Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Tugend, Moral und gesellschaftliche Ungleichheit

„Die Einteilung der Welt in „wir besseren“ und „ihr schlechteren“ ist eklatant auffällig. Gerne spricht man auch den anderen überhaupt die Fähigkeit ab, sich zu entwickeln. Das Antiaufklärerische an dieser Haltung wird durch die Grundannahme der eigenen Überlegenheit übertüncht. Die Aufklärung wird auf die Überwindung des Religiösen und die Erlangung der absoluten individuellen Freiheit reduziert und Meinungsfreiheit wird dann plötzlich vor allem für Rassisten gefordert, während man den Rassismuskritikern diese gern absprechen mag.“

Wohl wahr. Wie der ganze verlinkte Text. Vollkommen zustimmungsfähig.

Ich greife dennoch einen anderen Aspekt auf, der immer wieder aufs Neue Unsinn erzeugt in diversen Debatten: Wenn die moderne Moral zur Tugendethik verklärt wird, kommt eben Quatsch dabei raus. Wenn sie zur Frage nach dem „guten Menschen“ mutiert, schlägt zumeist das Christentum gnadenlos zu …

Es ist ja erstaunlich, wie sich die aristotelische Tugendethik bis in die Geometrie-Vorstellungen der politischen Landschaft fort pflanzt:

„„Die Tugend ist also ein Verhalten (eine Haltung) der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.“

– Aristoteles: Nikomachische Ethik 1106b36–1107a2, Übers. Gigon[3]

Da Aristoteles Realist war, wusste er um die Schwierigkeit und Vielfalt der konkreten Umstände. Deshalb ergänzte er auch seine Definition der Tugend als rechter Mitte um den Zusatz, dass ein verständiger bzw. tugendhafter Mensch als Orientierung dienen kann. Diese Ergänzung folgt auch aus anderen Überlegungen der Tugendethik, die die Überzeugung vertritt, dass man richtiges und ethisch gutes Handeln erlernen kann und muss, um fortschreitend richtig und gut zu handeln und um sein Urteilsvermögen in Bezug darauf zu entfalten.

Neben den vielen Fällen, in denen die Umstände über eine gute Handlung entscheiden, gibt es jedoch für Aristoteles auch Handlungen, die an sich schlecht sind. Bei diesen gibt es keine Mitte, weil es kein anderes Extrem gibt.“

Bei der Moral des liberalen oder kantischen Typs hingegen geht es um die NORMATIVE Forderung formaler Gleichheit, bei Hegel trat das Motiv intersubjektiver Anerkennung des konkreten So-oder-So-Seins des Anderen hinzu. Leider denkt der gleiche Philosoph dann auch noch auch konkrete Formen der Sittlichkeit hinzu, gewachsene Traditionen, weil diese historische Vernunft in sich tragen würden, das ist mit dem Anerkennungsmodell dann aber dialektisch kaum noch vermittelbar.

Während die Tugendlehren im Grunde genommen selbstbezüglich und narzisstisch bleiben und auch in christlicher Form, da treten dann Schuld und Sühne und manchmal die Forderung nach völliger Selbstlosigkeit hinzu, als Ego-Formationen durch den Kosmos driften, ist die „moderne Moral“ anders gebaut. Sie ist die Kombination aus formaler Gleichheit und der Anerkennung des Anderen in seinem So-oder-So-Sein Grundlage eines respektvollen Miteinanders. Axel Honneth hat die Forderung danach in seinem Werk „Der Kampf um Anerkennung“ als einen Kern sozialer Konflikte gedeutet. Das mag aus marxistischer Perspektive zu recht als Ignoranz ökonomischer „Konflikt“-Gründe ausgelegt werden, dass dieses Motiv jedoch hinter der „Proud to be gay!“-Agitation steckte, dürfte unumstritten sein. Blöd ist man nur, wenn man die ganze Zeit auf die Anerkennung der Anderen wartet und sein Selbstbild dann ausschließlich darauf gründet.

Zwar können u.a. ästhetisch motivierte Gruppenkonstellationen Forderungen wie jene, CDUler hätten am Millerntor nichts zu suchen, auch ganz erheblich wirksam werden. Oder eben „Kein Popper in die Punk-Disco!“ Das Bürgertum ist neben seiner ökonomischen Bedingtheit eine Geschmacksfrage, und ein Teil der Religion auch eher eine Frage des ästhetischen Urteils hinsichtlich literarischer Texte  – moderne Moralkonzeptionen setzen anders an, indem sie in welcher Form auch immer, beim Recht auf Anerkennung der Person des Anderen landen. Was übrigens über abstrakt-liberale Modelle hinaus weist. Die Kritik von Carol Gilligan an Kohlberg , den ich hier zum Teil in Anspruch nehme, hatte als Kern, dass dieser in seinem Modell der Stufen der Moralentwicklung von konkreten Personen abstrahieren würde. Ein Motiv, dass gerade in der Auseinandersetzung rund um Rassismus etc. maßgeblich wirkt, weil häufig die Erfahrung marginalisierter Personengruppen ignoriert wird. Die feministisch intendierte „Fürsorge“-Ethik, die Gilligan dem entgegen stellte, sollte dann nicht etwa heißen, dass Frauen sich gefälligst um Mann und Kind zu kümmern haben, sondern forderte ein Sich-Auf-den-Anderen-Einlassen. Seyla Benhabib nannt das dann den „konkreten Anderen“, der im Gegensatz zum abstrakten Rechtssubjekt eben eine Person mit Gefühlen und Erfahrungen ist und dem die moralische Haltung zu gelten habe.

Ausnahme von dem in formaler Gleichheit gründenden, moralischen Konzept bildet der an Nutzenerwägungen und „Gesamtwohl“ (z.B. Durchschnittseinkommen, Bruttosozialprodukt) Utilitarismus orientierte als Leitideologie des Kapitalismus, der dessen liberale Grundorientierung am Individuum aushebelt. Und der „Anerkennung“ nicht auf das jeweilige Personsein, sondern auf „Leistungen“ bezieht. Ebenso raus fällt eine rein selbstbezügliche Verantwortungsethik, die Handlungsfolgen nicht etwa in Relation auf andere, sondern auf irgendwelche überindividuellen „Werte“ als Kriterium dessen formuliert, was eine gute, was eine schlechte Handlungsfolge sei.

Moderne Moral kann im Grunde genommen auf eine Vorstellung des „Guten Menschen“ und überhaupt wie auch immer geartete Menschenbilder völlig verzichten. Das unterscheidet sie vom „Humanismus“.

Sie zielt auf die Partizipation aller gleichermaßen, und im Grunde genommen lässt sich aus ihr in welcher Form auch immer die Verteilungsgerechtigkeit ableiten. Sie ist NORMATIV, also ein Kriterium z.B, für die Begründung von REGELN, insofern ist sie nichts FAKTISCHES oder irgendwo schon Realisiertes.

Das alleine ist der Humbug, dem alle anheim fallen, die glauben Moral sei irgendwo realisiert; sie ist ein Kriterium für intersubjektiv gelingende Praxis. Alles andere ist ein naturalistischer Fehlschluss, der vom Sein aufs Sollen schließt. Es gibt auch erhbeliche Differenzen zum Recht, der Juristerei, obgleich Menschen- und Grundrechte im wesentlichen moralisch begründet werden. Die Marxsche Kritik daran, die zwischen „Bourgeois“ und „Citoyen“ unterscheidet, sollte jeder mal zur Kenntnis genommen haben.

Die Begründung und Geltung der Menschen- oder Grundrechte ist zudem etwas anderes als ein Naturgesetz; z.B das Geschwafel des Papstes über die Natur des Menschen als Grundlage irgendwelcher Verhaltensweisen ist nichts anderes als der berühmte „naturalistische Fehlschluss“, man solle nicht vom Sein aufs Sollen schließen.

Sie ist kein Vertragsmodell, weil sie Freiheit jedes Einzelnen als wichtigsten Bezugspunkt voraus setzt, die im Vertragsinhalt nicht aufhebbar ist (im normativen Sinne, faktisch ist das oft anderes, und dann ist der Vertrag unmoralisch).

Das alles unterscheidet sie maßgeblich von Tugendlehren, die eher von der Notwendigkeit von Einschränkungen persönlicher Freiheit ausgehen.

Mit den Rassismus-, Feminismus- und Homophobiefragen hat all das sehr viel zu tun. Der emanzipatorische Anspruch dieser Formen der Kritik heißt ja nichts anderes, als tatsächlich eben die formale Gleichheit bei gleichzeitiger Anerkennung des konkreten So-oder-So-Seins von Personen – PoC, Frau, lesbsich, schwul, bi – einzufordern, was nur dann möglich ist, wenn man diese auch partizipieren lässt und deren Perspektiven gleichberechtigt einbezieht. An Geschichtsschreibung, Medien, auf Theaterbühnen, in Chefetagen, überall. Dass man Menschen nicht wegen ihrer Hautfarbe abschiebt, dass man keine Priorität von Nationenzugehörigkeit im Sinne der Privilegierung zulässt usw.. Gleichmacherei ist das gerade NICHT, weil ja die Differenz und Pluralität von Lebensformen usw. gerade ZIEL dieser Moral ist – die freie Entfaltung der Persönlichkeit, wie es so feierlich im Grundgesetz heißt.

Möglichkeitsbedingung dessen ist die ökonomische Basis. Brecht hatte ja recht „Erst kommt das Brot, dann die Moral“. Insofern ist die Sicht der Dinge auch nicht zufällig aus dem ökonomisch aufstrebenden Bürgertum entstanden, das sich gegen Klerus und Adel behauptete, um dann den gleichen Scheiß wie diese mit der entstehenden Arbeiterschaft anzustellen. Von den Kolonisierten und Versklavten ganz zu schweigen. Ebenso von permanent angekurbelten Krisen, die ganze Regionen z.B. auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in Afghanistan dauernde Kriegszustände erzeugen, wird eine solche Perspektive freilich buchstäblich bombardiert und unterminiert.

Es ist auch eine Gesellschaft denkbar, in der durch die Verhältnisse das Problem gar nicht mehr diskutiert zu werden braucht, weil in ihnen das Kriterium gewissermaßen „aufgehoben“, also realisiert ist. Das ist auch keine „Moralisierung der politischen Theorie“, weil z.B. die ökonomische Analyse selbst davon völlig unberührt bleibt. Es liefert freilich die Kriterien, wieso eine Situation als ungerecht empfunden wird – weil Menschen Voraussetzungen für ein gelingendes Leben vorenthalten werden.

Nun gibt es Leute, die in ihrer temporären Verblödung diese Sicht der Dinge als klassengebundenen „moralischen Rigorismus“, Herrn Fleischauer paraphrasierend, begreifen wollen.

Das ist freilich eine Rezeption im Sinne auch noch christlich depotenzierter Tugendlehren. Das ist ja so ein Kuriosum, dass gerade auf der Linken viel in Kategorien eines säkularisierten Christentums gedacht wird. Das passiert in der Regel dann, wenn die Privilegien weißer, heterosexueller Männer angegriffen werden und als Schutzbehauptung irgendeine Zumutung konstruiert wird, die darin besteht, auch mal Frauen, Schwulen oder PoC zuzuhören, um diese in ihrem konkreten So-oder-Sein auch weiterhin ignorieren zu „dürfen“, anstatt sie anzuerkennen. Das hat aber mit Tugenden allenfalls sekundär zu tun, sondern ist die Weigerung, ein moralisches Kriterium ernst zu nehmen. Diese Rückübersetzung in Tugendlehren führt dann in anderen Fällen dazu, dass z.B. die „Gier“ der Banker in den Mittelpunkt des Denkens gerückt wird und nicht etwa die amoralische Funktionsweise des kapitalistischen Systems selbst. Bezogen z.B auf die Abschiebepraxis wäre deren Kritik „moralischer Rigorismus“.

Umgekehrt ist freilich die liberale Falle, zu glauben, dass ein normatives Kriterium gesellschaftlich längst realisiert sei, was eine der Lebenslügen „des Westens“ ist. Oder anzunehmen, „Kulturen“ seien so was wie Tugendträger, die kollektive Formen des So-oder-So-Seins erzeugten, das ist sozusagen die Hegelsche Vorstellung von Sittlichkeit, und wer nicht in diesen sozialisiert sei, habe deshalb auch nicht die Fähigkeit, moderne, post-koventionelle Moral als Kriterium eigener Handlungen zu begreifen.

So bastelt Mann sich dann Kollektive, die irgendwie „barbarisch“ seien, und entvölkert aus dieser Sicht der Menschen ganze Kontinente – die „Wilden“. Das ist auch die ewige Falle der „Aufklärung“, sich „voraufgeklärte“ Menschenarten einzubilden, die dann zu missionieren oder zu kolonisieren oder zu vernichten seien.

Dabei geht die moderne Moral davon aus, dass jedes sprach-, denk- und handlungsfähige Subjekt von ihr problemlos zu überzeugen wäre, wenn es denn bereit dazu ist.

Was sehr viel Aufwand nach sich zog, nun manche als nicht ganz so sprach-, denk und handlungsfähig ausweisen zu wollen, was traditionell zumeist Frauen und PoC traf, aber ebenso „untere Schichten“. Man schaue nur mal nachmittags RTL … und irgendwer findet jetzt diesen Text linksextrem. Während andere anfangen, die Mittel zu diskutieren, die zur Utopie führen, und das deshalb eh alles blöd finden. Die weiß ich allerdings auch nicht.

 

 

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10 Antworten zu “Tugend, Moral und gesellschaftliche Ungleichheit

  1. flummi Januar 25, 2012 um 6:10 pm

    hallo nochmal

    ich probiers nochmal genauer zu erläutern, was mich bei diesem Christen/Kirchen/Gläubigen Diskurs so umtreibt. Keine Ahnung ob es mir gelingt, vermultich wieder nicht. Es ist so paradox, aber ich habe oftmals das Gefühl, dass ich als Pfaffentochter weniger mit Pfaffen zu tun hatte, als diejenigen, die sich immer so inständig aufklärerisch von eben diesen Pfaffen abgrenzen wollen. Vielleicht ist es das. Ich habe keine Ahnung. Ich meine wenn es bspw. um Tugendhaftigkeit und sowas geht, erinnere ich mich immer an eine Lehrerin, das war so eine „Thea Dorn“ Diese Dame hasste das „christiich-akademische“ Umfeld aus dem ich und meine afrikanische Freundin kamen wie die Pest und es verging kein Tag an dem sie uns das nicht spüren ließ. Das hatte in der Tat etwas von Antisemitismus, so eine Art Phobie vor der Weichheit, Schwäche und Verletzlichkeit. Ich kann das nicht genau beschreiben, aber es geht in diese Richtung. Und sie war nicht die einzige, es gab da einen gigantischen Bruch zwischen uns und den restlichen Dorfbewohnern aus der „Normalbevölkerung“. So gab es z.B nicht wenige Freundinnen, denen der Umgang mit mir von ihren Eltern verboten wurde. Meines schändlichen Einflusses wegen. Ich muss das alles irgendwie mal genauer ausarbeiten, aber auf mich wirken diese ganzen theoretischen Diskurse einfach oft als so völlig absurd. Gerade auch in Anbetracht meines Traumas. Mich hat nämlich kein Pfaffe vergewaltigt, sondern ein „aufgeklärter Freigeist“. Mit dieser ganzen biografischen Verkorkstheit, kann ich mich in diesen theoretischen Diskursen einfach überhaupt nicht mitteilen. Und wenn mir dann noch jemand sagt, ich müsse meine persönliche Biografie im theoretischen Diskurs raushalten, dann wird es eben noch absurder für mich. Versteht das irgendjemand ?

  2. momorulez Januar 25, 2012 um 8:00 pm

    Ja, ich verstehe das gut. Glaube ich zumindest. Das oben ist ja zunächst mal so was wie eine parteiische Typologie gängiger Ansätze aus Vergangenheit und Gegenwart, die christliche Modi der Tugendlehren durchaus kritisiert und moderne Modelle besser begründet findet. Die entscheidende Pointe ist freilich, dass JEDER in seinem konkreten So-Oder-So-Sein anzuerkennen ist, es sei denn, er versagt anderen Personen dieses. Also auch jeder, der für sich christliche Selbstpraktiken richtig findet, es sei denn, er setzt sie gewissermaßen zur Ego-Erhöhung an die Stelle der wechselseitigen Anerkennung. Moralische Motivation ist der Andere, nicht primär, „ein guter Mensch“ sein zu wollen. Nächstenliebe, auf christlich gewendet, das haben die aber nicht erfunden.

    So weit zur Theorie, die vielleicht ja nicht für jeden, für mich aber schon einen therapeutischen Effekt hatte. Die kann nun gerade nicht dazu dienen, konkrete christlich orientierte Personen zu diskreditieren oder auszugrenzen. Und wenn Dir das passiert ist, ist das Scheiße.

    Wenn freilich, was hier im Blog passiert ist, konkrete Personen, die sich als Katholiken sehen, her linken und dabei homophobe Sprüche klopfen, dann entfährt mir in Gegenwehr schon mal eine „katholische Kuh“, und die politische Praxis dieser Kirche und der Evangelikalen finde ich auch fatal. Oder neulich beim FC St. Pauli ein katholischer Amtsträger im Ornat auf einem Podium mit saß, der kann von mir aus sonstwo seinen Katechismus predigen und in Zivil da auch rum laufen wie er will, aber nicht als Vertreter einer Organisation im erklärt antihomophoben FC St. Pauli. Das geht aber nicht gegen die Person oder individuellen Glauben, sondern gegen Politik, die die machen.

    Ein Missbrauchsfall, da weiß ich nun nicht, wie gravierend der war, wie alt Du warst und ob Du da in aller Öffentlichkeit überhaupt vertiefend drüber reden möchtest, dass ist einfach eine so gravierende Nicht-Anerkennung der Freiheit des Anderen, eine so brutale Grenzverletzung, das geht ja gar nicht. Und da greift das, was Frau Gilligan meint: Eine emphatische Offenheit für das, was das mit Dir gemacht hat. Und zuhören, anstatt wie ich hier gerade rumzureferieren.

    Ganz schlimm wird es ja meines Wissens dann, wenn beim Opfer auch noch Schuldgefühle entstehen.

    Und nun glaub nicht, dass, würden wir uns persönlich kennen, ich jetzt Dir gegenüber so rumtheoretisieren würde, wie ich das hier gerade tue. Das ist immer ein bißchen schwierig, wenn so einen Text ja einen ganz andere Stoßrichtung hat. Du musst auch sagen, wenn Du möchtest, dass wir uns dazu mailen.

  3. flummi Januar 25, 2012 um 9:17 pm

    nein, ist jetzt wieder nicht direkt auf deinen Beitrag hier bezogen, ich hab nur das Gefühl, bei dir noch am ehesten das herausformulieren zu können um was es mir geht. fällt mir wie gesagt nicht leicht.

    In letzter Zeit lese ich einfach nur in jedem 2. Blog darüber, wie fatal doch unsere christiliche Sozialisierung für uns sein soll. Das wird dann aber immer so allgemein gehalten, dass ich damit einfach überhaupt nichts anzufangen weiss, Verstehst du, für mich machen diese Diskurse einfach keinen Sinn. Ist mir alles viel zu oberflächlich, allgemein. Ich hab keine Ahnung, inwieweit ich persönlich jetzt und ganz konkret als Pfaffentochter überhaupt christlich sozialisiert wurde, bzw wenn ja, dann von wem oder wodurch überhaupt. Und wenn dem so ist, inwieweit ich mich jetzt aus dieser fatalen Sozialisierung zu befreien habe und warum..

    wie du sagst, braucht Nächstenliebe keine Religion. Sie hat vielmehr etwas mit Emanzipation zu tun, die dann zum tragen kommt, wenn Mensch es eben nicht nötig hat, sich – egal ob moralisch, ideologisch oder rassistisch – über andere Menschen zu erheben und ihnen das Recht auf ihr eigenes, selbtbetimmtes Leben abzusprechen. Auf der anderen Seite stellt sich dann aber auch die Frage, frei nach Rolf Verleger „Ist Nächtenliebe antisemitisch?“ an die Evangelikalen gerichtet, „Ist Nächstenliebe antichristlich?“

    Christentum spielte für mich persönlich letzlich eben überhaupt keine Rolle, mir wurde das immer nur von außen rückgemeldet , und das in doppelter Hinsicht: die Aufgeklärten hassten in uns das „Christliche“ und die Christen das Aufgeklärte. Und ich empfinde es eben als genauso legitim, wenn sich Menschen einer religiösen Tradition anvertrauen, wie wenn sie Religion für sich ablehnen.und ich empfinde es als genauso unerträglich wenn Unterdrücker sich auf irgendwelche religiösen Traditionen beziehen, wie wenn Unterdrücker als Aufklärer daherkommen.

    Fazit: Vermutlich wurde ich christlich sozialisiert, habe aber kein Problem damit. Womit ich ein Problem habe ist, wenn andere ir meine eigene Erfahrungswelt absprechen wollen, sei es nur indem sie diese als irrelevant darstellen. Und das passiert leider ständig.

  4. flummi Januar 25, 2012 um 9:24 pm

    „Ein Missbrauchsfall, da weiß ich nun nicht, wie gravierend der war, wie alt Du warst und ob Du da in aller Öffentlichkeit überhaupt vertiefend drüber reden möchtest, dass ist einfach eine so gravierende Nicht-Anerkennung der Freiheit des Anderen, eine so brutale Grenzverletzung, das geht ja gar nicht. Und da greift das, was Frau Gilligan meint: Eine emphatische Offenheit für das, was das mit Dir gemacht hat. Und zuhören, anstatt wie ich hier gerade rumzureferieren.“

    Dazu nuur kurz und soviel: ich war 8 Jahre alt

  5. momorulez Januar 25, 2012 um 10:35 pm

    Oha. Mein Mitgefühl, ehrlich und von ganzem Herzen. Ich weiß natürlich nicht, was es mit Dir konkret gemacht hat; ich weiß ein wenig, was das im Allgemeinen mit Menschen machen kann, und – aua.

    In dem Kommentar davor hast Du doch aber im Grunde genommen das geschrieben, was ich im Text nur eben im Rahmen einer sehr skizzenhaften Typologie moralphilosophischer Positionen auch geschrieben habe?

    Ansonsten muss ich dann wohl noch mal präziser fassen, was ich da nun meine mit „christlich“ und wieso ich das problematisch finde; es ist aber immer die Organisation, die Politik und Teile der Katholischen und Evangelikalen Lehre, und da natürlich vor allem das, was sich gegen Schwule und Lesben richtet wie auch die Historie von Mission und Kolonisation.

    Und vielleicht zur Überraschung meiner Stammleser noch ergänzen, dass für mich tatsächlich bedeutend war, die Bücher von Detering und dieses „Jesus?“ zu lesen, um mir selbst überhaupt einen Zugang zu so was wie Spiritualität zu ermöglichen. Und dazu ist FÜR MICH, ganz egoistisch, das Verstehen des Kanonisierungsprozesses im 2. Jahrhundert wichtig gewesen. Ich bin ja selbst in der evangelischen Kirche irgendwie sozialisiert, habe da Jugendarbeit gemacht, empfand vieles irgendwann als verlogen, als pseudopolitisiert, platt und borniert – aber die Bilderwelten sagen einem natürlich trotzdem was und prägen, und was wirklich unglaublich nachhaltig gewirkt hat, ist diese ganz kuriose Kombination aus Homoerotik bei gleichzeitiger Homophobie und Leibfeindlichkeit. Da hängt überall dieser halbnackte Mann herum, aber er wird gequält und hat ja was zugleich Anziehendes und Abschreckendes. Die ganze christliche, die katholische ja noch mehr, Ikonographie ist voll von attraktiven, gequälten Männern und angezogenen Müttern mit Kind im Arm. Das ist höchst irritierend, deshalb halte ich Religion auch eher für ästhetisch relevant. Detering bestätigt das im Grunde genommen, und Ãsthetik und Spiritualität haben wahnsinnig viel miteinander zu tun. Ich glaube, auch im Islam ist das so.

    Komischerweise trumpft sie aber viel stärker moralisch und in Tugendlehren auf. Ich halte das einfach für ein großes Missverständnis 🙂 …

    Ob das jetzt noch was mit dem zu tun hat, was Du geschrieben hast, weiß ich nicht. Vielleicht ja indirekt. Ich weiß auch nicht, ob nun gerade das, was Du zu Deiner Erfahrung im Alter von 8 Jahren schreibst, irgendwie angegriffen wird von dem, was ich zur Ikonographie schreibe. Vielleicht aber auch gerade nicht. Wenn ja, tut es mir leid!!!, für mich ist das gerade schwierig, eine gemeinsame Fragestellung zu finden.

  6. flummi Januar 25, 2012 um 11:43 pm

    hm das ganze ist ja nun doch ziemlich verworren und wie gesagt extrem schwer zu kommunizieren, worauf ich einerseits hinauswollte ist die Frage, inwieweit ich als Pfaffetochter ohne kirchlichen Bezug christlich sozialisiert wurde, weil wie gesagt, mit der Kirche hatte ich persönlich ja so gut wie nix zu tun. Wir lebten da ja in unserer akademischn Enklave, kirchliche Berührungspunkte gab es nur bei Treffen mit der Verwandschaft aus eben diesen Kreisen und da bekam ich immer Depressionen. das war Tristesse pur, weswegen mich in Bezug auf Ästhetik die Katholen auch wesentlich mehr fasziniert haben. Allerdings stelte ich schon als Kind sehr schnell fest, dass es bei den Katholen ein extremes Machtgefüge gab, welches sozusagen mit „magischen Mitteln“ die Gläubigen zu manipulieren in der Lage war.

    Auf der anderen Seite dann diese fürchterliche Erfahrung, von einem wie ich ihn hier darstelle „aufgeklärten Freigeist“ ans Kreuz genagelt zu werden…und das in einer Situation der absoluten Hingabe an die Kunst. Vernichtet wurde dadurch dann auch meine Fähigkeit, mich künstlerisch auszudrücken, nicht aber mein spirituelles Selbst.

    Sorry, ich mach mal nen Punkt, will ja letzlich wirklich auch nicht alles auf die persönliche Ebene herunterbrechen. Wollte lediglich veruschen, die Absurdität die dieser Diskurs für mich hat, aus meiner Perspektive heraus darzustellen

  7. momorulez Januar 26, 2012 um 12:13 am

    Okay, Punkt 😉 – meine mail-adresse steht ja ggf. unter „Über“. Und ich wünsche Dir natürlich die Möglichkeit der Wiedergewinnung der künstlerischen Fähigkeiten trotz des Traumas.

    Das ist ja schon ein Punkt in der christlichen Symbolik, dass man wie Du solche Erfahrungen als „ans Kreuz nageln“ begreifen kann und sie die Möglichkeit der „Auferstehung“ zumindest ins Bild, den Möglichkeitsraum, bringt. So lange keine Verpflichtung daraus wird.

    Und vielleicht schaffe ich es ja in zukünftigen Blog-Einträgen besser, irgendwie eine Brücke zu bauen zwischen den abstrakten Typologien und individuellen Erfahrungen.

  8. ziggev Januar 26, 2012 um 10:12 pm

    flummi, jetzt habe ich noch nicht die ganze Diskussion durchgelesen, aber ich finde das sehr interessant, was du schreibt;

    einiges deckt sich mit meiner Erfahrung oder der meiner Vorfahren. Es waren Wirtschaftsflüchtlinge, die aus dem Schwarzwald kommend bei der und der Glaubensgeneinschft (Augsburger Bekenntnis) Unterschlupf fanden. Es ist der Brief überliefert, einer meiner Ur(weiß nicht wie viele, so viel jedenfalls auch nicht) -Omas, an die Tochter, in etwa: „versuchs bei den und den – zum Überleben“. Die Söhne machten Karriere, … Pastor, Funkionär. Und es ist auch überliefert, dass nicht alle damit jeweils so sehr zufrieden waren.

    Eine Generation vor mir schafften dann beide Brüder den „Absprung“ – also kein klerikaler Beruf – – und vor Allem: kein versteiftes, kirchliches Zeremoniell mehr!

    Aber eine erstaunliche und ansteckende Lebensfreude bei einigen frommeren Verwandten – ohne oder mit kirchlichem Job – festzustellen, das alles nach entbehrungsreichem Leben – mit 65 J. Zentralheizung, zum ersten Mal! – , – und in deren Gesellschaft wäre andauernd von „frommen“ Themen die Rede gewesen ? – Nix da! Nie, nimmer, nicht !

    Mein Großvater also der letze männliche (nicht angeheiratete) Nachkomme in kirchlichem Job, nichtsdstotrotz der am selben Tag noch zum Pastor, der mir als Konfirmationsspruch „Alle eure Dinge sollen in der Liebe geschehen“ nicht gönnen wollte, gehende atheistische Vater, um die Sache klarzustellen.

    Ne Generation davor noch sich mit Totenkopf (echt), der mit Pfeife zw. den Zähnen und Zylinder ablichten lassen, in Krisenzeiten sich auch mal von Fliegenpilz ernähren (obere Haut abziehen(?)); so richtig entspannt scheint Einiges lediglich in der Kirche gesehen zu werden.

  9. momorulez Januar 26, 2012 um 10:46 pm

    Also, das „lediglich“ halte ich dann doch für falsch 😉 …

  10. ziggev Januar 27, 2012 um 12:47 pm

    hmm, darüber will ich nicht streiten, das sehe ich total relaxt ! 🙂

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