Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Sich in die Zukunft träumen …

Menschen können durchaus liebenswerte Wesen sein. Ja, wirklich!

Geben sie sich hin dem Schöpferischen, verspielt, voller Spaß und Basteldrang, kommen da zum Beispiel Bananen bei raus. Überlebensgroß, also in Relation zur lebenden Banane, aus Pappe. Mit der Spieler schwenkend final sogar herrlich jubeln können.

Während in manchen ostdeutschen Hass-Communities ja von der lauten Mehrheit nix weiter gelernt wurde als ungezügelter Konsumismus und dass man mit den Ergebnissen der Überproduktion besinnungslos wahlweise um sich wirft oder auf Menschen schießt (0der in unserem Fanshop gekauftes zu verbrennen) , setzten sich gewitzt St. Paulianer in ihre WG-Küche oder sonstwo hin und gestalteten ein formschönes Ding in Gelb aus Pappe, um es im Stadion hoch halten zu können. Verbrachten damit Zeit, anstatt shoppen zu gehen. Das liest sich jetzt ironisch, ist aber gar nicht so gemeint. Weil das ja wirklich auch eine Form von Erfüllung ist, Dinge in die Welt zu setzen. Hannah Arendt hat nicht umsonst zwischen Herstellen und Arbeit unterschieden in „Vita Activa“.

Das wird bei all den Debatten um Massenarbeitslosigkeit und Finanzkrisen ja immer vergessen, dass diese Tätigkeiten, die man um ihrer selbst willen tut, weil sie Spaß machen und auch anderen Spaß machen können, mit Entfremdung zumindest nix am Hut haben. Die Vorstellung, was in dem Bananenbastler vor ging, als er sie in die Welt setzte, also, die hat mich gestern schon erfreut.

„Erfreut“. Es gibt nicht nur keine Sprache der Liebenden und Sexpraktiker, die sich wahlweise Kitsch oder Vulgärem entzieht, es gibt auch kaum Worte für „Freude“ und ähnliches. Klar, all dieser abgeleitete Kram wie „Cool!“, „geil!“, aber das sind ja Bewertungen eines Ergebnisses. „Ich fühle mich gut!“, ja, es gibt auch „begeistert“ und so, aber mir scheint, dass die Poesie des Negativerfahrunginspracheumsetzen vielleicht ausgefeilter ist`?

Habe ich eigentlich schon mal berichtet, wie angenehm es ist, bei Regen überdacht zu sitzen? Nicht minder hinreißend gestern die erneuten, zu Trance führenden Chöre auf der Süd: Das für mich neue „Allez St. Pauli“ oder so, dass wirklich so was von immer wieder gesungen wurde, so dass es herrlich vom trüben Spielgeschehen ablenkte, das wird Hekate und die anderen aus den Ober- und Unterwelten gefreut haben.

Ich war durch pures Lauschen schon kurz davor, nunmehr Elfen und andere Andersweltwesen zu sehen. Driftete in zauberhafte Traumwelten, Kreatives Visionieren tat sich auf,  ich schreib jetzt aber nicht, was ich sah 😀 – leider wohl auch bei den Spielern, an vorderster Front der Herr Sliskovic, dessen erträumte Passverläufe wohl eher Zukunftsvisionen denn der gegenwärtigen Wirklichkeit entsprachen.

Dresden spielte klarer, konzentrierter, besser. Zu der Abwesenheit der Fans von Dynamo hat Pathos93 treffendere Worte gefunden; irgendwie ging das Spiel in die zweite Halbzeit, nachdem als kleiner Aufreger ein Rostocker im Geiste einen Schal eben dieses Vereins verbrannte in der Halbzeitpause auf der Süd und dafür ein zu Recht wütendes Pfeiffkonzert erfuhr.

Das Spiel ging irgendwie weiter und die Dresdener verdient in Führung; der Eindruck, ohne Gästefans zu spielen, verflog sofort. Insbesondere auf den Business-Seats und am anderen Ende der Haupttribüne ballten sich gar viele, eine Loge war bereits zu Beginn des Spiels ganz schwargelb geflaggt.

Was ja zu dem Thema „Business-Seats“ auch noch von Relevanz ist: Dass offenkundig im Zuge des gemeinschaftlichen Geschäfstfreundeausfluges das Publikum am Millerntor regelmäßig supportunwillige „mal Fussball gucken“ wollende Gästeanhänger anzieht, was in der ersten Liga noch viel schlimmer und auch unangenehmer war. Dass das sozusagen inoffizielles Vereinsziel geworden zu sein scheint, diesen Prozess der leidenschaftslosen Austauschbarkeit nur dann nicht zu forcieren, wenn es um „Fan-Anleihen“ geht, das bedarf der Betonung.

Dass die Mannschaft bei diesem Plan noch nicht völlig mitzuziehen bereit ist, das wurde auch noch gezeigt. Ist ja kein Zufall, wer die Tore schoss. Eben die, die das lieb gewonnen haben, worum es bei uns ging. Bisher.

Trotz alledem ließ eine gewisse Gleichgültigkeit die alte Euphorie nicht mehr wirklich aufkommen. Weil wir keine Underdogs mehr sind. Auch keine neue Feststellung, aber so vieles an Drive der letzten 11 Jahre FC St. Pauli zehrte von eben diesem Gefühl, die Kleinen zu sein, die es den Großen zeigen.

Das wollte noch nicht mal mehr in der 1. Liga aufkommen – stattdessen träumt die Mannschaft streckenweise davon, wie Barca zu spielen und dümpelt ein wenig das ausprobierend, aber nur sehr punktuell beherrschend, über den Platz, immer mal erwachend, zumindest bei Heimspielen spielen sie so halbschattig; die Geschäftsführung träumt vermutlich von Anrufen von größeren Vereinen, wo man so richtig ungehemmt aus dem Vollen der LED-Laufbänder und Werbedurchsagen schöpfen kann; das Präsidium davon, ungestört unter Ihresgleichen durch die Separés und V.I.P-Bereiche flanieren zu können – die Komik, dass eines der Projekte, die sich Teile dessen auf die Fahne schreiben, nun ausgerechnet das FC St. Pauli-Museum ist, fiel noch keinem so richtig auf.

Ich finde das Projekt prima; zugleich wird da das, was uns werden ließ, was wir waren, halt musealisiert, und die Gegenwart wie bei Spielsüchtigen ganz auf den sportlichen Erfolg wettend gestaltet. Empfehle dazu auch den Artikel „vom hanseatischen Wirtschaften“ in der aktuellen BASCH.

Insofern sollte Mensch vielleicht wirklich, statt – kann heute leider nicht dabei sein – EDIT: Ich kann doch! – zu fragen, warum Mensch bei St. Pauli ist, oder „Bring Back“ zu wünschen, die Frage doch eher „Was wollen wir werden?“ lauten.

Da sind ja durch schwule Antifa-Module und anderes in letzter Zeit wieder prima Akzente gesetzt worden, und wenn schon das Präsidium, abgesehen von dem höchst anerkennenswerten (!!!) und bestimmt für alle Beteiligten stressigen Stadion-Bau, so fantasielos ist, sind ja vielleicht mal Inhalte der nicht-selbstbezüglichen Form gefragt?

Sich immer nur auf das zu konzentrieren, was man nicht will, bringt dieses ständig neu hervor. Insofern sei das Werden doch wieder in unsere Hände gelegt. Wer Bananen basteln kann, kann das auch. Die Stimmung auf der JHV war schon enstprechend. Also ran da!

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Eine Antwort zu “Sich in die Zukunft träumen …

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