Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Puuuh …

Ein streckenweise gutes Interview mit den Initiatoren der „Aktion Libero“, die an einem Punkt freilich daneben greifen, indem sie in die Falle der „Opferkonkurrenz“ tappen und vielleicht sogar noch darüber hinaus sich strecken:

„Alex Feuerherdt: Weil es zu diesen Themen schon Faninitiativen gibt, die durchaus Erfolg hatten. Zum Thema Rassismus wird seit Jahren gearbeitet und die Situation hier hat sich zumindest in den Profiligen erkennbar verbessert. Auch der DFB ist hier mittlerweile sehr engagiert. Es gibt also ein Bewusstsein dafür. Beim Thema Homophobie sieht es noch deutlich anders aus. Die Bezeichnung eines Spielers als »schwul« wird noch lange nicht so streng geahndet wie eine rassistische Äußerung. Ich erinnere an die Debatte, ob Roman Weidenfeller Gerald Asamoah als »schwarzes« oder »schwules Schwein« bezeichnet hat. Irgendwann wurde sich auf »schwules Schwein« festgelegt und Weidenfeller ist mit einer vergleichsweise geringen Strafe davon gekommen. Das bedeutet, dass eine homophobe Beleidigung als weniger schlimm eingeschätzt wird als eine rassistische Äußerung.“

Natürlich ist der Fall Weidenfeller auch weiterhin skandalös. Das nun freilich als Beleg des Erfolg von Antirassimusinitiativen hinzustellen, somit eine sehr seltsame Form des Zueinanderinbeziehungsetzens von Unvergleichbarem zu praktizieren, ist völlig kontraproduktiv und greift zu kurz, so lobenswert es wäre, wenn weder Affenlaute noch rassistische Diskreditierungen in Stadien zu hören wären.

Als Spieler erfüllen ja PoC auch die ihnen in dieser Gesellschaft zugewiesene Rolle (welche denn? Da verweise ich auf die Diskussion!) – bei Schwulen sähe das anders aus, die sind ja wahlweise Friseure, Modeschöpfer oder Travestiekünstler. Gerade patriachale Männlichkeitsvorstellungen werden hingegen häufig sozusagen an PoC deligiert und auf sie projiziert, um den „aufgeklärten Weißen“ inszenieren zu können, der das natürlich alles lääääängst überwunden hat. Da diese Klischees sowieso im Fussball inszeniert werden, die Männerbilder, passt das da auch ganz gut hin, um dann im Falle eines Deniz Naki lustvoll in diesem Stereotyprahmen zurecht weisen zu können. So mag das die Mehrheitsgesellschaft.

Eine PoC-Frau als Präsidenttin des FC Bayern München, das wäre eine Auflösung des WHM(Weiß-hetero.männlich)-Komplexes. Aber da gehen dann ja immer nicht zufällig die Witze los“, „ja, am besten auch noch lesbisch und behindert, HARHARHAR“, und manch Mehrheitsgesellschaftler ist ganz beglückt über die Herabwürdigung der Anderen mittels ach so subtilen Humors. Hat Funny van Dannen, den ich sonst sehr schätze, schon mal ein ziemlich unsägliches Lied drüber gemacht.

Problematisch ist dieses Zitat auch, weil das so mühevoll aufgebaute Aufeinanderhetzen von Schwulen und PoC da zumindest ein leise hörbares Echo erfährt. Auch eines dieser Phänomene, da die WHM-Gesellschaft ihre eigenen Strukturen sozusagen externalisiert und auf „die Anderen“ projiziert, ein Zusammenhang freilich, den die Initiatoren vermutlich nicht mit bedacht haben.

Nee, dieses „Teile und Herrsche!“ mache ich nicht mit 😉 – und, wo der eine Teil der St. Pauli-Fanschaft, vor allem das Gegengeradeen-Establishment, wohl zu Deeskalationszwecken auf Kuschelkurs mit unserem nächsten Gegner Hansa Rostock geht in Vorab-Veröffentlichungen, während sich Teile der Ultras eher auf den unsäglichen Polizei-Terror einstellen: Ich wünsch mir mal was.

Es gibt ja so Punkte, die man nicht vergisst, und während alle über die „Halsabschneider-Geste“ von Deniz Naki zusammen mit der Springer-Presse im Sinne des gerechten Volkszornes sich empörten, waren das für mich Chöre gegen die „schwulen Hamburger“ auf Rostocker Seite und dumme Witzchen auf Transparenten wie „Nicht nur der Wind bläst scharf, sondern auch Corny“, die mich nervten.

Der Konter bei uns im Stadion „Es grüßen die schwulen Hamburger“ war prima, und über diese albernen Ausfälle ärgerten sich auch einige korrekte Hansa-Fans, als man mit denen noch bei Twitter kommunizierte.

Deshalb wünsche ich mir jetzt einfach ein ganzes Rostocker Stadion, dass emphatisch und begeistert „Wir sind die schwulen Rostocker!“ singt. Vielleicht werden ja Träume wahr 😉 – ich hoffe nur, dass dann nicht das Image von Schwulen in Deutschland vollends ruiniert wird 😀 …

11 Antworten zu “Puuuh …

  1. lantzschi November 17, 2011 um 7:13 pm

    ich weiß nicht, ob ich das aus deinen oft komplizierten sätzen herauslese, also korrigier‘ mich, wenn du das schon gesagt hast:

    diese aussage von feuerherdt ist auch deswegen desaströs, weil er im fall weidenfeller der meinung ist, die nichtahndung von rassismus käme der bekämpfung gleich. natürlich wurde sich auf „schwul“ als schimpfwort geeinigt…weil die leutchens gar nicht wissen, was rassistische beleidigungen überhaupt sind. diesen fakt so umzudrehen, ist verharmlosend. geringe strafe? was ist das für ein argument, überall kommen leute mit kackscheiße gut durch die welt. so eine krude aussage.

  2. momorulez November 17, 2011 um 7:44 pm

    Nun komm gerade Du mir mit komplizierten Sätzen 😀 – was er aber meint, ist nicht, dass eine rassistische Beschimpfung nicht geahndet würde, sondern, dass sie härter geahndet würde, eine „schwule Sau“ aber wohl nicht so schlimm sei. Glaube ich. Oder meintest Du das? Was in der Diskussion dieses Vorfalls auch so rüber kam, darin erinnere ich mich noch, das ist nur in dem Kontext, in den er das stellt, völlig absurd angeführt, weil sich daraus eine massive Verringerung rassistischer Verhältnisse nun wirklich nicht ableiten lässt.

    Woher nur kommt mir der Name so bekannt vor? 😀 – Hätte ich gewusst, dass das der Initiator ist, hätte ich mich wohl auch noch anders geäußert.

    Interessant ist auch und gerade deshalb, dass die antisemitischen Ausfälle in unteren Ligen keine Erwähnung finden, weil viele die aus dem Rassismus-Kontext gelöst sehen wollen. Was so einfach nun auch nicht geht, siehe den anderen Eintrag. Ich scheine etwas geahnt zu haben …

  3. lantzschi November 17, 2011 um 8:06 pm

    nun ja, der liebe alex will mir doch nicht erzählen, dass sich auf schwul festgelegt wurde, um weidenfeller billiger davon kommen zu lassen? ich halte das für eine bullshit-these. zu sagen, rassismus sei im fußball wesentlich mehr pc-thema und stärker sanktioniert als das homozeuges. ich bleibe da bei meiner these, dass die äußerung weidenfellers in diesem fall nicht als rassistisch erkannt wurde. wie auch? wenn weiße mal wieder definitionsmacht haben.

    bei schwul sind sie sich aber einig. weil das darf ja nicht sein. schwul und fußball. das muss geahndet werden. klar handelte es sich hier um eine beleidigung, erinnert mich aber doch an die andere kehrseite derselben medaille: heteronormalisierung. heterooutings von arne friedrichs freundin (oder wer auch immer die dame ist), bierhoffs ausfälle nach dieser tatortfolge. das schwul muss aus dem fußball verbannt werden, sei es als schimpfwort oder als gegebenheit.

    wäre er wegen schwein belangt worden, ja das hätte schon was 🙂 weil schwul und schwarz ja jetzt erstmal keine schimpfworte per se sind, sondern politisch korrekte bezeichnungen für schwule und schwarze.

    zu antisemitismus äußert er sich gar nicht, dabei ging doch die frage genau auch darauf… hm. hast du eine these? ist doch eigentlich sein spezialgebiet

  4. momorulez November 17, 2011 um 8:21 pm

    Es war auch meines Wissens so, dass tatsächlich im Fall Weidenfeller die „schwarze Sau“ in eine „schwule Sau“ zum Zwecke der Strafmilderung umzuwidmen, war ja Asamoah, der beschimpft wurde, damit der arme Weidenfeller nicht „das Rassistenetikett angeklebt bekam“. Und schwul als Beschimpfung kommt schon vor 😉 – zum Rest später mehr, muss gerade los!

  5. giordani November 17, 2011 um 9:24 pm

    Ich habe beim Namen Feuerherdt ehrlich gesagt sofort aufgehört zu lesen.
    Wenn ich dummes Zeug lesen will kann ich doch auch gleich nebenan nach xxx’s antideutscher Taka-Tuka-Welt gehen. Ein unerträglicher Typ.

  6. Nörgler November 17, 2011 um 10:59 pm

    Lantzschi drängt sich wieder in mein Bewußtsein. Da war doch was .. irgendwo hab ich da doch noch …

  7. momorulez November 18, 2011 um 1:14 am

    @Giordano:

    Habe den Blognamen gext, weil das zwar eh viele wissen, aber hier nicht der Raum ist, da Zuordnungen zwischen Blog und Real-Name vorzunehmen, verzeih mir! Morgen mehr, komme gerade aus der Kneipe 😉 …

  8. giordani November 18, 2011 um 2:35 am

    Gut, dein Blog, deine Entscheidung.
    Wer den Typ googelt weiß es eh sofort. 😉

  9. David November 18, 2011 um 3:27 am

    Focusfocus: einmal Vulgärlatein, einmal klassisches!

    Sorry, muß Bett.

  10. momorulez November 18, 2011 um 11:44 am

    @Lantzschi:

    „zu antisemitismus äußert er sich gar nicht, dabei ging doch die frage genau auch darauf… hm. hast du eine these? ist doch eigentlich sein spezialgebiet.“

    Habe jetzt ewig überlegt, was ich da antworte – bei der komplexen Variante geht man auf Diskursvorgaben ein, die ich nicht mehr erfülllen will. Die nicht komplexe Antwort ist, dass von „antideutscher“ Seite alles dafür getan wird, den Antisemitismus sogar mit Mitteln offensiver Geschichtstklitterung aus dem Rassismus-Kontext zu lösen, um ihn im Falle der Zurückweisung von Kapitalismus- und Imperialismuskritik gegen diese instrumentalisieren zu können. Schwule gegen PoC auszuspielen ist auch so eine Standard-Nummer.

    Die komplexe Varinate kann man dann bei Rhizom bzw. Lysis nachlesen, wobei der mir in letzter zeit auch viel zu oft völlig übers Ziel hinaus schießt.

  11. Pingback: Scheiß-St. Pauli | St. Pauli News & Social Club

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