Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Paternalismen und Blickumkehr

Wo Tee die sehr richtige Frage Rhizoms an mich schon heraus gelöst hat, mache ich das auch noch mal; sie führt ja direkt ins Zentrum der Diskussionen, die rund um dieses Blog gerade entstanden sind:

„Oder ist es etwa keine Internalisierung, genau die Rolle zu spielen, die andere für dich vorgedacht haben? Kann schwule Identität überhaupt etwas anderes sein als eine ständige Aneignung und Zitation homophober Klischees?“

Haben im konkreten Fall andere diese Rolle für mich vor gedacht?

Ich habe eher den Eindruck, dass manche das versuchten – die Paranoia-Tunte, die alles dafür tut, auch ja Diskriminierung zu entdecken -, aber es irgendwie nicht gelingen will. Vielleicht irre ich drastisch.

Subjektiv meine ich, die Rolle zurück zu weisen, in der man normalerweise Schwule verortet, eben die freundlichst Tolerierten, die ein irgendwie sekundäres Kunst am Bau-Leben führen, das für den „essentiellen gesellschaftlichen Zusammenhalt“ keine Rolle spielt und von vielen wohlwollend toleriert wird, wobei immer die Drohung mit spielt, diese Toleranz auch entziehen zu können. Und das dann blöde Witze über Travestie-Künstler nach sich zieht, denn eigentlich fühlen sich Heten ja total gut in ihrer selbstbezüglichen „Ich bin so prima!“-Haltung, ach, so aufgeklärt und „modern“, ganz anders als DIE ANDEREN im Südosten. Und eigentlich braucht man gar keine Schwarzen oder Schwulen, während man sich für seine Güte feiert.

Das führt ja zugleich in die Diskussion um die aktuell allseits gerade auf der Linken angegriffene „Critical Whiteness“-Konzeption, also jenen Ansatz, der sich verweigert, nun ganztägig über die Wesenheiten von PoC zu diskutieren, sondern stattdessen die multidimensionale Privilegienstruktur von Weißen thematisiert.

Ebenso jedoch auf die Klassismus-Debatte, die in Räumen wie dem Millerntor zeitweise entfacht und dann ausgesessen wurde: Diskreditierende Schemata, die als „Unterschicht“ Identifizierten zugeschoben werden von Buschowsky bis zum RTL-Nachmittagsrogramm. Kann da der Deklassierte anders, als die ihm zugewiesene Rolle spielen?

Auch da funktioniert ja das bewährte Schema so, ganze Bevölkerungsteile zum Studienobjekt zu machen und so disziplinierende Zurichtungen zu begründen – anstatt mal jene Mentalitäten und Konzepte zu befragen, die sich auf den Business-Seats breit machen. Besonders perfide ja bei Projekten von Ursula von der Leyen und Jörg Pilawa, da irgendwelche Besserverdienenden in sozial schwache Familien einfallen und denen erläutern, wie man richtig lebt. Es wurde mir von Präsentationen dieser berichtet, ich bin gerade zu faul, das zu googeln. Das Hamburger „Atlantik-Forum“ macht ähnlichen Murks.

Ja, all dem liegen ökonomische Strukturen zugrunde, die der Erläuterung bedürfen und die solche Mechanismen je nachdem unterschiedlich erzeugen  – und ebenso ist immer ergänzend noch das Patriachat als Ganzes zu befragen, da allgegenwärtiger Sexismus sich durch alle Dimensionen zieht, sei es nun die Problematsierung der „Welfare Queens„, der „Sozialhilfe-Mütter“, oder auch Slogans, bei denen man manchmal „MEINE Frau ist anständig, die zieht sich an!“ zu hören glaubt, bei gleichzeitiger Entsolidarisierung von Sex-Arbeiterinnen.

Ist jetzt sehr holzschnittartig, aber in all den Fällen muss doch einfach die Blickrichtung umgedreht werden: Auf Heten, Weiße, Profiteure und – ja, Männer. Nicht im personalisierenden, im strukturellen Sinne. Man hat dann, so hoffe ich, eben nicht in die identitäre Falle zu tappen, sondern die Zumutungen und Zurichtungen als solche offen zu legen. Oder?

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5 Antworten zu “Paternalismen und Blickumkehr

  1. vuvuzela//riotqueer August 8, 2011 um 11:39 am

    Eine im Forum des FC St.Pauli gestellte Frage und Forderung an die Admins und Mods, wurde erst ein mal an den Bierstand verschoben und dann folgte Sinn gemäß die obligatorische Verdrehung nach Rechts, und ich frage mich wirklich ob nicht da etwas suggeriert wird, was im Englisch_sprachigen Raum auch ‚white power‘ heißt:

    „Hier kann jeder diskutieren, was er möchte. Hier kann jeder Veranstaltungen bewerben, wie er möchte. In jedem dafür passenden Bereich.

    Warum sollte man „Lesbisch_Schwule_Bi_Trans_Inter_sexuelle“ Menschen dadurch diskriminieren, daß sie dies in einem eigenen Forumsbereich zu tun haben? Müssen wir im Stadion dann auch einen extra Bereich machen, wo wir diese Menschen ausgrenzen? Ausgerechnet am Millerntor?

    Wenn sich mal abzeichnet, daß für die eine oder andere (Interessen-) Gruppe größerer Bedarf besteht, ist hier noch immer ein eigener Bereich gemacht worden (sieht man dem Forum ja auch an). Aber da sehe ich in diesem Fall auch nicht ansatzweise eine Begründung außer zur Schau getragener Toleranz. Und die haben wir nicht nötig, nicht am Millerntor.“ (von Thomy71)

    Mit einem Super-Plus an Spitzfindigkeit:“ Aber da sehe ich in diesem Fall auch nicht ansatzweise eine Begründung außer zur Schau getragener Toleranz. Und die haben wir nicht nötig, nicht am Millerntor.“ (ebenfalls eine Thomy71)

    Deswegen heißt es auf den Partys in denen ich für mein Raum kämpfe, keine Devotionalien vom FC St.Pauli erwünscht bzw. anfangen solchen Schwachköppen die Toleranz auf den Kiez und in Freiräumen zu nehmen.

  2. momorulez August 8, 2011 um 11:52 am

    Das ist tatsächlich eine knapp an neurechts vorbei schrammende Umkehrfigur, eben dieses „Nur noch die Schwarzen sind Rassisten, dabei sind wir doch alle gleich!“. Liberale Ideologie.

    Und dieser Toleranz-Spruch hat es in sich, den kann man ja durchaus doppelt lesen – entweder „Wir sind soooo tolerant, dass wir so was doch nicht nötig haben“ oder aber: „So was wie Toleranz haben wir doch nicht nötig“. Dass damit das gemeint ist, was ich oben schreibe, glaube ich nicht. Kann aber auch sein.

  3. vuvuzela//riotqueer August 8, 2011 um 12:13 pm

    Ich glaube eher, dass die Zeit wieder reif ist für ordentlich ‚Kloppe‘, wenn deren Deutungen meine Pathologie angreift!

  4. Pingback: Fundstücke – 09.08.2011 | Serdargunes' Blog

  5. Loellie August 10, 2011 um 3:32 pm

    Der interviewte ist zwar nicht Schwul sondern Schwarz, dafür ist das Verhalten der „Journalistin“ mit paternalistisch äusserst unzureichend bezeichnet.

    http://www.youtube.com/watch?v=biJgILxGK0o

    Für googlefreunde: Das ist Darcus Howe

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