Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: November 2011

Vom „Triggern“ und „Safe Places“

Unter PoC und Feministinnen hat sich die Üblichkeit formiert, „Triggerwarnungen“ auszusprechen, bevor man einen Link setzt. Wenn also zur Demonstration der kritisierten Phänomene auf beispielsweise rassistische Karrikaturen oder frauenverachtende Darstellungen verweist, ist vorher zu warnen, weil diese etwas auslösen können – in der Regel die Aktivierung Diskreditierungs- und Diffamierungserfahrungen, durch die Mensch zu dem wurde, was Mensch heute ist.

Das wird ja immer unterschätzt, dass all diese internalisierten Stereotype und Abwertungen im negativen Sinne persönlichkeitsbildend sind und Mensch sich erst mal durch sie durchkämpfen muss, um überhaupt ein Gefühl von Selbstwert im ganz buchstäblichen Sinne zu entwickeln. Das ist übrigens auch und gerade bei Klassismus Unterworfenen der Fall.

Irgendwann, wenn Mensch sich da lange genug durch gebissen hat, entsteht die Sehnsucht nach „Safe Places“. Also Orten, wo Mensch unbehelligt bleibt von all diesem Mist und einfach so sein kann, wie Mensch ist, ohne nun ständig zur Disposition gestellt zu werden. Also nicht diesen „Auslösern“ ausgesetzt zu sein, die schlechte Erfahrungen in Vergangenheit und Gegenwart aktivieren.

Ich glaube, es entspricht dem Selbstverständnis des FC St. Pauli und eines großes Teils der aktiven wie sonstigen Fans, ein solcher Ort für PoC, Schwule und Frauen zu sein.

Gestern fand eine solche Selbstverständnisdiskussion statt im „Ballsaal“ des FC St. Pauli. Justus vom Fanladen moderierte grandios z.B, die Frage an, wieso sich PoC im Stadion wie auch in relevanten, instituionellen Strukturen des Vereins insbesondere da, wo es um Macht geht, so selten nur finden.

Fabian Boll berichtete differenziert und teils fast schon ergreifend, wie es ist, Polizist zu sein und in Rostock dem geballten Hass der dortigen Community als Spieler ausgesetzt zu sein. Das Traurige ist ja, dass große Teile der dort in Drohgebärden und Hass-Gesängen sich ergehenden Personen das noch freuen würde, wenn sie hörten, dass ihre Versuche, Angst und Schrecken zu verbreiten, Wirkung zeigen. Die holen sich vermutlich im stillen Kämmerlein einen runter darauf, weil sie sich dann so mächtig fühlen.

Nun ist gegen Masturbation eigentlich nichts einzuwenden. Das sah die katholische Kirche und andere Saft-Theoretiker lange Zeit anders. Der Terror, dem Heranwachsende sich ausgesetzt sahen, damit diese sich nicht einem spielerischen Umgang mit den je eigenen Genitalien übten, war beträchtlich. „Hand über der Bettdecke“ vor dem Einschlafen war noch die harmloseste Varinate. Im Film „das weiße Band“ ist beispielsweise zu sehen, wie einem Jungen die Hände nachts fest gebunden wurden. Herr Kellogs, meines Wissens auch Erfinder der Cornflakes, hat wahre Foltermaschinen erfunden, die Schmerzen bei Mädchen und Jungs verursachten, um Onanie zu unterbinden.

Weil alles Sexuelle, das nicht dem „seid fruchtbar und mehret euch“ diente, brutal unterbunden wurde. Auch durch das Kreiieren von Horror-Sznenarien rund um Teufel und Hölle, Schuld und Sühne wurde mittels des Erzeugens von Angst buchstäblich Herrschaft ausgeübt, auch im ökonomisch höchst rentablen Sinne. Michel Foucault geht so weit, die These zu formulieren, dass noch die Psychoanalyse im Paradigma der Beichtpraxis situiert sei und durch Sprechenmachen und Abgrenzung gegen die „Perversen“ normalisieren würde.

Mittlerweile tritt zumindest in unseren Breiten sie oft sanftmütig und friedvoll auf, regiert freilich in Rundfunkräten und in Parteien verortet und durch eine sehr weit gehende, staatlich geförderte, oft bewundernswerte karitative Infrastruktur in diesem Land mit. Opus Dei-Mitglieder treten als Gutachter der Bundesregierung bei verfassungsrechtlichen Fragen auf. Weltweit – z.B. in Spanien – bringt die Katholische Kirche, selbst tief in den Klerikalfaschismus unter Franco verstrickt, Tausende von Menschen auf die Straße, um gegen Homo-Rechte zu protestieren. Sie beschränkt sich nicht etwa auf individuell gültige Glaubenslehren, sondern wirkt direkt auf staatliche Institutionen ein, um Menschengruppen zu entrechten.

Ich kenne keinen Schwulen, es mag sie geben, der von der unterschwellig christlich indoktrinierten „Schuld und Sühne“-Welt frei wäre, von all diesem Gesabbel, dass das „widernatürlich“ sei, was man will. Und habe bei fast allen, die ich kenne, die darauf folgenden Probleme teils hautnah und sehr intim erleben dürfen, durch diesen Quatsch geprägt zu sein, wo man nur Lust und Liebe sucht und sich die Subjektivierungsweisen der Kirchen (und anderer) dazwischen drängeln und am Finden hindern. Was in vielen Fällen angesichts der christlichen Schuld und Sühne-Schwurbel durchaus auch „Heterosexuellen“ auf andere Weise vielleicht ähnlich geht. Vielleicht ist das im Osten anders, keine Ahnung – in Ländern wie Polen, die sehr katholisch geprägt sind, ist es für Schwule tatsächlich die Hölle. Die auf Erden.

Offiziell päpstliche Doktrin ist, dass man „homosexuell“ zwar „sein“ dürfe, es jedoch nicht leben solle. Weil es der „natürlichen Ordnung“ widerspräche. Was nicht biologistisch, sondern unter Berufung noch nicht mal auf die Bibel, sondern auf vormoderne Naturrechtslehren, die demokratischen Prozessen und Rechtssetzung vorgängig seien, begründet wird. Hat der Papst gerade im Bundestag betrieben und wurde dafür noch allseits gefeiert, war auf allen Kanälen zu sehen.

Nun gehe ich gestern auf eine Veranstaltung zur Frage „Warum gehe ich zu St. Pauli?“, und auf dem Podium sitzt neben der Vertreterin des Aktionsbündnisses gegen Homophobie ein Vertreter der Katholischen Kirche. Ich habe das als Zumutung empfunden. Ich habe selbst nichts gesagt, weil ich antizipierte, dann sofort eine  Debatte über die „intoleranten Schwulen“ am Hals zu haben. Trigger! Dann wäre ich drin im Machtschema, ließe ich mich darauf ein. Somit wurde ich freundlicherweise den ganzen Abend wieder mit diesem Müll konfrontiert, den man loszuwerden versucht Zeit seines Lebens. Einfach weil der da saß.

Der Herr wurde auch angesprochen auf die Doktrinen seines Dienstherren und antwortete sinngemäß, „schwule Sau“ zu rufen sei nun nicht im Sinne der christlichen Nächstenliebe zu verstehen.  Ließ also die offizielle Doktrin, die kraft päpstlicher Verfügung gilt, weg.

Äußerte sie aber wohl Ring2 gegenüber, der für mich sozusagen in den Kampf zog, dass Sexualität, die nicht der Fortpflanzung diene, nicht Gottes Wille sei.

Rumps. Rechte Agitation am Millerntor und meines Erachtens ein klarer Verstoß gegen die Stadionordnung. Im Falle der Homophobie-Frage ist priesterliches Ornat nichts anderes als Thor Steinar-Klamotten.

Ich bin vehementer Verfechter der Religionsfreiheit und habe vollstes Verständnis dafür, dass gläubige Katholiken, die Bedürfnisse verspüren, mit Kerlen zu poppen, diesen dann nicht folgen. Sie können gerne glauben, was auch immer sie wollen.

Das Problem ist, dass das umgekehrte Verständnis NICHT von katholischer Seite aufgebracht wird und sie stattdessen finanzstark gegen Leute wie mich agitiert.

Ich finde, das ist mir als schwulem Fan am Millerntor nicht zuzumuten, dass ich dem ausgesetzt in einem Raum, der sich als „Safe Place“ definiert. Hier gelten laut Vereinssatzung noch einmal andere Regeln als gesamtgesellschaftlich.

Ich habe das Bedürfnis, davon nicht behelligt zu werden, auch dann, wenn der andere Schwule im Ballsaal die Sache anders sehen sollte. Ich bitte die sich für solche Veranstaltungen aufopfernden Vertreter der aktiven Fanszene, in solchen Fragen in Zukunft etwas sensibler zu agieren.

Was ich hier NICHT referiere, ist die Frage, wie die Katholische Kirche in Geschichte und Gegenwart mit Frauen umspringt und umgesprungen ist und welche Rolle die Missionsgeschichte in der brutalen Kolonisierung spielte selbst da, wo eine Christianisierung der Unterworfenen sogar funktioniert hat. Nicht, weil das nicht mindestens genau so wichtig wäre, das ist es aber so was von. Das hebe ich mir für weitere Einträge auf.

Sich in die Zukunft träumen …

Menschen können durchaus liebenswerte Wesen sein. Ja, wirklich!

Geben sie sich hin dem Schöpferischen, verspielt, voller Spaß und Basteldrang, kommen da zum Beispiel Bananen bei raus. Überlebensgroß, also in Relation zur lebenden Banane, aus Pappe. Mit der Spieler schwenkend final sogar herrlich jubeln können.

Während in manchen ostdeutschen Hass-Communities ja von der lauten Mehrheit nix weiter gelernt wurde als ungezügelter Konsumismus und dass man mit den Ergebnissen der Überproduktion besinnungslos wahlweise um sich wirft oder auf Menschen schießt (0der in unserem Fanshop gekauftes zu verbrennen) , setzten sich gewitzt St. Paulianer in ihre WG-Küche oder sonstwo hin und gestalteten ein formschönes Ding in Gelb aus Pappe, um es im Stadion hoch halten zu können. Verbrachten damit Zeit, anstatt shoppen zu gehen. Das liest sich jetzt ironisch, ist aber gar nicht so gemeint. Weil das ja wirklich auch eine Form von Erfüllung ist, Dinge in die Welt zu setzen. Hannah Arendt hat nicht umsonst zwischen Herstellen und Arbeit unterschieden in „Vita Activa“.

Das wird bei all den Debatten um Massenarbeitslosigkeit und Finanzkrisen ja immer vergessen, dass diese Tätigkeiten, die man um ihrer selbst willen tut, weil sie Spaß machen und auch anderen Spaß machen können, mit Entfremdung zumindest nix am Hut haben. Die Vorstellung, was in dem Bananenbastler vor ging, als er sie in die Welt setzte, also, die hat mich gestern schon erfreut.

„Erfreut“. Es gibt nicht nur keine Sprache der Liebenden und Sexpraktiker, die sich wahlweise Kitsch oder Vulgärem entzieht, es gibt auch kaum Worte für „Freude“ und ähnliches. Klar, all dieser abgeleitete Kram wie „Cool!“, „geil!“, aber das sind ja Bewertungen eines Ergebnisses. „Ich fühle mich gut!“, ja, es gibt auch „begeistert“ und so, aber mir scheint, dass die Poesie des Negativerfahrunginspracheumsetzen vielleicht ausgefeilter ist`?

Habe ich eigentlich schon mal berichtet, wie angenehm es ist, bei Regen überdacht zu sitzen? Nicht minder hinreißend gestern die erneuten, zu Trance führenden Chöre auf der Süd: Das für mich neue „Allez St. Pauli“ oder so, dass wirklich so was von immer wieder gesungen wurde, so dass es herrlich vom trüben Spielgeschehen ablenkte, das wird Hekate und die anderen aus den Ober- und Unterwelten gefreut haben.

Ich war durch pures Lauschen schon kurz davor, nunmehr Elfen und andere Andersweltwesen zu sehen. Driftete in zauberhafte Traumwelten, Kreatives Visionieren tat sich auf,  ich schreib jetzt aber nicht, was ich sah 😀 – leider wohl auch bei den Spielern, an vorderster Front der Herr Sliskovic, dessen erträumte Passverläufe wohl eher Zukunftsvisionen denn der gegenwärtigen Wirklichkeit entsprachen.

Dresden spielte klarer, konzentrierter, besser. Zu der Abwesenheit der Fans von Dynamo hat Pathos93 treffendere Worte gefunden; irgendwie ging das Spiel in die zweite Halbzeit, nachdem als kleiner Aufreger ein Rostocker im Geiste einen Schal eben dieses Vereins verbrannte in der Halbzeitpause auf der Süd und dafür ein zu Recht wütendes Pfeiffkonzert erfuhr.

Das Spiel ging irgendwie weiter und die Dresdener verdient in Führung; der Eindruck, ohne Gästefans zu spielen, verflog sofort. Insbesondere auf den Business-Seats und am anderen Ende der Haupttribüne ballten sich gar viele, eine Loge war bereits zu Beginn des Spiels ganz schwargelb geflaggt.

Was ja zu dem Thema „Business-Seats“ auch noch von Relevanz ist: Dass offenkundig im Zuge des gemeinschaftlichen Geschäfstfreundeausfluges das Publikum am Millerntor regelmäßig supportunwillige „mal Fussball gucken“ wollende Gästeanhänger anzieht, was in der ersten Liga noch viel schlimmer und auch unangenehmer war. Dass das sozusagen inoffizielles Vereinsziel geworden zu sein scheint, diesen Prozess der leidenschaftslosen Austauschbarkeit nur dann nicht zu forcieren, wenn es um „Fan-Anleihen“ geht, das bedarf der Betonung.

Dass die Mannschaft bei diesem Plan noch nicht völlig mitzuziehen bereit ist, das wurde auch noch gezeigt. Ist ja kein Zufall, wer die Tore schoss. Eben die, die das lieb gewonnen haben, worum es bei uns ging. Bisher.

Trotz alledem ließ eine gewisse Gleichgültigkeit die alte Euphorie nicht mehr wirklich aufkommen. Weil wir keine Underdogs mehr sind. Auch keine neue Feststellung, aber so vieles an Drive der letzten 11 Jahre FC St. Pauli zehrte von eben diesem Gefühl, die Kleinen zu sein, die es den Großen zeigen.

Das wollte noch nicht mal mehr in der 1. Liga aufkommen – stattdessen träumt die Mannschaft streckenweise davon, wie Barca zu spielen und dümpelt ein wenig das ausprobierend, aber nur sehr punktuell beherrschend, über den Platz, immer mal erwachend, zumindest bei Heimspielen spielen sie so halbschattig; die Geschäftsführung träumt vermutlich von Anrufen von größeren Vereinen, wo man so richtig ungehemmt aus dem Vollen der LED-Laufbänder und Werbedurchsagen schöpfen kann; das Präsidium davon, ungestört unter Ihresgleichen durch die Separés und V.I.P-Bereiche flanieren zu können – die Komik, dass eines der Projekte, die sich Teile dessen auf die Fahne schreiben, nun ausgerechnet das FC St. Pauli-Museum ist, fiel noch keinem so richtig auf.

Ich finde das Projekt prima; zugleich wird da das, was uns werden ließ, was wir waren, halt musealisiert, und die Gegenwart wie bei Spielsüchtigen ganz auf den sportlichen Erfolg wettend gestaltet. Empfehle dazu auch den Artikel „vom hanseatischen Wirtschaften“ in der aktuellen BASCH.

Insofern sollte Mensch vielleicht wirklich, statt – kann heute leider nicht dabei sein – EDIT: Ich kann doch! – zu fragen, warum Mensch bei St. Pauli ist, oder „Bring Back“ zu wünschen, die Frage doch eher „Was wollen wir werden?“ lauten.

Da sind ja durch schwule Antifa-Module und anderes in letzter Zeit wieder prima Akzente gesetzt worden, und wenn schon das Präsidium, abgesehen von dem höchst anerkennenswerten (!!!) und bestimmt für alle Beteiligten stressigen Stadion-Bau, so fantasielos ist, sind ja vielleicht mal Inhalte der nicht-selbstbezüglichen Form gefragt?

Sich immer nur auf das zu konzentrieren, was man nicht will, bringt dieses ständig neu hervor. Insofern sei das Werden doch wieder in unsere Hände gelegt. Wer Bananen basteln kann, kann das auch. Die Stimmung auf der JHV war schon enstprechend. Also ran da!

Fehlplanungen durch falsche Zielsetzungen

Ich hole einen Kommentar, den ich gerade beim Kleinen Tod hinterlassen habe, hier mal als eigenen Eintrag rüber:

Einen wichtigen Hinweis hat ja noch das Lichterkarussell in seiner Kommentarsektion gegeben:

Der Vertragspartner der Firma Hellmich beim Bau der Tribünen ist nicht etwa der Verein, sondern die Millerntorbetriebsgesellschaft mbH und diese ist als ausgegliederte Gesellschaft unseres Vereins nicht an Beschlüsse der Mitgliederversammlung gebunden.

Das tauchte unterschwellig immer mal auf in der Diskussion auf der JHV; z.B. auch das Bedürfnis, mal eine konsolidierte Bilanz aller Tochterfirmen zu bekommen auf Seiten des Kassenprüfers, wenn ich mich recht entsinne.

Insofern ist nicht nur die Frage, wie die Verträge aussehen, sondern wer sie überhaupt mit wem geschlossen hat. Um so dreister übrigens das Unterfangen, die A- und B-Jugend auch noch in den Verfügungsbereich der Geschäftsführung zu zerren und dem Abendblatt mutmaßlich zu diktieren, doch langsam mal den ökonomischen Bereich der „St. Pauli-Gruppe“ und den ideellen Bereich zu trennen. Herr Meeske und sein Umfeld haben schleichend den Verein annektiert und so umgebaut, dass immer mehr Subsysteme an den so anstrengenden Mitgliedern vorbei organisiert werden. Mich würde auch interessieren, ob Herr Dr. Stenger den Verein oder aber eine der Tochtergesellschaften auch beruflich vertritt oder kostenpflichtig berät, ebenso Herr Woydt. Das ist keine triviale Frage, Stenger hält ja auch Private Equity Fonds Vorträge, meines Wissens gegen Entgeld zu deren steuerrechtlicher Behandlung, meine ich zumindest gelesen zu haben, und mit Woydt zusammen dann ein Quasi-Finazmarkt-Produkt zu entwerfen, ist ja auch nicht zufällig passiert.

Die Connection UFA und Meeske bedarf zudem mal einer genaueren Untersuchung, ebenso, wo Corny noch mit mischt. Das werden die aus der Stadion AG und dem Fanräume-Team auch wissen, ich bin mir nur immer nicht so sicher, wer da die Tragweite welcher Konstruktion begreift, weil deren höchstrespektables und bewundernswertes Engagement ganz auf Fanbedürfnisbefriedigung durch Kommunikation eben dieser an „Papa“ heran getragen, psychologisch, werden, und dann bockt man, wenn man nicht kriegt, was man will. Das geht aber, zumindest so, wie ich das mit kriege, nicht an die Strukturen selbst.

Was wir freilich immer ignorieren, da hat ja der Herr Eich noch mal ausgeführt in seiner ureigenen Art, ist der Zusammenhang, der zwischen Ermöglichung der Gegengeradenstehplatzanzahl und den Business-Seats konstruiert wird. Der ja angesichts der mangelnden Auslastung ideell so gedacht sein mag, de facto aber gar nicht so funzt wie dargestellt. Aber für viele der Grund gewesen sein wird, den Antrag abzulehnen, frei nach dem Motto: „Man muss Business-Seats schon in Kauf nehmen, will man so viele Stehplätze im Stadion haben.“

Der verweist zudem auf die immense Fantasielosigkeit der Geschäftsführung. Die operieren in einem sehr kleinen Feld, eben da, wo sie sich auskennen: Finanzmarkt/Immobilienfinanzierung/Pferdeäpfeltheorie, also die Annahme, man müsse Wohlhabende ordentlich stopfen, damit für die Ärmeren hinten was abfällt. Habe echt gegrübelt, an welchen Punkten die überhaupt vom „Markenkern“ des FC St. Pauli ausgehen. Das ist bei den Stehplätzen und dem Hauptsponsor der Fall, trotzdem der mit Kolonialslogan wirbt. Und bei der Präsentation der Artikel im Fan-Shop, woebi sie da schon sehr grenzwertig vorgehen.

Wenn das so bleibt, wird sich das zu einem sehr gravierenden Problem für den Verein entwickeln. Sie erleben ja ganz ausdrücklich die Fans und Mitglieder als Hemmschuh, wie der Darstellung in der Anleihe zu entnehmen war. So lange sie sich drauf konzentrieren und dann rum jammern, was angeblich so alles nicht ginge am Millerntor in Sachen Geld verdienen, hängt jeglicher Wachstum, jegliches Geldverdienen tatsächlich am sportlichen Erfolg der Mannschaft. Weil gegen das „Produkt“ gearbeitet wird, das man verkaufen will, an das man im Grunde genommen neben ein paar Phrasen gar nicht glaubt. Und so ist ja tatsächlich das „Mehr!“ an Gebrauchswert gegenüber dem, was die Leute zahlen, irgendwann nicht mehr gegeben. Das hat man schon in der ersten Liga gemerkt, als auf einmal viele wegen des sportlichen Erfolges kamen und dann eben gingen, wenn man zurück lag. Oder bei einigen Spielen in letzter Zeit, wo wirklich Grabesstimmung über dem Stadion lag. Das hat die Distanz der Geschäftsführung zu den eigentlichen Vereinszielen und deren neue Zielsetzung „Top 25 im Profifussball“ hervor gebracht. Sie zerstören damit das, was uns eigentlich ausmacht, nämlich das Stadionerlebnis. Und es besteht die Gefahr, dass es schlicht leer bleibt, wenn es sportlich mal nicht läuft, wenn die so weiter machen. Weil sich mit dem, was die da treiben, niemand mehr identifizieren können wird, mittelfristig.

Das große Ego des Lutz Wöckener

Na, da braucht man aber schon ein ganz schön großes Ego, sich da 15 Minuten vor ein Mikrophon zu setzen und langweilig dahin zu erzählen. 15 Minuten sind für die Anzahl der Informationen auch wirklich zu lang. Immerhin wird brav referiert, was wohl in den Augen Dritter in den nächsten 12-18 Monaten auf der Agenda stehen solle: Nämlich das Verhältnis der „St. Pauli-Gruppe“ zum Verein.

Dass nun ausgerechnet ein Mitarbeiter des Springer-Verlages da Ratschläge erteilt, den ideellen vom ökonomischen Sektor zu separieren, entbehrt nicht unfreiwilliger Komik – wer auch nur ein wenig Einblick in diesen hat, wird wissen, dass gerade dort Arbeitende darunter leiden, dass es so eine Trennung gar nicht gibt, sondern eben Ideale von Ökonomen die Herrschaft dann antreten. Solche, von denen Menschen eher als Belastung eines in sich geschlossenen Systems betrachtet werden, mal ab von den Führungsriegen.

Insofern setzen wir doch im Gegenzug Sens schönes Motto „Ökonomie für die Menschen, und zwar für alle“ auf die Agenda und fordern Luxus für jeden. Da geht, man muss es nur wollen.

Gunkel for President! Von Zahlensalaten, Drohkulissen, auf halber Strecke sich in die Büsche schlagen und trotzdem einem richtig guten Gefühl.

Flashbacks. Betriebsratsgründung in einem Unternehmen, das kurz vor dem Börsengang steht. Macht sich nicht gut bei den Banken und Investoren. Die Geschäftsführung bietet ein „alternatives Gremium“ an, das „flexibler“ sei und auch „initiativ werden könne“, während ein Betriebsrat ja „nur blockieren würde“. So ungefähr der Freiheitsbegriff der Ökonomen: Ich brauche Spielraum, um zu bluffen, zu kungeln, zu vermauscheln und ggf. zu bescheißen. Nun ergab es sich, damals, als ich noch Angestellter war, dass die Belegschaft zuvor das Betriebsverfassungsgesetz gelesen hatte und heftig opponierte gegen diesen suggestiven BWL-Sprech. Und sich die Erkenntnis durch setzte, dass ein Betriebsrat sich im rechtlich verbindlichen Raum bewegt, während „alternative Gremien“ letztlich nur Spielball der Willkür der Geschäftsführung sind. Auch die Rhetorik der Frau des Geschäftsführers, eine der SpitzenverdiennerInnen im Unternehmen selbst, dass doch Betriebsräte voll uncool seien und ins zu musealisierende Zeitalter des Bergbaus gehörten, funzte nicht: Der Betriebsrat wurde gegründet.

Gestern fand die Jahreshauptversammlung des FC St. Pauli statt. Ein wenig entstand der Eindruck, dass stundenlang das Präsidium abgewatscht wurde, sich sehr schwach zeigt, um zur Hochform im Erstellen von ökonomischen Katastrophenszenarien aufzulaufen, von der sich die Mitglieder an zentralen Punkten dann auch beeindrucken ließen. Ist ja auch nicht einfach, wenn in großer Rhetorik Zahlensalate kreiert, mit widersprüchlichen Datenwerken jongliert wird, bis mit Sicherheit keiner mehr versteht, worum es es eigentlich gerade geht. So werden dann im Verlauf der Debatte aus  7 Millionen 400- bis 500 TEURO Mehr von diesem Beitrag lesen

„Love, Peace and Sympathy – St. Pauli is the place to be!“ – Ein Traktat

„Es sind vor allem drei Elemente, die Teil der Lebensentfremdenden Kommunikation sind:

“ 1. Das (moralische) Urteilen oder Verurteilen von Leuten, die sich nicht in Übereinstimmung mit unseren Werten verhalten, ebenso das Diagnostizieren, Zuschreiben und Vergleichen von Eigenschaften, die beschreiben, wie die Menschen angeblich sind (gut, schlecht, schön, hässlich, normal, abnormal, selbstsüchtig, selbstlos, verantwortungsbewusst, -los, schlau, dumm, gesund, krank, fleißig, faul, …)
2. Das Leugnen der Verantwortung für eigene Gefühle und Handlungen
3. Das Stellen von Forderungen“

(…)

 

So weit die „Wolfssprache“. Die Alternative, die Giraffensprache:

 

„1. Zuerst beschreiben wir eine konkrete Handlung, die wir beobachten und die unser Wohlbefinden beeinträchtigt. Hierbei ist es wichtig, tatsächlich eine Beobachtung zu äußern und sie nicht mit einer Bewertung zu vermischen. So ist die Aussage Du beachtest mich nicht in einer Ehe keine Beobachtung. Erstens impliziert sie eine Bewertung, ein Urteil über den anderen, und zweitens ist sie zu abstrakt und allgemein. Du hast in der letzten Woche keinen Abend mit mir verbracht spezifiziert die Aussage, ohne den anderen zu bewerten. Wird eine Beobachtung mit einer Bewertung vermischt, neigt das Gegenüber dazu, nur die Kritik zu hören. Die Chance, dass unsere Bedürfnisse gehört werden und dass auch wir die Bedürfnisse des anderen hören, verringert sich. Es kommt vor, dass trotz bewertungsfreier Äußerungen vom Gegenüber eine Kritik herausgehört wird. Hier hilft es, den anderen das Gesagte paraphrasieren zu lassen (siehe auch: aktives Zuhören).
2. Dann bringen wir unsere Gefühle mit dem in Verbindung, was wir beobachten. Wir erklären dem anderen, was wir dabei fühlen und können ihn auch nach seinem Gefühl fragen. Ob wir nun bei unserem oder seinem Gefühl bleiben, beides hilft, um in einen empathischen Kontakt zu kommen. Ich fühle mich einsam wäre hierbei die Äußerung eines Gefühls, ich fühle mich vernachlässigt dagegen die Äußerung eines Pseudogefühls. Wichtig ist es hierbei, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Manchmal reagieren wir oder andere auf bestimmte Situationen mit mehreren Gefühlen. Hier hilft es, die Gefühle nacheinander zu betrachten.
3. Nun betrachten wir Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche, aus denen Gefühle entstehen. Hinter bestimmten Gefühlen stehen nach Rosenberg immer Bedürfnisse. Vielleicht steht hinter dem Gefühl der Einsamkeit das Bedürfnis, beachtet und geliebt zu werden. Oftmals sind die Bedürfnisse aber nicht auf den ersten Blick erkennbar und bleiben uns selbst und anderen verborgen, dann können wir uns ratend den Bedürfnissen des anderen nähern. Gerade bei Handlungen oder Aussagen, die uns ärgern, hilft es uns, die dahinter liegenden Bedürfnisse zu erfragen und zu verstehen. Möglicherweise lehnen wir z. B. rassistische Aussagen ab, verstehen wir jedoch die dahinter liegenden Bedürfnisse, kommt es zur Empathie. Wir können dann unsere Wertvorstellung durchaus verteidigen, die aus unseren Bedürfnissen entspringt, ohne den Kontakt zum anderen zu verlieren.
4. Zum Schluss äußern wir eine konkrete Handlung, um die wir bitten mögen, „damit unser Leben reicher“ wird. Um Bitten verständlich zu äußern, müsse man sie mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen in Verbindung bringen. Rosenberg schlägt vor, Bitten in einer „positiven Handlungssprache“ zu formulieren. Zum einen bedeutet dies nicht zu sagen, was jemand tun oder nicht tun sollte, sondern was man sich von jemandem erbittet. Wenn ich sage: Ich möchte, dass du nicht mehr die ganze Zeit weg bist!, dann ist noch lange nicht sicher, ob verstanden wird, was ich eigentlich möchte. Je konkreter die Handlung, um die gebeten wird ist, umso besser: Ich bitte dich mir zu sagen, ob du am Dienstag Zeit und Lust hast mit mir ins Restaurant zu gehen. Auch hier hilft es, das Gesagte paraphrasieren zu lassen, um herauszufinden, ob es Missverständnisse gab“

(PS: Ich habe keine Ahnung, was das sonst für eine Seite ist, die ich da verlinke. Ich finde lediglich die Zusammenfassung des Konzeptes von Rosenberg sehr interessant).

Klar, kann auch fürchterlich nerven und selbst wieder eine hochgradig manipulative Methode werden, das Ganze. Die Möglichkeit, das völlig paradox im Sinne eine Double-Bind zu verwenden und da ziemlich Schindluder mit zu treiben, die besteht.

Ständig erleuchtete Friedlinge, die jegliche Ironie, Aggression, Neckereien usw. bleiben lassen, sind unerträglich. Das ist dann auch nicht mehr sexy.

Das Modell hilft einem zudem rein gar nichts, während man von Polizisten die Zähne ausgeschlagen bekommt oder sich einer Armee gegenüber sieht, die einen vernichten will, wenn man sich duckt und anpasst in einer Arbeitssituation, weil man die Kohle braucht oder während man sexuellen Übergriffen in einer U-Bahn ausgesetzt ist. Auch unsere Justiz ist wölfisch, ganz auf Strategien ausgerichtet.

Trotzdem lässt mich dieses Konzept der „Wolfs- und Giraffensprache“ gar nicht mehr los, weil es seit Jahren wie ein Subtext Diskussionen in diesem Blog prägt. Wenn jene um die Ecke kommen, die meinen, man müsse doch die „Leute abholen“ oder sich lieber darüber freuen, wenn freundlicherweise in Karnevalsvereinen auch mal ein bürgerliches Schwulenpärchen als Prinzenpaar  toleriert wird, zum Beispiel.

Weil zumeist das Ganze in einer assymetrischen Konstellation formuliert wird, die als solche aber so was von mit meinen Bedürfnissen kollidiert – und ich die Bedürfnisse Anderer, sich in ihrer „Toleranz“ zu mögen, als Paternalisieren erlebe. Weil die Deligitimierung von Bedürfnissen nun gerade im Falle meiner individuellen Sozialisation eine strukturell andere Rolle als in anderen Fällen spielte. Meine Bedürfnisse waren sogar bis vor gar nicht so langer Zeit verboten und werden nun oft lächerlich gemacht.

Das Ganze funktioniert nur bedingt in machthaltigen Räumen, aber selbst da ist vielleicht mehr drin, als man zunächst mal glaubt. Man kann da nicht problemlos und unvermittelt auf die politische Ebene springen. Man kann aber die Bedürfnisse zu erkunden suchen, die hinter politischen Konflikten stecken, und versuchen, diese so ins Positive zu wenden – und nicht ständig darüber debattieren, wer nun gerade welche genau haben darf. „Stell Dich mal nicht so an, Kleines!“

Beispiel ist der Schreiber-Zaun: Das Bedürfnis Obdachloser, unter dieser Brücke zu schlafen, wurde erst angegriffen, dann anerkannt. Und kurz darauf sogar eine Bedürfnisanstalt, ganz buchstäblich, geplant.

In Rostock gab es gestern Pyro – und einen Sieg. Über letzteren habe ich mich wahnsinnig gefreut. Danke, Spieler!

Schön auch der Moment, als drei Plätze weiter an der Bar Ausrufe „Wie kann der nur Bruns schießen lassen? WIE KANN DER TRAINER BRUNS EINEN FREISTOß SCHIEßEN LASSEN? Was ist denn das für ein Trainer?“, fast Rostocker Qualitäten, Bruns trat wie gewohnt elegant an und gegen den Ball, kurz darauf war er im Tor, 2:1!

 

 

Das Spiel einfach in der Stammkneipe zu gucken war ein seltsames Gefühl, nach all den Verlautbarungen bei Twitter von eingeschlagenen Zugfenstern beim Gefangenentransport an die Ostseeküste (das Lichterkarussell hat diesmal zu wirklich fast allem, was ich hier schreibe, einen zu verlinkenden Text parat, Danke auch für die Überschrift!), von Hitlergrüßen und einer recht gespenstischen Atmosphäre.

Man spürte sie beim Zugucken vor allem am Verhalten des Schiedsrichters, der erst nach dem Motto „Ich lasse mich doch nicht beeindrucken!“ erst recht eine rote Karte zog, um dann aus Angst vor extremeren Reaktionen als jenen, die da wohl eh überall  statt fanden  – homophobe Transparente, das Abfackeln von St. Pauli Fan-Devotionalien, unaufhörliches „Scheiß-St. Pauli“-Gerufe, in den die unseren wohl einstimmten 😀 ,  ich habe ein einziges Mal (!) einen Wechselgesang „Hansa! – Rostock!“ auf Sky vernehmen können – zunächst keinen Elfmeter bzw. Freistoß zu pfeiffen, Zweikämpfe nicht mehr so strikt zu ahnden, der Herr Peitzer oder wie der heißt auf Rostocker Seite hätte irgendwann wegen Gelb-Rot auch fliegen müssen -; so also die ganze Zeit auf eine durch und durch hasserfüllte Atmosphäre zu reagieren (über die auch Hansa-Fans in deren Foren trauerten, so gar nicht damit einverstanden, die hörte man halt nicht, weil die anderen so laut waren), um auch ja nichts eskalieren zu lassen.

Unsere Spieler schienen das irgendwann für sich umleiten zu wollen und düsseldorften zunehmend. Es gab Fiesheiten und Gemeinheiten bei den Rostocker Fouls, dieses ewige Wälzen der Boys in Brown nervte mich trotzdem irgendwann, das die „Stimmung“ auf den Rängen in die Opferkonstellation lenkte. Der Schiedsrichter reagierte entsprechend.

Nach unserem ersten Tor  ein schöner Bengalo bei uns im Blog, dann Leuchtraketenangriffe Mehr von diesem Beitrag lesen

„Alter Bolschewik“ über die Mikrophysik der Macht

Puuuh …

Ein streckenweise gutes Interview mit den Initiatoren der „Aktion Libero“, die an einem Punkt freilich daneben greifen, indem sie in die Falle der „Opferkonkurrenz“ tappen und vielleicht sogar noch darüber hinaus sich strecken:

„Alex Feuerherdt: Weil es zu diesen Themen schon Faninitiativen gibt, die durchaus Erfolg hatten. Zum Thema Rassismus wird seit Jahren gearbeitet und die Situation hier hat sich zumindest in den Profiligen erkennbar verbessert. Auch der DFB ist hier mittlerweile sehr engagiert. Es gibt also ein Bewusstsein dafür. Beim Thema Homophobie sieht es noch deutlich anders aus. Die Bezeichnung eines Spielers als »schwul« wird noch lange nicht so streng geahndet wie eine rassistische Äußerung. Ich erinnere an die Debatte, ob Roman Weidenfeller Gerald Asamoah als »schwarzes« oder »schwules Schwein« bezeichnet hat. Irgendwann wurde sich auf »schwules Schwein« festgelegt und Weidenfeller ist mit einer vergleichsweise geringen Strafe davon gekommen. Das bedeutet, dass eine homophobe Beleidigung als weniger schlimm eingeschätzt wird als eine rassistische Äußerung.“

Natürlich ist der Fall Weidenfeller auch weiterhin skandalös. Das nun freilich als Beleg des Erfolg von Antirassimusinitiativen hinzustellen, somit eine sehr seltsame Form des Zueinanderinbeziehungsetzens von Unvergleichbarem zu praktizieren, ist völlig kontraproduktiv und greift zu kurz, so lobenswert es wäre, wenn weder Affenlaute noch rassistische Diskreditierungen in Stadien zu hören wären.

Als Spieler erfüllen ja PoC auch die ihnen in dieser Gesellschaft zugewiesene Rolle (welche denn? Da verweise ich auf die Diskussion!) – bei Schwulen sähe das anders aus, die sind ja wahlweise Friseure, Modeschöpfer oder Travestiekünstler. Gerade patriachale Männlichkeitsvorstellungen werden hingegen häufig sozusagen an PoC deligiert und auf sie projiziert, um den „aufgeklärten Weißen“ inszenieren zu können, der das natürlich alles lääääängst überwunden hat. Da diese Klischees sowieso im Fussball inszeniert werden, die Männerbilder, passt das da auch ganz gut hin, um dann im Falle eines Deniz Naki lustvoll in diesem Stereotyprahmen zurecht weisen zu können. So mag das die Mehrheitsgesellschaft.

Eine PoC-Frau als Präsidenttin des FC Bayern München, das wäre eine Auflösung des WHM(Weiß-hetero.männlich)-Komplexes. Aber da gehen dann ja immer nicht zufällig die Witze los“, „ja, am besten auch noch lesbisch und behindert, HARHARHAR“, und manch Mehrheitsgesellschaftler ist ganz beglückt über die Herabwürdigung der Anderen mittels ach so subtilen Humors. Hat Funny van Dannen, den ich sonst sehr schätze, schon mal ein ziemlich unsägliches Lied drüber gemacht.

Problematisch ist dieses Zitat auch, weil das so mühevoll aufgebaute Aufeinanderhetzen von Schwulen und PoC da zumindest ein leise hörbares Echo erfährt. Auch eines dieser Phänomene, da die WHM-Gesellschaft ihre eigenen Strukturen sozusagen externalisiert und auf „die Anderen“ projiziert, ein Zusammenhang freilich, den die Initiatoren vermutlich nicht mit bedacht haben.

Nee, dieses „Teile und Herrsche!“ mache ich nicht mit 😉 – und, wo der eine Teil der St. Pauli-Fanschaft, vor allem das Gegengeradeen-Establishment, wohl zu Deeskalationszwecken auf Kuschelkurs mit unserem nächsten Gegner Hansa Rostock geht in Vorab-Veröffentlichungen, während sich Teile der Ultras eher auf den unsäglichen Polizei-Terror einstellen: Ich wünsch mir mal was.

Es gibt ja so Punkte, die man nicht vergisst, und während alle über die „Halsabschneider-Geste“ von Deniz Naki zusammen mit der Springer-Presse im Sinne des gerechten Volkszornes sich empörten, waren das für mich Chöre gegen die „schwulen Hamburger“ auf Rostocker Seite und dumme Witzchen auf Transparenten wie „Nicht nur der Wind bläst scharf, sondern auch Corny“, die mich nervten.

Der Konter bei uns im Stadion „Es grüßen die schwulen Hamburger“ war prima, und über diese albernen Ausfälle ärgerten sich auch einige korrekte Hansa-Fans, als man mit denen noch bei Twitter kommunizierte.

Deshalb wünsche ich mir jetzt einfach ein ganzes Rostocker Stadion, dass emphatisch und begeistert „Wir sind die schwulen Rostocker!“ singt. Vielleicht werden ja Träume wahr 😉 – ich hoffe nur, dass dann nicht das Image von Schwulen in Deutschland vollends ruiniert wird 😀 …

Wann fing es an, so aufzuhören?

Ja, ich habe tatsächlich kurz geweint, als Franz-Josef Degenhardt gestorben ist. Habe in meiner Jugend zwar viel mehr Konstantin Wecker oder Klaus Hoffmann gehört, aber Degenhardt mit seiner Schärfe, seiner poetischen Brillianz, seiner kabarettartigen Performance bei Texten wie „Es denken die Leute von gestern wieder an morgen“ und der mal so ätzend, mal so schmeichelnd intonierenden Stimme, der war auch ein wichtiger Baustein, sich mittels der im Nachhinein so oft verlachten Liedermacher in die politische Welt hinein zu bewegen im zarten Alter von 14 Jahren. Mir fehlen solche Stimmen heute, die die hochpräzise Arbeit am Wort mit politisch radikalen Botschaften zu verbinden wissen. Ich habe den schon verehrt, trotzdem meine Perspektive auf die DDR und die DKP immer eine ganz andere war.

Natürlich treten jetzt wackere Kämpfer gegen den Kulturmarxismus in Springer-Feuilletons in unverlinkbaren Texten nach und behaupten den Barden als Inkarnation des Autoritären, nach dem sich die Antiautoritären doch so gesehnt hätten – billige dialektische Schlenker jener, die gegen sprachliche Schwergewichte wie Degenhardt als stilistische Fliegengewichtler erscheinen.

Das verweist sehr indirekt auf einen anderen Punkt: Politisch unter anderem in der Friedensbewegung der frühen 80er sozialisiert zu sein, das ist für mich bis heute kein Grund zur Reue. Das Millerntorstadion betrat ich erstmal bei einem „Künstler für den Frieden“-Konzert. Ich weiß nicht mehr, wer da so alles auftrat und ob ich in meiner Erinnerung Akteure auf die Bühne dichte, die nur auf meinem gleichnamigen Doppelalbum, Mitschnitt eines Konzertes in Bochum glaube ich, zu hören waren. Der oben verlinkte Text von Degenhardt wurde auch vorgetragen, und zu hören waren so eindrucksvolle, von Leid, Hoffnung und Leidenschaft getränkte Stimmen wie jene von Esther Bejarano und Fasia Jansen:

Petra Eberhardt schilderte bei der Trauerfeier für Fasia, dass man ihr „Negerkind“ hinterher rief, sie hänselte, an den Haaren zog und mit Steinen nach ihr warf, so dass sie sich oft prügeln musste, um sich Respekt zu verschaffen. Und sie berichtete davon, dass sie ihre Hautfarbe bald so sehr hasste, dass sie sich einmal ihren ganzen Körper und die Haare mit heller Ölfarbe einrieb, um endlich weiß wie die anderen zu sein. Fasia erinnerte sich später: „Wenn wir mal zusammen in der Straßenbahn waren, und die Leute machten so höhnische Bemerkungen und Kinder fingen an ‚Owamba, Owamba, das Negerweib, huhuhu!’ – dann guckte mein Vater mich nur an und sagte: ‚Alles geistig Minderbemittelte, Fasia“. 

(…)

Ihre an Josephine Baker orientierte Hoffnung, einst ein Leben mit Musik und Tanz zu führen, wurde zunächst zerstört, als sie im Alter von elf Jahren aus der Tanzschule geworfen und vier Jahre später zum Zwangsdienst in der Küche des KZ Neuengamme bei Hamburg gezwungen wurde. Dort erlebte die Fünfzehnjährige die Brutalität der SS wie die Verzweiflung der Häftlinge, was ihre Haltung entscheidend prägte. Auch zog sie sich dort eine Herzkrankheit zu, unter der sie den Rest ihres Lebens litt.

Nach der Befreiung vom Faschismus begann sie auf den Hafenbarkassen Volkslieder und Shanties zu spielen, sang für die Touristen „Schön ist die Liebe im Hafen“, jobbte auch als Tankwärtin, Holz- und Metallarbeiterin oder verkaufte Aale.

Sind solche Persönlichkeiten im Gedächtnis vieler noch irgendwie, irgendwo, irgendwann präsent? Neben „Ikonen“ wie Nena vielleicht, deren „99 Luftballons“ heute noch jeder kennt?

Vielleicht irre ich im Nachhinein, weil freilich auch zu jener Zeit, vielleicht mehr denn je, „dank“ christlicher Milizen im Libanon, die niemand beim Massakrieren störte, die Politik mancher Akteure in Israel ungeheuer polarisierte – aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass in Fragen der Zurückweisung des Rassismus eine Oppositionsbildung zwischen Antisemitismus und anderen Formen des Rassismus erfolgte, die heute so oft und so seltsam in ein Konkurrenzverhältnis hinein gedichtet werden. Eine grauenvolle Entwicklung.

Es gab sehr wohl den – von mir so nicht vertretenen und mehr als nur dämlichen – Vorwurf, dass doch nun gerade „die Juden“ wissen müssten, wie man sich als Palästinenser fühle. Und extremere Formen dieses „Arguments“. Späte Rache an den Opfern und deren Nachkommen.

Das das Jahrzehnte später in Frankreich zu so absurden Slogans führen konnte wie jenen, dass der Antirassimus mehr Opfer als die Shoah hervor bringen würde, ist dennoch eine fatale Entwicklung. Weil mittlerweile der „Kampf gegen den Islamofaschismus“, von Think Thanks vorgebetet, den „Antikommunismus“ ersetzte.

Ich erinnere mich hingegen gut daran, wie wir vom Kibbuz als Sehnsuchtsort  schwärmten … dass wir im Zuge der Imperialismuskritik zugleich die Kolonialgeschichte, den Dreieckshandel auch in der Schule lernten, von den so oft gescholtenen linken Lehrern.

Für mich war die Präsenz, die Ehrfurcht, das Gewahrwerden von Biographien wie jener Jansens und Bejaranos, ich meine, letztere hätte das so ergreifende „Donnah“ gesungen, mittemang auch Ida Ehre, eine politische Erfahrung. Ja, die Ästhetik der Veranstaltung war eine weiße, bildungsbürgerliche mit christlichem bzw. was man damals darunter verstand Feeling, bestimmt auch voller Exotismen – trotzdem, das „teile und herrsche“ späterer Diskurse fand in meiner Erinnerung nicht statt, vielleicht irre ich wirklich. Es war zudem eine Veranstaltung, die das, was in der hiesigen Kultur als „weiblich“ konnotiert gilt, geradezu inbrünstig zelebrierte, und auch für mein Gefühl, als Joan Baez zum Ende des Konzertes „We shall overcome“ sang, schäme ich mich nicht.

Nun hat jener oben indirekt erwähnte Autor, der Henryk M. Broder, ausgerechnet zu diesem Thema wirklich köstliche Texte verfasst, da war er noch in Form, Anfang der 90er, in denen er derart treffsicher Persönlichkeiten wie Dorothee Sölle abwatschte, dass ich mich ständig ertappt fühlte und über mich selbst lachen musste, von deren Denken sozusagen mütterlicherseits, die las so was, geprägt. Den Bruch mit „der Linken“ vollzog Broder ja auch, wenn ich mich recht entsinne, im Zuge des Irak-Krieges von Papa Bush, weil deren mangelnde Israel-Solidarität ihn erschütterte, die sich in einem Wiederentflammen der Friedensbewegung seiner Ansicht nach zeigte.

Nun gab es auch in der Friedensbewegung der frühen 80er unbestreitbar pauschal antiamerikanische Züge, weil unter anderem mit teils nationalistischem Einschlag versucht wurde, historisch geläutert das „gute Deutschland“ zu inszenieren, das Friedliche und Belehrte, das nun die Welt belehren „darf“ (Äquivalenzen gibt es in der Wirtschaftspolitik Angela Merkels). Es gab die Argumentation, das ja „Deutsche“ den Krieg im eigenen Land durchlitten hätten, US-Amerikaner jedoch nicht, und deshalb in solchen Fragen kompetenter und, die Kartharsis durchlebt habend in den Flammen Hamburgs und Dresdens, irgendwie historisch weiter seien.

Es gab schon damals die Tendenz, die irgendwie präsente narzißtische, nationale  Kränkung durch den Holocaust – Broder zitiert ja immer dieses treffende Bonmot, „die Deutschen“ würden „den Juden“ den Holocaust nie verzeihen – durch eine Instrumentalisierung der Palästinenser  lindern zu wollen, indem man „die Juden“ böse redet (dass es auch andere Formen der Kritik an konkreter Politik konkreter politischer Gruppierungen in Israel geben kann sei betont; ist immer nur die Frage, inwiefern diese nun unbedingt aus Deutschland kommen muss). Das Problem wurde dann ja für viele im Schland-Partydeutschland-Jubel irgendwie „gelöst“.

Es formierte sich tatsächlich diese unerträgliche Selbstgerechtigkeit vieler irgendwie „links“ sozialisierter Menschen, vielleicht war die auch vorher schon da, nunmehr jedes Feld zu okkupieren und zum eigenen zu machen, was im Keime eben jene Haltung ist, die heute dazu führt, dass Weiße PoC darüber belehren wollen, was Rassismus sei. Ob im Falle einer Lampe oder sonst auch.

Es gab aber auch Fasia Jansen und Esther Bejarano zusammen auf einer Bühne bei einer dezidiert linken Veranstaltung, wenn das jetzt nicht eine zusammen gebastelte Deckerinnerung ist, habe nicht noch mal gegoogelt. Es gab diese ungemein starken Frauen, die etwas bewegten. Es gab die Bereitschaft zur Selbsthinterfragung unter Bezugnahme auf die deutsche Geschichte.

Kann es sein, dass – wieder einmal – in diesem Szenario 1977-83, an das die Trauer um Franz-Josef Degenhardt mich erinnert, sich sehr Unabgegoltenes verbirgt?

 

Aktion Libero

Na, die Anzahl der Unterstützer ist ja enorm – wenn es auch immer zwiespältig ist, nach der „Affäre Amarell“, wo schwulenfeindlicher Pfeffersprayeinsatz massenmdial die Luft verpestete, den Herrn Zwanziger da lächeln zu sehen. Aber wie schreibt Jeky so schön: „Words are cheap“.

Habe die Texte noch gar nicht alle gelesen, die freilich trotz der soeben zitierten Weisheit eine voll zustimmungsfähige Sache sind; wenn am Ende die Erkenntnis bei dem einen oder anderen gewonnen wurde, dass schwules Leben auch sehr prima und schwules Lieben und Begehren was sehr Schönes ist, dann ist das ja toll.

Wieso nun so viele Menschen sich an Formen der Lust und des Miteinanders reiben und diese zwanghaft abwerten müssen,  so dass etwas an sich Schönes auf einmal zum Problem gemacht wird, dass an sich gar keines wäre, das verstehe ich im Grunde genommen trotz aller Erklärungsansätze und Verstehensversuche bis heute nicht.

Insofern ist das „keine Rolle spielen“ im offiziellen Text auch  etwas unglücklich gewählt; natürlich spielt es eine Rolle, ob man mittels Termini wie „schwule Sau“ in die je eigene Lust- und Liebe hinein sozialisiert wurde oder nicht. Das sind differente Erfahrungen, die sehr wohl Sujet sein müssen, und dass sie allerorten marginalisiert werden und da, wo sie sich trotzdem zeigen, als „Schwulenkult“ und „Positivdiskriminierung“ zu oft gleich wieder die Schnauze gestopft bekommen, wenn mal nicht beschimpft wird, das ist ja das Problem.

Differente Erfahrungen als formal gleichwertig anzuerkennen, darum geht es, und die Erfahrungen als solche sind somit auch das Anzuerkennende.

Somit berührt und freut der Text vom Freitagsspiel. Zwar gilt immer noch das Motto Michel Foucaults, man habe nicht in sich das Schwulsein zu befreien, sondern „es“ kreativ auszugestalten, damit dieser ganze verbale Müll, der ein Leben lang auf einen einprasselt, keine Wirkung zeigen kann – diese vom Freitagsspiel gezeigte Form der Emphatie und des Sich-Einfühlens ist nichtsdestotrotz der Weg zur Möglichkeit des Empowerments, wie es so schön heißt.

Sehr gefreut habe ich mich auch über Jekys Text, dem ich weitestgehend beipflichten kann. Auch, dass Lesben bei Jeky nicht wie sonst oft  üblich unter den Tisch fallen, finde ich ganz hervorragend und bedanke mich sehr dafür!