Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der Brief

„(…) Innen roch es nach Staub und Torf. In der Ecke stand ein Sofa, das neu bestimmt ansehnlich und teuer gewesen war. Es war aus braunem Leder und hatte massive Holzarmlehnen. Zum Glück lag eine Wolldecke darauf. Als ich mich hinlegte merkte ich erst, wie müde ich war. Vielleicht, dachte ich, genügt eine Mütze voll Schlaf. …“

„Was soll denn die Scheiße?“ rief Piet, griff zitternd nach den Zigaretten in der Innentasche seiner zerschlissenen Lederjacke, zündete eine an und setzte sich neben die Leiche, den Brief noch immer in der Hand.

Diese Erfahrung war neu für ihn. Beim Heimkommen in seine Laube einen fast noch warmen Körper vorzufinden, einen mit Loch in der Schläfe, aus der Blut tropfte und der einen Abschiedsbrief in der Hand hielt.

Fuck, er hätte diesen Brief wahrscheinlich gar nicht ANFASSEN dürfen. Fingerabdrücke und der ganze Mist. Und die ganzen Fasern und Marihuana-Spuren von seinem Sofa, die vermutlich jetzt an den Klamotten von diesem Typ klebten.

Erstmal meditieren …

Doch Piet konnte sich einfach nicht konzentrieren neben diesem Heini, der nichts Besseres zu tun hatte, als seinem Leben ausgerechnet auf dem Sofa in seinem geheiligten Refugium  ein Ende zu setzen. Also erstmal ein Joint.

Die Polizei konnte er nicht rufen, die suchten ja eh nach ihm. Wegen des Bankraubes. War alles nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte, so als Robin Hood abgefeiert werden, einen Sack voll Kohle vor dem VIVA CON AQUA-Büro abstellen und dann ein Leben in Saus und Braus zu feiern. Zum Glück war niemand verletzt worden, aber dass ihm die Angela Merkel-Maske, ja, Zitat, wegen diesem Film mit Keanu Reeves, fand er witzig, dann im wirklich dümmsten Moment vom Gesicht gerutscht war, natürlich exakt angesichts der Überwachungskamera, das war nicht so geplant.  Zum Glück hatte er damals Vollbart getragen, den hatte er wachsen lassen, während er den Coup plante, der war jetzt wieder weg. Der Coup, der ihm nun endlich ein neues Leben bescheren sollte nach den endlosen Jahren als Sachbearbeiter in der Krankenkasse.

Zahnersatz. Sein Spezialgebiet.

Erst großartig studiert und die Nächte durchgemacht in Kifferkneipen, damals, ’77, in der ganzen Polit-Scheiße mit gemischt und dabei auch nicht glücklich geworden und dann im hohen Alter von 29 noch auf Krankenkassensachbearbeiter umgeschult, weil, wie demütigend, der Vater, dieser Idioten-Spießer, ihn nicht mehr finanzieren wollte und dazu erpresste.

’85 war das. Seitdem nur noch Zähne, Kronen, Viniere, Füllungen und die Dritten. Immer die gleichen Formulare, so dass er sich fast schon über Gesetzesänderungen freute, weil die ein wenig Abwechslung in seinen Alltag brachten. Und jeden Freitag Currywurst mit Pommes in der Kantine …

’85. Ein Scheiß-Jahr. Ein Jahr wie Modern Talking, den Mist hörten die Kollegen immer bei den Weihnachtsparties und taten, als würden sie sich amüsieren, während sie dumme Witze über die Figuren der weiblichen Kollegen rissen. Auch nach dem Comeback von Bohlen noch, da galt das dann sogar als Kult. Sie alterten zusammen, er und dieses dröge Volk um ihn herum. Dabei lebten sie doch genau so öde wie er in ihren langweiligen Wohnungen mit ihren Kindern – zum Glück hatte ihn die Scheidung gerettet, da machte er heute noch drei Kreuze. Okay, die Kinder vermisste er schon … sogar sehr.

Und dann die jahrelange Planung zu DEM Coup. Die Vorfreude auf das große Abenteuer. War das schön, sich auszumalen, irgendwo am Strand von Hawaii zu liegen, Huna und Ho’oponopono zu studieren, abwechselnd mit Männern und Frauen zu vögeln und einfach den Tag genießen … bescheuertes Gauguin-Klischee. Klar, aber man wird ja noch träumen dürfen. Wozu gibt es denn Klischees. Und Projektionen.

Na, offenkundig darf man doch nicht träumen.

Nun hockte er seit einem Jahr in seinem Kleingartenversteck und lebte zunächst in der panischen Angst, entdeckt zu werden. Obwohl … irgendwie hatte er hier auch Frieden gefunden. War eh ein Wunder,  dass er diese leer stehende Laube entdeckt hatte. Das Meditieren hatte er hier angefangen, das Kiffen wieder entdeckt, und das Gärtnern, und das war alles gar nicht so schlecht. Die Nachbarn ließen ihn, der behauptete, den Kleingarten geerbt zu haben, in Ruhe, weil die auch nur ihre Ruhe wollten. Da hatte er Glück, keine Heckenhöhen- oder Wegeharkfanatiker, sondern ein Haufen schräger Misanthropen, die sich wechselseitig ignorierten. Prima!

Niemand, der ihn nervte, was von ihm wollte oder gar die Bezahlung der Kronen für Zahn 7 und Zahn 12 erstattet. Den ganzen Tag für sich, Lesen, träumen, dahin fließen, und genug Geld war ja auch da.

Und dann erschießt sich dieser Irre direkt auf SEINEM Sofa!

Und hinterlässt noch diesen Abschiedsbrief. Wer hinterlässt denn dieser Welt bitte einen solchen Brief? „John Zwo“ stand da als Unterzeichner.

Erst diese Geschichte, wie er durch Hamburg fuhr, und dann dieses hundsgemeine Ende. Ein Rätsel. Piet hasste Rätsel. Die ließen ihn nicht schlafen. Na, ein wenig Mitgefühl wäre wohl trotzdem mal angesagt. Armer Kerl. Was zum Teufel war dem da wohl wieder eingefallen?

„Als ich wieder aufwachte, war es noch hell. Der Temperatur, der tief stehenden Sonne musste es Winter sein; sie schickte sich an, unterzugehen. Und da war auf einmal wieder alles da. ALLES!

Es schoss in mich wie ein Blitzstrahl, die Bilder, sie waren kaum zu ertragen. Ja, klar, Bebelallee! Kein Wunder, dass es das war, was mich ansprach. Kein Wunder, dass ich da hin fuhr …

Die Pistole habe ich noch bei mir. Ich halte es einfach nicht aus. Verzeih mir, wem auch immer diese Laube gehört – ich halte das nicht aus. Es tut mir leid. Vergib mir.

Dein John Zwo.“

8 Antworten zu “Der Brief

  1. erik hauth (@ring2) Januar 10, 2012 um 6:26 pm

    Das „Ich“ sind wir nu losgeworden – und wohl in einer Kriminalgeschichte gelandet 😉

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  3. momorulez Januar 10, 2012 um 6:54 pm

    Ich dachte, das sorgt für Spannung 🙂 – und wir müssen uns ja an keine Genreregeln halten. „Ich“ macht es schwerer, neue Figuren einzuführen, zudem, wenn zwei Ichs schreiben 😉 …

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