Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Kunst, Herrschaft und Rassismus

Eigentlich wollte ich mich ja aus dem Thema einfach mal raus halten; nun wird es im Feuilleton von mutmaßlich weißen Männern in einer Art diskutiert, die zwar grundlegend falsch ist, aber vielleicht eine Fragestellung ermöglicht. So lamentiert zum Beispiel Gerhard Stadelmaier in der FAZ:

„Selbst als der Dramatiker Jean Genet 1964 die deutsche Erstaufführung seines Dramas „Die Neger“ verbieten wollte, weil das Darmstädter Landestheater die Genetschen Schwarzen nicht mit waschechten solchen besetzen konnte, offenbarte der sowieso schon Mackenreiche nichts als eine Erz-Macke. Die aber seitdem unter dem Obermacken-Stichwort „Authentizität“ hie und da zu einer blödsinnigen, wiewohl virulenten Verwechslung von wirklichem Theater und wirklichem Leben geführt hat. Erst noch im Dezember musste das Berliner Deutsche Theater die deutsche Erstaufführung von „Clybourne Park“ des amerikanischen Pulitzerpreisträgers Bruce Norris noch vor der Premiere stornieren – weil Norris die Besetzung von schwarzen Figuren mit weißen Schauspielern mackenmäßig verbot.“

Dass nun gerade der schwule Jean-Genet der Macke bezichtigt wird, Didi Hallervorden aber nicht, geschenkt – das Problem ist ja nun gerade bei einem Sujet wie „Blackface“, dass es darauf verweist, dass die „Kunst“geschichtsschreibung im Abendlande einfach eine derart ethno- und eurozentristische ist und zudem eine, die „populäre“ Formen ausklammert, also jene Weisen der Kunst, da PoC geduldet wurden, so als Unterhaltungskünstler, das können die ja gerade noch aus Sicht des Weißen, trommeln halt, dass ihr Phänomene wie Ministrel oder Vaudeville einfach entgehen und ebenso deren Relevanz. Wie auch die Masken, die Picasso kopierte, im Völkerkundemuseum hängen, seine Werke aber in der Kunstgalerie.

Da wird das Geschriebene schlicht und ergreifend sachlich falsch, weil die Perspektive, aus der Herr Autor es schildert, selbst nichts als jene Abschottungspraxis ist, die im Zuge weißer Selbstgeschichtsschreibung vollzogen wird und PoC fortwährend entmündigt. Es sei denn, man braucht mal einen Rapper für irgendeine Inszenierung.

Diese seltsam altväterliche Selbstbezüglichkeit einer deutschen Theatergeschichte, die dann noch hochambitionierte Autoren wie Genet unter Irrsinnsverdacht stellt, also solche Schriftsteller, die sich zumindest die Mühe gaben, Rassismus zu reflektieren in ihrem Werk, ist als Text zu Fragen der Kunst gar nicht ernst zu nehmen. Texte über Kunst reflektieren ihr Material als historisch Gewordenes unter Bedingungen der Aktualität und suchen die Spuren der Historie im Werke selber auf, wiederholen nicht einfach einen willkürlichen Kanon, indem sie ein paar Fetzen kontextfrei zusammen sammeln.

Der Text stellt insofern ein Symptom dar für das, was kritisiert wird, nämlich das Behaupten eines Allgemeinvertretungsansanspruchs der künstlerischen Trantütigkeit, Gedankenlosigkeit und Geschichtsvergessenheit mutmaßlich alternder, weißer Männer (solche wie ich also 😀 ), die instrumentalisierend und um des Gags willens durch solche „Blackface“-Zitate das, was Theater sein KÖNNTE, gerade verraten.

Auch, indem sie Kritiker bevormunden und herabwürdigen durch eine sich selbst widerlegende Art des Berufens auf „künstlerische Freiheit“, was dieser nun aber gerade entgegen steht. Das ist einfach ein Herrschaftsanspruch und sonst nix, ICH habe die Hoheit in Rassimusfragen, und Kunst, die beherrschen will, ist keine.

Ähnlich ungelenk im Denken präsentiert sich die Süddeutsche, die eben NICHT die Frage stellt, ob, was 1935 antisemitisch war, heute noch antisemitisch sein könne, weil so eine Frage auch ein Unding wäre: Klar ist es das.

Es ist diese Suggestion eines post-rassistischen Deutschlands, was irgendwann mal in den Südstaaten geschah, also natürlich anderswo, hier doch nicht, sei völlig unerheblich, und das, obgleich im selben Text auf „Jud Süß“ verwiesen wird. Es geschieht, wie in Deutschland üblich, das Ineinseins von Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus und des Wohlstands weniger im Westen als völlig unabhängig von der eigenen Geschichte anzusehen, was sachlich falsch ist. Und dann noch dieses Wort „Generalverdacht“, was da noch nicht mal Sinn macht, aaaaargh.

Der Verweis auf „AIDA“-Aufführungen ist entlarvend, auch „Turandot“ oder „Madame Butterfly“ sind gute Beispiele, bei deren Aufführungen im Falle der Repertoire-Oper natürlich Exotismen und Rassismen sozusagen alltägliche Praxen sind und manch Zuschauer sich empört zeigt, wenn umgekehrt ein Schwarzer den Don Giovanni gibt.

In Zeiten des Wetterns gegen das Regie-Theater mag zwar die Restauration den Jubel ernten, das zur Frage der „Kunstfreiheit“ zu stilisieren wäre dann möglich, wenn sie denn genutzt würde, statt Stereotype unreflektiert zu reproduzieren. Was mit Anna Netrebko in AIDA durchaus gelingen könnte. Gerade in diesem Stoff, der von Sklaverei und Priesterherrschaft handelt.

Man kann so etwas wie „Blackface“-Praxis ja sehr wohl künstlerisch reflektieren und sich vor allem mit von Stereotypen Betroffenen darüber auseinandersetzen oder es denen am besten gleich selbst überlassen; mag Kunst selbst herrschafstfreie Praxis sein im Idealfall, so findet sie NIE in herrschaftsfreien Räumen statt, und es ist ihre Aufgabe, das auf der Ebene des Werkes auch deutlich zu machen, dass das so ist. Nicht etwa den Mangel schwarzer Schauspieler zu beklagen, weil das Repertoire da ja auch Grund sei.

Problem ist, dass das mit diesem Plakat mit dem achwiewitzig „Opa raucht einen Joint“ nun gerade nicht intendiert zu sein scheint, selbst wenn in dem Stück selbst Rassismus Sujet sein sollte. Ich beziehe mir hier nur auf das Plakat wie die Äußerungen im Umfeld; es mag ja sein, dass es der Inszenierung sogar gelingt, aber warum fragt das denn keiner, sondern setzt einfach nur auf Herrschaft derer, die die Macht haben, Rollen in Theatern zu besetzen und für große, überregionale Zeitungen zu schreiben, um die Definitionshoheit Weißer über die Rassismusfrage zu stabilsieren?

Auch DIE WELT lässt sich nicht lumpen und tut wenigstens noch so, als würde sie sich dem Problem stellen. Dann aber die Kunstfreiheit des weißen, männlichen, reflektierenden Geistes gegen die irgendwie naturwüchsig anmutenden „Empfindungen“ eines zumeist „migrantischen“ Publikums („afrodeutsch“ als Begriff taucht immerhin auf, ansonsten werden PoC ganz klassich als „zumeist mit Migrationshintergrund“ verortet, also irgendwie undeutsch, und DIE Wollen über Kunst urteilen, diese fühligen Wesen, lachhaft!) ist ja selbst schon wieder genau die post-koloniale Perspektive, die bereits Kant die „Südseebewohner“ nur der Neigung folgend am Strand rum lümmeln wähnen ließ, während der aufrechte Weiße der Kunstpflicht folgte und seine Urteilskraft waltete.

Hier der Intellekt, da das „Affiziertsein durch die Sinnlichkeit“, also, auch das schon eine ziemlich rassistisches Spielchen.

Es geht, wenn man schon über „Kunst“ redet, schlicht um das historische Bewusstsein, was auch das Fortwirken dieser Historie betrifft, das sich in der eigenen, künstlerischen Arbeit zeigt, und es ist eine Form von Dummheit und Ignoranz, präsentiert sich ein Theater so wie jenes in Berlin auf Plakaten.

Anstatt sich hinzustellen und auszurufen: „Wow, was ein Potenzial bietet diese Diskussion, machen wir doch daraus ein Stück! Danke für die Hinweise, dieses scheint eine relevante Kontroverse zu sein, wir freuen uns darüber, dass ihr uns unsere Unkenntnis aufgezeigt habt, wie setzen wir denn das jetzt mal auf der Bühne um, was wir dabei gelernt haben? Helft ihr uns dabei? Möglichst mit Unterstützung einer schwarzen Regisseurin?“ geht man wie üblich auf Abwehr und weiße Männer erläutern, dass sie keine Rassisten sind und was sie angesichts der Kontroverse, na, was wohl – empfinden …

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18 Antworten zu “Kunst, Herrschaft und Rassismus

  1. Simon2 Januar 10, 2012 um 10:10 pm

    Bemerkenswert ist ja auch, dass immer, wenn Schwarze, PoC (oder Antirassist_innen im Allgemeinen) darauf hinweisen, dass eine bestimmte Praxis, eine Redewendung, eine Karikatur usw. rassistisch durchtränkt ist, besagte Dinge sofort und unverzüglich von denjenigen als nicht-rassistisch verteidigt werden, die einen Tag vorher noch die Überlegenheit des „deutschen Volkes“ (d.h. der arischen Herrenrasse) mit dem Verweis auf irgendwelche Sarrazinfußnoten und irgendwelche entlegenen Artikeln über IQ-Tests und Gene (früher hätten sie „Blut“ gesagt) beweisen wollten. (Gegenwärtig wird Hallervorden ja auch bei P.I. verteidigt.)

    Aber mittlerweile zählt wohl nichtmal Letzteres mehr als rassistisch. Und eigentlich gibt es ja auch gar keinen Rassismus mehr. Nur noch deutschenfeindlichen Rassismus natürlich.
    Und Antideutsche! Und womöglich auch noch Antideutsche, die vor Deutschenfeindlichkeit warnen. XD

    P.S.: Moritz von Uslar würdigt Bushido im „Cicero“ als „Aufsteiger des Jahres“; meint auch, dass es „bis heute keiner verstanden habe“, wieso „schwul“ zu einem Schimpfwort werden konnte. Klaro. Versteht natürlich keiner und wer meint, es zu verstehen, ist ohnehin nur ein Gutmensch. Überhaupt: Feuilletonisten, die von irgendwelchen Möchtegern-Gangster schwärmen. Wie abgeschmackt. Noch schlimmer sind nur Künstler à la Lüpertz, die dank Professorengehalt gemütlich in ihrem Atelier sitzen und über Dekadenz als Folge zu weniger Kriege lamentieren.

    P.P.S.: Lebt eigentlich der Syberberg noch?

  2. momorulez Januar 10, 2012 um 11:06 pm

    Das ist alles reiner, aufgeblasener Ego-Dünkel, der in zwanghaft aufrecht erhaltenen, falschen Selbstbildern gründet. Diese vermeintlich wahrheitsorientierten Diskussionen, was denn nun Rassismus sei und das sie nun all das hinter sich gelassen hätten, das dient einzig dazu, Optionen aufrecht zu erhalten, permanent ihre eigene Lüge zu nähren. Jeder nicht komplett desensibilisierte Weiße bemerkt doch sofort, wie er auf „Blackfaces“ reagiert, die er auch vom Karneval kennt, wenn er nur mal einen Moment darauf verwendet, seine eigenen Reaktionen zu beobachten. Mach ich doch auch ständig, und natürlich stoße ich bei PoC, mit denen ich nicht täglich zu tun habe, bei mir auf genau die typischen, mehrheitsgesellschaftlichen Reaktionen, und Arschloch bin ich erst dann, wenn ich das auch noch gut finde und Reflektion und Änderungswille auch noch als Zumutung empfinde. Dabei macht das das Leben und das Theater doch erst spannend.

    Gerade ein geschulter Schauspieler, der auf solche Beobachtungen getrimmt ist, MUSS das einfach mit bekommen und wissen, was er damit beim Publikum auslöst, selbst wenn er selbst alle Mühe investiert, eine Illusion durch Hineinversetzen zu erzeugen. Und die Reaktionen auf die Kritik von PoC zeigen ja, WIE illusionär das ist, dass also ein ernstzunehmender Versuch des Hineinversetzens gar nicht stattgefunden hat, Null Beschäftigung mit dem Thema, sondern irgendeine schräge, weiße Werkinterpretation statt fand. Die zudem noch Machtkonstellationen wie die Zugangsmöglichkeit zur Bühne für PoC gar nicht als solche wahr nimmt.

    Deshalb war mir aber die Pointe viel wichtiger: Bei kreativen Prozessen gilt generell, dass man Probleme, auf die man stößt, zum Thema machen sollte, anstatt Gewohnheiten zu verteidigen. Alles andere ist die Entkunstung der Kunst. Es gibt ja in der Malerei diesen schönen Satz, dass figurative und abstrakte Malerei die gleichen Probleme zu lösen hätten. Und das sieht man den Werken dann auch an, dass da kreative Energie eingebracht wurde. „Blackface“ ist da selbst dann eine Scheinlösung, wenn man ganz provinziell und piefik Recherche versäumt hat.

    PS: Wer immer nur fragt „War ich gut?“, nicht jedoch „Was nehme ich wahr?“ oder „Was ist der Fall?“, ist halt ein miserabler Künstler 🙂 – bei Schauspielern und Feuilletonisten kommt das häufig vor.

  3. che2001 Januar 10, 2012 um 11:50 pm

    Wer fragt „War ich gut?“ hat meist gerade schlechten Sex geboten;-)

  4. Pingback: Der aktuelle Anlass: Das Schlossparktheater Berlin « Bühnenwatch

  5. T. Albert Januar 11, 2012 um 1:19 pm

    Stadelmaiers Humor-Modus und seine bekloppten Gleichsetzungen gegen seinen Begriff von Authentizität verweisen in ihrer tümelnden Art nur auf das, was kommen wird. Dann werden Leute mit Erz-Macken wie Genet nicht mehr schreiben, darum gehts ja letztendlich. Auch diese ganze Art von Ästhetik dieser modernen Mackenreichen hat dann endlich ihr endgültiges Ende. Woanders ist man dank Wilders und Orban schon weiter mit den Lösungen dieser Fragen.

    Lieben Gruss übrigens!

  6. momorulez Januar 11, 2012 um 1:22 pm

    T. Albert!!!! Schön Dich zu lesen!!!!!!! Lieben Gruß zurück!

    Und ja, so isses. In der WELT-Kommentarsektion konnte man das auch einmal mehr nachverfolgen, wohin manche die Reise leiten wollen.

  7. T. Albert Januar 11, 2012 um 1:58 pm

    Übel, die Welt-Kommentare. Aber sie verteidigen die Freiheit der Kunst wie nie zuvor, da weiss man vor lauter Veteidigern gar nicht wohin. Bei Hallervorden ist der Weisse ein jüdischer Kommunist, also, das Blatt kann sich wenden, dann hat vielleicht auch sein Autor die Erz-Macke, wie Genet und Norris, die Künstler, die gegen die Kunstfreiheit sind.
    Mein Gott.

  8. momorulez Januar 11, 2012 um 2:26 pm

    Der Welt-Artikel ist mit seiner Kernthese ja auch ein billiges Abkupfern des „Karrikaturenstreits“, nur dass damals eben „Meinungsfreiheit“ beschworen wurde und Broder dann drei Jahre sein Geld damit verdient hat, darüber zu witzeln, dass Muslime sich ganzen Tag in ihren Gefühlen verletzt sehen würden. Das sind genau die, die los kreischen wie nix Gutes, wenn irgendwer sie als das bezeichnet, was sie sind, nämlich rechts, was ja dann durch die Meinungs- oder Kunstfreiheit in der Regel nicht gedeckt ist in deren Augen und sowieso ein Affront wie all die „Keulen“, die so erfunden werden, die dann unzulässig seien, um gemächlich weiter rechte Saucen anzurühren. Insofern könntest Du recht haben, dass, wenn die den jüdischen Kommunisten merken, es umkippen könnte. Dass es so was überhaupt geben kann, wurde ja auch mit Hilfe der Antideutschen und der Neuen Rechten aus den Hirnen demagogisiert.

    Es ist auch völlig grotesk, wie sofort breivikeske Anti-Islam-Hetze in der Kommentarsektion aufbricht, wenn das Thema „Blackface“ ist.

  9. Pingback: Deutscher Werberat: historische Amnesie im Fall Schlosspark Theater / Hallervorden / Blackface | DER SCHWARZE BLOG

  10. ziggev Januar 11, 2012 um 11:25 pm

    .zustimmung

    auch ich war etwas enttäuscht – schon vom ersten Satz. Nach dem achtzehnsilbigen eingeschobenen Nebensatz blieb bei mir, derzeit ungeübt, und beim Lesen gerade aufwachend, nur vage der Eindruck der abschließenden Periode des Hauptsatzes – mit dem lauen Gefühl im Magen, dass da die Pointe fehlt. Also nochmal: „Selbst als“ (…) Zuerst waren es also lediglich mehr oder weniger liebenswerte Schrullen gewesen – um einen etwas harmloseren Ausdruck zu verwenden. –

    Wobei der Unterschied fundamental ist: Eine Macke ist eher bizarres Verhalten dessen psychologische Ursache, wenn denn vorhanden, verborgen bleibt, also etwa ein „Tick“, während Schrullen eher etwas wie sich aus dem Leben ergeben habende Angewohnheiten sind. Bei Genet (Tagebuch eines Diebes) Ausreißertum, Kriminalität, Strichertum. Dann aber, wenn es ums Engagement geht, dann ist dem Feuilletonisten klar, dass sein Verhalten einer Macke gleichkommt, denn erklären lässt es sich aus seinen sonstigen Schrullen nicht. Es ist also eine Macke, nicht zu erklären, und das Engagement ist höchstens Schein-Engagement. Nun erscheinen seine anderen, weniger ins Gewicht fallenden (jetzt wieder:)Macken weniger als mehr oder weniger liebenswerten „Schrullen“, die sich, das Leben ist kein Wunschkonzert, „als sich so ergeben habend“ erklären ließen; nein, viel stimmiger wäre es doch, dass sie die Folge seiner korrumpierten Maximen und verlogenen Grundsätzen sind, dass sie aus seiner grundlegenen moralischen Verworfenheit folgen. Was der Unerklärlichkeit Gipfel ist, stellt die einzige Möglichkeit dar, sein sonstiges unerklärliches, abscheuliche Verhalten zu erklären. Q.E.D., der Typ ist ja vollmacke.

    Dieses Argument, das einzige (schlüssige) Argument in dem kurzen Abschnitt, soll verschleiert werden. Den Sinn versteht nur, wer 36 Wörter lang den Anfang, („Selbst wenn …“), sich gemerkt hat. Der Rest ist pure Behauptung. Hängengeblieben ist, dass der Genet eine Vollmacke hat – und in seinen moralischen Grundsätzen korrumpiert – – bei seinem Vorleben: kein Wunder. Nicht jeder unmoralische Mensch ist schwul, wenn aber, dann darf sich bitte auch niemand großartig darüber wundern.

    Absolut lachhaft ist nun, dass irgendetwas, das mit Genet zu tun hat, am Theater dafür gesorgt habe, dass das Theater mit der Wirklichkeit verwechselt worden sei. Also, momentmal: Welcher Regisseur, welcher Schauspieler glaubt, irgendeine noch so „experimentelle“ Aufführung sei die Wirklichkeit, und die „da draußen“, Requisiten etc., das Schauspiel? Kann jemand wirklich so blöd sein? Gegeben, es seien gewisse Mißstände aufgetreten (Experimente, z.B. bei Theater-Festivals mit Nachwuchsregisseuren), die von einer solchen Verwechslung zeugten, dann ist dies nur dann möglich gewesen, wenn es im Vorhinein eine Verwechslung von Wirklichkeit und Theater gegeben hätte. Was sich als Kulturkritik gibt, also Genets Praxis als Autor von Dramen habe Theaterleute – was ihr Schaffen betrifft – dazu gebracht zu glauben, das Theater und nicht die Wirklichkeit sei die Wirklichkeit, ist reine Denunziation.

    Denn der Vorwurf, dass Genet den angeblichen Niedergang des künstlerischen Schaffens an Theatern bewirkt habe, ist m. E. so oder so empirisch vollkommen unhaltbar. Erst recht, wenn zugestanden würde, denn anders wäre ja die genannte Verwechslung gar nicht denkbar, dass Menschen, die ans Theater gehen, zuerst den Unterschied zw. Theater und Wirklichkeit nicht verstanden und beide miteinander verwechselten, bevor sie Theater machten. Eine Verwechslung ist eine Verwechslung, wirklich, echt! Wie soll er aber eine solche Wirkung gehabt haben? Etwa, durch sein agieren als Autor von Dramen? Obwohl es jedoch noch viel unwahrscheinlicher ist, dass Genet, als ein so oder so agierender Autor, über Generationen hinweg Menschen so beeinflusst hat, dass diejenigen, die ans Theater gingen, schlechtes Theater machten, hat er es aber getan. Und diesen Einfluss muss er sich dem Umstand verdanken, dass er eben ein verruchter Mensch ist. Die Sache droht zu kippen, Zeit, die Ironie-Karte zu ziehen.

    Und jetzt: Der Gipfelpunkt der wirklich bescheuerten „Argumentation“. Natürlich stehe ich den allen künstlerische Freiheit zu, der eine macht´s so, der andere so. Wer bin ich denn. Nur, die haben eben eine Macke. Daraus ergibt sich aber, was Genet betrifft, meine Feindschaft gegenüber künstlerischer Freiheit.

    ja, plötzlich hat sich jemand in die Lüfte hinauf erhoben, flatter, flatter, schaut her, jetzt hab ich die Vogelperspektive, tut es mir gleich, dann kann man sich sogar noch solch einen Schmarrrn erlauben. Das zeichnet aus!

  11. Pingback: erfreulich: Momo wieder in Höchstform « wortanfall

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  13. Nörgler Januar 17, 2012 um 5:31 pm

    Pfiffig wäre es, wenn ein weißer Schauspieler keinen Schwarzen spielt, sondern einen weißen Schauspieler, der einen Schwarzen spielt. Das erforderte freilich höchste Schauspielkunst. Minetti und Wildgruber hätten es gekonnt.

    Ich könnte mir auch irgendein kern- und urdeutsches Theaterstück vorstellen, irgendein liebstes Kind des Bildungsbürgers, das ausschließlich mit PoC besetzt wird, die aber alle weiß geschminkt sind. Den absehbaren Aufruhr könnte der Regisseur noch anheizen, indem er provokant erklärt, man habe keine weißen Schauspieler gefunden, da die alle schon in Engagements gebunden waren. So habe man leider Schwarze nehmen müssen, die aber im Sinne der Werktreue doch weiß geschminkt seien.

  14. momorulez Januar 17, 2012 um 5:51 pm

    Ich würde mir ja meinerseits dafür dann immer noch die PoC-Genehmigung einholen, sozusagen 😉 – aber das sind ja auch in meinen Augen mögliche Herangehensweisen, die Du schilderst, die eine Reflektion des Themas darstellen.

    Und ergänzend ein Bewusstsein der historischen und ja auch gnadenlos aktuellen Bezüge, gibt ja Karnevalsgruppen, das kann man sich gar nicht vorstellen, wie die mit dem Thema umgehen, und ja, ein guter Schauspieler könnte den Irrsinn so einfangen, dass er deutlich würde, ohne zugleich die rassistischen Stereotypen einfach auf Schenkelklopfniveau dabei zu reproduzieren. Was ja oft passiert, wenn Weiße sich mit dem eigenen Rassismus auseinandersetzen, dass sie nicht merken, wann sie in der Karrikatur des Rassisten einfach genau so rassistisch agieren wie die, die sie doch eigentlich kritisieren wollen.

    All das hieße dann eben, Kunstfreiheit zu praktizieren, anstatt sie formal zu fordern, aber irgendwas anderes als Kunst zu machen.

    Der nächste Schritt ist dann halt immer, das an PoC zu übergeben und auch deren Rat dazu zu holen. Das ist komischerweise – na, vielleicht bei der Schauspielerliga nicht, aber sonst so – ja auch empfehlenswert, sich mit Grundzügen der Orthopädie vertraut zu machen, wenn man einen Orthopäden darstellt. Legenden wie Montgomery Clift haben auch Boxen gelernt, bevor sie für „Verdammt in alle Ewigkeit“ vor die Kamera gingen. Komischerweise wird systematisch bei Fragen des Rassismus bestimmt als allerletztes eine PoC-Frau gefragt.

    Denn diese Praxis – Monty übt den Boxer – geht natürlich in diesem Fall NICHT, eine so komplexe Frage wie jene Erfahrung, als schwarz markiert zu werden (und im Alltag in der Regel noch viel Schlimmeres), so zu erlernen wie fechten, aber exakt darauf wären die Inszenateure natürlich gestoßen, wenn sie sich mit dem Thema überhaupt auseinander gesetzt hätten und es zum Thema gemacht.

    Die White Face-Variante ist ziemlich spannend 😉 … spiele das im Kopf gerade an Klassikern wie „Der zerbrochene Krug“, Goethes „Faust“ oder auch „Die Möwe“ durch. Da frag ich mal nebenan, wie das empfunden wird.

  15. momorulez Januar 17, 2012 um 6:24 pm

    Ich sag mal so: Wir arbeiten dran! Also, nicht ich als Weißer tue das, aber ich habe das mal angeregt.

  16. momorulez Januar 17, 2012 um 11:30 pm

    Ja,Du hast da echt was angeregt, mal gucken, wie weit wir dabei kommen, wenn wir – ich ja nur organisatorisch und mit Produktionsmitteln und ggf. Personal unterstützend – das konkret durchspielen. Danke!

  17. Pingback: Der aktuelle Anlass: Das Schlossparktheater Berlin | Bühnenwatch

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