Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Oktober 2011

Lesen!

Lustvoll jauchzen

Es heißt ja immer, Mensch solle seinen Feinde Liebe schicken … und in der Tat vergiftet Mensch sich in diesen ewigen Schlachten rund um Anerkennung und dominante Kultur selbst.

Dann wache ich morgens auf, will das Motto mal ausprobieren, denke, was kannste ihnen mal Schönes wünschen. Worauf hättest Du gerade Lust? Scheiße, keiner da. Ach, wünsche ich das doch, da lernt MANN Hingabe, sich öffnen, sich führen lassen, passiv sein dürfen, sich Gutes tun lassen … bitte, was ist denn das für ein Weltbild, das davon ausgeht, eine Vergewaltigung könne Genuss und lustvolles Jauchzen hervor bringen? Meines ist das nicht. Da muss beim Leser aber schon einiges voraus gesetzt sein in der eigenen Sicht zwischenmenschlichen Verhaltens, auf so eine Idee zu kommen …

Wobei virtuelle Freundinnen und neue Weggefährtinnen, mit denen zu kommunizieren mir sehr gut tut, mich darauf hin wiesen, das könne an diese Sprüche erinnern, die Lesben sich immer anhören müssen „Die muss nur mal ordentlich gefickt werden …“, und das stimmt. Dafür sorry. Es stimmt auch, dass man niemand wünschen solle, was der nicht will – ich dachte, auch das durch genuß- und lustvoll ausgeschlossen zu haben. Das tut mir dann leid.

Aber es sei bitte trotzdem zur Kenntnis genommen, dass Arschfick für mich wirklich was Schönes ist, was auch mit Besonderheiten der männlichen Anatomie zusammen hängt. Und dass ich, gerade mal wieder eimerweise mit Häme gegen Schwule, Feministinnen und Antirassisten überschüttet, wohl unbewusst das Bedürfnis hatte, darauf zu verweisen, dass Arschficker wie alle Menschen was sehr Schönes und Liebenswertes sind, die Sachen miteinander machen, die Spaß machen. Die genießen und lieben könnten, wenn  man sie denn nicht ständig mit Mist überschütten würde, und gerne mal lustvoll jauchzen. Schwanzlutscher auch.

Und der Herr, der gemeint war, kann sich ja  dann ersatzweise was anderes Schönes vorstellen und das dann erleben. Das wünsche ich ihm hiermit. Vielleicht mutiert er dann ja plötzlich zu einer wundervollen Person, die es nicht nötig hat, die Wut Diskriminierter in den Kontext von RAF und Nationalsozialismus zu stellen, wie es bei der Neuen Rechten so üblich ist …

Das verweist auf etwas anderes: Habe gerade recht fasziniert über die „Giraffen und Wolfssprache“ gelesen. Weil ich ja Experte im Wölfisch bin, was kein Wunder ist, wenn man aus mindestens zwei Minderheitenpositionen – irgendwie Intellektueller, das ist nicht in jedem Fall die dominante Position, und schwul – ständig wölfisch angegangen wird.

Mensch rennt dann irgendwann mit nach vorne verlagerten Schultern, eingezogenem, vorgestreckten Kopf durch die Gegend, mit hängendem Mundwinkel und wachsamen Blick, weil Mensch stets auf den nächsten Schlag gefasst sein muss. Ein Körperpanzer bildet sich, Verspannungskopfschmerz ist häufig, und die nächste Attacke kommt ja auch, sobald man sich zeigt. Dann wird in St. Pauli-Blogs gegen Leute, die Habermas lesen, polemisiert, keine Ahnung, was für ein Bedürfnis sich dahinter verbirgt – und prompt ist man wieder im Wölfischen. Das steht ja nicht am Anfang.

Die Erkenntnis dieser Giraffensprache ist ja, dass hinter all dem Gezeter und Gekeile eigentlich ganz verständliches Bedürfnis stünde – z.B. jenes, nicht alle Nase lang mit Heternormativität konfrontiert zu werden, sondern einfach mal so sein zu dürfen, wie man empfindet und lieben und begehren will und dieses Begehren als etwas Schönes zu verstehen. Das ist ein langer Weg dorthin, Um dann jedes Mal einen Shitstorm zu ernten, wenn man das artikuliert.

Welches Bedürfnis steckt nun aber bei denen dahinter, die zumeist ungewollt mit Hate-Speech-Bildern operieren? Gibt es nicht auch wölfische Bedürfnisse? Ich meine, ich würde gerne giraffisch sprechend durch Lebens ziehen und habe irgendwie das Gefühl, man lässt mich nicht …

Seufz …

Es holt sie täglich wieder ein …

Das Bedürfnis, sich in Räumen zu bewegen, in denen man NICHT permanent mit der Nase auf mehrheitsgesellschaftliche, gewalthaltige Witzigkeit im Umgang mit deutscher Geschichte und Gegenwart gestoßen wird, um darauf noch unsägliche Debatten führen zu müssen, DASS Mensch dieses Bedürfnis hat und NICHT ganztägig damit beschäftigt sein möchte, die Angehörigen dominanter Kultur lebenslänglich geduldig in Demutshaltung über deren eigene Verfehlungen aufzuklären, das ist doch im Grunde genommen gar nicht so schwer verständlich.

Für Sara W. aus Fulda offenkundig schon. Obwohl der Einstieg zunächst anderes vermuten lässt.

„Sehr geehrte Frau Sow,

ich verstehe, dass Sie aufgebracht sind und die HS Fulda sich solch einen Fauxpas nicht hätte leisten dürfen. Zu absurd präsentierte sich die ganze Situation. Dennoch hätten Sie meiner Meinung nach auch anders reagieren können. Ist nicht eines Ihrer Ziele, die Bevölkerung auf latenten Rassismus aufmerksam zu machen? Sie hätten diese absurde Situation doch als Aufhänger für Ihre Lesung nützen können und anhand dieses konkreten Beispiels einen konstruktiven Beitrag in Form einer Diskussion leisten können. Aber nein, Sie glänzen mit Ihrer Abwesenheit; hauen einfach ab und lassen eine Gruppe enttäuschter Studenten zurück, die sich sehr auf Ihren Vortrag gefreut hatte. Ist das eine professionellere Reaktion? Der Abend war für mich jedenfalls ein voller Reinfall und ich finde nicht, dass man nur eine Seite dafür verantwortlich machen kann. Sie haben zwar ein klares Statement gesetzt, doch hätte man diesen Abend definitiv konstruktiver nützen können.

Für Ihre weiteren Lesungen wünsche ich Ihnen alles Gute.“

„Profession“ Weißenpflegerin, Spezialgebiet schlechtes Gewissen lindern?

Ich finde es schon enorm, es imponiert mir sehr, dass Noah sich mittels formatierten und kontrollierbaren Lesungen zwiespältigen Situationen immer wieder aus setzt. Dann noch diese ganze Bedürfnispflege und Debattierei drumherum zu unterbinden, nichts ist nachvollziehbarer als das, wenn zudem noch Derartiges, man lese nach, am Veranstaltungsort wartet und „leuchtet“.

Diese Antwort von Frau W. ist ja noch absurder als der Vorgang selbst und wirkt fast wie von manchen St. Pauli-Fanzines geschrieben … ich hau Dir eine rein, aber bitte, nutze doch die Chance, mir danach geduldig zu erklären, wieso das so weh tut. Dafür bist Du doch da, so als Schwarze, die solche Bücher schreibt.

Klarer lässt sich ein instrumentelles Verhältnis zu Angehörigen einer strukturell stigmatisierten Personengruppe wohl kaum ausdrücken: Mensch fordert sie an, um masturbierend sich an der eigenen Güte zu ergötzen, dass Mensch sich mit „so was“ beschäftigt, sieht jedoch keinerlei Veranlassung, sich zuvor mal eigentätig mit dem Thema beschäftigt zu haben – und wirft dann noch in tiefer Frustration vor, dass Mensch danach nicht auch behudelt und bestens versorgt wird, weil die Situation für Mensch ja so schwierig war. Mutmaßlich.

Lantzschi kommentiert zu Recht:

Desweiteren ist es hilfreich, sich über die gewaltvolle Kolonialvergangenheit, den Anteil der heutigen BRD und Rassismus im Allgemeinen zu informieren. “Spricht die Subalterne Deutsch”, “Afrika und die deutsche Sprache” und “Wie Rassismus aus Wörtern spricht – Koloniale (K)Erben im Wissensarchiv Deutsche Sprache” sind da wirklich ausgezeichnete Lektüren.
Auch, wenn ich mich wiederholen muss: Nein, es ist nicht die Aufgabe von PoC und Schwarzen das für Sie zu übernehmen. Schon der weiße und rassistische Aufklärer Kant sagte: “Versuche, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen” – Vielleicht schaffen Sie es ja, was er nicht schaffte und setzen diesen Satz in die Tat um.

Abwehrhaltungen, Wut, Verleugnungs- und Vermeidungsimpulse, Ohnmachtsgefühle über soviel Unwissen und rassistische Eigenproduktion und das dringende Bedürfnis, das anderen aufzuladen?

Ja, lieber Asta der Hochschule Fulda, schreib Dir das mal hinter die Löffel. Kriegst den Link zu diesem Text auch noch per mail.

Der für mich wichtigste Passus aus Noahs Text ist freilich:

„Bitte erklärt diesen Menschen, was ihr Problem ist, denn ich bin zu müde dazu und muss mich damit beschäftigen, den Terror zu verdauen.“

Exakt das ist es ja, was vielen Mehrheitsgesellschaftlern immer wieder mit Bravour gelingt: Narzißtisch gekränkt so lange immer neue Shitstorms und neue Vorwurfsattacken zu entfachen gegen jene, die aus devianten Erfahrungswelten berichten, voller Empörung, dass diese diese Berichte und Reaktionen nicht die gewünschte Form annehmen, dass die Objekte der Versuche mehrheitsgesellschaftlicher Dressur irgendwann noch proppevoller mit all der diskreditierenden Scheiße gestopft erschöpft jedes Gefühl für sich selbst verlieren könnten, stets nur noch in dem Mist anderer Leute wühlend, und auch noch mit allerlei Erwartungshaltungen konfrontiert werden, wie sie das Problem doch bitte durch permanentes „Abholen“ aus den Welten des unmarkierten Lebens höchstselbst mittels „Aufklärung“ zu lösen haben.

Und jede, die sich dem dann widmet, kann sich sicher sein, dass sie alles, was sie schreiben und sagen wird, danach zerpflücken, relativieren und sie es gegen sich gewendet wieder finden wird, damit die Kräfteverhältnisse auch ja gewahrt bleiben.

Das ist ja so ein Paradox: Zum Sprechen bringen, um anschließend jenen Raum erzeugt zu haben, in dem die Mehrheitsgesellschaft mit unaufhörlichem Lamentieren ein permanentes „Halt’s Maul, die Definitionsmacht haben WIR!“ im Chore anstimmt. Diese Situation wollte Sarah W. herbei führen. Wohl nicht intendiert. Was gar nichts ändert.

Und das funktioniert: Mensch verstummt dann irgendwann kraftlos und fühlt sich noch beschissener als zuvor. Wage ich zu schreiben, wohl wissend, dass nur bedingt die Situation „schwuler Weißer“ und „schwarze Frau“ vergleichbar sind.

Das alles passiert, obwohl am Anfang einfach  das Bedürfnis stand, verstanden zu werden und lediglich  „Lasst es doch sein, ist doch gar nicht so schwer!“ zu äußern. Das treiben sie Dir aus. An deutschen Hochschulen und in den Kneipen drumherum.

Die Unverfrorenheit, mit der Sara W. exakt die skizzierte Machtposition ausagiert, ist schon verblüffend.

Na, aber vielleicht bleibt ja wenigstens das:

„Bitte erklärt doch auch präventiv dazu, warum die AStA meine Fahrt und Übernachtung trotzdem bezahlen muss.“

Ja, ich bitte darum.

„Die Macht kommt von unten“

Das waren Zeiten! Damals, Ende der 80er – die Diskussion rund um „Postrukturalismus“ und „Postmoderne“ wurde mit erbarmungsloser Heftigkeit an Universitäten, auf Kongresses und in Aufsatzsammlungen geführt. Mein Einstieg in die akademische Philosophie, nachdem zuvor ein eher lebensweltlich-praktisch verstandener Sartre meine Misanthropie nährte, war ein Vortrag von Herbert Schnädelbach zu Michel Foucaults „Die Ordnung der Dinge“, „Das Gesicht im Sand“ hieß der. Eigentlich steckte da alles drin, was später mein Studium prägte – Schnädelbach neckte zwar den allseits dominanten Jürgen Habermas, schmiss sich aber auf dessen Seite im Zuge der Verteidigung von „DIE VERNUNFT“ in der Vielfalt ihrer Stimmen, da zumeist die philosophische Postmoderne und ihre Vertreter als Vernunftkritik rezipiert wurden. Das Thema ist keineswegs gegessen, sieht doch z.B. der Pro-Westler und der Antideutsche Hand in Hand mit der CIA die „westliche Kultur“ ganz hegelianisch als die Verwirklichung des Vernünftigen in Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Wirtschaftssystem, was weniger „zivilisierten“ Völkern und Kulturen notfalls per kriegerischer Handlung eingebombt werden müsse.

Nun hatten zuvor bereits Horkheimer und Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ die sich historisch entfaltende Vernunft als zerstörerisch in ihrer instrumentellen Form gedacht – sie diene dazu, sich Mensch und Natur gefügig zu machen, beides zu beherrschen, somit sei sie nach dem Umschlagen von Aufklärung in Mythologie zum Prinzip totaler Herrschaft geworden. Dieses „Umschlagen“ zeige sich im „Positivismus“, bei dem ganz wie einst im Mythos Begriff und Sache wieder zusammen fielen und ganz wie einst der Magier nun der Wissenschaftler Macht und Herrschaft über Leben und Dinge auszuüben trachtete. Im Zuge der Ökologiebewegung wurde diese Kritik an der „Naturbeherrschung“ wieder populär, die in Regenwaldrodung und Meeresverschmutzung ganz rational das Leben zerstörte. Eine nicht mehr marxistische, an den Erfolg technischen Fortschritts, also der Produktivkraftentwicklung glaubende, sich links verstehende Kapitalismuskritik wurde möglich und wirkungsmächtig.

Nichtsdestotrotz hatte eine ganze Generation akademischer Lehrer rund um Jürgen Habermas im Gefolge von Adornos „Negativer Dialektik“ versucht, erweiterte, nicht-instrumentelle Vernunftbegriffe zu formulieren. Und dann kamen diese ganze Studenten, lasen die Poststrukturalisten und die „Dialektik der Aufklärung“ neu und setzten mit Foucault auf eine Kritik der Macht, die der Vernunft, der Rechtsentwicklung, der Geschichte westlicher Demokratien, ja, die Menschheitsgeschichte durchdrungen hätte, gerade im Zuge der Etablierung all dessen, woran man getreu Adenauer folgend irgendwie zu glauben gewohnt war, nicht äußerlich sei. Die Entwicklung der Humanwissenschaften habe die ach so hehre, bis zum Grundgesetz fort geschrittene Rechtsentwicklung schlicht unterlaufen, so schrub Foucault z.B.. Weil gar nicht mehr der Richter Recht spreche, sondern der psychiatrische Gutachter, zum Beispiel, und für Sicherheitsverwahrung plädiere.

Während man sich auf Gewaltenteilung wer weiß was einbildete, fand in der realhistorischen Entwicklung nur eine fortschreitende Disziplinierung und Normalisierung von Gesellschaften statt – in Schulen, Fabriken, der Psychiatrie und den Gefängnissen. Ganz rational würde die Bevölkerung bürokratisch erfasst und dazu gebracht, sich gewissermaßen selbst zu disziplinieren, um nicht in den Sog  von Umerziehungsinstitutionen wie Gefängnis oder Psychiatrie zu geraten. Fortschreitende Überwachung würde internalisiert und so erst Subjektivität erzeugt, indem man sich an möglichen Sanktionen orientierte, die man vermeiden wollte – ich bin das, was Lehrer und Chefs über mich sagen, die über mich Buch führen, Zeugnisse ausstellen usw.

Um diese Maschinereie zu ölen, wurde abweichendes Verhalten gezielt produziert: Z.B. in dem Wissen über die „Delinquenz“. Was sind das für „Milieus“, in denen sie entsteht? Die Sozialwissenschaft stand Statistik bei Fuß, um auf diese Gruppen einzuwirken. Und so was wie Dorgenkriminalität, auch gut zu gebrauchen bei der Finanzierung von Geheimdiensten, sorgt für einen stets präsenten Pool von Delinquenten, ebenso die Institution Gefängnis, bei der jeder weiß, dass sie „Kriminalität“ tradiert, nicht etwa verhindert. So ist permanent die Masse präsent, gegen die sich die „Rechtschaffenden“ abgrenzen können.

Die Ergebnisse der Humanwissenschaften, das Wissen über die „Devianten“, wirkt eben auch auf die Normalsierten: In stetem Abgrenzungsdruck zu den erforschten „Populationen“ regulierte sich ihr Verhalten. Das Wissen wurde allseits verbreitet, begründete Gesetze, also Interventionsbefugnisse wie die Entmündigung und Psychiatrisierung „hysterischer“ Frauen, ermöglicht. Wer will das dann schon noch sein?

Was ergänzend zur Folge hatte, dass Männer auch ja nicht weibisch-hysterisch sein wollten und sich entsprechend bürgerlich-kontrolliert verhielten, immer ganz realistisch die Wahrheit im Visier. Untersucht und erzeugt wurde in den Forschungseinrichtungen Wissen über die Abweichenden, die im „Bauch“ der Normalverteilung gerieten nicht ins Scheinwerferlicht – mussten sich aber stets hüten, da nicht rein zu geraten. Der Bundestrojaner könnte ja was finden.

So weit sehr grob die Story in „Überwachen und Strafen“. Revolutionär waren daran zweierlei Thesen: Wissen hat Machtwirkungen, und Macht ist produktiv, nicht repressiv. Sie bringt etwas hervor: Weltsichten, Subjektivitätsvorstellungen, Normalitätsraster. Und mächtig sind diese deshalb, weil sie eben wirken, auf Personen und deren Verhalten. Es war nach Foucault nicht mehr möglich, und wer es tut, obwohl er dessen Werk kennt, lügt, „reine“ Wahrheitsfragen zu stellen – denn was soll ein Wissensbegriff, der nicht irgendwie an „Wahrheit“ gekoppelt ist? Anders in manchen Formen der marxistischen Ideologiekritik, wo man noch Nicht-Entfremdetes hinter den Tücken der Herrschaft wittert, IST ein jeder durch diese Prozeduren zu dem geworden, als was er sich versteht. Da gibt es keine irgendwo verortete Eigentlichkeit mehr.

Und man kann nur Gegenmacht erzeugen, andere Bilder, Wissensformationen und Praktiken dem entgegen stellen, um die, die Zentren unserer Kultur und Gesellschaft, unseres Institutionengefüges sind, sozusagen durch Pluralität zu entmachten. Das brachte dann im Gegenzug den berühmten Beliebigkeitsvorwurf hervor.

Das hat ganz schön schockiert, damals. Gender- und Queer-Theory wie auch postkoloniale Studien knüpften dort an, indem sie das Wissen über Schwule und Lesben, Frauen und Kolonisierte, das auch in Alltagssituationen sich reproduziert, problematisierten. Weil keiner, der zu den Kolonisierten, patriachal annektierten oder heteronormativ als das Andere dessen Hervorgebrachten gehörte, drumherum kam, sich in seiner Sozialisation mit eben diesen „Bildern“ auseinanderzusetzen und sich dazu zu verhalten – eine Möglichkeit, die Foucault erst in seinem Spätwerk einräumte. Und diese Machtwirkungen sind überall, also nicht nur an Formationen wie Staat oder Firma gekoppelt.

Es gibt das berühmte „Die Macht kommt von unten“-Zitat Foucaults, was gerade Linke sehr empörte: Die sind doch die Unterdrückten! Ja, auch, Foucault operiert nicht völlig außerhalb des Raumes der marxistischen Kritik: Z.B. die städtebauliche Veränderung wie in Paris oder Hamburg, da unübersichtliche und unkontrollierbare „Elendsquartiere“ abgeräumt oder mit Boulevards durchzogen wurden, sind Teile einer umfassenden Sozialdisziplinierung, um die überhaupt erst ab jetzt gedachte „Bevölkerung“ dem kapitalistischen Wirtschaften zur Verwertung zugänglich zu machen. Die ganze auf „Fortpflanzung“ zentrierte Sexualwissenschaft, die alle nicht dieser dienlichen Formen pathologisierte, und wer will schon krank sein?, hatte im Hintergrund die Notwendigkeit des Bevölkerungswachstums zu Zeiten der frühen Industrialisierung. Man zeige mir einen Wissenschaftszweig, der nicht unter dem Druck eines solchen „Wozu?“ stünde. Dennoch reproduziert sich überall dort, wo die dieses „Wissen“ eingesickert ist, die Machtwirkung und wird mittels sozialer Kontrolle weiter gereicht :“Ist ja voll schwul, ey!“.

Das alles hat Denker wie Habermas sehr aus der Fassung gebracht. Zwar hatte der selbst noch in der „Theorie des Kommunikativen Handelns“ vor der „Kolonisierung der Lebenswelt“ durch administrativ-bürokratische Systeme ebenso wie jener kapitalistischen Wirtschaftens gewarnt und Verrechtlichungstendenzen gegeißelt, aber bei ihm gab es immer die „gute Vernunft“, die sich in Geltungsansprüchen im moralischen und deskriptiven Sinne und auch hinsichtlich der eigenen „Authentizität“ äußern würde, die in Sätzen wie „ich finde es richtig, dass …“ oder „es ist der Fall, dass …“ oder „Ich fühle wirklich, dass …“ artikulierte. Diese stifteten sozialen Zusammenhalt und würden helfen, Handlungen zu koordinieren.

Im Fall sozialer Normen, die moralische Implikationen haben, ist er, fast, um sich vor Foucault zu retten, zu einer recht waghalsigen Konstruktion übergegangen: „Die kontrafaktsiche Antizipation der Bedingungen einer idealen Sprechsituation“. Oder aber „der herrschaftsfreie Diskurs“. Soll heißen: Man stelle sich vor, es würde um eine Regel gerungen wie „Du sollst nicht töten!“ Doch, Diktatoren schon! Nein! Doch! Um nun zu einem Ergebnis zu kommen, habe man sich vorzustellen: „Wie würde (!!!) die Diskussion laufen, wenn die Interessen ALLER Beteiligten und Betroffenen gleichermaßen Berücksichtigung fänden? Wenn alle die gleichen Mitspracherechte hätte, es kein Machtgefälle zwischen ökonomisch Starken und Schwachen, Männern und Frauen gäbe“ usw..

Im Gegensatz zu anderen war Habermas schon klar, dass solche Situationen nie und nirgends gegeben sind; dennoch ist es für ihn ein Verfahren, die Allgemeingültigkeit einer Norm zu begründen. Und Vorbild war zu allem Überfluss noch die Diskussion zwischen Wissenschaftlern und des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“. Allgemeingültigkeit deshalb, weil eben überhaupt nur unter diesem Gesichtspunkt, der Universalisierbarkeit, Begründungen vorgenommen werden können, sonst sind sie nicht vernünftig.

Das für ihn so Fiese an Foucaults Sicht der Dinge ist, dass das, was der als Machtwirkung eindrucksvoll beschrieben hat, auf der Ebene der Gründe wieder auftaucht, durch Human- und Sozialwissenschaften generiert: Weil wir ja wissen, dass Schwule unglücklich und Kopftuchmädchen durch ehrenmordende Brüder bedroht und Frauen so emotional sind, können die den Standards, die da formuliert sind, gar nicht gerecht werden und sind a priori von der Debatte auszuschließen oder aber Gegenstand der Debatte, also der zu begründenden Norm: Sei lieber nicht schwul, die sind eh allesamt suizidal. Das wurde auf breite Bevölkerungsgruppen angewandt, manche von denen wurden mal eben vernichtet: Eh zu unzivilsiert, die Hereros.

Weil es eben bestimmte Voraussetzungen gibt, die zur Partizipation voraus setzt: Bei Habermas einfach sprach – und handlungsfähig. Doch wurde im Gegensatz zur „kontrafaktischen“ Konstruktion bei ihm in der historischen Realität gerne mal Sprach- und Handlungsfähigkeit auch lediglich eingeschränkt behauptet: Bei Frauen und „Wilden“ zu Beispiel.

Ja, ein langer Text, um dieses seltsame Phänomen herzuleiten, dass man in real assymetrischen Konstellationen – also einer ist schwul, der andere hetero, einer Mann, die andere Frau, eine ist schwarz, der andere weiß  – ständig auf die Annahme stößt, man würde in „herrschaftsfreien Räumen“ diskutieren. Tut man nicht, weil im Sinne Foucaults allesamt systematisch andere Prägungen erfahren hat, die unterschiedliche Arten von Gründen hervor bringen. Die, die das glauben, man operiere in herrschaftsfreien Räumen, tun so, als sei das, was Habermas geschrieben hat, eben keine explizit kontrafaktische, nie und nirgends realisierte Situation, sondern „natürliche“ Gesprächsvoraussetzung. Was falsch ist. Und dafür muss man schon einen Wahrheitsanspruch erheben, um das behaupten zu können. Und so kam es zur These vom „performativen Widerspruch“.

Aber auch an der Konstruktion selbst ist etwas grundfalsch: Da taucht auf der Ebene p („dass p“, „x ist richtig, weil p“) die subjektive Erfahrung auf und nicht auf der Ebene der Sprecherposition – so, als könne man da von sich und sich und seinen Erfahrungen abstrahieren, indem man sie zum Gegenstand einer Diskussion macht.

Das ist ein ganz interessantes Phänomen, betrachtet man, was bei den Umkehroperationen passiert: Weiße, heterosexuelle Männer zumeist sind ja eifrigst und gerne dabei, das Verhalten gegenüber Frauen, Schwarzen und Schwulen zu diskutieren, deren Empfindungen also auf der p-Ebene anzusiedeln und dann über deren Berechtigung oder auch nicht zu lamentieren. Sie fühlen sich aber, gelinde gesagt, selten wohl, wenn die ihren da auftauchen – sie diskutieren ja im Sinne des Allgemeinen über das Besondere.

Nur, ganz plötzlich dann wird ihr Empfinden sogar maßgeblicher Gegenstand der Diskussion, wenn Mensch Homophobie, Rassismus oder Sexismus thematisiert und diese bei ihnen selbst vermutet. Dann geht es ab, und das geht gar nicht. Obwohl doch endlose Diskussionen über die Berechtigung von Empfindungen angesichts ganz realer Traumata der „Gegenstände“ ihrer Diskussion ständig und überall statt finden. Also, symetrisch ist das nicht … und vor allem wird die gesamte Foucaultsche Ebene einfach ausgeblendet. Als würden alle mit gleichen Erfahrungen in eine Diskussion gehen. Die Umkehr gibt es auch: Dass Schwule vehement abstreiten, von Homophobie geprägt zu sein, zum Beispiel. Ist ja auch gefährlich in dieser Kultur, darüber zu sprechen – die Sanktionen können sehr hart ausfallen. Ausschluss ist da die häufigste und harmloseste.

Paradox an der Nummer ist, dass im Grunde genommen nur human- und sozialwissenschaftliche Mittel als Gegengift erscheinen – zum Beispiel der permanente Nachweis der realen Benachteiligung von Frauen. Nur dass, wenn sie so verfährt, Frau immer weiter unter Rechtfertigungs- und Beweispflicht gestellt wird, und die Männer-Mehrheit in der Wissenschaft, den Medien usw. schon den „Gegenbeweis“ antreten wird … da hat man sie. Wer sich rechtfertigen muss, hat verloren.

Besser ist, die Prämissen anzugreifen. Die Kategorien selbst.  Die Unterscheidung hetero/homo z.B. bei der Fragestellung schon anzugreifen. Doch wieder erscheint dann etwas ganz seltsames: Die ganzen vollends Aufgeklärten kommen mit „spielt doch gar keine Rolle, ob nun schwarz oder weiß. Du Rassist!“ um die Ecke. Wie praktisch.

Im Grunde genommen bin ich nun als Ex-Habermasianer eher wieder bei der postmodernen Ansicht gelandet, dass man vielleicht gar nicht so viel auf die Argumentationen schielen sollte. Da gewinnen eh immer die Normalen, die Nicht-Abweichungen (Männer betrachten Frauen oft als Abweichung vom allgemeingültigen, männlichen „Prinzip“, hat ja auch christliche Tradition), die alles dafür tun, ihre Privilegien zu verteidigen (nein, nicht alle).  Sondern vielmehr auf die Literatur, vielleicht auch den fiktionalen Film zu setzen. Vielleicht hat die „Rocky Horror-Picture-Show“ doch mehr bewirkt als  Michel Foucault.

Und ansonsten Nischendasein.

Und die Forderung nach der sozialen Revolution. Weil sich im Falle des von Klassismus Betroffenen gerade die Frage nach der Partzipation an Diskussionen, bei denen sich Bildungsbürger die „ideale Sprachsituation“ vorstellen, schon aufgrund eines ganz anderen Pools von Gründen und Sprachformen eh zumeist auf der Strecke bleiben. Mit diesem Text könnten sie auch nichts anfangen. Und da weiß ich dann gar nicht mehr weiter.

 

 

Fragen über Fragen

„Wie es denn eben ist: Ungleichheit wurde bislang gut ertragen – vor allem, wenn es um die Zementierung der Einkommensverteilung ging. Bei uns wurde zum Großteil immer nur altes oder uraltes Geld weiter gereicht; und dass kleinen Leuten bis dato der Aufstieg verbaut blieb, interessierte bislang die wenigsten – ebenso wenig wie die nach unten Abgerutschten. (Wer anderes behauptet, der möge mir bitte Proteste gegen die geplante Instrumentenreform unserer Bundesregierung zeigen.) Ich frage mich also, warum und woher wir ausgerechnet jetzt irgendeine Art emanzipatorischen Zorn haben sollten.“

„Tante“ Nadia bringt ja da auf den Punkt, was ich irgendwie auch denke, irgendwie aber auch nicht. Was für mich die Frage auch beim Gentrifzierungsthema z.B. ist: Ist das nun einfach neues Studententum, das von der Kunstakademie gestartet einfach für sich eine neue Wohnung sucht und keine findet und dabei wenig an die nach Jenfeld Verdrängten denkt?

Der Protest gegen den Schreiber-Zaun könnte, mal ganz regional gedacht, das Gegenteil bezeugen.

Auch bei Stuttgart21 grübelte Mensch ja: Ist das nun einfach der bewahrungsfreudige Mittelstand, der da agitiert und Prostituierte von angestammten Plätzen in unmittelbarer  Bahnhofsnähe verdrängt, oder werden da Machenschaften der ggf. sogar buchstäblichen Immobilenmafia auch als strukturelle Problematik angegriffen? Allerorten findet sich die Forderung nach „wirklich demokratischer“ „Partizipation“, z.B. auch im Falle der Erfolge der Piratenpartei, aber dass z.B. beim Volksentscheid gegen die Hamburger Schulreform die am stärksten Betroffenen aus den Vierteln der ökonomisch Schwächsten nun gerade NICHT partizipiert haben und wieder nur die übliche Koalition aus Bildungs- und Besitzbürgertum sich durchsetzte, das wird irgendwie ignoriert. „Tante Nadia könnte recht haben:

„Die Vorstellungen, die man vom zielführenden „Aufstand“ hat, scheinen momentan auf jeden Fall eher wie aus Film und Internet abgeleitet, wie eine Trittbrettfahrerei mit Guy-Fawkes-Masken im Flatulenz-Wind des arabischen Frühlings – ausgeführt von denen, die das System wahrscheinlich eigentlich nicht ändern würden, sondern halt nur gerne mehr mitmischen würden.“

Ist ja beim FC St. Pauli auch oft so – man beklagt sich ständig, dass „der Verein“ irgendwelche Gremien nicht berücksichtigen würde, aber was der Ständige Fanausschuss eigentlich treibt, weiß auch kein Schwein, das da nicht mit trüffelt, und mit trüffeln darf nur, wer seit Jahrzehnten klüngelt. Aber Partizipation wird stets gefordert!!!

Den Marsch durch die Institutionen anpeilen, weil man die Arbeiter in der Fabrik eh nicht überzeugt bekommt – ist ja im Gedenken an die Zeit nach ’68 so neu nicht. Zudem bei aller völlig berechtigten Agitation gegen Finanzwirtschaft und deren Gebaren, gegen die EU-Wirtschaftsregierung usw. dann ausgiebig und ja völlig zu recht darüber diskutiert wird, von Banken das eigene Geld abzuziehen und es z.B. bei Genossenschaftsbanken zu parken oder solchen für „ethisches Wirtschaften“, was auch immer das genau heißt, bei Attac kann man einiges dazu lesen  – was bestimmt jene Individuen eine prima Idee finden, die nur von ihrem Dispo leben oder mittels Hartz IV recht schlecht über die Runden kommen und über eine solche Manövriermasse somit gar nicht verfügen.

Man schielt auf die Gier der Banker, aber bleiben die „unten“ nicht wirklich außer Sicht? Ist nicht dieses ewige Gerede „die Banker stecken die Millionen ein und leisten gar nix“ nicht auch nur eine Paraphrase des „Leistung muss sich wieder lohnen“? Und denkt mal abgesehen von der Ansicht der „Truther“ über die Bilderberger und die Rothschilds jemand über die unaufhörlich wütenden Kämpfe um Rohstoffe in Afrika nach, wo Warlords im Auftrag von Multis dafür sorgen, dass die auch ja weiter gehen, die Kriege, und evangelikale Millionen bis Milliarden die kompensatorischen Ablenkungsschlachten eben davon finanzieren, indem sie gegen Schwule hetzen? Die Arbeitsbedingungen in China sind ja durchaus häufig Thema, wenn es um Apple geht oder Turnschuhe, aber völlig abgekoppelt von der „Realwirtschaft“ ist ja nun auch der ganze Finanzmarktsscheiß nicht, wie jüngst geäußerte Kritik an der Deutschen Bank belegt, die dieser Kritik  zufolge Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben. Immerhin.

Zizek, der ja auch viel Unsinn dampfplaudert, hat in „Auf verlorenem Posten“ die schöne Formel geprägt, es gelte, „den Anteil der Anteilslosen“ einzufordern. Er versteht das explizit als Reaktualisierung der „Diktatur des Proletariats“, die ja durch Lenin, Stalin, Gulag so ganz und gar nicht verwirklicht wurde. Wie aber kann man das denn aktuell denken? Ich habe auch keine Antwort, aber so albern sich das liest, es fehlt die Utopie.

Wie steht es so schön in der aktuellen BASCH?

„Der Soziologe, Politologe und Philosoph Herbert Marcuse sprach schon 1967 vom „absorbierten Bewusstsein“, in dem Massenmedien zwischen der herrschenden Meinung und dem Einzelnen in der Gesellschaft vermitteln und manipulieren. Der Mensch erkennt die vorgebebene Realität an und richtet seine Bedürfnisse, im Glauben, es seien seine eigenen, danach aus. Ein kluger Mann.“

BASCH #5, S. 34

Wohl wahr. Betrifft freilich nur Bedürfnisse ab einer gewissen Stufe, stellt aber wenigstens die Frage nach der „vorgebenen Realität“.

Manchmal habe ich das Gefühl, man findet mehr politische Utopien in esoterischer Literatur zum Schamanentum als in der politischen Diskussion. Man reproduziert die immer realer werdenden Dystopien, verdoppelt sie so nur. Ja, ich kenne auch den Kästner-Spruch „Wo bleibt das Positive, Herr Kästner? – Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt!“. Ich finde es sehr überzeugend, wenn gerade im Gefolge der Kritischen Theorie manche sich auf Kritik beschränken.

Und trotzdem: Wäre es nicht mal wieder an der Zeit für Positivbilder, solche der Fülle, nicht der Verwaltung des Mangels? Keine naiven Bilder ewigen Friedens, sondern Visionen voller Leidenschaft, Eros, ja, Marcuse halt, Kreativität – und das nicht nur bezogen auf die Protestformen? Voller Faulheit und Muße?

Ich frage ja nur.

 

Nachschlag: Die Rede von Naomi Klein bestätigt mich eher in der Skepsis, dass „wir zahlen nicht für eure Krise“ nun auch nicht ausreicht, obgleich da auch gute Passagen drin sind:

„Eins weiß ich genau, das eine Prozent (das uns beherrscht) liebt die Krise. Wenn Menschen in Panik geraten, verzweifelt sind und keiner mehr zu wissen scheint, was getan werden muss, dann ist das die ideale Gelegenheit für die Herrschenden, ihre Wunschliste für eine noch konzernfreundlichere Politik durchzusetzen: die Privatisierung des Bildungssystems und der Sozialversicherung, die Beschneidung des öffentlichen Dienstes und die Beseitigung der letzten Einschränkungen der Konzernmacht. In dieser Wirtschaftskrise geschieht das auf der ganzen Welt.“

Und ist „Wir sind der Markt“ jetzt die Forderung nach einer Vergemeinschaftung von Produktionsmitteln und einer freien Assoziation der Produzenten oder eine freiwillige Selbstökonomisierung, die auch nix ändert?

Mietenwahnsinn stoppen – Demo-Aufruf!

Nachdem im Forum dazu aufgefordert wurde, sich dem Demo-Aufruf anzuschließen, tue ich das hier selbstverständlich sehr gerne:

MIETENWAHNSINN STOPPEN – WOHNRAUM VERGESELLSCHAFTEN

und bin mir sicher, dass andere Mitglieder der Desorganisierten St. Pauli und darüber hinaus sich anschließen werden.

„Kann, aber muss nicht“ – verdienter Sieg für Düüüüüüüüüüßeldorf

„Ich bin auf einmal so alleine – wo ist das Glück, das hier begann?“ summte ich Alexandras Gassenhauer „Was ist das Ziel in diesem Spiel?“ vor mich hin. Um mich herum verlassene, rote Schalensitze. „Wir können die Jungs doch nicht gerade jetzt alleine lassen“ raunte ich kurz zuvor noch meinem Sitznachbarn zu, der nichtsdestotrotz ent-täuscht die Tribüne zum kühlen Nass des Bieres verlassen hatte. Ich wartete die Ehrenrunde ab. Die Spiele gegen 1860 oder in Cottbus und Bochum sind ja nun nicht aufgehoben. Wer straft denn bitte mit Liebesentzug nach Fehlverhalten? Die Beine von Florian Bruns sind nach Niederlagen nicht minder schön als nach Siegen! Hey, Loser sind die wahren Helden, und wer wohnt schon in Düüüüüüüüüüßeldorf?

Also, nix gegen die Fortuna-Crowd auf den Rängen, die gar ein „Flora bleibt!“-Transparent enthüllte. Und mag es auch lange her und manch USP-Mitglied da noch gar nicht geboren sein: Diese Spätsiebziger, Frühachtziger-Phase im „Ratinger Hof“, die ich auch nur aus Büchern, Erzählungen, Bildern, Platten kenne, das war wahrlich unvergessenes, ästhetisches Heldentum. Gibt es Carmen Knoebel noch? Tolle Frau.

Ansonsten kann man freilich nicht behaupten, dass diese Düüüüüüüüüüüüüüßeldorfer Truppe da auf dem Platz gestern aus dem Geist der Kunstakademie, die noch die frühen NDW-Versuche im legendären Club inspirierte, Fussball spielte. Das war ja, mal ab von den Toren und final 10-15 Minuten Barmherzigkeit zu unseren Gunsten, eher eine Schmierenkomödie unter der Regie des Herrn Perl.

Was jetzt gar nicht die rammdösige Konzeptionslosigkeit unserer gestern Anti-Helden ab ca. Minute 25 schön reden soll, selbstverständlich war die Niederlage verdient und auf eigene Fähigkeiten des Torefangens gegründet. Aber auch darauf, dass Trainer Schubert das Hirn des Teams, Florian Bruns, unsinnig heraus nahm. Und dass auch Thorandt sich irgendwann dachte: „Hey, gegen diese fiese, abgewichste Ekeltruppe sind wir einfach viel zu lieb“ und diese Erkenntnis am falschen Ort zur falschen Zeit in eine überflüssige Impulshandlung umsetzte.

Herr Perl hatte das freilich geschickt eingefädelt, angespornt von Darbietungen wie jenen des einst mal so strahlenden, nun auf das Gleis der unschönen Variante des der „Der Zweck heiligt die Mittel“ gewechselten Herrn Rösler, indem er ständig Fouls pfiff gegen uns, die keine waren, und die Düüüüüüüüüüüüüüüüüüßeldorfer Fallobst spielten in grober Missachtung dessen, was ein Josef Beuys einst unter sozialer Skulptur verstand, das jedoch nicht sanktioniert wurde.

Na, die Saat ging auf, die Brennesseln sprossen, und unsere Jungs guckten verwundert auf juckende Pusteln, von kurzen Aufwallungen, die zu Lattenkrachern und Pfostenschüssen führten, mal abgesehen, blickten eher hilflos aus der Wäsche angesichts der geballten Skrupellosigkeit der Rheinländer und der drei wirklich ziemlich geilen Tore.

„Kann, aber muss nicht“ konnte man zu Beginn des Spiels auf der Gegengerade lesen – ja, solche Tore kann man sich fangen, muss man aber nicht. Inwiefern das Malen langer Transparente über „Laberei“ bei Facebook eine dollere Tätigkeit als bei Facebook labern, das sei ergänzend dahin gestellt als Frage und ist wieder nur typisch für die Netzverweigerung mancher „aktiver Fans“, die ja nervt und auch nur Angst vor Kontrollverlust ist. Deren Transparentemalerei mich ja ansonsten beeindruckt und von mir aufrichtig bewundert wird. Trotzdem: Hingabe!

Überhaupt war die Stille im Stadion gestern deprimierend. Sonst ist es gar nicht so schwer, H8, sprich Hate, auch mal in Wallung zu bringen – gestern ging nix. Auch da nicht, als die Unsere noch ihre bravourösen 25 Minuten Volldampf spielten, was mit dem Tor belohnt wurde. Obwohl wir zwei, drei da mittendrin uns echt Mühe gaben, gesanglich mitzureißen. So richtig in Wallung kam das Stadion trotzdem nicht. Vielleicht ja der Versuch, kommerzkritisch den Übertragenden keine Kulisse zu bieten. Dass die Rheinländer hingegen eigentlich immer und überall zu laut sind, ist ja nix Neues.

Fing auch alles schon so seltsam an: Mittags vor dem O-Feuer stiegen Thimo Schulz und Robert Palikuca gemeinsam aus einem mit Fortuna Düsseldorf (!!!) gelabelten, roten Auto aus. Und irgendwelche Menschen mit Brille standen mit Fortuna-Trikots dort am Tresen. Also, man kann einfach auch ZU gastfreundlich sein. Der Palikuca bekam sogar noch den Spieler-Sonderpreis beim Bezahlen des Essens. Ja, sein Tor gegen die Hertha im Pokal einst, es ist unvergessen – trotzdem, manchmal sind wir wohl zu einladend. Da braucht man sich die Tore nur noch mal angucken.

Aber was solls. Jetzt sind wir zum Glück keine Spitzenmannschaft mehr – „kann, aber  muss nicht“ stimmt ja. Und die zweite Liga ist eh cooler. Und so, wie die Düüüüüüüüüüüüüüüüüüßeldorfer gespielt haben, will ich euch auch gar nicht spielen sehen, ihr Boys in Brown. Von den Toren mal abgesehen. Und je höher die Erwartung, desto größer die Enttäuschung, desto schlimmer die Stimmung im Stadion. Also: Erwartungsfreie Hingabe! St. Pauli!

Die Stimmung vor der Domschänke nach dem Spiel war um so angenehmer – stilvolle, Hamburger Melancholie statt tosendem Düüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüßeldorfer Frohsinn. Hatte was. War schön.

Edit: Dem Magischen FC zufolge lautete das titelgebende Transparent: „Alles kann, nix muss“ . Man kann ja alles richtig zitieren, muss man aber nicht 😉 … zumindest nicht in diesem Fall.

Nachschlag zu „Occupy“ …

… zwei Links, die das Thema mal jenseits von Bilderbergereien aufgreifen und der eigenen, imaginierten Güte derer, die da auf dem Rathausmarkt versammelt waren und ein Kirchentagsfeeling nicht völlig vermeiden halfen, ein wenig Analyse entgegen setzt:

„So läuft der gute Rat der Kanzlerin an den griechischen Staat nur auf eins hinaus: Dein einziges Konkurrenzmittel besteht in einer rabiaten Senkung des Lebensniveaus deines Volkes. Nur wenn du aus dem ein absolutes Billigangebot machst, kannst du vielleicht ausländisches Kapitalinteresse auf dich ziehen. Das ist ein bemerkenswertes Bekenntnis dazu, dass der Reichtum auf dem Ausschluss der Lohnarbeiter beruht.“

Unbedingt ganz lesen. Informativ auch eine Darstellung der Entwicklungen auf Island (in Island?), das nicht zufällig aus der medialen Berichterstattung verschwunden ist, in der Jungen Welt:

„Das Parlament deckte nicht nur die Verfilzung von Finanzindustrie, Politik und Medien auf, die erst die beispiellose Deregulierung des isländischen Bankensektors möglich gemacht hatte. Anfang Oktober 2010 beschloß es überdies, mit dem früheren Ministerpräsidenten Haarde einen der Hauptverantwortlichen vor ein Sondertribunal zu bringen. Dafür wurde ein 1905 geschaffenes Gericht, das Landsdomur, angerufen, übrigens zum ersten Mal in seiner Geschichte überhaupt. Natürlich sieht sich Haarde als vollkommen unschuldig an, er »betrachtet sich sogar als Opfer einer politischen Verfolgung«.7 Nach gut einjähriger Prüfung hat das Gericht nun entschieden, zwei der ursprünglich sechs Anklagepunkte fallen zu lassen. Eine Verurteilung aufgrund der verbleibenden vier Vorwürfe könnte aber dennoch eine Haftstrafe zur Folge haben. Aber selbst wenn es nicht dazu kommt, bedeutet allein schon die Anklage gegen Haarde einen Schlag gegen das gesamte Finanzkapital des Landes, denn für alle ist sichtbar geworden, wer die Verantwortlichen der Krise sind.“

Das hat hier nie wirklich statt gefunden; ein schlichtes „Die Banker“ reicht eben nicht aus, so lange nicht begriffen wird, wie die systemischen Prozesse in der Vernetzung zwischen administrativer und ökonomischer Macht funktionieren. Ja, es gibt zu benennende Akteure, aber immer in der Interferenzzone zwischen dem sich in den 90ern und Nuller-Jahren als Gegensätze aufspielenden nicht etwa Entitäten, sondern Begriffen „Staat“ und „Wirtschaft“.

Diesem Fake der Entgegensetzung aufgesessen zu sein und sich darauf eingelassen zu haben, immer in dieser Opposition zu diskutieren, die schon im 19. Jahrhundert als wechselseitiges Bedingungsverhältnis hervorragend analysiert wurde, muss nun etwas anderes entgegen gesetzt werden. Was, weiß ich auch nicht. Aber einfach so formal „Mehr Demokratie“ alleine kann es auch nicht sein, wenn gar nicht klar ist, auf was die denn nun eigentlich wirken soll.

Gut war Samstag, dass eine recht strikte Abgrenzung gegen Parteien statt fand, um die „Basis“ sichtbar zu machen. Aber was will die denn eigentlich?

Hin da!

„26.10.2011 Phil F
Diskurs mit Schieflage – Wie Kommunikation zum Dominanzerhalt genutzt wird – an Beispielen aus Medien und Bildungsinstitutionen
Noah Sow, freie Künstlerin und Kulturschaffende aus Hamburg
Der Vortrag wird in die Deutsche Gebärdensprache übersetzt“

Ist ja auch immer wieder Thema im Blog – und aus eigener, lieb gewonnener Erfahrung, die ich nicht missen möchte, kann ich von ganzem Herzen sagen: Man kann wahnsinnig viel von Noah lernen!!! Also gehet hin und lauschet und sehet zu. Ist ja zudem in meiner alten Wahlheimat, dem Phil-Turm. Seufz …

Gute Fragen und Forderungen von stpauli.nu: Wie man WIRD

„Und wir Fans machen die Kurve bunt, ziehen uns Fummel an und erleben am eigenen, mehrheitlich heterosexuellen Leib, wie das die Wahrnehmung verändert, in Kleidern zu supporten.“

 

„Coming out Day“ habe ich auch verpasst, peinlich.

Wobei diese „Forderung“, die eines Tages in Gestalt anonymer, gesellschaftlich manifester Imperative auch an mich heran getragen wurde, ja weiterhin ihre Ambivalenz entfaltet. Einfach so „befreiend“ ist das ja nicht.

Und es macht identifzierbar – von dem Tag an ist Frau, ist Mann eben „Homosexuelle/r“ und wird mit all dem Schmonz, der darüber kursiert, auch identifiziert.

Dieses Drama des Identifiziertwerdenkönnens war treibende Kraft des Denkens von Philosophen wie Theodor W. Adorno  und Michel Foucault gleichermaßen. Nach diesem Schritt der „Identifikation als x“ und „Identifkation mit x“ liest man dann selbst bei ansonsten tollen Denkern wie Robert Anton Wilson über den vermeintlichen Unsinn von Slogans wie „Proud to bei gay“, wie könne man denn stolz sein auf etwas, wozu man gar nichts beigetragen hat? Ja, höhn Du nur, Papa Wilson!

NPD-Politiker und andere attackieren den „Schwulenkult“, Mutmaßungen über positivdiskriminierende Verschwörungen füllen nicht nur die PI-Kommentarspalten, manche Christen fühlen sich durch die reine Sichtbarkeit des Anderen schon diskriminiert, ja, immer wieder wird das eigene Begehren zur „Modeerscheinung“ erklärt . Was bei den Fortpflanzern eher selten der Fall ist. Obwohl bestimmte Formen des Mutterdaseins ja aktuell schon unter Beschuss geraten sind. Andere wiederum unterstellen, Mensch hielte sich ja wohl für „was Besonderes“, als wäre das nicht ein jeder sowieso, a priori. Helmut Markwort verkündete jüngst, Schwule auf der Straße seien Politik von gestern, sinngemäß, und Mensch trifft vom Zeitpunkt des ja immer neu durchzuführenden „Coming Outs“ auf lauter verstörte Reaktionen, weil die eigene Lust allerlei Ängste bei allerlei Anderen hervor kitzelt: Die, sie könnten „angemacht“ werden, sie könnten es auch sein, man könne sie für homophob halten. Was in einer strukturell homophoben Gesellschaft eh die meisten sind, auch viele Schwule. Ängste zudem, durch die Mensch u.U. selbst ganz genau genau so geprägt wurde in den ersten, na, so 17 Jahren, wie das Gegenüber. Durch das „Coming Out“ ist Mensch zumindest jene Furcht los, man könne „es“ sein.

Foucault hat die charmante Parole ausgegeben, Mensch habe nicht etwa im Zuge eines Coming Outs sein Begehren zu befreien, welches vorgängig schon da und dann der Welt zu demonstrieren sei. Aufgabe sei vielmehr, schwul zu WERDEN. Also jenseits all der Stereotype seien ganz individuellen Weg zu finden, kreativ mit Lust und Begierde, Liebe und Freundschaft umzugehen. Das versucht Mensch dann auch, und trifft doch auf die immergleichen Reaktionen, ganz gleich, wie Mensch sich auch dreht und wendet. Weil sofort Arschfick und Schwanzlutschen mitten im Zimmer eine Performance aufführen, während Heterosexuelle über so kultivierte Formen wie „Partnerschaft“, „Familie“, „Elternschaft“ sich definieren, ohne dass dazugehörige Akte prompt Thema wären. Dass „sexuell“ gerät so seltsam in den Mittelpunkt, schon sprachlich.  Aber „Ehe“ dürfen wir ja hierzulande jetzt kopieren, ein wenig. Das hat Foucault wohl nicht gemeint.

Ansonsten kann Mensch das Motto Foucaults immer nur auf dem Wege Adornos befolgen: Man muss durch den Begriff hindurch gehen, um ihn aufzulösen. Also die Klischees und das, zu dem man gemacht wird, als Material nutzen, um daraus das unvergleichliche Kunstwerk seiner selbst zu basteln. Das ein jeder sein kann, wenn er denn möchte. Natürlich kommen dann die Schwerziehenden und referieren, zu so was hätten SIE ja keine Zeit, SIE müssten sich ja um die Kinder kümmern. Ganz, als sei das nicht auch eine u.a. kreative Aufgabe, bei aller Hochachtung vor den organisatorischen und finanziellen Meisterleistungen.

Dann trifft Mensch auf Hildegard Knef, Georgette Dee, Lilo Wanders, andere vielleicht auf andere Figuren, die einem dabei helfen, eine eigene Sprache der Liebe und des Begehrens finden zu wollen, wenn man denn überhaupt will. Da kommt Mensch nie an, aber man erlebt viel dabei. Und merkt auf einmal, dass das was sein könnte, was manche Heten von Schwulen lernen könnten, wenn sie denn zuhören und hinlesen. Vielleicht.

Na, in die Richtung gehen ja die Gedanken bei stpauli.nu! Prima! Mehr davon! Pflichte bei!