Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Jahrestage und teilnehmende Glücksforschung

Und wir dachten die ganze Zeit: „Was wäre wohl, wenn jetzt plötzlich das 3:0 fiele?“ Hätte unsere Wahrnehmung von Vergangenheiten deutlich verändert.

Also, das 3:0 für uns gegen die Bayern. Gestern abend im Knust dachten wir das. Als das 10jährige Jubiläum des Weltpokalsiegerbesiegerspiels begangen wurde und das Spiel, einst im Stadion betrachtet, noch einmal erstaunlich spannend im Großbild anzuschauen war. Dass wir derart viele Chancen hatten und Kahn zwei mal ganz grob patzte, das hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Morten Berre ist ebenfalls in den Untiefen meiner Erinnerung versunken. Patsche sah aber niedlich aus, so blondiert. Mein Kumpel aus Oberhausen nimmt dem den närrischen Gruß beim Sieg dort im Aufstiegsjahr bis heute übel 😀 …

Aber das Gefühl im Stadion, das war präsent à moi (bei der Gelegenheit gehört erwähnt, dass Derridas Kritik der „Présence a soi“ zu den ganz besonders dummen Episoden der Philosophiegeschichte gehört, da hatte Sartre einfach mehr drauf 😉 – der frühe Sartre zumindest ) – frei nach dem Motto: „Werte nicht, gib Dich hin, lass Dich ein!“ saßen wir erwartungsfrei auf unseren heißgeliebten Holzbänken der alten Haupttribüne dicht gedrängt. Ich erwartete gar nichts, tippte auf ein 0:5 und geriet in einen Rausch positiver Fassungslosigkeit angesichts der konzentrierten und leidenschaftlichen Performance unserer Helden. Man lebt eben doch, um glücklich zu sein, und das geht nur im Moment selbst, jedem Einzelnen. Und eine stete Abfolge derer ist dann Zufriedenheit und Wohlgefühl – und Luxus und Wohlbefinden für alle Menschen gleichermaßen, wechselseitig zugestanden, ist schließlich die zentrale, linke, politische Forderung. Alles andere ist Protestantismus. Oder Konfuzianismus. Da kenne ich mich aber nicht so aus.

Angesichts dieses Spiels, dieses euphorisierenden, durchdringenden Erstaunens aufgrund der so dicht aufeinander folgenden Tore war der Daseinszweck vollkommen erfüllt. Damals, vor zehn Jahren. Und vor einem Jahr dann noch mal.

Das beschwörende, mantraartige Gemurmel „Die erste Halbzeit kann uns keiner mehr nehmen, die erste Halbzeit kann uns keiner mehr nehmen, die erste Halbzeit kann uns keiner mehr nehmen!“ beim Bierholen in der Halbzeitpause gluckst heute noch in mir. Ach, Danke an die Fanräume-Crew, die Veranstaltung organisiert zu haben, dieses Gefühl noch einmal zu beschwören inmitten so angenehmer Begleitung wie des Magischen FC und @kleinertod!, das war schön!

Welch ein Kontrast zum Samstags-Spiel in Aachen! Nein, gar kein Vorwurf an die Mannschaft, Liebe lebt wertfrei, wenn die Jungs  auch mal verdrömelt, verträumt und selbstzufrieden über den Platz traben, sei ihnen das ja gegönnt. Den Aachenern auch, die waren halt besser. Und halten so Hansa auf Distanz.

Es war sogar schön, Bier schlürfend an der Theke der O-Feuer-Sportsbar zu lehnen, attraktiven Männern in Bewegung zuzusehen und sich kontemplativ auf das ja fast schon beruhigende, weil weitestgehend spannungslose Geschehen auf der Beamer-Leinwand einzulassen – wären da nicht diese Erwartungen, lautstark, fordernd, böswillig, vereinzelt um mich herum gewesen. Grauenvoll.

Dieses ständige Bruns-Beschimpfen, nee, bitte! – welches wohl auch darin gründet, dass rein phonetisch der Name sich so schön in Empörung und Entsetzen formen lässt, aber probiert es doch einfach mal sanft und liebevoll, geht auch. Und das Gezicke gegen diesen und jenen und Kruse bringt es ja nicht und Naki sieht man ja gar nicht undundund, im tiefen Brustton der Empörung: Welche Lust mag Mensch wohl daraus ziehen?

Also, wenn ich daran zurück denke, wie wir nach dem Spiel gegen Dortmund, als Jan Koller sein irreguläres Tor erzielte, in eben der Saison des Bayern-Spiels auf diesem Platz am Anfang der Marktstraße, dem Knust zugewandt, saßen und alle fröhlich „Wir haben die rote Laterne!“ anstimmten, da fand ich das Fussballgucken einfach schöner als heute mit Leuten um mich herum manchmal, bei denen man sich dann vorstellt, wie sie mit Regeln, Erfolgsrezepten und Versagensurteilen, Be- und Abwertungen Kinder erziehen und  „Partner“ traktieren. Ich mochte ja immer die HRK-Phrase „was sind das denn für Menschen, die Beziehungen führen, betrachten die sich denn als Staaten?“, nee, nee, glücksfördernd ist das nicht.

Wobei wir ja auch den Sieg gegen die Bayern und nicht zum Beispiel die Niederlage gegen Dortmund mit 10jährigen Jubiläen belegen. Vielleicht sollten wir damit mal anfangen, die unspektakulärste Niederlage in der Regionalliga zum 7jährigen zu feiern.

Das hätte wirklich Größe, und wahrscheinlich fühlten wir uns danach tatsächlich befreit 😉 …

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7 Antworten zu “Jahrestage und teilnehmende Glücksforschung

  1. Bersarin Februar 8, 2012 um 5:29 pm

    „… dass Derridas Kritik der „Présence a soi“ zu den ganz besonders dummen Episoden der Philosophiegeschichte gehört, da hatte Sartre einfach mehr drauf …“

    Das ist nun aber doch sehr schematisch gedacht, oder nicht? Gerade in Derridas Kritik des (Selbst-)Bewußtseins steckt ein kritisches Potential des Denkens, eine Umpolung des Denkens, welches die Philosophie Sartres doch um einiges überschreitet, weil es bei Derrida eben um die Dekonstruktion einer bestimmten Form des vorstellenden Denkens geht, das nur noch im Modus des Verfügens operiert. (Allerdings sind sich auf andere Weise darin wiederum Derrida und Sartre, über Heidegger, einig. Nur daß Derrida nicht mehr in der Bewußtseinsphilosophie verharrt und den Dualismus von Subjekt und Objekt dynamisiert und auflöst, zugleich aber darin die Widersprüche, die eben auch gesellschaftliche sind, mitdenkt.

    Aber dies sind Dinge, die nicht ganz zum Fußball gehören, so will es mir scheinen.

  2. momorulez Februar 8, 2012 um 6:05 pm

    Doch, die gehören zum Fussball, weil das eine sehr körperliche, empfindungsgesättigte und erlebnisorientierte Veranstaltung ist, eine ganzkörperliche Orientierung, wie Merleau-Ponty analysiert, und das gehört auch zur ästhetischen Theorie.

    Ich bin ja zunehmend davon überzeugt, dass die Dekonstruktion der Bewusstseinsphilosophie, sei es nun in der sprachphilosophischen, strukturalistischen oder intersubjektivistischen, also habermasianischen Variante, insofern „dumm“ war, dass sie häufig einfach ganz andere Fragen stellt als z.B. die Phänomenologie, und dadurch, dass sie sie nicht stellt, unverzichtbar zu Thematisierendes aus der Philosophie und auch der Gesellschaftstheorie geworfen hat.

    Foucault hat das in seinem Spätwerk ja auch geschnallt, als er nach der Hermeneutik des Subjekts fragte und nach Subjektivierungsweisen und der Knabenliebe der Antike als einer gänzlich anderen Erfahrung berichtet, zum Beispiel. Zudem mir ja eh nie klar wurde, wieso Derrida überhaupt die „Présence á soi“ als so zentral in der Geschichte auch nur des abendländischen Denkens bzw. der Metaphysik dachte. Und als Kritik der Zweckrationalität oder instrumentalisierenden Vernunft, wie Du ihn liest, ist er so wirklich lesbar?

    Zudem hat das Subjekt-Objekt-Schema über die Analyse des Präreflexiven eine Art Auflösung erfahren bei Sartre und Merleau-Ponty, die das eh immer schon unterlief, was normalerweise als „Subjekt-Objekt“-Schema kritisiert wird (das ist ja in anderen Worten auch schon bei Heidegger so, also bei dem von Sein und Zeit). Metaphysikgeschichtlich sind doch Begriffe wie Hierachie, Geschichte, Regel, Gott, der nun gerade NICHT individuell zugänglich war, sondern über Institutionen vermittelt wurde zumindest in der christlichen Tradition, relevant. Klar, die Frage nach dem Ursprung, da ist auch meines Wissens Derrida ran gegangen, aber was hat der nun gerade mit der „Selbstpräsenz“ zu tun?

    Auch das, was Adorno an Kant kritisiert, z.B. den Schematismus, ist zwar an das Subejkt als „ich denke“ gebunden, das meine Vorstellungen begleiten können soll, aber nun gerade nicht über eine Art „reinen Bewusstseins“, das dem, als was sich das Subjekt begreift, auch bei Sartre sowieso immer schon vorgängig ist und auch leibliche Erfahrung umfasst, die keine kreatürliche ist. Sartre betreibt da Verdinglichungskritik wie Merleau-Ponty auch, und ich weiß nicht, worin die gründen können soll, wenn man nicht an der Selbstpräsenz fest hält. Diese irgendwie differentielle Zeichengeschehen, das um Zentren driftet und sich verschiebt und verweist und Spuren bildet, oder wie auch immer man diese ja ziemlich diffusen Ausführungen Derridas nun lesen möchte, hat ja, wenn man z.B. wie Adorno zentral einen Begriff wie „Leid“ thematisieren will, dieses gar nicht mehr auf dem Zettel.

    Du kennst Derrida besser, aber da war Foucault doch viel spezifischer, indem er z.B. eine bestimmte Vorstellung von Subjekt = Mensch als transzendental-empirische Doublette kritisierte, die völlig untauglich ist, als Träger wissenschaftlich-positiven Wissens zu fungieren.

    Das ist aber eine ganz andere Aussage als eine über den frühen Sartre, weil eh seit Heidegger und der Krisis-Schrift von Husserl das der Konstitution von Wissenschaft VORGÄNGIGE, Lebensweltliche Sujet war, also gar nicht das, was z.B. Popper begründen will in seinem Kritischen Rationalismus, und genau in der Hinsicht ist Sartre einfach phänomenal 😉 … da ist „Sein und Zeit“ grandios.

    Und Derrida meines Erachtens so gar nicht, indem er Erfahrung komplett in die Lektürepraxis verfrachtet, korrigiere mich.

    Das nun wiederum ist ein Grund, dass ich zum Fussball gehe, dass ich dem dann doch nie folgen konnte 😉 … obwohl man auch ein Fussballspiel „lesen“ kann 😀 …

    War jetzt natürlich alles ein bißchen wirr und unsystematisch, weil es ein Blog-Kommentar ist. Und jetzt das „Unmittelbare“ zu kritisieren hilft auch nicht weiter 😉 …

  3. Bersarin Februar 9, 2012 um 9:43 pm

    Selbstpräsenz als Bei sich-sein, als Anwesenheit, als Unverstelltheit, Reinheit oder aber als Mit-sich-selber-identisch-sein ist die zentrale Figur des Abendlandes. Adorno kritisiert diese Figur abendländischer Rationalität über seinen Begriff des Nichtidentischen.

    Das Moment des Körperlichen oder des Leibes (wobei diese Wendung „Leib“ für mich schon wieder eine theologische Aufladung besitzt) ist nicht gering anzusetzen. Und sicherlich strukturiert sich dieses somatische Moment bei Derrida anders als bei Adorno. Es ist bei ihm, wesentlich etwa in seinem Text „Schibboleth“ zu Paul Celan, aber durchaus vorhanden, wo es ihm um die Einzigartigkeit von Erfahrung geht, die zugleich in eine wiederholbare Struktur eingeschrieben sein muß, um (als Datum, als Moment) überhaupt lesbar zu werden. Der bloße Leib in seinem Ausdruck des Scherzes ist am Ende nicht erfahrbar, außer für den, welcher diesen Schmerz hat. Es wird also ein Medium der Übertragung gewählt: seien das Bilder (wie von Francis Bacon), seien es literarische Texte oder aber daß jemand von seinem Schmerz berichtet. Mithin: Textuelle (oder verbale) Prozesse, medial Vermitteltes. Um dieses Verhältnis geht es mir. Was diesen somatischen Impuls bei Adorno betrifft, das Leiden beredt werden zu lassen, so geschieht dies bei Adorno innerhalb eines Textes, so in der „Ästhetischen Theorie“ und in der ND, und zugleich weiß Adorno darum, daß diese Transformation von Leid (welches eben nur für den Betroffenen unmittelbar zu erfahren ist) etwa innerhalb eines Kunstwerkes zugleich ein Stück von Verrat an jenem Leid, an diesem Moment der Körperlichkeit ist. Deshalb auch sein Satz, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben.

    Aber in diesen Dingen steckt zunächst einmal ein negativer Bezug zum Körper, und es gibt, wie Du zu recht ja schreibst, den späteren Foucault. Diese Dinge halte auch ich für interessant.

    Was Derrida und die Phänomenologie betrifft, so hat er sich in seinen frühen Schriften dazu ja relativ ausführlich geäußert – etwa in „Die Stimme und das Phänomen“ über den Zeichenbegriff in Husserls Phänomenologie. Aber dies ist bei mir zu lange her, um es ad hoc wiederzugeben. Was dieses Präreflexive betrifft, bin ich allerdings eher skeptisch: ich kann mir darunter eigentlich nichts vorstellen, außer eben in der Reflexion.

  4. momorulez Februar 9, 2012 um 10:09 pm

    Dann meditier mal 😉 – das geht, nicht zu denken, und man ist immer noch da. Das geht auch beim Malen oder Musizieren, so in seiner Wahrnehmung aufzugehen, dass man nicht mehr reflektiert. Beim Jazz-Improvisieren setzt das zwar sehr viel Übung und Wissen voraus, aber dann geht das auch da. Und man ist dann sozusagen in einer wertfreien Welt des Glücklichseins, und auch das Zeitgefühl ist ein ganz anderes.

    Ich habe mir Philosophen auch immer gar nicht primär über das reine Textverständnis ohne Welt drumherum angeeignet, sondern eher geguckt, was da zu dem, was ich sonst so an Wissen aneigne und erfahre, passt. Für mich ist nicht der Text die Welt. Deshalb kann das ja sein, dass das bei Adorno so u.a. auch steht, aber das heißt ja nicht, dass das auch wahr ist.

    Und dass diese Präsenz bei sich die zentrale Figur der Metaphysik sei, das bestreite ich. Das ist doch noch nicht mal bei Platon oder Aristoteles so, und „alles fließt“ ist doch keine Präsenz bei sich. Aristoteles diskutiert den ersten unbewegten Beweger, noch Kant Gott und Kausalität und Freiheit, aber da gibt es es Vernunft, die dem vorgängig ist und sich in so was wie Selbstgegenwärtigkeit vielleicht aktualisiert, aber auch ohne wäre. Bei Hume und solchen, die ja eher metaphysikkritisch waren, mag das hin hauen, aber ansonsten halte ich diese totalisierenden Konstruktionen der gesamten Geschichte des abendländischen Denkens eher für Theoriemarketing, weil man sich dann ganz großartig fühlen kann, wenn man das heroisch zum Einsturz bringt. Das gilt für die Dialektik der Aufklärung wie für Heidegger und auch Derrida.

    Bei Sartre steckt insofern Metaphysik drin, dass er ständig Gott anthropologisiert. Dass er behauptet, die Strukturen des Seins gefunden zu haben. Aber nicht in der Présence á soi.

  5. Bersarin Februar 10, 2012 um 4:58 pm

    Doch, doch, ich meditiere. Aber eher cartesianisch. 😉

    Ich habe einen längeren Text geschrieben, aber der ist irgendwie auf meinem Rechner in den Zwischenräumen und Faltungen verschwunden. Vielleicht finde ich ihn wieder. Das alles nun noch einmal zu schreiben, ist mühselig.

  6. momorulez Februar 10, 2012 um 5:42 pm

    Schade 😦 – hoffentlich findest Du ihn wieder!!!

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