Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der Leichentransport

Teil 4 des zusammen mit Ring2 verfassten Prosa-Experiments.

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

Piet nahm einen leichten Parfumgeruch in seiner Laube wahr. Er schnupperte an der Leiche – der Typ roch nach gar nichts. Noch nicht. Zum Glück. So weit sollte es auch nicht gar nicht erst kommen. Nur ein wenig nach nassen Klamotten. Wo kam der Geruch her?
„Hey, Kumpel, was mache ich denn jetzt mit Dir? Einfach verbuddeln im Garten will ich Dich nicht. Bei jeder Gurke, die ich esse, mir Deinen aktuellen Zustand vorstellen, nee. Nee, bitte nicht.“

Erleuchtung. Piet suchte dringend nach Erleuchtung.

Fasern und so’n Zeug waren eh schon an dem Heini, also die Gartenhandschuhe an und mal in den Taschen wühlen. Ein Ausweis! John Zwo, geboren am 30.12. 1970, wohnhaft in der Ottenser Haupstraße. Der hieß tatsächlich so. Zwo. Der ewige Zweite, auch nicht schön.

Hmmm. Das Foto musste aus den 90ern sein, eine schrille Frisur wie für die Techno-Party und ein ziemlich verstrahltes Grinsen. H.P. Baxxter für Arme. Und eine Art Notizbuch. Seltsam, eine ganz andere Schrift als bei dem Brief …. später lesen. Erstmal den Kadaver entsorgen. Den Abschiedsbrief steckte er in die Tasche der praktischen, aber ins Piets Augen hässlichen Jacke. Der Kerl war ein Funktionsjackenträger.

Ein paar Quittungen, von einem Espressoladen auf der Schanze, ein Essen für mehrere Personen im „Cox“ auf St. Georg, eine von einer Änderungsschneiderei in der Neustadt. Alles nicht sonderlich aussagekräftig. Kein Portmonnaie, keine Brieftasche. Das Notizbuch behielt Piet, den Rest steckte er zurück … tief durchatmen. Der Kerl muss weg. Der macht nervös.

Dieser Parfumgeruch in der Laube, da kriegt man ja Kopfschmerzen  … hey, ist da jemand vorm Fenster? Bloß nicht, dass der Typ neben ihm tot war, das war ja offensichtlich.

Also der alte Trick. Der, der ihn schon vor Verhaftungen bewahrt hat. Den auch Edgar Alan Poe verewigt hat mit dem Brief auf dem Schreibtisch. Piet hatte ihn aus seiner wilden Zeit in Erinnerung, als er die Autobiographie von Bommi Baumann gelesen hat. Bewegung 2. Juni. Könnt ihr ja googeln. Was hatte er oft an den gedacht, wenn er in der Krankenkasse saß und Zahnersatz genehmigte, jetzt einfach eine Bombe zünden, und dann …

Direkt nach dem Bankraub, wenn er noch vor Angst schlotternd etwas zu essen kaufen ging, hatte er sich manchmal ein Schild „Polizeilich gesucht!“ umgehängt und laut sozialistische Lieder gesungen. Die Leute wichen ihm dann ängstlich aus oder fanden ihn einfach schräg; so lange er nicht übertrieb, hat aber auch keiner die Polizei gerufen. Bommi Baumann hatte einst „Bombentransport“ groß auf ein Auto geschrieben, als er eine ebensolche durch  Berlin fuhr, und kam damit durch – komm, Piet, no risk, no fun, und so machte er sich daran, den Leichnam in Säcke zu stecken. Ganz schön schwer, der Herr Funktionsjackenträger, zum Glück noch keine Leichenstarre. Piet kam ordentlich ins Schwitzen. Er holte die Schubkarre, hob ächzend den Körper hinein und malte ein hübsches Schild „Leichentransport“. Zog sich seine buntesten und zerfetztesten Klamotten an, setzte eine Clownsnase und eine falsche Brille auf und übte ein wenig den Gesang von „I shot the Sheriff“ und  machte sich auf den Weg. Die große, schlanke Frau, die sich hinter einem der Bäume des Nachbarsgartens versteckte, die übersah er …

Als er, die Schubkarre schiebend, an der U-Bahnstation Lattenkamp ankam, freute er sich. Freitagabend, schon dunkel, und eine fröhlich singende Horde von St. Pauli-Fans, ein paar zündeten Feuerwerkskörper an, wurde von massenhaft Polizei in voller Montur eskortiert . Optimal. Da fiel er gar nicht groß auf. Alle konzentrierten sich auf die Fussballfans, so dass er in einem Gebüsch etwas abseits des U-Bahn-Ausganges die Leiche einfach ablud. Uff, geschafft. Soll die Polizei doch mal ihre Arbeit tun, anstatt sich an Fussballfans abzuarbeiten … er zog die Säcke von dem Körper, die würde er verbrennen müssen, vielleicht hatte ja einer der St. Paulianer Feuer. Steckte die Pistole wieder in die Hand des Toten, dass der sich da nicht erschossen hat, würden die eh raus bekommen, hauchte ein „Ciao!“ …

Er erschrak fast zu Tode, als ihm jemand auf die Schulter klopfte.

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5 Antworten zu “Der Leichentransport

  1. C.K. Februar 9, 2012 um 12:37 pm

    Toller Rhythmus den ihr beide da entwickelt. Durch die verschiedenen Perspektiven wird euer jeweiliger Stil zum Vorteil. Los, schreibt mindestens 1000 Seiten in 10 Punkt 😉
    Ich bin gespannt wie es sich entwickelt. Und nicht zu viele Gedanken darüber ob man Handlungsstränge auflösen oder zusammenführen kann, hat bei „Lost“ auch keinen interessiert. Und im echten Leben stellt die Forderung ja mangels Durchführbarkeit auch keiner. Ausser vielleicht Esos.

  2. Pingback: Blaue Augen « Metalust & Subdiskurse Reloaded

  3. Pingback: Bahnfahrt nach Berlin #prosaexperiment | rotten hamburg - beautiful st. pauli |☠ ring2

  4. momorulez Februar 9, 2012 um 12:57 pm

    Danke 😉 … ich habe ja auch prompt schon weiter gemacht. Das macht Spaß! Und irgendwie kriegen wir das schon alles aufgelöst 😀 …

  5. Pingback: "Ping Pong Prosa" - ein Blogliterati-Experiment | rotten hamburg - beautiful st. pauli | » ☠ ring2

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