Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wann fing es an, so aufzuhören?

Ja, ich habe tatsächlich kurz geweint, als Franz-Josef Degenhardt gestorben ist. Habe in meiner Jugend zwar viel mehr Konstantin Wecker oder Klaus Hoffmann gehört, aber Degenhardt mit seiner Schärfe, seiner poetischen Brillianz, seiner kabarettartigen Performance bei Texten wie „Es denken die Leute von gestern wieder an morgen“ und der mal so ätzend, mal so schmeichelnd intonierenden Stimme, der war auch ein wichtiger Baustein, sich mittels der im Nachhinein so oft verlachten Liedermacher in die politische Welt hinein zu bewegen im zarten Alter von 14 Jahren. Mir fehlen solche Stimmen heute, die die hochpräzise Arbeit am Wort mit politisch radikalen Botschaften zu verbinden wissen. Ich habe den schon verehrt, trotzdem meine Perspektive auf die DDR und die DKP immer eine ganz andere war.

Natürlich treten jetzt wackere Kämpfer gegen den Kulturmarxismus in Springer-Feuilletons in unverlinkbaren Texten nach und behaupten den Barden als Inkarnation des Autoritären, nach dem sich die Antiautoritären doch so gesehnt hätten – billige dialektische Schlenker jener, die gegen sprachliche Schwergewichte wie Degenhardt als stilistische Fliegengewichtler erscheinen.

Das verweist sehr indirekt auf einen anderen Punkt: Politisch unter anderem in der Friedensbewegung der frühen 80er sozialisiert zu sein, das ist für mich bis heute kein Grund zur Reue. Das Millerntorstadion betrat ich erstmal bei einem „Künstler für den Frieden“-Konzert. Ich weiß nicht mehr, wer da so alles auftrat und ob ich in meiner Erinnerung Akteure auf die Bühne dichte, die nur auf meinem gleichnamigen Doppelalbum, Mitschnitt eines Konzertes in Bochum glaube ich, zu hören waren. Der oben verlinkte Text von Degenhardt wurde auch vorgetragen, und zu hören waren so eindrucksvolle, von Leid, Hoffnung und Leidenschaft getränkte Stimmen wie jene von Esther Bejarano und Fasia Jansen:

Petra Eberhardt schilderte bei der Trauerfeier für Fasia, dass man ihr „Negerkind“ hinterher rief, sie hänselte, an den Haaren zog und mit Steinen nach ihr warf, so dass sie sich oft prügeln musste, um sich Respekt zu verschaffen. Und sie berichtete davon, dass sie ihre Hautfarbe bald so sehr hasste, dass sie sich einmal ihren ganzen Körper und die Haare mit heller Ölfarbe einrieb, um endlich weiß wie die anderen zu sein. Fasia erinnerte sich später: „Wenn wir mal zusammen in der Straßenbahn waren, und die Leute machten so höhnische Bemerkungen und Kinder fingen an ‚Owamba, Owamba, das Negerweib, huhuhu!’ – dann guckte mein Vater mich nur an und sagte: ‚Alles geistig Minderbemittelte, Fasia“. 

(…)

Ihre an Josephine Baker orientierte Hoffnung, einst ein Leben mit Musik und Tanz zu führen, wurde zunächst zerstört, als sie im Alter von elf Jahren aus der Tanzschule geworfen und vier Jahre später zum Zwangsdienst in der Küche des KZ Neuengamme bei Hamburg gezwungen wurde. Dort erlebte die Fünfzehnjährige die Brutalität der SS wie die Verzweiflung der Häftlinge, was ihre Haltung entscheidend prägte. Auch zog sie sich dort eine Herzkrankheit zu, unter der sie den Rest ihres Lebens litt.

Nach der Befreiung vom Faschismus begann sie auf den Hafenbarkassen Volkslieder und Shanties zu spielen, sang für die Touristen „Schön ist die Liebe im Hafen“, jobbte auch als Tankwärtin, Holz- und Metallarbeiterin oder verkaufte Aale.

Sind solche Persönlichkeiten im Gedächtnis vieler noch irgendwie, irgendwo, irgendwann präsent? Neben „Ikonen“ wie Nena vielleicht, deren „99 Luftballons“ heute noch jeder kennt?

Vielleicht irre ich im Nachhinein, weil freilich auch zu jener Zeit, vielleicht mehr denn je, „dank“ christlicher Milizen im Libanon, die niemand beim Massakrieren störte, die Politik mancher Akteure in Israel ungeheuer polarisierte – aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass in Fragen der Zurückweisung des Rassismus eine Oppositionsbildung zwischen Antisemitismus und anderen Formen des Rassismus erfolgte, die heute so oft und so seltsam in ein Konkurrenzverhältnis hinein gedichtet werden. Eine grauenvolle Entwicklung.

Es gab sehr wohl den – von mir so nicht vertretenen und mehr als nur dämlichen – Vorwurf, dass doch nun gerade „die Juden“ wissen müssten, wie man sich als Palästinenser fühle. Und extremere Formen dieses „Arguments“. Späte Rache an den Opfern und deren Nachkommen.

Das das Jahrzehnte später in Frankreich zu so absurden Slogans führen konnte wie jenen, dass der Antirassimus mehr Opfer als die Shoah hervor bringen würde, ist dennoch eine fatale Entwicklung. Weil mittlerweile der „Kampf gegen den Islamofaschismus“, von Think Thanks vorgebetet, den „Antikommunismus“ ersetzte.

Ich erinnere mich hingegen gut daran, wie wir vom Kibbuz als Sehnsuchtsort  schwärmten … dass wir im Zuge der Imperialismuskritik zugleich die Kolonialgeschichte, den Dreieckshandel auch in der Schule lernten, von den so oft gescholtenen linken Lehrern.

Für mich war die Präsenz, die Ehrfurcht, das Gewahrwerden von Biographien wie jener Jansens und Bejaranos, ich meine, letztere hätte das so ergreifende „Donnah“ gesungen, mittemang auch Ida Ehre, eine politische Erfahrung. Ja, die Ästhetik der Veranstaltung war eine weiße, bildungsbürgerliche mit christlichem bzw. was man damals darunter verstand Feeling, bestimmt auch voller Exotismen – trotzdem, das „teile und herrsche“ späterer Diskurse fand in meiner Erinnerung nicht statt, vielleicht irre ich wirklich. Es war zudem eine Veranstaltung, die das, was in der hiesigen Kultur als „weiblich“ konnotiert gilt, geradezu inbrünstig zelebrierte, und auch für mein Gefühl, als Joan Baez zum Ende des Konzertes „We shall overcome“ sang, schäme ich mich nicht.

Nun hat jener oben indirekt erwähnte Autor, der Henryk M. Broder, ausgerechnet zu diesem Thema wirklich köstliche Texte verfasst, da war er noch in Form, Anfang der 90er, in denen er derart treffsicher Persönlichkeiten wie Dorothee Sölle abwatschte, dass ich mich ständig ertappt fühlte und über mich selbst lachen musste, von deren Denken sozusagen mütterlicherseits, die las so was, geprägt. Den Bruch mit „der Linken“ vollzog Broder ja auch, wenn ich mich recht entsinne, im Zuge des Irak-Krieges von Papa Bush, weil deren mangelnde Israel-Solidarität ihn erschütterte, die sich in einem Wiederentflammen der Friedensbewegung seiner Ansicht nach zeigte.

Nun gab es auch in der Friedensbewegung der frühen 80er unbestreitbar pauschal antiamerikanische Züge, weil unter anderem mit teils nationalistischem Einschlag versucht wurde, historisch geläutert das „gute Deutschland“ zu inszenieren, das Friedliche und Belehrte, das nun die Welt belehren „darf“ (Äquivalenzen gibt es in der Wirtschaftspolitik Angela Merkels). Es gab die Argumentation, das ja „Deutsche“ den Krieg im eigenen Land durchlitten hätten, US-Amerikaner jedoch nicht, und deshalb in solchen Fragen kompetenter und, die Kartharsis durchlebt habend in den Flammen Hamburgs und Dresdens, irgendwie historisch weiter seien.

Es gab schon damals die Tendenz, die irgendwie präsente narzißtische, nationale  Kränkung durch den Holocaust – Broder zitiert ja immer dieses treffende Bonmot, „die Deutschen“ würden „den Juden“ den Holocaust nie verzeihen – durch eine Instrumentalisierung der Palästinenser  lindern zu wollen, indem man „die Juden“ böse redet (dass es auch andere Formen der Kritik an konkreter Politik konkreter politischer Gruppierungen in Israel geben kann sei betont; ist immer nur die Frage, inwiefern diese nun unbedingt aus Deutschland kommen muss). Das Problem wurde dann ja für viele im Schland-Partydeutschland-Jubel irgendwie „gelöst“.

Es formierte sich tatsächlich diese unerträgliche Selbstgerechtigkeit vieler irgendwie „links“ sozialisierter Menschen, vielleicht war die auch vorher schon da, nunmehr jedes Feld zu okkupieren und zum eigenen zu machen, was im Keime eben jene Haltung ist, die heute dazu führt, dass Weiße PoC darüber belehren wollen, was Rassismus sei. Ob im Falle einer Lampe oder sonst auch.

Es gab aber auch Fasia Jansen und Esther Bejarano zusammen auf einer Bühne bei einer dezidiert linken Veranstaltung, wenn das jetzt nicht eine zusammen gebastelte Deckerinnerung ist, habe nicht noch mal gegoogelt. Es gab diese ungemein starken Frauen, die etwas bewegten. Es gab die Bereitschaft zur Selbsthinterfragung unter Bezugnahme auf die deutsche Geschichte.

Kann es sein, dass – wieder einmal – in diesem Szenario 1977-83, an das die Trauer um Franz-Josef Degenhardt mich erinnert, sich sehr Unabgegoltenes verbirgt?

 

Advertisements

47 Antworten zu “Wann fing es an, so aufzuhören?

  1. che2001 November 16, 2011 um 2:47 pm

    Dass ist jetzt so komplex, dass ich dazu gar keinen Gesamtkommentar verfassen kann, daher erstmal zu einem Teilaspekt:

    „Es gab schon damals die Tendenz, die irgendwie präsente narzißtische, nationale Kränkung durch den Holocaust – Broder zitiert ja immer dieses treffende Bonmot, „die Deutschen“ würden „den Juden“ den Holocaust nie verzeihen – durch eine Instrumentalisierung der Palästinenser lindern zu wollen, indem man „die Juden“ böse redet (dass es auch andere Formen der Kritik an konkreter Politik konkreter politischer Gruppierungen in Israel geben kann sei betont; ist immer nur die Frage, inwiefern diese nun unbedingt aus Deutschland kommen muss). Das Problem wurde dann ja für viele im Schland-Partydeutschland-Jubel irgendwie „gelöst“.

    Das hatte eine Komponente, die heute niemand mehr sieht: die Israel-Glorifizierung in der rechten Presse in Deutschland, namentlich bei Springer, wo z.b. Moshe Dajan als neuer Rommel gefeiert wurde. Ich kann mich erinnern, dass WWII-Veteranen die „saubere“, westliche israelische Armee bejubelte, die es „diesen stinkenden Kameltreibern“ so O-Ton mal so richtig gezeigt hätten. Die etablierte bürgerliche Rechte betrieb Selbstreinigung, Billigkatharsis, indem sie das israelische Militär bejubelte, und das drehte die antiimperialistische Linke schlicht um.

  2. momorulez November 16, 2011 um 3:05 pm

    Ja, das stimmt. Das Gruselige ist nur, wenn man diese Perspektiven in seiner Kritik gewissermaßen in Umkehr adaptiert. Da kann der einzelne Israeli nun auch nix für.

    Mir wurde im Zuge der Reiz-Reaktions-Leseweise bei Facebook, weiß nicht, ob bezogen auf diesen Text, gerade „ja, ja, und wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit“ untergejubelt. Weil sich alle gleich auf solche einimplementierten Fragestellungen von Strauß bis Broder einlassen. Habe ja das wohl eine Zäsur darstellende Massaker da oben bewusst verlinkt, weil es ja nun schwer nicht ist, die Siedlungspolitik oder das unterstützende Wegschauen damals, wenn es das war, das weißt Du besser, eben von einem Pauschalurteil zu Israel zu lösen.

    Das ist auch eigentlich viel zu komplex. Aber wie es passieren konnte, den Kampf gegen Antisemitismus und den gegen Rassismus aufeinander zu hetzen, das war ja der Ausgangspunkt. Weil das damals, glaube ich, wirklich noch nicht so war.

  3. Simon2 November 17, 2011 um 7:06 am

    Kennt ihr den schon: die Sowjetunion zur Zeit des Sechstagekriegs – und das schwarze Schaf der Familie hält doch tatsächlich zu Israel! Abends sitzt man jedenfalls zusammen und der Sohnemann (besagtes schwarzes Schaf) triumphiert: „Hurra, Israel hat die gegnerischen Flugzeuge zerstört!“ Schweigen in der Familie. Zwei Tage später das Gleiche: „Hurra, Israel hat die gegnerischen Panzer zerstört!“ Vergrummeltes Schweigen in der Familie. Einen weiteren Tag später jubelt der Tunichtgut schon wieder: „Hurra, die Israelis haben Ostjerusalem erobert!“ Die restlichen Familienmitglieder ziehen sich mißmutig zurück. Am letzten Tag des Krieges aber ist es der Sohn, der düster vor sich hinstarrt und schweigend seine Suppe löffelt. „Na, Söhnchen, was ist denn jetzt auf einmal los?“, fragt der Vater. „Dein Israel da hat den Krieg doch gewonnen, oder etwa nicht!?“ „Jaja“, erwidert der Sohn, „aber ich habe eben erfahren, dass die meisten Israelis Juden sind!“

    Ein schöner Witz, der auch heute funktionieren würde („Was n‘ los? Israel hat’s den Musels doch mal wieder gezeigt?“ – „Jaja, aber…“) und den tatsächlich mal irgendein Kolumnist in der NYT erzählt hat, als es um die christlichen Zionisten und die Sicht der US-amerikanischen Rechten auf Israel ging. Und er lässt sich mit einigen Abstrichen auch auf europäische Rechtspopulisten übertragen. Israel als Projektionsfläche für rechte Mordphantasien und Bestandteil christlich-apokalyptischer Naherwartungen; oft aber gepaart mit Hass auf real existierende Juden (Schuldkult! Holokult! Südländer, die mit Schekel, Schekel handeln und sich nicht zum lieben Jesulein bekehren lassen wollen!) Da fällt mir auch ein, dass ich hier mal zu einem Broder-Text verlinkt habe, in dem er beschrieb, dass er auf einer FDP-nahen Veranstaltung über „politische Korrektheit“ sprechen wollte, aber abgesagt hat, weil in dem finalen Einladungstext davon die Rede war, dass man Juden wegen des „Totschlagarguments Shoa“ nicht kritisieren dürfe. Oder wenn man sich „P.I.“ anschaut: da brüsten sie sich immer mit ihrem Prozionismus einerseits und lassen den Chef der deutschen Piusbrüder andererseits lange Gastbeiträge veröffentlichen, in denen er darlegt, warum man als guter Christenmensch für die Bekehrung des verstockten Juden zu beten habe. Und ganz aktuell – anlässlich der Tatsache, dass „Ausländer“feindlichkeit zu ermordeten Dönern geführt hat: „Eine Schande für Deutschland nennt Bundeskanzlerin Merkel die Mordserie, die sich über elf Jahre hinzog und im Nachhinein als „rechter Terrorismus“ bezeichnet wird. (…) Eine Schande ist das aber nicht. Eine Schande ist es jedoch, wenn man diese Morde als Nazi-Terrorismus dem deutschen Volk anlasten will. Das Volk, das im letzten Jahrhundert gerade unter den Nazis so furchtbar gelitten hat, das Volk das Sie gewählt hat und das Volk, dem Sie geschworen haben, Schaden von ihm abzuwenden.“ (Verlinken tue ich das nicht.)

    Das toitsche Volk, das unter den Nazis so furchtbar gelitten hat. Eine tolle Formulierung! Ist ja der allgemeine Trend: Eigentlich gab es nur fünf, sechs Nazis, die dank ihres dämonischen Talents („Reden konnte der ja!“) ein ganzes Volk in Geiselhaft genommen haben. Alternativ war das irgendwie linke Sozialsystem der Nazis schuld (das druckt die WELT immer gern ab), wie ja Hitler auch eigentlich links war, die 68er eigentlich rechts und mein Beitrag keine Struktur hat. 😛

    Aber was Rassismus vs. Antisemitismus betrifft: Es gibt meines Wissens nach keine (schwarzen) Antirassist_innen, die (ihr) Schwarzsein biologisch definieren – das Augenmerk liegt ja immer auf der sozialen Markierung. Das Problem könnte jetzt sein, dass es demgegenüber einflußreiche jüdische (und philosemitische) Stimmen gibt, die Judentum rassistisch definieren (Worunter auch Konvertiten oder Falascha gelegentlich zu Leiden haben.), die diesen Rassismus politisch und/oder religiös instrumentalisieren (Israel, der Judenstaat etc.) und Autoren wie Shlomo Sand (Die Erfindung des jüdischen Volkes) noch sehr umstritten sind. Da stoßen also auch schonmal unterschiedliche Konzepte aufeinander. Das der sozialen Markierung und das … hm. Naja, es ist schon ja manchmal regelrecht „ethnopluralistisch“. Ich weiß nicht, wer von euch die Debatte um besagten Shlomo Sand verfolgt hat – aber das war ja gruselig, wie dann die ganze Zeit mit irgendwelchen genetischen Untersuchungen auf ihn eingekloppt wurde, die rassistische Homogenität beweisen sollten.

    Wenn ich mir dann so einen philosemitischen Rechten wie diesen „Fjordman“ anschaue, der als Lieblingsblogger Anders Breiviks eine gewisse Berühmtheit erlangte: der schrieb irgendwo, dass er Schwarze nicht hassen würde, es aber schrecklich fände, dass die Weißen kein einziges Land nur für sich alleine haben dürften. Und naja; da wundert mich nicht, dass jemand, der so etwas schreibt, sich gut mit der israelischen Rechten versteht („Ein Land für uns Juden allein“ – „Ein Land für uns Weiße allein“), aber glühenden Haß für Antirassist_innen empfindet.

    Gott, jetzt brauch ich erstmal n‘ Kaffee.

  4. momorulez November 17, 2011 um 8:25 am

    Bis zu dem Punkt des „jüdischen Rassismus“ würde ich mal sagen: Einmal mehr willkommen als Co-Autor. Diese jüdischen „Abstammungslinien“ sind aber völlig anders gebaut, gedacht und gelebt als das, was wir seit Gobineau und solchen Arschlöchern kennen, selbst dann, wenn wir den Namen noch nie gehört haben. Ich glaube, das ist eine antisemitische Projektion. Es gibt da auch Texte zu, die müsste ich mal raus suchen. In seiner Entstehung wird das so was wie der Ahnenkult gewesen sein, den es, glaube ich, in allen Kulturen vor dem Monotheismus gab, der auch viel mit Psychoanalyse, Familienauftstellung usw. unter säkularen Bedingungen zu tu tun hat, und es ist ist zudem ein Medium unter Bedingungen der Diaspora, Zusammenhalt zu stiften. Weil eben auch bei Juden gilt, dass selbst dann, wenn sie sich „assimiliert geben“, die Anderen schon dafür sorgen werden, dass sie sich als solche empfinden. Dann kann man sich auch selbst drum kümmern, dass man da nicht so alleine da steht.

    So erklär ich mir das mal und würde mich auf Widerspruch von jenen freuen, die sich da besser auskennen, auch, wenn mir Antisemitismen unterlaufen. Mit „besser auskennen“ meine ich ausdrücklich keine „Antideutschen“ 🙂 …

  5. Simon2 November 17, 2011 um 11:11 am

    Hm. Also es kann natürlich sein, dass ich jetzt antisemitische Muster reproduziert habe. Was ich zumindest dazu sagen kann ist, dass ich das nicht beabsichtigt habe und versuchen würde, gegen Antisemitismus in mir „anzudenken“, dass es mir nicht um diese rechtsextreme Idee einer genetischen Binnensolidarität unter Juden ging und natürlich auch nicht um den gegenwärtig ja sehr modischen Versuch, Anderen Rassismus zu unterstellen, um dadurch den eigenen zu legitimieren zu versuchen. Und: wenn wir sagen, dass Rassismus gleich Gobineau ist, dann macht es natürlich keinen Sinn, von Rassismus unter Juden zu sprechen.

    Ich denke mir nur folgendes: Ist „Volk“ eine (zum Teil auch) biologisch definierte Gemeinschaft, die entsteht oder eine Konstruktion, die gemacht wird – und wie wird man Teil dieses Volkes, wie wird man überhaupt Teil eines „Wir“? Für Schwarze und für PoC ist es offensichtlich schwierig bis unmöglich, Teil des deutschen „Wir“ zu werden, von dem etwa bzgl. der außenpolitischen Beziehungen zu Israel gesprochen wird oder irgendwelcher Geburtenraten. (Man stelle sich die Reaktion auf eine schwarze Deutsche vor, die augenzwinkernd erklärt, dass sie schon ihren Anteil daran geleistet habe, dass WIR nicht aussterben, weil sie ja fünf Kinder habe.)

    Und ist das jetzt unter rechten, araberfeindlichen Juden, die doch meines Wissens Wert darauf legen, dass ihr „Volk“ eben n i c h t nur eine religiöse sondern auch eine ethnische Gemeinschaft ist(?), so unumstritten, dass zum Beispiel ein Araber Teil des jüdischen „Wir“ werden kann? Gut, es gibt arabische Juden wie die Mizrachim, aber es gibt auch Rabbiner, die nicht wollen, dass Juden an Araber vermieten oder sich für den Beibehalt der Avoda Ivrit, der hebräischen Arbeit: Arbeitsangebote für Juden, nicht für Araber- aussprechen. Ich meine, wenn man sich von „Das Judentum ist nur eine Religionsgemeinschaft, selbst wenn Antisemiten auch atheistische ‚Juden‘ als ‚Juden‘ markieren“ entfernt, dann bewegt man sich doch automatisch in Richtung Rassismus, oder? *Kopfkratz* Aber vielleicht denke ich jetzt auch zu unbiblisch und verknüpfe „Volk“ fälschlicherweise mit Biologismus. Augustinus hatte ja auch nicht das moderne Staatsrecht vor Augen, als er vom irdischen und vom Gottesstaat sprach.

  6. momorulez November 17, 2011 um 11:46 am

    Wollte jetzt auch gar nicht „böse, böse“ geschrieben haben 😉 – in einem stereotypenfreien Raum bewegt sich ja kein Mensch.

    „Volk“ ist meines Wissens, will mir da aber gar nicht den Mund verbrennen und erwarte Belehrung von berufener Stelle, gründet sich ja schon in der Ausgrenzungsgemeinschaft in Ägypten einst, die zugleich als monotheistische Religion inmitten heidnischer Völker sich situierte? Und dann eben in Jahrtausenden der Diaspora, in denen es ja solche Vorstellungen von „Volk“ und „Bevölkerung“ und „Nation“, wie wir das heute denken, gar nicht gab. Und seit der Christianisierung und Islamisierung ist zumindest im Mittelmeerraum, im „Zweistromland“ und in europäischen Ländern der Glaube konstitutiv geworden, den man aber nicht durch Taufe erwirbt, sondern der über die Mutter vererbt wird, man korrigiere mich, wenn ich fasel, durch Taufe z.B. aber aufgegeben werden kann (in Innenperspektive, das war ja das Novum des Rassismus des 19. Jahrhunderts, dass der tradiert christliche Antijudaismus biologisiert, nationalisiert und mit einer Kulturtheorie unterfüttert wurde, die dann z.B. zwischen „kulturschöpferisch tätig“ und „parasitär“ unterschied und somit GERADE die assimilierten Juden die Allerschlimmsten schienen, da sie ihre Heimtücke versteckten, also so die Version der Antisemiten, und Taufe half auch nix).

    Ob und inwiefern nun eine „Ethnisierung“ in „unserem“ Sinne in Israel der Fall ist, das weiß ich nicht. Klar ist, dass zum Judentum zu konvertieren meines Wissens eine schwierige Angelegenheit ist, was ich angesichts der Geschichte so erstaunlich nicht finde. Das ist eine zugewiesene Ausnahmestellung, die sich da in das Gedächtnis eingegraben hat, und die zunächst mal Israel als eine Art „Safe Place“ etablierte in einem britischen Protektorat, wo es ja in den dreißiger Jahren schon Auseinandersetzungen zwischen Hinzugezogenen und „Arabern“ gab, obgleich auch Juden da schon ewig lebten. Und dann eben die Gründung mit allerlei z.B. von Hannah Arendt frühzeitig angemerkten Hypotheken, und ob in dieser Gemengelage, in der sich postkoloniale Konstellationen mit Shoah-Folgen (den Zionismus gab aber ja schon lange davor ebenso wie Juden in Palästina) und Jahrtausende alten Konstellationen nun in unserem Sinne „ethnisch“ verstehen lassen, dazu würde ich mir von in Israel Lebenden gerne etwas erzählen lassen, halte aber hiesige Perspektiven für nicht sooo relevant, und dass „die Palästinenser“ als Ethnie konstruiert werden, ist wohl offenkundig, aber ja nicht als Effekt eines „jüdischen Rassismus“, weil die Geschichte von Juden in diversen Weltregionen viel komplizierter ist als z.B. die deutsche, die in weiten Teilen eine Erfindung der Romantik ist, die dann zwischen 1848 und 1890 im strikt nationalistisch-rassistischen Sinne umgedeutet wurde. Im Grunde genommen ist doch, wenn man „unsere“ Kategorie von „Ethnie“ anwendet, Israel eher ein Vielvölkerstaat? Mit in den letzten Jahrzehnten starkem Zuzug auch aus osteuropäischen Ländern, mit gutem Grunde, wenn man sich z.B. Entwicklungen und Russland und Ungarn anschaut?

    Dass in den ganzen Konfrontationen mit den Nachbarländern und die Instrumentalisierung Israels durch den „Westen“ sich dann Strukturen bilden, die wie Rassismen wirken und von den Rechten auch in Israel auch so gedeutet werden, ist dabei nicht auszuschließen, aber die Lage doch etwas komplizierter. Alleine schon, weil zwischen „Muslime“, „Araber“, „Palästinenser“ ja auch eifrig changiert wird, die den „arabischen Nachbarn“ ja meines Wissens auch einigermaßen am Arsch vorbei gehen und sich der explizite Antisemitismus in einflussreichen Organisationen nun auch nicht bestreiten lässt, was ja auch einen Effekt hat.

    Was jetzt ein langer Vortrag ist, der von Ahnungslosigkeit zeugen mag und mit Halbwissen operiert, aber die Rassismusfolie da vom jüdischen Selbstverständnis aus da drauf zu projizieren, das halte ich für problematisch. Und lasse ich an jedem Punkt gerne korrigieren.

  7. momorulez November 17, 2011 um 2:59 pm

    „Die Wahrheit ist, dass Antisemitismus der beschriebenen Art hierzulande keinen juckt. Außer die Betroffenen selbst, natürlich. Doch wenn Juden gegen solche Sprüche protestieren, stoßen sie höchstens auf Unverständnis, vielleicht noch eine Art Mitleid für ihre angebliche Überempfind- lichkeit. Meist aber auf entschiedenen Widerspruch. Antisemit will schließlich keiner sein, und von Juden lässt man sich das schon gar nicht nachsagen. Dann wird die Stimmung leicht gereizt, und es fällt schnell der Satz, dass dieses Verhalten den beklagten Antisemitismus doch erst provoziere.

    Exemplarisch konnte man das erst vergangenen Freitag wieder mal in der taz lesen. Dort schrieb Daniel Bax unter dem Titel »Hurra, wir knicken ein«: »Falsch ist es …, gleich den Kopf einzuziehen, wenn der Vorwurf des Antisemitismus ins Spiel kommt. (…) Denn mit ihrem ängstlichen Bemühen, bloß kleinen Anstoß zu erregen, leisten die Verantwortlichen dem Vorurteil Vorschub, Juden besäßen in Deutschland eine besondere Macht.«“

    Das ist vielleicht noch ganz interessant. Auch deshalb, weil ich im „Fall Jebsen“ eher den Eindruck hatte, dass Broder auf den so los geht, weil er da einen gefunden hat, der besonders besinnungslos daher gesabbelt und Argumente der „Truther“, die es ja in widerlich antisemitischer und rechtsradikaler Form gibt, aber auch in gemäßigteren Varianten, sozsuagen durch Eindreschen auf einen besonders diffusen Vertreter sozusagen stellvertretend abzuwatschen und damit die paar vernünftigen gleich mit, auf dass denen keiner zuhört. Und das gar nicht aus jüdischer, sondern aus Rechts-Neocon-Perspektive.

    Im verlinkten Text stellt sich das nun aber völlig anders dar, weil da weit mehr Zitate als in anderen Berichten zu finden sind, solche, die ebenfalls irgendwie aus dem Broeckers-Umfeld kommen, nur dass der da aufpasst, nicht so einen Unsinn zu verbreiten wie jene, dass noch „die Juden“ jene Propagandamittel erfanden, die von Goebbels genutzt zur Shoah führten, was ja hanebüchen ist.

    Nun konterte der Herr Broeckers, den ich ansonsten ganz vernünftig fand, prompt mit der „Auschwitz-Keule“, die kein Geringerer als Herr Walser, seitdem ja eh alle Dämme brachen, einst in den nicht mehr verschämten Diskurs einführte. Was mich ziemlich entsetzt hat.

    Das ist in diesem Kontext wichtig, weil ja strukturell exakt das Zitierte sich auch in PoC-Blogs und auch bei mir hier findet. Nun wurde von jüdischer Seite ziemlich verletzend und von Einzelnen im Zuge der Diskussion um das Holocaust-Mahnmal auch häufiger geäußert, mit so was wie Schwulen wolle man sich doch nicht auf einen Stufe stellen lassen im Gedenken. Fand ich nicht witzig, aber da gibt es jetzt ja ein eigenes Mahnmal. Es gab auch PoC, die sich von der Antonio Amedeu-Sttiftung, die von Frau Kahane geleitet wird (oder wurde), sozusagen an den Rand gedrängt fühlten, obgleich deren Namensgeber nun ziemlich PoC war.

    Worauf ich hinaus will: Die strukturelle Identität ist derart frappierend, dass es wirklich fatal ist, wenn jene, die in diesem Feld aktiv sind, sich von den Interessen anderer Leute gegeneinander ausspielen lassen. Und dass jene, die wirklich solidarisieren mit einer der Gruppen, das auch mal tunlichst bleiben lassen sollten und sich wechselseitig dabei unterstützen, alle „devianten“ Stimmen permanent zu Gehör zu bringen.

    Und vielleicht schaut ja hier noch jemand vorbei und korrigiert mich, wenn ich oben hanebüchenen Unsinn geschrieben haben sollte 😉 …

  8. che2001 November 17, 2011 um 5:05 pm

    Tatsächlich begreifen sich Juden sehr häufig, und orthodoxe Juden immer, als Abstammungsgemeinschaft, die auf die eigenen Urahnen zurückgeht, und nicht als Religion, zu der miissioniert wird. Das ist aber etwas ganz Anderes als der Volksbegriff von Rassenlehren. Und ich würde sagen, das wird absichtsvoll verwechselt oder durcheinandergebracht. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang übrigens die Ideologisierung des Faktors Sprache. Ich kannte mal einen Vietnamesen, der die Meinung vertrat, Arabisch sei eine Sprache mit verschiedenen Dialekten, die so weit auseinanderlägen, dass es im Grunde verwandte Sprachen seien (zum Beispiel unterhalten sich Ägypter und Palästinenser untereinander auf Englisch), eine davon sei Hebräisch, und es sei reine Ideologie, von EINER arabischen Sprache zu reden, Arabisch und Hebräisch aber als ZWEI Sprachen auseinanderzuhalten.

  9. momorulez November 17, 2011 um 5:20 pm

    „Das ist aber etwas ganz Anderes als der Volksbegriff von Rassenlehren. Und ich würde sagen, das wird absichtsvoll verwechselt oder durcheinandergebracht.“

    Das meinte ich ja oben unbeholfen. Und es hat sich zudem unter fundamental anderen historischen Bedingungen gebildet als die ganzen verfickten Gobineauschen Rasse-Theorien, die immer auch Kulturtheorien und waren und zum einen gegen die im liberalen Sinne Gleichstellung von Juden in Stellung gebracht wurden im Zuge der Etablierung zumindest in Deutschland eines nationalen Mythos wie auch einer Rechtfertigung des Kolonialismus im Kontext eines sich neu verstehenden, historischen Denkens, wo dann dann überlegene und unterlegene bzw. jene „Völker“, die Geschichte schreiben und den geschichtslosen „Naturvölkern“ unterschieden wurden.

    Die über die, ist doch so? , mütterliche Linie rückvollzogene Abstammung von den 10 (?) Stämmen Abrahams, rede ich dummes Zeug?, ich werden es googeln!, ist ja eher eine Ursprungsphilsophie, die im identitästerhaltenden Sinne Zusammenhalt schuf und eine zumeist bedrohte Gruppe auch in einer gewissen Sicherheit hielt, was das Netz möglicher, sozialer Beziehungen betraf, aus einer Minderheitenperspektive heraus. Wenn man da jetzt im funktionalen Sinne drauf schaut.

    Die völkischen Ideologien hingegen hatten funktional auch den Sinne, die Arbeiterschaft vom Sozialismus abzuhalten, der bürgerlichen Klasse ein Fundament zu liefern, den Adel abzusichern und äußere und innere Feinde zu generieren, um den Machterhalt zu sichern. Letzteres wird bei Rechten in Israel einen Rolle spielen können, da ist die gewachsene Aggression auf der anderen Seite aber auch viel massiver, und das ist dann ein komplettes Umschalten und gar nicht mehr kompatibel mit dem Modell, aus dem es ggf. entstanden sein könnte.

  10. Nörgler November 17, 2011 um 6:01 pm

    Die israelische Rechte argumentiert knackhart rassenbiologisch. Die „beweisen genetisch“, dass das Land ihnen seit 3000 Jahren gehört.
    Aber am Versuch des Nachweises einer „jüdischen Rasse“ scheiterten schon die Nazis, und die haben sich wirklich Mühe gegeben.

  11. momorulez November 17, 2011 um 6:22 pm

    😀 – das ist dann aber der Punkt, wo man auf Motive rechter Politik gehen muss und da nicht mal eben so mit „die Juden“, „deren Religion“, „die ganze Tradition“ usw. um die Ecke kommen kann, was hier ja auch keiner macht. Das ist ja das Problem bei Broder, dass der diese Identifizierung auch vollzieht.

    Und man kann auch nicht alle Motive politischen Handelns daraus ableiten, wie das ja auch die „Antideutschen“ tun, die jedem Palästinenser dann annähernd ein Antisemitismus-Gen andichten und alle Rahmenbedingungen und deren Lebenssituation und die historischen Verläufe völlig ausblenden.

  12. che2001 November 17, 2011 um 7:49 pm

    @“und zum einen gegen die im liberalen Sinne Gleichstellung von Juden in Stellung gebracht wurden im Zuge der Etablierung zumindest in Deutschland eines nationalen Mythos wie auch einer Rechtfertigung des Kolonialismus im Kontext eines sich neu verstehenden, historischen Denkens, wo dann dann überlegene und unterlegene bzw. jene „Völker“, die Geschichte schreiben und den geschichtslosen „Naturvölkern“ unterschieden wurden. “ —- Das stimmt bezogen auf die Juden so historisch nicht: Gobineau verachtete Schwarze und lobte die Suprematie des weißen Mannes, da spielten Juden aber keine Rolle. Noch der Schöpfer der „Nordischen Rasse“ und der „Rassehygiene“, Erich Ploetz, dem eine technokratische Ärztediktatur mit sofortiger Vernichtung krank oder schwächlich geborener Babies vorschwebte und der nordische Geheimlogen gründete schrieb: „Die hohe geistige Befähigung der Juden und ihre hervorragende Rolle im Entwickelungsprozess der Menschheit muss angesichts der Namen Jesus, Spinoza, Marx ohne Weiteres mit Freuden anerkannt werden…nach dem Niedergang der byzantinischen Cultur waren die Juden und Araber fast die alleinigen Träger und Hüter der Wissenschaft….De ganze Antisemitismusw ist ein Schlag ins Wasser.“(Ploetz 1895). Die Juden als „Rasse“ zogen in die biologisch systematisierte Rassenlehre erst 1922 ein, in „Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene, dem Baur/Fischer/Lenz, aus dem Hitler seine Rassenauffassungen bezog. Lenz bezeichnete sich später als den eigentlichen Begründer der NS-Weltanschauung und wurde 1946 in Göttingen zum Professor für menschliche Genetik berufen.

  13. momorulez November 17, 2011 um 8:18 pm

    Das ist nicht richtig. Das ging alles im 19. Jahrhundert schon los, Gobineau war eine Folie, die dann auch auf Juden projiziert wurde. Schlag ich noch mal nach. Weiß jetzt nicht mehr, ob z.B. auch Chamberlain schon rassistisch oder „nur“ kulturtheoretisch argumentierte, aber da gab es solche. Und das ganze fand im Rahmen eines Funktionswandels des Nationsbegriffs von der Partizipationsgemeinschaft zur Kulturnation statt, auch, um Bismarcks Einigung ohne Demokratie unter Vorherrschaft des Adels Preußens zu etablieren, und Verbände wie die Alldeutschen rührten die Propagandatrommel. Ich weiß, das ist Dein Spezialgebiet, aber meine Professorin vom Institut der Geschichte der deutschen Juden hat das vollumfänglich bestätigt. Quelle war vor allem Helmut Berding, Der moderne Antisemitismus.

  14. che2001 November 17, 2011 um 10:15 pm

    @“Und das ganze fand im Rahmen eines Funktionswandels des Nationsbegriffs von der Partizipationsgemeinschaft zur Kulturnation statt, auch, um Bismarcks Einigung ohne Demokratie unter Vorherrschaft des Adels Preußens zu etablieren, und Verbände wie die Alldeutschen rührten die Propagandatrommel.“

    Das Alles ist unstrittig, nur in die sich als „wissenschaftlich“ verstehenden Rassentheorien fand das erst nach dem Ersten Weltkrieg Eingang. Da wurde aus politischer Propaganda von Kathedern verkündete Schulbiologie und entfaltete dann eine völlig andere, totale Wirkungsmacht.

  15. momorulez November 18, 2011 um 1:19 am

    Ja, das radikalisierte sich dann auf allen Ebenen, auch bei den „Verbänden“ – gegen den „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“ waren die Alldeutschen noch irgendwie kultiviert.

    Die Grundlagen wurden aber von mir aus in einem „geisteswissenschaftlicheren“, populäreren Feld vorher gelegt und dann noch mal auf ein neues Niveau gehoben, meine ich mich zu erinnern aus meinen damaligen Studien. Will da auch gar nicht auf dem Feld wildern, wo Du Experte bist, glaube halt immer, dass die „wilhelminische“ Vorgeschichte im Kolonialkontext so wichtig ist, auch, um die Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Antisemitismus zu begreifen, dass die Vorbereitung dessen, was Du meinst, im 19. Jahrhundert deutlich machen kann, in was für Konstellationen wir uns im Grunde genommen immer noch bewegen.

  16. momorulez November 18, 2011 um 9:35 am

    http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_de_Lagarde

    Der hier ist noch wichtig; müsste auch da nachschlagen, ob er schon Rasse-Lehren adaptiert hat. Überdeutlich freilich die Genese des „modernen Antisemitismus“ im Zuge des deutschen Mitspielenwollens beim Imperialismus. Schon deshalb ist diese „Antiimp“-Sprechweise so dämlich, selbst wenn Antisemiten im RAF-Kontext sich selbst so nannten. Wer pro Imperialismus votiert, ist pro Lagarde 😉 … und nun den Zionismus ausschließlich im Imperialismus-Paradigma zu diskutieren ist zumindest historisch eine groteske Verdrehung, auf beiden Seiten der hiesigen (!!!) Diskussion. Ein Kommentar zu aktuellen Siedlungsbewegungen ist das freilich nicht.

    Chamberlain, den Schwiegersohn Richard Wagners, suche ich noch mal raus.

  17. che2001 November 18, 2011 um 9:51 am

    Gobineau, Chamberlain und Lanz von Liebenfels werden meist als die Urbegründer des NS-Rassenwahns genannt, im engeren Sinne waren das aber viel eher „wissenschaftliche“ Sozialdarwinisten wie Haeckel, Ammon, Schallmayer, Ploetz, Fischer und Lenz, die heute kaum noch jemand auf dem Schirm hat. Fischer war insbesondere auch Vertreter des Kolonialrassismus („Die Rehobother Bastarde und das Bastardisierungsproblem beim Menschen“) und bezeichnete Schwarze als „minderwertig“. Die NS-Machtübernahme wurde von ihm später, da war er Rektor der Berliner Humboldt-Universität, als biologisch notwendige Erb-und Rassenpflege des Staates bezeichnet.

    Vor „Euthanasie“ und Shoah fand übrigens, das weiß heute auch niemand mehr, die Zwangssterilisierung der „Rheinlandbastarde“ (Nachkommen schwarzer französischer oder belgischer Besatzungssoldaten aus Westafrika oder Kongo und deutscher Frauen) statt.

  18. che2001 November 18, 2011 um 9:57 am

    In dem Lagarde-Artikel wird auf Lehmann hingewiesen; der war für die Popularisierung rassenhygienischer Vorstellungen ganz eminent wichtig, ich würde sogar sagen, dass ohne Lehmann der NS-Rassismus nicht denkbar gewesen wäre. Alles Biedermänner und Bildungsbürger.

  19. momorulez November 18, 2011 um 9:59 am

    Womit wir sozusagen unsere Aussagen wieder zusammen geführt haben.

    PS: Der Chamberlain-Artikel bei Wikipedia ist zu schlecht, um ihn zu verlinken. Da wird aber auch darauf verwiesen, dass er den Gobineau mit Sozialdarwinismus kombinierte, den antisemitischen Rassewahn mit begründete und von Distributoren wie dem Bildungs- und Besitzbürgerklüngel der Alldeutschen verehrt wurde. Was dann die Vorgeschichte dessen ist, was Du meinst und was sich dann als „Wissenschaft“ inszenierte im Kontext einer Diskussion um „Degeneration“. Und aufersteht bei Sarrazin, Wolfssohn und den „Antideutschen“ gleichermaßen. Und Döpfner. Und „spätrömischer Dekadenz“. Weil die ganzen Stereotypen rund um „Ostjuden“ auch der Vergessenheit überantwortet werden, die zum“zersetzenden Geist“ und den „jüdischen Kaffeehausliteraten“ und den „verjudeten Bolschewiken“ gezielt ausgespart bleiben und stattdessen fortwährend das antisemitische Vorurteil vom „Börsenjuden“ ausgerechnet von vermeintlichen „Freunden Israels“ reproduziert wird.

  20. che2001 November 18, 2011 um 11:00 am

    @“Was dann die Vorgeschichte dessen ist, was Du meinst und was sich dann als „Wissenschaft“ inszenierte im Kontext einer Diskussion um „Degeneration“. “ — Das war noch etwas anders. Eigentlich war das eine von kulturkonservativen, rassistischen, homophoben und frauenfeindlichen Vorurteilen geprägte Debatte um Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Der Erste Weltkrieg hatte unzählige Kriegsinvalide hinterlassen, und in psychiatrischen Kliniken waren Zehntausende InsassInnen verhungert. Das führte zu Überlegungen zur Vernichtung „überflüssiger Esser“. 1922 erschien die „Freigabe der Tötung lebensunwerten Lebens, ihr Maß und ihre Form“ von Binding und Hoche, damals ein Bestseller. Der NS-Rassenwahn dockte an etwas an, was damals mainstream opinion in der Medizin war. Grafiken, die einen deutschen Arbeiter zeigten, der ein Joch trug, auf dem drei „Geisteskranke“ saßen waren in den Zwanzigern bis zu Wohlfahrtsverbänden und KPD verbreitet, die Vernichtung sog. „Ballastexistenzen“ gesellschaftsfähig. Die Nazis haben das dann auf Juden und Sinti und Roma ausgedehnt. Die sollten erst der Anfang sein.Geplant war, die gesamte slawische Bevölkerung Polens und des Baltikums auszulöschen, 20 Millionen Menschen.

  21. momorulez November 18, 2011 um 11:12 am

    Ja, aber das doch, weil andere schon das Paradigma für so was geschaffen hatten. Ich sehe die Zäsur nicht, die da immer immer behauptet wird. Natürlich war der 1. Weltkrieg eine recht drastische, aber die Art, wie von rechts diese >Erfahrung gedeutet wurde, die bewegte sich auf bestelltem Terrain.

  22. che2001 November 18, 2011 um 11:17 am

    Die Frage ist, ob das Alles ohne den Ersten Weltkrieg und die deutsche Niederlage in diesem passiert wäre. Eugenik gab es ja auch in den angelsächsischen Ländern, im Gegensatz zur deutschen Rassenhygiene lief die aber nicht auf Völkermord hinaus, wohl aber auf Zwangssterilisierungen plus Züchtungsprogramm einer normierten Menschheit.

  23. momorulez November 18, 2011 um 11:47 am

    Und die haben ja deutlicher im kolonialen Kontext weiter agieren können und hatten zudem demokratische Traditionen. Ohne wäre es wohl nicht passiert, aber es war ein Interpretationsrahmen vorbereitet, in dem eine Radikalisierung statt finden konnte. Nicht, weil irgendwer das geplant hätte, sondern weil verschiedene Entwicklungslinien sozusagen kulminierten. Hinzu trat halt noch der sich verschärfende Antikommunismus. Für ist das so was wie sich steigernde Eskalationstufen, der 1. Weltkrieg fand ja nun auch aus Gründen statt.

  24. ziggev November 19, 2011 um 8:39 am

    eine solche von schlechtem Gewissen angetriebene Selbstgerechjtigkeit breitet sich endemisch aus, nach dem Motto: viel hilft viel, weil sie, wie jedes Wahngebilde, ein Leiden an eben diesem Wahn erzeugt, welches nur durch eine Erneuerung des Wahns vermieden werden kann. den Wahn ganz aufzugeben wäre ebenfalls nicht so angenehm in Deutschland. so würde ich versuchen, die Psychologie dieser Erscheinung zu sklizzieren. – ich weiß, eigentlich ein Gemeinplatz, ich jedenfalls habe lange gebraucht, um darauf zu kommen.

    den Vorwurf an die deutschen Linken hatte ich immer so aufgefasst, dass ihr Amtiamerikanismus ursprünglich und bis jetzt/damals stalinistisch geprägt (gewesen) sei, welche Prägung zur Verharmlosung der eigenen Schuld am Holocaust geführt habe/führe. Der Vorwurf: Selbstgerechtigkeit. (beim Begleitpersonal von Reisegruppen, Klassenreisen, in die DDR mit vorigem Auschwitzbesuch recht deutlich.) Auch wenn der Antiamerikanismus der Linken in Teilen gerechtfertigt war und insofern sicherlich vom Vorwurf des Stalinismus freigesprochern werden könnte. Würde nun aber vielleicht dieser ‚Selbstgerechtigkeit‘, welche ja vorgeworfen wird, durch die „Vereinnahmung“ des Antiamrikanismus durch „Friedensbewegte“ mit der Zeit nicht das Wasser abgegraben werden und wäre der sog. ‚Histoprikerstreit‘ dann nicht schon kalter Kaffee gewesen? die linke „Selbstgerechtigkeit“ – begründeter oder nichtbegründeter Antiamrikanismus – saß mit leeren Händen da. auch schon, so mein Eindruck, als der Iraq-Krieg losging…

    * *
    Zwischenspiel

    I don´t knowt: http://youtu.be/OjmjS23bEBM?t=3m14s

    Friedensbewegung: „3. Weltkrieg: Deutschland wird zerstört und verstrahlt, und dann vergessen die UDSSR u. d. USA, den Krieg fortzuführen: ‚Eben gerade erst den letzten Krieg verloren und dann das!'“

    *Ende Zwischenspiel*

    …schließlich lautete doch realistisch der Verdacht, die Friedenbewegung sei kommunistisch unterwamdert und nicht, sie sei kommunistisch ?

    möglw. würde also ein tradierter, in einigen unbekümmerten Gemütern unbefragter „kommunistischer“ Antiamerikanismus in vielleicht linken Kreisen die Entwicklung, um die es dir geht, gefördert haben. unbekümmerte Gemüter – zu denen ich mich von einem späteren Standpunkt aus gesehen eine ganze Zeit lang hätte zählen müssen, nicht gerade spezifisch in diesem Fall. bei mir halt so gewesen, dass die sich nicht weiterentwickelt habenden jungspunthaften Keime politischen Denkens, was für mich hieß, bloß hingenommene und angeeignete Sichtweisen zu hinterfragen, lediglich die eigenen „linken“ „Sichtweisen“ auf den Prüfstand stellen konnten. hinzu kam, dass linke anfingen mich persönlich zu nerven mit Sachen, Phrasen etwa, die klar aus linkem Kontext stammten, aber dann sich etwas aufs Sexualleben bezogen (weil irgendwie polituisch kann ich mich in das Leben anderer eibnmischen), was ich bis heute übelnehme – unverbesserlicher Romantiker 😉

    mit anderen Worten: der klassische Selbstgerechtigkeitsvorwurf gegen die Linke erweist sich als recht zahnlos, wenn „[…] es auch in der Friedensbewegung der frühen 80er unbestreitbar pauschal antiamerikanische Züge [gab], weil unter anderem mit teils nationalistischem Einschlag versucht wurde, historisch geläutert das „gute Deutschland“ …“ wie kommt es aber zu dem von dir benannten Phänomen der Selbstgerechtigkeit? Wie du zurecht fragst! dies hier von mir nur so grobe Überlegungen, denn diese Stelle brachte mich etwas in Grübeln.

    Im Jazz, wenn ich einen beteiligten Musiker fragte, wie er die Session gefunden habe, hörte ich oft die Antwort: ja, … es gab ein paar schöne Momente. (was ja auch stimmte.) der Rest des Gesprächs konnte sich dann auf das Niveau insgesamt beziehen. Vielleicht gab es diesen Moment, wo alles „gut“ war, sehr wohl aber, finde ich, darf man sich an jene Zerit zurückerinnern! Ausläfer davon habe ich ja auch mitbekommen, eher die Lagerfeuerschiene, mit Klampfe und Liedern, und Frauen, hennergefärbt, schwarzgewandet, Fingernägel gleiche Farbe, und fraulicher Gesang, wenn ich so sagen darf. der kleine ziggev durfte zuhören, und bewunderte … 😉

  25. momorulez November 19, 2011 um 10:16 am

    Das mit der „5. Kolonne Moskaus“ (Geißler) und der „kommunistischen Unterwanderung“ der damaligen Friedensbewegung, die ja immer wieder mit irgendwelchen Stasi-Verschwörungstheorien untermauert werden soll, die den „Krefelder Appell“ initiiert hätte, das war ja die Propaganda der Gegenseite. Ich erinnere mich an eine massive Abgrenzung gegen die DKP (allerdings nicht von Degenhardt 😀 ), eine starke Solidarisierung mit „Schwerter zu Pflugscharen“ usw..

    Und der Antiamerikanismus, den ich meine, war ein Fortschreiben der „Kulturnation“ mit Mitteln des Bildungsbürgerdünkels. Das kam in „Amerika“ von Fee damals am deutlichsten rüber. Die tiefe, europäische Tradition der Dichter und Denker gegen das durchkommerzialisierte Plastik-Amerika und dessen „Oberflächlichkeit“ und Geschichtslosigkeit. Um gleichzeitig Joan Baez zuzujubeln und sich aus Töpfen der US-Gegenkultur zu speisen. Während ja zeitgleich Punk dagegen opponierte, very british, trotz Ramones und so.

    Und es gab nicht den Zeitpunkt, wo alles gut war, wohl aber den, da man noch zugleich Rassismus und Antisemitismus kritisierte und auch nicht im Welterklärungsmodus Schwarzen und Juden erläuterte, was Rassismus und Antisemitismus sei und was nicht.

    Es wurde damals übrigens auch viel denkoffener Black Music gehört. Die Youngster machen das heute ja auch wieder. In den Kiffer-Discos auf dem Lande liefen die Commodores, Maze, James Brown, War und Kurtis Blow. Wie nachhaltig auch bei The Clash oder den Talking Heads Black Music Bezugspunkt war, das ist im Zuge der Punk-Erinnerung zugunsten „weißer“ Gitarrenmusik in der eigenen Geschichtsschreibung schlicht verschwunden. Beim Rock’n’Roll oder Beat ja ganz ähnlich – man erinnert zuerst Elvis, die Stones und die Beatles, und damals fanden dann alle toll, dass Joe Cocker „wie ein Schwarzer singt“. Super, kann man ja vielleicht gleich das Original hören? Im Grunde genommen ist die Dylan-Linie, bei Degenhardt ja auch, als eine Vorstufe zur Hochkultur kanonisiert, und die schwarze Musik aufs Arschwackeln reduziert worden in der Erinnerung.

    Und zeitgleich, also in den frühen 80ern, war ja auch Folk sehr präsent, und da dann immer auch jüdischer. „Hava Nagilah“, ich weiß nichts über die Geschichte des Liedes, das wurde aber im Kibbuz-Kontext gehört, war z.B. omnipräsent.

  26. ziggev November 19, 2011 um 11:32 am

    also für mich gesprochen, mir war immer klar: warum die Kopie (Elvis, zaghafte Rock ´n´Roll-Versuche aus England, gar deutsche, …) hören, wenn es die Originale gibt. Ja, ich war auch in der Landdisco, dass James Brown gespielt wurde, war ja wohl selbstverständlich. Ich kenne aber auch den Musikertyp, der in der Bildzeitung von der Großen Aufregung um John Lennons Tod las, dachte, das muss wohl wer gewesen sein, Gitarre und Singen lernte, und jetzt von der Musik lebt.
    Aber wie jetzt mit der „linken“ Selbstgerechtigkeit? Gut, in meinem persönlichem Assoziationsraum dehnt sich dieser Begriff immer weiter aus. Von Deiner Fragestellung erhoffe ich mir, sie möge helfen, einiges ans Tageslicht zu befördern, sofern es Antworten gibt, wodurch ich mir dieses Phänomen, das mich irgendwann die linken als immer abstoßender erscheinen ließ, besser erklären kann. Ist es vielleicht nicht doch einfach nur „Psychologie“ ?

  27. che2001 November 19, 2011 um 2:30 pm

    Hava Nagila ist nichts Anderes als die hebräische Urform von „Gaudeamus igitur“, ein reines Feier- und Freudenlied nicht nur der Juden, sondern auch der Roma und Gypsies und der früheren wandernden Studenten und Handwerksburschen. Mich wundert, was Du da über den Kibbuz-Kontext schreibst. Diesen positiven Bezug auf den Kibbuz als kommunistische Gemeinschaft kenne ich vom Hörensagen und aus der Literatur als etwas aus den Sechziger Jahren und aus meiner Grundschulzeit (erste Hälfte Siebziger) als Position meiner LehrerInnen, die altersmäßig von vor der 68er Generation waren. Innerhalb meiner eigenen Alterskohorte wurde unter Linken Israel hauptsächlich als rasistisches Apartheidregime wahrgenommen, nicht nur unter AntimperialistInnen, sondern bis weit in die Grünen und Jusos hinein. „Kampf dem Faschismus, ob Apartheid oder Zionismus“, das kenne ich so als Standardparole der Linken aus den Siebzigern und Achtzigern (Um Missverständnissen vorzubeugen, ich habe das nie vertreten). Als linken Standard aus dieser Zeit kenne ich auch die Einordnung Israels in die „Trias der imperialistischen Frontstaaten und Siedlerregime“: Apartheid-Südafrika, Pinochet-Chile und Israel. Und das wurde unter den Linken, mit denen ich so zu tun hatte dann kombiniert mit der Verteidigung des unbedingten Existenzrechts Israels als Zuflucht der Juden: Israel als Staat verteidigen, aber zugleich die reale Politik Israels bekämpfen.

    Unsereins machte da nicht mit, sondern hatte eine genuin sozialrevolutionäre und antinationalistische Position:

    http://che2001.blogger.de/stories/386740/

    Ja, Rassismus und Antisemitismus wurden gleichzeitig kritisiert, ohne Paternalisierung, aber dass Zionismus als eine Form von Rassismus angesehen wurde ist mir sehr vertraut, und nicht nur Palis, sondern gerade afrikanische Linke tun das ungebrochen von 1967 bis heute ganz massiv.

  28. momorulez November 19, 2011 um 4:10 pm

    @ziggev:

    Ich glaube, da gehen Psychologie und Privilegienstruktur eine unheilige Allianz ein.

    @Che:

    Dies mit dem Kibbuz als Sehnsuchtsort war in meinen Umfeldern einfach verbreitet, und mit dieser Musik, auch „Donnah, Donnah“ und so, ergab das eher ein Assoziationsfeld. Ich kann mich an die von Dir skizzierten Positionen in meinen Umfeldern nicht erinnern, erst später, dazu war man auch viel zu geprägt von, unterschwellig, Kritischer Theorie und der Literatur von Mühsam bis Else-Lasker Schüler. „Zionismus“ war für mich – und ab von der Siedlungspolitik ist das auch noch so – die nahe liegende Antwort auf die Diaspora. „Safe Place“ für Juden, die anderswo verfolgt werden. Das war ein ziemlich positives Israelbild. Die Position der „afrikanischen Linken“, was immer das ist, finde ich da auch, na, etwas dem Aufbauen von wieder mal Sündenböcken für ganz andere Prozesse, und dafür wird von den Neocons über Springer usw. ja auch alles getan.

    Was nun gar keine Aussage über israelische Rechte impliziert, die ich so Scheiße wie alle Nationalisten und sonstwie Rechten überall auch finde. Was, ähnlich wie Du es schreibst, dann auch jederzeit ermöglicht, konkrete Politik Scheiße zu finden. Habe auch noch nie bei irgendwem irgendwas gelesen, was diese so mörderisch verhakte Situation mit den Palästinensern, die wie jedes Individuum auch ein Existenzrecht haben, irgendwie hätte aufdröseln können. Aber vielleicht kommt das ja hier noch 😉 …

  29. che2001 November 19, 2011 um 7:05 pm

    Genau dazu kommt bei mir oder auf Shifting Reality demnächst was von mir, brauche nur etwas zeit dafür, die ich soooo im Moment nicht habe.

    @“Die Position der „afrikanischen Linken“, was immer das ist, finde ich da auch, na, etwas dem Aufbauen von wieder mal Sündenböcken für ganz andere Prozesse“ —- unterhalt Dich mal mit alten ANC-Kämpen oder Leuten von der South African Communist Party oder auch der nigerianischen MOSOP über Israel. Das ist da mehr oder weniger unhinterfragte Traditionsposition, dass Israel als rassistischer Siedler- und Besatzungsstaat in kolonialistischer Tradition angesehen wird. Auch in der deutschen Antira-Szene aktive ExilantInnenorganisationen wie The Voice sehen die Meisten das nicht anders, die sind da auf ganz traditioneller Antiimp-Linie.

  30. momorulez November 19, 2011 um 7:12 pm

    Was dann freilich auch einen neuen Aspekt formuliert, wieso die Kritik von Rassismus und Antisemitismus auseinander drifteten 😦 … und auch keine sonderlich hilfreiche Variante, Kolonialismusfolgen anzuprangern. Israel hat eine ganz spezielle Geschichte, selbst wenn es aus einem britischen Protektorat hervor gegangen ist, die mit anderen Kolonisierungsfolgen doch gar nicht vergleichbar ist. Das würde ich dann auch unter Antisemitismus verbuchen.

  31. che2001 November 19, 2011 um 7:46 pm

    Deren Perspektive ist halt die, das weiße Zuwanderer aus Europa die autochthone palästinensische Bevölkerung unterjochen. Das ist meines Wissens auch die Position der OAU und des Regimes in Kuba, soweit ich weiß sieht man das auch in Pretoria so. In Anbetracht der Shoah unglaublich verkürzt und unhaltbar, aber sehr weit verbreitet.

  32. momorulez November 19, 2011 um 8:34 pm

    Hier für alle Interessierten noch mal der Wikipedia-Eintrag zum Zionismus, einfach, weil die meisten gar nicht wissen, wann und unter welchen Bedingungen dieser sich formierte:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Zionismus

    Da musste ich eben beim noch mal lesen ständig schlucken, auch angesichts des Verhaltens der Briten wie auch der schlichten Tatsache, dass außer Schweden und Frankreich kein Land Auschwitz-Überlebende aufnehmen wollte. Darauf spielt Achmadingensbums ja immer an, wenn er meint, man könne doch in Europa einen jüdischen Staat errichten, Israel sei schließlich die Folge europäischer Probleme, was ja auch stimmt – die großen Flüchtlings-Wellen auch vor der Shoah waren die Folgen von Pogromen. Da hat damals selbst Broder gewitzelt, ein jüdisches Schleswig-Holstein könne er sich auch vorstellen. Umgekehrt ist das im Grunde genommen neben der schlichten Tatsache, dass zumindest meines Wissens in „Palästina“ immer auch Juden lebten, ja eher eine Bündelung von Flüchtlings“problemen“ gewesen, die nach einvernehmlichem Beginn dann unter kolonialen Bedingungen zunächst lauter Lichtenhagens und Hoyersverdas erlebten, mit der Differenz, dass sie das Land kauften von arabischen Großgrundbesitzern (die Ölbäume aber nicht, was wohl zu Konflikten führten) – und dem Ziel der Staatsgründung, um auch mal Mehrheit zu sein. Was dann so gelöst wurde, dass ein schmaler Streifen Land jüdisch wurde und der viel größere Teil Jordanien. Was nun echt eine sehr, sehr spezifische Geschichte ist; es hat immer wieder historisch im kolonialen Kontext Vertreibungen und Umsiedlungen gegeben, aber ich wüsste jetzt keine vergleichbare selbst dann, wenn man sich nur die Zeit bis 1935 anguckt.

    So fremd ist mir das ja nun auch nicht, was Du schreibst. Ich blende das im Kolonialkontext lieber aus, weil dessen ökonomische und psychische Folgen so verheerend sind, dass es auch ein bißchen billig ist, sich als satter, weißer Hamburger da hin zu setzen und Leuten, die unter kolonialen und postkolonialen Bedingungen aufgewachsen sind, jetzt einen vom Pferd zu erzählen. Und leide dann stumm, weil ich das im eigenen Interesse der Gruppierungen, die Du aufzählst, so unsinnig finde, nun ständig der CIA und anderen Verbrechern auf den Leim zu gehen und sich ständig auf Israel zu konzentrieren.

    Interessant ist das am Ende zu Finkelstein, der in anderen Zusammenhängen mir eher als Ober-Neo-Reac über den Weg lief. Also die Feststellung, wie die Rechten in Israel und die Arschlöcher in Hamas und Co von wechselseitiger Machtsicherung profitieren.

    Es hat gerade eine Umfrage in Ludwigslust unter Schülern gegeben, dass lediglich 7% oder so einen Juden oder eine Jüdin zum Freund haben wollen würden. Da können sich dann ja all die „linken afrikanischen“ Gruppen Gedanken machen, also die hiesigen, ob das nicht was mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Position zu tun haben könnte. Das ist doch alles nur „teile und herrsche“. Bei diesem Homonationalismus-Thema damals waren auch Akteuere aus Kanada dabei, die mit dem Antirassismus-Argument die Gay Community ködern wollten, sich pauschal gegen Israel zu positionieren, und man fragt sich ja mittlerweile, welcher Geheimdienst sich das nun wieder ausgedacht hat. Der Mossad wohl kaum. So was ist doch totaler Scheiß. Man kann sich auch mit palästinensischen Opfern solidarisieren, ohne antisemitisch zu werden.

    Alles Scheiße.

  33. momorulez November 19, 2011 um 8:46 pm

    Und hier noch der Herr Dührung als weiterer Vertreter des wilhelminischen Rasseantisemitismus:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Eugen_Dühring

    Das, was da zusammen gefasst steht, ist in „Mein Kampf“ so übernommen worden, und diese Vorstellung, nur „Parasiten“ zu ein, weil sie ja sonst nix zustande bringen würden, wurde auch in vielen antimuslimischen Schriften übernommen.

  34. Nörgler November 19, 2011 um 11:45 pm

    Sachma Ziggev, kannst Du nicht EINMAL irgendwie oder so oder wie auch immer nur EINEN Gedanken formulieren, so, dass Du nicht mäanderst und antikonzis rumseierst, dass es nur so seine Art hat, und Du Dir vielleicht ein wenig Mühe gibst, Deine breiartigen Ergießungen in irgendetwas zu bringen, das näherungsweise „Form“ genannt zu werden nicht gänzlich fehlginge. Könntest Du dem Gedanken Raum geben, dass Deine Leser keine Unsterblichen sind, denen es egal sein könnte, wieviel Lebenszeit Du ihnen abschneidest. Ansatzweise Substanz in Deinem Denken ist durchaus vorhanden, aber Du verdünnst es nach der Maßgabe der Homöopathie, eben so eins zu einer Million. Und das geht gar nicht.
    Die Nörgler-Empfehlung: Fünf Jahre Schweigen im Web, entsagungsreiches Selbststudium der kanonischen Werke der Erkenntniskritik – Return of The Ziggev im Jahre 2016. Ich freue mich darauf!

  35. Nörgler November 20, 2011 um 12:18 pm

    „ … diese so mörderisch verhakte Situation mit den Palästinensern“

    Der israelische Staat definiert ein „Palästinenserproblem“, weil das das Problem ist, das er braucht. „Die Juden“ allerdings brauchen überhaupt kein „Palästinenserproblem“, und sie wissen das – einer der Gründe für die Massendemonstrationen in Israel.
    Die Funktionalitäten dieses „Problems“ für den Nationalstaat sind freilich so gewichtig, dass wir seit Jahrzehnten beobachten, wie noch jede israelische Regierung peinlichst auf dessen Erhalt achtete. Das „Palästinenserproblem“ wird gehegt und gepflegt. Es wird geschützt vor seinen Feinden, die es beseitigen wollen. Wehe, wenn UNO, USA oder wer auch immer die Problemlösung voranbringen möchten: Problemlöser ist allein der Nationalstaat vor Ort. Dass der aber die einzig mögliche Problemlösung durch einen – dann konkurrierenden – anderen Nationalstaats nicht will, liegt im Begriff des Nationalstaats selbst. (Dass in Sachen Konkurrenzbegriff Jahr um Jahr ich tauben Ohren predige, habe ich inzwischen so akzeptiert, wie die Sterblichkeit meines Körpers.)

    Da aber gibt es ein Problerm. Der terminus ad quem des Nationalstaats, das, was er eigentlich will, ist die Endlösung des Palästinenserproblems. Weil das – The whole world ’s watching – operativ nicht umsetzbar ist, agiert man engagiert unterhalb dieser Schwelle. Als neulich die UNO in die Problemlösung frech sich einmischte durch die völkerrechtliche Aufwertung der Palästinenser, reagiert der Nationalstaat 24 Stunden später mit dem Beschluß der nochmals verschärften Übergriffigkeit auf Ostjerusalem – Problemkultivierung durch Definition.

    Während verdruckste deutsche Shoaschlechtgewißler leider auch in diesem Thread – Israel gut wegen Auschwitz – zeigen, dass antideutsche Gesittung auf die „Anti“deutschen nicht beschränkt ist, und da könnte man Rhizom auch mal an den Stellen lesen, die einem nicht gefallen, erklärt der jüdische Historiker Illan Pape „Die ethnische Säuberung Palästinas“. Broder flippte aus, weil ihm die Dekonstruktion der israelischen Staatsidee nicht gefiel. Lesen bildet: Obwohl historisch-real es ‚eigentlich‘ garnicht möglich war, hat Karl Kraus 1912 in seinem antizionistischen Essay „Eine Krone für Zion“ es schon vorausgewußt.

  36. ziggev November 20, 2011 um 2:33 pm

    @ nörgler. Ja, sehe es ein: Soviel Denkfaulheit ist schon etwas frech. Neulich bei „Lesen!“ habe ich ebenfalls ziemlich verschwafeltes Zeugs hinterlassen, in letzter Zeit wurde das immer schlimmer – so schlimm, dass ich mich fragte, ob sich das noch steigen lasse. Aber danke für diese prägnante Kritik. Es freut mich, dass du dir über meinen – z.z. in der Tat beklagenswerten – Geisteszustand Gedanken machst, so treffend formuliert, dass ich nicht anders konnte, als ziemlich laut zu lachen. Anders kannst du es vermutlich gar nicht. Ja, es war wohl mal Zeit hierfür und es sei dir unbenommen, systematisches Nichtgenügen auch nur der geringsten Qualitätsanforderungen zu beklagen. Erleichtert lese ich natürlich, dass ich dir zufolge noch hoffen darf, und danke für den Therapievorschlag. Vielleicht sollte ich die Derivate meines mäandernden Rumgeeiers in ein bad blog auslagern; versprechen, dass ich ganz verstumme, kann ich dir leider nicht.

  37. momorulez November 20, 2011 um 3:12 pm

    @Nörgler:

    Na, ich lese bei Rhizom schon auch das, was mir nicht gefällt, es überzeugt mich aber nicht immer 😉 – das, was Du schreibst, auch nur zur Hälfte. Weil hinsichtlich der abstrakten Kritik des Nationalstaates ich Dir ebenso folgen kann wie bei dem konkreten Bedürfnis von Personen und Institutionen, das „Palästinenserproblem“ permanent zu produzieren, um dann auch schlimme „Lösungswege“ hervor zu bringen.

    Umgekehrt ignoriert das ja völlig, was Che weiter oben schreibt. Und im Gegensatz zu manch „Antideutschen“ glaube ich zwar nicht, dass jeder „Araber“ sozusagen ein „Antisemitismus“-Gen in sich trägt, aber schon, dass es in weltweit einen sehr massiv auftreten könnenden Antisemitismus GIBT, und dass ein Staat als „Safe Place“ für Juden da einfach in einer noch über Nationalstaaten organisierten Welt eine vernünftige Antwort ist für die, die da leben möchten. Dieses Gefühl, sowieso immer überall in der Minderheit zu sein, um dann auf einmal Objekt der Diskreditierung zu werden, wenn es ökonomisch kriselt, das kenne ich ja nun auch ganz gut.

    Habe übrigens kein „schlechtes Gewissen“ wegen der Shoah. Hätte ja selbst den rosa Winkel angepappt bekommen.

    Du lässt, wie fast alle, die das Thema diskutieren, einfach die eine Seite weg. Als gäbe es da nur den Akteur „Nationalstaat Israel“ und nix drumherum.

  38. momorulez November 20, 2011 um 6:30 pm

    http://www.ich-bin-co.de/index.php?topic=337.0;wap2

    Das mit der Giraffen- und der Wolfssprache lässt mich gerade gar nicht los, weil das auf so vieles verweist, was hier seit Jahren die Diskussionen prägt, wir sind ja alle Meister des Wölfischen; manchmal werden aber Aussagen auch gar nicht verstanden, sondern ins Wölfische übersetzt: Das ist eine homophobe Struktur wird als Vorwurf „Du Arschloch bist homophob!“ verstanden, zum Beispiel. So dass es binnen kurzem unmöglich ist, noch über Homophobie zu reden.

    Nun hat Rosenberg dieses Konzept wohl entwickelt, nachdem er sich als Jude in einem schwarz dominierten Viertel (in einer weiß dominierten Gesellschaft) seiner Haut erwehren musste. Deshalb passt das vielleicht hierher.

    Vielleicht auch, weil ja „Bedürfnisse“ in der Geschichte der Linken ein durchaus zentraler Begriff war. Was für mich an dem Punkt umkippte, da freudomarxistisch irgendwelche Leute um die Ecke kamen und von „wahren Bedürfnissen“ quatschten. Die dann meistens auch „natürliche“ vermeintlich wären, und schon war die Therapeutokratiemaschine angeworfen. Ich bin dann mit Habermas auf ein Konzept der Rechte ausgewichen, wie viele, die z.B. das bedingungslose Grundeinkommen fordern. Was dann aber fälschlich oft als „Grundbedürfnisse“ verstanden wird, und dann kommen Gerichte an und referieren, welche Bedürfnisse man einfach so haben darf – welches hierzulande welche sind, die im Weltmaßstab nur wenigen zuteil werden. Und zudem fragt man sich das ja, wieso ein Hartz IVler nun kein Bedürfnis nach einer Villa haben können darf. Es wird dann ganz viel protestantischer Bescheidenheit operiert, als hätten wir nicht längst einen Stand der Produktivkraftentwicklung erreicht, der auch global ganz andere Möglichkeiten böte.

    Insofern: Statt nun schon in der Problembeschreibung – „der israelische Nationalstaat will die Endlösung des Palästinenserproblems“ – anzusetzen, kann man nicht einfach mal bei den konfligierenden Bedürfnissen ansetzen? Nicht, dass das nun in Israel irgendwas bewirkt, wenn man hier schwadroniert, aber im Grunde genommen haben Juden in Israel ein Sicherheitsbedürfnis und finden es Scheiße, wenn ihnen Selbstmordattentäter um die Ohren fliegen. Und Palästinenser haben doch auch nur das Bedürfnis, eine Zukunft und die Möglichkeit von Wohlstand und Sicherheit zu leben.

    Klar, dem stehen dann die ganzen wölfischen Formen entgegen, vor allem Machtinteressen. Aber geht man mal klassisch links davon aus, dass das gewissermaßen auch verlagerte Bedürfnisse sein KÖNNTEN oder vielleicht auch eine Ersatzhandlung dafür, das ein Konzept von Macht ohne Konkurrenz nicht gedacht werden kann in politischen Konstellationen? Was ja zumindest mal eine andere Fragestellung ist als dieses ewige „bestimmte Kritik“, das ständig jene Zustände beschwört, die es kritisiert, und dadurch stabilisiert.

    Habe mich das auch nach dem Rostock-Spiel gestern gefragt – was sind das eigentlich für Bedürfnisse, die ein halbes Stadion dazu bringen, zu bejubeln, dass da beinahe Menschen abgefackelt wurden? Dahinter muss doch irgendeine Degradierungs-, Verletzungserfahrung stehen, die durch unsere Anwesenheit in deren Stadion hervor gekitzelt wird. Womit ich jetzt nicht den potenziellen Opfern die Schuld geben will, ganz und gar nicht, aber das sind Fragen, die ja rund um das Israel-Thema wichtig sind. Die ganze Kolonialerfahrung stellt ja eine derart durchgreifende Verletzung dar, und was sehr häufig kommt, ist „Die Juden dürfen sich alles erlauben, und wir werden fortwährend bestraft. Den Irak bomben sie platt, wenn eine Uno-Resolution das erlaubt (die es in diesem Fall noch noch nicht mal gab), und Israel kriegt eine Resolution nach der anderen und wird nicht sanktioniert.“

    Das ist neben konkreter Gewalterfahrung auch ein zutiefst verletztes Gerechtigkeitsempfinden – aber kann man das nun Israel anlasten, wo das Bedürfnis eins nach Sicherheit ist und auch das, nun nicht wie sonst überall auf der Welt mit antisemitischen Stereotypen konfrontiert zu werden und im Falle von Krisen ggf. das eigene Haus abgefackelt zu bekommen?

    Ich glaube, auch wir hier stellen Fragen ständig falsch, und das ist der Grund für die historische Schwäche der Linken.

  39. Nörgler November 20, 2011 um 8:24 pm

    Wie wir Fragen richtig stellen:
    Wer hat hat Sows „Deutschland SchwarzWeiß“ gelesen? Wer hat Wallraffs Film „Schwarz auif weiß“ gesehen? Wer hat Ilan Pappes „Die ethnische Säuberung Palästinias“ gelesen?
    Du, Momorulez, schonmal nicht. In dieser Sache bist Du ein läppischer Poser. Du solltest Dich ein wenig zurückhalten in einer Angelegenheit die Deine nicht ist. Insoweit darfst Du Dir „die historische Schwäche der Linken“, mit der Du herumwedelst, sonstwo verorten. Einfach mal die Klape halten.

  40. momorulez November 20, 2011 um 8:38 pm

    Nein, Nörgler, Du hast gar nicht verstanden, was ich schreibe.

    Versuchs doch mal! Ist vielleicht nicht leicht, noch mal den Schlater im Kopf umzulegen, wenn man schon so lange Ingrimm lebt. Nix ist mir egaler, als ob Du in mir einen Poser siehst 😉 …

  41. Nörgler November 21, 2011 um 8:07 am

    Das mit dem „Poser“ und der gesamte 8:24 war Quatsch, ziehe ich zurück.

  42. momorulez November 21, 2011 um 9:39 am

    Okay! Angenommen! Hab Dich lieb 😉 … wirklich!

  43. Nörgler November 21, 2011 um 11:26 am

    Das freut mich … wirklich!
    _____________________________

    „ … aber im Grunde genommen haben Juden in Israel ein Sicherheitsbedürfnis und finden es Scheiße, wenn ihnen Selbstmordattentäter um die Ohren fliegen.“
    „– aber kann man das nun Israel anlasten, wo das Bedürfnis eins nach Sicherheit ist und auch das, nun nicht wie sonst überall auf der Welt mit antisemitischen Stereotypen konfrontiert zu werden und im Falle von Krisen ggf. das eigene Haus abgefackelt zu bekommen?
    Ich glaube, auch wir hier stellen Fragen ständig falsch, und das ist der Grund für die historische Schwäche der Linken.

    Muß ich daraus schließen, dass die „Anti“deutschen mit ihren Fragen und Antworten die starke Linke sind?

    „ … nun nicht wie sonst überall auf der Welt mit antisemitischen Stereotypen konfrontiert zu werden.“
    Nichteinmal das stimmt. Einwanderer aus Rußland schmieren Hakenkreuze an und in Synagogen und verbreiten auch sonst Angst und Schrecken. Unvorstellbar, dass dergleichen in D nicht verfolgt und geahndet würde. Aber im „Schutzraum“ berichten Opfer, dass die Polizei sich weigert, ihre Anzeigen entgegenzunehmen.
    Der Grund ist die Staatsraison. Der Nationalstaat ist am Zustrom gebrauchsfähiger Bürger interessiert, und da möchte man nicht durch unschöne Nachrichten Einwanderungswillige abschrecken. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Der israelische Staat stellt seine Raison über die Bekämpfung des Antisemitismus! Aber der Depp, der auf dem Nationalstaatsproblem rumreitet, bin ja ich.
    http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/309018

    Wenn ich Äußerungen lese, die einer irgendwie gearteten Besonderheit des Juden das Wort reden, dann habe ich damit ein Problem.
    „Du lässt, wie fast alle, die das Thema diskutieren, einfach die eine Seite weg. Als gäbe es da nur den Akteur ‚Nationalstaat Israel‘ und nix drumherum.“
    Jessasmaja, meine Nationalstaatskritik ist die absolute Minderheitenposition. Die Mehrheitsgesellschaft hierzulande inkl. der Linken vertritt die jüdische Besonderheit in den Varianten Philo- und Antisemitismus.
    Erklär doch mal das „drumherum“, das nichts mit dem Nationalstaat zu tun haben soll. Der israelische Staat ist der Akteur, der darauf besteht, allein über das Wohl und Wehe der Palästinenser zu entscheiden. Das ist Grund der Mißachtung der Resolutionen, nichts sonst.

    Kommen wir zum nächsten Topos der nationalstaatlichen Propaganda. Schon richtig: Die Juden in Israel – und übrigens auch die nichtjüdischen Israelis, nichtwahr – finden es Scheiße, wenn ihnen die Selbstmordattentäter um die Ohren fliegen. Deshalb demonstrieren sie auch gegen eine Politik, von der sie verstanden haben, dass sie der Garant für Selbstmordattentate ist. In Israel weiß man nämlich, dass die Attentate innerhalb der Hamas hochumstritten sind, und man weiß, dass sie eine Reaktion auf die gezielte Tötung von Hamas-Häuptlingen sind. Vorher gab es das nicht. Eine Erklärung der Regierung ‚Wir hören mit den gezielten Tötungen auf, wenn ihr mit den Selbstmordattentaten aufhört‘ würde zum sofortigen Attentatsstop führen, weil die Attentatsfraktion in der Hamas sich nicht mehr durchsetzen könnte.

    Nur für den Fall, dass Du das anders sehen solltest: Israel ist nicht der Staat der Juden. Er ist der Staat der Israelis.

    Eine weiterer Spruch, bei dem ich wie bereits gesehen ganz unruhig werde, ist der „Schutzraum“. Denn man muß lange suchen, bis man auf eine vergleichbar groteske Kontrafaktizität stößt. Hätte ich Kinder, dann entspräche die Gefahr, dass sie mitsamt Schulbus in Luft fliegen, nicht zwingend meinen väterlichen Vorstellungen von Schutz. Israel ist kein Schutz- sondern ein Gefährdungsraum. Nirgendwo auf der Welt sind Juden so gefährdet wie in Israel. Dafür gehen die Israelis (lt. Umfragen 97% Zustimmung in der Bevölkerung) auf die Straße: dass der Staat endlich eine Politik macht, die die Bürger schützt.

    Schwer, Nationalstaatsverstehern es klarzumachen: Der Nationalstaat, jeder, beruht auf der Vernutzung der Bürger für seine Interessen. Daher ist die Rede vom „Staat der Juden“ nicht nur sachlich falsch, sondern fatal: Denn wäre Israel der Judenstaat, dann wären die Verbrechen, die er begeht, ‚typisch jüdisch‘. Die materialistische Kritik des Nationalstaats ist nicht nur sachlich richtig und rational geboten. Sie ist auch die beste, letzte und einzige Verteidigungslinie dagegen, dass es heißt: „So sind sie halt, die Juden.“

  44. momorulez November 21, 2011 um 11:36 am

    Na, die „Antideutschen“ sehen ja nun auch wieder nur die eine Seite und antworten ihrerseits mit einem typisch deutschen Rassismus, Nationalismus und wildem Kriegsgeschrei . Deshalb haben die auch zumeist Unrecht. Da ist gerade ein Sammelband erschienen, der dann den Islam als Träger der „deutschen Ideologie“ behauptet, blöder geht ja gar nicht 😀 …

    Und ich sehe keine „Besonderheit von Juden“, aber sehr wohl eine Besonderheit jüdischer Geschichte, die der Gründung Israels vorgängig war. Finde da auch Verweise auf Karl Kraus 1912 wenig hilfreich, immerhin sind die, die nach Israel gegangen sind, ja nun mal der Shoah entronnen.

    Ansonsten zeig mir mal, wo ich das, was Du dem Gebahren des Nationalstaates dort diagnostizierst, irgendetwas Gutes abringe. Das taucht schon im Eintrag selbst auf, dass ich da aber ganz erheblich vieles Scheiße und kritikwürdig finde. Ich glaube aber, dass man den andernorts produzierten im Sinne spezifischer Interessen instrumentalisierten Antisemitismus einfach so weglassen kann bei dem Thema.

    Es gab ja neulich den sehr beeindruckenden Aufruf von palästinensischen Jugendlichen, der gar nicht so weit weg war von dem, was ich hier schreibe.

  45. Nörgler November 21, 2011 um 11:59 am

    Die Besonderheit der jüdischen Geschichte bestreite ich nicht. Aber ich bestreite, dass sie im israelischen Staatshandeln eine Rolle spielt. Der Palästinenserstaat wird nicht wegen „Palästinenser“ verhindert, sondern wegen „Staat“. Wenn ich als Nationalstaat ein Gebiet kontrolliere, werde ich den Teufel tun, daraus das Gegenteil zu machen: einen zweiten Staat, der dann mit mir konkurriert.

  46. momorulez November 21, 2011 um 1:54 pm

    Da muss ich dann auch tatsächlich passen, so tief stecke ich da nicht drin, um das beurteilen zu können.

  47. Pingback: drüben beim Che gab´s wieder eine Diskussion, in der Linken Selbstgerechtigkeit vorgeworfen wurde « wortanfall

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s