Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Ode an die Freude

„Ein Mensch, der Meister seiner selbst ist, kann jeden Kummer auflösen, indem er sich eine Freude ausmalt.“

Oscar Wilde

Nee, keine Sorge, mein Weihnachten war prima!!!

Ein wenig bekümmerte dennoch, was in der Crowd rund um meinen FC St. Pauli passierte. Da man es freilich verstärkt, wenn man dem Falschen Aufmerksamkeit schenkt, schenke ich die meine lieber diesem Blogeintrag, der mir weitestgehend aus dem Herzen spricht. Um dem Ganzen ergänzend einen hoffentlich positiven Drive geben zu können. Auch wenn freilich der Slogan „Kraft durch Freude“ historisch ganz außerordentlich in Verruf geraten ist (auch wenn der Fussballverein aus Wolfsburg von dessen ökonomischem Erbe nachhaltig profitiert). Wovon man sich aber nicht zu sehr beeindrucken lassen sollte, so lange man historisches Bewusstsein wahrt – ein freudloses Dasein ist Utopie allenfalls für Puritaner, die scharlachrote Buchstaben an die Klamotten Anderer nähen.

Und male mir ansonsten voller Freude aus, dass @ring2 noch mal in seiner Kommentarsektion liest und fest stellt, dass die Aussage:

„Ich habe jetzt schon Angst davor, daß die Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden und wir immer weniger in den Block mitnehmen dürfen. Kassenrollen dürften jetzt wohl bald verboten werden. Das Beste wäre gewesen sich sofort erkennbar zu machen und es als Unfall zu deklarieren. Eine der Rollen, die sich einfach nicht entrollt hat wie vorgesehen. So etwas kommt vor. Aber so wie es gelaufen ist wurde der größtmögliche Schaden erreicht. Die Überwachungsheinis fühlen sich bestätigt, die Presse hat eine Schlagzeile und die „Ultra-hasser“ neue Argumente.“

keineswegs von einem CSU-Innenminister stammen könnte, weil sie ja gerade bedauert, dass Typen wie diese solche Fälle instrumentalisieren, um dem Überwachungsstaat den Weg zu ebnen. Und sich ja vielleicht entschuldigt.

Ebenso freue ich mich, dass viele rund um den Verein nicht vergessen haben, dass Ronald Schill einst als „Richter Gnadenlos“ mit Parolen gegen das „Kartell der strafunwilligen Jugendrichter“ von der BILD groß geschrieben wurde und der Versuch einer Tabuisierung der Analyse von Rhetoriken solcher Schreihälse bei uns nicht funzt. Und so viele dagegen anstinken. Die „Bambule“-Demos gehören halt auch zum Traditionsbestand der Fanszene des FC St. Pauli; sie hatten unter anderem zum Ziel, Herrn Schill aus dem Amt zu jagen, lieber Alter Stamm.

Was mit dem verunglückten Wurf einer Kassenrolle allerdings gar nix zu tun hat. Mehr Politik, weniger Kassenrollen wäre ja auch mal wieder was. Oder Liebesgedichte und Oden an die Freude auf die Kassenrollen schreiben und sie geliebten Freunden in die Jackentasche stecken.

Ich freue mich mal lieber über unsere Mannschaft,  die so viele Punkte geholt hat, freue mich, kurz vor der Jahreswende noch fest gestellt zu haben, dass man mit Gernot Stenger durchaus reden kann, freue mich jedes Spiel, dass mit Florian Bruns ein Mann zum Schwärmen über den Platz läuft und mit Fabian Boll und Fabio Morena welche in Treue weiter spielen, die selbst schon eine eigene Traditionslinie im Verein bildet. Aufstieg 2022 unter dem Trainerduo Boll/Morena? Warum nicht?

Ich freue mich zudem ganz individualbiographisch, dass ich die Chance hatte, mich von Denkern wie Jürgen Habermas und Michel Foucault inspirieren zu lassen. Das hat meine Lebenserfahrung nämlich ungemein bereichert. Und mir sogar dabei geholfen, unselige familiäre Prägungen  hinter mir zu lassen und somit Autonomie zu gewinnen. Kann man auch anders machen, für mich war der Weg gut.

Weil nach einer stark auf der Implementierung von Schuldgefühlen aufbauenden Erziehung  eine Behandlung dieses Themas auf einer Meta-Ebene möglich wurde, ein außerordentlich befreiender Schritt.

Schuldgefühle sind ja auch nur eine Form der Aggression, die nach innen gerichtet ist und sich irgendwann gegen den wendet, der sie mobilisiert. Viele der fatalen Reaktionsmuster in der Antidiskriminierungsarbeit entstehen ja so, dass auf Hinweise mit Schuldgefühlen reagiert wird, was dann zu hochaggressiven Abwehrreaktionen führt. Die gar nicht nötig wären, wären die Leute nicht so auf ein „schlechtes Gewissen“ trainiert.

Dabei gibt es doch zu meiner großen Freude auch ganz positive Möglichkeiten, Aggressionen im Sinne eines „Ich will, ich kann, ich darf“ einzusetzen. Um Grenzen zu setzen. Morgens aus dem Bett zu kommen. Auch Sex nach einem Streit kann ja so richtig Spaß machen. Da dann immer den Schuldfilm wie einen Ölfilm auf schmutzigem Asphalt hinter sich her zu ziehen, das muss ja gar nicht sein. Ich bin für konstruktiven Aggressionseinsatz.

Bei Foucault kann man lernen, wie Disziplinierung und Normalisierung funktionieren – das ist ja keine Theoretisiererei, sondern erfahrbar. Und wenn man was lernt, kann man sich befreien.

Bei Habermas kann man lernen, dass es im Falle der Moral gar nicht darum geht, ein guter Mensch zu sein, sondern um das Verhältnis zum Anderen (und die Begründung der Regeln, denen man im Verhältnis zum Anderen folgt, um genau zu sei). Dass es da Voraussetzungen wie die formale Gleichheit von Personen gibt, die Gegenseitigkeit, all so ein kontrafaktischer Kram, der selten realisiert und doch Ziel sein sollte  – und dass die Justiz schon deshalb was anderes ist als Moral, weil sie deren funktionale Ergänzung darstellt: Moral fragt nicht zweckrational, sondern begreift jeden Menschen als Zweck an sich selbst (Kant). Justiz hingegen regelt Interessenkonflikte mit Hilfe des Gewaltmonopols des Staates und somit gewalthaltig.

Dass es bei der Moral um den Anderen geht, Habermas schreibt da von Intersubjektivität, das ist einer der Knüller seiner Theorien, weil in der philosophischen Tradition tatsächlich wenig Versuche gibt, das zu denken (bei Aristoteles zum Beispiel, bei Lévinas und Baudrillard ). Gott, das Sittengesetz in mir, der absolute Geist, die Ideen – aber der Andere taucht eher selten auf.

Selbstverhältnisse, somit auch die Frage danach, „ein guter Mensch zu sein“, begreift Habermas als individuelles Ethos, nicht Moral. Das ist auch ein großes Thema im Spätwerk von Foucault, Ethik in diesem Sinn; das Schlagwort von der „Ästhetik der Existenz“ ist berühmt geworden. Also sich gar nicht am Guten, sondern am Schönen orientieren, mal sehr platt gesagt.

Weil Schönheit Freude macht. Und weil Schönheit nur individuell zugänglich ist, das unterscheidet sie von der Kunst. Und, wenn man genau hinguckt (und z.B. die Übungen aus Betty Edwards „Garantiert zeichnen lernen“ eine Weile macht), stellt man fest, dass wirkliche ALLE Menschen sehr schön sind.

Ironischerweise diskutierte Foucault das Thema anhand so kurioser historischer Denkweisen wie der „Diätik der Lüste“ der Antike. Und hatte vermutlich einen Heidenspaß dabei – was mir viel Freude bei der Lektüre bereitet hat.

Manchmal gibt es ja auch sehr gute Gründe, nicht moralisch zu sein. Wenn einem jemand zu nahe kommt oder irgendwo rein quatscht, wo man frei sein will. Bei der Farbe der Wand im eigenen Wohnzimmer, an der man sich erfreuen möchte. Bei der Musik, die man hört, oder bei der Haltung zu politischen Gruppierungen, die unzulässigerweise disziplinieren und normalisieren möchten und damit ein Leben in Freudlosigkeit anstreben.

Da sind Gesellschaften aber eigentlich so organisiert, dass es für verschiedene „Geschmäcker“ auch unterschiedliche Räume gibt. Wer gerne schlechte Musik hört und stimmgewaltig eigene Spieler ausbuht und beschimpft, kann zum HSV gehen, zum Beispiel. Wer gerne ganztägig ausschließlich friedvoll, sanft und höflich ist, kann sich in der evangelischen Kirche engagieren. Wer der „Toleranz“-Rhetorik eines Christian Wullff folgt, findet viele Orte, an denen sich er sich erbaulich daran laben kann.

Und wer auch gerne mal Widerständiges, Wild Style und Humor mag, konnte sich bisher beim FC St. Pauli sehr wohl fühlen.

Ich freue mich darüber, dass das so bleiben wird 😉 … man muss nur daran glauben. Die Kirchen haben immer schon gegen Magie gewettert, ich hätte gerne weiterhin den Magischen FC!

Weil es ja schon so ist, dass meine Haupttribünennachbarn so einzigartige, originelle, manchmal liebenswert verschrobene Menschen sind, dass es sie so nur bei uns geben kann. Dass ich nach dem Spiel ausgeprägte Individualisten wie den @quotenrocker, @sparschaeler, @foxxibaer, @kleinertod und @ring2 vor der Domschänke treffen darf, ebenso ungemein herzliche Menschen wie die @pauliane und @giraffentiger, allesamt unverwechselbare und unvergleichliche, tolle Leute (und keiner, den ich hier in der Aufzählung vergesse, möge es mir übel nehmen, da steht keinerlei böse Absicht dahinter!), dass es mir jedes Mal eine wahre Freude ist. Wirklich!!!

Von daher glaube ich fest daran, dass wir es schaffen, diese Multiindividualität zu wahren und uns, statt auf Kassenrollen zu fokussieren, mal wieder wieder ganz auf die Freude konzentrieren.

Weil Oscar Wilde sich vermutlich mittemang dieser auch als ausgeprägter Dandy wohl fühlen würde. Endlich mal locker machen, los lassen können, was die Pflicht des Dandies gegenüber sich selbst so alles ausmacht – das hätte auch ihm Spaß gemacht. Na, dann Prost!

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