Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Zum Holocaust-Gedenktag

Angesichts der Gedenk- und Aufklärungsveranstaltung heute zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und dem darauf folgenden Vortrag über die Homosexuellenverfolgung im „3. Reich“ sei vor allem auf Kontinuitäten zwischen Nazideutschland und der Bundesrepublik Deutschland verwiesen, es gab keine „Stunde 0“, die von den Regierungsparteien bis heute gerechtfertigt werden:

„Die Regierungsfraktionen sprechen sich jedoch gegen eine Aufhebung der Verurteilungen aus, da sie – anders als die Nazi-Urteile – rechtsstaatlich zustande gekommen worden seien. Der CDU-Abgeordnete Ansgar Heveling sieht in dem grünen Antrag einen Versuch „rückwirkend die deutsche Rechtsordnung und damit unsere Rechtsstaatlichkeit“ auszuhebeln. Zwar seien Homosexuelle von der Bundesrepublik „in höchstem Maße diskriminiert und stigmatisiert worden“, die „Rechtssicherheit“ sei aber wichtiger. Es spiele dabei keine Rolle, dass ein Sex-Verbot für Schwule „aus heutiger Sicht unvereinbar mit dem Grundgesetz“ sei. „Die Veränderungen können und dürfen aber auf keinen Fall dazu führen, Entscheidungen des demokratischen Rechtsstaates und seiner Gerichte pauschal als Unrecht zu bewerten.““

Dass mir jedes Mal der Atem stockt, wenn ich das wieder lese, ist vielleicht verständlich – es stellt ja unverblümt den Freibrief aus, dergleichen demokratisch erneut zu beschließen, wenn der Wind sich dreht. Was von Gutachtern der Bundesregierung exakt so auch geschrieben wurde.

Zwar gab es keine Vernichtungslager mehr nach 1949 in der Bundesrepublik, der von den Nationalsozialisten verschärfte Paragraf 175 führte jedoch zu ungefähr ebenso viel Verurteilungen wie unter Adolf Hitler. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte einst dessen Sicht der Dinge, wenn auch aus einer etwas anders akzentuierten Perspektive, das „gesunde Volksempfinden“ spielte freilich eine Rolle:

„Die beiden Paragraphen seien „formell ordnungsgemäß erlassen“ worden und „nicht in dem Maße ‚nationalsozialistisch geprägtes Recht‘“, dass ihnen „in einem freiheitlich-demokratischen Staate die Geltung versagt werden müsse“. Die unterschiedliche Behandlung männlicher und weiblicher Homosexualität wurde auf biologische Gegebenheiten und das „hemmungslose Sexualbedürfnis“ des homosexuellen Mannes zurückgeführt. Als zu schützendes Rechtsgut wurden „die sittlichen Anschauungen des Volkes“ genannt, die sich maßgeblich aus den Lehren der „beiden großen christlichenKonfessionen“ speisten.“

Na, da haben wir sie ja wieder, die Jesus- und Paulus-Erfinder.

Ich erinnere mich da an einen bei der Katholischen Kirche angestellten Geistlichen auf einer „Warum bin ich bei St. Pauli“-Veranstaltung … aus dem Grunde, dass so was wieder passieren könnte, gehe ich heute zu der Veranstaltung auch nicht hin. Jedem Individuum sei die Betroffenheit und das Entsetzen voll und ganz abgenommen; wer freilich für eine Organisiation agiert, die dergleichen forcierte und auch heute noch forciert, kann das ja woanders tun als im Rahmen des FC St. Pauli.

In der Tat haben anschließende Kommunikationen nach diesem Vorfall mich verletzt.

Ganz interessant ist, dass ausgerechnet die Formulierung „widernatürlich“ von den ansonsten „rasse“biologistischen Nazis gestrichen wurde. Was das Fortwirken dieses „widernatürlich“ als Kern aller Homophobie nicht ändert – und ja, auch hier kommt mal wieder der Papst, auch ein „Führer“, zum Zuge.

Nicht nur, dass dieser die Pius-Brüder rehabilitierte ( …aber es waren ja so viele sooooo begeistert vom Papstbesuch in Deutschland ….), nein, er besaß auch die Dreistigkeit zu behaupten, in Auschwitz seien nicht etwa Juden, sondern das Christentum vergast worden, mal etwas überpointiert formuliert – Alan Posener macht das besser als ich:

„„Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören – ihnen selber, die sich für die Starken hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen. Mit dem Zerstören Israels, mit der Schoah, sollte im Letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht, und endgültig durch den neuen, selbst gemachten Glauben an die Herrschaft des Menschen, des Starken, ersetzt werden.“

Sehen wir einmal darüber hinweg, dass auch jene Juden getötet wurden, die ihren Glauben und ihre Identität aufgegeben und etwa Katholiken oder Kommunisten geworden waren – und darüber hinaus auch „Halbjuden“: dass also weder das Judentum als Religion noch der Gott der Juden, sondern die Juden als Rasse Ziel der deutschen Mordwut waren, so wie die slawischen Völker als Rasse Ziel deutschen Versklavungswillens waren, ganz ohne Absichten hinsichtlich ihres Gottes. Halten wir aber fest, dass der Massenmord an den Juden bei Ratzinger nicht als entsetzlicher Höhepunkt einer zweitausendjährigen Geschichte des christlichen Antijudaismus erscheint, als ein von Angehörigen einer bis dato christlichen Nation begangenes Verbrechen, sondern als letztlich gegen das Christentum gerichtete Handlung – und vor allem darum als verwerflich.“

Unbedingt den ganzen Text lesen!

Gedenktage bergen ja die Gefahr in sich, dass mensch durch Historisierung einer Diagnostik der Aktualität sich entzieht. Mensch fühlt sich prima, während betroffen der Vergangenheit gedacht wird, und braucht im Heute nicht mehr groß nachzudenken.

Der Papst wäre ja schnurz, wenn sich in ihm nicht so viel bündeln würde, das eben auch symptomatisch ist für Entwicklungen, die sich zunächst nach der „Wieder“vereinigung, dann nach dem 11. September noch mal verschärft etabliert haben. Christlich motivierte Kapitalismuskritik, die eher über Charaktereigenschaften von Bankern schwafelt als über die Funktionsweise des Systems (die Vatikanbank hat da auch eine ziemlich gruselige Geschichte), eine permanente Zurechtweisung von Opfergruppen des „3. Reiches“ wie auch diese Unsitte, Angriffe auf Juden, PoC, Lesben (oft als „Asoziale“ interniert), Sinti, Roma und Schwule irgendwie auf sich zu beziehen (oder das „Ansehen der Nation“) und diese selbst dabei weitestgehend zu entmündigen und zumeist zu ignorieren oder zurecht zu weisen, wenn sie sich wehren, das gibt es ja alles auch säkular. Die Praktiken rund um „unwertes Leben“, die Euthanasie, sind irgendwie auch in Vergessenheit geraten.

Auch diese seltsame Berufung auf „Natur“, die bei allen Gender-Kritiken sich wiedergängerisch vollzieht, deutete der Papst neulich im Bundestag in einer allseits gefeierten, weil gar nicht verstandenen Rede in die Geltung normativer Naturzwecke als Willen Gottes um. Und natürlich begründete er da ausführlichst seine Ablehnung „gleichgeschlechtlicher“ Sexualpraktiken unter Berufung auf das „Naturrecht“, ohne Schwule und Lesben einmal zu erwähnen:

„Dass diese mittelalterlich-frühneuzeitliche Naturrechtslehre, die heute kein ernst zu nehmender Wissenschaftler mehr vertritt, für Benedikt die wichtigste Argumentationsbasis in fast allen heiß umstrittenen Fragen ist, hat offensichtlich keiner bemerkt: die Minderbewertung der Frau in der Kirche, die Ächtung der Homosexuellen, die Verteufelung der künstlichen Verhütungsmittel usw. So wird besonders im Bereich der Homosexualität vom Papst und anderen kirchlichen Dokumenten immer wieder deren Widernatürlichkeit unterstrichen.

Die Berufung auf das Naturrecht bildet sogar die Basis nicht mehr nur praktizierte Homosexualität, sondern sogar die Veranlagung strikt abzulehnen: Schon die homosexuelle Veranlagung ist für den Papst etwas, was gegen die von Gott ursprünglich gewollte Natur steht (Licht der Welt, 180). Dass diese in staatlichen Zusammenhängen nicht mit der Bibel, sondern mit dem Naturrecht begründet wird, macht die Sache umso gefährlicher. Denn dieses vom Papst postulierte Naturrecht ist nicht demokratischen Abstimmungen anheim gegeben und völlig unabhängig von religiösen Bekenntnissen. Es bindet alle Menschen und Völker aller Zeiten vor jeder demokratischen Abstimmung. Wo ein Staat sich nicht an diese von Benedikt favorisierte Rechtsbasis hält und z.B. gleiche Recht für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften einführt, wird er zur „Räuberbande“ (Benedikt zitiert hier Augustinus). Das Naturrecht bildet die ideologische Basis für den Vatikan, auf der er auf völkerrechtlichen Konferenzen mit Staaten wie Saudi-Arabien und dem Iran eng zusammen arbeitet, um dort einen Abbau von Frauen, Religionskritiker und Homosexuelle diskriminierenden Gesetzen zu verhindern.“

Das also zum Zustand der Demokratie: So etwas feiern unsere Parlamentarier. Dabei existiert eine päpstliche Anweisung, direkt in diesem Sinne auf die Gesetzgebungen von Staaten einzuwirken, politisch tätig zu werden, an seine Angestellten.

Auschwitz, die Shoah, das IST historisch singulär.

Diese Erkenntnis darf freilich nicht dazu verleiten, alles unterhalb der Schwelle der bürokratisch reibungs- und weitgehend widerstandslos organisierten und industriell wie planmäßig durchgeführten Massenvernichtung als irgendwie gar nicht so schlimm zu empfinden; das ideologische Gebräu, das die Nazis sich da zusammen sammelten, hatte diverse Quellen, zu denen auch der christliche Antijudaismus zählte (der Herr Stoecker, allerdings Protestant, sei beispielhaft genannt).

Und die Beschäftigung mit dem Inhaftierungs- und Vernichtungswillen der Nazis birgt immer die Gefahr, durch Instrumentalisierung der Opfergruppen diese selbst aus dem gesellschaftlichen Feld zu werfen. Ob nun „Antideutsche“ Juden benutzen, um antisemitische Stereotype in ihrer „Kapitalismuskritik“ zu reproduzieren und fest zu schreiben (der „Börsenjude“), oder die Neue Rechte Schwule gegen Muslime ins Feld führt (und umgekehrt, siehe Winfried Kluth, Opus Dei), obgleich der Diskurs der Islamhasser dem des Antisemistismus im Kaiserreich mehr als nur ähnelt, oder ob  der Papst Auschwitz annektiert, obgleich doch der Antijudaismus bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts sozusagen offizielle Doktrin der Katholischen Kirche war:

„Es sind vielleicht gerade die heutigen Polemiken, die aufzeigen, dass das Zweite Vatikanische Konzil auch von Juden und Säkularen als wahre Transformation erlebt wurde, als eine epochemachende Zäsur zwischen einem „Vorher“ und einem „Nachher“. Das „Vorher“ bestand aus einem unerbittlichen theologischen Antijudaismus, aus physischer Segregation in den von der gegenreformatorischen Kirche gewollten Gettos. Es bestand aus erzwungenen Taufen, aber auch – und das selbst nach der Emanzipation der Juden in Europa – aus schikanierenden Maßnahmen im gesellschaftlichen Leben und antijüdischen Ressentiments eines wichtigen Teils der christlichen Welt. Man kann sagen, dass die katholische Kirche erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begonnen hat, dem Antijudaismus ein klares „Nachher“ entgegenzusetzen, indem sie sich dieses Antijudaismus bewusst wurde und ihn zu korrigieren versuchte. Diese Transformation setzte nach der Schoah ein, für die der christliche Antijudaismus – nicht nur der katholische – ein kulturelles und ideologisches Hinterland gebildet hatte.“

alles eine Sauce, wie auch die Rede vom „jüdisch-christlichen Abendland“ Geschichtsklitterung betreibt.

Das Bewusstsein der Gegenwärtigkeit der Motive, aus denen die Nazis sich speisten, muss der Ideologie und dem wortreichen Schweigen der Reaktion entgegen gesetzt werden.

Dazu gehört auch, die Kontinuitätslinie zwischen dem Massaker an den Hereros, beispielhaft genannt, und jenen der Vernichtung der europäischen Juden zu begreifen, den Kolonialismus als eine historische Vorstufe des absoluten Grauens zu verstehen, und relativ war auch da das Grauen nicht, wo Kolonialherrschaft wütete.

Und dazu gehört es, nicht permanent zu vergessen, dass auch Linke, ja, auch Kommunisten in den KZs zu Tode kamen, sogar als allererste, als diese noch keine Vernichtungslager wie die späteren waren, wurde dort gefoltert und gemeuchelt.

Und dazu gehört es somit, die Rolle der Bürgerlichen in dem ganzen historischen Prozess wieder ins Bewusstsein zu rufen, die heute so tun, als hätten sie mit all dem nichts zu tun gehabt und sogar noch rechtfertigen, das schwule Opfer auch nach dem „3. Reich“ staatlich verfolgt und nie entschädigt wurden.

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Eine Antwort zu “Zum Holocaust-Gedenktag

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