Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Love, Peace and Sympathy – St. Pauli is the place to be!“ – Ein Traktat

„Es sind vor allem drei Elemente, die Teil der Lebensentfremdenden Kommunikation sind:

“ 1. Das (moralische) Urteilen oder Verurteilen von Leuten, die sich nicht in Übereinstimmung mit unseren Werten verhalten, ebenso das Diagnostizieren, Zuschreiben und Vergleichen von Eigenschaften, die beschreiben, wie die Menschen angeblich sind (gut, schlecht, schön, hässlich, normal, abnormal, selbstsüchtig, selbstlos, verantwortungsbewusst, -los, schlau, dumm, gesund, krank, fleißig, faul, …)
2. Das Leugnen der Verantwortung für eigene Gefühle und Handlungen
3. Das Stellen von Forderungen“

(…)

 

So weit die „Wolfssprache“. Die Alternative, die Giraffensprache:

 

„1. Zuerst beschreiben wir eine konkrete Handlung, die wir beobachten und die unser Wohlbefinden beeinträchtigt. Hierbei ist es wichtig, tatsächlich eine Beobachtung zu äußern und sie nicht mit einer Bewertung zu vermischen. So ist die Aussage Du beachtest mich nicht in einer Ehe keine Beobachtung. Erstens impliziert sie eine Bewertung, ein Urteil über den anderen, und zweitens ist sie zu abstrakt und allgemein. Du hast in der letzten Woche keinen Abend mit mir verbracht spezifiziert die Aussage, ohne den anderen zu bewerten. Wird eine Beobachtung mit einer Bewertung vermischt, neigt das Gegenüber dazu, nur die Kritik zu hören. Die Chance, dass unsere Bedürfnisse gehört werden und dass auch wir die Bedürfnisse des anderen hören, verringert sich. Es kommt vor, dass trotz bewertungsfreier Äußerungen vom Gegenüber eine Kritik herausgehört wird. Hier hilft es, den anderen das Gesagte paraphrasieren zu lassen (siehe auch: aktives Zuhören).
2. Dann bringen wir unsere Gefühle mit dem in Verbindung, was wir beobachten. Wir erklären dem anderen, was wir dabei fühlen und können ihn auch nach seinem Gefühl fragen. Ob wir nun bei unserem oder seinem Gefühl bleiben, beides hilft, um in einen empathischen Kontakt zu kommen. Ich fühle mich einsam wäre hierbei die Äußerung eines Gefühls, ich fühle mich vernachlässigt dagegen die Äußerung eines Pseudogefühls. Wichtig ist es hierbei, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Manchmal reagieren wir oder andere auf bestimmte Situationen mit mehreren Gefühlen. Hier hilft es, die Gefühle nacheinander zu betrachten.
3. Nun betrachten wir Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche, aus denen Gefühle entstehen. Hinter bestimmten Gefühlen stehen nach Rosenberg immer Bedürfnisse. Vielleicht steht hinter dem Gefühl der Einsamkeit das Bedürfnis, beachtet und geliebt zu werden. Oftmals sind die Bedürfnisse aber nicht auf den ersten Blick erkennbar und bleiben uns selbst und anderen verborgen, dann können wir uns ratend den Bedürfnissen des anderen nähern. Gerade bei Handlungen oder Aussagen, die uns ärgern, hilft es uns, die dahinter liegenden Bedürfnisse zu erfragen und zu verstehen. Möglicherweise lehnen wir z. B. rassistische Aussagen ab, verstehen wir jedoch die dahinter liegenden Bedürfnisse, kommt es zur Empathie. Wir können dann unsere Wertvorstellung durchaus verteidigen, die aus unseren Bedürfnissen entspringt, ohne den Kontakt zum anderen zu verlieren.
4. Zum Schluss äußern wir eine konkrete Handlung, um die wir bitten mögen, „damit unser Leben reicher“ wird. Um Bitten verständlich zu äußern, müsse man sie mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen in Verbindung bringen. Rosenberg schlägt vor, Bitten in einer „positiven Handlungssprache“ zu formulieren. Zum einen bedeutet dies nicht zu sagen, was jemand tun oder nicht tun sollte, sondern was man sich von jemandem erbittet. Wenn ich sage: Ich möchte, dass du nicht mehr die ganze Zeit weg bist!, dann ist noch lange nicht sicher, ob verstanden wird, was ich eigentlich möchte. Je konkreter die Handlung, um die gebeten wird ist, umso besser: Ich bitte dich mir zu sagen, ob du am Dienstag Zeit und Lust hast mit mir ins Restaurant zu gehen. Auch hier hilft es, das Gesagte paraphrasieren zu lassen, um herauszufinden, ob es Missverständnisse gab“

(PS: Ich habe keine Ahnung, was das sonst für eine Seite ist, die ich da verlinke. Ich finde lediglich die Zusammenfassung des Konzeptes von Rosenberg sehr interessant).

Klar, kann auch fürchterlich nerven und selbst wieder eine hochgradig manipulative Methode werden, das Ganze. Die Möglichkeit, das völlig paradox im Sinne eine Double-Bind zu verwenden und da ziemlich Schindluder mit zu treiben, die besteht.

Ständig erleuchtete Friedlinge, die jegliche Ironie, Aggression, Neckereien usw. bleiben lassen, sind unerträglich. Das ist dann auch nicht mehr sexy.

Das Modell hilft einem zudem rein gar nichts, während man von Polizisten die Zähne ausgeschlagen bekommt oder sich einer Armee gegenüber sieht, die einen vernichten will, wenn man sich duckt und anpasst in einer Arbeitssituation, weil man die Kohle braucht oder während man sexuellen Übergriffen in einer U-Bahn ausgesetzt ist. Auch unsere Justiz ist wölfisch, ganz auf Strategien ausgerichtet.

Trotzdem lässt mich dieses Konzept der „Wolfs- und Giraffensprache“ gar nicht mehr los, weil es seit Jahren wie ein Subtext Diskussionen in diesem Blog prägt. Wenn jene um die Ecke kommen, die meinen, man müsse doch die „Leute abholen“ oder sich lieber darüber freuen, wenn freundlicherweise in Karnevalsvereinen auch mal ein bürgerliches Schwulenpärchen als Prinzenpaar  toleriert wird, zum Beispiel.

Weil zumeist das Ganze in einer assymetrischen Konstellation formuliert wird, die als solche aber so was von mit meinen Bedürfnissen kollidiert – und ich die Bedürfnisse Anderer, sich in ihrer „Toleranz“ zu mögen, als Paternalisieren erlebe. Weil die Deligitimierung von Bedürfnissen nun gerade im Falle meiner individuellen Sozialisation eine strukturell andere Rolle als in anderen Fällen spielte. Meine Bedürfnisse waren sogar bis vor gar nicht so langer Zeit verboten und werden nun oft lächerlich gemacht.

Das Ganze funktioniert nur bedingt in machthaltigen Räumen, aber selbst da ist vielleicht mehr drin, als man zunächst mal glaubt. Man kann da nicht problemlos und unvermittelt auf die politische Ebene springen. Man kann aber die Bedürfnisse zu erkunden suchen, die hinter politischen Konflikten stecken, und versuchen, diese so ins Positive zu wenden – und nicht ständig darüber debattieren, wer nun gerade welche genau haben darf. „Stell Dich mal nicht so an, Kleines!“

Beispiel ist der Schreiber-Zaun: Das Bedürfnis Obdachloser, unter dieser Brücke zu schlafen, wurde erst angegriffen, dann anerkannt. Und kurz darauf sogar eine Bedürfnisanstalt, ganz buchstäblich, geplant.

In Rostock gab es gestern Pyro – und einen Sieg. Über letzteren habe ich mich wahnsinnig gefreut. Danke, Spieler!

Schön auch der Moment, als drei Plätze weiter an der Bar Ausrufe „Wie kann der nur Bruns schießen lassen? WIE KANN DER TRAINER BRUNS EINEN FREISTOß SCHIEßEN LASSEN? Was ist denn das für ein Trainer?“, fast Rostocker Qualitäten, Bruns trat wie gewohnt elegant an und gegen den Ball, kurz darauf war er im Tor, 2:1!

 

 

Das Spiel einfach in der Stammkneipe zu gucken war ein seltsames Gefühl, nach all den Verlautbarungen bei Twitter von eingeschlagenen Zugfenstern beim Gefangenentransport an die Ostseeküste (das Lichterkarussell hat diesmal zu wirklich fast allem, was ich hier schreibe, einen zu verlinkenden Text parat, Danke auch für die Überschrift!), von Hitlergrüßen und einer recht gespenstischen Atmosphäre.

Man spürte sie beim Zugucken vor allem am Verhalten des Schiedsrichters, der erst nach dem Motto „Ich lasse mich doch nicht beeindrucken!“ erst recht eine rote Karte zog, um dann aus Angst vor extremeren Reaktionen als jenen, die da wohl eh überall  statt fanden  – homophobe Transparente, das Abfackeln von St. Pauli Fan-Devotionalien, unaufhörliches „Scheiß-St. Pauli“-Gerufe, in den die unseren wohl einstimmten 😀 ,  ich habe ein einziges Mal (!) einen Wechselgesang „Hansa! – Rostock!“ auf Sky vernehmen können – zunächst keinen Elfmeter bzw. Freistoß zu pfeiffen, Zweikämpfe nicht mehr so strikt zu ahnden, der Herr Peitzer oder wie der heißt auf Rostocker Seite hätte irgendwann wegen Gelb-Rot auch fliegen müssen -; so also die ganze Zeit auf eine durch und durch hasserfüllte Atmosphäre zu reagieren (über die auch Hansa-Fans in deren Foren trauerten, so gar nicht damit einverstanden, die hörte man halt nicht, weil die anderen so laut waren), um auch ja nichts eskalieren zu lassen.

Unsere Spieler schienen das irgendwann für sich umleiten zu wollen und düsseldorften zunehmend. Es gab Fiesheiten und Gemeinheiten bei den Rostocker Fouls, dieses ewige Wälzen der Boys in Brown nervte mich trotzdem irgendwann, das die „Stimmung“ auf den Rängen in die Opferkonstellation lenkte. Der Schiedsrichter reagierte entsprechend.

Nach unserem ersten Tor  ein schöner Bengalo bei uns im Blog, dann Leuchtraketenangriffe auf diesen – das ist schon der Versuch schwerer Körperverletzung. Gab es vor, waren es zwei Jahre?, auch aus unserem Block in deren, was jedoch fast alle bei uns sehr empörte. Auf Youtube konnte man nunmehr lauschen, wie ein zumindest deutlich hörbarer Teil des Rostocker Publikums das richtig prima fand. Der Schiedsrichter unterbrach das Spiel; das Geschehen war eine Reaktion auf unser 1:0, der Torjubel somit wieder mit Mitteln des Hasses und der Aggression unterbunden, ein Torjubel übrigens, der auch durch den Bengalo zum Ausdruck gebracht wurde.

Was zur Pyro-Grundsatzfrage überleitet: So lange es das Bedürfnis gibt, Pyro im Stadion zünden zu wollen, weil es chic aussieht, wird es das da auch geben.

Jetzt wie oben in Punkt 1 der lebensentfremdenden Kommunikation Fotos von kaputten Händen zu veröffentlichen und alle Pyroliebhaber zu Serienkillern zu stilisieren, ist wenig hilfreich und verstärkt lediglich die Gegenreaktion. Das ist wie bei Drogen: Die wird es auch weiterhin geben, kein Marihuana-Verbot hat das je verhindert, und auch da soll der Rausch ja prima sein. Und so lange man das niemandem intravenös zwangsverabreicht, ist das Verbot lediglich eines, das Delinquenz produziert.

Es kann da nur wahlweise einen Dauerkonflikt oder das Schaffen eines kontrollierbaren Rahmens geben, der zugleich eine Art User-Guide mit bedingt, wie einen Führerschein oder so etwas. Und Material, dessen Dämpfe nicht die Gesundheit Unbeteiligter gefährden.

Die Differenz ist ja überdeutlich: Die Rostocker schossen die Raketen auf Personen, bei denen nicht davon auszugehen ist, dass es deren Bedürfnis ist, abgefackelt zu werden. Gegen Freude ist, finde ich, weit weniger einzuwenden … das Bedürfnis danach hat ja jeder, wenn ein Tor fällt. Kann man auch so zum Ausdruck bringen.

Trotzdem sitzt man nach so einem Spiel da und grübelt, was wohl in diesen Leuten da vorgeht, die dafür sorgen, dass selbst die Vereinsführung in Rostock ihre Hilflosigkeit bekennt und ja nicht zu Unrecht von „gesamtgesellschaftlichen Problemen“ spricht.

Ich meine, keine Mensch kommt auf die Welt und beginnt erst mal einen Vernichtungskrieg gegen andere Säuglinge. Man will essen, trinken, braucht Nähe, lernt Distanz und Freiheit beim Krabbeln, Kommunikation, Verstandenwerdenwollen, lernt im besten Falle auch, sich verständlich zu machen – da diese Gesellschaft allerdings durchdrungen ist von den Prinzipien 1-3 der lebensentfremdenden Kommunikation im obersten Zitat, kommt Mensch da oft schon gar nicht mehr an in seiner Entwicklung. Deshalb ist diese Ursachenkonstruktion auf Rostocker Seite immer ganz spannend: Dass „provoziert“ worden sei, das ist dann der Grund, auf Menschen mit Leuchtspurmonition oder was auch immer das war, zu schießen, erzählte man dem Sky-Reporter. Na, dann … ist halt wie bei kurzen Miniröcken. Lebensfreude, die Angriffe „provoziert“.

Nun ist es natürlich NICHT so, dass man für eigene Gefühle komplett verantwortlich ist. Es strömt auf jeden den ganzen Tag allerlei Grausames aus Stufe 1 der lebensentfremdenden Kommunikation ein. Und wenn man nie gelernt hat, Bedürfnisse zu artikulieren, oder auch diese selbst fortwährend delegitimiert, pathologisiert oder sonstwas werden, dann wird man auch wunderlich. Das taucht weiter unten im verlinkten Text auf:

„Die dritte Komponente der GFK besteht aus dem Erkennen und Akzeptieren der Bedürfnisse hinter unseren Gefühlen. Was andere sagen oder tun, kann ein Auslöser für unsere Gefühle sein, aber nie ihre Ursache. Wenn sich jemand negativ äußert, haben wir vier Möglichkeiten, diese Aussage aufzunehmen:

1. uns selbst die Schuld geben
2. anderen die Schuld zu geben
3. unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen
4. die Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen, die in der Negativaussage des anderen verborgen sind.

Urteile, Kritik, Diagnosen und Interpretationen sind alles entfremdete Äußerungen unserer eigenen Bedürfnisse und Werte. Wenn andere Kritik hören, dann neigen sie dazu, ihre Energie in Selbstverteidigung oder einen Gegenangriff zu stecken. Je direkter wir unsere Gefühle mit unseren Bedürfnissen in Verbindung bringen können, desto leichter ist es für andere, einfühlsam zu regaieren.“

In einer Welt, in der wir immer wieder gnadenlos verurteilt werden, wenn wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen und sie auch zeigen, kann es sehr beängstigend sein, gerade DAS zu tun. Das gilt besonders für Frauen, die dazu erzogen wurden, ihre eigenen Bedürfnisse zu ignorieren und sich um andere
Im Verlauf unserer Entwicklung hin zu emotionaler Verantwortlichkeit durchlaufen die meisten von uns drei Stadien:

1. Emotionale Sklaverei
Hier glauben wir, für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein

2. das rebellische Stadium
wo wir jegliche Rücksichtnahme auf das, was andere fühlen oder brauchen, ablehnen

3. emotionale Befreiung
wir übernehmen die volle Verantwortung für unsere Gefühle, aber nicht für die Gefühle anderer Menschen. Dabei ist uns bewußt, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse niemals auf Kosten anderer erfüllen können.“

 zu kümmern.“

 

Spätestens jetzt hat irgendwer Schaum vorm Maul angesichts dieses total uncoolen Sozialarbeitersprechs, und es gäbe schlicht und ergreifend weder Literatur noch Film, wenn alle so konfliktfrei vor sich hin lebten. Vielleicht kann sich ja trotzdem der eine oder andere darauf einlassen, das verstehen zu wollen. Gerade für den Feminismus ist das alles, glaube ich, ziemlich wichtig. Warum, steht ja da.

Zurück zu den Rostockern: Gibt es einen primäres Bedürfnis nach Gewalt, Hass, Abwertung? Oder ist das nicht meistens etwas, das in Reaktion auf Degradierungs- und Demütigungserfahrungen entsteht und einfach ein völlig verdrehter Weg ist, sozusagen indirekt Bedürfnisse zu befriedigen, weil sie auf dem direkten niemals Erfüllung erfahren?

Das ist ja ein Weg der Ermächtigung auf Kosten Anderer, bei uns, also dem FC St. Pauli, gibt es da subtilere Methoden, das gleiche zu tun. Diese permanente Drohgebärde auf den Hansa-Rängen, die ja auch in eigenen Reihen linke, na, oder solche, die sich dafür hielten, Fan-Gruppierungen zum Verschwinden brachte, harmlos formuliert, ist das dahinter stehende Machtbedürfnis selbst irgendwas, was als anthropologische Konstante sowieso alle alternativen Versuche unterbindet? Ist ja seit Gandhi und Co nun wirklich keine neue Frage, aber eine, die sich aufdrängt – ist das wirklich AUCH Bedürfnisbefriedigung?

Oder nicht vielmehr das Erstellen eines Zustandes, in dem man nur noch von der Angst regiert wird, Macht verlieren zu können?

Das sind immer sehr gefährliche Fragen, die sich ja auch bei Vergewaltigungen stellen: Da kursiert eifrig der Mythos, es sei eben einfach ein falscher Weg, sexuelle Bedürfnisse zu erfüllen. Alle Forschungen legen nahe, dass das Quatsch ist, es geht um das Gefühl von Macht.

Diskutiert man das weiter, gerät man irgendwann in den Sumpf, die Empfindungen des Opfers zugunsten einer Analyse des Täters zu vergessen; nein, dem will ich nicht das Wort reden. Trotzdem hilft ja vielleicht ein Verständnis der Genese psychischer Täter-Dispositionen dabei, Taten zu verhindern. Weil dann tatsächlich nur ein Wandel der gesellschaftlichen Strukturen helfen würde, der ganzen Bewertungssysteme und ihrer Doppelmoral.

Zumindest dann, wenn man davon ausgeht, dass Machtbedürfnisse sekundäre sind, weil man nicht gelernt hat, auf direktem Wege die Befriedigung von Bedürfnissen zu erlangen. Und da in unserer Gesellschaft, über die Ökonomie vermittelt, sowieso immer schon auf „Wolfssprache“ getrimmt wird, hat das kaum wer. Deswegen vergewaltigen auch Reiche. Aber nicht alle.

Ich vermute ja auch einfach mal, dass da in Rostock auch was anderes dahinter steckt, was so echte Männer sich nur in der Regel schlecht eingestehen können. Weil ich mich frage: Warum werfen die ausgerechnet Bananen?

 

 

„Ich habe in Braunschweig, also nahe der Grenze gewohnt, da habe ich direkt mitbekommen, wie alle von einem Tag auf den anderen über die Grenze kamen. Am 10. November gab es in Braunschweig einen Massenauflauf, alle habe sich geküsst und gejubelt. Dann kam plötzlich ein LKW und hat Bananen in die Menge geworfen. Ich dachte mir:  Haben wir denn im Westen einen an der Erbse, das sind doch keine Affen! So haben das die Ossis auch empfunden. Die Bananen wurden wieder zurück geworfen.“

 

Sagt Uwe Reinders. War das der Hintergrund? Ganz tradiert gegen Wessi-Arroganz und die nach der Wiedervereinigung erlittenen Demütigungserfahrungen und deren Weitervermittlung, die – subjektiv empfunden – gerade damit einhergehen, dass man nun gerade von den West-Linken eh ständig die „Nazi-Keule“ übergebraten bekam (was dann oft auch den richtigen traf, oft auch nicht)? Deshalb auch die Hitlergrüße?

Immerhin wurden neulich auch NPD-Funktionäre aus dem Stadion geprügelt, und die Suptras sind meines Wissens sozusagen die Kampftruppen Christina Schröders, gegen Extremismus von links und rechts!, was aktuell leider das Deckmäntelchen aller Neuen Rechten ist, weil das eh zumeist nur gegen links gewendet wird – aber kann da nicht trotzdem so was wie eine Selbstermächtigung derer, die Deklassierungserfahrungen erlitten haben und erleiden, hinter dem ganzen Mist stehen?

Ja, gerade unter den richtig Rechten sind Mittelstandskinder weit verbreitet, aber ich glaube auch nicht, dass das das „normale“ Klientel im Ostseestadion ist. Vielleicht irre ich.

Mir kommt das eher vor wie jene, die einen mangelnden Status im alltäglichen Wirtschaftsleben durch gewalthaltige Männlichkeitsmodelle kompensieren. Was beim Fussball eh oft der Fall ist, diese ersatzweise Selbstwertgewinnung, und vielleicht da, wo Deklassierungserfahrungen tiefer sitzen, auch stärker aufbricht, so, dass sie gewalthaltig sind.

Die Jüngeren werden zudem in Punkt 2 des letzten Zitates, das „rebellische Stadium“, blödes Wort für das genannte Phänomen, geradezu zwangsläufig hinein sozialisiert angesichts dessen, was sie ständig mit der Polizei erleben. Ich kam einst in den Genuss, die auch in Rostock hochumstrittene „Hinter dem Zaun“ lesen zu können, und da war sehr viel zugespitzt auf Erfahrungen, die mit Polizei gemacht und auch gesucht werden. Und die Polizei auch hervor bringt. Die aber auch einen gewissen Lustgewinn zu erzeugen scheinen, auf Kosten von Menschen in Uniform.

Ein stilistisch-sprachlich übrigens höchst experimentierfreudiges Fanzine, im positivsten Sinne, die „Hinter dem Zaun“.

Man verstehe mich nicht falsch: Ich finde Hitlergrüße und Leuchtraketen, homophobe Gesänge und Gewaltandrohungen und darüber hinaus, so lange sie nicht Selbstverteidigung sind, angesichts all dessen nicht minder Scheiße, ganz im Gegenteil, und würde bei den Leuten da südlich von Warnemünde auch nicht in tiefem Romantizismus all den Deklassierten dieser Erde gegenüber nunmehr ins Gebet verfallen.

Trotzdem scheint mir all das gewissermaßen Indikator zu sein, dass die „Wolfssprache“, wie Rosenberg sie nennt, in diesem Wirtschaftssystem einfach derart dominiert, dass Verhaltensweisen wie in Rostock eben vorkommen. Wer den Kapitalismus im Rahmen eines nationalstaatlichen Gefüges will, und das Gewaltmonopol des Staates vor allem dazu nutzt, dessen Folgen mit Überwachungs- und Polizeistaat korrigieren zu wollen, bringt so was hervor.

Verschärft noch durch diese ganze „Gegen Links“-Agitation allerorten, das Verhalten da bei den Blau-Weiß-Roten ist ja im Grunde genommen Wessifizierung in dieser Hinsicht. Das ist einfach Rückenwind für solche Leute.

Und was das alles auch mit Business-Seats zu tun hat, darüber reden wir dann auf der JHV.

Ziemlich stolz bin ich ja im Gegensatz dazu auf das, was unsere Szene so hervor gebracht hat an Spruchgut. Nicht nur die Überschrift  – wenn das da, so las ich es auf Facebook, da gesungen wurde, ist das doch eine prima Antwort. Ebenso wie das da – „Wir sind schwule Antifa-Module„, herrlich. Dankeschön.

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10 Antworten zu “„Love, Peace and Sympathy – St. Pauli is the place to be!“ – Ein Traktat

  1. Pingback: Deutsche Bananen - unpolitische Raketenwerfer und das verrottete Sinken der Hansa Kogge | St. Pauli News & Social Club

  2. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Post von Tante Kriemhild

  3. Simon2 November 21, 2011 um 9:44 pm

    „Mir kommt das eher vor wie jene, die einen mangelnden Status im alltäglichen Wirtschaftsleben durch gewalthaltige Männlichkeitsmodelle kompensieren. Was beim Fussball eh oft der Fall ist (…)“

    Das Schlimme ist ja, dass diese gewalthaltigen Männlichkeitsmodelle nicht nur eine häufige Folge sondern auch eine Mitursache für männliches Bildungsversagen und einen „mangelnden Status im alltäglichen Wirtschaftsleben“ sind. Ich will jetzt nicht sagen, dass ein queerer Kapitalismus die Lösung für unsere Probleme wäre, aber ein chauvinistischer Teufelskreis besteht doch trotzallem. Vorallem ist es erschreckend (und auch ekelhaft) zu sehen, dass es an vielen weißen Hetero-Männern so uuuuunglaublich zu nagen scheint, dass Homophobie, Rassismus und Sexismus doch bloß offiziell verpönt sind. Ich meine, LGBT und Schwarze, Frauen und People of Color werden an allen Ecken und Enden diskriminiert und nur weil man im Klassenraum nicht mehr von Niggern, Schwuchteln und gehirngewaschenen Emanzen als Opfer der Judenpresse sprechen darf, geht ein GEHEUL durch das Land, dass du denkst: Jüngstes Gericht!

    Ich glaube, ich würde Rechte auch zum Kotzen finden, selbst wenn ich p o l i t i s c h Rechter wäre. Diese wehleidige Aggressivität immer, diese verheulte Blutrünstigkeit – es gibt so einen Sketch von Serdar Somuncu, in dem er die zwei Variationen von Rechtsrock imitiiert: Zuerst das Drei-Akkord-Geballer à la „Dooooitschland-dön-Doitschän-Ausländer-rauuus“ – dann die Grunzballade „Moooine Hoimat lüüügt im Stööörrrrben – doooitsches Mädel auf wüdörsäääähn!“ Hahaha. XD

    Naja. Egal. Was ich eigentlich und ursprünglich nur sehr kurz anmerken wollte, bevor ich die Vampire töte und zurück nach Weißlauf gehe: Ich glaube, dass der gleiche „Trend“, also dieses offensichtlich ja so starke Bedürfnis, alles, was von weiß-männlich-heterosexuell abweicht, zu diskriminieren – und dieses merkwürdige Leid, das ausgelöst wird, wenn Mann das hier und dort etwas versteckter tun muss, auch dazu geführt hat, dass sich entsprechende Männer Rückzugsorte in Milieus und Subkulturen suchen, die sie mit archaischer Männlichkeit in Verbindung bringen und dann einen entsprechenden Rechtsruck bewirken.

    Ich vermute, dass auch der Fußball als einer dieser Rückzugsorte genutzt wird und mir fallen ansonsten etwa Metal- und die Gamer-Szene als Beispiele eine. Die Metal-Szene war durch die Nähe zu dem von okkulten Reichsflugscheiben-Nazis durchzogenen Black Metal und der Stilisierung von Männern als muskulöse Satanskrieger, um deren Füße sich nackte, angeleinte Busenmäuse ränkeln, zwar schon immer anfällig für Heterosexismus (bzw. durch ihn geprägt), aber dieser Trend, ihn (und jüngere Phänomene wie den Viking Metal) zu benutzen, um sich bärtig und mit Odinrunen geschmückt von fags and gays and liberals to distancieren, scheint mir dann doch neu zu sein. Zumindest gibt es auch dort das Phänomen, dass nicht Rechtsradikalismus als Problem betrachtet wird (Nur Einzelfälle etc.) sondern diejenigen, die auf ihn hinweisen (Weil schlecht für’s Image usw.)

    Und Videospiele sind ja sowieso etwas, in das viele Männer flüchten. Es gibt da auf YouTube zum Beispiel Videos, in dem ein junger Mann die Reaktionen aufgenommen hat, nachdem er sich unter dem Nickname „GayBoy“ in einer Online-Runde angemeldet hat. Das ist echt nicht feierlich. Und Schwarzen, PoC, Frauen oder Usern deren Akzent irgendie „gay“ (also britisch oder französisch zum Beispiel) klingt, ergeht es nicht besser.

    Btw.: Ich mag die Seite „Geek Feminism“ (Geek = Person mit Affinität für Technologie, Computer, Science-Fiction und Fantasy); die ist oft ganz lustig. Hier zum Beispiel das „Sexism in Games Bingo“: http://geekfeminism.org/2011/11/03/quick-hit-sexism-in-games-bingo/ Oder ein Text zu den ja auch hier letztens erwähnten Oppression Olympics: http://geekfeminism.wikia.com/wiki/Oppression_Olympics Irgendwo gab es auch einen Eintrag, in dem auf die haßerfüllten Reaktionen hingewiesen wurde, nachdem die Entwickler des Rollenspiels Skyrim verkündeten, dass man in dem Spiel auch gleichgeschlechtliche Ehen eingehen kann. Sehr bezeichnend: der ständige und verbitterte Hinweis darauf, dass das im Mittelalter bzw. der Wikinger-Zeit doch auch nicht möglich gewesen sei. Drachen, Vampire und Skelette dürfen schon vorkommen – aber bloß keine Homosexualität, das wäre ja „unrealistisch“. Sowas meine ich dann mit „Flucht“ – und entsprechendem Ärger, wenn diese Fluchtmöglichkeit eingeschränkt wird.

    Jo. Jetzt wollt‘ ich eigentlich nur kurz auf diesen EINEN Punkt eingehen und „den Rest les‘ ich später“ schreiben, aber es ist trotzdem so eine lange Assoziationskette geworden, die deinen Blogeintrag wieder nur so am Rande streift. 😀 ‚tschuldigung. 😛

  4. momorulez November 21, 2011 um 10:32 pm

    Ach, das war doch sehr bereichernd 🙂 – gerade in Rostock scheint das so eine Art Demonstration des Homo-Hasses gewesen zu sein in einer ausgeprägt lächerlichen Form, nach allem, was man heute so las und hörte, wohl tatsächlich so blöd, dass alle sich nur noch drüber amüsierten. Und nach all dem Ärger über Teile unserer Fan-Crowd im Lilo-Wanders-Streit war ich heute richtig freudig beim durch den Tag gleiten, weil in meiner Wahrnehmung ziemlich geschlossen das „Wir sind schwule Antifa-Module“ adaptiert wurde, was ja eine tatsächlich heilsame Erfahrung ist 😉 . Toll!

    Gibt es also auch. Und wenn das bei uns möglich ist, ist es das andernorts auch. Und weil ich mich ja gerade auf das Positive eingrooven will, sollte ich hier vielleicht mal anfangen, Geschichten über queere Wikinger und schwule Kobolde zu schreiben oder so.

    Schwule und lesbische Schamanen sind zudem meines Wissens sozusagen Weltkulturerbe. Freilich in einem Bereich außerhalb der Konditionierung auf „Homosexualität“ und „Heterosexualität“. Heißt ja auch nicht umsonst Anderswelt 🙂 …und „verzaubert“. Kann man ja auch ins Positive wenden, und diese stumpfen Honks sind halt weder bezaubernd noch zauberhaft und außerdem völlig entzaubert.

  5. futuretwin November 23, 2011 um 4:25 pm

    Zu Queer und Fantasy muss dringend China Miéville genannt werden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/China_Mi%C3%A9ville
    Wird aber vermutlich schon eng sonst. Fantasy ist jedoch nicht mein Hauptgenre, daher weiss ichs nicht….

  6. ziggev November 23, 2011 um 9:24 pm

    so, nun habe ich meine bad-blog Spielweise, für meine mich immerzu heimsuchenden Wortanfälle, für Kommentare, die zu lang werden, und um mich selber zu etwas mehr Disziplin zu ermuntern.

    Eigentlich wollte ich ja bloß was verlinken … und jetzt hab ich nen eigenes Blog. tscha, so kann´s kommen

    Der Link, Massenschlägerei in einem Fußballstadion in Portugal: Was passiert, wenn ein Spieler sich mit dem Opfer von Security-Gewalt solidarisiert, hier allerdings mit deutlicher Gewaltbereitschaft.

    So schnell kann das Blatt sich wenden. have a look ?

    http://wortanfall.wordpress.com/2011/11/23/fusall-baume-und-warme-mantel/

  7. momorulez November 23, 2011 um 9:52 pm

    Dann weiß ich ja, wo ich regelmäßig lesen werde 😉 …

  8. ziggev November 23, 2011 um 10:20 pm

    oh, danke, hoffentlich schreibe ich dann ja auch regelmäßig was 😉 …
    und das (der der) blog soll ja in keinster Weise ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, dass ich mich hier von Dir in irgeneiner Weise je nicht willkommen geheißen gefühlt hätte, im Gegenteil. Eher das Gefühl, von ganz von Anfang an, hi, da bist du also, sit down, hier, trink erstmal ne Tasse Tee …. also auch danke für diese große Bereitschaft zur Toleranz erstma, jeden (also auch mich) mich zu „ertragen“ 😉

  9. momorulez November 23, 2011 um 10:29 pm

    Du bist doch niemand, der zu „ertragen“ wäre, also, für mich wirklich nicht – ich finde es immer schön, wenn Du zum Tee vorbei schaust!

  10. Pingback: Fußall, Bäume und warme Mäntel « wortanfall

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