Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Gunkel for President! Von Zahlensalaten, Drohkulissen, auf halber Strecke sich in die Büsche schlagen und trotzdem einem richtig guten Gefühl.

Flashbacks. Betriebsratsgründung in einem Unternehmen, das kurz vor dem Börsengang steht. Macht sich nicht gut bei den Banken und Investoren. Die Geschäftsführung bietet ein „alternatives Gremium“ an, das „flexibler“ sei und auch „initiativ werden könne“, während ein Betriebsrat ja „nur blockieren würde“. So ungefähr der Freiheitsbegriff der Ökonomen: Ich brauche Spielraum, um zu bluffen, zu kungeln, zu vermauscheln und ggf. zu bescheißen. Nun ergab es sich, damals, als ich noch Angestellter war, dass die Belegschaft zuvor das Betriebsverfassungsgesetz gelesen hatte und heftig opponierte gegen diesen suggestiven BWL-Sprech. Und sich die Erkenntnis durch setzte, dass ein Betriebsrat sich im rechtlich verbindlichen Raum bewegt, während „alternative Gremien“ letztlich nur Spielball der Willkür der Geschäftsführung sind. Auch die Rhetorik der Frau des Geschäftsführers, eine der SpitzenverdiennerInnen im Unternehmen selbst, dass doch Betriebsräte voll uncool seien und ins zu musealisierende Zeitalter des Bergbaus gehörten, funzte nicht: Der Betriebsrat wurde gegründet.

Gestern fand die Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli statt. Ein wenig entstand der Eindruck, dass stundenlang das Präsidium abgewatscht wurde, sich sehr schwach zeigt, um zur Hochform im Erstellen von ökonomischen Katastrophenszenarien aufzulaufen, von der sich die Mitglieder an zentralen Punkten dann auch beeindrucken ließen. Ist ja auch nicht einfach, wenn in großer Rhetorik Zahlensalate kreiert, mit widersprüchlichen Datenwerken jongliert wird, bis mit Sicherheit keiner mehr versteht, worum es es eigentlich gerade geht. So werden dann im Verlauf der Debatte aus  7 Millionen 400- bis 500 TEURO und daraus, Stichwort „Deckungsbeitrag“, also das, was hinten, übrig bleibt, 160 TEURO, und keiner bekommt es so richtig mit. Vielleicht habe ich es ja auch falsch verstanden, was da Desinformation, was Information war, konnte ich nicht mehr auseinander halten. Eine in Relation zum Gesamtumsatz ja zu verschmerzende Summe dann, wenn die Geschäftsführung begreifen würde, dass es bei einem Verein um das Umsetzen von auch inhaltlichen Zielen geht, die zugleich den Markenkern des „Produktes“ FC St. Pauli ausmachen.

Die Verschiebung zu „Top 25 des Profissfussballs“ als Kernziel, dem auch Stimmung, Haltung und Selbstverständnis des Vereins sich unterzuordnen haben, scheint ja, wie das so ist, wenn Geld verdient um des Geldverdienens wegen und nicht, weil man etwas macht, woran man glaubt,  durchaus schon wirtschaftliche Schieflagen hervor zu bringen.

Ich meine mich zu erinnern, dass u.a. referiert wurde, dass viel Geld, das eigentlich für den Stadionumbau geplant war, nun in die Mannschaft fließt, zugleich jedoch dieser weiter forciert wird. Dahinter steht vermutlich das Kalkül, dass, je mehr man da investiert, desto mehr Fernsehgelder fließen. Das ist ein unvermeidliches Pokerspiel, und doch, es könnten andere Fragen dabei auf der Strecke bleiben, und das ist wohl auch so gewollt.

Und das alles, nachdem schon aus dem Bericht des Kassenprüfers, zumindest habe ich es so verstanden, im wesentlichen hervor ging, dass die Geschäftsführung Zahlen so aufbereitet, dass es schwer fällt, sie zu beurteilen. Ja, es gab auch den Strip bei der Stadionanleihe, trotzdem.

Mir wurde gestern ganz schön mulmig. Vielleicht agiert Herr Stenger ja anders in seinem alltäglichen Broterwerb, weil er da vermutlich auch nicht alle für blöd hält, aber angesichts der gestern angestimmten, so leicht durchschaubaren Rhetorik hätte ich zumindest Angst, mich von ihm vor Gericht vertreten zu lassen. Da war zu viel immanentes Hyperventilieren, zu viel Aufbauschen, zu viele Manipulationsversuche, als dass ich noch Vertrauen in dieses Präsidium hätte. Hatte ich eh nie, ich habe sie auch nicht gewählt, aber der Auftritt gestern war schon ein höchst unsouveränes Desaster,

Entscheidend und großartig somit der Gesamtauftritt des AFM-Vorstandes Alex Gunkel. Der ja sozusagen auf das Betriebsverfassungsgesetz pochte und als Betriebsrat sprach, der Analogieschluss sei gestattet. Dem Aufsichtsrat hinsichtlich der Aussage “Wir sind hier keine privatwirtschaftliche Gesellschaft, sondern ein Sportverein”, Dr. Kröger zustimmend, wies er dezidiert Eingriffe in die Abteilungsautonomie im Rahmen des Gesamtvereins zurück, bekam dafür tosenden Applaus und seinen Antrag auch durch.

Hakt man die Forderungen der „Sozialromantiker“ ab, so betraf dieses den Punkt „ergebnislose Kommunikation mit Präsidium und Geschäftsführung“, und da setzten sich die Mitglieder glanzvoll durch.

Ich plädiere nachhaltig dafür, Persönlichkeiten wie Alex Gunkel im Präsidium zu verankern. Wenn er denn wollen würde. Es geht nicht, dass in allen ökonomisch operativen Gremien des Vereins sich, ist das so?, Persönlichkeiten aus diesem „Freunde des FC St. Pauli“-Klüngel rekrutieren, während die eher demokratisch Orientierten sich in AGs und dem Aufsichtsrat ballen. Es ist völlig intransparent, welche Seilschaften mit UFA bestehen, welche vielleicht mit Nordpol oder auch Parteien dieser Stadt, Herr Woydt war oder ist Mitglied des CDU-Wirtschaftsrates, und welche informellen Strukturen im ökonomischen Bereich wie wirken, welche unbekannten Akteure es da vielleicht gibt. Ich meine, es wäre auch der Aufsichtsrat gewesen, der von der Gefahr eines Sich-Auslieferns an Lobbyisten sprach, ohne diese zu benennen – das sollte man als Mitglied und Fan des Vereins sehr ernst nehmen.

Sozialromantische Symbolpolitik setzte sich auch im Falle von Susis Stangentanz durch. Wie üblich ist Konsens am besten da herzustellen, wo Medien die Wirkung aufzeigen.

Wir verzichteten darauf „Wir fackeln nicht lange – Meeske an die Stange!“-Chöre anzustimmen, und dass der Antrag durch ging, fand ich ebenso prima, wie Herrn Orth wegen offenkundiger Ahnungslosigkeit in Fragen des Sexismus anzugreifen. Trotzdem war der Einwurf von Uwe Doll schon genau richtig: Man muss schon wissen, was es es heißt, wird der Anträge so begründet wie katholische Frauenverbände einst ihre Demonstrationen gegen Hildegard Knefs Barbusigkeit in „Die Sünderin“: Back to the Fifties!

So richtig ich es finde, Stangentanz im Stadion nicht haben zu wollen, so in der Tat bedrohlich die Begründung des Antrages, der so auch von Evangelikalen hätte begründet werden können. Was heißt denn „Jugendschutz“ da konkret?  Das ist das Argument, das weltweit dazu dient, Schwule in der Öffentlichkeit zu verbieten, das führte Frau von der Leyen an, als sie weit gehende Zensurmaßnahmen im Netz durchsetzen wollte. Damit kann man den letzten Scheiß, in den USA findet das exzessiv statt, in Gang setzen, wenn man in der Begründung nicht aufpasst. Das Argument, dass ein sexistisches Inszenieren von Frauenkörpern jugendgefährdend sei, ist richtig, weil so Kinder in eine verdinglichte Welt hinein sozialisiert werden, die eine Entmenschlichung von Frauen befördert. So wurde es bei der Antragsstellung aber NICHT formuliert. Es entstand der Eindruck, Nacktheit als solche sei jugendgefährdend. Was schlicht Puritanismus ist. Der „Slutwalk“ setzte ja nicht umsonst gegenteilige Akzente. Auch die Entsolidarisierung von Sex-ArbeiterInnen, auf die Doll verwies, wurde nicht weiter als Problem angesehen. Das finde ich gefährlich. Ich habe dem Antrag selbstverständlich zugestimmt, weil das Ziel richtig ist. Die Begründung des Antragsstellers war dies nicht.

Typisch für Gesamtprobleme der Linken, würde ich sogar ganz großartig formulieren, war, dass immer dann, wenn es um ökonomische Fragen ging, zurück geschreckt wurde. Gerade bei dem Kern der Sozialromantiker-Petition, „Wir wollen nicht, dass sich die Gentrifizierung des Viertels im Stadion wieder spiegelt“, wurde nicht nachgehakt und sich vorsichtshalber in die Büsche geschlagen in der Entscheidungsfindung.

Es muss jeder mit sich selbst ausmachen, ob es glaubwürdig ist, gegen Gentrifzierung auf die Straße zu gehen, aber sich bei einem Antrag zum Rückbau der Business-Seats auf der Haupttribüne zu enthalten. Es besteht eine große Angst, bei wirtschaftlichen Fragen einfach mal konsequent zu sein.

Ausnahme: Der AFM-Antrag, deshalb war der auch so ungeheuer wichtig. Und so lange man das nicht ernst macht, nimmt das Präsidium die Gremien des Vereins auch nicht ernst. Was diesen ja insgeheim vielleicht sogar ganz lieb ist, weil man sich auf den Dauerkonflikt „Respekt vor Vereinsgremien“ zurück ziehen kann und sich so gemütlich in Gewohnheiten einrichten. Insofern war trotz wirklich grandioser Performance des hochinformativen Antrages zum Baustopp der Gegengeraden das Zürückziehen des Antrages schade. Ich hätte da schon aus Prinzip dafür gestimmt.

Okay, vielleicht nächstes Jahr dann ein Antrag „Business-Seats Rückbau Süd“ auf der Tagesordnung, ich würde dem zustimmen, und deshalb die Enthaltung vieler, viele haben ja auch zugestimmt. Und die Diskussion verlief eh sehr, sehr gut.

Nur auch da ist es schwierig, übergreifend politische Botschaften glaubwürdig zu vermitteln, wenn sich alle immer nur um das eigene Treppenhaus und die direkte Nachbarschaft kümmern, Harvestehude oder Jenfeld aber vergessen. Und vor allem, dass beides miteinander zusammen hängt. Hamburg ist da gekippt, als die alte, sozialdemokratische Methode, sozioökonomisch „durchmischte“ Viertel mit Mitteln des sozialen Wohnungsbaus zu erhalten, zugunsten der Verdrängung des „Pöbels“ an den Rand der Stadt aufgegeben wurde. Voscherau war der, der damit anfing, wenn ich mich recht entsinne. Das hat mittlerweile sogar die CDU begriffen, dass das ein Fehler war.

Jetzt macht man halt im Stadion im Separé des Millerntor-Stadions ganz unter sich mutmaßlich  jene Geschäfte, die dazu beitragen, vermute ich, immerhin haben wir einen Fachanwalt für Immobilientransaktionen im Präsidium. Und lockt mit Hilfe des Aufsichtsrates, indem die Stehplätze Gegengerade angekündigt werden. Wer das zustimmungsfähig findet, muss sich schon im Klaren darüber sein, WAS er da zustimmungsfähig findet, während er sich um seinen persönlichen Sitz- und Stehplatz kümmert und den Rest des Stadions vergisst. Womit ich nicht die Stehplätze Gegengerade meine, sondern die Ignoranz dessen, was auf der Haupttribüne geschieht. Ja, die Diskussion war gut, hat mich gefreut und vielleicht ja Bewusstsein für’s nächste Mal geschaffen.

Denn irgendetwas war gestern anders. Nachdem jahrelang eher die Konflikte zwischen Corny und USP die Diskussionen prägte, lag irgendein Zauber in der Luft. Das mag der Schwäche des Präsidiums zu danken sein. Die Twitter- und Netz-Community war sehr stark vertreten und ist initiativ geworden, es formierten sich Bündnisse, die quer zu liegen schienen zu üblichen Konstellationen, es war offener und hinsichtlich der Stärkung des Vereins gegenüber der Geschäftsführung ein sehr breiter Konsens da.

Da kann man dann auch Abstimmungsniederlagen, die eben auch zur Demokratie gehören, verschmerzen. Es schien Denkoffenheit und die Bereitschaft zur konstruktiven Auseinandersetzung vorhanden, die sich sehr gut anfühlte. Es lag ein „Noch-Nicht, aber fast schon!“ in der Luft, dass nach Zukunft roch. Und das war sehr schön. Dafür Danke an die Mitglieder des FC St. Pauli. Die Community lebt. Und das ist auch gut so.

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9 Antworten zu “Gunkel for President! Von Zahlensalaten, Drohkulissen, auf halber Strecke sich in die Büsche schlagen und trotzdem einem richtig guten Gefühl.

  1. sparschaeler November 23, 2011 um 2:39 pm

    ein präsidium dem die rendite vor sicherheit geht, stichwort handläufe auf der ht, ein präsident der es mühelos schafft eine sportart wie beachvolleyball als eine sexistische zu verorten, ein präsidium das jeden antrag der mitglieder mit der finanzkeule abwatscht und mitglieder die sich mit dieser keule domestizieren lassen, ein präsidium das die größte abteilung als extern behandelt und die ehrenamtliche arbeit dieses vorstandes mit fiesesten miteln erschwert, so ein präsidium hat nach meinem selbstverständnis in diesem verein nichts verloren.
    ich war bereit diesem präsidium einen kredit einzuräumen, den habe ich jetzt gekündigt.

    ich schlage vor das wir eine einsicht in ufa und bankverträge beantragen um uns ein bild von laufzeiten etc machen zu können. bis dahin bestehen an den dazu getätigten aussagen erheblich zweifel.
    der verdacht das sich im verein lobbyinteressen breit machen, besteht weiterhin und wurde in keinster weise aufgeklärt. ich denke misstrauen ist kein so schlechter ratgeber.

  2. momorulez November 23, 2011 um 2:41 pm

    Ja, ich denke das alles auch. Jetzt wird recherchiert!

  3. sparschaeler November 23, 2011 um 3:21 pm

    selbstverständlich hält der uns für komplett bescheuert.
    die haben für so eine veranstaltung eine anfrage oder bereits einen vertrag unterzeichnet, darauf wette ich um meine rote badehose.

  4. momorulez November 23, 2011 um 3:24 pm

    Pack die Badehose ein … vielleicht veranstaltet er so was ja auch für Freunde 😉 …

  5. Pingback: „Transparenz schafft Vertrauen“ Das Präsidium des FCSP aber nicht – JHV 22.11.2011 « Fabulous Sankt Pauli

  6. Pete Zafunghi November 24, 2011 um 12:06 pm

    So ganz frei von Sexismus ist eine Sportart, bei der knappe Bikinis vorgeschrieben sind, vielleicht auch gar nicht…

  7. momorulez November 24, 2011 um 12:14 pm

    Kommt halt immer auf die Gesamtinszenierung an 😉 …

  8. Pingback: Antrag gescheitert, aber nicht umsonst gestellt auf der JHV des #FCSP « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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