Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Identität und Unterschied: Nachgetreten

Abgesehen davon, dass ich eh auf diesen wichtigen Text verweisen wollte, gerade für St. Paulianer wichtig, stelle ich einfach noch mal zwei Antworten auf Beschwerden hinsichtlich diskreditierender Äußerungen und Darstellungen nebeneinander:

Eine Antwort auf die „Tatsch-Screen“-Werbung von Astra:

„Die gesamte dargestellte Szene ist bewusst ironisch überzogen und ersichtlich satirisch überzeichnet, weshalb keine ernsthafte Herabwürdigung der weiblichen Person beanstandet werden kann.

Die Abbildung der Frau in kurzer Hose lässt unserer Meinung nach nicht zwangsläufig auf eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts schließen. In dem von Ihnen kritisierten Fall wird nicht die ständige sexuelle Verfügbarkeit der Frau suggeriert, sondern vielmehr mit ihr zwar in durchaus erotischer und humorvoller, aber weder pornografischer noch herabwürdigender Art und Weise für die Analog-Kampane von Astra geworben. Die dargestellte Abbildung dient vielmehr als humorvolle optische Ergänzung des Slogans.“

Frodos Kommentar hier im Blog:

„Zum Thema:
Es geht bei der Nennung der beiden Namen um das überzeichnete Klischee des Kiezklubs und des Freudenhauses der Liga, welches (zumindest mich) einfach nur noch nervt. Nicht, weil die dort genannten Personen nerven (oder gar ihre sexuelle Orientierung), sondern der Umgang der Medien eben damit.

(…)


Diese Nennung kann man, so wie Du es getan hast, uns offensichtlich diskriminierend auslegen. Ich versichere Dir persönlich, dass es definitiv nicht so gemeint war sondern eben eine Aufzählung weiterer Personen war, die nach Littmann (der ja auch bei vielen Gelegenheiten mit diesem Klischee in den Medien gespielt hat) in die genannten Klischees fallen.
Ich wiederhole: Dies hat nichts mit ihrer sexuellen Ausrichtung, sondern lediglich mit ihrem (ja auch gewollt selbst definiertem) Bild in der öffentlichen Wahrnehmung zu tun, die dann ein weiteres Mosaiksteinchen in das Bild von „den herrlich lustigen Paulis vom Kiez/der Reeperbahn“ setzen würden, völlig ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung.
Kannst Du mir glauben, musst Du nicht.“

Natürlich bin ich auch stinksauer, dass immer noch keine weitere Antwort kam, während sogar interne Threads im Forum über mich diskutierten. Und wo die Unterschiede zum zuerst zitierten Schreiben liegen, das kann ja auch jeder selbst lesen.

Das alles ist aber weit über Redakteure des Übersteiger hinaus von Relevanz – es geht ja darum, inwiefern „überspitzende“ oder „satirische“ Darstellungen von Personen, die nicht der dominanten Kultur zugehörig sind, zur Fortschreibung von Diskrimierung taugen. Deshalb auch der Verweis auf die Comics von Guido Schröter. Man hätte genau so gut die von Ralf König erwähnen können, das ist ja kein Zufall, dass die Verfilmung von der „Der bewegte Mann“ dann heteronormative Propaganda wurde, und bei dem finden sich auch harsch rassistische Karrikaturen in seinen Werken. Worauf nicht zuletzt Rhizom mich brachte, mir war das auch nicht aufgefallen.

Es würde mich übrigens interessieren, ob solche Seiten wie Rhizom oder auch Medienelite, Mädchenmannschaft oder Der braune Mob z.B. den Redakteuren des Übersteiger, aber auch anderen Publikationen im Rahmen des FC St. Pauli bekannt sind. Wenn nicht, wären das – und anderes – Pflichtlektüren, wenn Mensch weiterhin den Anspruch erheben will, in Fragen des Sexismus, Rassismus und der Homophobie die Avantgarde in deutschen Fanszenen zu sein.

Oft wird ja beklagt, dass Mensch, beschäftigt Mensch sich schon länger mit solchen Fragen, irgendein Geheimwissen zur Anwendung bringen würden in erpresserischer Manier. Manchmal hat Mensch jedoch den Eindruck, dass die Leute zwar in der Lage sind, sich Curryrezepte zu ergoogeln, nicht jedoch den Antwortenkatalog des Braunen Mobs.

Des weiteren wollte ich noch einen, wie ich finde, hervorragenden Kommentar vom Pantoffelpunk hervor heben:

„Ich glaube die dargelegte Intention des Übersteigers und halte sie nicht für böse im Sinne einer Trans- oder Homophobie, geschenkt. Dämlich ist das Statement trotzdem, zum einen, weil man es ohne Erklärung als trans- oder homophob interpretieren kann, zum zweiten, weil diese Reflexion über drei Ecken am Ende doch vollkommen kontraproduktiv ist. Vorausgesetzt, Olivia Jones und Lilo Wanders verstünden etwas von Fußball und Geschäft, wären sie im Gegenteil natürlich eine ideale Besetzung für das Präsidium, weil – ich sage einfach mal: ‘unser’ – Statement gegen die Diskriminierung anders* vögelnder, anders sich kleidender, anders hautgefärbter, anders denkender usw. eben kein Klischee sondern Lebenseinstellung ist oder es sein sollte. Darum sollten ‘wir’, darum sollte der FC St. Pauli, auch genau das leben und wenn sich Massenmedien und sonstige Vollpfosten darauf stürzen, es nicht ernst nehmen und zu einem lustigen Teil der schrillen St. Pauli-Party reduzieren, sollte es ‘unsere’ Aufgabe sein, sie dafür auszuzählen, da sie damit nur offenbaren, wie weit es mit ihrer Akzeptanz abweichender Lebenswelten ist. Aber es darf doch nicht unser Ziel sein, möglichst biedere, unauffällige Normopathen ins Präsidium zu hieven, um ja nicht die Klischees der Eindimensionalen zu erfüllen. Setzte man diese Logik fort, gehörte es ja auch zum Alptraum der Übersteigerer, dass sich im Stadion Irokesenträger tummmeln – schließlich erfüllen die das Klischee des linken Anhängers des verrückten Freudenhauses der Liga.

*= ‘anders’ im Sinne von ‘entgegen der (angeblichen) Norm’, ich glaube ja nach wie vor, dass viele Homophobiker nur neidisch sind, weil sie bei ihrer Partnerin nicht in den Po dürfen.“

Deutlich wird ja anhand dessen, wie sehr sich manche in der Fanszene von den medialen Images manipulieren und durch diese formen lassen und im Grund genommen ein Gegenmarketing betreiben, das nicht minder oberflächlich sich an Symbolpersönlichkeiten orientiert. Wer sich von der Mopo abhängig macht in seiner Selbstdefinition – und sei es durch Abgrenzung – hat schon verloren.

Und das zu einem Zeitpunkt, da im Fanartikelkatalog zu Marketingzwecken in ganz tollen Fotos Street-Credibility suggeriert wird, dazu auch PoC missbraucht werden, während zugleich Geschäftsführung und Präsidium die Gentrifizierung u.a. mittels Businessseatversitzplatzung ins Stadion geholt haben. Das ist schon zynisch, wieso sich dann am „Freudenhaus“ abarbeiten mittels der Denunziation von Persönlichkeiten wie Lilo Wanders?

Lilo for President!

Edit: Eine mail habe ich gerade erhalten; da sie substantiell nicht viel anderes enthält als das oben von Astra, sorry, Frodo enthält, wüsste ich nicht, wieso ich nun deren Job übernehmen sollte und sie veröffentlichen. Das Internet sei kein Ort, dergleichen zu diskutieren, weil das Frontenbildung führe. Man behält sich also im Wesentlichen vor, weiter in Hinterzimmern zu klüngeln und privilegierte Distributionswege zu nutzen wie „11 Freunde“ oder eben das eigene Heft. Antworten dürfen dann freundlichst Hierarchien wahrend als Leserbriefe erscheinen.

Männer 😀 …

Edit 2: Es wurde mir entgegen anders lautender Behauptung kein Gastartikel angeboten; hätte ich ihn gefordert, hätte vermutlich keiner Nein gesagt. Und es wurde nicht mir, sondern einer Freundin die Teilnahme an einer Redaktionssitzung angeboten. Raus geschmissen hätte man mich aber vermutlich auch nicht.

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47 Antworten zu “Identität und Unterschied: Nachgetreten

  1. Nörgler Juli 31, 2011 um 5:59 pm

    Ich finde das bei Rhizom nicht, wo er bei König Rassismus sieht.

  2. momorulez Juli 31, 2011 um 6:55 pm

    Das war bei einer Diskussion hier in der Hamburger Uni, wo es um die Frage nach Rassismus in der schwulen Szene St. Goergs ging. Das ist ja sowieso ganz interessiert, dass die schwule Szene auf St. Pauli lange nicht mehr so präsent ist wie noch Ende der 80er. St. Georg ist ja das derbere Rotlichtviertel mit viel Drogenstrich, gleichzeitig aber sehr schicken Straßen zur Alster hin. Und irgendwann entbrannte da eine Diskussion, wie man sie z.B. regelmãßig bei Gaywest lesen kann, und Rhizom war Diskussionsteilnehmer und zeigte anhand von König-Comics stereotypisierende Darstellungen von Arabern auf.

  3. T. Albert August 1, 2011 um 12:41 am

    Coole allgemeine Humormassgabe in dem Brief. Das Bild ist zweifellos objektiv humorvoll.
    Das sagt der Brief aber klipp und klar. Das ist Humor! Da muss man sich nur dran halten, dann gehts schon. Wozu kriegt man schliesslich solche Briefe, humorvollerweise sehen die gerade themenunabhängig immer gleich aus, das erleichtert es auch sehr, dass man dann doch die Schnauze hält.

  4. momorulez August 1, 2011 um 9:02 am

    Das ist ja tatsächlich die Groteske, dass die ihre Blondinenwitze auch noch mit „Humor“, sozusagen tautologisch, erläutern, als könnte dieser nicht was verdammt Boshaftes sein, weil er ja lächerlich macht. Was eben die Haltung Schwarzen, Schwulen und Frauen gegenüber gesamtgesellschaftlich IST. Das kommt hier einfach nur zum Ausdruck. Entwertungspraktiken, auf Andere gerichtet. Das mag man in Deutschland. Man hofft ja immer auf ein wenig britische Selbstironie und findet doch nur den gröhlenden, wilhelminischen Stahlhelm, der kurz nach seinem N…-Witz dann Hereros abballlern geht und das witzig findet, um danach seine Angetraute süß und witzig zu finden. Mentalitätstechmisch.

  5. Loellie August 1, 2011 um 11:15 am

    Das liegt aber auch wirklich viel an den Medien, diese ganze Scheisse. Meine üblichen Kurzbesuche auf HuffPo und der NYT musste ich heute frühzeitig abbrechen. Da steht überall was von Kompromiss und Einigung, „Bipartisan“ ist das Buzz-Word.
    Dabei hat Obama die Tea-Party rechts überholt. Selbst Ronald Reagan dürfte sich angesichts dieses Desasters im Grab umdrehn.
    Nun wissen wir auch wie das mit dem „Change“ gemeint war. Super-Schröder!
    Von unglücklichen Extremisten auf beiden Seiten ist die Rede. Die Forderung nach Streichung von Steuerbefreiungen für Anschaffung und Unterhalt von Firmenjets ist mittlerweile extremistsch und steht auf der gleichen Stufe wie die Forderung nach der kompletten Zerschlagung von Sozialsystemen und der Kriminalisierung von Abtreibung.
    So wie die BBC anlässlich Elton Johns Nachwuchs meinte, dass die Todesstrafe für Homos und die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare zwei Seiten der gleichen Medallie seien, weshalb man als Experten einen Schwulenhasser ausführlich zu Wort kommen liess. Man ist ja ausgewogen.

    Da macht mich die Meldung vom Tod des österreichischen Pornojägers Martin Humer glatt wehmütig. Wo sind sie hin, die Zeiten, in denen solche Typen als die komischen, weltfremden Kautze hingestellt wurden, die sie sind?
    Wie kann man ohne äusseren Zwang das Freudenhaus gegen das Tollhaus eintauschen?

  6. che2001 August 1, 2011 um 11:36 am

    Die Kombination Blondinenwitz und Mantafahrerwitz ist auch nichts Anderes als die Verhöhnung der Prols durch Bürger und Mittelschichtler. Und der Mario-Barth-Humor des Ablästern über Prols in Prolsprache. Sehne mich ja zurück nach den Zeiten des „kaputten Humors“, als Otto, Insterburg&Co, Schobert&Black und solche das Tagesprogramm prägten.

  7. momorulez August 1, 2011 um 11:37 am

    Ich glaube, dass der Ansatz des Privililegienbewahrens richtig ist. Je enger alles wird, desto mehr geht die kleiner werdende Mitte, zu denen ja auch die meisten Journalisten gehören, auf das, was sie als Ränder empfindet, los und orientiert sich wie immer schon nach oben, also an den Maßgaben der Superreichen. Diese sich schließenden Familienwelten, die dann sinngemäß ja immer schreiben „MEINE Frau ist angezogen, also anständig, und keine Nutte!“ sind auch so ein Effekt dessen.

    Ich hoffe ja immer noch inständig, dass eine der feministischen Alliierten sich irgendwie zu Worte meldet, weil das sein kann, dass die das fundamental anders sehen. Dann korrigiere ich ja auch gerne.

  8. momorulez August 1, 2011 um 11:40 am

    @Che:

    Das kommt ja noch hinzu, das meint ja Vuvuzela/Queer Riot, wenn er die Mittelschichtlastigkeit bei uns beklagt. Dass sich eben anständige Bildungsbürger über zu disziplinierende Unterschichten erheben. Das ist dann noch mal ein viel komplexerer Problembrei.

    Was mich aber übrigens nicht mit Mario Barth oder Blondinenwitzen versöhnen wird.

  9. che2001 August 1, 2011 um 1:01 pm

    Hat es da eigentlich eine soziale Verschiebung in der Zusammen setzung der Fanszene gegeben? Was ich von früher als St.Pauli-Fans im Kopf habe ist tatsächlich eher proletarisch, und so der Typus härterer Schwarzer Blog, Standardparole „Wir kriegen Sozi und ihr nicht!“

  10. momorulez August 1, 2011 um 1:45 pm

    Sind alle in die Jahre gekommen, wir haben ein Überalterungsproblem, würde ich mal sagen. Und ein Gentrifizierungsproblem. Und aus der Nord oder von den Ultras würdest Du noch mal ganz andere Sachen zu hören bekommen. Jetzt sehr stereotypsierend formuliert.

    Ansonsten zeigt sich halt bei uns auch ein gesellschaftlicher Trend von Mutationen im Bildungsbürgertum. St. Pauli hatte, meine ich, schon in den frühen 90ern einen ziemlich hohen Akademikeranteil, und das haben wir ja hier schon länger, dass sich da echt was verschoben hat.

    Dadurch, dass bei uns der „klassische Fussballproll“ nicht so stark vertreten ist wie z.B. beim HSV, zieht der Verein aber manchmal auch sehr sittsame Leute an. Das hat echt auch seine Schattenseiten, was bei uns eigentlich ein Vorteil ist, so dass wir einen höheren Frauenanteil zum Beispiel im Publikum haben. Was toll ist. Aber die Grundstimmung kippt dann manchmal in so ein selbstbezügliches Abfeiern von etwas, was hart erkämpft wurde, was aber nicht fort geschrieben wird, um. Wie bei den ach so linksgrünen Ottensern, die ihre Kinder dann aber doch nicht auf eine Schule mit hohem „Migranten“anteil schicken, aber ihre St.Pauli-Fahne an der 20 Euro der Quadratmeter-Wohnung angebracht haben.

  11. vuvuzela//riotqueer August 1, 2011 um 2:22 pm

    Ohne dir und anderen zu Nahe zu treten, aber der Ansatz einer Analyse bzw. über-bordende, totalitäre Diagnose zu Menschen, die sozial-psy-mäßig kein Bock mehr haben auf die Hetero-Normativität am Millerntor und St.Pauli als Stadtteil haben, haben sich zu koordinieren, über diese oder anderen Blogs und Web-Präsentationen.

    Auch eine Eigenständigkeit (LGBTI) im St.Pauli-Forum sollte nicht länger Tabu und humorlos behandelt werden, sonder eher dem Manne von Admin einer Selbstverständlichkeit dienen.

    Auch in akademischen Rahmen (http://agqueerstudies.de/) sollte das Phänomen um den FC St.Pauli als Stadtteilverein einer horizontalen dienen und nicht in eine narzisstische Betroffenheit rassistischer Pathologien diskutiert werden, was der Kommerz um ein Bier vermuten lässt.

    Ansonsten ist das ‚Überleben‘ in dieser Gesellschaft, mit all den Sachzwängen‘ hier nicht weiter thematisiert worden, und somit zum Schluss der Widersprüchlichkeit um ‚Identität‘ in anti-feministischer Weise – wie auch radikal queer-feministisch forciert gehört. Eine andere Bias sehe ich hier nicht.

    FAUST!

    Ansonsten bitte.www.lesben-gesundheit.de

  12. momorulez August 1, 2011 um 2:39 pm

    Damit trittst Du mir nicht zu nahe, wir haben da keine Differenz 😉 – ich würde nur meinerseits den Dialog mit denkoffenen Heten dabei nicht bleiben lassen, sondern mit denen schon auch zusammen arbeiten.

    Und jetzt gleich alle Themen, die eine Rolle spielen, hier aufzurollen, das kriege ich auch nicht hin 😉 …

    Hast Du mit den Queerpass-Leuten was zu tun? Ich bin so lange „raus aus der Szene“, dass ich da gar keinen kenne. Hätte auch nicht gedacht, dass das alles hier noch mal so Thema für mich würde, dass ist eher Effekt des Bloggens und tatsächlich auch sehr deutlichen Hinweise von schwarzen Freundinnen, dass es so einfach nicht geht. Und eben auch der Wahrnehmung massiver Veränderungen am Millerntor.

    Noah hat ja gerade noch mal getrackbackt. Von daher würde ich die Verklammerung mit Rassismus- und Sexismusfragen da nicht auflösen wollen und finde Noah und Lantzschi da auch vorbildlich. Nur als Ergänzung, nicht als Widerspruch.

  13. vuvuzela//riotqueer August 1, 2011 um 5:03 pm

    Also gut Momo, ich erkläre dir mal mein Standpunkt: für meine Jungz in der allwöchentlichen, antifaschistischen ’sky‘-Runde bin ich BELA BI,…für mein Engagement in der Europa-weiten HeArtcore-Hip Hop-Szene bin ich BEL,….in Pakistan firmiere ich als SHOKAT, und deren dreien Identitäten sind dann auch genug. Alles im Umfeld von Heten in ihrer Dominanzkultur.
    Ansonsten bin ich seit den Anschlägen vom 11. September 2001 -raus- aus der links-autonomen ‚Bauwagen/Punk-Szene und esse auch wieder Aas. Bin 2003 nach Steilshoop gezogen und jetzt weiter nach Bramfeld, während ich zuvor von 1994 an auf St.Pauli lebte. Ich konnte das wg. Studium und dessen was ich an Unterhalt bekam mir nicht mehr leisten. Also -kein- Studiums-Abschluss . . . bin seit 2005 ALG II-Empfänger und habe ansonsten mit ‚Szene‘ absolut nichts am Hut. Es reicht, wenn sich an einem Abend vor und um einem Club sich eine ‚Szene‘ bildet, dann bin ich auch wieder froh, nach Hause zu fahren mit all den Theorien um _Ismen, die ich mir auch heute noch aneigne…

    Die einzige Differenz zu ‚Euch‘ ist der Inhalt meines Portemonnaies und Kontoauszuges.

    Mein Schniepel bezeichne ich gerne als Klit,…und Sex beinhaltet für mich den ganzen Körper und nicht nur die der Penetration von den meisten, denen man(n) das im Forum ablesen kann.

    Der FC St.Pauli ist meine Leidenschaft seit 25 Jahren, als meine Paki-Verwandten auch nur dort eine Wohnung als Asyl suchende bekommen haben, und was mir an deinen Ausführungen gefällt, ist die Bewegung in Schrift und Tautologie dessen, was die Zahl nicht zeigen kann.

    So Momo,….jetzt ist gut.

  14. momorulez August 1, 2011 um 8:55 pm

    Ah, Danke für all die Infos! Ich bin ja viel mainstreamiger in die „freie Wirtschaft“, haha, gerutscht direkt nach dem Examen, was irgendwie auch schon immer von Haus aus als Schiene gelegt wurde. Obwohl das bei einem Philosophie-Studium auch anders hätte kommen können, aber ansonsten segelt halt mit der weißen Blidungsbürgersohnflagge durchs Leben und hat da auch den Habitus antrainiert bekommen, ich vielleicht weniger als andere, um dann Wiederstände auch überwinden zu können, beruflich.

    Ich bin in „Politkreisen“ eigentlich nie aktiv gewesen, die Bauwagenszene habe ich immer, von außen drauf, ziemlich bewundert, weil da kraft Lebensform wirklich an dem Angenabeltsein an all die ökonomischen Systeme gerüttelt wird, entsprechend harsch die Reaktionen. Von innen weiß ich da nix. Und wäre da selbst vermutlich zu feige gewesen.

    Ich habe mich eher durch die Arbeit in der „freien Wirtschaft“, deren Profiteur ich ja gleichzeitig war, repolitisiert, und glaube auch, in meiner inhaltlich-beruflichen Arbeit schon meistens meinen Ansprüchen gerecht worden zu sein. In unserer Firma versuchen wir, manches anders zu machen, zahlen z.B. einjgen Angestellten mehr aus als uns, aber es ist schon fies, wie alle Märkte so einen Druck auf die Akteure ausüben, dass man dann auch mit immer mehr Zeit- und Projektverträgen arbeitet, als man das wollte, weil alles andere eben das Ende wäre. Finde ich nicht lustig. Hätte ich gerne anders.

    Ich beschäftige mich ja in Sachen St. Pauli deshalb hier auch mit Fanmedien, dem Marketing, den Business-Seats usw. bei den Fragen nach den Ismen, da kann ich mit reden und wohl auch da, wo eine zwar liebevoll und mit viel Arbeit arrangierte Aktion denn eben doch nur Symbolpolitik ist. Ansonsten würde ich mich hüten, die Aktivisten, Streetfighter usw. hier groß zu belehren, das ist ja dolle, was die machen. Was Mentalitäten im Stadion betrifft, braucht man ja seine Klappe nicht halten.

    Was aber mir auch oft unreflektiert erscheint, ist die Klassismus-Frage, also auch die nach dem Bankkonto, die unter „Kommerzkritik“ oder „Fussball pur“ ja gar nicht diskutiert werden kann. Da gab es so coole Ansätze, als die Sozialromantiker los gingen, so tolle Texte, Suptra und solche greifen das ja auch auf, aber auch das ist ja ein Frust bei der Lektüre der „Etablierten“, dass in der Hinsicht die Themen oft eher etwas hohl behandelt werden. Und irgendwie verreckt dann doch immer alles in Symbolpolitik. Der Zeckensalon, den finde ich da ganz gut. Ohne da je gewesen zu sein.

    Kennst Du denn die Queerpass-Leute?

  15. vuvuzela//riotqueer August 1, 2011 um 10:01 pm

    Nööö…
    Ich kenne die Seite der Queer Football Fans (°°) und ansonsten war da nix. Eher so’n LSVD-Kram, halt mit Fußball kombiniert. Bin eher in den englisch-mehrsprachigen Diskursen verhaftet und verfolge da schon ziemlich lange die psycho-marxistischen Analysen zu ‚transgender//trans-identity//intersex beings‘ aus der akademischen Diaspora zur Queer Theorien – was meine persönlichen Erfahrungen mit Queers in Hamburg auch in den Nuller-Jahren beim abdrehen zu Fragen der BDSM bzw. ‚role play // actor_ism‘ einen Abbruch verschaffte, da weiß-mittelständisch und absolut nicht fähig die Klassen-Frage zu stellen. Eher was, woran ich mich in der Gewalt zum ‚Fetisch‘ der Personenkreise, auch der ’schwulen Baustelle‘ und den AGs um ‚Queer studies‘ mit ‚ekel‘ erinnere.
    Damals fühlte ich mich eher beheimatet mit der ‚Sex-Arbeit‘ auf dem Kiez und denke das dort noch einige Tabus gebrochen gehören.

    Ich habe eine gehörige Distanz entwickelt, wenn es um _Ismen geht, da für mich der Körper der/die spricht in den Mittelpunkt gehört und da setze ich auch immer an. Vielleicht ein wenig ‚Transaktions Analyse‘ oder ein wenig ‚Co_councelling‘ – aber immer mit Respekt und mal einen Joint zwischen den Lippen.

    Im Grunde interessiert mich Sex so gar nicht mehr…..habe halt andere Probleme, und da die Meisten immer den Apparatus um ’safer is better sex‘ vor Augen haben in den konservativen Kanon von LSVD u.a. – denke ich, das ich meine Hosen für heute Abend genug runter gelassen habe.

    FAUST!

  16. momorulez August 1, 2011 um 10:45 pm

    Ja, definitiv! Habe ja versucht, mit Transparenz zu kontern 😉 … das sind aber alles noch mal spannende Fragen und ist auch vieles, was über die Jahre hier vor allem mit Loellie immer wieder Thema war.

    Wegen der Frage nach dem Körper präferiere ich ja gerade Literatur, also literarisch, gegenüber der Theorie. Langsam glaube ich, dass die da mehr kann. Das ist aber ein anderes Thema.

  17. vuvuzela//riotqueer August 1, 2011 um 10:45 pm

    Außerdem gibt es in mir noch die Seite eines fetten ‚Ramadan Mubarak‘-Väterchen Frost als Figur der philologischen Immanenz zu reflektieren, wo der Stadtteil und auch das Millerntor schon vor zwanzig Jahren gekippt ist. Tri-Tra-Trullala der Kasperle -RIOT- muss auch mal ‚Tschööööö‘ sagen können…..

    Für meine Mutti bin ich halt der ‚Tali-Beli‘ – und gut ist!

    DOP[P]EL-FAUST!

  18. vuvuzela//riotqueer August 1, 2011 um 10:46 pm

    Ich sag nur ‚LITHURGIE#—-im englischen auch mal als ‚SPEECH# versucht

  19. momorulez August 1, 2011 um 10:48 pm

    Du musst mir verzeihen, dass ich mich in Deine Denk-Bilder und Begriffe noch rein arbeiten muss 😉 …

  20. vuvuzela//riotqueer August 1, 2011 um 11:34 pm

    Also fangen wir mal mit einer Leserunde an, in früheren Jahrhunderten die Bibel ergo Koran oder Thora-Runde, die eine spezielle Aufgabe im Gemeindewesen zu kam und wohl auch bald wieder kommen wird. Die des vom Anleiter in der Hierarchie manifesten Gebrauchs eines bestimmten Verständnisses von Textverständnis und Gazette des öffentlichen Alltags auf den Straßen und Gassen dieser, dir beliebigen Stadt (habe raus gelesen, das Du nicht vom Ursprung ein Hanseat bist),…die Lithurgie…ein Verständnis von Stadtteil-Politik, das sich die links-autonome Szene der 1980er und 1990er in der Form von Flugschriften und aber auch Gerüchten zutiefst zu eigen gemacht hat im sog. Viertel….auch mal bildlich dargestellt in der Form von Szene-Prominenz aus diversen Plenas….

    Die ’speech‘ aus dem US-englischen als Kritik um ein Verständnis alt-europäische Lithurgien gegenüber der post-faschistischen Politik Europas gegenüber dem ‚Anderen‘ – Anfang der 1990er in der Auffassung der radikalen Demokratie-Theoretiker_innen äußerst beliebt, wenn es um Sachfragen zur sozial-psychiatrischen Natur diverser Gesellschaftsspektren ging….

    Also eine in der Akustik kausal zusammen gefasste Beeinflussung von Gemeinde als Zusammenkunft, wie am Millerntor auch,…divergierender Personen und Interessen.

  21. momorulez August 1, 2011 um 11:38 pm

    Dem kann ich folgen! Und zustimmen!

  22. momorulez August 2, 2011 um 12:15 am

    Ach so, vom „Ursprung her“ komme ich aus einem Vorort von Hannover. Vater SPD, kriegsversehrt, Bein verloren im „Volkssturm“ mit 17, höhere politische und juristische Posten, gebürtig in Duisburg-Meidereich, MSV-Fan, aus einer Eisenbahnerfamilie. Mutter gebürtig in Pommern, Oma Nachkomme von Tagelöhnern und Ziegelei-Mitarbeitern eines Landgutes, Opa Sohn eines sich im 1. Weltkrieg in Serbien suzidierenden Offiziers, zuvor war der Schuldirektor in einer Kleinstadt in Brandenburg, der Uropa. Opa erst Journalist, dann Finanzamtsbeamter in einem Vorort von Bremen.

    Was alles egal wäre, wenn es nicht diese Unsitte gäbe, überhaupt ent-individualisierte Herkunstgeschichten zu konstruieren.Bei meiner Mutter bzw. deren Oma war nicht klar, ob nicht der Gutsherr eine Magd gepoppt hat, es gab ein uneheliches Kind unter meinen Vorfahren – weshalb es auch irgendwelche Gelder im 3. Reich nicht gab, es hätte ja ein Jude der Vater sein können. Mein Vater hat noch eher nebenbei Bergen-Belsen gesehen und erzählte von Ratten in der Größe von Ferkeln, die über ihn, den Pimpf, als Flakhelfer krochen. Was sein Ensetzen angesichts derausgemergelten Arme nicht minderte.

    Was keine „Opfergeschichte“ erzählen soll. Diese überstülpenden Großerzählungen sind irre – als wäre irgendwas davon im „Wirtschaftswunder“ verschwunden. Das wurde in dieser selbstgerechten Erzählung des vollends aufgeklärten Deutschland aufgelöst, und auf irgendeine Art reproduziert sich das bei uns im Verein, und das ist furchtbar. Auch in den Viertel-Historien, wo dann die Ex-Alkoholikerin mit dem süßen Hund, die sich ihr Hirn weg gesoffen hatte, während sie in irgendeinem Puff an der Gaderobe arbeitete, bei der ich einst geputzt habe und die es mochte, weil ein junger Mann, der die Situation nicht mochte, sie badet und wäscht und dabei, Seife verteilend, sie überhaupt anfasst.

    Der Typ, in den ich satte 5 Jahe verknallt war, der wegen Hartz IV im Stadtpark Sand schippen musste, für den ich jeden Sonntag gekocht habe, scheißteure Zutaten, Samstag saß ich da mit Kochbuch, ging dann einkaufen, ja, Kohle war da, aber jeder Sonntag sollte besonders sein, ich hab den echt geliebt, total, er mich anders als ich, war mir schnurz, war trotzdem sehr schön, der völig traumatisiert war von einer Beziehung mit einem abdrehenden Thai-Stricher, mit dem er auch zusammen gewohnt hat, der ihn dann mitMorddrohungen überschüttete, während mein B., für den ich kochte, vorher an der Nadel hiing, es geschafft hatte, trotzdem vom Heroin-Feeling schwärmte, ja, Astra in Spritzen, witzig: KEINER VON DENEN TAUCHT AUF IN DIESER SELBSTMYTHISIERUNG. Auch nicht der, der, bevor ich eine seltsame Affäre mit ihm hatte, ewig her, tatsächlich der wohl für mich passendste Sexualpartner war, ich für ihn wohl nicht, der zuvor in einem Puff gerabeitet hatte als Prostituieter und nun, um sich zur Sozialhilfe etwas dazu zu verdienen, mit Blick auf die S-Bahn eine Sterbegleitung bei einer alten Frau durch führte – alles schnurz für das St. Pauli-Establishment. Hat keine Gremienrelevanz.

    Komisches Komglomerat. Ich klick trotzdem auf „Antwort“.

  23. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 6:36 am

    Guten morgen,….ich lass das, was ich jetzt gelesen habe erst mal durch mein Kaffee-Hypothalamus ziehen und schreibe später dazu:)

  24. che2001 August 2, 2011 um 9:20 am

    Äußerst anrührende, lebendig geschiderte Geschichte, mehr davon!

  25. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 10:32 am

    Interessant wird es bei mir immer, wenn ich meiner Familie in ihrer deutschen Historie den ‚willigen Vollstrecker im postfaschistischen Europa‘-Vorwurf mache…da kommen dann Mythen hoch, wie, wir wären auch bald als 1/4-Juden dran gewesen….
    Auch der ewige ‚Anti-Judas‘ ist in meiner deutschen Familie ein Dauerbrenner, wenn es um Parteilichkeit im Sinne vergangener und beginnender Beziehungen geht und anderen charmanten Auseinandersetzungen im Erinnerungsgehalt doch eher einfach gestrickter Menschen anfängt zu reflektieren…
    So schön detailliert zu schreiben, woher denn der Ursprung meiner Zeitlebens vollstreckten Armut den herrührt, erspare ich mir,da nicht gewollt,…aber eines noch: die Ganze Posse um ‚Identität‘ lässt sich nicht so einfach auflösen, wenn ich an Sozialisations-Modelle gerade in der kritischen Jungenarbeit beobachte, deren Phobien etwas nicht Recht zu machen verstehen will, als ein Garant von biologischer Elternschaft festmache und mich auch messe im Sinne derer Ursprünge, es -nicht- um ein Frieden gehen kann im Ismus des Kapitals.

  26. che2001 August 2, 2011 um 10:58 am

    Mein Großvater mütterlicherseits hatte unter den Nazis aus politischen Gründen im Knast gesessen, und seine Frau holte sich deshalb vor Kummer Magenkrebs, an dem sie starb. Meine Mutter war mit der Tochter des Rabbiners befreundet und besuchte ihre Freundin in BDM-Kleidung in der Synagoge. Kurz vor der Reichspogromnacht bekam der Rabbi einen Tipp und machte mit Familie eine Reise nach England, die dann weiterführte nach New York. Vor wenigen Jahren haben sich die Frauen wiedergesehen. Mein Vater war begeisterter Hitlerjunge und im zarten Alter von 16 Jahren Hauptsturmführer in der SS-Division Wiking, das war in den letzten Kriegswochen. Für die spätere Ehe meiner Eltern haben diese gegensätzlichen Hintergründe keine Rolle gespielt. Aber alles was mit Aufmucken, Aufbegehren zu tun hat, und sei es nur, einen Volkszählungsbogen nicht auszufüllen ist für die alten Leute immer noch mit dem fast somatisierten Gefühl der körperlichen Vernichtung bverbunden.

  27. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 1:30 pm

    Entweder ist dein Schreiben motiviert zu einer Bildung von etwas wie ‚Querfront‘ – und/oder deiner Hetero-Familie lastet das Dilemma der revisionistischen Erzähl-Kultur an.
    Zu Identität gibt es weit aus mehr als hetero-sexistische Gleichmacherei…Hast du dich schon mal mit dem Begriff des ‚WARENSUBJEKT‘ beschäftigt? Ein Warensubjekt ist „etwas“, das über eine begrenzte Menge an Gütern verfügen kann. Diese Verfügung des Warensubjekts kommt durch den gegenseitigen Ausschluss der Warensubjekte von der Verfügung über die Mittel des jeweiligen Gegenübers zustande – sie ist somit exklusiv.

  28. che2001 August 2, 2011 um 1:44 pm

    Klar weiß ich, was Warensubjekte sind, habe mich ausgiebigst mit der spektakulären Handelsökonomie und dem marschierenden Potlatsch beschäftigt. Von Querfrontmotivation kann bei mir wirklich nicht die Rede sein und von revisionistoischer Erzählkultur erst recht nicht. Bin vom Hintergrund her Historiker mit Schwerpunkt NS, von der politischen Richtung her so die Ecke Karl Heinz Roth/Susanne Heim. Und alter Antifa/Antira-Aktivist.

    Diese Familiegeschichten erzähle ich genau deshalb, weil sie nämlich in so absolutem Widerspruch zu dem stehen, womit man sich in meiner Zunft so beschäftigt. meine Eltern erlebten den NS als naive Kinder vom Lande. Da war es kein Widerspruch, sowjetischen Kriegsgefangenen ein Brot zuzustecken und sich von den polnischen Zwangsarbeitern erzählen zu lassen, was die im „Feindsender“ gehört hatten und

  29. che2001 August 2, 2011 um 1:51 pm

    sich zu bestimmten brenzligen Einsätzen freiwillig zu melden. Weil das nämlich Fast-Kinder waren, die wenig Peilung hatten, was da um sie gerade vorging. Mein Vater kam zur SS, weil er bei einem Arbeitsdiensteinsatz in den Niederlanden bei der Operation Brücke von Arnheim einen Miunitionszug außer Sichtweite der allierten Piloten geschafft hatte und wurde dann prompt als „Wehrwolf“ eingezogen. Sein Leben zu verdanken hatte er einem jüdischen Major der US-Army, der zu den 15-16 jährigen „Wehrwölfen“ sagte: „Geht nach Hause, Jungs, zu Euren Müttern!“

  30. Sonnenstrahl August 2, 2011 um 1:57 pm

    Meine Vorfahren sind teils sehr interessante Leute, der Großteil meiner Verwandten zugleich tödlich langweilig, aber all das hat so gut wie nichts mit meinem Leben zu tun. Der Opa war ein Bauer, der zum Lindemannclan gehört hat, zu dem auch der einschlägig bekannte General Lindemann gehört hat. Schon die Nazis wollten ihm den Hof nehmen, gelungen ist das dann den Kommunisten, und das Land erhielt der größte Parteibonze des Ortes. Aber, wie gesagt, das hat mit mir und meinem Leben so gut wie garnichts zu tun, wenn man einmal von der Flucht meiner Mutter in den Westen absieht, weil sie die graue DDR als junges Mädchen schlicht nicht ertragen konnte, und wenn ich einmal von Erinnerungen absehe, z.B. an die fette Soße meiner Oma zu den auch vom Opa mit Lust verspeisten Kartoffeln, die ihn dann irgendwann, viel zu früh ins Grab brachte, als einen glücklichen Menschen bis zu seinem letzten Atemzug. Eigentlich werden die Menschen in unserer Familie grundsätzlich steinalt. Ihm war immer nur wichtig, Bauer sein zu dürfen, auf seinem grotesk verkleinerten Resthof, gut zu essen, eine nette Frau und freundliche Menschen um sich herum zu haben. Wenn ich es mir recht überlege, war er auf seine Weise weise. Nicht mit Worten, an denen er stark sparte, mit Taten. Da gäbe es einiges zu erzählen, was mir hier aber vermutlich zum Vorwurf gemacht werden würde, als Stilisierung eines guten Deutschen. Was ja irgendwie auch nicht sein darf.

    Trotzdem, mit meiner Identität hat das herzlich wenig zu tun, obgleich sich damit einige wichtige Weichenstellungen ergeben haben. Meine Identität hat mehr mit der Kenntnis von Entleerungsterminen zu tun, und mit dem, was ich bei schönen Wetter mache. Spätestens um 17 Uhr geht es los, mit meiner Identität. Mir fällt gerade auf, daß das Wort „Tat“ in Identität steckt, in gesteigerter Form sogar.

    Tat, Tät, Identi-Tät

    Ich glaube wirklich, Identität hat mit Taten sehr viel zu tun.

  31. che2001 August 2, 2011 um 2:05 pm

    Identitäterä hieß ein früher Text des Alten Bolschewiken.

    Mein eigenes Identitätskonzept wüsste ich so abstrakt gar nicht zu beschreiben, höchstens als Begriffswolke von Dingen, die zu mir passen. Steht so ja auch auf meinem Blog.

  32. momorulez August 2, 2011 um 2:26 pm

    Ich glaube ja einfach, dass man mit diesen persönlichen Geschichten die Ismen aufheben kann, weil die Realität eben viel verwirrender ist und sich mal eben auf so was wie „Adenauers Westkurs ist zentral in der Nachkriegsgeschichte“ oder „St. Pauli hat nur und ausschließlich auf die Hafenstraße sich zu beziehen und sonst gar nix“ nicht beziehen sollte, wenn es um Communities geht. Würden mal mehr Leute aus ihren frustrierten Hetero-Beziehungen plaudern – oder auch dem Schönen dort -, anstatt sich demonstrativ als Fortpflanzer und Ernährer zu positionieren, und dabei spezifisch bleiben, wäre ja auch schon was gewonnen. Und dieses Exkludieren der Marginalisierten ist schon hart, so wie es von unserer bürgerlichen Fraktion teilweise betrieben wird. Und das, wo bei unserem Jubiläumsbuch jemand wie Günther Zint als Fotograf beteiligt war, der vom Star-Club über die St. Pauli-Nachrichten über die Brokdorf- und Flora-Demos und Filme über das Salambo bis hin zu großartigen Portraits von Dominica ein dolles Werk geschaffen hat, und ja nicht umsonst das St. Pauli-Museum gegründet. Die Ex-Alkoholikerin mit ihrem Hund, bei der ich als Student jobbte, angestellt beim ASB, hätte dessen wachem Blick eine Geschichte, eine zutiefst menschliche erzählt. Das ist einfach ein umfassenderes Bild als manche bei uns wahr haben wollen, was die Viertelgeschichte betrifft.

    Und diese Herkunftsfrage provoziert ja erst mal ein Plädoyer für Unübersichtlichkeit 😉 … mein Vater hat immer sehr ernst genommen, was für eine Scheiße das war, Pimpf gewesen zu sein. Mein Opa, der in Riga, einer Deportationsdrehscheibe für Hunderttausende Juden, stationiert war, wird wohl verwickelt gewesen sein, hat die Nazis aber ehrlich gehasst. Und die Eltern meiner anderen Oma waren aus dem Elsass. Auf der Haupttribüne sitze ich neben jemandem, der „von einem dänischen Rittergeschlecht abstammt“. Da nun wirklich so what. Ein Durcheinander ist nun wirklich auch Normalität. Als wären die meisten aus einem Dorf, aus dem nie jemand raus kam.

    Ein anderer Haupttribünennachbar ist Sohn des Hausmeisters der Schule an der Seilerstraße aufgewachsen. Und der ist ja so was von anderes als all die Autonomen-Abkünftigen, aber auf seine Art echt prima unbürgerlich. Trotz Eigentumswohnung in der Vorstadt.

  33. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 2:29 pm

    Richtig interessant finde ich auch den Ansatz zur Identitäs-Konstruktionen von Deleuze und Guattari in ihrem ‚Anti_Ödipus‘ – den des Sinn entleerten Wunsches beim ’scheißen‘ und auch schizo-affekte Produktionen in der Kommunikation zu was sein soll, und was ist.

    Der etymologische Stamm von ‚Identität‘ hat wohl auch den Willensprozess zu strafrechtlichen Objekt-Grades zu tun, und auch in den unterschiedlichen Feldern um Histiographie und Philologie im Kontext zu Geschichtsschreibung, die zumeist männlich.weiß – und hetero ist, hat sich der Terminus um Identität als Grundmuster des ‚Gedenkens‘ innerhalb der deutschen Sprache entwickelt.

    Im Grunde bin ich ein Lausbub, mit bi-nationalem Hintergrund zweier Konfessionen und zweier Sprachfamilien.
    Wobei die eine Familie der ‚Anderen‘ nicht ein Hauch von Intellekt zutraut.

    Im Grunde war die Frage von revisionistischer Erzählstruktur -nur- ein Erfahrungswert meiner deutschen Sprachfamilie.

    So long…..hier in Hamburg bruzelt die Sonne auf meine Identität mit 25 Grad Celsius….

  34. che2001 August 2, 2011 um 2:35 pm

    Habe in meinem Bekanntenkreis einen Japaner, für den wir Barbaren sind, weil wir unsere Herkunft nicht bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen können, eine Domina mit Diplom in Physik, Profiextremsportlerinnen, Dauerarbeitslose und Palastbewohner, ganz bunte Mischung quer durch alle Schichten.

  35. momorulez August 2, 2011 um 2:39 pm

    Und ich war heute glatte DREIEINHALB STUNDEN beim Zahnarzt, habe derweil im Kopf gerechnet, wie viele Hartz IV-Sätze ich da gerade für meine Keramik-Vorderfront ausgebe und war weniger über mich als über den Zustand empört, dass ich das irgendwie hin kriegen darf, siehe oben, und so viele nicht.

    Kommerzkritik auf St. Pauli würde mir jetzt wahrscheinlich vorwerfen, dass ich Schwein das mache. Anstatt mal das Gesundheitssystem als solches in Fanzines zu thematisieren. Hat ja auch mit Profisport was zu tun und mit Gentrifizierung. Wird rund um die Hafenkrankenhausschließung vermutlich was gestanden haben.

  36. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 3:02 pm

    Es geht ja nicht darum, was für Pathologien den ‚gut‘ sein können, es geht vielmehr darum, den Zustand von Unterschieden weiter heraus zu arbeiten, und somit mehr Vielfalt walten zu lassen.
    Als ALG 2’ler bist du dazu verdammt dich mit einem Maß von Einerlei zu beschäftigen, neben der Strom-Rechnung, die du von deinem Satz zusätzlich latzen darfst, und somit ist halt das pathologieren von der Differenz auf der HT eine Sache, die im Grunde genau auf die Kritik der damals in die GG gezogenen Block aus Hafenstraße, Rote Flora und kurdischem Volkscafe (später auch Hafen-Krankenhaus um Holger Harnisch) eher der Verarmung der Vielfalt geschuldet, als das ich jetzt mit Eifersucht auf ein völlig überdrehtes Stadtteil-Wesen schaue, das einfach nur Grausam ist. Ihr versteht: Mate 3,50 €, wofür mal 2,.DM gezahlt wurde.

    Also ihr Tattoo-Monstren vom Kiez, schaut euch an und sagt ja zu dieser absoluten Verarsche von Unwissen des stetigen Party machen müssen,…Lächerlich bis zum geht nicht mehr.

  37. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 3:14 pm

    Da wir gerade dabei sind: ich habe ∞ Jahre ‚Is-lahm-Wissenschaften‘ studiert,mit den Nebenfächern ‚Neue frz. Philosophie und Jura‘ – und trinke bei den vermeintlichen Vergewaltigern und Sexisten im und um das ‚Onkel Otto‘ mein Bier für 1,50 €….

    Ich glaube nicht, das Du die ‚rechts-drehung‘ verstehst!

  38. che2001 August 2, 2011 um 3:26 pm

    Das Onkel Otto ist auch mein Anlaufpunkt, wenn ich in Hamburg bin.

  39. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 3:31 pm

    Also wirklich, mit all meiner lieb gewordenen HeArtcore ‚Tuntentinte‘ – da ist ein Klassen-Aspekt !?
    Ich bin erst mal raus….

  40. Nörgler August 2, 2011 um 5:19 pm

    „Hast du dich schon mal mit dem Begriff des ‘WARENSUBJEKT’ beschäftigt?“
    Nö, kommt bei Marx nicht vor.

  41. momorulez August 2, 2011 um 7:14 pm

    Doch, mich hat das an manchen Punkten schon weiter gebracht, ihr Heten. Das ist ja nun auch nicht nur „Kampfgeschwurbel“.

  42. momorulez August 2, 2011 um 7:36 pm

    PS: Safe Place gilt auch hier, weitest gehend, und inbesondere auch für Aufweichungen herrschender Codes.

  43. vuvuzela//riotqueer August 2, 2011 um 8:58 pm

    Na dann weißt Du ja, wie es mir im St.Pauli-Forum ging:)) Andächtig wurde ich der visuellen Kommunikation wahr um den ästhetischen Gehalt was WARENSUBJEKT sein könnte, aber auf’em Vergnügungs-Verschwörungs-Dreieck nicht mehr vor kommt: DER GESCHMACK einer homo-erotik im Gemeindewesen, also politischen Ermessen.

    Danke Momo….das hat einen Ghetto-Stani glücklich gemacht!

  44. Fred August 4, 2011 um 5:55 pm

    Nachtrag meinerseits: Ich würde einen Gastbeitrag von dir im Übersteiger gut finden, von wegen push things forward und so.

  45. momorulez August 4, 2011 um 6:38 pm

    @Fred:

    Ich hätte ja am liebsten was Dialogisches. Also wirklich dialogisch, nicht Interview. Aber würde mir einer angeboten, würde ich aktuell wohl nicht nein sagen; noch besser ist ja immer eine Auseinandersetzung von nicht oder indirekt betroffener Seite. Wurde auch schon angesprochen, ob man nicht Veranstatungen machen könnte und bin da dran.

    Danke aber für die Aufforderung; dass Interesse und Bedürfnis da ist, das ist ja prima, darüber freue ich mich sehr. Ich liebe diesen Verein schließlich und will ja nur, dass man Motti wieder mit Leben füllt. Deshalb wirklich Danke.

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