast immer Rechtfertigungsdruck.

Nur manchmal sind Aussagen ja so eindeutig wie im Falle des Plakates in Dortmund – offenkundig ja von einer etablierten Fangruppe des BVB entfaltet, glaubt man dem, was im Netz so alles steht (welche der beiden Verlinkten Gruppen gemeint ist, dürfte klar sein).

Mag „Schwuchtel“ oder „Gegen Homofick“ von den meisten noch problemlos als diskriminierend identifiziert werden, ist strukturell Homophobes, Rassistisches und Sexistisches vielen Leuten schlicht und ergreifend gar nicht bewusst, und das ist das Problem. Und bei der Bewusstmachung kann einem so mancher Shitstorm sicher sein.

Und selbst die heroische Verteidigung des N-Kusses oder der von Kindergesängen, die auf rassistische Vernichtungsfantasien von so genannten „Indianern“ historisch zurück zu führen sind, gegen Schwarze gewendet erneut Popularität erfuhren und zu „Jägermeistern“ mutiert die Hitparaden stürmten, füllt Spalten im Feuilleton der Springerpresse.

Es zerbrechen Freundschaften rund um die N-Kuss-Frage, kein Witz, natürlich unter Altlinken allerbesten Agitprop-Rufes; langjährige Weggefährten beschimpfen und beleidigen einen in ihren Blogs, wenn man es wagt, WHM auf rassistische, homophobe und sexistische Strukturen hinzuweisen und irgendwann einfach die Schnauze voll davon hat.

Exakt dieser Rechtfertigungsdruck wird überall und permanent erzeugt und hochaggressiv gegen Betroffene gewendet. Übrigens auch mit so Stilblüten, wie sie sich jetzt auch BVB-Foren finden, mit dem Plakat seien ja gar nicht Homosexuelle, sondern die Bremer gemeint gewesen. Da fragt man sich, was in manchen Heten-Hirnen eigentlich so vor sich geht.

Finde den verlinkten Text von Neunzehnhundertzehn sehr gut, aber man braucht nur Diskussionen im St. Pauli-Forum nachzuschauen, wo beim Hinweis auf Diskreditierungsformen oft zuallererst der Satz „Ich dachte erst, das sei Satire“ sozusagen die Standardformulierung der Beantwortung solcher Hinweise ist. Oder es kursieren Behauptungen, Frau und Mann würde sich Diskriminierung lediglich einbilden, völlig „hysterisch“, frauenfeindlicher Klassiker, „hysterisch“, würde sie aktiv suchen und allerorts finden wollen. Inflationär finden sich Unterstellungen, mensch würde den „eigenen Opferstatus instrumentalisieren, um Diskurshoheit anzustreben“ und das Gegenüber moralisch zu erniedrigen – geradezu tragikomisch prototypisch der Ausruf einer Hamburger Verkäuferin „„Jaja, ich bin eine Völkermörderin“.

Ich finde es ja prima, dass es auch all die Aktionen dagegen bei uns gibt, dass Diskussionsfreude herrscht, dass zumindest ein formaler Konsens in solchen Fragen sich in unserer Fan-Szene restabilisiert zu haben scheint und ein solches Plakat bei uns tatsächlich undenkbar wäre, so scheint es mir zumindest.

Aber genau der von Neunzehnhundertzehn genannte Passus ist gesamtgesellschaftlich wirklich das Kernproblem und auch unserer Fan-Szene nicht fremd. Weil ja so viele finden, dass nichts Schlimmeres einem WHM widerfahren könne, als als Rassist, Sexist oder, mit Abstrichen, das gilt in manchen Kreisen ja wahlweise immer schon oder schon wieder als schick, homophob bezeichnet zu werden. Was in von Diskreditierung Betroffenen vorgeht, interessiert da zumeist nicht so sehr.

So als Mann kommt man da in der Regel noch halbwegs heil raus, wenn man nicht gerade im Lilo Wanders-Look zur falschen Zeit am falschen Ort flanieren geht oder öffentlich miteinander knutscht.

Gegen Sexismus agieren oder gar als schwarze Frau die Stimme zu erheben, da kehrt sich der permanent aufrecht erhaltene Rechtfertigungsdruck zumeist in unverhohlene Aggression um. Wer wissen möchte, wie atemberaubend der Hass ist, der da anschwillt, braucht ja nur mal hartr.org vorbei zu schauen.

Insofern Danke an Neunzehnhundertzehn für diesen so zentralen Satz. Sollte man in Stadionordnungen und Vereinssatzungen hinein schreiben.

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2 Antworten zu “„Es kann nicht angehen, dass jemand der solche Sprüche entlarvt und den Verursacher anspricht sich noch rechtfertigen muss“

  1. Klischeepunk März 20, 2012 um 2:14 pm

    „Da fragt man sich, was in manchen Heten-Hirnen eigentlich so vor sich geht.“

    Danke dafür, das stellt klar warum du deine Kritik zuallererst auf dich selbst anwenden solltest. Sprachkritik und die gleichen Fehler selbst machen? Zurück auf den Teppich, so verachtenswert ich einige Äußerungen finde.

  2. momorulez März 20, 2012 um 3:38 pm

    Danke für diese freundliche Vorlage, die Bestätigung des von mir Geschriebenen und die Zurechtweisung bekennender Schwuler, die in solchen Fällen prompt und immer statt findet – Hete ist schlicht wertfreier, schwuler Jargon, und diese gemutmaßte Umkehrung existiert in strukturell homophoben Gesellschaften als Möglichkeit gar nicht und ist als implizite Unterstellung selbst eines der viele homophoben Stilmittel. Also zurück in die Burschenschaft, Süßer!

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