Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Gute Fragen und Forderungen von stpauli.nu: Wie man WIRD

„Und wir Fans machen die Kurve bunt, ziehen uns Fummel an und erleben am eigenen, mehrheitlich heterosexuellen Leib, wie das die Wahrnehmung verändert, in Kleidern zu supporten.“

 

„Coming out Day“ habe ich auch verpasst, peinlich.

Wobei diese „Forderung“, die eines Tages in Gestalt anonymer, gesellschaftlich manifester Imperative auch an mich heran getragen wurde, ja weiterhin ihre Ambivalenz entfaltet. Einfach so „befreiend“ ist das ja nicht.

Und es macht identifzierbar – von dem Tag an ist Frau, ist Mann eben „Homosexuelle/r“ und wird mit all dem Schmonz, der darüber kursiert, auch identifiziert.

Dieses Drama des Identifiziertwerdenkönnens war treibende Kraft des Denkens von Philosophen wie Theodor W. Adorno  und Michel Foucault gleichermaßen. Nach diesem Schritt der „Identifikation als x“ und „Identifkation mit x“ liest man dann selbst bei ansonsten tollen Denkern wie Robert Anton Wilson über den vermeintlichen Unsinn von Slogans wie „Proud to bei gay“, wie könne man denn stolz sein auf etwas, wozu man gar nichts beigetragen hat? Ja, höhn Du nur, Papa Wilson!

NPD-Politiker und andere attackieren den „Schwulenkult“, Mutmaßungen über positivdiskriminierende Verschwörungen füllen nicht nur die PI-Kommentarspalten, manche Christen fühlen sich durch die reine Sichtbarkeit des Anderen schon diskriminiert, ja, immer wieder wird das eigene Begehren zur „Modeerscheinung“ erklärt . Was bei den Fortpflanzern eher selten der Fall ist. Obwohl bestimmte Formen des Mutterdaseins ja aktuell schon unter Beschuss geraten sind. Andere wiederum unterstellen, Mensch hielte sich ja wohl für „was Besonderes“, als wäre das nicht ein jeder sowieso, a priori. Helmut Markwort verkündete jüngst, Schwule auf der Straße seien Politik von gestern, sinngemäß, und Mensch trifft vom Zeitpunkt des ja immer neu durchzuführenden „Coming Outs“ auf lauter verstörte Reaktionen, weil die eigene Lust allerlei Ängste bei allerlei Anderen hervor kitzelt: Die, sie könnten „angemacht“ werden, sie könnten es auch sein, man könne sie für homophob halten. Was in einer strukturell homophoben Gesellschaft eh die meisten sind, auch viele Schwule. Ängste zudem, durch die Mensch u.U. selbst ganz genau genau so geprägt wurde in den ersten, na, so 17 Jahren, wie das Gegenüber. Durch das „Coming Out“ ist Mensch zumindest jene Furcht los, man könne „es“ sein.

Foucault hat die charmante Parole ausgegeben, Mensch habe nicht etwa im Zuge eines Coming Outs sein Begehren zu befreien, welches vorgängig schon da und dann der Welt zu demonstrieren sei. Aufgabe sei vielmehr, schwul zu WERDEN. Also jenseits all der Stereotype seien ganz individuellen Weg zu finden, kreativ mit Lust und Begierde, Liebe und Freundschaft umzugehen. Das versucht Mensch dann auch, und trifft doch auf die immergleichen Reaktionen, ganz gleich, wie Mensch sich auch dreht und wendet. Weil sofort Arschfick und Schwanzlutschen mitten im Zimmer eine Performance aufführen, während Heterosexuelle über so kultivierte Formen wie „Partnerschaft“, „Familie“, „Elternschaft“ sich definieren, ohne dass dazugehörige Akte prompt Thema wären. Dass „sexuell“ gerät so seltsam in den Mittelpunkt, schon sprachlich.  Aber „Ehe“ dürfen wir ja hierzulande jetzt kopieren, ein wenig. Das hat Foucault wohl nicht gemeint.

Ansonsten kann Mensch das Motto Foucaults immer nur auf dem Wege Adornos befolgen: Man muss durch den Begriff hindurch gehen, um ihn aufzulösen. Also die Klischees und das, zu dem man gemacht wird, als Material nutzen, um daraus das unvergleichliche Kunstwerk seiner selbst zu basteln. Das ein jeder sein kann, wenn er denn möchte. Natürlich kommen dann die Schwerziehenden und referieren, zu so was hätten SIE ja keine Zeit, SIE müssten sich ja um die Kinder kümmern. Ganz, als sei das nicht auch eine u.a. kreative Aufgabe, bei aller Hochachtung vor den organisatorischen und finanziellen Meisterleistungen.

Dann trifft Mensch auf Hildegard Knef, Georgette Dee, Lilo Wanders, andere vielleicht auf andere Figuren, die einem dabei helfen, eine eigene Sprache der Liebe und des Begehrens finden zu wollen, wenn man denn überhaupt will. Da kommt Mensch nie an, aber man erlebt viel dabei. Und merkt auf einmal, dass das was sein könnte, was manche Heten von Schwulen lernen könnten, wenn sie denn zuhören und hinlesen. Vielleicht.

Na, in die Richtung gehen ja die Gedanken bei stpauli.nu! Prima! Mehr davon! Pflichte bei!

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40 Antworten zu “Gute Fragen und Forderungen von stpauli.nu: Wie man WIRD

  1. eh@ring2.de Oktober 12, 2011 um 3:37 pm

    Habe ja gestern zum Coming-Out Day dreimal angesetzt, etwas zu schreiben, bin dann aber immer wieder an dem Dilemma hängen geblieben, dass ich als Hete mich ja nie heraus tun musste aus irgendwas, und das zu recht als Anmaßung verstanden werden könnte, nun einzustimmen in das „unterstützt „DIE“ doch dabei sich herauszustellen“. Schwierig.

  2. momorulez Oktober 12, 2011 um 3:51 pm

    Das ist auch schwierig. Gab ja auch die Phase, wo geoutet „wurde“, Biolek und andere, und das immer mit Anliegen, dass es schwule Vorbilder und Sichtbarkeiten geben müsse und da jeder selbst in der Verantwortung ist, es zu tun. Was ja auch ein Grund für mein nachholendes „Empowerment“ hier im Blog ist, was auch zum Thema gehört, der Begriff „Empowerment“, weil ich irgendwann merkte, dass da Stimmen fehlen, das Ganze mal jenseits von diesem ganzen bürgerlichen Mist à la Queer.de oder Feddersen zu erzählen. Außer Elmar Kraushaar wüsste ich da aktuell niemanden. Ich sah mich da in der Pflicht – irgendeine Kampftunten-Persona musste her 😉 …

    Es ist ja auch nicht auszuschließen, dass das für viele ein befreiender Schritt IST. Für mich war es das nicht. Erinnere mich an eine sehr skurrile Szene in Göttingen, als meine Schwester, da war ich 17, glaube ich, mich auf eine schwule Uni-Party mit nahm und erwartungsfroh neben mir stand, ich würde das nun als Paradies empfinden und mir prompt einen aufreißen. Ich stand da aber nur völlig verstört und überfordert rum, und sie war daraufhin beleidigt 😀 – was irgendwie auch wieder typisch ist für bestimmte Erwartungen von manchen Heten an Schwule und dieses ständige Beleidigtsein, auf das man dann trifft. Auch da haben andere enthusiastischer als ich los gelegt, keine Frage. Ich hatte da noch einiges aus dem Weg zu räumen. Bis heute.

    Was Du aber machst, das ist eben so prima, weil Du Dich ja mit Heterosein beschäftigst. Das ist ja die oben nicht erwähnte Ebene: Dass man auch noch ständig solche Texte schreibt, anstatt das, wozu sie in Relation stehen, nämlich dem „Selbstverständlichen“ heterosexueller Identitätsmuster zu befragen. Mache ich hier ja auch ständig; im Gegensatz zu Dir empfinden das die meisten aber als Zumutung, das zu thematisieren, wo sie doch schon so tolerant sind. Da haste den meisten echt was voraus 😉 … (und ich habe mir sogar den Spruch zu „ungeschminkt“ verkniffen, übrigens 😀 ).

  3. mark793 Oktober 12, 2011 um 4:36 pm

    (…) Und merkt auf einmal, dass das was sein könnte, was manche Heten von Schwulen lernen könnten, wenn sie denn zuhören und hinlesen.

    Was genau jetzt? Es ist ja nun auch auf dem Markt der Hetero-Entwürfe nicht zwingend so, dass man da sofort das richtige für sich entdeckt oder einfach nur in eine vorgegebene Passform schlüpfen müsste und damit aller Sorgen ledig wäre. Auf eine Rolle als stay at home dad etwa haben mich meine früheren Partnerschaften in keinster Weise vorbereitet. Aber ein gewisses Gespür für die Möglichkeiten des WERDEN KÖNNENS war eigentlich schon früh da. Und ich habe die Erosion des traditionellen Rollenmodells daher auch nie als Bedrohung oder Einschränkung meiner Männlichkeit verstanden. Vielleicht verdanke ich schwulen popkulturellen Ikonen wie Freddy Mercury oder Jimmy Summerville da doch mehr als mir bewusst ist. Auf alle Fälle waren die 80er mit der Möglichkeit, in bestimmten Szenen und Kreisen recht androgyn unterwegs zu sein, ein gutes und wirksames Gegenmittel gegen die zu vielen Chuck-Norris- und sonstigen Prügel-Filme meiner Jugend. 😉

  4. Loellie Oktober 12, 2011 um 4:55 pm

    Den Coming Out Day hab ich noch nie nicht verpasst. Mir ist eher neu, dass der in D überhaupt Tradition hätte. Das soll jetzt keine Ausrede sein, aber so konsequent wie derartige Termine in der bürgerlichen Schwulenpresse zu Tode ignoriert werden, ist das auch nicht weiter verwunderlich.

    Coming Out ist sicher für die meisten befreiend, aber so von der jeweils individuellen Situation abhängig, dass ich da super verklemmt bin, wenn mich jemand fragte, ob er solle oder nicht. Die Reaktion ist einfach nicht kalkulierbar und die Wahrscheinlichkeit, dass der homophobe Vater damit ohne Probleme klarkommt, die Mutter, trotz Schwuler und Lesbischer FreundInnen komplett ausrastet, ist immer gegeben.

    Random Fact: 2/3 der obdachlosen Teenager in den USA sind Queer. Bei uns gibt es dazu keine Statistik. Wozu auch …

  5. momorulez Oktober 12, 2011 um 5:01 pm

    @Mark:

    Ich schrub ja deshalb wohl wissend „manche Heten“, wohl wissend, dass darauf jemand reagieren würde 😀 – ist ja auch ’ne Zumutung, sich vorzustellen, dass Heten was von Schwulen lernen könnten, wo doch diese selbst im Rahmen des LSVD ihre politische Praxis ganz auf die Kopie von Heten-Formen verengt haben. Nein, das ging jetzt nicht gegen Dich persönlich. Natürlich gibt es da auch jede Menge äußerst spielfreudige Heten, aber was ich in den letzten 1o Jahren so verfolgt habe, empfinde ich schon als klares Rollback bei Anpassung an Marktbedingungen und Geschlechternormen, eine ziemlich heftige Re-Verspießerung und ein ziemlicher Druck, das mitzumachen. Wenn ich mir alleine diese Hochzeitsfoto-Orgien im St. Pauli-Kontext so anschaue … kann ich mir freilich auch einbilden, zudem da manche auch einfach nur Geld mit verdienen.

    Trotzdem ist dieses Spiel mit Identitäten was, was zur schwulen Sozialisation noch bei jenen, die dann ganz auf bürgerlich gehen, IMMER Sujet. Wenn ich mir Jugendforschungen hingegen durchlese, ist der Großteil der Männer ganz auf die Rolle des „Fortpflanzers und Ernährers“ bezogen, die meisten Mädel ganz auf Erlernen des Beziehungs- und Emotionshaushaltes bezogen.

    Was nun wiederum nicht ausschließt, dass man auch diese Rolle sehr kreativ ausfüllen kann, @ring2 ist da ja ein gutes Beispiel.

  6. momorulez Oktober 12, 2011 um 5:07 pm

    @Loellie:

    Das ist ja auch so, dass sich sehr viele Leute eben anders verhalten, als man das vorher glaubt. Da sind natürlich Freundschaften zerbrochen, Muttern wendete ganztägig die Narzißmus- und Neurosenlehre auf mich an, meinem Vater habe ich es nie erzählt, und dann war er tot. Was ja noch extrem harmlose Reaktionen sind; aber auch die Schwester, die das total schick fand, einen schwulen Bruder zu haben, das war ambivalent, weil es meine ganz individuelle Annäherungsgeschwindigkeit ignorierte. Weil das ja nun auch für alle Heten nicht immer die Entdeckung der puren Glückseligkeit ist, sich als sexuelles Wesen zu entdecken, Coming Out kommt dann ja sozusagen on top.

    Obdachlose Queers? Die haben doch alle total viel Kohle, um ehrhafte Familien aus den Wohnungen zu vertreiben …

  7. Simon2 Oktober 12, 2011 um 5:14 pm

    Ein großes Problem mit dem „Outing“ ist ja, dass man ständig im Hinterkopf hat, jetzt zwar einen durchaus befreienden Akt zu vollziehen aber gleichzeitig auch einen, der schon von seiner Begrifflichkeit her Ausdruck einer Heteronormativität ist, unter der man selbst ja leidet – man „outet“ sich, man gesteht etwas ein (wie ein Manko) und hofft dann auf Toleranz … womöglich noch für den „gewählten Lebensstil“ und sein künftiges Dasein als „bekennender Homosexueller“.
    „Ja hallo, mein Name ist Simon und ich bin seit dreizehn Jahren Alkoho…mosexueller – aber meine Familie liebt mich t r o t z d e m!“ Schöner wäre die Welt, wenn man sich als Schwuler gar nicht erst zu Outen bräuchte. Noch schöner, wenn dieser steinerne Dualismus aufgegeben bzw. schlicht als eine Möglichkeit betrachtet würde.

    Ansonsten: Schöne Anekdote mit deiner Schwester da, Momo. XD Toll find‘ ich ja auch Frauen, die aus irgendeinem Grund meinen, Mann wäre als Schwuler eine rosa Tussi nur mit männlichen Geschlechtsorganen. „Du bist schwul, ja? Find‘ ich gut! Ne wirklich – find‘ ich gut! Dann können wir ja mal zusammen shoppen gehen und Haare machen, Sektchen trinken, n‘? = )“

    Aber der „irgendeine Grund“ ist natürlich nur n‘ sprachliche Formel. Das gängige Medienbild ist ja, etwas polemisch gesagt, dass Männer die vom Mars sind, die nicht zuhören und Frauen die von der Venus sind, die nicht einparken können. (Weil Gene und Steinzeit und so.) Und der Schwule ist dann halt der Mann von der Venus und die Kampflesbe gehört zum Kriegsgott Mars. „Die Wissenschaft hat bewiesen, dass … Schwule und Frauen schlechter Auto fahren, Schwule Frauengehirne haben usw.“

  8. momorulez Oktober 12, 2011 um 5:19 pm

    Das ist wieder alles so wahr, da weiß ich gar nicht, was ich da noch ergänzen soll 😉 – mal ab davon, dass die feministischen Alliierten wahrscheinlich „Tussi“ nicht so dolle fänden, aber ist ja klar, was Du meinst. Und genau diese Bilder internalisiert man eben notwendig. Da liebe ich ja so an den Lilo Wanders dieser Welt, dass die Wege finden, damit so umzugehen, dass es auch noch Spaß macht 😀 …

  9. Simon2 Oktober 12, 2011 um 5:24 pm

    Ich wollte auch zuerst ganz einfach „Frau“ schreiben, nur dachte ich dann, dass ich gerade mit dieser Wortwahl ein antifeministisches Muster bestätigt hätte (Frau sein = Lust auf Piccolöchen, shoppen und Friseur, hihihi?). Da fand ich „rosa Tussi“ doch treffender. 😉

  10. mark793 Oktober 12, 2011 um 7:12 pm

    @momo: Wenn ich mir Jugendforschungen hingegen durchlese, ist der Großteil der Männer ganz auf die Rolle des „Fortpflanzers und Ernährers“ bezogen, die meisten Mädel ganz auf Erlernen des Beziehungs- und Emotionshaushaltes bezogen.

    Bin nicht sicher, ob das einen Rollback markiert oder mehr den altersüblich-strukturellen Unsicherheiten geschuldet ist, wo man steht und wo man mal hinwill. Im Alter von 17, 18 hätte ich mit meinen Ansichten und Vorstellungen über Geschlechterrollen womöglich auch eher als hoffnungsloser Fall gegolten. Ein Gefühl für andere Optionen entwickelte sich erst in meinen frühen Zwanzigern (bezeichnenderweise nach dem Soldat-Spielen im Ferienlager von Y-Reisen).

    Was die Hochzeitsfoto-Orgien (und überhaupt das immer absurd-aufwendigere Drumherum) angeht, magst Du recht haben. Wobei ich mich ernsthaft frage, ob das tatsächlich eine Renaissance klassischer Rollenmodelle verheißt oder eher kaschieren soll, dass man eigentlich (und erst recht mit Blick auf die Scheidungrate) ziemlich ratlos ist, wie es heutzutage funktionieren soll.

  11. momorulez Oktober 12, 2011 um 8:02 pm

    @Mark:

    Na, wenn ich so zurück überlege, dann war das aber so up to date zu „meinen Zeiten“, also Schulzeiten, nicht, dem Entwurf der Eltern nachzustreben. Haben dann im Nachhinein natürlich auch viele gemacht, aber gerade die Zeit der Unsicherheit war ja auch die des Ausprobierens. Es hatten alle Beziehungswünsche, aber das „vor dem ersten Kinderschreien muss ich mich erstmal selbst befreien“ wurde doch recht ernst genommen, und das nicht im Sinne von „muss ich erst mal leistungsstark meine ökonomische Kompatibilität unter Beweis stellen“, wie denen das ja mittlerweile reingedrückt wird. Insofern kann der Normierungsdruck auch Effekt ökonomischer Verunsicherung sein, aber das ist ja, glaube ich, das, was Du auch meintest.

  12. Loellie Oktober 12, 2011 um 9:32 pm

    Ich kenn nur eine die geheiratet hat, weil ihr Typ sonst nicht hätte bleiben dürfen. Monogame Beziehungen mit Kindern gabs an jeder Ecke, aber nur ohne Trauschein.
    Doch, einer fällt mir noch ein. Dessen Anwalt riet ihm, das sähe gut aus in der Hauptverhandlung. Zumindest in meinem sozialen Umfeld. Zwei meiner Cousinen haben nur standesamtlich geheiratet, mein Bruder komplett mit allem drum und dran, der Angeber der.
    Ich denke das die 80er deshalb bunter waren, weil damals Wohlstand noch breiter verteilt war. Sozi war erheblich einfacher, billige Wohnungen gabs an jeder Ecke, Aushilfsjobs gabs auch noch, falls man doch mal was arbeiten wollte usw.. Nennen wir es doch das letzte aufbäumen der Sozial-Demokratie. Spiesser gabs definitiv weniger und selbst die waren froh, dass sie den Adenauer endlich los waren.
    AIDS ist als Rollback-Faktor auch nicht zu unterschätzen. Einerseits, weil sehr viele Kreative weggestorben sind, andererseits weil es einen rigideren Umgang mit Sexualität allgemein in der Oeffentlichkeit begünstigt hat.

    Diese Hochzeitsfoto-Orgien sind mir auch nicht geheuer, könnten aber auch mehr Show als sonstwas sein. Die hängen auch ganz direkt mit der Entwicklung und Popularisierung von Digital-Kameras und Social-Media zusammen. Da bilden sich Möchtegern-Profis ein, sie könnten nach einem halben Jahr Knipserei dicke Aufträge stemmen, wollen die Konkurenz unterbieten, verkalkulieren sich dabei in jeder Beziehung, schmeissen das Handtuch, das gleich vom nächsten aufgehoben wird.
    Ob es da einen Zusammenhang zu den Rindern gibt weiss ich nicht. Muss nicht unbedingt.

  13. che2001 Oktober 12, 2011 um 10:50 pm

    @“AIDS ist als Rollback-Faktor auch nicht zu unterschätzen. Einerseits, weil sehr viele Kreative weggestorben sind, andererseits weil es einen rigideren Umgang mit Sexualität allgemein in der Oeffentlichkeit begünstigt hat.“ — Das stimmt, aber, jaaa, nicht nur das, sondern im eigenen Realleben: Wenn Du sterben kannst, weil Du beliebig frei herumvögelst (gegen Tripper und dergleichen half einfach Penicillin) überlegen sich viele, auf was sie sich noch einlassen. Ich hätte in meiner sexuellen Ersterfahrungszeit an Kondome nicht mal gedacht, ohne wäre indessen für mich heute gar nicht mehr denkbar. Die New Yorker Fetisch-Fotografin Doris Kloster meint sogar, dass die Entwicklung der BDSM-Szene ohne Aids nicht denkbar wäre: Leute, die bis dahin vor allem promiskuitiv gefickt hätten, wären durch die Gefahr auf andere Wege gekommen. Weiß nicht, ob das stimmt, hat aber zumindest was für sich. Der rigidere Umgang mit Sexualität jedenfalls betrifft nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch den Umgang mit sich: Es sind weniger Wege offen als vor Aids. Das ist dann sozusagen Rückfall ins 19. Jahrhundert: Für Promiskluität gab´s die Syphilis, für Aufbegehren die Kugel. An der zweiten Lösung arbeiten die Schweine noch.

  14. momorulez Oktober 12, 2011 um 11:18 pm

    Wobei Kriminalisierung von Infizierten trotz Gauweiler & Co zunächst mal nicht einsetzte und das Entsetzen zunächst in manchen Bereichen trotz aller Angst erst mal noch so eine leichte Solidarisierung zumindest mit Schwulen im Allgemeinen bewirkte freilich immer mit dem beruhigten Unterton „Das betrifft ja euch!“, was schon Ende der 80er Quatsch war, da traf es auch Frauen sehr stark. Kann freilich einfach die andere Seite der Medaille gewesen sein, dass diese Fremdgehspots – „mit dem Fred war das schon eine interessante Erfahrung“ 😀 , da kriege ich heute noch einen Lachkrampf, wenn ich an den Tonfall denke.

    Habe ständig unaufgefordert Bücher über Sterbende von freundlichen Heten geschenkt bekommen, ständig quatschten die mich gutgemeint solidarisierend damit voll. Und ich habe den Rollback, den ich meine, eher später einsetzen sehen. Und das, was damals ja eine Riesenangst war, greift jetzt seit ein paar Jahren, nämliche diese aggressive Kriminalisierung. Wer jetzt noch den Test macht ist doch blöd. Als wäre man schuldig, wenn der Andere beim Unfall Nicht angeschnallt war oder der Einbrecher, dass die Tür nicht abgeschlossen war.

    Zu SM kann Loellie vermutlich mehr sagen; finde ich allenfalls hinsichtlich von Aufarbeitung von Schuldkomplexen plausibel. In meinen diesbezüglichen Fantasien und ansatzweisen Erfahrungen spielt Penetration schon eine Rolle 😀 – und das ist ja ein Feld, wo es bei manchen auch mal blutig wird.

  15. che2001 Oktober 13, 2011 um 9:47 am

    @“was schon Ende der 80er Quatsch war, da traf es auch Frauen sehr stark.“ —— Das würde ich aus meiner persönlicher Erfahrung auf 1983 beziehen, da outete sich in meiner Nachbarschaft ein heterosexuelles Pärchen per Graffitiy mit Andressangabe an diversen Hauswänden als infiziert (nicht positiv, sondern krank) und forderte mehr Geld für die Aids-Forschung.

  16. momorulez Oktober 13, 2011 um 10:34 am

    Es waren ja eh am stärksten Junkies betroffen zunächst. Und Promis wie Foucault.

  17. che2001 Oktober 13, 2011 um 10:41 am

    Waren Promis als Gruppe primär betroffen oder wurde nicht eher das Thema einer größeren Öffentlichkeit bekannt, weil Promis betroffen waren? Außer Junkies waren eine der im Anfang am stärksten betroffenen Gruppen schwarze Stricher aus der Bronx und bestimmten Karibikinseln wie Jamaica und Puerto Rico nebst deren Kunden (Matrosen).

  18. momorulez Oktober 13, 2011 um 11:13 am

    Durch Promis wurde eher die Haltung der Öffentlichkeit beeinflusst. Bei Foucault mauschelten sie ja noch, im Falle Rock Hudsons kam dann Bewegung rein, auch durch Liz Taylor und deren Engagement.

  19. che2001 Oktober 13, 2011 um 11:28 am

    Die Zeitschrift „Arbeiterkampf“ schrieb 1986 ja in dem legendären Artikel „Seuchen-Rita und Meldepflicht-Gauweiler“ die Auswahl der anfänglichen Opfer – Schwule, Stricher, Schwarze, Slumbewohner, Foucault müsste eigentlich einem NS-Rassenhygieniker das Strahlen in die Augen zaubern, allein das könnte als Argument für „Man made Aids“ geltend gemacht werden. Und die gesellschaftlichen Folgen könnten nur auf ein Back to the Fifties in Bezug auf Sexualität und allgemeine Lebensformen hinauslaufen. Ich machte damals ja gerade meinen Zivildienst und erlebte da – in einem Klinikum, das Gewächshaus feuchter Lüste und ständiger Anbaggerungen zwischen Schwestern, Zivis, jungen ÄrztInnen war – einen Chefarzt, der zur Vermeidung der Apokalypse ständige Kontrollen durch die Sittenpolizei forderte.

  20. momorulez Oktober 13, 2011 um 11:39 am

    Es gibt die von Hervé Guibert übermittelte, gemeine Anekdote, wie Foucault reagiert hat, als er erstmals von AIDS erfuhr – da nannte man das noch „Schwulen-Krebs“. Er ist vor Lachen vom Sofa gefallen und sagte nur „Ein Krebs, der nur Schwule trifft? Das ist ja für die zu schön, um wahr zu sein“.

    Aber, um zum obigen Eintrag zurück zu finden und hier nicht selbst wieder diese Assoziation, die die Kreuz-Net-Nazis zur Behauptung, Schwule seien „AIDS-Schleudern“, animieren, nicht zu zementieren, hier was wirklich ganz Lustiges:

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=15146

  21. Loellie Oktober 13, 2011 um 11:50 am

    @“dass die Entwicklung der BDSM-Szene ohne Aids nicht denkbar wäre“

    das hab ich auch immer so gesagt. Alleine schon um den faktischen Kondomzwang und das Problem mit dem Austausch von Körperflüssigkeiten zu kompensieren. Es ist ja nicht so, als käme Penetration nicht vor, die gibt es natürlich reichlich, muss aber eben nicht. Wenn ich jemand den Hintern versohle und er oder sie dabei wixxt, ist das im günstigsten Fall eine sehr intensive Angelegenheit die ohne Penetration auskommt zB, und nicht viel mit dem zu tun hat, was mensch sich allgemein unter Sex vorstellt.
    Und Blut ist auch nur eine Körperflüssigkeit. Zumindest was meine Erfahrung angeht, muss man es aber schon ganz schön heftig übertreiben, damit Blut zum Problem werden kann. Bei Gerten und Peitschen gibt das gerne kleine Aufplatzer an denen man ja nicht rumlecken muss, vor Nadeln gruselt es mich, auch wenn das hygienetechnisch noch am einfachsten ist. Bei Klingen in jeder Form sieht es dann schon anders aus. Das ist mir viel zu gefährlich und entschieden zuviel Sauerei.
    Lötkolben oder Strom sind dann schon wieder ganz mein Ding 😀

  22. Loellie Oktober 13, 2011 um 12:10 pm

    „Man made Aids“ hab ich ja immer als Metapher gesehen, analog zu dem Satz von Spike Lee „George W hat die Dämme in New Orleans gesprengt“. Daraufhin hat sogar ein konservativer Schwarzer Journalist gemeint, dass man diese Behauptung im historischen Zusammenhang sehen müsse, anstatt als groben Unfug abzutun, auch wenn niemand ernsthaft glaubt, dass die Dämme tatsächlich gesprengt worden wären. Das die Dinger zu niedrig und vor allem marode waren war bestens bekannt und warum das so war, kann man sich an einem Finger abzählen.

    Erschüttert hat mich dann erst vor ein paar Jahren, als ich mitbekommen habe, dass Rummsfelds Firma das Patent an einem der wichtigsten und teuersten Aids-Medikamente hält. Und es gibt nur wenige Menschen, denen ich zutraue, eie Seuche anzuzetteln, um sich an den Medikamenten dumm und dämlich zu verdienen. Rummsfeld gehört definitiv dazu.

    @Küssende Fussballer.

    Als ich oben „Und wir Fans machen die Kurve bunt, ziehen uns Fummel an und erleben am eigenen, mehrheitlich heterosexuellen Leib, wie das die Wahrnehmung verändert, in Kleidern zu supporten.“ gelesen hab, dacht ich ehrlich gesagt, geht doch einfach mal mit ’nem Kumpel händchenhaltend und turtelnd durch die Stadt, anstatt mit hundert anderen aufgefummelten ins Stadion. Von wegen Wahrnehmung.
    Nicht dass ich irgendwen von irgendwas abhalten wollte …

  23. che2001 Oktober 13, 2011 um 1:09 pm

    Es gibt da eine viel konkretere Spur: Gallo, der für die Identifizierung des HIV-Virus den Nobelpreis bekam, präsentierte das entschlüsselte Genom nur Tage, bevor die Franzosen am Institut Pasteur soweit waren. Davor hatte er jahrelang nichts veröffentlicht und auch nicht an der Uni gearbeitet, sondern in Fort Detrick, dem B-Waffen-Labor der CIA. Genetisch gesehen lässt sich HIV darstellen als Kreuzung aus HTLV1 und dem Schafsleukämievirus Visna, der bei B-Waffen-Experimenten eingesetzt wurde. Die Briten haben mit Milzbrand- und Visna-Versuchen euine komplette Insel „verbraucht“, Gruinard Island Der Verdacht ist also ganz glatt der, dass es sich um einen entsprungenen Laborvirus handelt.

  24. Loellie Oktober 13, 2011 um 1:58 pm

    Achherrje

    ich seh ja jetzt erst, dass auf Queer.de mal wieder der arisch-evangelikale Kongress tanzt.
    Wenn man mit 2.8 Promille einen Unfall mit finalen Personenschäden verursacht, gibts ein paar Monate Bewährung. Wenn überhaupt.

  25. che2001 Oktober 13, 2011 um 2:11 pm

    Zu oben: „dass Heten was von Schwulen lernen könnten“ gehörte in meinen ewig heren Männergruppenzeiten durchaus zu den Ausgangspositionen. Und würde so als Grundidee manch an sich konservativer Mensch ín meiner aktuellen Umgebung auch noch mittragen. Bin mir auch im Zweifel, wo die Reverspießerung sich abspielt und wo nicht. Ganz klar würde ich allerdings sagen, dass bei Medienmenschen von Journalismus bus Werbeagenturen, wo es früher wirklich viel Offenheit gab, diese ganze Reverspießerung enorm ist. Möglicherweise werden traditionell eher konservative Milieus zugleich 2aufgeweicht“ und offener, freier, spielerischer, und wir kriegen es nur nicht mit?

  26. momorulez Oktober 13, 2011 um 2:28 pm

    @Loellie:

    Ja, das ist hammerhart, deshalb ja meine Anmerkungen zur Kriminalisierung. Es galt früher IMMER „schützen musst Du Dich selbst“, und wie das nun hochaggressiv gegen Infizierte gewendet wird, das ist einfach nur zum Kotzen.

    @che:

    Ich kriege das ja auch im St. Pauli-Kontext mit, und in den Medien in der Tat auch. Und eine Aufweichung konservativer Milieus habe ich zumindest was Mittel- und Bildungsbürgerschichten betrifft auch nicht fest gestellt, eher im Gegenteil.

  27. Loellie Oktober 13, 2011 um 2:53 pm

    Die Umfragewerte zur Ehe-öffnung in den USA legen das mit dem Aufweichen zumindest nahe. Selbst bei Wiedergeborenen bis 30 liegt die Zustimmung über 50%, bei Katholiken insgesammt über 60%. Cameron hab ich doch erst vorgestern zitiert.
    Was allerdings durch steigende Militanz locker kompenisiert, und dank der Deans und Cassies dieser Welt mehr als überkompensiert wird.
    Deshalb merkt momo in seinem ja klassisch links-liberalen Umfeld nichts davon, dass da was aufweicht. Ich kann ja nur aus den Medien Rückschlüsse ziehen, aber das klingt oft genug so, als würde ich hier in der erz-reaktionären Provinz lockerer und diskriminierungsfreier leben, als im Prenzlauerberg.
    Und über die Meinungsdominanz von Splittergruppen gerade in Onlinemedien refferiere ich ja oft genug. Wenn man kommentare nach Meinung zählt, kommt immer ein ausgewogenes Bild raus, zählt man nach Kommentatoren stehts meist 1:10, oft 1:20.

  28. che2001 Oktober 13, 2011 um 9:51 pm

    Ich kriege die Bildungsbürgerschichten auch wenig mit, erlebe aber, dass in Handwerker-kleine Kaufleute- oder Gastwirtsmilieus viel weniger konservativ und viel lockerer gedacht wird, als das früher mal der Fall war. Zu Cassie und Dean sage ich nichts, da ich die im persönlichen Kontakt anders erlebte, als das in der Bloggerei rüberkommt.

  29. momorulez Oktober 13, 2011 um 10:12 pm

    Womit Du ja was gesagt hättest …

  30. Loellie Oktober 14, 2011 um 11:23 am

    Was ja exakt das Problem ist. Solange man reaktionäre Denke irgendwelchen Millieus andichten kann, die einen nichts angehen, wird ohne Ende drauflos analysiert, aber wehe da geht was vor der eigenen Haustür. Da ist dann der Kanal ganz schnell dicht.
    Und ganz komischerweise kann ich von den paar Leuten, die ich persönlich erlebte, nicht sagen, dass die Online anders rüberkommen als im Real-Life. Woran das wohl liegt?
    Ueber irgendwelche Stammtisch-Millieus müssen wir doch garnicht diskutieren. Die Frage ist, wie sich offene Homophobie bis in angebliche Autonome Kreise fortpflanzt. Ich versteh dieses nichts sagen ja deshalb nicht, weil wir in einer heterosexistischen Gesellschaft auf Schritt und Tritt mit diesem Scheiss persönlich konfrontiert werden, von wegen „bekennender Homosexueller“. Aber wehe man konfrontiert die Sprecher mit ihrer Homophobie oder Rassismus mal persönlich für ihr blödes Gelaber, dann wird sofort gemauert. Dann gehört sich das plötzlich nicht mehr.
    Solche „Verbündete“ kann ich wirklich nicht brauchen.

    Wenn diese ganze Angelegenheit nicht zu hundert Prozent der Strategie der Hassindustrie entspräche, Verfolgung und Diskriminierung dadurch zu konstruieren, dass homophobe Uebergriffe seitens militanter Christen, zu Anti-Christlichen Attacken umgedeutet werden, sobald ein Schwuler keinen Bock mehr hat sich auf Arbeit ständig vor allen Kollegen oder der Schulklasse als Missgeburt bezeichnen zu lassen und sich irgendwann wehrt …

  31. momorulez Oktober 14, 2011 um 12:13 pm

    Ja. Zudem ja auch völlig egal ist, was für wundervolle Charaktereigenschaften Menschen ansonsten in ihren Alltag einbringen unter Umständen – die eben exakt so wie von Loellie beschriebenen funktionierenden Denkmuster und Immunisierungshaltungen bleiben davon völlig unberührt. Und dieser Verteidigungsreflex „eigentlich sind die aber ganz nett“, der ja umgekehrt grundsätzlich nie statt findet, wenn die durchgeknallten, aggressiven, ungerechten Tunten sich mal wieder Homophobie einbilden, der ist doch aus eben diesem Grund schon wieder strukturell homophob. Eine klare Solidarisierung wäre ja auch mal was.

  32. Loellie Oktober 14, 2011 um 3:21 pm

    Es gibt ja auch Leute die früher mal gewerbsmässig Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung und weiss ich nicht was begangen haben, nur um sich heute hinter der Pappritz zu verstecken.

    Andere belästigen jahrelang mit Fantasiegebilden und Lügen um sich über den Totalausfall ihrer Glaubwürdigkeit zu wundern.

    Und da soll man dann noch durchblicken oder irgndwas ernst nehmen.

  33. momorulez Oktober 15, 2011 um 6:12 pm

    Dieses ganze Milieu der 30-50jährigen Irgendwielinken Bildungsbürger, sei es nun Ex-Autonome oder mittig linksliberal, ist einfach derart darauf gezüchtet, auf Teufel komm raus Diskurshegemonie im Sinne der Deutungshoheit über das Gute auszuüben, dass die ganze Identität dran hängst und Selbstgerechtigkeit sozusagen zum psychischen Systemerhalt permanent produziert wird. Weil zudem alle wegen irgendwas ein schlechtes Gewissen haben.

    Ich bin ja auch so einer und frage mich permanent wie man da raus kommt. Was anderes als aggressiv wegbeißen, um nicht ständig in den Diskusvorgaben dieser ganze Manipulateure festzuhängen wie eine Fliege im Spinnennetz, ist mir bisher noch nicht eingefallen. So gewinnt man ja wenigstens ein bißchen Raum zum Denken, Fühlen und erfahren jenseits dieser unästhetisch verwaschenen Zotteligkeit und Formlosigkeit. Und mein Friseur war in London, da wollte ich eigentlich hin 😦 …

    War heute auf der „Occupy“-Veranstaltung und hatte echt Probleme, diese seltsam moralisierte Ästhetik da unter zumeist Weißen auszuhalten. Das ist immer alles so Tote Hosen, so Campino, mit Kirchentag gemischt. Zum Glück waren da relativ viele Spanier und Latinos, dadurch gings.

    Je länger wir uns hier mit diesem Heterosexuellenmilieu mit Alternativbewegungshintergrund in welcher Form auch immer ständig überwerfen, desto mehr versinke ich allmählich in Sprachlosigkeit. Weil deren ganzes dämliches Gequatsche, dieses ständige Zerlabern und ach so gewitzte Rumagumentieren eben nichts anderes als ein permanentes Wiederholen des immergleichen Machtanspruchs über Marginalisierte ist, die man zwar braucht, um sich mittels derer aufzuwerten, die aber bitte auch in der Rolle des zu Rettenden verbleiben sollen, sonst gibt es Saures.

    Und wettert man dagegen an, weil man sich als entmündigtes Accessoire der Selbsaufwertung Anderer eben auch Scheiße fühlt, öffnet man sich nur für immer neue Verletzungen. Und kommt ja auch nicht drumrum, selber ordentlich welche zu verursachen, weil natürlich allesamt von den dieser „westlichen“ Gesellschaft inhärenten Rassismen, Homophobien, Klassismen und Sexismen profitieren und das ganze System einstürzt, wenn man darauf verweist. Von Teilen davon ich ja auch. Und ist dann wie in einem Raubtierfeld unterwegs, wo der gewinnt, der paradoxerweise sich gütig gibt. Und da stoßen dann sich selbst opferisierende Klerikal-Faschisten wie Cassie hinein. Unglaublich, sich mit so einer zu solidarisieren. Das ist wirklich unverzeihlich, da hattest Du von Anfang an recht.

    Lässt man diese Schlachten aber bleiben, okkupieren die erst recht alle Felder. Was war da eben viel von einer neuen Ethik die Rede! Als ginge es darum. Völliger Quatsch.

    So hat man also die Wahl, sich zurück zu ziehen, in Sprachlosigkeit abzutauchen und dem arisch-evangelikalen Komplex das Feld zu überlassen, diesem ganzen selbstgefãlligen Dummschwätzertum, um nicht irgendwann permanentes Verletzwerden noch als Kick zu brauchen. Oder aber man hängt immer in der gleichen Struktur, von der sich diese Leute auch noch psychisch ernähren, wenn sie dann im geteilten Kampf gegen die impertinenten Schwuchteln mal wieder den Beweis angetreten zu haben glauben, dass es Sexismus, Homophobie und Rassismus bei IHNEN ja gar nicht gäbe und dabei eben all diese Felder wieder mit Energie aufgeladen haben, weil das alles einfach höherstufige Homophobie etc. ist.

    Was man auch tut, man ist in einem Missbrauchsszenario, bei dem die sich stabilisieren. Es sei denn, man verwendet wirklich über Wochen enorme Energie, dass die wenigstens einen Knacks im System kriegen, nährt damit aber wieder nur deren Hass auf alles Deviante und kriegt es an anderer Stelle wieder rein.

    Weiß aktuell nicht mehr weiter.

  34. Bersarin Oktober 15, 2011 um 8:30 pm

    „Diskurshegemonie im Sinne der Deutungshoheit über das Gute auszuüben“ Aus diesem Grunde mein Motto :no more ethics, deshalb verweigere ich mich der Moralphilosophie konsequent. In Teilen Deiner Kritik hast Du ja recht. Aber eine Antwort kann ich Dir darauf auch nicht geben.
    Die Aporie und die Entzweiung ist zunächst konstitutiv. Man kann das nur mir Provokation niederwalzen. Ansonsten: Wir sind so tolerant, wir sind so offen. Die Toten Hosen: das ist gut: wie formulierte es mal Alterbolschewik: so etwas passiert, wenn Sozialdemokraten Punkrock machen. Tja, aber man kann sich seine Mit-Demonstranten nicht aussuchen. Hier in Berlin wurde auf der Gitarre Reinhard Mey gespielt: „Über den Wolken“. Ich weiß eigentlich nicht, wie man solches überbieten kann, mir fehlt die Sprache und ich sehe mich in meiner aporetischen Haltung als Bewohner des Grandhotel Abgrund jeden Tag nur aufs neue bestätigt. (Na ja, wenn die Frau, von der ich gerade Bestätigung haben will und in die ich schwerst verliebt bin, mich nicht bestätigt, dann mache ich das eben selber. Wobei selbermachen auf Dauer freilich doof ist.) Na ja, immerhin sang eine Gruppe junger Autonomer „Roter Wedding“ und „Der heimliche Aufmarsch“ (Das war dann schon wieder labsurd-ustig.). Dieses kleine Grüppchen vorweg an der Spitze des Zuges hier in Berlin stürmte, von dem vorgeschriebenen Weg zum Kanzleramt abweichend, dann mit einem Male in Richtung Reichstag; über die große Wiese. Anticapitalista, Anticapitalista und eine rote Fahne im Wind. Dann aber auch vor dem Reichstag die Gitter wegzureißen und ca. 10 Bullen ohne Helm, nur mit Barettchen umzurennen und dazu die Lachnummern der Bundestagspolizei niederzureiten: dazu hat es dann nicht mehr gereicht. Selbst mir als Photographen ist es irgendwann zu bunt geworden und ich habe Gitter zur Seite geschoben.

    Spanischsprechende gab es auch, aber ich denke, daß die Spanier hier in Berlin nur die Rache für die Deutschen auf Mallorca sind. Was die mehrheitlich Weißen betrifft: es kommen eben die, die kommen. Mir ist unklar, weshalb schwarze, afrikanische, kurdische, türkische und was weiß ich für Gruppen nicht kamen. Was mir aber trotzdem gefiel: das da viele sehr junge, sehr undogmatische Menschen waren, die tanzten und teils daraus einen Rave machten. Das ist ein andere Form von Politikverständnis, als ich es habe. Doch ich will mich da auch nicht als alter Mann aufspielen: früher war alles besser, im schwarzen Block oder in der theoretische Fundierung. Dennoch blieb es auch in Berlin eine laue Veranstaltung.

    Nein, mit der Revolte: das wird nichts. Und zu noch mehr reicht es sowieso nicht hin: Was Du auch machst, mach es nicht selbst!

    Nun habe ich freilich das Privileg, abtauchen zu können, weil ich momentan nicht diskriminiert werde, und ich bin den Kämpfen um einen Sprach- und Handlungsraum nicht ausgesetzt, muß solche Räume auch nicht für mich finden. Da schreibt es sich dann leicht. Aber ich bin sowieso ein ziemlicher Lonely Cowboy, um im Hollywood-Klischee zu sprechen.

    Ja, diese Kundgebung war so schrecklich und schlecht, daß ich nicht einmal davon Bilder zeigen oder darüber schreiben mag.

    „Schall und Wahn ich bin Euch untertan, ich bin euch zugeteilt.“

  35. Loellie Oktober 15, 2011 um 9:51 pm

    Die Veranstaltung in Zürich, eine Demo wars ja nicht und um es Event zu nennen waren es zuwenig Leute, wurde im Vorfeld von den örtlichen „Truthern“ gehijackt. Nach euren Kommentaren bin ich versucht zu sagen glücklicherweise. Die hätten mir mit ihren Bilderbergern gerade noch gefehlt. Alleine schon diese evangelikale Selbstbezeichnung. „Truther“ … für sowas bin ich viel zu ungläubig.
    Falls das Ziel darin bestand, möglichst wenig Menschen zu mobilisieren, können die sich echt auf die Schulter klopfen.

    @ bersarin … So in etwa?:

    Zum ganzen Rest heute nichts mehr von mir. Ich bin zu müde und guck jetzt noch irgendwas.

  36. Bersarin Oktober 15, 2011 um 10:20 pm

    @ Loellie
    Leider fand dieser Sturm nicht in der Art statt, das wäre ja zu schön. Vielleicht zeige ich bei mir morgen doch noch ein paar Photos.

  37. momorulez Oktober 15, 2011 um 10:52 pm

    @Bersarin:

    Danke für den Kommentar!!!, ich antworte da morgen länger drauf! Komme gerade von einem Konzert mit toller Vorgruppe und einem Haupt-Act, dem man tatsächlich vorwerfen könnte, Heterosexuelle zu diskriminieren bei einer derartigen Klischeeorgie 😀 …

    @Loellie:

    Das „Gegen die Bilderberger“-Transparent gab es hier auch, und ich hatte absurderweise erstmals ein gewisses Verständnis für die „Antideutschen“. Muss ich noch mal länger drüber schreiben.

  38. Loellie Oktober 16, 2011 um 2:25 pm

    “ … und ich hatte absurderweise erstmals ein gewisses Verständnis für die „Antideutschen“ …“

    Dem kann abgeholfen werden

    http://www.youtube.com/watch?v=NEPgAp5Mkyc

    Die Probleme, die die diversen Flügel geheimdienstgefütterter Astroturfer miteinander haben, sollten uns wirklich nicht weiter beschäftigen. Gerade gestern ist ein Sticker an mir vorbeigeflickrt der angeblich von einer Antifaschistischen Aktion gewesen sein soll. Als Logo gabs die israelische und u.s.-Flagge. Wie sowas zusammengeht bleibt mir unklar, also Antifaschismus und nationalflaggenschwenken.

    Ich musste eben auch mit grossem Bedauern feststellen, dass es die früher mal gerne genommenen Blaue Ameisen Anzüge garnicht mehr gibt, bzw muss man die heute schneidern lassen. Rumheulen, dass ich meinen nicht mehr habe nutzt auch nix, weil ich da im Leben nicht mehr reinpassen würde. Kombiniert mit einem grossen Konterfei des Grossen Vorsitzenden wäre das doch ein prima Eye-Catcher.
    Man merkt, ich komme einfach nicht über das Bildnis der wackeren Revoltionärin aus Weissrussland weg. Das greift so schön das Thema „auf verlorenem Posten auf“ und ist gleichzeitig schwerst depremierend und mutmachend, find ich. In diesem Sinne bloss nicht locker lass.

    Das sogenannte „Migranten“ sich bei Occupy nicht blicken lassen hat auch seine zwei Seiten. Einerseits ist es ein globaler Protest der durchaus auf Interesse treffen sollte, andererseits ist man als „Migrant“ auch merkwürdig ‚detached‘. Ich hab hier auch immer das Gefühl, dass mich das alles nichts angeht, was die Schweizer so treiben.
    Und andererseits kann man den Weissen ausnahmsweise nicht vorwerfen, dass alle anderen zuhause bleiben, wie das gerade letzte Woche strunzdämlich in der HuffPo ausgeführt wurde.
    Das sind dann immer so verdrehte Irrläufer, wie Rhizom gerade gestern wieder plötzlich meint, sich mit homophoben Hip-Hoppern solidarisieren zu müssen und gleichzeitig eine bürgerliche und völlig wirkungslose Kampagne gegen Ann Coulter kritisiert. Es ist ja richtig, dass der dickste Brocken der Kämpfer gegen Homophobie sich einen Scheiss für Schwule interessieren und aus rassistischem Antrieb heraus agieren, das macht doch aber aus dem Lynchen von Queeren Menschen keinen Anti-Imperialistischen Akt. Ich weiss auch nicht, was dieses wettern gegen Queere Identität bezwecken soll, erst recht nicht, weil der vermeintlichen Mehrheit wohl dämmert, dass sie eben nur eine vermeintliche ist, und sich, sollten die Devianten sich zusammentun, ganz schnell in der Minderheit befinden könnten. Daher wohl auch die militanz selbst bei Leuten, die vordergründig ihre Devianz nur allzugerne heroisieren.

    Ausgerechnet mit libertärem Unsinn diese Coulter gegen „Zensur“ schützen wollen. Die ist genauso Zensuropfer wie Br*d*r und S*r*z*n. Für 5.000.000.000,- € lass ich mich auch wegzensieren. Sofort! 😀

  39. momorulez Oktober 17, 2011 um 10:17 am

    @Bersarin:

    Es gibt ja auch Akzente in der Moralphilosophie, die durchaus diskussionsfähig sind 😉 … war ja mein Studienschwerpunkt. Schlimm wird es immer, wenn da vorkantische Tugendlehren zu dominant werden und alle nur noch über mutmaßliche Charaktereigenschaften von Bankern reden oder aber groß „Demokratisierung“ rufen, ohne sich mal Gedanken zu machen, was da durch die Verfahren mal durch sollte. Das ist mir zu oft Ökonomiekritik ohne Ökonomie.

    Geravet wurde hier leider auch nicht, waren aber doch sehr viele Junge dabei.

    @Loellie:

    Was für Blaue Ameisen? Und Rhizom hat da tatsächlich irgendwie die Orientierung verloren, das ist mir ja auch schon häufiger aufgefallen. Und das Verständnis für manche Topoi der Antideutschen betrifft ja den Punkt, dass – wie in der Antwort auf Bersarin bereits erwähnt – das alles oft als negative Tugendlehre auftritt: Man arbeitet sich an imaginierten Persönlichkeitsstrukturen von Akteuren unter den „1%“ ab, anstatt sich mit strukturaler Analyse zu beschäftigen. Und das ist so ungefährlich nicht und ja auch einer der Töpfe, aus denen Homophobie nascht – „warum sollen WIR Mehrheit diesen arschfickenden AIDS-Schleudern auch noch finanzieren?“

  40. Loellie Oktober 17, 2011 um 1:18 pm

    Blaue Ameisen sind diese Anzuguniformen der chinesichen Arbeiter. Eine etwas gröbere Version des sog Mao-Anzugs.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mao-Anzug

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