Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Frohes Fest!

Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge, sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers – gepriesen ist er in Ewigkeit. Amen. Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.“

Schreibt der Herr, bei dem bis heute nicht klar ist, wieso dessen Briefe überhaupt Teil der Bibel sind, im berühmten Römerbrief. Weil sie im Gegensatz zu den Evangelien nicht aus dem Leben Jesus‘ berichten, ist das fragwürdig, weil der Autor den höchst ambivalenten Missionsgedanken in die Welt trug und Herr Paulus Jesus Christus auch nicht selbst erlebt hatte. Dieser Kanonsierungsprozess ist ja eh zweifelhaft und erst das Werk späterer Jahrhunderte. Was da so alles raus geflogen ist im Zuge der Etablierung ganz weltlicher, kirchlicher Macht …

Das ist eine von um die 4 Stellen, in der in der Bibel explizit auf das, was man seit dem 19. Jahrhundert „Homosexualität“ nannte, Bezug genommen wird und die jeder Zeuge Jehova runter leiert, wenn es um das Thema geht und man dummerweise die Tür aufgemacht hat. (Wobei die Zeugen Jehovas zu den Christen gehörten, die im „3. Reich“ sich widerständig zeigten und im KZ dafür saßen).

Drum wisse, wer sich im Falle von „St. Pauli“ nun gerade auf den Herrn Paulus beruft, und mit wem er es da zu tun hat 😉 … der Link oben verweist auf die ziemlich zerfledderte Diskussion zu diesem Thema.

Das mit der Heiligenverehrung, „St.“, ist ja eh so eine Sache, die mit dem Konzept des Monotheismus so gar nicht zusammen passt. Übrigens ebenso wenig die Heilige Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Klar, da gibt Jahrtausende theologischer Debatten, die Einheit der Dreifaltigkeit zu denken, aber das ist z.B. die Kritik „des Islam“ am Christentum: Dass die Vorstellung eines Gottessohnes, der zugleich Mensch und Gott war, den Glauben an den einen Gott nun gerade sabottieren würde, drum sei der, man korrigiere mich, wohl Prophet gewesen.

Die Heiligenverehrung, vom Protestantismus eigentlich getilgt, dürfte eh als ein Fortwirken heidnischer Traditionen des Polytheismus verstanden werden, der dem so tief nun auch nicht christianisierten Europäer vergangener Zeiten Möglichkeiten bot, weiterhin so etwas wie Volksmagie zu betreiben.

In amerikanischen, hybriden Religionen boten die Heiligen die Möglichkeit für Kolonisierte, Missionierte und Versklavte, ihre alten Götter weiter zu verehren und einen global erstaunlich konstant verbreiteten Ahnenkult und schamanistische Praktiken im christlichen Gewand weiter zu betreiben. Mal sehr oberflächlich skizziert.

Wer einmal Bilder eines Südstaaten-Gospel-Gottesdienstes gesehen hat, würde vermutlich, fände dergleichen morgen im Michel statt, wahlweise den Exorzisten, den Psychiater oder die Polizei, vermutlich Drogenfahndung, rufen. Weil die ekstatischen Praktiken gerade in nordeuropäsich-protestantischen Traditionen einem sehr rigiden Zwang zum Selbstzwang unterworfen wurden und in Formen der Dressur überführt. Incl. Züchtigung.

Da haben sich die Katholiken mehr Sinnlichkeit und auch Auswege aus der Sittenstrenge bewahrt, wohl, weil mehr heidnische Elemente in der Volksfrömmigkeit fort lebten. Dass Max Weber  den Kapitalismus in der calvinistischen Ethik, genauer der Prädestinationslehre, gründen sah, das ist ja auch eine bis heute ganz plausible These.

Aber zum Glück gibt es ja noch den Weihnachtsbaum:

Die Kirche, der große Waldgebiete gehörten, schritt gegen das Plündern des Waldes zur Weihnachtszeit ein und billigte diesen „heidnischen“ Brauch nicht. Mit der Zeit aber gab sie den Widerstand gegen den Brauch langsam auf. Als in evangelischen Kreisen der Christbaum zum festen Weihnachtssymbol wurde, und man sich dadurch von der katholischen Sitte des Krippen-Aufstellens unterschied, trat der Christbaum seinen Siegeszug an. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist der Weihnachtsbaum auch in den katholischen Regionen Deutschlands und Österreich bezeugt.“ (den Original-Link zu wikipedia habe ich nicht gefunden).

Ich sehe Weihnachten auch immer eher der Tradition der Sonnenwendenfeiern – ein Lichterfest dann, wenn es am dunkelsten ist und man sich drauf freut, dass die Tage wieder länger werden.

Diese Naturfeindlichkeit, die das Christentum durch ihre Verlagerung der Erfüllung ins Jenseits einst den Menschen einimpfte und die sich in der tradierten Leibfeindlichkeit wieder spiegelte, ist in neueren Varianten zwar einer Verehrung der Schöpfung als ganzer gewichen, aber das hat mit Traditionsbeständen eher wenig zu tun meines Wissens, sondern ist eher das Erbe der Öko-Bewegung. Und gerade da haben manch heidnische Traditionen einfach mehr zu bieten. Wenn der Papst sich auf das „Naturrecht“ beruft, meint er etwas anderes.

Mir tut es um Weihnachten herum immer weh, dass die Nationalsozialisten, deutschtümelnd-nationalistische Strömungen des 19. Jahrhundert und ekelhaft rechtsradikale Neuheiden ein Feld okkupiert haben, das eigentlich sehr viel zu bieten hat. Und sich damit in die Tradition z.B. der Puritaner in säkularisierter Form stellten, die mit den „First Nations“ und insbesondere deren Transgender-Praktiken folgendermaßen umsprangen:

Über das Leben und die soziale Funktion der Two-Spirit ist nur wenig bekannt, da die meisten Berichte darüber oft nur ihre Verabscheuung über Männer, die in Frauenkleidung herumliefen, und Frauen, die Krieger waren, zum Ausdruck brachten. Die europäischen Einwanderer machten keinen Halt davor, kurz nach der Entdeckung solcher Menschen diese den Hunden vorzuwerfen oder ähnliche Gräueltaten an ihnen zu verüben.

Dass diese Pilgrim-Heinis in den USA beim „Thanksgiving“ bis heute gefeiert werden und jeder die „Mayflower“ kennt, nicht jedoch die Namen der vernichteten Stämme (es sei denn, man hat Stephen King gelesen), ist das permanente Triumphgeheule gelungener Kolonisierung – während man von denen, die da vertrieben und vernichtet wurden, bis heute wenig weiß, so als Durchschnittsdeutscher. Weil man ja nur Karl May kennt, der hinsichtlich dieser Frage, der „First Nations“,  für seine Zeit nicht nur übel war. Aber eben durch und durch christlich dachte und das dann in die „edlen Wilden“ hinein projizierte. Trotz der ewigen Jagdgründe.

Rückbezogen auf das Millerntor ist für mich auch immer das Bild entscheidend, dass das vormals „Hamburger Berg“ genannte „Viertel“ – eigentlich Vorstadt – eine Art Puffer zwischen dem protestantisch-doktrinären Hamburg und dem weit toleranteren und offeneren Altona bildete. Regelmäßig vertrieben evangelische Pfarrer Juden aus der Stadt, die dann nach Altona flüchteten.

Das ist etwas, das nach dem 11. September auch irgendwie in Vergessenheit geriet, dass der christliche Antijudaismus mit Martin Luther einen sehr prägenden Vordenker hatte.

Das Millerntor war meines Wissens das einzige Stadttor, durch das Juden einst nach Hamburg einreisen durften, was dazu führte, dass die ersten jüdischen Quartiere in der Neustadt, dem Armenviertel Hamburgs, angesiedelt waren. Die erste Synagoge fand sich dort, versteckt in einem Hinterhof, wenn ich das recht entsinne, wo heute das „Deutscher Ring“-Hochhaus steht, direkt gegenüber des Michels. Kann ja mal dran denken, wer morgen dort dem Gottesdienst lauscht. Und an Channuka, auch ein Lichterfest als Vorläufer des Weihnachtsfestes (da kenne ich mich sehr wenig aus und lasse mich gerne belehren!).

Später, bis Ende der 60er Jahre, also bis zur Einschränkung des §175, den Nazis und viele Christen gleichermaßen prima fanden, war das Viertel rund um den Großneumarkt, also direkt hinter dem Millerntor, auch das schwule Viertel – danach wuchs die Szene zunächst nach St. Pauli, wohl aus Rache an dem Namenspatron, bis sie dann nach St. Georg, in den anderen Rotlichtsbezirk, abwanderte. Das „Spundloch“ unweit des „Jolly“ gibt es ja mittlerweile auch nicht mehr.

Diese Historie des Millerntors ist auch immer das, an was ich denke, wenn ich da im Stadion sitze: Eben Sympathie für jene in der Diaspora, für die Ausgegrenzten, die im Vergnügungsviertel sich rigiden Moralvorstellungen entziehen konnten inmitten von Matrosen und Revuetheatern.

So habe ich übrigens auch immer die Evangelien verstanden: Dass Jesus sich eher den Huren und Ehebrechern widmete und mit einem Trupp cooler Jungs durch die Gegend zog, anstatt der Bigotterie das Wort zu reden.

Von daher ist es auch schön, dessen Geburt gleich mit zu feiern und dabei der Gefolterten, Gemarterten und Unterdrückten zu gedenken. Muss man ja nicht nur Ostern tun, und man kann das Wunder der Geburt in ihrer biologischen wie auch nicht-biologischen Form lobpreisen und für diese Möglichkeit auch tiefe Dankbarkeit empfinden.

Um dann in aller Ruhe und Gemütlichkeit die Ankunft der länger werdenden Tage zu begrüßen und Sylvester die bösen Geister zu vertreiben … und dem zu huldigen, wofür auch Jesus im Gegensatz zu so vielen Christen stand: Die allumfassende Liebe!

Ich halte schon mal die andere Wange hin 😉 …

3 Antworten zu “Frohes Fest!

  1. MartinM Dezember 23, 2011 um 9:54 pm

    Huhu (aus tiefsten Raunachtsdunkel)!
    Weitgehende Zustimmung! Was den Paulus angeht: den halte nicht nur ich für den eigentlichen Begründer des Christentums. Ohne ihn wäre das Christentum eine Art reformiertes Judentum geblieben. Die „Paulus-Briefe“ – wenigstens die echten – sind IMO das Gründungsdokument der christlichen Religion, bei der es Paulus sehr wenig um den Menschen Jesus und das, was er predigte, ging. (Wie den auch, Paulus hat ihn nie getroffen und lag im Streit mit denen, die ihn noch gekannt hatten.)
    „Weil die ekstatischen Praktiken gerade in nordeuropäsich-protestantischen Traditionen einem sehr rigiden Zwang zum Selbstzwang unterworfen wurden und in Formen der Dressur überführt. Incl. Züchtigung.“
    Ich erinnere mich nur an die (vergleichsweise zahmen) charismatischen Gottesdienste an der Petrikirche (ebenfalls in Hamburg) in den 1980ern und 1990ern, und die z. T. heftigen Reaktionen der Amtskirche darauf. Auch wenn ich glaubensinhaltlich wenig mit den charismatischen Christen gemeinsam habe: irgendwie waren und sind sie mir sympathisch. Wobei der „hanseatische Lutheranismus“ ja noch eine vergleichsweise „weltfrohe“ und liberale Form des Protestantismus ist – wenn auch weniger liberal und tolerant als lutheranische Kirche Dänemarks (die die religiöse Toleranz in Altona, dem freiheitlichsten Stück Erde Europas vor der großen Französischen Revolution, wesentlich mitprägte). Der Michel ist eine Barockkirche, in der das Bürgertum sich selbst feiert – und ist schon wegen seiner opulenten Ausstattung für strengere Protesttanten, für Puritaner, inakzeptabel.
    Ja, es stimmt. Exstase, also Kontrollverlust, ist böse, hinter allem, was Spaß macht, lauert der Teufel, Fleiß und Gelderwerb sind quasi transzendenter Selbstzweck – und am irdischen Erfolg lässt sich Gottes Gnade ablesen. (Letzteres zwar nur in den calvinistischen Traditionen des Protestantismus, aber dort besonders wirkungsmächtig.) Den Kapitalismus würde es auch ohne Protestantismus geben, aber Weber hatte schon Recht: der (puritanische) Prostestantismus begünstigt kapitalistische Verhaltensweisen.
    „Mir tut es um Weihnachten herum immer weh, dass die Nationalsozialisten, deutschtümelnd-nationalistische Strömungen des 19. Jahrhundert und ekelhaft rechtsradikale Neuheiden ein Feld okkupiert haben, das eigentlich sehr viel zu bieten hat.“ Mit auch, und ich mag mich damit nicht abfinden. Aber wie Du weist, gibt es nicht nur ekelhaft rechtsradikale Neuheiden. Es ist allerdings buchstäblich eine Heidenarbeit, den völkischen Rassenquasslern und den antisemitischen „Odin statt Jesus“-Gröhlern die Deutungshoheit über das kulturelle Erbe, das sie sich unter den Nagel gerissen haben, wieder zu nehmen. Das ist ohnehin die Lieblingstaktik der intelligenteren Faschisten: „geistige Lufthoheit“ erringen, Diskurse beherrschen, Symbole besetzen. Ungewollt begünstigt durch eine verbotsorientierte Politik „gegen den Rechtsextremismus“ – das Dilemma einer Politik, die mit autoritären Mitteln eine autoritäre Ideologie bekämpft. (Von traurigen Kalte-Kriegs-Überrest „Extremismustheorie“, der Fortschreibung der Faschismus und Kasernenhof-Sozialismus gleichsetzenden Totalitarismusdoktrin (nicht zu verwechseln mit kritischen Totalitarismustheorien) gar nicht zu reden.)

    Nun ja, Channuka ist zwar ein Lichterfest, aber ist schwerlich ein Vorläufer des Weihnachtsfestes, mit dem es in die selbe Jahreszeit fällt. Ich schrob dazu vor Jahren etwas, und zwar, weil es mir wichtig ist, gleich als ersten Absatz:
    http://www.nornirsaett.de/24-populare-irrtumer-rund-ums-weihnachtsfest/

    Inspirierende Raunächte – und ein gutes Jahr und Frieden!

  2. momorulez Dezember 23, 2011 um 10:08 pm

    Danke für all die Ergänzungen! Ich hatte noch überlegt, ob ich „euch“ da mit erwähne als nun so ganz und gar nicht rechte Neuheiden, das hätte nur irgendwie den Flow gebrochen und ich hatte gehofft, wenigstens in Ansätzen das eine oder andere, was ich da mitbekommen habe, in die grundsätzliche Perspektive einzuflechten.

    Danke auch für den Hinweis auf Channuka; kenne mich da auch wirklich zu wenig aus. Mir war die Erwähnung nur wichtig, weil ich hier in einem Umfeld lebe, wo so viele Religionen und Atheismen freundlich koexistieren, dass die christliche Okkupation eines solchen Lichterfestes zur Sonnenwende schon wieder fast absurd wird. Sei ja jedem gegönnt, das im christlichen Sinne zu feiern, die Jesus-Pointe meinte ich schon ernst, aber auch diese „christliche Tradition“ „Weihnachten“ ist genauer besehen ein sehr vielschichtiges Phänomen, was in letzter Zeit wirklich ständig vergessen wird.

    Dir auch eine tolle Zeit!

    Nachtrag: Mag auch die evangelische Kirche Deutschlands in den letzten Jahrzehnten moderater geworden sein – einer meiner ersten journalistischen Jobs 86/87 war ein Interview mit einem Pastor, der vom Dienst suspendiert worden war, weil er mit seinem Freund zusammen lebte. Vor gerade mal 25 Jahren. Auf dem Kirchentag kurz zuvor in Düsseldorf hatte es immerhin ein schwul/lesbisches Café gegeben. Das ist aber so lang nun noch nicht her, verglichen mit der „Tradition“ eine sehr kurze Zeitspanne, jene „Tradition“, auf die mancher glaubt sich berufen zu wollen. Und ich prognostiziere mal, dass es nicht mehr lange dauert, bis sie vor dem unglaublichen Erfolg der Evangelikalen einknicken.

  3. Nörgler Dezember 24, 2011 um 4:47 pm

    Ginge es vernünftig zu, prasselten bei Momorulez jetzt die Einladungen theologischer Fakultäten, damit er seinen auf 90 Minuten ausgearbeiteten Text dort vorträgt.

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