Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„(…) zu betrachtende oder zu bevormundende Objekte (…)“

Jeder Satz ein Treffer – Pflichtlektüre: Das Interview mit Noah Sow im Migazin.

„Der Umgang der Dominanzgesellschaft mit People of Color (PoC) ist ganz grundsätzlich davon geprägt, wie diese gelernt hat, uns wahrzunehmen. Nämlich als Vertreter_innen eines Kollektivs, gefährlich, übersexualisiert, fremd, als zu betrachtende oder zu bevormundende Objekte und so weiter. Das schlägt sich in Begegnungen mit den meisten Menschen nieder, selbstverständlich auch mit denjenigen, die in den Medien arbeiten.“

Das ja dann trotz all des Wissens über strukturelle Zusammenhänge Verblüffende ist immer wieder die partielle Übereinstimmung mit homophoben Stereotypen. Partiell natürlich, weil „schwul“ hierzulande zumeist weiß gedacht wird – deshalb wird das Kollektiv zum „Milieu“. Als gefährlich werden Schwule sowieso oft wahr genommen, sie könnten verführen und greifen ja in den Augen der Rechten angeblich das Konzept der Familie an.

Eine Teilindividualisierung wird dennoch zugestanden. Sind eben doch weiße Männer. Was auch dazu führt, dass weiße Schwule unter Medienarbeitern durchaus präsent sind – nehmen sie freilich eine explizit schwule Perspektive ein, setzt zumeist eben das Betrachten, Bevormunden, Redigieren und Abwerten ein und Mann begibt sich in Gefahr, dann nur noch für die „schwulen Themen“ zuständig zu sein. Meine ersten journalistischen Jobs waren eine Reportage zu AIDS, das Portrait eines evangelischen Pfarrers, der suspendiert wurde, weil er mit seinem Freund zusammen lebte (wohlgemerkt 1987), sowie eine kurzer Text zu einer schwarzen Opernsängerin …

Analogien und Unterschiede können ja vielleicht von Lesben und PoC, gerade auch bi und schwul, in der Kommentarsektion ergänzt werden. Die Differenz insbesondere zur lesbischen Erfahrung kann vielleicht sehr erhellend sein schon deshalb, weil das hochaggressive Eindreschen auf verbündete Feministinnen gerade von Männern, die sich in der Übergangszone von Blogosphäre und Print-Journalismus bewegen, mehr als nur auffällig ist.

Das Interview mit Noah sollte sich jeder zu Gemüte führen, auch und gerade wegen der utopischen Perspektive, die es eröffnet:

„Mir zeigt das, dass wir uns möglicherweise als Gesellschaft entwickeln: weg vom „wir Weißen gegen die Schwarzen“ hin zu einem „wir Leute, die wir alle keine Lust auf Diskriminierung haben und gemeinsam etwas verbessern wollen – gegen die unsympathischen Besitzstandswahrenden“. Das hoffe ich zumindest. Ich bin im Grunde Romantikerin.“

 

5 Antworten zu “„(…) zu betrachtende oder zu bevormundende Objekte (…)“

  1. momorulez März 1, 2012 um 11:40 am

    Das passt ja dazu:

    „Zudem wurden 692 Fernsehbeiträge aus Nachrichtensendungen analysiert.“

    Dann ist ja das Ergebnis der Studie auch nicht sonderlich erstaunlich:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,818548,00.html

  2. Sem März 6, 2012 um 11:47 pm

    Wie du das ja schon anklingen lässt, bedeutet „lesbisch“ meist auch weiß, aber schon nicht mehr homosexuell. Denn homosexuell sind Männer; vor allem in Zeitungen, aber auch in der ‚Community‘. Das hat sich ganz deutlich auch an der leidvollen und zu Teil leidigen Diskussion – um das Denkmal im Berliner Tiergarten gezeigt. Es ist das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen; und doch bricht die Diskussion immer wieder – mit zum Teil üblen sexistischen Sprüchen – auf, wer nun wie genau verfolgt worden ist. Sexualität wird als von Männern ausgehende und nur auf Männer – das gilt für gleichgeschlechtlich- wie gegenschlechtlich begehrende – ausgerichtet begriffen, weswegen die Diskriminierungen, Unsichtbarmachung und Verfolgung weiblichen Begehrens nicht verschwiegen, sondern (einfach) nicht gesehen wird. Uns würde es besser zu Gesicht stehen, Diskriminierung und Verfolgungen intersektional zu sehen. Deswegen finde ich den letzten von dir zitierte Satz bezeichnend und auch eine wunderbare Utopie. Ich sehe nur das Problem, dass wir doch auch Besitzstandswahrende sind. Gerade bei Errungenschaften der (europäischen) Lesben- und Schwulenbewegung(en), die auf den ersten Blick dadurch in Gefahr geraten, dass queere Identitäten stärker hervortreten. Trotz Butlers Vorstellung vom Spiel der Geschlechter hat sich in Deutschland – das gilt für andere ‚westliche‘ Industrienationen in anderem Maße auch – eine gewisse Homonormativität herausgebildet, die sich in einigen Punkten von der Heteronormativität unterscheidet, aber eben ein homosexuelles Leben mit Regeln festschreibt. Indem sie sogar ganze Diskurse übernommen hat; sei es der Kampf um Anerkennung durch den ‚Mainstream‘ vor allem durch Normalitätsdebatten und die damit einhergehende internalisierte Abwertung von drag u.ä. oder die klassische Coming-Out-Erzählung.

    Als Lesbe und Feministin, die auch noch in der feministischen Literaturwissenschaft ihre Diss. schreibt, werde ich durch eine ganz bestimmte Brille gesehen – das ist die Gender-Frau; da müssen wir aufpassen, was wir sagen. Oh, und Spaß versteht die auch nicht. Und das ist dann besonders hart, wenn ich so etwas auf Blogs der (deutschen) queeren Community lesen muss. (Siehe die leidvolle Debatte um das Denkmal.)

  3. momorulez März 7, 2012 um 12:35 am

    Ja, sehe ich auch alles (fast) so. Mir passiert das selbst ständig, dass ich bei „homosexuell“ Lesben vergesse, was schon zu seltsamen Kollisionen in der Kommentarsektion hier führte 😀 – natürlich ist das vollblöd von mir, aber geprägt ist Mann halt auch. Mir wurde dann eindrucksvoll hier mit geteilt, dass nun auch Schwule gefälligst ihre Rolle im Patriachat zu reflektieren hätten, und das völlig zu recht.

    Den „Mahnmalstreit“ habe ich – ein bißchen nur – anders wahr genommen – ich fand es ziemlich empörend, dass lauter Schwule sich in Rage schrieben, dass Lesben doch angeblich gar nicht verfolgt worden wären. Völlig blöder Ansatz, und der kam auch so was von patriachal-entwertend rüber, das ging gar nicht.

    Umgekehrt hat mich die EMMA-Kampagne auch genervt, weil sie Grunde genommen gegen die Spezifika schwuler Historie gerichtet dann auch wieder sedimentierte Erfahrungen nivelliert hat. Die eben doch auch andere sind als bei Lesben, Erfahrungen, die sich jede und jeder anders aneignet, der da hinein typisiert wird. Und der Zweck der Thematisierung dessen ist ja gar nicht, die jeweiligen Aneignungen und Thematisierungen von lesbischer oder auch bi-Seite nun weg drücken zu wollen.

    Das geschieht gesamtgesellschaftlich zwar tatsächlich ständig, aber irgendwie müsste das doch auch anders gehen.

    Der Umgang ist ein anderer, ob Männer Männer wieauchimmer oder Frauen Frauen, und wenn sich diesen Zuordnungen entzogen wird, entsteht ja noch mehr Normierungsdruck von denen, die das gerne „sauber“ kategorisiert hätten.

    Wir hatten zu dem Thema hier mal eine lange Diskussion im Blog, Somlu, weiß nicht, ob Du sie kennst, stieß hinzu – und ich habe das so in Erinnerung, dass binnen kurzem ganz viele sehr tiefe Verletzungen offen lagen, bei Somlu, weil sie bestimmte schwule Selbstgerechtigkeiten kaum aushielt, zu recht, ich hoffe, ich erinnere das richtig, bei Loellie und mir kam hoch, was das mit einem macht, wenn jüdische KZ-Opfer und deren Nachfahren mit Dreck wie uns nicht in eine Tonne geworfen werden wollten, mal überpointiert formuliert. Die Diskussion gab es ja auch rund um das andere Holocaust-Denkmal, und das hält man dann ja kaum noch aus, wenn man sich in diese Diskussion begibt. Und dass nun Frau Schwarzer mir unterstellte, im Gedenken an die „175er“ automatisch „die Frauen“ zu vergessen, nein, in dem Fall war das nicht so. Ich wollte trotzdem den Umgang mit meinereins auch in sich erinnern wollen können. Weil ja selbst dann, wenn man – ich schreibe gerade absichtlich „ungegendert“, nicht, um einen Allgemeinheitsanspruch zu formulieren, sondern eher, weil mir meine Perspektive als männliche und somit nicht-allgemeine schon klar ist – um die theoretischen und tatsächlichen Bedingheiten weiß, sich so ein Sujet auch jenseits dieses Wissens emotional erschließen können muss, glaube ich.

    Auf die etwas abstrakteren Aussagen muss ich morgen antworten, dafür ist es heute schon etwas spät. Das Finale, diese Abstandshaltung zur „Gender-Frau“, ich glaube, ich weiß, was Du meinst.

  4. Sem März 7, 2012 um 10:43 am

    Ich sehe, dass die EMMA einerseits von sich aus schon ein rotes Tuch ist, aber sie schafft es auch ständig, sich nicht gerade mit Ruhm zu bekleckern. Das war in diesem konkreten Fall auch so, würde ich sagen.
    Ich war schockiert zu lesen, wie gerade nach 1945 mit Schwulen umgegangen wurde, dass ihnen das Recht, Opfer des Faschismus zu sein, aktiv abgesprochen wurde, dass sie umgehend wieder eingesperrt wurden. Nicht nur das; was ich besonders schockierend fand, waren die Hierarchien in den Lagern unter den Verschleppten. Es ist schwer, zwei Generationen später Menschen für ihren Kampf ums Überleben zu beurteilen, doch mir bereitet der Gedanken der Hierarchisierung großes Unbehagen. In Buchenwald las ich erst 2001 das erste Mal von Lagerbordellen, aber nichts über die Behandlung von Schwulen im kleinen Lager z.B.
    Die Geschichte nach 1945 wusste ich zwar irgendwie, aber es noch einmal zu lesen, war noch einmal etwas anderes. Und darin stimme ich überein, die Verfolgung war quantitativ und qualitativ eine andere, auch die Beschäftigung damit. Mich treibt diese Frage gerade um, weil ich darüber eine Kurzgeschichte schreibe, die einmal ein Roman werden sollte. (Umgekehrte Buddenbrocks, vielleicht…)
    Leider kenne ich Somlu leider nicht, weil ich erst recht neu hier bin. Aber ich kann mir vage vorstellen, was sie gemeint haben könnte. (Ich kenne das aus anderen Zusammenhängen, glaube ich.)

    Ich finde es gut, dass dich immer mitthematisierst. Das mag ich an deinem Blog – unter anderem natürlich. Ich fürchte nämlich, dass gerade die Subjektposition meist – ob bewusst oder unbewusst – verborgen bleibt, gerade die männliche, die als unmarkiert und damit irgendwie neural gilt. Und das meinte ich dann auch, wenn es um die ‚Problematisierung‘ – wie Foucault so schön sagt – von Homosexualität geht, sei es durch den sogenannten Mainstream oder uns selbst (wobei ich uns jetzt einmal als generisch eine Gruppe und außerhalb des Mainstreams gesetzt habe). Mir gelingt die Mitthematierung mal schlecht, mal recht, weil ich dann auch befürchten muss, in Ecke(n) gestellt zu werden. Da geht es mir ähnlich.

  5. momorulez März 7, 2012 um 11:16 am

    Habe das mit der Markierung der Sprecherposition und dass man das tunlichst auch bei sich selbst machen sollte, nicht nur aus normativen Gründen, sondern auch, weil das direkt Wahrheitsfragen berührt, von Noah gelernt 😉 … vorher hatte ich das auch gar nicht geschnallt, wie wichtig das ist.

    Und alles was Du zur Geschichte nach 45 schreibst: Ja. Und bis heute. Neulich haben es die Regierungsparteien ja mal wieder geschafft, eine rückwirkende Amnesie abzulehnen, frei nach dem Motto: Was damals Recht war, könne doch heute nicht zum Unrecht erklärt werden. Ziemlich skandalös.

    Somlu – somluswelt.wordpress.com – wies damals unter anderem darauf hin, dass viele Lesben einfach als Asoziale weg gesperrt wurden. Was ich tatsächlich auch nicht wusste, und so was erforscht ja auch kaum wer. Und selbst die Zwangsverhältnisse, sich in einer Ehe permanent vergewaltigen lassen zu müssen, weil unverheiratet eben auch schwierig war im „3. Reich“ wie auch in den 50er und 60er Jahren, das sind ja Zustände, die man auch echt nicht unterschätzen darf. Gab ja „eheliche Pflichten“ und ein Scheidungsrecht mit „Schuldigem“ usw., und die Unionsparteien haben es noch in den 90ern abgelehnt, meine ich mich zu erinnern, Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand anzuerkennen. Angeblich wegen der Erpressungspotenziale. Ich glaube, es war als Schwuler deutlich einfacher, notfalls ein „Doppelleben“ zu führen, sich zu verstecken. Ist aber eine reine Mutmaßung.

    Es geht mir auch nicht um Opferhierarchien, das ist ja auch immer so einen Methode des „Teile und herrsche“ des arisch-evangelikalen Komplexes 😉 … es geht mir darum, die Differenzen nicht auszublenden zwischen schwul, lesbisch, die es einfach gibt. Immer wieder auch die nicht-kategorisierten Formen mit zu bedenken. Eben deshalb:

    „Ich sehe nur das Problem, dass wir doch auch Besitzstandswahrende sind. Gerade bei Errungenschaften der (europäischen) Lesben- und Schwulenbewegung(en), die auf den ersten Blick dadurch in Gefahr geraten, dass queere Identitäten stärker hervortreten. Trotz Butlers Vorstellung vom Spiel der Geschlechter hat sich in Deutschland – das gilt für andere ‘westliche’ Industrienationen in anderem Maße auch – eine gewisse Homonormativität herausgebildet, die sich in einigen Punkten von der Heteronormativität unterscheidet, aber eben ein homosexuelles Leben mit Regeln festschreibt.“

    Auch da hatte Somlu mal einen brillianten Text zum CSD-Aufruf des Kölner LSVD geschrieben. Weil die sich irgendwann nur noch auf Homo-Ehe fokussierten und sonst gar nix mehr. Was eben auch traurig ist. Meistens wird das ja als „Homonationalismus“ beschrieben, ich finde den Begriff nur ziemlich daneben.

    Kennst Du Rhizom? Mit dem hatte ich mich zu dem Thema mal in den Flicken, weil manchmal so Positionen entstehen, die glauben, man könne sozusagen im Selbstverhältnis die Subjektivierungsweise so auflösen, dass das auch politisch wirke. Was eben nicht funzt, weil das dem Machtkomplex hetero/männlich/weiß am Arsch vorbei geht, wie sich irgendwelchen Schwulen oder Lesben oder Queers nun selbst verstehen, ob das nun identitär oder sonstwas ist. Die prägen einem den Stempel ja ganz unabhängig davon auf. „Andorra“, Max Frisch.

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