Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Dezember 2011

Ode an die Freude

„Ein Mensch, der Meister seiner selbst ist, kann jeden Kummer auflösen, indem er sich eine Freude ausmalt.“

Oscar Wilde

Nee, keine Sorge, mein Weihnachten war prima!!!

Ein wenig bekümmerte dennoch, was in der Crowd rund um meinen FC St. Pauli passierte. Da man es freilich verstärkt, wenn man dem Falschen Aufmerksamkeit schenkt, schenke ich die meine lieber diesem Blogeintrag, der mir weitestgehend aus dem Herzen spricht. Um dem Ganzen ergänzend einen hoffentlich positiven Drive geben zu können. Auch wenn freilich der Slogan „Kraft durch Freude“ historisch ganz außerordentlich in Verruf geraten ist (auch wenn der Fussballverein aus Wolfsburg von dessen ökonomischem Erbe nachhaltig profitiert). Wovon man sich aber nicht zu sehr beeindrucken lassen sollte, so lange man historisches Bewusstsein wahrt – ein freudloses Dasein ist Utopie allenfalls für Puritaner, die scharlachrote Buchstaben an die Klamotten Anderer nähen.

Und male mir ansonsten voller Freude aus, dass @ring2 noch mal in seiner Kommentarsektion liest und fest stellt, dass die Aussage:

„Ich habe jetzt schon Angst davor, daß die Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden und wir immer weniger in den Block mitnehmen dürfen. Kassenrollen dürften jetzt wohl bald verboten werden. Das Beste wäre gewesen sich sofort erkennbar zu machen und es als Unfall zu deklarieren. Eine der Rollen, die sich einfach nicht entrollt hat wie vorgesehen. So etwas kommt vor. Aber so wie es gelaufen ist wurde der größtmögliche Schaden erreicht. Die Überwachungsheinis fühlen sich bestätigt, die Presse hat eine Schlagzeile und die „Ultra-hasser“ neue Argumente.“

keineswegs von einem CSU-Innenminister stammen könnte, weil sie ja gerade bedauert, dass Typen wie diese solche Fälle instrumentalisieren, um dem Überwachungsstaat den Weg zu ebnen. Und sich ja vielleicht entschuldigt.

Ebenso freue ich mich, dass viele rund um den Verein nicht vergessen haben, dass Ronald Schill einst als „Richter Gnadenlos“ mit Parolen gegen das „Kartell der strafunwilligen Jugendrichter“ von der BILD groß geschrieben wurde und der Versuch einer Tabuisierung der Analyse von Rhetoriken solcher Schreihälse bei uns nicht funzt. Und so viele dagegen anstinken. Die „Bambule“-Demos gehören halt auch zum Traditionsbestand der Fanszene des FC St. Pauli; sie hatten unter anderem zum Ziel, Herrn Schill aus dem Amt zu jagen, lieber Alter Stamm.

Was mit dem verunglückten Wurf einer Kassenrolle allerdings gar nix zu tun hat. Mehr Politik, weniger Kassenrollen wäre ja auch mal wieder was. Oder Liebesgedichte und Oden an die Freude auf die Kassenrollen schreiben und sie geliebten Freunden in die Jackentasche stecken.

Ich freue mich mal lieber über unsere Mannschaft,  die so viele Punkte geholt hat, freue mich, kurz vor der Jahreswende noch fest gestellt zu haben, dass man mit Gernot Stenger durchaus reden kann, freue mich jedes Spiel, dass mit Florian Bruns ein Mann zum Schwärmen über den Platz läuft und mit Fabian Boll und Fabio Morena welche in Treue weiter spielen, die selbst schon eine eigene Traditionslinie im Verein bildet. Aufstieg 2022 unter dem Trainerduo Boll/Morena? Warum nicht?

Ich freue mich zudem ganz individualbiographisch, dass ich die Chance hatte, mich von Denkern wie Jürgen Habermas und Michel Foucault inspirieren zu lassen. Das hat meine Lebenserfahrung nämlich ungemein bereichert. Und mir sogar dabei geholfen, unselige familiäre Prägungen  hinter mir zu lassen und somit Autonomie zu gewinnen. Kann man auch anders machen, für mich war der Weg gut.

Weil nach einer stark auf der Implementierung von Schuldgefühlen aufbauenden Erziehung  eine Behandlung dieses Themas auf einer Meta-Ebene möglich wurde, ein außerordentlich befreiender Schritt.

Schuldgefühle sind ja auch nur eine Form der Aggression, die nach innen gerichtet ist und sich irgendwann gegen den wendet, der sie mobilisiert. Viele der fatalen Reaktionsmuster in der Antidiskriminierungsarbeit entstehen ja so, dass auf Hinweise mit Schuldgefühlen reagiert wird, was dann zu hochaggressiven Abwehrreaktionen führt. Die gar nicht nötig wären, wären die Leute nicht so auf ein „schlechtes Gewissen“ trainiert.

Dabei gibt es doch zu meiner großen Freude auch ganz positive Möglichkeiten, Aggressionen im Sinne eines „Ich will, ich kann, ich darf“ einzusetzen. Um Grenzen zu setzen. Morgens aus dem Bett zu kommen. Auch Sex nach einem Streit kann ja so richtig Spaß machen. Da dann immer den Schuldfilm wie einen Ölfilm auf schmutzigem Asphalt hinter sich her zu ziehen, das muss ja gar nicht sein. Ich bin für konstruktiven Aggressionseinsatz.

Bei Foucault kann man lernen, wie Disziplinierung und Normalisierung funktionieren – das ist ja keine Theoretisiererei, sondern erfahrbar. Und wenn man was lernt, kann man sich befreien.

Bei Habermas kann man lernen, dass es im Falle der Moral gar nicht darum geht, ein guter Mensch zu sein, sondern um das Verhältnis zum Anderen (und die Begründung der Regeln, denen man im Verhältnis zum Anderen folgt, um genau zu sei). Dass es da Voraussetzungen wie die formale Gleichheit von Personen gibt, die Gegenseitigkeit, all so ein kontrafaktischer Kram, der selten realisiert und doch Ziel sein sollte  – und dass die Justiz schon deshalb was anderes ist als Moral, weil sie deren funktionale Ergänzung darstellt: Moral fragt nicht zweckrational, sondern begreift jeden Menschen als Zweck an sich selbst (Kant). Justiz hingegen regelt Interessenkonflikte mit Hilfe des Gewaltmonopols des Staates und somit gewalthaltig.

Dass es bei der Moral um den Anderen geht, Habermas schreibt da von Intersubjektivität, das ist einer der Knüller seiner Theorien, weil in der philosophischen Tradition tatsächlich wenig Versuche gibt, das zu denken (bei Aristoteles zum Beispiel, bei Lévinas und Baudrillard ). Gott, das Sittengesetz in mir, der absolute Geist, die Ideen – aber der Andere taucht eher selten auf.

Selbstverhältnisse, somit auch die Frage danach, „ein guter Mensch zu sein“, begreift Habermas als individuelles Ethos, nicht Moral. Das ist auch ein großes Thema im Spätwerk von Foucault, Ethik in diesem Sinn; das Schlagwort von der „Ästhetik der Existenz“ ist berühmt geworden. Also sich gar nicht am Guten, sondern am Schönen orientieren, mal sehr platt gesagt.

Weil Schönheit Freude macht. Und weil Schönheit nur individuell zugänglich ist, das unterscheidet sie von der Kunst. Und, wenn man genau hinguckt (und z.B. die Übungen aus Betty Edwards „Garantiert zeichnen lernen“ eine Weile macht), stellt man fest, dass wirkliche ALLE Menschen sehr schön sind.

Ironischerweise diskutierte Foucault das Thema anhand so kurioser historischer Denkweisen wie der „Diätik der Lüste“ der Antike. Und hatte vermutlich einen Heidenspaß dabei – was mir viel Freude bei der Lektüre bereitet hat.

Manchmal gibt es ja auch sehr gute Gründe, nicht moralisch zu sein. Wenn einem jemand zu nahe kommt oder irgendwo rein quatscht, wo man frei sein will. Bei der Farbe der Wand im eigenen Wohnzimmer, an der man sich erfreuen möchte. Bei der Musik, die man hört, oder bei der Haltung zu politischen Gruppierungen, die unzulässigerweise disziplinieren und normalisieren möchten und damit ein Leben in Freudlosigkeit anstreben.

Da sind Gesellschaften aber eigentlich so organisiert, dass es für verschiedene „Geschmäcker“ auch unterschiedliche Räume gibt. Wer gerne schlechte Musik hört und stimmgewaltig eigene Spieler ausbuht und beschimpft, kann zum HSV gehen, zum Beispiel. Wer gerne ganztägig ausschließlich friedvoll, sanft und höflich ist, kann sich in der evangelischen Kirche engagieren. Wer der „Toleranz“-Rhetorik eines Christian Wullff folgt, findet viele Orte, an denen sich er sich erbaulich daran laben kann.

Und wer auch gerne mal Widerständiges, Wild Style und Humor mag, konnte sich bisher beim FC St. Pauli sehr wohl fühlen.

Ich freue mich darüber, dass das so bleiben wird 😉 … man muss nur daran glauben. Die Kirchen haben immer schon gegen Magie gewettert, ich hätte gerne weiterhin den Magischen FC!

Weil es ja schon so ist, dass meine Haupttribünennachbarn so einzigartige, originelle, manchmal liebenswert verschrobene Menschen sind, dass es sie so nur bei uns geben kann. Dass ich nach dem Spiel ausgeprägte Individualisten wie den @quotenrocker, @sparschaeler, @foxxibaer, @kleinertod und @ring2 vor der Domschänke treffen darf, ebenso ungemein herzliche Menschen wie die @pauliane und @giraffentiger, allesamt unverwechselbare und unvergleichliche, tolle Leute (und keiner, den ich hier in der Aufzählung vergesse, möge es mir übel nehmen, da steht keinerlei böse Absicht dahinter!), dass es mir jedes Mal eine wahre Freude ist. Wirklich!!!

Von daher glaube ich fest daran, dass wir es schaffen, diese Multiindividualität zu wahren und uns, statt auf Kassenrollen zu fokussieren, mal wieder wieder ganz auf die Freude konzentrieren.

Weil Oscar Wilde sich vermutlich mittemang dieser auch als ausgeprägter Dandy wohl fühlen würde. Endlich mal locker machen, los lassen können, was die Pflicht des Dandies gegenüber sich selbst so alles ausmacht – das hätte auch ihm Spaß gemacht. Na, dann Prost!

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Frohes Fest!

Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge, sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers – gepriesen ist er in Ewigkeit. Amen. Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.“

Schreibt der Herr, bei dem bis heute nicht klar ist, wieso dessen Briefe überhaupt Teil der Bibel sind, im berühmten Römerbrief. Weil sie im Gegensatz zu den Evangelien nicht aus dem Leben Jesus‘ berichten, ist das fragwürdig, weil der Autor den höchst ambivalenten Missionsgedanken in die Welt trug und Herr Paulus Jesus Christus auch nicht selbst erlebt hatte. Dieser Kanonsierungsprozess ist ja eh zweifelhaft und erst das Werk späterer Jahrhunderte. Was da so alles raus geflogen ist im Zuge der Etablierung ganz weltlicher, kirchlicher Macht …

Das ist eine von um die 4 Stellen, in der in der Bibel explizit auf das, was man seit dem 19. Jahrhundert „Homosexualität“ nannte, Bezug genommen wird und die jeder Zeuge Jehova runter leiert, wenn es um das Thema geht und man dummerweise die Tür aufgemacht hat. (Wobei die Zeugen Jehovas zu den Christen gehörten, die im „3. Reich“ sich widerständig zeigten und im KZ dafür saßen).

Drum wisse, wer sich im Falle von „St. Pauli“ nun gerade auf den Herrn Paulus beruft, und mit wem er es da zu tun hat 😉 … der Link oben verweist auf die ziemlich zerfledderte Diskussion zu diesem Thema.

Das mit der Heiligenverehrung, „St.“, ist ja eh so eine Sache, die mit dem Konzept des Monotheismus so gar nicht zusammen passt. Übrigens ebenso wenig die Heilige Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Klar, da gibt Jahrtausende theologischer Debatten, die Einheit der Dreifaltigkeit zu denken, aber das ist z.B. die Kritik „des Islam“ am Christentum: Dass die Vorstellung eines Gottessohnes, der zugleich Mensch und Gott war, den Glauben an den einen Gott nun gerade sabottieren würde, drum sei der, man korrigiere mich, wohl Prophet gewesen.

Die Heiligenverehrung, vom Protestantismus eigentlich getilgt, dürfte eh als ein Fortwirken heidnischer Traditionen des Polytheismus verstanden werden, der dem so tief nun auch nicht christianisierten Europäer vergangener Zeiten Möglichkeiten bot, weiterhin so etwas wie Volksmagie zu betreiben.

In amerikanischen, hybriden Religionen boten die Heiligen die Möglichkeit für Kolonisierte, Missionierte und Versklavte, ihre alten Götter weiter zu verehren und einen global erstaunlich konstant verbreiteten Ahnenkult und schamanistische Praktiken im christlichen Gewand weiter zu betreiben. Mal sehr oberflächlich skizziert.

Wer einmal Bilder eines Südstaaten-Gospel-Gottesdienstes gesehen hat, würde vermutlich, fände dergleichen morgen im Michel statt, wahlweise den Exorzisten, den Psychiater oder die Polizei, vermutlich Drogenfahndung, rufen. Weil die ekstatischen Praktiken gerade in nordeuropäsich-protestantischen Traditionen einem sehr rigiden Zwang zum Selbstzwang unterworfen wurden und in Formen der Dressur überführt. Incl. Züchtigung.

Da haben sich die Katholiken mehr Sinnlichkeit und auch Auswege aus der Sittenstrenge bewahrt, wohl, weil mehr heidnische Elemente in der Volksfrömmigkeit fort lebten. Dass Max Weber  den Kapitalismus in der calvinistischen Ethik, genauer der Prädestinationslehre, gründen sah, das ist ja auch eine bis heute ganz plausible These.

Aber zum Glück gibt es ja noch den Weihnachtsbaum:

Die Kirche, der große Waldgebiete gehörten, schritt gegen das Plündern des Waldes zur Weihnachtszeit ein und billigte diesen „heidnischen“ Brauch nicht. Mit der Zeit aber gab sie den Widerstand gegen den Brauch langsam auf. Als in evangelischen Kreisen der Christbaum zum festen Weihnachtssymbol wurde, und man sich dadurch von der katholischen Sitte des Krippen-Aufstellens unterschied, trat der Christbaum seinen Siegeszug an. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist der Weihnachtsbaum auch in den katholischen Regionen Deutschlands und Österreich bezeugt.“ (den Original-Link zu wikipedia habe ich nicht gefunden).

Ich sehe Weihnachten auch immer eher der Tradition der Sonnenwendenfeiern – ein Lichterfest dann, wenn es am dunkelsten ist und man sich drauf freut, dass die Tage wieder länger werden.

Diese Naturfeindlichkeit, die das Christentum durch ihre Verlagerung der Erfüllung ins Jenseits einst den Menschen einimpfte und die sich in der tradierten Leibfeindlichkeit wieder spiegelte, ist in neueren Varianten zwar einer Verehrung der Schöpfung als ganzer gewichen, aber das hat mit Traditionsbeständen eher wenig zu tun meines Wissens, sondern ist eher das Erbe der Öko-Bewegung. Und gerade da haben manch heidnische Traditionen einfach mehr zu bieten. Wenn der Papst sich auf das „Naturrecht“ beruft, meint er etwas anderes.

Mir tut es um Weihnachten herum immer weh, dass die Nationalsozialisten, deutschtümelnd-nationalistische Strömungen des 19. Jahrhundert und ekelhaft rechtsradikale Neuheiden ein Feld okkupiert haben, das eigentlich sehr viel zu bieten hat. Und sich damit in die Tradition z.B. der Puritaner in säkularisierter Form stellten, die mit den „First Nations“ und insbesondere deren Transgender-Praktiken folgendermaßen umsprangen:

Über das Leben und die soziale Funktion der Two-Spirit ist nur wenig bekannt, da die meisten Berichte darüber oft nur ihre Verabscheuung über Männer, die in Frauenkleidung herumliefen, und Frauen, die Krieger waren, zum Ausdruck brachten. Die europäischen Einwanderer machten keinen Halt davor, kurz nach der Entdeckung solcher Menschen diese den Hunden vorzuwerfen oder ähnliche Gräueltaten an ihnen zu verüben.

Dass diese Pilgrim-Heinis in den USA beim „Thanksgiving“ bis heute gefeiert werden und jeder die „Mayflower“ kennt, nicht jedoch die Namen der vernichteten Stämme (es sei denn, man hat Stephen King gelesen), ist das permanente Triumphgeheule gelungener Kolonisierung – während man von denen, die da vertrieben und vernichtet wurden, bis heute wenig weiß, so als Durchschnittsdeutscher. Weil man ja nur Karl May kennt, der hinsichtlich dieser Frage, der „First Nations“,  für seine Zeit nicht nur übel war. Aber eben durch und durch christlich dachte und das dann in die „edlen Wilden“ hinein projizierte. Trotz der ewigen Jagdgründe.

Rückbezogen auf das Millerntor ist für mich auch immer das Bild entscheidend, dass das vormals „Hamburger Berg“ genannte „Viertel“ – eigentlich Vorstadt – eine Art Puffer zwischen dem protestantisch-doktrinären Hamburg und dem weit toleranteren und offeneren Altona bildete. Regelmäßig vertrieben evangelische Pfarrer Juden aus der Stadt, die dann nach Altona flüchteten.

Das ist etwas, das nach dem 11. September auch irgendwie in Vergessenheit geriet, dass der christliche Antijudaismus mit Martin Luther einen sehr prägenden Vordenker hatte.

Das Millerntor war meines Wissens das einzige Stadttor, durch das Juden einst nach Hamburg einreisen durften, was dazu führte, dass die ersten jüdischen Quartiere in der Neustadt, dem Armenviertel Hamburgs, angesiedelt waren. Die erste Synagoge fand sich dort, versteckt in einem Hinterhof, wenn ich das recht entsinne, wo heute das „Deutscher Ring“-Hochhaus steht, direkt gegenüber des Michels. Kann ja mal dran denken, wer morgen dort dem Gottesdienst lauscht. Und an Channuka, auch ein Lichterfest als Vorläufer des Weihnachtsfestes (da kenne ich mich sehr wenig aus und lasse mich gerne belehren!).

Später, bis Ende der 60er Jahre, also bis zur Einschränkung des §175, den Nazis und viele Christen gleichermaßen prima fanden, war das Viertel rund um den Großneumarkt, also direkt hinter dem Millerntor, auch das schwule Viertel – danach wuchs die Szene zunächst nach St. Pauli, wohl aus Rache an dem Namenspatron, bis sie dann nach St. Georg, in den anderen Rotlichtsbezirk, abwanderte. Das „Spundloch“ unweit des „Jolly“ gibt es ja mittlerweile auch nicht mehr.

Diese Historie des Millerntors ist auch immer das, an was ich denke, wenn ich da im Stadion sitze: Eben Sympathie für jene in der Diaspora, für die Ausgegrenzten, die im Vergnügungsviertel sich rigiden Moralvorstellungen entziehen konnten inmitten von Matrosen und Revuetheatern.

So habe ich übrigens auch immer die Evangelien verstanden: Dass Jesus sich eher den Huren und Ehebrechern widmete und mit einem Trupp cooler Jungs durch die Gegend zog, anstatt der Bigotterie das Wort zu reden.

Von daher ist es auch schön, dessen Geburt gleich mit zu feiern und dabei der Gefolterten, Gemarterten und Unterdrückten zu gedenken. Muss man ja nicht nur Ostern tun, und man kann das Wunder der Geburt in ihrer biologischen wie auch nicht-biologischen Form lobpreisen und für diese Möglichkeit auch tiefe Dankbarkeit empfinden.

Um dann in aller Ruhe und Gemütlichkeit die Ankunft der länger werdenden Tage zu begrüßen und Sylvester die bösen Geister zu vertreiben … und dem zu huldigen, wofür auch Jesus im Gegensatz zu so vielen Christen stand: Die allumfassende Liebe!

Ich halte schon mal die andere Wange hin 😉 …

Grundsatzfragen zur Vermarktung des FC St. Pauli

„Das Einzige, was ich nach Durchsicht des UFA-Vertrages festgestellt habe, ist, dass der Verein entgegen des Eindruckes, den er gern vermittelt, wesentlich mehr Einfluß auf die Gestaltung der Vermarktung hat im Hinblick auf die Fans und ihre Wünsche. Dass diese Einflussnahme „zu Lasten“ der UFA sicherlich nicht der bequeme Weg ist und erhöhten Diskussionsbedarf zwischen den beiden Parteien kreiert, ist klar. Aber es ist mehr möglich, als man vermutet. Oder anders gesagt: es ist mehr möglich. So wie ich vermutet habe. Das ist ein gutes Basiswissen für die nächste JHV, eventuelle Anträge und Wünsche.“

Ich verlinke das mal; ich war ja dabei, das Wesentliche hat Jeky zusammen gefasst.

Ich verlinke das auch, weil ich demonstrieren möchte, dass man auch im Rahmen des FC St. Pauli-Umfeldes sich zwar bei manchen Fragen am liebsten an die Gurgel ginge – was auch daran liegt, dass manches Argument sofort als persönliche Beleidigung ausgelegt wird, damit man sich nicht mit ihm auseinandersetzen muss, mal so ganz generell in den Raum gestellt -, in anderen Belangen aber sehr wohl an einem Strang ziehen kann.

Ergänzen möchte ich, dass das gar nicht notwendig zu Lasten der UFA gehen muss – so ein Generalabwickler von Vermarktungsfragen hat freilich von Vereinsseite entsprechend gefüttert zu werden, um gleichermaßen profitable und doch der „Seele“ des Vereins angemessene Wege zu finden.

In einigen Fällen gelingt das ja ganz gut – Hauptsponsor, mal ab von dem unsäglichen Kolonialslogan, 10.000 Stehplätze beim Gegengeradenbau -, in anderen Fällen weniger gut. Dazu bei trägt die nicht immer konsistente Verwendung des „hat doch mit Fussball nichts zu tun“-Argumentes, das bei LED-Anzeigen zu recht Anwendung findet, aber bei Aktionen gegen Rassismus ja ebenso zu recht nicht. Obwohl das ja auch manchen so scheint, als habe das mit Fussball nichts zu tun.

Nun dürften spätestens die Ausführungen von Stefan Orth zum Zusammenhang zwischen Sexismus und Bademodenschauen wie auch nicht-öffentliche Verlautbarungen von Schnittstellen der Fan-Szene zu Fragen der katholischen Amtskirche gezeigt haben, dass eben jener Kern, den so viele bei der „Warum bin ich bei St. Pauli“-Aktion hervor hoben, die Ausrichtung auf Fragen des Kampfes gegen Rechts, gegen Homophobie, Rassismus und Sexismus, irgendwie nicht so richtig in allen Köpfen gleichermaßen angekommen ist.

Was offenkundig dazu führt, dass ein korrigierendes Gegengewicht zu der eher formalökonomisch Geschäftsführung Michael Meeskes, das aufpasst, dass die INHALTE, für die wir zu stehen glauben, nicht wirklich zu existieren scheint. Obgleich Gernot Stenger sich sehr offen zeigte, auf Anregungen zu reagieren, die auf der Ebene der Vermarktung diese bereichern könnten.

Was für ein Gremium kann das sein? Ist der demokratisch nur teilweise legitimierte Ständige Fanausschuß – siehe Jekys Text – da die richtige Instanz? Ist das aktuelle Präsidium in solchen Fragen wirklich ausreichend gewappnet? Wie kann man es beraten, wie kann es sich eigenständig  fort bilden, oder stimmen die allseits zu hörenden Unkenrufe, es sei sowieso beratungsresistent? Herr Dr. Stenger machte diesen Eindruck eigentlich nicht. Und irgendwie ist ja auch gemütlich, da immer welche zu haben, über die man sich aufregen kann – vermutlich zu gemütlich.

Umgekehrt ist ja ebenso so oft zu hören, dass diese blöden Fans eh gegen alles seien, Hauptsache dagegen! – was angesichts der Reaktion auf die „Fan-Anleihe“ ja gar nicht der Fall zu sein scheint und aufgrund all der ehrenamtlichen Aktivitäten ebenso wenig.

Fragen über Fragen, aber vielleicht sind es ja zielführende. Die JHV ist dafür zu knapp bemessen.

Und diese Fragen sind bestimmt wichtiger als die, wie hoch nun ein Kassenrollenwerfer zu bestrafen sei.

 

Siehe auch stpauli.nu.

Fragen zu dem Bedürfnis, strafen zu wollen …

Hmmm. Das liest man in Foren des heiß geliebten Fussballvereins, dessen Mitglied man ist, und erstarrt in Verwunderung.

Bei allen Debatten um rechtliche Sanktionen kennt man ja durchaus selbst solche Impulse, Bestrafung sehen zu wollen – wenn z.B. Prügelpolizisten nicht sanktioniert werden, dann ist Empörung die Folge. Bei nicht geahndeten Vergewaltigungen und ähnlichem. Ungleich drastischere Fälle also als der dort diskutierte.

Auf der anderen Seite ist, meine ich zu wissen, ganz gut erforscht, dass in den meisten Fällen Strafen keine präventive Wirkung haben. Obgleich zugegebenermaßen seit dem Bierbecherwurf, der zum ersten „Heimspiel“ in Lübeck führte, lediglich einer noch flog dank des vom Boulevard flankierten DFB-Angst-Regimes. Und eben die Erkenntnis mangelnder Prävention zu allerlei rechtsstaatlich hanebüchenen Formen der Präventivjustiz führt, gegen die Idee der Gewaltenteilung gerichtet allzu häufig, von einer sich selbst ermächtigenden Exekutive vollzogen.

Der Impuls, so oder so zu handeln, orientiert sich nichtdestotrotz in der Regel an ganz anderen Kriterien als einer zu befürchtenden Sanktion; zudem die meisten eh der Überzeugung sind, dass sie nun gerade sowieso nicht erwischt werden.

Das ist ein fundamentaler Unterschied zu diesen Eltern-Kind-Beziehungs-Projektionen, die viele vor nehmen, wenn es um Diskussionen rund um Recht und Unrecht geht: Dass sie in richterlichen Instanzen sozusagen den strafbefugten Erziehungsberechtigten sehen und manche dann ihre eigene Urteilsfähigkeit an sie „delegieren“. Das ist ein Fall von nicht ganz Erwachsensein.  Und im Falle der Eltern-Kind-Beziehung ist das Verhältnis ein viel engeres.

Trivial, und doch scheinen da einige nicht drüber nachzudenken – was geht in Leuten vor, die seitenlang darüber grübeln, welche Strafe „angemessen“ sei? Im Falle eines direkten Schadensausgleiches – ich habe Dir 3 Euro geklaut und gebe sie Dir zurück – kann ich das noch nachvollziehen, aber was für Prozesse laufen in Menschen ab, die sich dann stellvertretend in diese vermeintlich übergeordnete Instanz hinein fantasieren und rum grübeln, was sie nun wem gerne antun würden?

Das verstehe ich bei persönlicher Betroffenheit – man ist selbst Opfer – voll und ganz, und da gehören Rache- und Vergeltungsbedürfnisse wohl auch zum Verarbeitungsprozess dazu. Aber bei einer auf ein Spielfeld geworfenen  Kassenrolle, die sich dummerweise nicht abwickelte und zufällig einen Spieler traf, blöd und falsch genug vom Werfer, was treibt Leute dazu, sich dann in die Rolle der sanktionierenden Macht hinein zu denken und da rumzuschwadronieren? Ist das irgendeine Ersatzhandlung für Ohnmacht in sonstigen Lebenssituationen? Was arbeitet Mensch da ab? Noch dazu im Falle eines gedanklichen Umweges über die völlig absurde und willkürliche – meiner Ansicht nach –  DFB-Gerichtsbarkeit, die indirekt gleich mit akzeptiert wird?

Und, wo alle sich neuerdings in christlicher Tradition wähnen – schon mal was gehört von „Wer noch nicht gesündigt hat, werfe den ersten Stein“?

Das sei jetzt gar nicht als Kommentar zum in vieler Hinsicht kritikwürdigen, gesellschaftlichen Subsystem „Recht“ verstanden. Da gelten so viele Regeln, die mit landläufigen konventionellen oder gar post-konventionellen Gerechtigkeitsvorstellungen aufgrund einer Fokussierung auf Verfahrensfragen gar nichts zu tun haben. Da ist vieles im gerichtlichen Bereich einfach nur das retrospektive Rechtfertigen einer zuvor von Polizei und Staatsanwaltschaft getroffenen Entscheidung. Das ist viel zu komplex, um sich da hinein fantasieren zu können.

Ich verstehe das wirklich nicht. Der Getroffene hat da angemessener reagiert. Hervorragende Beiträge auch hier, hier und hier.

Gastbericht

Zu wenige ergreifen mich. Obwohl es doch sogar die politische Forderung gibt, mich allen gleichermaßen zu gewähren. Zu recht!

An Wochenenden und vereinzelt Montagen sind viele mein Tod – ich bin schon so oft kläglich gestorben … manche vergeben mich. Einfach so. Ja, richtig gelesen, nicht etwa mir, sondern mich. So viele haben Probleme, den richtigen Weg zu mir zu finden und mich zu nutzen.

Manch große Liebe fand deshalb nicht statt. Weil Menschen errötend und stotternd in Ecken stehen blieben. Um irgendwann anders irgendetwas zu nutzen, was ich gar nicht war – da sind sie einem Betrüger aufgesessen!

Wobei ich auch nicht immer und überall zu finden bin. Deshalb mag ich Abende wie gestern, wo man mich wenigstens in voller Intensität heraus arbeitet. Überhaupt ist dieses Spiel wie für mich gemacht, wobei zu erwähnen ist: Je besser die Mannschaften, desto seltener komme ich vor. Es gibt Vereine, die mich einfach nicht zulassen, die mag ich nicht. Ich fühle mich dann ausgeschlossen und hocke traurig und verlassen in einem anderen Variantenraum, abgeschoben und wissend, dass ich doch so gar nicht überflüssig bin. Aber dass ich trotzdem so behandelt werde: Das kann schon frustrieren.

Schon wegen der Spannung braucht man mich doch! Obwohl ich ständig übersehen werde, aber da gewöhnt man sich dran. Andere sind ganz und gar darauf konzentriert, mich zu „vereiteln“, diese destruktiven Arschlöcher, während Dritte glauben, sie hätten mich als die ihres Lebens ja genutzt, und das wäre es dann auch schon gewesen mit mir. So verharren sie. Dabei bräuchten sie doch nur mal die Augen offen zu halten und würden sehen, wie oft ich lockend und becircend direkt vor ihrer Nase herum tanze, nicht nur an irgendwelchen Plot-Points im Drehbuch ihres Lebens platziert und dann auf eingefahrenen Bahnen bis auf weiteres ignoriert. Aber sie weiden sich lieber am Elend der Stagnation, nachdem sie dieses eine einzige Mal zugegriffen haben. Dabei biete ich mich. Nicht an, ich biete MICH. Auch so ein grammatisches Kuriosum, aber ich bin halt einzigartig, obwohl ich ständig irgendwo auftauche.

Klar, es gibt politische und ökonomische Konstellationen, auch die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, da lässt man mich nicht zu. Ganz vielen verbauen Mächtige den Weg zu mir. Ganze Gesellschaften sind auf Fundamenten errichtet, dass ich manchen geradezu hinterher geschmissen werde, während man mich zu anderen gar nicht erst lässt. Das treibt mich auch zur Verzweiflung, ich will doch für alle Menschen da sein!

Gestern, der Eintracht, der habe ich mich geradezu hingeschenkt! Angeboten! Ja, ich habe mich fast bar jeden Stolzes an sie ran geschmissen, mich ihr aufgedrängt, doch sie hat mich ein aufs andere Mal kläglich vergeben. Okay, da stand auch dieser Typ auf der Linie, der es vorher besser gemacht hat als die Rot/Schwarzen. Ist ja nicht so, dass ich parteiisch gewesen wäre. Und dann war da noch der, der sich heroisch dazwischen warf, wenn ich von den Frankfurtern erkannt wurde. Aber so sehr ich mich auch offenbarte, so schnöde der Gebrauch, der von mir gemacht wurde.

Dann war ich irgendwann echt sauer. Fühlte mich zurück gewiesen, so wie die mich verpuffen ließen. Ätschbätsch, dachte ich mir, dann eben andersrum, andersrum ist ja eh cool: Ach, und wie dieser Bartels und der Kruse begierig mich wahr nahmen und so formvollendet nutzten, das ging mir runter wie Öl, ein Hochgenuss!, da war ich glücklich, und gefreut hat es auch die meisten im Stadion sehr. So habe ich das gern.

Dann konnte ich mich gemütlich zurück lehnen und bin ganz zufrieden ins Bett gegangen …

Gestatten, ich bin die Chance!

„Bafögschwuchteln“

„Ob der gemeine Bildungsbürger überhaupt weiss, was unter einem Fussballfan zu verstehen ist ?“

Unter Bildungsbürgern ist es ja neuerdings trendy, andere Bildungsbürger des Bildungsbürgertums zu bezichtigen – wahlweise, indem Frau, ansonsten in jedem zweiten Kommentar auf Sportwagen und Führungsposition im Marketing verweisend, die eigenen proletarischen Wurzeln hervor kehrt oder aber ausgebildete Juristen sich als Fussballprolls inszenieren. Vorzugsweise wird diese Masche gestrickt, wenn die Perspektiven von Marginalsierten ins Feld geführt werden, sozusagen als Abwehr eben dagegen. Das wird dann als „Herrschaftsanspruch“ ausgelegt.

Weit über Abwehr hinaus weisend – insofern ein ganz andere Phänomen – ging man in Halle gerade zur direkten Aktion über:

„Etwas anders erging es den Fans des VfL Halle 96, als diese Ende Oktober beim Heimspiel gegen Lokomotive Leipzig das Banner in ihren Block hängten. „Die Lok-Fans in unserer Nähe beschimpften uns als ,Bafögschwuchteln‘, andere sangen das ,U-Bahn-Lied‘ oder wollten sich prügeln“, erinnert sich Thomas Korbmann, Fan des VfL Halle.“

Mal ab von den strafrechtlich höchst relevanten Gesängen, bei denen in mir nur Entsetzen aufsteigt und der mal manifest, mal latent allseits auffindbaren Gewaltandrohung gegen Schwule: Bei „Bafögschwuchteln“ musste ich sogar lachen, Schande über mich, aber warum eigentlich? Was ist da nun eigentlich gemeint? Die „sexuelle Orientierung“, das Studententum als solches? Oder dass sie nicht selbst das Studium bezahlen oder von ihren Eltern finanzieren lassen?

„Schwule Studenten“ war hier in Hamburg eine durchaus auch in „proletarischen“ Kreisen  (wahrscheinlich waren das gar keine proletarischen, im Volkspark rufen besonders gerne Mittelständler „Schwuchtel“) angesagte Diffamierung im Sprachgebrauch der vermeintlich Street-Crediblen. Gemeint damit waren Typen mit Designerbrillen oder Tocotronic-Look, irgendwie aus der Außensicht „weichliche“, verkopfte Typen, die dem virilen Gestus vermeintlich ungebrochener Männlichkeit, wie es in allen Schichten teilweise gepflegt wird, nicht entsprechen. Ein Angestellter von mir wurde einst mit eben der „Beschimpfung“ „schwuler Student“ auf dem Hans-Albers-Platz umgeknockt, da war eine „sexuelle Orientierung schon gar nicht mehr gemeint.

Was ja dann im Sinne des „Klassenkampfes“ gegen die „Bildungsbürger“ nun kaum noch zu kritisieren wäre – so zumindest die mögliche Conclusio aus Kommentaren in manchen „linken Blogs“. Wo gleichzeitig verkündet wurde, Schwule hätten zu anderen Themen als schwulen Themen gefälligst die Schnauze zu halten, wenn sie sich der Forderung nach einer Geschichtsschreibung, die PoC einbeziehe, anschlössen, sei das kleinbürgerliche Moral, die ausschließlich dazu diene, andere zu erpressen.

Mal ab davon, dass ich diese Diskurse zuletzt in Debatten mit Fleischauer-Fans und Rechtsliberalen las und nicht inmitten eines noch irgendwie linken Selbstverständnisses, wie kommt man denn auf so was? Es sei nur erwähnt, weil es aktuell so prototypisch ist.

Das verweist allerdings auf ein tatsächliches Problem: Im Zuge alltäglichen heftig ausgelebten Klassismus, sei es nun staatlich, von privaten Sicherheitsdiensten oder sonstwie, GIBT es natürlich die permanente Herabwürdigung bildungsferner Schichten.

Umgekehrt hätte kaum ein Bergwerkarbeiter „Das Kapital“ von Marx verstanden, was schon Bildungsbürgern schwer fällt, ist es den Studenten nach ’68 nicht gelungen, die Arbeiterschaft in den Betrieben zur Revolution zu animieren, und das mir bekannte maßgebliche Wissen zur Kenntnis der Erfahrungen  Marginalisierter wurde – man korrigiere mich – zumeist im universitären Kontext aufgearbeitet. Gab allerdings auch gewerkschaftliche Aktionen wie „Ne touche mon pôte“ oder so ähnlich, frankophone mögen mich korrigieren, das mit der gelben Hand.

Wie sortiert man das alles mal zeitgemäß? Bildungsbürger haben die Schnauze zu halten?

Als durch Michel Foucault Geprägtem hat mich einst dessen Konzept des „spezifischen Intellektuellen“ sehr fasziniert. Also nicht als Generalist, wie z.B. Jean-Paul Sartre, als der Weltgeist die Weltpolitik bereisen, sondern spezifisches Wissen zu bestimmten Themen sozusagen der Allgemeinheit als Dienstleistung zur Verfügung stellen. Weil man schlicht die Zeit und die Privilegien und Formen des Kapitals hatte, es sich anzueigenen.

Ist auch wenig Ansatz dieses Blogs: Die Schnittstellen zwischen Sexismus, Rassismus, Homophobie und zum Teil auch Klassismus aufspüren, und wen das interessiert, der kann ja hier lesen.

Dass das sogar bis in die Fussballfankurven vordringen kann, dabei gewonnene Erkenntnisse, wenn auch nicht in alle, das belegt wohl die Geschichte des FC St. Pauli. In der Tat war am Millerntor die europaweit anerkannte Keimzelle derartiger Versuche in den späten 80ern, frühen 90ern.

Muss man das nun retrospektiv nebenan in Blogs als bildungsbürgerliches Paternalisieren und kleinbürgerliche Moral denunzieren? Warum? Weil es paternalistisch ist, gegen Homophobie, Sexismus und Rassismus, auch Klassismus an zu schreiben? Ist es nicht vielmehr so, dass dieses Formen eines teilweise höchst gewalttätig auftretenden Paternalismus sind, und deren Kritik insofern den Patrnalismus selbst kritisiert?

Nun ist es freilich auch bei manchmal, nein, ich plauder nicht aus allen Mailverkehren, so, dass die Abwehrmechanismen mittlerweile diese progressiven Tendenzen gelegentlich zum Absterben bringen. Da interessiert sich der eine oder andere schon mehr dafür, ob nun Katholischen Geistlichen Unrecht getan wird, als sich dafür zu interessieren, was die Katholische Kirche Schwulen für Unrecht antut. Das ist aktuell in fast allen irgendwienochlinken Kreisen schwer angesagt: Eben nicht jenen, die z.B. Rassismen oder Ausdrucksformen der Homophobie identifizieren in öffentlichen Räumen, Solidarität zu spenden, sondern sich instinktiv schützend auf die Seite derer, die solche Stereotype oft unbewußt reproduzieren, zu schlagen. Warum eigentlich?

Ich glaube weiterhin, dass da eine neue Runde Action notwendig ist, das Niveau der Diskussion beim FC St. Pauli auf den Stand der Aktualität in solchen Fragen bringen. anstatt lediglich immer wieder die frühen 90er zu musealisieren.

Mit Slogans wie „Wir sind schwule Antifa-Module“ ist der Grundstein für ein St. Pauli, das sich als Fortschreiben der eigenen Geschichte versteht, anstatt nur noch auf sportlichen Erfolg zu setzen und aufgrund dessen Spieler zu beschimpfen, schon mal gelegt. Danke noch mal dafür!

Spitzt man das Ganze nun auf die Frage der „bildungsbürgerlichen Herrschaft über das Proletariat“ zu, kann man freilich gar nicht mehr agieren und sich nur noch ggf. zusammen schlagen und in Halle als „Bafögschwuchtel“ beschimpfen lassen – nicht, weil „proletarisch“ Homophobie bedingt, glaube ich nicht, sondern weil die Kritik von Homophobie als bildungsbürgerlicher Herrschaftsversuch denunziert wird.

Das U-Bahn-Lied zitiere ich jetzt nicht. Keine Sorge.

Ach, da freu ich mich doch schon …

… auf die von Fanladen, Fanräume e.V. und dem Übersteiger gemeinsam arrangierte Großbildleinwandaufführung dieses wohl wundervollen Films:

http://www.new-video.de/trailer-mary-lou/

Habe ihn allerdings selbst noch nicht gesehen, deshalb Empfehlung unter Vorbehalt. Vielleicht tanzen dann ja die Funktionsträger der Katholischen Kirche zu „Viva la Diva“ ekstatisch mit, dann wäre ja (fast) alles wieder gut 😀 …

!

Dringende Leseempfehlung!

I have a dream …

Manchmal sitze ich da und träume vor mich hin … und es ist ja schon so, dass erstaunlich vieles davon dann auch perspektivisch was wurde, im individuellen Maßstab.

Gestern lag ich nun auf meinem Sofa mit Kuschelhund an meiner Seite und einem leckeren, roten Bordeaux im Glas neben mir und fantasierte mich in eine Welt, in der all die Hate Speech, um die herum Menschen weltweit ihre Aktivitäten gruppieren, mal bleiben gelassen würde und stattdessen all die Energie, die da hinein fließt, in konstruktive Wege geleitet würde!

Wenn nicht mehr Maskulinisten in Feministinnen Blogs einfielen, Anglikanische, Katholische und Evangelikale keine Milliardenbeträge mehr in die Hetze gegen Schwule stecken würden, sich nicht mehr Berliner Schmierfinken für ein Menschenrecht auf Rassismus einsetzten, nicht mehr arme, gequälte Seelen auf Rostocker Rängen alles, was eine Erektion verspürten könnte, als „Schwulääär“ vermeintlich beleidigten, nicht mehr so viel Zeit für antisemitische Verschwörungstheorien aufgewandt würde, Think Thanks von Verteidungsministerien nicht ständig die Feindbilder produzierten, die sie dann in Kriegen platt bombten, Wächterräte oder deren Gegenspieler im Iran keine Volksmuhadschahedin mehr auf ihre Nachbarn hetzen würden, Regierungen keine Hartz IV-Empfänger mehr terrorisierten und viel Geld dafür ausgeben, Menschen erst einzuknasten und dann in Folterländer zu deportieren, wenn Gatten ihre Wut nicht dazu nutzen, ihre Frauen zu verprügeln, sondern diese in produktive Bahnen leiteten und all dieses Abarbeiten an dem, wie Frauen handeln, fühlen  und sein sollten, einfach mal bleiben gelassen würde weltweit – was könnte aus all diesen brachliegenden Ressourcen, die da sich ballen und Unheil anrichten, Großartiges entstehen!!!

Ja, ich weiß, ein blöder Hippie-Traum, lacht mich ruhig aus. Aber schön wäre es doch … wenn sich alle mal wieder fragten, was sie denn eigentlich wollen, und das ausnahmsweise mal nix wäre, was nur möglich ist, wenn Bevölkerungsgruppen dafür symbolisch oder faktisch entrechtet oder gleich ganz vernichtet werden. Eine Welt aus Kooperation statt Konkurrenz – hach, seufz, da steigen ja geradezu Glücksgefühle auf beim Denken. Das nehme ich jetzt mit durch den Tag.