Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Von Mönchen und Leichen

–  Folge 8 des mit Ring2 betriebenen Blog-Experiments – hier die Links zu den bisherigen Episoden

 

Piet erwartete, dass nun Schüsse fielen oder so. Aber nichts passierte. Das Buch steckte noch in seiner Jeans und der Riese würde vergeblich in der Laube nach ihm und dem Buch suchen. Sicher? Hoffentlich war es so. Eine Scheissangst hatte er immer noch. Er rannte in Richtung Osten, an der City Nord vorbei.

Als er endlich in der S1 in Richtung Blankenese saß, traute er sich auch das Buch herauszuholen.

“Erinnerungen eines Brückenmenschen”, stand dort auf der ersten Seite. “Wir, die wir uns erinnern müssen …”, las er weiter. Die Bahn war nahezu leer, und wackelte beruhigend in Richtung Süden.“

 

(Anmerkung: Man verzeihe mir die kleine Korrekturen; Richtung Winterhude findet sich keine S-, lediglich die U-Bahn, und die fährt dann nicht Richtung Blankenese, sondern biegt nach Süden ab. Das ist Piet in seinem angeschlagenen Zustand nur nicht aufgefallen.)

 

Mist. Kontrolleure. Die erkannte Piet mit seinem geschultem Auge sofort. S-Bahnhof Barmbek, sie standen dort auf dem Bahnsteig mit ihren auffällig-unauffälligen Gesichtern und feixten. Erzählten sich wahrscheinlich gerade Heldentaten von gefangenen und gehangenen Sündern. Witzelten über deren blöde Ausreden, die immer kamen, wenn sie wen erwischt hatten. Triumphierten angesichts kleiner Siege, die ihr erbärmliches Dasein mit ein wenig Status versah.

Alte Wöhr war Piet eingestiegen. Wer zu Teufel war dieser fiese Hüne gewesen? Gemeingefährlich, der Typ. Die pure Gewalt. Die Rippe war bestimmt gebrochen. Er hatte es knacken gehört. Scheiße, scheiße, scheiße, das tat soooo weh. Da würde kein Gott mehr eine Frau draus basteln … vergib mir, Eva.

Scheiße tat das weh. Eingepisst hatte er sich auch. Zum Glück war kaum jemand im Abteil. Er konnte seinen eigenen Geruch nicht ertragen.„Erinnerungen eines Brückenmenschen“ stand auf dem Notizbuch. Und so was suchte der irre Schläger?

Und nun saß er da in seinem Clownskostüm in der S-Bahn. Kontrolleure. Gelassen bleiben. Dass diese Geißeln jedes Menschensohnes, jeder Menschentochter Fahndungslisten kannten, das war eher unwahrscheinlich; dennoch, eine Fahrkarte hatte er nicht, und wenn sie seine Personalien aufnähmen … er sprang auf, stieß zwischen den Kontrolleuren hindurch, gerade da sie den S-Bahn-Waggon betreten wollten; schubste dabei einen der beiden fast in die Spalte zwischen Zug und Bahnsteig. Jetzt aber einen Sprint hinlegen … die Rippe, Gott, die Rippe, wenn die sich in die Lunge bohrte, egal, alles besser als Knast – die beiden waren zu überrascht, und der Bahnsteig zum Glück so gut wie leer. Er spurtete Richtung Ausgang Wiesendamm, sie folgten ihm nicht. Hinter einem dort geparkten Auto sank er zusammen, keuchte, konnte vor Schmerz kaum atmen. Das war er nicht mehr gewöhnt, und er war ja auch nicht mehr der Jüngste. Zumindest schien die Lunge normal zu funktionieren. Kein Gefühl, ihr würde die Luft entweichen wie einem alten Autoreifen, zum Glück.

Wo sollte er nur hin? In seine Laube konnte er nicht zurück; der Hüne war gemeingefährlich. Sein trautes Versteck war nicht mehr zu betreten. Wie sollte er an sein Geld kommen? Das war doch alles da versteckt … wennn der Hüne es finden würde … nicht darüber nachdenken, nur nicht darüber nachdenken.

Es war kalt. Sehr kalt. Draußen konnte er nicht übernachten. In seinem Zustand wäre er da ratzfatz erfroren. Schon gar nicht in diesem Clownskostüm. Piet irrte zwischen den Häusern herum. Barmbek-Süd. So weit weg von seiner Laube war er lange nicht gewesen. Panisch sah er sich um; keine Menschenseele weit und breit. In den Stadtpark vielleicht? Auch zu frostig. Er musste irgendwo anders hin, wo es nicht fror.

Dann sah er einen Kirchenbau. Turm mit Flachdach. Ansonsten irgendwas wie aus dem Kaiserreich. Das könnte die Lösung sein. Wer treibt sich schon an einem Freitagabend in einer Kirche herum? Er hastete zum Eingang. Die Tür war offen für die armen, verirrten Schäfchen. So fühlte er sich auch; ein armes Schäfchen. Reif für die Schlachtbank. Das Lamm Gottes. Was meinte das noch?

Geheizt würde der Bau wohl erst wieder zur Messe am Sonntag, wärmer als draußen war es allemal. Der Raum strahlte diese düstere Autorität aus, die Kirchen immer ausstrahlen – seit seiner Hochzeit hatte Piet keine mehr betreten. Die Bigotterie des Pfarrers damals hatte ihn genervt, der wusste doch wie alle anderen auch, dass in der Regel nicht mehr der Tod die Eheleute schied und das „heilige Sakrament“ sich eher dem steuerlichen Kalkül verdankte. Na, seine frisch Angetraute wollte die Romantik, Hochzeit in Weiß, Kleinmädchenträume halt. Was war er froh gewesen, als er sie endlich wieder los war … nur die Kinder. An die durfte er nicht ausgerechnet jetzt denken. Nur nicht an die Kinder denken.

Irgendeine alberne Passage aus dem Römerbrief hatte damals in Mittelpunkt der Predigt gestanden, ein Plädoyer gegen Sittenverfall, meinte er sich zu erinnern – dabei hatte der Pfarrer doch bestimmt eine Affäre mit irgendeiner Kindergärtnerin oder dergleichen. Die lassen doch auch nichts anbrennen. Machen einen auf fromm und lästern dann in Hinterzimmern über die Worte der Hinterbliebenen über den Toten beim „Leichenschmaus“. Weil sie die für Zerrbilder hielten. Richtige Trauer kannten die bestimmt gar nicht mehr, wo das doch ihr Kerngeschäft war – Leute beerdigen.

Dieses spießige Gelaber von der Kanzel hatte Piet so aufgeregt, dass er sich weigern wollte, die Kinder taufen zu lassen. Seine Frau hatte darauf bestanden, na, da hatte sie halt alleine zur Zeremonie gemusst und 3 Wochen nicht mit ihm geredet. Entspannend war das gewesen. Endlich kam er mal zum Lesen.

„Was die Leute nur sagen!“, sagte sie. Ja, Scheiß auf die Leute. Alles besser, als kleine, unschuldige Kinder einem Ritual zu unterziehen, das sie noch gar nicht verstehen konnten. Wer weiß, was für seltsame schwarzmagische Riten da insgeheim vollzogen wurden …

„Feuer und Kreuz, Rudel von wilden Tieren, Zerstreuungen von Knochen …“

Was war das denn? Hörte er jetzt schon Stimmen? Dunkel war es, und vorwurfsvoll blickten die Statuen von Heiligen von den Säulen des neugotischen Baus auf Piet herab. Er streckte ihnen die Zunge raus. War das hier eine katholische Kirche? Marienfiguren standen auch in der Gegend herum. Sah irgendwie anders aus als in den Kirchen, die er so kannte. Eine katholische Kirche inmitten Hamburgs? Er dachte, die hätte man hier erfolgreich vertrieben.

„Zerschlagen der Glieder, Zermalmungen des ganzen Körpers, üble Plagen des Teufels sollen über mich kommen …“

„Habe ich Fieber?“ fragte sich Piet. Wo kamen diese Wort bloß her? Unheimlich hier.

Er sah sich um nach der Sakristei. Ah, da hinten! Dieses alberne Clowns-Kostüm konnte er nicht mehr tragen, vielleicht hingen da Priestergewänder herum. Das wäre natürlich ein optimaler Schutz. Wer verdächtigte schon fromme Prediger des Bankraubes? Die hatten schließlich selber eine, die brauchten das nicht …

„… nur daß ich zu Jesus Christus gelange.“

Piet flüchtete in die Sakristei. Sie war offen. Der Schlüssel steckte innen. Piet schloß ab und fasste sich an die Stirn. Erhöhte Temperatur konnte er keine fest stellen. Nun halluzinierte er schon, kein Wunder nach all den Jahren der Einsamkeit. Na, wenn auch ein paar schöne Wahngebilde dabei wären, was soll’s, immerhin unterhaltsam. Wobei: „Zerschlagen der Glieder“, „Zermamlmungen des ganzen Körpers“, war ihm der Hüne irgendwie gefolgt? Hoffentlich nicht.

Das Mineralwasser wurde hier gelagert. Neben dem Messwein. Prima. Piet wusch sich, wand sich dabei unter Schmerzen, kümmerte sich nicht groß um die Sauerei, die er dabei veranstaltete. Und tatsächlich: In einem Schrank hingen ein paar Pfaffenkleider! Er zog sich eines über, hieß das bei den Katholiken auch Talar?, baute sich aus den anderen ein Lager und griff zum Messwein. Der würde ihm jetzt gut tun. Immerhin das Blut Christi. Heiliger Fusel!

Er entzündete eine Kerze, davon gab es hier wirklich genug, und griff zu den „Erinnerungen des Brückenbauers“. Noch ein paar Zeilen lesen, wenn das diesem Hünen so wichtig war. Dann schlafen.

Ein Motto war dem Tagebuch voran gestellt. Er las es, leise sprechend, vor – immerhin das Testament von jemandem, der in seiner Laube starb! -:

 

„… sieh dich selbst

in mir

und wenn Du gesehen hast, was ich tue,

schweige über meine Mysterien.

Der Du tanzt, erkenne,

was ich tue, weil dein ist

dieses Leiden der Menschen, das ich tun muss.“

 

„Woher kennen Sie diese Worte?“

Piet hatte den Mönch gar nicht gesehen, der nun aus dem Schatten des hintersten Sakristei-Winkels trat …

 

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„Diese Drecksbullen!!!“ Afshin fluchte und spuckte aus, den Geschmack von Pfefferspray noch auf der Zunge.

„Wir haben echt noch Glück gehabt!“ Jakob zitterte am ganzen Körper. „Hast Du den Polizeihund gesehen, der den Typ neben uns gebissen hat? Wir haben zum Glück weder Knüppel noch Spray direkt abbekommen …“

„Der Geruch war einfach furchtbar!“ Er legte seine Hand um Jakobs Hüfte. „Ich will knutschen!“

„Wenn hier noch Lübecker oder HSVer rum laufen, dann Gnade uns Gott … ich traue mich nicht.“

Afshin griff trotzig die Hand von Jakob. Sie trotteten den Lattenkamp entlang, gehüllt in die üblichen St. Pauli-Fan-Insignien. Um sie herum Hustende, Wütende, Entsetzte.

„Was für eine Scheiße! Budenzauber! Und dann so was! Die hatten das doch gezielt auf den St. Pauli-Block abgesehen! Der reine Hass in den Robo-Cop-Gesichtern!“

Afshin rückte näher an Jakob heran, flüsterte ihm ins Ohr „O mein Geliebter, nun zeige dich, enthülle deine Schönheit und beschenke mich!“

„Ist das nicht dieser Menschenfresser-Aphorismus, den Du mir schon mal vorgelesen hast? Das mit dem Dolch?“

Afshin lachte. „Ja, Ahmad Gazali – “Sei vorsichtig, mein Freund, und hüte dich, denn diese Liebe zieht den Dolch und tötet sich” geht das weiter.“

Er stolperte, stieß mit dem Fuß gegen eine Leiche. Eine, deren Bein aus einem Gebüsch ragte.

Eine, neben der ein Schild „Leichenstransport“ seltsam von dem Licht der Straßenlaterne ausgeleuchtet wurde … eine Schubkarre warf Schatten auf den toten Leib.

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