Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Das ganze Stadion“

„1968 sorgte Costard für einen Skandal auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen: Sein Film Besonders wertvoll zeigte einen sprechenden Penis, der über das (damals gerade verabschiedete) Filmförderungsgesetz spottet.“

Man glaubt es ja kaum – Hamburg hatte mal ’ne Filmer-Avantgarde. Heute lehren Leute an Kunsthochschulen, die mit zwar ausgefeilter Kameratechnik, ansonsten aber als Dauerwerbesendung für mutmaßlich gedopete Radfahrer die Tour de France begleiten. Einst jedoch gab es Filmemacher wie Helmut Costard. Durfte ihn zufällig kennen lernen, weil sein Bruder mit meiner Mutter leiert war. Da wohnte er bereits in Berlin, war Nachmieter von Kippenberger in einer Kreuzberger Fabriketage mit Mauerblick. Im selben Gebäude residierte Jim Rakete, damals Nena-Manager, entsprechend was los war im Treppenhaus, gespickt mit Liebesbotschaften an die, na, ich spare mir die Attribute, die mir bei Nena in den Sinn kommen.

Sei alles erzählt, weil man ja oft erschrickt angesichts der allerorten aufzufindenden Kopiererei etablierter, kommerzieller Erzählformen. Und da ist der Gegensatz Costard/Kippenberger einerseits, Nena und Jim Rakete andererseits einfach symptomatisch. Damals, als ich Berlin gerade wegen der Mauer so spannend fand (was kein politisches Statement sein soll, politisch finde ich ja gut, dass sie weg ist, aber diese Kreuzberger Randlage zuvor war schon ganz eigentümlich großartig) – es war halt jene Zeit, da eine vielfältige Mixtur aus Postpunk, Neuen Wilden und den postmodernen Techniken von Kippenberger und Co, frühem Rap, frühem Grafitti, Alternativ- und Hausbesetzerszene, neuen Sprachen im Musikjournalismus, prall gefüllt mit ästhetischen Ideen und Vision etwas vorbereitete, was nie statt fand, sondern stattdessen von den Nenas dieser Welt aufgesogen wurde. Eine Explosion der Kreativität, die sich zwar gegen „Hippies“ positionierte, aber eben doch in den Fußstapfen der Avantgarden aus den 60ern und 70ern unterwegs waren, den so großartigen Gegenkulturen, die seitdem vom (Achtung, Metapher!) arisch-evangelikalen Komplex mit aller Macht der Ökonomie bekämpft werden.

Mir tun manchmal die Youngster auf unserer Süd fast leid, dass sie diese mannigfaltigen Einflüsse und Möglichkeiten nie erleben durften, während sie aufrecht Antifaschismus pflegen, und im Grunde genommen in einem Vakuum mit ein paar Versatzstücken versunkener Visionen aufgewachsen sind. Trotz all dieser neuen Medien, in denen eben viel zu oft vom „User“ nur nachgemacht wird, was die „Profis“ treiben. Es ist ja erschütternd, wie vieles bei Youtube sich anguckt wie BRAVO TV 1993. Es ist erschütternd, wie in manchen tradierten Fanzines einfach nur stilistisch und formal nachgeahmt wird, was Stadtzeitungen der 80er lustiger zu Blatte brachten, mit scheelem Seitenblick auf etablierte Medien Schreiber eine Sprache konservieren, die man bei „richtigen“ Zeitungen abliest. Zum Glück gibt es ja nun auch die BASCH. Und den Film „Das ganze Stadion„. Ich durfte gestern bei der Welturaufführung dabei sein und bin recht begeistert.

Zwar inszenierten die Macher keinen sprechenden Penis, was beim gewählten Sujet durchaus auch Sinn machen könnte. Trotzdem hat Felix Grimm fast so etwas wie ein Gegenstück zu Costards „Fussball wie noch nie“ geschaffen. In diesem verfolgt die Kamera während eines Spiels einzig und allein den Spieler George Best. Später wurde diese Idee im Falle Zidanes kopiert. Grimm hingegen zeigt annähernd ausschließlich das Publikum und das, was rund um das Spiel passiert – in der Polizeiwache, den V.I.P.Bereichen, wo die Snacks auf den Verzehr warten. Greift einzelne Protagonisten auf den zum Zeitpunkt des Entstehens drei Kurven und Geraden heraus, montiert sie pointiert gegeneinander und setzt die Reaktionen auf das Geschehen auf dem Platz ins Bild.

Mit mal 14, mal 15 Kameras entsteht so ein komplexes und auch auf Kalauer zum Glück nicht verzichtendes Porträt des Publikums am Millerntor, das konsequent auf das Situative neuer Aufnahmetechniken setzt – was, hautnah dem Capo auf den Daumen gerückt, zu herrlichen Perspektiven führt. Im Gegensatz zu Amateurimitationen von Profi-Machwerken folgt der Film der Möglichkeit von Spontanität aktueller Produktionsmittel geradezu liebevoll. Das ist toll.

Habe gestern zufällig beim Nachhausekommen nach einem noch sehr schönen Kneipenbesuch mit dem Produzenten des Films, DSP-Mitglied 😀 , zufällig in „Der dritte Mann“ geschaut und bin fast vom Sofa gefallen angesichts der so unglaublich ausgefeilten Bildkomposition dieses Meisterwerkes. Sich bewegende Körper in statischen Räumen, in den nur Wiederholendes – Riesenräder, Wasserschwall – sich bewegt; das Spiel von Hell und Dunkel wird reflektiert und durchkomponiert – der Film lotet die Möglichkeit der Stilisierung mittels Schwarzweißfilm, einem sehr schwerfälligen Medium, prachtvoll, ja überwältigend aus.

„Das ganze Stadion“ hingegen setzt ganz auf die Möglichkeiten aktueller, filmischer Techniken, sehr pur und formal konsequent – während einen auf der Kinoleinwand ansonsten digitale Effektorgien anschreien, wird hier „Dokumentieren“ wirklich wörtlich genommen mit einer konsequent situativen, ent-komponierten Bildsprache. Prima.

Der Schnitt wird als Schnitt explizit gemacht, die Montage ist als Montage erkennbar heraus gearbeitet, der ordnende Eingriff in die Materialmasse avanciert selbst zum Sujet (ob gewollt oder nicht, ist so). Verglichen mit erbärmlichen Streifen wie Sönke Worthmanns Sommermärchen-Desaster, wo aus traumhaftem Material ein Irgendwas mit schlechter Musik ärgerlich zusammen gestümpert wurde, ist hier das Arrangement formal annähernd konsistent. Annähernd, weil zu Beginn des Films wie auch in der Halbzeitpause und zum Ende Interviewpassagen ins Off gelegt wurden, als hätte man dem Selbsterklärenden des Materials nicht ganz getraut.

Das mag für vereinsinterne Diskussionen oder auch Fragen nach jener der Kommerzialisierung des Fussballs im Allgemeinen wie auch beim FC St. Pauli im Besonderen zwar hilfreich sein, ist aber irgendwie auch schade, weil es dem Film etwas von der Allgemeingültigkeit nimmt, eine Abstraktion nicht vollzieht, die den Kunstwerkcharakter noch verstärken würde. Durch diese Technik wird freilich die Vorgeschichte der „Sozialromantiker“ ebenso zugänglich wie der Generationskonflikt Gegengeraden-Establishment versus Ultras auf der Süd; dies schienen mir die dominanten Inhalte zu sein. Ob sie für ein Nicht-St. Pauli-Publikum in dieser Form zugänglich werden? Keine Ahnung.

Vereinsintern kommt der Film zum richtigen Zeitpunkt, nachdem auf der AFM-Versammlung der Orth schwieg und die Geschäftststelle mal wieder in St. Pauli-typischer Hinterzimmermanier Ziele und Engagement der größten Vereinsabteilung sabottierte. Und die Jahreshauptversammlung zu einem Zeitpunkt angesetzt ist, der schon einer Verachtung der Mitglieder gleich zu kommen scheint – Dienstags, 18 h. Ein Skandal. Da arbeiten viele schlicht und ergreifend noch, und für Auswärtige geht gar nix. Da gilt das gleiche wie für die absurden Anstoßzeiten in der Liga.

Alles wichtig; für den Film jedoch, der ansonsten ganz konsequent nur die Reaktionen und das Umfeld von etwas zeigt, das man selbst nicht sieht, vielleicht gar nicht notwendig – aber durchdacht da eingesetzt, wo auf dem Platz gerade nichts statt findet. Was ein wenig, was ich ganz unverächtlich meine, Loriot-Witze wie jene der sich von links nach rechts nach links nach rechts bewegenden Augenpaare der Zuschauer beim Tennis fort schreibt.

Und das ist so mutig und formal innovativ, dass man den Film schon deshalb als auch an Fussball gar nicht Interessierter einfach gesehen haben sollte. Tolles Werk.

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22 Antworten zu “„Das ganze Stadion“

  1. crescas Oktober 5, 2011 um 6:48 pm

    ich bin etwas schockiert. Nena war doch vor 89?, oder nicht? mein Gitarrenleherer setzte mich diesem Schock aus: Er fand Nena gut! Er, bei dem ich zwischen ´84 und ´86 die ersten Bossa-Rhythmen lernte und der offensichtlich nicht nur von Brouwer sondern auch von den südamerikanischen Befreiungsbewegungen immernoch beeinflusst, sogar inspiriert war Das saß tief und welch ein Schock !! Aber im Nachhinein, Nenas schiefe Zähne in der unteren Zahnreihe, oder auch die obere? bei 99 Luftballons, ja, das hatte was …

    … nun, aber jetzt, obwohl mich das Ganze nicht die Bohne interessiert, hast du mich doch neugierig gemacht. Es scheint um einen Film zu gehen. Soviel habe ich verstanden.

    Die Verdienste der ehemaligen Filmszene in Hamburg in allen Ehren, es scheint mir alles ganz klar und offen zu Tage zu liegen, oder ganz verdeckt, und ich sehe keine Notwendigkeit für weitere Filme. Vielleicht ist das Altersweisheit, und die Youngsters sehen vieles einfach nicht. Es ist vielleicht bitter, aber für mich ist Hamburg abgefilmt. Rein theoretisch, Formfragen, aber das kannst du auch in Sao Paulo machen.

    Ansonsten: Die Explosion der Kreativität, wie sie ja schon im Wave-Zeitalter stattgefunden hatte, ich hing da mehr in Techno-Zusammenhängen rum, zur Zeit des Mauerfalls, und was da stattfand, fand ich eher peinlich. Nagut, jetzt versauere ich hier schon seit Jahrzehnten in Hamburger Vorstädten, aber gerade deshalb liebe ich die Stadt, weil hier alles offenliegt: Reichtum und Armut, Wohlleben und vor Hunger oder Wahnsinn krepieren, Szenecoolheit und Pennertum mit Todesgewissheit. – Verhältnisse, vor denen mich letztlich auch das hiesige Spiepßertum nicht beschützen kann.

    Klar: aber, danke für den Hinweis auf die Hippies, als welchen ich mich letztlich doch verstehe 😉

  2. momorulez Oktober 5, 2011 um 7:47 pm

    „Nur geträumt“ war ’82 oder ’83, und Techno baute ja neben Disco auf Industrial, EBM, durchaus auch New Order und so was auf, was zu dieser Postpunk-Suppe gehörte. Und bin mir ziemlich sicher, dass das in Sao Paulo anders aussähe als am Millerntor, aber das ist ja der Punkt, da ich auch finde, dass die Macher noch einen Schritt weiter hätten gehen können, um von Hamburgs Mitte zu abstrahieren. Abgefilmt ist eh nie irgendwas.

  3. crescas Oktober 5, 2011 um 8:08 pm

    ja, da habe ich sicherlich etwas übertrieben und mich ein wenig verrannt.

  4. Loellie Oktober 5, 2011 um 10:06 pm

    Und jede Generation braucht ihre eigenen Filme.

    „Wir reden hier gerade wie die Spiesser, die früher Splatterfilme verbieten wollten“ hat der Buttgereit gestern zu Bruce LaBruce gesagt. Natürlich nicht gestern, aber ich bin gestern darüber gestolpert.

    Ich wollt ja eigentlich garnicht, weil nicht schon wieder Früher war mehr Lametta, ihr könnt ja aber gerne … mir schien 82 / 83 recht spät für Nena, weshalb ich kurz bei Wiki geguckt habe, und dieses Kleinod fand, dass so treffend die Misere beschreibt, kann ich nicht zurückhalten:

    “ … Nena ist seit Ende des Jahres 2009 neues Titelmotiv für den OTTO-Katalog. Sie steht auch im Mittelpunkt der kommenden Medienkampagne, hat im Internetauftritt des Versandhändlers einen eigenen Shop und präsentiert zum Thema „Glam Rock“ die Marke „Youth against labels“. … „

  5. che2001 Oktober 5, 2011 um 10:31 pm

    Au weia!
    Demnächst DAF als Werbemaskottchen für die Ergo-Versicherung oder Einstürzende Neubauten für Bilfinger Berger?

  6. momorulez Oktober 5, 2011 um 11:29 pm

    DAF so zu modulieren geht gar nicht 🙂 – bei Nena war das von Anbeginn an angelegt. Die war immer schon Otto-Katalog.

    Diese Buttgereit/BruceLaBruce-„Durch die Nacht“-Folge ist schon dolle. Ich habe die kurioserweise ohne Ton geguckt. Bei BruceLaBruce neige ich ja zum Idolisieren, „Hustler White“ ist einfach gigantisch. Oder auch diese völlig abstruse, endlose, gewalltätige Fick-Sequenz in der Porno-Version von „Skin Flick“. Das sprengt irgendwas im Kopf, im Schwanz, im Arsch, das ist seltsam großartig. Und verhöhnt all die arisch-evangelikalen Dumpfspießer, die sich für „politisch unkorrekt“ halten, mit einer Militanz – das kann man hier gar nicht referieren, ohne gleich in symbolische KZs gesteckt zu werden, so radikal ist das, gerade WEIL es zugleich einfach nur Porno ist.

    Buttgereit ist wahnsinnig sympathisch, klug, gucken mochte ich die Filme trotzdem nicht 😀 – egal, dessen Minenspiel in Reaktion auf BruceLaBruce, diese verängstigte Faszination, das war schon irre, sich das anzugucken.

  7. Loellie Oktober 6, 2011 um 11:34 am

    Ja, die zwei zusammen sind wirklich klasse. Beim Buttgereit gehts mir ganz genauso, der ist furchtbar nett und irgendwie niedlich, aber Splatter ist komplett nicht mein Ding. Grossartig die Szene in der er meint, er hätte nie einen Porno gesehen, bzw sich einen drauf runter geholt und Bruce dann „aber auf Splatterfilme abwichsen …“. Das Gesicht war wirklich unbezahlbar.

    Ich hab ja tatsächlich nur den ‚No Skin off My Ass‘ gesehen, das muss direkt nach der Premiere gewesen sein. Ich weiss garnicht mehr wo, Hustler White lief in irgendeinem Darkroom ohne Ton, das hab ich nur zum Teil geguckt und ein paar Szenen die sich auf Youtube finden.
    Wobei ich gestehe das sowas wie die Szene in Skin Flick, wo die Oi-Braut in der Küche ausrastet … mir ist das dann zu bekannt aus dem echten Leben um das auf der Leinwand wirklich goutieren zu können. Ich kenn solche Situationen und so fertige Typen, das ist mir dann komisch zwischen Leuten zu sitzen, für die das eine andere und ganz fremde Welt ist. Wie im Zoo. Mir ging das nach einer Austellung, wie hiess die New-Yorker Punk-Tunte noch gleich, auch ganz merkwürdig, diese Andacht der Besucher, die allesammt, hätten sie den oder mich im Haus gehabt, nur Stress gemacht hätten.

    Und weil ich vorgestern gerade dabei war, hab ich mir ‚No Skin off My Ass“ auch gleich nochmal angesehen, und muss gestehen, dass ich es doch etwas fädig fand, ’ne Stunde hätte da locker gereicht und ob das eine gute Idee war, die Texte selbst zu lesen wäre einen Gedanken Wert. Ingesammt wirkte das aber wesentlich zahmer als ich es in Erinnerung hatte. Was fast 20 Jahre und Internet-Porno später kein Wunder ist.
    Wobei mir letztens durch die Verbotenen Aufnahmen wieder richtig bewusst wurde, wie sehr ich derart essayhafte Filme mag. Einfach in 8 oder 16mm und Texte drüber. Ich mag auch dem Chris Marker seine Sachen sehr, oder Nate Harrison, auch wenn der wohl in Video macht. Es sind dann solche Arbeiten die mir durch den Kopf gehen, wenn ich gegen Kultursubventionen wettere, nicht weil ich was gegen Kultur oder deren Subventionierung hätte, sondern weil Generationen dieser Künstler zu tun hätten, wenn nur mal das Budget für eine bayreuther Bühne nicht in die falschen Hände geräte.

    Zu den Ursprüngen des arisch-evangelikalen Komplexes lief gerade auf PBS eine aufwändige, dreiteilige Doku von Ken Burns über die Geschichte der Prohibition. Sinnigerweise ‚Prohibition‘ betitelt. Bin zwar erst knapp zur Hälfte durch den ersten Teil, der aktuell down ist, aber das ist enorm aufschlussreich und entlarvend und korelliert mit der Entstehung der frühen „Feministinnen“ und des Christian Socialism.
    Falls der erste Teil länger verschwunden bleiben sollte, kann ich per Mail einen Link zum downloaden schicken.

    LOL … und das Nena schon immer Otto war, ein Label gegen Label, gefakte Counter-Culture, in diesem Sinne Counter-Counter-Culture, DAF bis heute komplett inkompatibel zu sowas ist, Respekt, und Trio mutmasslich aus blanker Armut Werbung für Atomstrom gemacht hat, hatte ich gestern sogar noch geschrieben aber mal wieder nicht abgeschickt. Manchmal fang ich an zu schreiben, dann will mein Mann was von mir, oder ich click in der Gegend rum, les‘ was und dann was anderes, dann pass ich nicht auf, mach aus versehen das Fenster zu oder finde das Geschriebene dann doch irgendwie. Abgestanden …

  8. Loellie Oktober 6, 2011 um 11:41 am

    Link vergessen *kopfschüttel*

    http://video.pbs.org/video/15393956

    Der riecht das wenn ich schreibe. Das ist unglaublich. Manchmal verplemper ich tagelang meine Zeit mit ziellosem lesen und irgendwas angucken, aber sobald ich anfang zu tippen will er was. Sogar per Telefon.

  9. momorulez Oktober 6, 2011 um 11:50 am

    „No Skin of my Ass“ fand ich auch nicht so dolle. Aber „Hustler White“, das ist so derart dreifach verschwurbelt gemacht, das ist schon grandios. Am absurdesten die Kuss-Sequenz zum Schluss am Strand, die bei allen möglichen Zuschauern echte Empörung entfachte, nachdem es zuvor sogar um Amputationsfetischismus und Mummifizierung ging, was sich alle fasziniert betrachteten.

    Und bei „Skin Flick“ meine ich die Vergewaltigungs- und Kreiswichsen-Sequenz, die man hier wirklich gar nicht näher beschreiben kann, ohne völlig zu recht den Braunen Mob und die Mädchenmannschaft gleichzeitig aufzubringen, wenn man das einfach so aufschreiben würde – obwohl es da eigentlich drum geht, dass einen all die internalisierten Demütigungen, die man als Schwuler, aber auch als White Trash erlebt, kurioserweise geil machen können und sich die Schwuppe wenigstens mal rächt.

    Ich gucke ja selten das, was Andere machen 😀 – das verwirrt immer nur und man vergisst dann die eigene Linie und Stärke. Wobei sich das mit der „Prohibition“ schon sehr spannend liest.

  10. Loellie Oktober 6, 2011 um 1:49 pm

    Lustig, den hier

    http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,790086,00.html

    hab ich gerade letztens zum ansehen vorgemerkt. “ … Eine pralle Blondine überfordert den verklemmten Romantiker erotisch, drückt ihn an ihren Busen und phantasiert, um sich auf Touren zu bringen, vom Fußball-Beatle und Strafraum-Fummler George Best, der „ihn sechsmal reingebombt“ hat. …“ 😀

    Naja “ … die man hier wirklich gar nicht näher beschreiben kann, ohne völlig zu recht den Braunen Mob und die Mädchenmannschaft gleichzeitig aufzubringen … “
    Die AntiFa hast du vergessen und anstatt „zu recht“ sehe ich in solchen Fällen ein klares umkippen progressiver Konzepte in Homophobie. Das ist doch auch wieder nur eine Formfrage, ob sich jemand auf der Couch finanziell ruiniert, dabei aber Anständig bleibt, oder sich vom Loellie vollgepisst durch die Wohnung stiefeln lässt. Wobei ich keine Zweifel habe, dass meine Methode die therapeutisch effektivere ist. Was auch der Grund ist, weshalb ich bei dem Thema so hinterm Berg halte, weil das mit Sex im konventionellen Sinne, selbst wenn man Kinky und SM als orgasmusfixierten Sex versteht, nicht mehr viel zu tun hat und die blosse Beschreibung dessen, was da sich abspielt, im Gegensatz zu dem was passiert, sich immer so verdammt schnell wie deansche Strichlisten liesst. Dann haben wir dies getan und später jenes. Toll, 50 Hiebe mehr bei der letzten Session als bei der vorletzten. Dieses mechanistische Erzählen ignoriert den Kern dessen, was da läuft und ist im Zweifel, selbst wenn es nur ums anbaggern geht, weil es sich aus der puren Phantasie schöpft, bestenfalls nutzlos bis kontrapruktiv, im schlimmsten Fall „gefährlich“.
    Gerade das dreifach verschwurbelte, die Strafe, die keine ist, der Zwang, der keiner ist, die Gewalt die keine ist und vor allem die Demütigung, die völlig paradox ist … jemand als Schwule Drecksau zu beschimpfen während man selbst mit einem Mordsständer dasteht, das ist enorm schwierig in Sprache zu fassen. Das können aussenstehende garnicht nicht misverstehen.
    Auch und eben wegen des Widerspruchs, das Penetration durch amputierte Gliedmassen als voyeuristische Exotik fesselt und dann plötzlich ein Kuss skandalisiert wird. In der Realität sind es immer wieder genau solch triviale Situationen die problematisch werden. Wie das kleine chinesische möchtegern Boy-Chick, als er in post-orgasmischer Hitze auf mir liegt und ich, nachdem ich ihn seiner „lächerlichen“ Verkleidung, vor allem seiner albernen Perücke wegen Stunden zuvor noch schwerst gedemütigt hatte, wie ich ihn streichelte, meine Finger durch seine Haare gleiten lasse und sage „your hair is so beautifull, you should really let it grow“. Unser drittes Wochende war das und Ihre Erkenntnis, das es mir wirklich scheiss egal gewesen wäre, im Falle des Falles, in welchem Körper meine bildschöne Freundin steckt, so sie denn meine Freundin und ich ihr Freund hätte sein wollen, hat das arme Ding völlig in Panik verstetzt.
    Da ist ein Beinstumpf im Anus noch immer ungleich harmloser als eine Tür die sich öffnet.

  11. momorulez Oktober 6, 2011 um 4:32 pm

    Bin ja in allem bei Dir; das „zu recht“ ist halt deshalb da drin, weil es sich bei der Sequenz um eine zugleich hochpolitische Szene handelt, weil eben rechtsradikale, weiße Skins ein schwules Pärchen verfolgen und fangen, das aus einem Schwarzen und einem Weißen besteht, der Schwarze wird anal vergewaltigt, im Kreis stehen die Nazi-Skins drumherum und rufen rassistische Beschimpfungen in einem Rhythmus fast wie bei einem exotischen Ritual, wie man in Kolonialtradition schwarze Riten darstellen würde irgendwo „im Busch“, und holen sich alle gleichzeitig auf diese in einen durchaus anregenden schwulen Hardcore-Porno übergehende Szene, die auch sehr lang ist, einen runter. Dann dreht sich der Spieß um, die Schwulen gewinnen die Oberhand, stechen noch einen ab, und es wird zurück vergewaltigt.

    Das ist eine so multipel codierte Szene, dass sie über begriffliche Abstrakta – „Homophobie“, „Vergewaltigung“, „Rassismus“ oder auch „schwule Nazis“ – gar nicht diskutierbar ist. Weil sie eben ganz woanders ansetzt, wie Du ja auch schreibst, nur dass der politische Rahmen durchgängig präsent bleibt, sich also nicht durch sexuelle Vorlieben und deren Inszenierung oder wie immer man das nennen möchte aufhebt und somit die Diskussionsfähigkeit suggeriert wird. Und da weiß ich nicht, wie das eine schwarze Frau angucken würde. Ich weiß es wirklich nicht. Für mich ist das grandios gebaut, aber ich gucke das ja auch völlig anders. Das ist einfach sehr strange und auch für mich völlig verwirrend, weil es gerade die Realität dessen, was als „Rape-Porno“ ja auch existiert, sehr ernst nimmt. Und trotzdem was ganz anderes draus macht, was nicht zuletzt ein zugleich überstilisiertes als auch sehr realistisches Bild männlicher Sexualität inszeniert, wundervoll ausgeleuchtet und eben so verstörend, weil der Kontext, auch die Brutalität, nicht aufgelöst wird.

    Und eben die Macht-Kompente im Sex dabei sehr ernst nimmt, die von Ideologen wie Dean in solchen Fällen immer negiert wird.

    Penetriert wird gar nicht beim Amputationsfetischisten, der bewundert einfach. Am Anfang des Films sieht man den Unfall, der zur Amputation führt. Es gibt auch einen Stricher, der eifersüchtig auf einen anderen ist, weil der geliebte Freier mit dem die extremeren Spiele spielt. Und einen Gangbang von Schwarzen an einem blonden Stricher, bei dem die legitime Rache der Schwarzen an den Weißen während der Penetration lautstark referiert wird. Auch da weiß ich nicht, wie meine Freunde vom Braunen Mob das gucken würden, ich fand sie stark. Und wahnsinnig mutig. Das ist aber alles was anderes als die individuelle und konkret zwischenmenschliche Ebene. Für mich ist das schon echt und richtig Kunst.

  12. Simon2 Oktober 6, 2011 um 5:44 pm

    „Die AntiFa hast du vergessen und anstatt „zu recht“ sehe ich in solchen Fällen ein klares umkippen progressiver Konzepte in Homophobie.“

    Ich sehe darin eher puritanische Lustfeindlichkeit als dezidierte Homophobie. Nur „eher“, weil die Grenzen natürlich verschwimmen. Aber Homophobie lässt sich durchaus mit einer Art von hedonistischem Heterosexismus vereinbaren, was sich gerade in div. Subkulturen regelmäßig zeigt. „Punk ist cool und Klassik doch voll schwul, ey.“ Meine Erfahrungen sind da jedenfalls schlecht. (Ich bin allerdings auch Jahrgang ’83) Und umgekehrt gilt natürlich auch, dass sich eine konservative Lustfeindlichkeit, das Wettern gegen unkeusche bzw. sexistische Gedanken, durchaus mit der Akzeptanz von braven, konservativen Schwulen vereinbaren lässt, die sich auf dem evangelischen Kirchentag segnen lassen und deren lebenslänglich-monogame Partner höchstens zwei Jahre jünger sind als sie (alles andere wäre ja auch Kinderschändung).

    Btw: Ganz netter Artikel von Markus Bernhardt („Schwule Nazis und der Rechtsruck in Gesellschaft und schwuler Szene“) über „Prüderie und Denkverbote in Teilen der radikalen Linken“: http://www.neues-deutschland.de/artikel/168546.pruederie-und-denkverbote.html

    Schade nur, dass auch Bernhardt vor einer „übertriebenen political correctness“ warnt. Der Begriff ist ja mittlerweile so kontaminiert … aber wo ich gerade bei „politische Korrektheit“ bin! Gestern, haha, auf der „Achse des Guten“. Broder schreibt, dass er von irgendeiner Bremer Liberalen-Gruppe im Dunstkreis der FDP eingeladen wurde, einen Vortrag über „politische Korrektheit“ zu halten, und weil ihm die Liberalen leid tun würden, habe er „prinzipiell“ zugesagt. Nach seiner Zusage habe er allerdings im Begleittext zu der Veranstaltung gelesen: “Juden darf man in Deutschland nicht kritisieren. Totschlagargument: Shoa. (…) Kann ein Volk wirklich nur mit Denk- und Sprechverboten, mit Tabus kleineren und größeren Ausmaßes friedlich leben?“ Daraufhin habe er abgesagt.
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/radikale_liberale/

    Ich habe schon überlegt, ob ich ihm eine hämische E-Mail schreiben soll, in die ich irgendwie diese Redewendungen von den Geistern, die man rief und der Revolution, die ihre Kinder fresse, einbauen solle. XD Hatte dann aber doch keine Lust. Nur die dunkle, die bösartige Seite in mir, die freut sich irgendwie auf den Moment, in dem die ersten Vorreiter der „Inkorrenten-Bewegung“ auf dieser P.I.nahen Website „Nürnberg 2.0“ als Angeklagte auftauchen. 😛

  13. Simon2 Oktober 6, 2011 um 5:48 pm

    „das „zu recht“ ist halt deshalb da drin, weil es sich bei der Sequenz um eine zugleich hochpolitische Szene handelt, weil eben rechtsradikale, weiße Skins ein schwules Pärchen verfolgen und fangen, das aus einem Schwarzen und einem Weißen besteht“

    Nachtrag: Achso, ich dachte, ihr redet über SM im Allgemeinen.

  14. Loellie Oktober 6, 2011 um 6:17 pm

    Ich kann das garnicht wirklich trennen, weil etliche meiner Spielkameraden, wie ich zu sagen pflegte, unter anderem in Pornos von Cazzo mitgemacht haben, ich nicht, weil ich gleichzeitig Regie hätte machen wollen, wenn ich mich schon für ein Taschengeld hergebe, und Cazzo Jürgen Brüning gehört, der wiederum Filme von LaBruce Co- bzw Produziert hat.
    Ob da nun ’ne Kamera mitläuft ist nebensächlich, auch wenn LaBruce da nochmal ’ne Ladung Stilisierung draufpackt.

  15. momorulez Oktober 6, 2011 um 7:09 pm

    @Simon:

    So jung 😉 ? Aber wieder vollste Zustimmung, gerade diese „Punk ist cool und Klassik voll schwul“-Nummer, aaargh, das merken manche z.B. im Rahmen des FC St. Pauli einfach gar nicht, dass es diese Felder überhaupt gibt.

    SM im Allgemeinen hat hier durchaus schon zu Rauswürfen geführt, weil dazu unqualifiziert moralisierendes Gequake abgesondert wurde. Mich erstaunt das als durch Foucault im Denken Geprägten immer sehr, dass diese ganzen irgendwie Linken oder Liberalen auf Teufel komm raus machtfreie Räume behaupten wollen und sich dann wie frisch abgeseift fühlen, christlich rein. Da drehen die meisten an irgendeinem Punkt ab und kommen mit dem Sujet, dass Macht auch irgendwas mit ihnen zu tun haben könnte, so gar nicht klar. Ich war ja nun in der Praxis auch nie so vielfältig aktiv und mutig wie Loellie und habe ständig innere Moral-Konflikte, aber bei dem Thema eigentlich nicht.

    Danke für die Links!

    @Loellie:

    Das ist schon noch anders als andere Cazzo-Geschichten, was der Bruce LaBruce da gemacht hat. Der geht aus einer Spielfilhandlung über in den Cazzo-Porno, was die Irritation verstärkt und sehr sexy ist, dadurch entsteht aber was ganz anderes. Und „Hustler White“ mit RickCastro, der ja auch sehr anregende Fotos gemacht hat, ist noch mal ein anderes Spiel, eins mit dieser Bruce Weber-CalvinKlein-Werbeästhetik. Was angesichts der Sujets dann auch schon wieder verstört.

  16. momorulez Oktober 6, 2011 um 9:03 pm

    @Simon noch mal:

    Dieser Text im Neuen Deutschland zeigt im Grunde genommen, dass die rechten Fighter gegen PC das Feld tatsächlich so weit okkupiert haben, dass man kaum noch eine Sprache findet, diesen protestantischen Mist, der sich bei Linksspießern breit gemacht hat, die sich zugleich auch weiterhin als die Avantgarde des Aufgeklärten halten und chronisch beleidigt sind, wenn man sie mal auf irgendwas hinweist, anzugreifen. Inhaltlich haut das ja hin, mal ab davon, dass mir zumindest „queeres“ Auftreten als “ Modeerscheinung“ seit ca. 1996 nicht mehr begegnet ist und sich diese Sottisen gegen Queer- und Gender-Theory sowieso aktuell als Brutstätte noch ganz anderer Formen „linker“ Reaktion erweisen, das kann man bei vielen „antideutsch“ inspirierten ja gerade ganz gut nachvollziehen.

    Irgendwie müssen einfach neue Formen her, die mal wieder Positivbilder erzeugen.

  17. che2001 Oktober 6, 2011 um 10:01 pm

    An Positivbildern fehlt es ganz generell, in jedweder Hinsicht. Vergleiche ich mal meine wilde Jugend, in der zumindest in dem Umfeld in dem ich mich bewegte variantenreicher Sex mit häufig wechselnden PartnerInnen als positiv besetzt galt mit jetzt überkommt mich das Grauen.

  18. Loellie Oktober 6, 2011 um 10:06 pm

    Klar ist das was LaBruce macht was anderes als Cazzo, kommt aber aus dem gleichen Millieu 😀 und soooo weit ist das auch nicht ausseinander. Das eine Spielfilm mit Pornoeinlagen, das andere ohne Spielfilm.

    @ „Ich sehe darin eher puritanische Lustfeindlichkeit als dezidierte Homophobie.“
    Ja. Der Begriff arisch-evangelikaler Komplex war mal bewusst unscharf um der sprachlichen Okkupation und Kolonisierung durch bestimmte Kreise entgegen zu wirken und um das zu verhindern, was Markus Bernhardt, wie momo schon schrub, passiert ist. Intuitiv hat er ja recht mit dem was er schreibt, wo er aber zB die radikale Linke gefunden haben will verschweigt er uns dann aber doch.
    Es ist auch eine meiner Eigenarten, bestimmte Diskurse die pseudo-systemisch daher kommen erst recht persönlich zu nehmen, und da meine Sexualität sich altersbedingt auch in der Flexibilität reduziert hat, also was das cruisen angeht, und ich seit Jahren in einer schwulen Beziehung lebe, schreib ich dann homophob, auch wenn sexualfeindlich genauso passt.

    Die Frage wie man sich inhaltlich und sprachlich den Diskursvorgaben der Counter Revolution entzieht ist wichtig, und auch spannend. Find ich. Auch wenn ich da bisher keinen klaren Weg sehe. Den gibts vllt auch garnicht. Bestimmte Sachen zu verweigern ist jedenfalls ein guter Anfang.

  19. Loellie Oktober 10, 2011 um 11:21 pm

    On a brighter note, die hier hatte ich total verdrängt

    http://www.youtube.com/watch?v=gIdlqWcGn_s

  20. momorulez Oktober 11, 2011 um 10:01 am

    Kannte ich gar nicht …

  21. Loellie Oktober 11, 2011 um 11:22 am

    So richtig kennen kannte ich die auch nicht. Irgendwer hatte vor 30 Jahren mal eine Casette und ich konnte mich, als ich das Sonntag nacht zufällig gefunden hab, noch an das mit Eva Braun erinnern. Der Sänger Tomato du Plenty war wohl bei den Cockettes.

    Das Logo kennt aber jeder.
    http://punkdaddy.wordpress.com/2011/07/24/the-screamers/screamersfront/

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