Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Fragen nach dem Auftritt des Innensenators

„Es war nämlich Michael Neumann da. Was dabei bemerkenswert ist: Sein Vorgänger kommt zu einem offiziellem Empfang des Fanladens mit drei erkenntlichen Personenschützern, er kommt zu einer solchen Veranstaltung alleine und ohne Begleitung. Das muss man so erstmal zur Kenntnis nehmen und ist für mich erstmal ein anderes zugehen auf Leute. Er hat kurz geredet, hat ein zwei Fragen beantwortet und ist dann auch mehr oder minder (als einmal angemerkt wurde, dass man doch unter sich reden wollte) von sich aus gegangen. Und zwei Sätze sind wichtig.

Er hat gesagt, dass man die Vorfälle aufklären wolle. Auf die Frage wie man ihm das Glauben solle, wenn man sieht, wie die Jolly Vorfälle im Sande verlaufen sind, erwiderte er, dass man “überhaupt keine Beweis für seine Glaubwürdigkeit habe, man ihn aber in einem Jahr einen Lügner nennen könne”, wenn die Vorfälle nicht aufgeklärt wären. Er ergänzte “Ich lasse mich an meinen Worten messen, deswegen bin ich hier.”“

Die guten Filme laufen meistens spät im Fernsehen. Um 20.15 h präsentiert dem Publikumsbedürfnis gemäß das Sendungsbewusstsein Monumentalmist wie „Herr der Ringe“ oder spießige Anachronismen wie den „Tatort“. Doch ab 0.00 h findet sich manch Perle im Programm, so gestern eine mit Lawrence Fishburn in der Hauptrolle. Einen Putzmann  für ungewöhnliche Reinigungsaufgaben spielte der – die Blutspuren nach tödlichen Gewaltverbrechen hatte er zu reinigen. Er wurde an einen Schauplatz gerufen, der zu säubern sei, da noch gar keine Ermittlung statt gefunden hatte: Spuren getilgt. Eine Finte, hinter der sich nicht nur ein Liebesdrama verbarg, sondern ein Plot rund um korrupte Polizisten.

Ein anderer Film, sogar in der ARD zu sehen, der vor nicht allzu langer Zeit mich faszinierte, war „Der Yorkshire-Killer“. Der titelgebende Serienkiller stand gar nicht im Zentrum der ersten Folge. Stattdessen versuchte ein Journalist, Kindesmorde zu recherchieren und stieß dabei vor in ein Wespennest, gebildet aus einem Konglomerat selbstherrlicher Ordnungshüter, die mit Immobilienhaien ein Gewalt-Regime installieren und zusammen davon profitierten.sie von einer weitestgehend unkontrollierten Gewaltherrschaft, der final seine Recherchen auch nicht überlebte.

Und was produziert man für das deutsche Fernsehen? Eine Story nach der anderen, in der die Sicherheit für arglose, friedliebende Bürger von Polizisten wieder her gestellt wird.

Solche Plots sind ja verräterisch für die Mentalitäten jener, die zuschauen. Oft aussagekräftiger, als Nachrichtensendungen und Dokumentationen. Letztere guckt ja auch kaum wer.

Der Auftritt von Herrn Neumann hat mich durchaus beeindruckt. Klar, man weiß nicht, was da Show ist, mir schien zumindest, dass ihn das Unwohlsein gepackt hat, und das nicht nur, weil unter den Fans des FC St. Pauli natürlich auch klassisches SPD-Wählerpotenzial sich findet. Wohl auch, weil offene Briefe von Genossen  Eindruck hinterlassen haben könnten. Aber gefühlt war da mehr. Der hier im Blog formulierte Vorwurf, das Verhalten der Hamburger Exekutive erinnere an Ungarn, kann nicht ohne weiteres aufrecht erhalten werden.

Immer dann, wenn Fragen diskutiert werden, ob man nun Verdächtige aus Fan-Reihen Ordnungshütern überantwortet werden sollten – ich bin da zumeist dagegen – fällt mir diese Spiegelbildlichkeit zu Polizeiverhalten auf. Exakt das scheint da ja auch regelmäßig zu passieren. Kein Kollegenschwein sein wollen. Loyalität zu den Kumpels.

Nun sind freilich an Staatsbeamte schon AUFGRUND des Gewaltmonopols andere Kriterien anzulegen als bei ganz normalen Leuten. Alleine das schon wird von Pusteblumen und anderen Gewächsen permanent ignoriert. Aber wie setzt man das durch? Kennzeichnungspflicht ist einer der Punkte auf dem Weg dahin.

Trotzdem, als Herr Neumann, von dem ich ansonsten wenig weiß, darauf hin wies, dass der polizeiliche Überfall auf das Jolly ja noch unter der Vorgängerregierung statt gefunden habe, da fragte ich mich schon, wie das wohl ist, wenn man so als Innensenator neu an die Spitze eines derartigen Apparates gesetzt wird. Nicht wegen eines übertriebenen Anfalls von Emphatie angesichts freiwilliger Jobwahl, sondern weil das ein in der Regel unterreflektiertes, politisches Problem darstellt.

Klar, an Schlüsselpositionen werden vermutlich „die eigenen Leute“ installiert. Trotzdem ist ein administrativer Apparat ein von Eigendynamik, Pfründen und Seilschaften durchzogenes System, wo man sich ja wirklich fragen kann, wie da überhaupt hinein regiert werden kann.

Ganz interessant fand ich den Punkt, dass die Leitungen von Komissariaten alle 2-4 Jahre wechseln. In Fragen der Korruption macht das ja wirklich Sinn. Auch, um bestimmte Formen der Kumpaneien auch mit direkten Umfeldern zu unterbinden.

Aber wie will man sich der Loyalität derer, denen man vorsteht, versichern, wenn man öffentlich gegen sie anstinkt?

Das Problem wird dadurch verschärft, dass nach Jahrzehnten neoliberaler Propaganda auch auf der Linken eine gewissen Notwendigkeit entstanden war, insbesondere hinsichtlich dessen, was von den Sozialsystemen übrig geblieben ist, Staat zu verteidigen. Und auch sonst einen Interventionsstaat zu fordern, der seinen Zweck weniger darin sieht, die Vermögen der Reichen mittels Bankenrettung abzusichern und Hartz IV-Empfänger zu knechten, sondern eher aufpasst, dass z.B. die Mieten nicht explodieren, Menschen nicht verhungern und idealerweise der Privatisierung des öffentlichen Raumes etwas entgegen setzt. Die Entwicklung ist freilich in den letzten Jahrzehnten gegenteilig verlaufen.

Strafverschärfend tritt hinzu, gerade in Folge der Auseinandersetzung in der Alsterdorfer Sporthalle, dass dieser Staat spätestens nach der De Facto-Abschaffung des Asylrechtes sich regelmäßig an Positionen der Rechtsaußen angebiedert hat. Eine weitere Zäsur war die Unterschriftenaktion Roland Kochs gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die Bemühungen der damaligen rot-grünen Bundesregierung, das zumindest ein wenig zu ändern , torpedierte.

Es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet ein Ex-Spitzenpolitiker aus der SPD einen rassistischen Bestseller verfasste, einer aus der Exekutive, aus dem Verwaltungsapparat. Es findet alltäglich auf den Straßen de facto „Racial Profiling“ statt, eine menschenverachtende Abschiebepraxis undundund. Ich habe allerdings neulich tatsächlich erstmals einen schwarzen Polizisten im Schanzenviertel Streife gehen sehen; ansonsten vermute ich mal eine ethnisch äußerst homogene Beamtenschaft, wie mir von einem mir persönlich bekannten Finanzbeamten auch bestätigt wurde.

Dieser Text aus der FR ist ja in jeder Hinsicht treffend, und natürlich trägt auch das nachhaltig zu Vorkommnissen wie in der Alsterdorfer Sporthalle bei – den „Gutmenschen“ mal einen auf die Nuss geben fällt da leichter. Man muss es ja nicht gleich so übertreiben wie Herr Breivik, selbst wenn man mutmaßlich ähnlich denkt (so aber nicht handeln würde). Was mit Sicherheit nicht bei allen Polizisten der Fall sein wird; da das Denken dessen, der nicht zufällig in ein sozialdemokratisches Jugendlager ging, meiner Ansicht nach ganz ähnlich von großen Teilen der Springer-Presse vertreten wird bis hin zu Herrn Döpfner, wäre es allerdings ungewöhnlich, wenn es sich in Polizistenhirnen nicht auch auffinden ließe zumindest teilweise. Meines Wissens ist das ja auch ganz gut belegt.

Mal angenommen, Herr Neumann ist einer von den Aufrechten. Was kann der angesichts all dessen eigentlich tun, ohne seine Untergebenenen gegen sich aufzubringen, so dass diese letztlich gegen ihn arbeiten?

Und: Wie kann Kritik aussehen?

Lange Zeit war Praxis, sozusagen ein Ideal dessen, was Gewaltenteilung, Grundrechte, Sozialstaat, Rechtsstaat heißen könnte, wahlweise kritisch gegen staatliches Handeln anzuführen oder, auch ganz erstaunlich häufig anzutreffen, dieses Ideal als wirkliche und realisierte Praxis zu vermuten. Also tatsächlich zu glauben, dass normative Kriterien faktisch überall wirkten. Mit dieser Vorstellung lebt es sich ja auch besser, aber wäre es nicht mal an der Zeit, auch in Deutschland andere Filme zu drehen und Geschichten zu erzählen und diese auch anzuschauen als den „Tatort“ oder die aufgeplusterte Gut/Böse-Variante im „Herr der Ringe“? Statt bei Günther Jauch gegen Übergewichtige zu hetzen?

Ich glaube ja allmählich, dass es auch an der falschen Pop-Mythologie liegt, dass Deutschland so weg suppt. Und da kann man von den Amis und zum Teil auch Briten wirklich was lernen … in Stephen Kings „Es“ steckt mehr Antirassimus als in jedem noch so gut gemeinten Antifa-Flugblatt. Trotz Beschwörung „des Bösen“.

14 Antworten zu “Fragen nach dem Auftritt des Innensenators

  1. MartinM Januar 16, 2012 um 6:15 pm

    Ich war geneigt, spontan den „Herr der Ringe“ und den „Tatort“ zu verteidigen. Weil ich den Mythen-Kenner Tolkien und sein Werk schätze und weil ich mich an viele, gut gemachte und manchmal wirklich sozialkritische „Tatorte“ erinnern kann. Aber im Kontext Deines gesamten Artikels ist mit klar, dass es nicht um Geschmacksfragen geht – sondern tatsächlich um kulturelle Strukturen, die man tatsächlich „Pop-Mythologie“ nennen könnte. Tatsächlich kommen auf jeden Tatort, der ein wirklich „heißes Eisen“ anpackt, zehn oder mehr, in denen die „Sozialkritik“ aufgesetzt ist, oder in denen die Autoren davor zurückscheuen, mit der in Deutschland vorherrschenden „Pop-Mythologie“, in der die Gefahr von „außen“ oder von „Randgruppen“ ausgeht, und in der es vielleicht korrupte Polizisten gibt, aber eben als „schwarze Schafe“, zu brechen. Ein Beispiel, das mir einfällt, war ein „Tatort“, in dem es um organisierte sexuelle Misshandlung von Kindern ging, aber: die „Kinderficker“ in Tatort sind Satanisten, nicht etwa z. B. katholische Geistliche.
    Im „Herr der Ringe“ gibt es durchaus einige Ambivalenzen – die allerdings in Schlachtengetümmel untergehen und von der Bedrohung durch das absolut Böse (Sauron) übertönt werden.
    Ich denke nicht, dass die in den USA üblichen Pop-Mythologien sich allzu weit von dem deutschen Schema abheben, dass „das Böse“ von außen kommt. „CSI“ ist in dieser Hinsicht nicht strukturell anders gestrickt als „Tatort“ oder „Kriminaldauerdienst“, das Schema, dass die Sicherheit für argloser, friedliebende Bürger von Polizisten wieder her gestellt wird, ist immanent.
    Die „Herr der Ringe“-Filme entspringen ja nicht nur der englische Pop-Mythologie, sondern auch den „Hollywood-Konventionen“, in denen nur die Guten schön sind. Allerdings ist nach meinem Eindruck die US-Pop-Mythologie vielfältiger als die deutsche, eben, weil sie aus einer Gesellschaft entspringt, die sich (von „Rednecks“ und „Tea-Party“ vielleicht abgesehen) nicht als ethnisch und kulturell homogen begreift. Der erste Gegenentwurf zum „heile Welt Krimi“, in dem das Böse aus den Randgruppen bzw. der „Unterwelt“ stammt, bzw. von einige klar benennbaren „bösen Menschen“ ausgeht, der „Hardboiled Detective“, der den Film Noir bestimmte, stammte ja nicht zufällig aus den USA.
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass oft aus den USA genau die falschen popkulturellen Elemente bevorzugt nach Deutschland importiert werden – Schema-F-Thriller a la Dan Brown z. B., oder Soap Operas. Was wiederum an der deutschen kulturellen Struktur liegen mag.
    Es gibt da auf „Telepolis“ einen interessanten Artikel, der einige problematische und vielleicht sogar gefährliche Aspekte der deutschen Pop-Mythologie beleuchtet: „Irgendwie anders und selig eingeschlafen – Im Land von Russenspieß und Jagertee“ von Hans Schmid http://www.heise.de/tp/artikel/36/36175/1.html – das Fortwirken von Strukturen aus Nazi-Propagandafilmen zuerst im deutschen „Heimatfilmen“ der 1950er Jahren und später im Fernsehn-Aufguss des Heimatfilmes, der Serie „Forsthaus Falkenau“.

  2. momorulez Januar 16, 2012 um 6:51 pm

    Ich meinte auch die Verfilmung beim „Herr der Ringe“, nicht den Roman, und der hat echt seltsam pathetische Untertöne. Und halt diese deutsche Masche, die so ein kurioses Vertrauen in polizeiliches Problemlösen und Ordnung hat, in die wieder her gestellte Sicherheit.

    Und klar, aus den USA gibt es wahnsinnig viel Mist, aber dieses Hinschauen auf Charaktere, die weder gut noch böse, aber menschlich sind, das aus der Hardboiled-Tradition entstanden ist, das gibt es halt in Deutschland nicht, zumindest nicht für mich wahrnehmbar. Im Yorkshire-Killer gibt es die klar Bösen, aber der Journalist ist eine ziemlich ambivalente Figur, und es wird halt auch die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass sich unter dem Deckmantel eines richtig begründeten Systems informell grauenhafte Scheiße bilden kann, und in Deutschland ist das dann das „schwarze Schaf“ aber ansonsten alles in Ordnung, genau wie Du schreibst, und das ist einfach nur abstruse Ideologie.

    Und diese Pop-Skripte haben wahnsinnige Wirkung in Ego-Spielen. Und wahnsinnig viel mit Rassismen zu tun. Der „türkischstämmjge“ Tatort-Komissar wurde vom deutschen Publikum einfach nicht akzeptiert, deshalb gibt es den nicht mehr. Habe ich auch nicht geguckt, weil ich fast nie „Tatort“ gucke, Barnaby z.B. finde ich viel witziger, weil sich da Briten selbst verulken, und weiß nicht, wie der war, aber stell Dir hier mal eine Figur wie „Shaft“ vor – die Leute würden ausrasten.

  3. futuretwin Januar 16, 2012 um 11:54 pm

    Zu „Herr der Ringe“ mal ein paar Zitate aus einer Diskussion in einem Fantasy-Forum:
    „Kennst du diese Situation auch – ob im Buch, im Film oder im LARP?
    => Die Orks besiegen den Held. Er wird gefangen genommen, beschimpft, herumgeschubst, aber im Endeffekt irgendwo eingesperrt, um über sein weiteres Schicksal (zweifellos ein grausiges) zu entscheiden. Natürlich bricht er kurz darauf aus oder wird befreit.
    => Die Helden besiegen die Orks. Alle, die nicht sofort tot sind, auch Verwundete, werden liquidiert. Weil Orks bekanntlich böse sind. Niemand denkt daran, einen Stammesrat einzuberufen, was mit den Gefangenen geschehen wird. Dafür werden die Orktöter mit Ruhm und Triumphalmusik belohnt.

    Bin ich der einzige, dem dabei gruselig wird?

    […]

    Ist Fantasy von Natur aus faschistisch?
    Ist die Idee, Gute und das Böse könnten sich in einem einzelnen Helden und einer schwarzen Horde verkörpern nicht die Basisidee jeder totalitären Ideologie, die beansprucht, für ein höheres Ziel Untermenschen, Ungläubige oder Systemfeinde vernichten zu dürfen?
    Ist die traditionelle Darstellung der „letzten Allianz der Guten“ aus Elfen, Menschen und Zwergen im Kampf gegen eine von Monstern überlaufene Welt nicht die Nazi-Selbsterhöhung der „auserwählten Rasse“ und ihrer „verwandten Rassen“ im Kampf um Lebensraum gegen alle genetisch irgendwie Unterentwickelten?“

  4. momorulez Januar 17, 2012 um 12:28 am

    Ich habe mich ähnliches auch gefragt; ohne das jetzt auf das Fantasy-Genre im Allgemeinen runter brechen zu wollen. Ich fand auch diese rassisch und nationalistisch inszenierte „Multikulti“-Nummer mit Zwergen, Elben, Hobbits und Menschen, glaube ich, im ersten Teil sehr gruselig, als die in diesem kitschigen Elbental, das aussah wie eine Mischung aus Asien-Klischees und treudeutschem Heimatfilm, sich sammeln, nun so gar nicht „völkerverständigend“, sondern in den Anspielungen erschreckend.

    Beim Buch – das ist 30 Jahre her, dass ich das gelesen habe – war ich eher fasziniert von den Ents z.B., die wie Bäume aussahen und eine gaaaaaaaaanz langsame Sprache hatten, weil das eher auf andere Weisen, zu sein und zu sprechen, anspielte, was ja faszinierend ist.

    Aber, ein vielleicht seltsames Beispiel aus der „Urban Fantasy“: Die „Anansi Boys“ von Neil Gaiman sind wohl keine große Literatur, spielen aber mit ganz anderen, vielschichtigeren, uneindeutigeren Mythologien, das gründet in einem Ashanti-Mythos, glaube ich, und stellt das Spiel dem Raubtier gegenüber. Auch in dem Genre gibt es ja viele Möglichkeiten. King ist da auch immer ein gutes Beispiel, „Es“, aus irgendeinem anderen Raum in unseren gestürzt, realisiert die Ängste von Menschen. Das ist ja eine ganz andere Metapher „des Bösen“, so arschig die Älteren, die bösen Jungs in ihrer Eindimensionalität da auch geschildert werden, „der Club der Verlierer“ hat echt den Blues, und alle werden gleichermaßen Opfer ihrer Ängste. Und überwinden sie – bis auf einen. Und Fantasy ist das ja auch.

  5. futuretwin Januar 17, 2012 um 8:49 am

    Lustig das du Anansi Boys erwähnst. Ich hab vor kurzem „American Gods“ gelesen, dass ist ja der Vorlgänger.

  6. futuretwin Januar 17, 2012 um 8:51 am

    Die beiden das(s) in dem Post haben heimlich die Plätze getauscht vor dem absenden. 😉

  7. skalpell Januar 17, 2012 um 10:37 am

    Zu „Lord of the Rings“: es gibt einen russichen Autoren, Kirill Yeskov, der irgendwann mal angefangen hat, die ganze Story als Helden-Version einer real stattgefundenen Geschichte zu beschreiben. Das ganze hat sich dann irgendwie verschoben und in dieser russichen Version (gibt’s auch auf Englisch übersetzt mittlerweile) wird das ganze aus der Perspektive der „Bösen“/Mordors erzählt.
    Mehr hier: http://ymarkov.livejournal.com/270570.html

    In Yeskov’s retelling, the wizard Gandalf is a war-monger intent on crushing the scientific and technological initiative of Mordor and its southern allies because science “destroys the harmony of the world and dries up the souls of men!” He’s in cahoots with the elves, who aim to become “masters of the world,” and turn Middle-earth into a “bad copy” of their magical homeland across the sea. Barad-dur, also known as the Dark Tower and Sauron’s citadel, is, by contrast, described as “that amazing city of alchemists and poets, mechanics and astronomers, philosophers and physicians, the heart of the only civilization in Middle-earth to bet on rational knowledge and bravely pitch its barely adolescent technology against ancient magic.” (http://www.salon.com/2011/02/15/last_ringbearer/)

  8. futuretwin Januar 17, 2012 um 11:48 am

    Dann gibts noch die antideutsche Lesart, die geht dann in Kürze so:
    Die deutschen Orks bedrohen zusammen mit ihren südlichen Verbündeten die freie Welt.

  9. momorulez Januar 17, 2012 um 11:57 am

    Wir haben ja vor dem Derby im Volkspark auch gewitzelt „Auf nach Mordor!“, und depperte Nazi-Hools als „Orks“ zu bezeichnen ist auch schon fast üblich. Aber Entmenschlichungen finde ich ja nun ganz generell nicht so dolle, insofern sei das hoffentlich mit Ironie gesegnet.

    Aber z.B. die Darstellung der Elben, der Hobbits und Zwerge, die da wie „Rassen“ gezeichnet werden mit je eigener, quasi-nationalistischer Mythologie, das ist ja auch ziemlich seltsam. Dieses Bild vom idyllischen Auenland alleine, die feinsinnigen, arischen Elben, die grobschlächtigen Zwerge, das ist alles irgendwie kontaminiert. Also, in der Verfilmung.

    „American Gods“ will ich immer noch mal lesen, die Grundidee finde ich ja faszinierend.

  10. futuretwin Januar 17, 2012 um 3:55 pm

    In Fantasy-Kreisen wird das Wort Rasse in diesem Zusammenhang auch noch total unreflektiert verwendet.
    Ich find das halt immer ganz gut, wenn da dann gegengesteuert wird. Ich hab lange die Perry-Rhodan-Serie verfolgt und die hat sehr starke Wandlungen erlebt. Dort wird schon länger für Aliens der Begriff Volk bzw. Völker verwendet, auf jeden Fall besser als „Rasse“. Irgendwann war man dann sogar soweit, festzustellen, dass ein Name wie „Blues“ (nicht die Musik, sondern ein Alien-Volk mit blauem Fell) ja kolonialistisch (da von Erden-Menschen geprägt) ist und aus PC-Gründen zugunsten der Eigenbezeichnung fallengelassen werden muss. Genauso wie man mittlerweile von Inuit statt von Eskimos spricht, nur halt übertragen auf einen komplett fiktiven Kosmos.

    Ich tendiere eher zu Science Fiction, als zu der klassischen Fantasy á la Mittelerde und glaube auch, dass sich da mehr getan hat, durch Subgenres wie Soft-SF oder Cyber Punk. Wobei man bei letzterem aufpassen muss, dass das Ganze nicht in eine Affirmation vom Liberalismus abkippt.
    Genauso, wie viele ja auch die Faschismuskritik in „Star Ship Troopers“ nicht raffen (was aber auch stark an der deutschen Synchronisation liegt).

  11. momorulez Januar 17, 2012 um 4:37 pm

    Sci-Fi kenne ich mich gar nicht so aus, da muss ich immer verstummen. Und ich weiß nicht, wie ich Tolkien heute lesen würde; damals waren das für mich Fantasie-Wesen mit „spiritual touch“, so Anderswelt-Gestalten, bei denen ich im Traum nicht darauf gekommen wäre, an so was wie „Rassen“ zu denken. Das habe ich bei der Verfilmung dadurch, dass alles mit Menschen besetzt und Computern gebaut wurde, sehr anders empfunden. Und da das dann noch in so einer romantischen Ästhetik, also die Ära Romantik, meine ich, verkitscht wird, wurde mir noch schwummeriger – weil Rassismus zwar auch ein Kind der Aufklärung ist, aber gerade in Deutschland auch ein Produkt der Romantik, weil diese den „Kulturnationsbegriff“ hervor brachte und eine Vorstellung von Geschichte, die da reproduziert wird, wenn der Zwerg sich vom Elben nix sagen lassen will oder umgekehrt, weiß ich jetzt nicht mehr, und dabei so was wie „Nationalstolz“ auf einmal durchbricht.

    Nun kann man derartige Sensibilitäten außerhalb eines deutschen Rezeptionskontextes vielleicht gar nicht einbringen, da bin ich mir soooo sicher aber nicht. Auch diese Piefigkeit des spießbürgerlich Guten, das im Tapferen dann über sich hinaus wächst, diese Niedlichkeit der Hobbits, fand ich beim Lesen charmant, in der TV-Umsetzung fast schon aggressiv, vielleicht mein Vogel. Das hatte ja schon was Heinz Rühmanneskes, den die Produzenten natürlich nicht kennen – eben nicht den Witz eines Jack Lemmon.

    Nee, mich hat es da gegruselt.

  12. MartinM Januar 17, 2012 um 9:17 pm

    Im Allgemeinen scheint sich die us-amerikanische Pop-Mythologie von der deutschen, auch dann, wenn es um „Law & Order“ geht, im selben Punkt zu unterscheiden, in dem sich das „klassische“ deutsche Politikverständnis vom us-amerikanischen Politikverständnis abhebt: das us-amerikanische misstraut einer starken, zentralen „Obrigkeit“, das deutsche vertraut ihr. Wobei die deutsche Pop-Mythologie meiner Ansicht nach der politischen Realität, in der seit über 40 Jahren nicht wenige Bürger der „Obrigkeit“ nicht mehr blind vertrauen (aus schlechter historischer Erfahrung heraus, z. B.), hinterher hinkt. „1968“ und „1989“ haben anscheinend im Mainstream der deutschen Kulturindustrie nicht stattgefunden, Was wiederum auf das politische Bewusstsein, das ja auch durch die Unterhaltungsmedien mitbestimmt wird, zurückwirkt. Ich unterstelle dabei keine generell konservative oder besser gesagt, neophobe, Agenda – auch wenn es die in einigen Fällen sicherlich gibt – sondern eine weit verbreitete Risiko- und Konfliktscheu.

    Zu Tolkien: er selbst verwahrte sich dagegen, seine Kunstmythen als Allegorien zu sehen. Er wusste, warum: liest man z. B. „Herr der Ringe“ als Allegorie, wird es in der Tat gruselig. Ich schätze Tolkiens Fantasy-Universum auch als Gegenentwurf zu Wagners „Ring der Nibelungen“ (Wagner schätze ich als Komponist, aber verabscheue ich als Mythenverhunzer bzw. wegen seiner „völkischen“ Sicht auf die germanische Mythologie), wobei Tolkien die Mythen (neben germanischen auch keltischen, finnischen und slawischen) respektierte. Ich übersehe dabei allerdings auch nicht, dass der Professor ein konservativer Katholik war, was auf seine Weltsicht und auch auf seine Mythenkonstruktionen abfärbt. In den originalen Mythologien ist z. B. das „Gut-Böse“-Prinzip längst nicht so ausgeprägt, wie bei Tolkien.
    Noch eine Randnotiz zu „Perry Rhodan“ und „Rassen“: es war niemand anders als der als reaktionärer, militaristische „Kanonen-Herbert“ geltende (nicht ganz zu Unrecht) „Perry Rhodan“ „Gründungsvater“ Karl-Herbert-Scheer, der darauf bestand (nicht immer ganz konsequent) dass in der Serie von „außerirdischen Völkern“ statt von „außeridischen Rassen“ die Rede sein sollte. „Rasse“ war als Begriff aus der englischsprachigen SF eingeschleppt worden, wobei „race“ im Englischen durchaus auch andere Bedeutungen haben kann, als das deutschen Wort „Rasse“. Scheer und mehr noch Walter Ernsting („Clark Darlton“) und später Willy Volz war bewusst, welche Konnotationen mit dem Begriff „Rasse“ in Deutschland verbunden waren. Allerdings: konsequent umgesetzt wurde eine „politisch korrektere“ Terminologie erst, als die Diskussion unter den Fans in diese Richtung ging, was etwa Ende der 1970er der Fall war. Mit Frauen tat sich „PR“ übrigens weitaus schwerer, von Schwulen und Lesben gar nicht zu reden.

    Wahrscheinlich hat auch Tolkien sich nichts groß dabei gedacht, als er den Terminus „race“ verwendete – er war erklärter Gegner des Rassismus, was natürlich nicht verhindern konnte, dass keineswegs frei von Alltagsrassismus war.

  13. Mrsnextmatch Januar 17, 2012 um 11:14 pm

    The Lord of the Rings rooted in racism: Academic
    http://www.rediff.com/news/2003/jan/08lord.htm

    Fällt bei neuem Leseversuch (der aus Übelkeit abgebrochen werden musste) dann doch auch wirklich direkt auf.

    http://tolkiens-orcs.blogspot.com/2005/08/was-tolkien-racist.html

    http://tolkiengateway.net/wiki/Racism_in_Tolkien's_Works

    The question of racist or racialist elements in Tolkien’s views and works has been the matter of some scholarly debate.[97] Christine Chism[98] distinguishes accusations as falling into three categories: intentional racism,[99] unconscious Eurocentric bias, and an evolution from latent racism in Tolkien’s early work to a conscious rejection of racist tendencies in his late work.
    Tolkien expressed disgust at what he acknowledged as racism and once wrote of racial segregation in South Africa, „The treatment of colour nearly always horrifies anyone going out from Britain.“[100]

    War wohl ganz normal rassistisch.

    ^ Drout, Michael D. C. (2006). J.R.R. Tolkien Encyclopedia: Scholarship and Critical Assessment. Taylor & Francis, Inc. p. 558. ISBN 9780415969420.
    ^ Young, Helen (2010). „Diversity and Difference: Cosmopolitanism and The Lord of the Rings“. Journal of the Fantastic in the Arts 21 (3).
    ^ Bhatia, Shyam (8 January 2003). „The Lord of the Rings rooted in racism: Academic“. Rediff.com.
    ^ Rearick, Anderson (2004). „Why is the only good orc a dead orc? The dark face of racism examined in Tolkien’s world“. Modern Fiction Studies 50 (4).

    Aber ein super Bogen zu deutschen Krimis. Die heben sich ja in ihrem Orkbild davon auch nicht ab 🙂

  14. momorulez Januar 17, 2012 um 11:27 pm

    Danke, Martin und Mrs. Next Match, für die Erläuterungen! Auch wenn sie in bestimmter Hinsicht ja sehr konträr sind 🙂 – wie gesagt, gelesen habe ich das mit 15, 16, da habe ich tolle Lektüreerinnerungen, was ja rein gar nix aussagt, weil viele Rassismen mir da auch schlicht und ergreifend nicht aufgefallen wären. Aber die Verfilmung, da war ich echt seeehr unruhig beim Gucken.

    Und das HAT mit diesem bieder-treudeutschen Normalitätszustand, der in Tatorten selbst bei transsexuellen Staatsanwãltinnen und gräsigen Taten volkshochschulpädagogisch und“mittig“ daher kommt, zu tun. Und das wiederum mit dem Polizistenverhalten, die Lübecker Nazi-Hools in den Bus steigen lassen, während sie St. Paulianer mit Pfefferspray einnebeln. Nicht, weil alles mit allem zusammen hängt, sondern weil das Exkludierte verzerrt und malträtiert wird – in freilich deutlicher Stufenfolge. Also insofern, dass als „Gutmenschen“ identifizierten das in bestimmten Situationen widerfährt, denen, für die sie formal einstehen (jetzt mal all die Fragen ausklammernd, inwiefern es sich beim FC St. Pauli-Fantum nun nur um selbst exkludierende Symbolpolitik oder tatsächlichen Antirassismus handelt) aber in gravierenderer Form beim alltäglichen „Racial Profiling“, Abschiebung oder Verbrennen im Polizeigewahrsam.

    Ist übrigens auch interessant, wie intensiv die mediale Betreuung von mit Kreuzfahrtschiffen Absaufenden ist, wie uninteressant hingegen all die verreckenden Flüchtlinge sind, die im selben Gewässer ertrinken…

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