Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Na, das ist doch mal was! Vielleicht „Fanszene FC St. Pauli goes Adbusters“?

„Genau diese Diskussion wollen wir mit allen Interessierten führen. Vorerst wird es beim Montagsspiel gegen Duisburg neben einer kochenden Südkurve also vor allem Protest in Form von Spruchbändern und Unmutsäußerungen geben. Unsere Fanszene hat gerade in den letzten Monaten bewiesen, dass gute Ideen und teilweise sogar Bewegungen entstehen, wenn sich viele Fans mit verschiedenem Background mit einem Thema beschäftigen.“

Finde ich ja schon deshalb gut, weil die auch von mir so oft gescholtene, vielleicht auch fälschlich subjektiv nur so empfundene Abschottung der „aktiven Fans“ da demonstrativ aufgeweicht wird und auch nicht mit „Schreib doch mal einen Leserbrief, aber was Diskriminierung ist, entscheiden Hand in Hand Forums-Moderatoren und die Redaktion“ beantwortet wird. Das war jetzt ein strukturelles, kein inhaltliches Argument. Es wird das Medium Netz zeitgemäß genutzt, da jubiliere ich innerlich.

Schön ist auch, dass mal eine Frage gestellt wird – nämlich die nach den Grenzen der Beschäftigung mit medialer Wirkung bzw. derer Mechanismen. Es ist ja leider so, dass die meisten Protestformen ratzfatz vom Medium aufgesogen werden und als Teil einer bunten Bilderwelt sofort quotenträchtiges Sujet werden können. Selbst Bilder von Gewalt liebt und produziert das audiovisuelle Medium und zeigt sie drum immer wieder, weil es zudem die oberflächliche Empörungsmaschinerie in Gang zu setzen vermag. Wäre Nivel am Boden vom Privatfernsehen gedreht worden, hätte man mit den Lizenzen richtig Geld verdienen können – grausam, aber wahr.

So lange ich nun ins Stadion gehe, so lange gibt es die Proteste, und bewirkt haben sie rein gar nix, muss man ja bei aller Bewunderung für die Aktivisten immer wieder fest stellen. Weil der kapitalistischen Maschinerie, die anderswo etwas unbeholfen als „verkürzte Kapitalismuskritik“ in einem falschen Kontext verortet wurde, eben niemand entkommen kann. Das ist ja das etwas Absurde daran, wenn einer Lilo Wanders vorgeworfen wird, dass sie Geld verdient – mal ab von den mittels Hartz IV Exkludierten und den Studenten und Rentnern auf den Rängen auch nur zum Teil kommt ja nun niemand drumrum, sich immer mal wieder die Finger schmutzig zu machen. Entsprechend ist das folgende:

„Seien es vom Übersteiger initiierte Boykottaufrufe gegen die werbenden Firmen, Angriffe auf Mitarbeiter des Fernsehens, Übertragungsstörungen durch die Pro 15:30-Bewegung, der optische Protest beim Spiel selber mittels Spruchbändern oder der 20-minütige Supportboykott, um im Rahmen unserer Möglichkeiten aufzuzeigen, wie der Fußball aussieht, wenn dieser Irrsinn sich weiter durchsetzt.“

auch eher kontraproduktiv, mal ab vom Stimmungsboykott, weil irgendwelche Kabelhilfen und Kameramänner, ja, selbst die Redakteure von Sport1 nun auch schon lange kein lustiges Leben mehr haben; der Strukturwandel in den Medien macht ja vielleicht vor Döpfner, Sarrazin und diLorenzo halt, aber selbst die Arbeitsbedingungen bei Springer sind einfach die Vorhölle, so wird gemunkelt, wenn man die Mitarbeiter mal beim Abendessen trifft. Und würde man die Firmen durchleuchten, wo USP-Mitglieder oder Übersteiger-Redakteure arbeiten, träfe man wohl auch kaum auf das wahre Leben im Falschen, oder allenfalls in Ausnahmefällen. Manchmal ist das nun auch ein wenig verlogen, im Stadion einen auf Anti-Kommerz zu machen, um am nächsten Tag dann Mehrwert für Multis zu generieren.

Ein wenig anders als die Arbeitsbedingungen in den Medien verhält es sich in der Tat noch in der Werbung – je mehr Werbung ins Netz wandert, desto schwieriger werden allerdings auch diese. Das mediale System ist ja eben, mal allgemein bekannte Binsenweisheiten verkündend, teils gebühren-, teils werbefinanziert, und vergleicht man die Budgets für eine öffentlich-rechtliche Dokumentation, die sich mit den Kolonialismusfolgen oder Schwulenverfolgungen in katholisch und orthodox geprägten Ländern beschäftigt mit jenem für einen Audi-Werbespot, da kommt man schon ins Grübeln. Insofern fand ich die Adbusters immer von der Grundidee her gar nicht schlecht, die Gegen-Meme starten und Werbebotschaften destruieren. Das meines Erachtens bisher wirkungsvollste Mittel war ja das ziemlich schlichte „Scheiss DSF“, weil das nun etwas ist, was die wirklich nicht zeigen wollen und eben die „Mittendrin statt nur dabei“-Werbung plump, doch wirkungsvoll destruierte . Ebenso wenig wie totale Öde, aber das passt irgendwie nicht zu uns. Das ist ein Kapital, über das Oberhausen verfügt, was ich völlig unironisch meine, im Gegensatz zu uns sind die ja wirklich Underdogs. Und das bei uns grassierende Biedermann-Getue kann ja auch nicht die Lösung sein.

Umgekehrt könnte man schon auch Bilder von wilhelminischen Massaker-Soldaten mit dem „Ein Platz an der Sonne“-Slogan konfrontieren, mal ganz selbstkritisch, ausnahmsweise. Auch mit anderen beim DSF Werbetreibenden müsste das ja möglich sein – kein großer Konzern hat KEINEN Dreck am Stecken, das wissen die ja auch alle, deshalb gründen sie sie ja kompensatorisch Stiftungen, um Abbitte zu leisten. Im Grunde genommen wäre so eine Gegenwerbung mit aufklärerischer Stoßrichtung doch mal was, oder? In der Tradition eines Klaus Staeck, sozusagen. Man kann das ja verdichten. Ein  Beispiel fällt mir gerade nicht ein, das erfordert ja etwas Recherche.

Ich glaube ja ergänzend, dass auch wüst kopulierende, schwule SM-Sessions auf den Rängen denen ganz schön den Spaß verderben würden. Das würden die auch nicht zeigen wollen. Das halte ich allerdings nicht für wirklich durchsetzungsfähig 😉 …

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6 Antworten zu “Na, das ist doch mal was! Vielleicht „Fanszene FC St. Pauli goes Adbusters“?

  1. jekylla August 18, 2011 um 11:55 am

    Ich fand den Artikel auch gut. Bis zu der Stelle, wo die „Angriffe Auf Mitarbeiter“ als „..Teil einer sehr langen und sehr einfallsreichen Geschichte von Protesten gegen diesen Zustand..“ aufgelistet wurden. Wie Sie sagen: kontraproduktiv.

    Dann hat mir der Artikel wieder ganz gut gefallen, die Einsicht, dass das nicht wirklich viel gebracht hat und man sich vielleicht mal Alternativen überlegen sollte etc…. bis zum letzten Satz „Die Feinde der Kurven sind uns nicht willkommen!“

    Davon abgesehen, dass es immer klüger ist, seine „Feinde“ durch Aufklärung zu versuchen, ins Boot zu ziehen und Feinde damit zu Unterstützern zu machen, hätten wir dann wieder eine der üblichen selbstbetriebenen Fantrennungen. Ab wann ist man Feind? Wenn man nicht alles unkritisch bejubelt? Oder wenn man nicht alle Aktionen unterstützt? Oder wenn man bewusst in einer anderen Kurve steht? Ich habe mich bisher nicht als Feind der Kurve(n?) gesehen, nach diesen Kriterien wäre ich es aber doch.Dass die Anstosszeiten nicht jedermanns Ding sind – unbestritten. Dass es aber auch Leute gibt -und nicht wenige- die über eine Fernsehübertragung froh sind, weil sie eben nicht bei jedem Spiel dabei sein können, disqualifiziert diese Leute automatisch. Und genauso automatisch wären wir dann fast wieder bei der Besserfan-Diskussion.

    Lasst uns alle gemeinsam!!!… aber Ihr müsst draussenbleiben…

  2. momorulez August 18, 2011 um 12:15 pm

    Ich glaube ja, vielleicht irre ich, dass Sie das mit den „Feinden der Kurven“ vielleicht falsch verstanden habe? Ich habe das auf generell alle Kurven bezogen, auch die gegnerischer Mannschaften, und als Feind eher das Anstoßzeitenregime und die Hintermänner dessen verstanden.

    Was die Angriffe betrifft: Einen der Aufnahmeleiter kenne ich ein wenig persönlich, ein Freund von mir arbeitet bei SKY, und zum einen sind das keine Gutverdiener, zum zweiten haben die echt Struggle, ihre Familien zu ernähren.

    Aufklärung durch ins Boot holen: Sehe ich anders. Das hat noch nie funktioniert. Den ganzen Sozialstaat haben wir der Kampfbereitschaft von Gewerkschaften usw. zu verdanken, z.B.. Dass an der Elbe zunächst mal Sozialwohnungen gebaut wurden denen in der Hafenstraße. Das ist, glaube, politisch nicht richtig. Auch meine oft angemahnte „Schärfe“ habe ich mir erst angewohnt, als ich fest stellte, dass ich einfach nur belächelt und ignoriert werden, wenn ich argumentativ-sachlich bleibe.

  3. jekylla August 18, 2011 um 12:23 pm

    Ah, ok, so kann man das in der Tat auch verstehen, dann ziehe ich das zurück.

    Was Aufklärung angeht, sehe ich den Jolly Rouge als Gegenbeispiel, da gab es viel Aufklärung im Vorfeld, auch noch vor Ort und die überwältigende Teilnahme war auch darauf zurückzuführen.
    Über den Sinn und Unsinn, Wirkung und Wirkungslosigkeit zu diskutieren, ist ja überflüssig im Grunde.

  4. momorulez August 18, 2011 um 12:25 pm

    Na, dass der Jolly Rouge nun wirklich was bewirkt hätte, das kann man ja auch nicht gerade behaupten … das ist diese Reduktion auf Symbolpolitik, die bei uns oft greift, die dann nicht nach legt. Und dann versacken wir selbst in medialen Inszenierungen.

  5. jekylla August 18, 2011 um 12:33 pm

    Oh nö, ich wollte auch nicht auf die Wirkung danach, die es nicht gab, hinaus. Das war ja das Enttäuschende, dass dort tatenlos verharrt wurde, nicht „nachgelegt“ wurde.
    Nein, die Organisation bis zur „Premiere“, das lief hervorragend.

  6. momorulez August 18, 2011 um 12:35 pm

    Das ja. Überwältigend.

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