Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wenn sich manifestiert, was zu viele gleichzeitig denken ….

Magischer FC!

Das sagt sich so leicht dahin. Man mache sich jedoch klar, was es bedeutet, dieses Vokabular, das die Wiedergewinnung der Aura durch Verzauberung der Welt beinhaltet. Max Weber, Walter Benjamin, ihr wisst schon.

Auch da haben ja die christlichen Kirchen voll hin gelangt. Alles nur noch in den Regalreihen esoterischer Buchhandlungen vorhanden und zuvor brutalstmöglich ausgemerzt. Was das auch mit Kolonialgeschichte zu tun hat, brauche ich nicht extra zu referieren.

Und das, als sei nicht noch das Abendmahl ein im Grunde genommen magischer Akt. Dass da wirklich Menschenfleisch gegessen würde und der Teilnehmer Gottessohn-Blut zu sich nimmt, davon geht kein Gläubiger aus, glaube ich zumindest – und doch dient es der Manifestation des Glaubens selbst in der Gemeinde. Oder so ähnlich. Bin da nicht mehr soooo fit. Können ja Kundige erläutern, was ich da falsch verstehe.

Auch ein Schutz-Zauber wie die Taufe oder das Gebet selbst ist nicht so fern dem magischen Ritual. Letzteres freilich haben Priester und andere Gelehrte ganz dem Banne schwarzer Magie zuschlagen wollen. Geht man freilich davon, dass jeder Zauber die Formel „Allen zu Nutzen, niemanden zum Schaden“ beinhalten solle, so sieht die Sachlage ganz anders aus. Schwarze Magie ist ja nur, wenn sie schaden möchte. Und sowieso ist „schwarz“ und „weiß“ da schon wieder so ein Sich-Tradieren auch ganz anderer Sichtweisen.

Insofern haben sich die Inquisteure und deren Nachfolger und andere schlimme Leute schlicht der Konkurrenz entledigt, als sie Hexen verbrannten, Two Spirits Hunden zum Fraß vorwarfen und in afrikanischen und amerikanischen Regionen „aufräumten“.

Um dergleichen sinnvoll auf das Fussballspiel übertragen zu können, nicht die Inquisition, sondern den Nutzen aller, muss man ihn freilich auf den Genuß des Spieles selbst beziehen. Sonst wäre der Verlierer immer der Geschädigte. Was kein schöner Gedanke ist.

Von einem spannenden Spiel haben hingegen alle was. Der Feind des Nutzens beim Fussball ist die Langeweile, nicht das Verlieren, die sich an die Stelle des Lustgewinns schiebt. So im Sinne von Aristoteles, Lust und Unlust. Genau das verstehen die so genannten „Erfolgsfans“ nicht. Erfolg ist der Spaß am Spiel möglichst aller gleichermaßen, nicht das Ergebnis. Würde sich diese Erkenntnis durchsetzen, hätten wir ein anderes politisches System.

Und langweilig war es am Samstag nicht, finde ich. Trotz Klettfussball.

Vorteil bei Heimspiel ist die enorme Energieanballung des Heimpublikums, von rituellen Gesängen unterstützt. Die kann mächtig auf das Spiel wirken. Also, mir hat dieses „Wir sind Ooooooooooooooooohooooooh St. Pauli“ wieder so was von guten gefallen; wer immer da trommelt, macht das richtig gut, und ein milder Trance in schamanischer Tradition entsteht dabei ja annähernd notwendig. Wenn nicht gerade eine Katholikin dazu kommt und die Trommel weg nimmt. Hatten wir hier neulich schon.

Manche Stadionordungen sind ja eine Entsprechung der Katholischen Kirche – selber mit Weihrauch fackeln und an Kerzen rumzündeln, aber wenn geneigte Freizeit-Druiden ihr Räucherwerk zur rituellen Beschwörung der Elemente-Göttinnen nutzen, um dann Propagandaschlachten zum moralischen Niederringen zu entfachen, manchmal meint man, es würde schon über spanische Stiefel für Fans sinniert.

Na ja. Zum Ritual im Trance gehörten dann auch die Vision und die Imagination, eine entfesselte Vorstellungskraft, die notfalls real das hervor bringt, was man im Geiste ausgestaltet. Die, passt man nicht auf, Paradoxien erzeugen kann.

Womit das Spiel auch erzählt wäre: Vor der Halbzeit dachten alle Boys in Brown, „Scheiße, jetzt kein Tor mehr fangen, jetzt kein Tor mehr fangen“, und da der Kosmos Negationen, somit das „kein“, nicht versteht, vernahm er „vor der Pause ein Tor fangen, vor der Pause ein Tor fangen“, und, siehe da, die Botschaft manifestierte sich. Von Angst getränkt.

Dann zwei tolle Tore, Saglik, ich habe es Dir so gegönnt!, und gefreut haste Dich auch wirklich mit diesen dekorativen Pink-Pflastern auf dem Rücken, was war das denn für ein Zauber?, Daube, prima, und alle schunkelten sich ein. Selbst die Haupttribüne stand klatschend, diesmal war da wieder richtig was los, und statt Botschaften an den Kosmos zu senden, versanken fast alle St. Paulianer in ein gefährliches Spiel der Autosuggestion. Passiert ja häufiger bei uns. Auch bei politischen und Antidiskrimierungsfragen ist nicht immer alles so, wie sich der Durchschnitt-St. Paulianer das selbst suggeriert.

So manifestierte sich allseits der Eindruck, spätestens nach der gelb-roten Karte, nun sei  das Spiel vorbei und schon gewonnen. Da kann weder Kosmos noch Eros noch Psyche helfen: So spielten sie dann auch, juchhu, schon gewonnen!; und der Ball war drin. In unserem Tor.

Tja.Dumm gelaufen. Manchmal materialisiert sich halt was falsch. Aber wenn wir lange genug „ooooooooooooohoooooooooh St. Pauli“ singen, erhöht sich bestimmt die Präzision. Wir sind schließlich der magische FC!

Advertisements

9 Antworten zu “Wenn sich manifestiert, was zu viele gleichzeitig denken ….

  1. Pingback: Gegengeraden-Gerd: Jetzt rede ich! » » Klettfußball

  2. Gegengeraden-Gerd November 8, 2011 um 1:27 pm

    Nix für Klettgedanken mal wieder :-). Aber man streckt sich. Und das Vergeigen aufgrund der Nichtexistenz kosmischer Negation nehm ich sofort in mein Argumentationsarsenal für den Tribünen-Smolltook auf.

  3. Pingback: Tägliche Presseschau des magischen FC, 08.11.2011 | Blutgrätsche Deluxe

  4. Janni November 8, 2011 um 2:06 pm

    Ja, so ein geiler Chant! Der schwappte (meine ich) schon beim letzten Heimspiel von der Süd ins Millerntor.

    An der alten Försterei war er DAS Highlight. Nach Abpfiff, vor der Mannschaft, die trommeln, der Rhythmus…. So voller Energie, so ‚anders’… Kurz: einfach geil.

    BTW: das ist doch die Melodie von „schwule Mädchen“ der fetten Brote. Kann mich an den weiteren Text des Originals gerade gar nicht erinnern… Steckt da (noch mehr) Botschaft dahinter?

    PS: Wie so oft ein toller Text, danke!

  5. momorulez November 8, 2011 um 2:14 pm

    Gern geschehen 😉 … und dass das „Schwule Mädchen“ ist, ist mir gar nicht aufgefallen. Hier der Link, für den Text:

    http://www.youtube.com/watch?v=kawitbXsJIs

    Wenn der Bezug da zur Song-Aussage nach mit drinnen steckt, um so besser 🙂 …

  6. momorulez November 8, 2011 um 2:19 pm

    @Gegengeraden-Gerd:

    Das mit der „Kosmischen Negation“ bzw. deren Nicht-Existenz ist insofern verblüffend, auch wenn es gerade der letzte Schrei auf dem Eso-Markt ist, weil man tatsächlich völlig anders denkt, wenn man sich nicht immer auf das bezieht, was man NICHT will. Umformuliert: Wenn man sich auf das bezieht, was man will. Doppelte Verneinung hebt sich halt auch kosmisch auf 😀 …

    Das werden mir jetzt zwar alle Verfechter Hegels wie auch der radikalen, bestimmten Kritik übel nehmen, aber das wäre im Rahmen des FC St. Pauli auch darüber hinaus eine spannende Frage, sie mal so zu stellen 😉 …

  7. Gegengeraden-Gerd November 8, 2011 um 2:27 pm

    Keine Sorge, obwohl bestimmter Verfechter der Radikalkritik nehm ich das überhaupt nicht übel. Das mit Hegel regel ich dann am Tresen, wenn ich ihn mal wieder treffe. Sind ja ungefähr gleich alt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s