Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Februar 2012

Der liberale Deal mit den „Wertkonservativen“

„Das populistische Programm des Ausstreckens (nach den Rednecks) konzentrierte sich auf Steuererleichterungen, Abschaffung der Sozialhilfe, Eliminierung “der gesamten ‘Bürgerrechts’-Struktur, die auf den Eigentumsrechten jedes Amerikaners herumtrampelt” und Polizeirazzien gegen “Straßenkriminelle”. “Die Bullen müssen von der Leine gelassen werden,” schrieb Rothbard, “und man muss ihnen erlauben, eine Sofort-Bestrafung zu vollziehen, natürlich unter der Voraussetzung, dass man sie in Anspruch nehmen kann, wenn sie sich im Irrtum befinden.” Und wenn sie schon dabei sind, sollen sie gleich “die Straßen von Rumtreibern und Vagabunden säubern. Wo sie hinsollen? Wen juckt’s?” Um den Deal mit den Wertkonservativen zu besiegeln, drängte Rothbard auf einen bundesstaatlichen Kompromiss in ihre Richtung bezüglich “Pornographie, Prostitution oder Abtreibung”. Und da Graswurzel-Organisierung “mühselig und langweilig” ist, würde diese neue Paläo-Koalition einen Kick-Start durch “hochrangige politische Kampagnen, bervorzugt auf Präsidentschaftsebene” benötigen.“

Dieser Text bei Rhizom ist tatsächlich wichtig. Er wirft ein Schlaglicht auf eine zumindest in der veröffentlichten Meinung ungemein wirksame Tiefenstruktur, die hierzulande oft gar nicht als das identifiziert wird, was sie ist.

Hierzulande ist man zumeist gewöhnt, auch, weil das so gemütlich ist, den Rassismus auf die alten Nazis zu schieben, parallel dazu Neoliberalismus oder ganz allgemein „Kommerz“ zu kritisieren und Fragen wie jene nach Homophobie für gar nicht mehr relevant oder aber irgendwie nirgends unterzubekommen zu diskutieren. Was auch dadurch verschärft wird, dass es Alltagsrassismus in schwulen Szenen natürlich ebenso gibt wie überall; da sich manche von vermeintlich bei „Migranten“ verschärft auftretender Homophobie persönlich ganz besonders bedroht sehen. Eine fatale Entwicklung.

Als ich in die Blogosphäre eintrat, kam es recht schnell dazu, dass es sehr harsche Debatten mit „Liberalen“ eines Typus kam, den ich bis dato gar nicht kannte. Trotzdem das Lambsdorff-Papier schon zu einem frühen Zeitpunkt  meiner politischen Sozialisation ja deutlich wahr genommen wurde.

Das von Rhizom Zitierte skizziert die Wurzeln dieses Denkens jener Liberalen, Mehr von diesem Beitrag lesen

Geschichtspolitiken

Der „Kraft durch Freude“-Wagen hieß zwar dann VW, aber …

Die IG Farben wurde zwar zerschlagen, aber …

Herr Globke saß zwar im Vorzimmer von Herrn Adenauer, metaphorisch gesprochen, herum, aber …

Die Quandts schwiegen zwar, aber …

Der Leiter der Nazi-Spionage-Organisation „Fremde Heere Ost“ lief zwar erst zur CIA über und begründete dann den BND, aber …

Doch was meint DIE WELT?

„Auch hat nie in der Weltgeschichte ein Land länger, mit größerem Personalaufwand und mehr Mitteln versucht, die Täter einer vorangegangenen Diktatur rechtsstaatlich zur Rechenschaft zu ziehen. Zu keiner anderen Phase in der Geschichte irgendeines Landes gibt es mehr Gedenkstätten und Dokumentationen, die sich über mangelndes Publikumsinteresse nicht beschweren können.

Dass sich dennoch der exakt entgegengesetzte Eindruck festgesetzt hat, ist nur aus der Systemkonfrontation im Kalten Krieg zu erklären.“

Na ja, es hat  nun auch niemand sonst in der Weltgeschichte ein mit der Shoah vergleichbares Verbrechen begangen und gleichzeitig einen derartig verheerenden Krieg angezettelt, da ist wohl Gedenken und Forschung das Mindeste. Zudem ritualisiertes Gedenken oft eher das Vergessen und die Nicht-Auseinandersetzung befördert. Und dass das Ganze bei Franco und Pinochet anders ablief, das ist in der Tat schlimm genug.

Aber nun ist mit Gauck sogar der Kandidat gekürt, diese und andere Wahrheiten mittels großer Rhetorik zum Schweigen zu bringen:

„Dann unterstellt Gauck denjenigen, die eine Singularität des Holocausts behaupten, sie täten dies nicht, weil das „Geschehen“ tatsächlich einzigartig ist, sondern weil ihnen „Gott fehlt“, weil sie „das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren“ hätten, und weil sie an der „Orientierungslosigkeit der Moderne“ litten. Das ist allerdings eine ausgesprochene Gemeinheit. Hier wird übrigens der Holocaust missbraucht, um Propaganda für die Religion zu machen. Und interessanterweise wird eine neumodische Denkfigur, die etwa bei Josef Ratzinger immer wieder auftaucht, auf bezeichnende Weise angewendet. Ratzinger hat ja – etwa in seiner skandalösen Rede in Auschwitz – behauptet, der Holocaust sei das Produkt der Gottlosigkeit, der Judenmord sei im Grunde genommen der Versuch gewesen, Gott auszuschalten. Nun behauptet Joachim Gauck, die „Überhöhung des Holocausts in eine Einzigartigkeit“ sei auch das Produkt der Gottlosigkeit. Dass der Holocaust von Leuten geplant, durchgeführt und geduldet wurde, die zu 99 Prozent Christen waren, fällt dabei unter den Tisch – und soll wohl unter den Tisch fallen. Nicht der christliche Antijudaismus, der dem Rassenantisemitismus seit 2000 Jahren den Boden bereitet hat und noch heute allzu oft die Auseinandersetzung mit Israel grundiert, wird problematisiert, sondern „bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften“ werden verurteilt, weil sie die Singularität des Holocausts behaupten.“

Tiiiiiief durchatmen.

Was wohl zum Kern der Kontinuitäten überleitet: Nicht nur jene im ökonomischen Sektor, ja, lieber Bayer-Konzern, es gab Auschwitz und die Buna-Werke, wirkten mächtig, sondern viele dieser Fortsetzungen verbargen sich einfach im christlichen Gewande. Kein Wunder, dass bei solchen Fragen immer  der Hitlerjunge-Papst auftaucht, auch ein Führer.

Es ist schon eine ziemlich Unverschämtheit von dem Autoren von DIE WELT, z.B. das unveränderte Fortbestehen des §175 und Polizeigewalt gegen Schwule nunmehr der Kritik entziehen zu wollen, indem man diese Kritik als „DDR-Perspektive“ behauptet. Die ja mit Schwulen auch mies umging. Und natürlich gefährdete beides den „demokratischen Rechsstaat“ aber ganz außerordentlich nachhaltig, indem es Grundrechtsparagraphen mit Stiefeln trat.

Analoges kann bezügliche der Entmündigung von Frauen unter dem Tarnmantel der christlichen Familienpflege konstatiert werden – ein wahrer Kulturkampf tobte unter Führung Adenauers gegen die Gleichberechtigung, gab sich natürlich christlich:

„Grundsätzlich habe der Mann und Vater „die Verantwortung als Haupt der Ehefrau und der Familie“; wer das leugne, „stellt sich in Gegensatz zum Evangelium und zur Lehre der Kirche“, empören sich die deutschen Erzbischöfe und Bischöfe im Januar 1953 in einem Hirtenwort zum Familienrecht.“

Dem hätten viele NSDAP-Mitglieder vermutlich zugestimmt. Und haben dann ja ehemalige NDSAP-Mitglieder mutmaßlich auch.

Ob und inwiefern akademisch einflussreiche Denker wie Martin Heidegger, Arnold Gehlen oder Helmut Schelsky (vertrat der nicht die wirkungsmächtige These, Demokratie sei ineffizient?) ebenfalls für Kontinuitäten standen, das ist ja eine zumindest eine bis heute offene Frage.

Ebenso ist der Antikommunismus selbst eben auch eine klare Kontinuitätslinie aus dem „3. Reich“. Es bedarf der Erinnerung daran, dass Kommunisten die ersten waren, die nach dem Reichtagsbrand in die KZs wanderten. Dass es auch Antikommunismus war, der die Bürgerlichen dazu trieb, Adolf Hitler zu unterstützen und im Gegensatz zur SPD für das Ermächtigungsgesetz zu stimmen. So z.B. die „Liberalen“, unter ihnen Theodor Heuss, später Bundespräsident:

„Wir fühlen uns in den großen nationalen Zielen durchaus mit der Auffassung verbunden, wie sie heute vom Herrn Reichskanzler vorgetragen wurde […]. Wir verstehen, dass die gegenwärtige Reichsregierung weitgehende Vollmachten verlangt, um ungestört arbeiten zu können […]. Im Interesse von Volk und Vaterland und in der Erwartung einer gesetzmäßigen Entwicklung werden wir unsere ernsten Bedenken zurückstellen und dem Ermächtigungsgesetz zustimmen“.

Die Mehrheit kam auch durch den Ausschluss der KPD zustande.

Man muss den Stalinismus schrecklich und verwerflich finden und die DDR Scheiße; trotzdem ist die Geschichte der Opfer des Antikommunismus, der Name Pinochet fiel ja schon, bisher noch nicht geschrieben und bot Anlass für allerlei undemokratischen Unfug – so z.B. im Falle des „Radikalenerlasses“, den kein Geringerer als Willy Brandt später als einen seiner größten politischen Fehler bezeichnete.  Verglichen mit dem Vietnamkrieg ein allerdings eher harmloser Vorgang. Der jedoch nicht von „deutschem Boden“ ausging.

Es gab keine Vernichtungslager mehr, in der Tat, und Kriege wurden auch erst in den 90er Jahren wieder angezettelt – die Lehren freilich, die im Grundgesetz sich als Reaktion auf das „3. Reich“ formuliert finden, zum Beispiel der Asylrechtsparagraph, wurden nicht zufällig zu gerade jenem Zeitpunkt zumindest teilweise aufgehoben. Nicht zufällig deshalb, weil die Notwendigkeit verschwunden schien, sich im Blockgegensatz als das bessere System zur Darstellung zu bringen.

Zudem ist das, was der Herr von DIE WELT da oben schreibt, nun auch ein Effekt dessen, was gezielt verschwiegen wird: Dass die 68er mit Slogans wie „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“ und „Trau keinem über 30“ eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland ermöglichten. Mögen da auch welche drunter gewesen sein, die den hinsichtlich herrschender Mentalitäten kleinbürgerlichen Ulbricht- und Honecker-Staat kokett anschmeichelten, die im Umfeld der 68er (also auch Beat, Hippies, „Gammler“, Stonewall, Weiberrat und Frauenbewegung, Black Panther) sich vollziehende kulturelle Befreiung ist deshalb noch lange nicht „DDR-Perspektive“.

Gerade auch auf dem popkulturellen Feld sind die Kontinuitäten unübersehbar – nach dem furiosen Auftakt „Die Mörder sind unter uns“ gab man sich im Westen dem Heimat- und Revuefilm hin und geißelte den Rock’n’Roll als „Negermusik“. Filme wie „Rosen für den Staatsanwalt“ bildeten schlicht die Ausnahme. Ansonsten galt Beschweigen als Gebot.

Und z.B. die nun wirklich Kontinuitäten sich entgegen stellenden Massenproteste gegen die Wiederbewaffnung und die Atomrüstung haben nun gerade keinen Erfolg gehabt. Kriegsdienstverweigerer unterzog man stattdessen noch in den frühen 80ern einer „Gewissensprüfung„. Es kann jedoch nicht so getan werden, als sei Kennzeichen des „3. Reiches“ nun eine entmilitarisierte, hierarchiefreie Gesellschaft gewesen, deren Aufrüstung irgendeine Marginalie darstellte.

Nee, diese Geschichtsklitterer, die von DER WELT Gnaden ihre Propaganda betreiben, kann man wohl getrost der Geschichtsvergessenheit geißeln. Auch wenn der Terminus nun ausgerechnet von Heidegger stammt.

„In England zum Beispiel ist es relativ ruhig geworden“: Zum Kassenrollenwurfurteil

Lang, lang ist es her, da las ich einen Text, in dem Umberto Eco prognostizierte, die so genannten „westlichen“ Gesellschaften könnten sich perspektivisch in ein neues Mittelalter wandeln: Befestigte Städte und Klöster und viel „Pöbel“ drumherum. So könnten sich die Besitzenden gegen die Besitzlosen, die dennoch mittels Steuern, Konsum etc. als Melkvieh herhalten müssten, abschotten.

Niklas Luhmann hat in einem Vortrag einst ähnliches zum Thema Exklusion ausgeführt – wie die Dysfunktionalen, die in den verschiedenen sozialen Systemen Recht, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik etc. nicht benötigt würden, im Falle brasilianischer Städte in die Favellas abgeschoben würden. Dort führte das später zu dem anderen raumlogischen Sozialordnungsprinzip neben dem Ausschluss: Dem Einschluss. Die Favellas wurden einfach eingemauert.Um die, die sich Wohnungen und Häuser leisten können, zu schützen.

Das Interessante an Luhmanns Denken zumindest so, wie ich ihn verstanden habe, ist, dass er das Ganze anhand der System-Umwelt-Beziehung erläutert. Auf der einen Seite das an Selbsterhalt und permanenter Selbsterzeugung  orientierte System, das durch seine Operationen zugleich eine undifferenzierte und als ungeordnet erlebte Umwelt zu beherrschen und zu verwerten trachtet.

Das ist ein eigentlich der Biologie entlehntes Modell, das jedoch nicht biologistisch ist, und kann am Ernähren und Verdauen sich verdeutlicht werden. Vielleicht ist das auch gar nicht Luhmanns Denken sondern das, was ich mir aus seinen Texten zusammen gereimt habe 😀 – gerade weil mir diese Phänomene nach jahrelanger Zusammenarbeit mit großen Organisationen, von denen man mal als Umwelt, mal als Systembestandteil „bearbeitet“ wird, wohlvertraut sind.

Auch jeder, der einmal Mehr von diesem Beitrag lesen

Lauter falsche Fragen: Diez versus Kracht

Puuh. Es gab sie ja tatsächlich immer schon seit der Entstehung des Punk, diese seltsame Koketterie mit dem Faschistoiden aus ästhetisch motivierter Perspektive . „Joy Division“. Deren Fortschreiben in Sinn- und Formwelten wie jenen der TEMPO damals, eine Gazette, deren Herangehensweise an viele Themen retrospektiv wohl als Zäsur einzustufen ist.Und es ist nur wenigen, wie Laibach zum Beispiel, gelungen, das in Ironie zu verpacken und trotzdem die Brutalität, das Beängstigende des Phänomens zu wahren.

Wie schon die Katholische Kirche Mehr von diesem Beitrag lesen

“ I have nothing!“ und lila Strapse

 

U. starrte aus dem Fenster des Tivoli-Bistro. „Ron!“ seufzte er, frisch verlassen von seinem Liebhaber. Es schmerzte. Jedes Mal, wenn der Song erklang, und das geschah ständig und überall, jenes Lied, das ich damals als Heulbojengesang empfand, dieses „I will always love you!“, legte sich die Sehnsuchtsmine über sein Gesicht wie eine Maske. Er tauchte ein in die Abwesenheit des Anderen…

Ich war zu jener Zeit, ’92, eher auf „Geh doch hin!“ von Element of Crime. Und traute mich doch meistens nicht. „Ein Dosenfisch stürzt sich lachend ins offene Meer„. War auf Georgette Dee. „Ich geb Dich nicht her für ein bißchen Orgasmus!“ Und Hildegard Knef. „Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen …“ Whitney Houston erschien mir als zu perfekt, zu glatt – Wahnsinn-Stimme, die ich als weitestgehend ausdruckslos in die Belanglosigkeit sortierte. Schwule Kollegen, die „Whiiiiiiiitney!“ kreischend auf die Tanzfläche hoppelten, rief sie zum Tanz, versah ich mit überheblichen Lächeln des Ach-So-Überlegenen, mit solchen Tunten wollte ICH mich doch nicht gemein machen, ich blödes Arschloch, ich, trotz Georgette und Hilde. Ja, auch düstere Kapitel der eigenen Biographie gehören rücksichtslos gebloggt. Nicht umsonst redet mensch heute von Cis-Männern.

Weit gefehlt, mein Urteil über Frau Houston! Und auch eine Form von Supremacy. Klar, rough, raw, schien mir Black Music irgendwie richtiger zu sein, typisch weißes Gehör, doch nicht so glatt und virtuos, aber da ist mensch schon derart tief verstrickt in falsche Urteilsnetze, die in Unauflöslichkeiten führen, bei solchen Gedankengängen. Weil die ganze Wahrnehmung populärer Musik auch nicht in konnotationsfreien Ozeanen die Freiheit von der Form genießt und es von Zuschreibungen nur so wimmelt. Selbstkritisch sei das gemeint.

Dass diese Jahrhundertstimme, an deren Niedergang der Boulevard sich so sadistisch labte, nun verstummt ist, ich fand das wirklich sehr, sehr traurig gestern.

Was für eine grandios Künstlerin Whitney Houston war, das habe ich erst viel später begriffen – und auch, wieso die Hörweisen von weißen Indie- und Alternative-Sozialisierten selbst dann, wenn sie im Pet Shops Boys-Paradigma den Pop sehr lieben, ziemlich belämmerte Zuschreibungen pflegen, wenn zugewiesene Terrains von Markierten verlassen werden. Das kann mensch heute gut nachvollziehen, spielt der Bildungsbürger z.B. Kate Bush – „Kunst“ – gegen Beyoncé – „Kommerz“ – aus. So was passiert, alltäglich. Selbst diese Anerkennung „Sie kann ja großartig singen!“, was in der Vorbildhaftigkeit für Casting Show-Teilnehmer sich immer wieder eindrucksvoll zeigt, hatte immer ein Geschmäckle, was ich schwer in Worte fassen kann.

Dank Lisa Stansfield fand ich doch zu ihr. Weil mir irgendwann das wundervolle „Someday (I’m coming back)“, das damals, als U. im Tivoli seufzte, überall gespielt wurde, wieder ins Ohr drang, ich mir zu Beginn eines neuen Jahrtausends doch noch den „Bodyguard“-Soundtrack zulegte und mich unsterblich in „I have nothing!“ verliebte. Was ein Song! Eine Dramaturgie wie in einem guten Fussballspiel. So wie Mehr von diesem Beitrag lesen

Blaue Augen

 Teil 6 des mit Ring2 verfassten Blog-Experiments

 

Teil 1: John Zwo

Teil 2: Der Brief

Teil 3: Der Abschied

Teil 4: Der Leichentransport

Teil 5: Bahnfahrt nach Berlin

 

Diese blauen Augen … der Kontrolleur hatte auch diese blauen Augen … Johns blaue Augen … Jane lächelte ihm zu, genoss, dass er reagierte, als würde sie mit ihm flirten.

Obwohl sie eine Bahncard hatte, nutzte sie sie nicht, damit niemand auf welche Art auch immer ihre Reise nachverfolgen könnte. Bar bezahlt am Hauptbahnhof, gleich neben jenem Ort, da ihr Großvater einst als Großspender der Kunsthalle, errichtet auf einer der alten Bastionen des Stadtwalls, vor allem die Liebermann-Sammlung ausbauen ließ. Sie stellte sich oft vor, sie könnte die Welt so sehen wie Liebermann, getupft und doch geschlossen, lichtvoll und doch so sachlich und spröde, in gebrochenen Farben, mit Form und Formlosigkeiten spielend. Das wäre so beruhigend. Sie hingegen sah alle Farben wie überstrahlt, intensiver. Das musste an den Medikamenten liegen. Ihre Welt war grell.

Bisher hatte sie emotional fast regungslos an ihre Tat gedacht, an die Notwendigkeit, ja Unausweichlichkeit, ihn zu opfern. Hatte einfach so gehandelt, und als es mit dem Taser nicht klappte, einfach so zur Waffe gegriffen, als würde sie Gemüse schneiden oder staubsaugen. Ganz automatisch und selbstverständlich. Es war halt nicht das erste Mal gewesen.

Nun jedoch sah sie wieder das lebendige Leuchten, ja Funkeln in Johns blauen Augen vor sich, das ein für allemal verloschen sein würde … die kleinen Lachtfältchen, das Grübchen an seinem Kinn, diese Narbe auf seinem Oberschenkel, seine formlosen Plattfüße, sie würden verfallen, zu Erde werden, Nahrung … aber vielleicht würde er ja auch verbrannt. Asche zu Asche …

Jane hatte all die lustvoll zusammen verbrachten Nächte, Nachmittage, Morgende ausgeblendet, weil sie ja wusste, dass er nach der Amnesie unaufhaltsam … sie wollte nicht sein erstes Opfer sein.

Als sie in der Wohnung mit der grünen Tür auf ihn gewartet hatte, hatte sie all diese Erinnerungen an ihre zeitweise so leidenschaftliche Liebe fest in ihrem Hinterkopf verschlossen, versiegelt. Hatte sich bildlch den Tresor vorgestellt, in denen sie sie verschließen wollte und imaginiert, wie sie den Schlüssel fort warf. So was half ja manchmal.

Außerdem gab es ja auch noch Juri, und im Grunde genommen machte es mit dem auch viel mehr Spaß. Er war ideenreicher, ging ein auf das, was ihr Körper wollte. Es lief gerade deshalb so gut mit ihm, weil sie für ihn kein anderes Gefühl als Verachtung empfand. Fast einen Hauch von Ekel. Der Leichenfledderer. Gerade, dass er ganztätig mit Leichen zu tun hatte, machte das Spiel um den „Kleinen Tod“ mit ihm so interessant. So lebendig.

Eigentlich war er eine Art Laborratte für sie, sie liebte es, ihn zu manipulieren, während er ihr mit seiner tumben, immergeilen Art hinterher hechelte wie ein treudoofer Köter. Jane lächelte still in sich hinein.

Der Zug fuhr ein im Berliner Hauptbahnhof. Dem Businesstypen, der vor ihr ausstieg, gab sie einen kaum merkbaren Schubs. Er strauchelte, sie lachte, extra schrill – verschiedene Arten des Lachens hatte sie seit ihren Teenager-Jahren geübt. Ihre Allzweckwaffe. Er sah sie wütend an, sie schritt stolz an ihm vorbei auf ihren High Heels den Bahnsteig entlang und warf ihren Schal über die Schulter ganz, wie es sich für eine Diva gehört.

Der Taxifahrer trug die für Berlin so übliche schlecht gelaunte Fresse mit der typischen Selbstgefälligkeit des Hauptstädters. Sie setze sich hinten in den Wagen und demonstrativ die iPod-Kopfhörer auf, nachdem sie „zur Oranienstraße“ gebellt hatte. Da lebte ihr Cousin. Der wusste nicht, dass sie kommen würde, doch sie war vorbereitet. Bestens vorbereitet.

Ihr Handy klingelte. Juris Name wurde angezeigt. „Ja?“ „Ich habe ihn.“ „Lebt er noch?“ „Ja.“ „Dann viel Spaß mit ihm … und denk an das Notizbuch!“ Sie hörte im Hintergrund einen Schrei. Juri lachte.

Weiter geht’s …

Jahrestage und teilnehmende Glücksforschung

Und wir dachten die ganze Zeit: „Was wäre wohl, wenn jetzt plötzlich das 3:0 fiele?“ Hätte unsere Wahrnehmung von Vergangenheiten deutlich verändert.

Also, das 3:0 für uns gegen die Bayern. Gestern abend im Knust dachten wir das. Als das 10jährige Jubiläum des Weltpokalsiegerbesiegerspiels begangen wurde und das Spiel, einst im Stadion betrachtet, noch einmal erstaunlich spannend im Großbild anzuschauen war. Dass wir derart viele Chancen hatten und Kahn zwei mal ganz grob patzte, das hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Morten Berre ist ebenfalls in den Untiefen meiner Erinnerung versunken. Patsche sah aber niedlich aus, so blondiert. Mein Kumpel aus Oberhausen nimmt dem den närrischen Gruß beim Sieg dort im Aufstiegsjahr bis heute übel 😀 …

Aber das Gefühl im Stadion, das war präsent à moi (bei der Gelegenheit gehört erwähnt, dass Derridas Kritik der „Présence a soi“ zu den ganz besonders dummen Episoden der Philosophiegeschichte gehört, da hatte Sartre einfach mehr drauf 😉 – der frühe Sartre zumindest ) – frei nach dem Motto: „Werte nicht, gib Dich hin, lass Dich ein!“ saßen wir erwartungsfrei auf unseren heißgeliebten Holzbänken der alten Haupttribüne dicht gedrängt. Ich erwartete gar nichts, tippte auf ein 0:5 und geriet in einen Rausch positiver Fassungslosigkeit angesichts der konzentrierten und leidenschaftlichen Performance unserer Helden. Man lebt eben doch, um glücklich zu sein, und das geht nur im Moment selbst, jedem Einzelnen. Und eine stete Abfolge derer ist dann Zufriedenheit und Wohlgefühl – und Luxus und Wohlbefinden für alle Menschen gleichermaßen, wechselseitig zugestanden, ist schließlich die zentrale, linke, politische Forderung. Alles andere ist Protestantismus. Oder Konfuzianismus. Da kenne ich mich aber nicht so aus.

Angesichts dieses Spiels, dieses euphorisierenden, durchdringenden Erstaunens aufgrund der so dicht aufeinander folgenden Tore war der Daseinszweck vollkommen erfüllt. Damals, vor zehn Jahren. Und vor einem Jahr dann noch mal.

Das beschwörende, mantraartige Gemurmel „Die erste Halbzeit kann uns keiner mehr nehmen, die erste Halbzeit kann uns keiner mehr nehmen, die erste Halbzeit kann uns keiner mehr nehmen!“ beim Bierholen in der Halbzeitpause gluckst heute noch in mir. Ach, Danke an die Fanräume-Crew, die Veranstaltung organisiert zu haben, dieses Gefühl noch einmal zu beschwören inmitten so angenehmer Begleitung wie des Magischen FC und @kleinertod!, das war schön!

Welch ein Kontrast zum Samstags-Spiel in Aachen! Nein, gar kein Vorwurf an die Mannschaft, Liebe lebt wertfrei, wenn die Jungs  auch mal verdrömelt, verträumt und selbstzufrieden über den Platz traben, sei ihnen das ja gegönnt. Den Aachenern auch, die waren halt besser. Und halten so Hansa auf Distanz.

Es war sogar schön, Bier schlürfend an der Theke der O-Feuer-Sportsbar zu lehnen, attraktiven Männern in Bewegung zuzusehen und sich kontemplativ auf das ja fast schon beruhigende, weil weitestgehend spannungslose Geschehen auf der Beamer-Leinwand einzulassen – wären da nicht diese Erwartungen, lautstark, fordernd, böswillig, vereinzelt um mich herum gewesen. Grauenvoll.

Dieses ständige Bruns-Beschimpfen, nee, bitte! – welches wohl auch darin gründet, dass rein phonetisch der Name sich so schön in Empörung und Entsetzen formen lässt, aber probiert es doch einfach mal sanft und liebevoll, geht auch. Und das Gezicke gegen diesen und jenen und Kruse bringt es ja nicht und Naki sieht man ja gar nicht undundund, im tiefen Brustton der Empörung: Welche Lust mag Mensch wohl daraus ziehen?

Also, wenn ich daran zurück denke, wie wir nach dem Spiel gegen Dortmund, als Jan Koller sein irreguläres Tor erzielte, in eben der Saison des Bayern-Spiels auf diesem Platz am Anfang der Marktstraße, dem Knust zugewandt, saßen und alle fröhlich „Wir haben die rote Laterne!“ anstimmten, da fand ich das Fussballgucken einfach schöner als heute mit Leuten um mich herum manchmal, bei denen man sich dann vorstellt, wie sie mit Regeln, Erfolgsrezepten und Versagensurteilen, Be- und Abwertungen Kinder erziehen und  „Partner“ traktieren. Ich mochte ja immer die HRK-Phrase „was sind das denn für Menschen, die Beziehungen führen, betrachten die sich denn als Staaten?“, nee, nee, glücksfördernd ist das nicht.

Wobei wir ja auch den Sieg gegen die Bayern und nicht zum Beispiel die Niederlage gegen Dortmund mit 10jährigen Jubiläen belegen. Vielleicht sollten wir damit mal anfangen, die unspektakulärste Niederlage in der Regionalliga zum 7jährigen zu feiern.

Das hätte wirklich Größe, und wahrscheinlich fühlten wir uns danach tatsächlich befreit 😉 …

Na, da dürfte wohl eine Kontroverse nicht ausbleiben …

… und mich lässt das auch ein wenig ratlos zurück. Erste Kommentare bei Facebook wie „der soll mal lieber Fussball spielen“ sind ja schön blöd genug, warum sollte er nicht ergänzend Musik machen?

Musikalisch finde ich den Track ja super, ordentlich Dr. Dre gesättigt, über den Habitus kann mensch zwar streiten, aber der hat schon seine Gründe, und rappen tut er ja richtig gut, der Deniz – nun wird gerade ein Deniz Naki, ob im Falle von Halsabschneidergesten oder auch sonst so, immer mal wieder Opfer alltagsrassistischer Klischees über „migrantische Jungmänner“ auch von Fanseite, das wird wohl Nahrung für eben dieses liefern, was ja an sich kein Grund wäre, solche Auftritte bleiben zu lassen.

Und das Thema „Gewalt“ kommt halt in den Hip Hop, weil es Gewalt gibt, und weil sich Gewaltfreiheit leisten zu können, auch ein Privileg ist. Was nun aber auch keine Gewalt rechtfertigen soll. Kunst ist aber dazu da, nicht etwa Moralität zu proklamieren, sondern Weltzugänge und Erfahrungen ästhetisch zu verarbeiten, und wenn sie gut ist, bricht sie dabei Klischees auf, anstatt sie zu reproduzieren. Ist allerdings die Frage, ob das nun im verlinkten Clip gelungen ist.

Aber warum muss Deniz nun unbedingt gegen Stricher und Stripper sprechreimen?