Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Hitzestich und Rettungstaten: FC St. Pauli – Ingolstadt 2:0

 

 

Er irrte verzweifelt nachts durch die engen Gassen der Altstadt, im kühlen November … das Geschöpf, das er erschaffen hatte: So grausig, so hässlich war es ihm geraten, es stieß ihn ab, widerte ihn an – hatte er doch nur auf Physik und Physiologie, nicht jedoch auf die Ästhetik geachtet.

 

Naiv ist es zu Beginn, doch Ablehnung würde das Geschöpf psychisch zur Wut hin formen, dass, ungelenk, es zum Würger wird, weil Bauern schreien, wenn sie es erblicken, und es diese Klänge nicht ertragen kann und einfach nur will, dass sie aufhören …

 

Aus Leichenteilen zusammen gebastelt, unter Leben gesetzt,  suchte Frankensteins Monster Liebe und fand doch nur Zurückweisung und Spott, griff zur Gewalt … ein Roman, ein Klassiker, dem die Autorin im Untertitel die Rolle des modernen Prometheus zuwies. Also jenes Promotheus, der den Menschen die Hitze, das Feuer brachte … und dafür in der schlimmsten Einöde des Kaukasus ohne Speis und Trank an einen Felsen geschmiedet vegetierte.

 

Anstatt Mary Shelley zu danken, dass sie dieses mythische Wesen in ihrer Stadt, Ingolstadt, vom berühmten Doktor erschaffen ließ, identifizieren sie sich ganz wirtschaftsgewundert mit ihrem Audi. Dabei gibt es den auch erst seit Mitte der 60er. In jener Stadt produzieren sie ihn, wo auch der reale Illuminaten-Orden gegründet wurde, der Verschwörungstheoretikern immer schon als Gegenstand der Gegenaufklärung diente. Große Geschichten aus der zweitgrößten Stadt Oberbayerns, doch nun steht dort ein elendig Häuflein Weitgereister in einer Ecke der Lohmühle und schwenkt doch keine Monsterflagge … trotzdem tapfer, den langen Weg nach Lübeck anzutreten.

 

Wir Erben Störtebekers hingegen dringen geschichtsbewusst ein in die Hansestadt an der Trave: Freibeuter im Exil, von Pfeffersäcken dorthin verbannt.

 

Will man verfolgen, wie Institutionen das Verhalten von Menschen formen, so muss man dabei sein und sehen, wie Züge voll mit Braunweißen am beschaulichen Bahnhof der Marzipanstadt ihren Inhalt auf die Bahnsteige tröpfeln lassen. „Tor – Tor – Holstentor“, Danke, Stadionzeitung, hallt in den Hirnen nach, manch einer hat sogar von Marzipanmonstern geträumt, dem Ruf des Chtuhulu folgend.

 

Die DFB-Gerichtsbarkeit zeigte, was verantwortliches Handeln heißt: Zehntausend durch die Republik zu scheuchen, weil ein Bierbecher flog – und traf. „Und die Moral von der Geschicht: Volle Becher wirft man nicht!“ unkt ein Transparent, dort, auf der anderen Seite des Stadions … was waren das für Gedanken, als Kant Moral noch im kategorischen Imperativ entdeckte, dem Sittengesetz IN MIR! Na ja, das mit dem Volk von Teufeln stammte auch von ihm, für das Recht gebacken werden müsse.

 

Und dann kamen ja sowieso Katholiken und schlugen ihn der großen Verschwörung der Aufklärungsphilosophen zu, weil er den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit forderte. Übrigens eines jeden – ungeachtet von Geschlecht, Pigmentierungsweise und Begierdenformung.

 

Für die Gegenaufklärung war das eine monströse Forderung, selber denken?, wo kommen wir denn da hin, Hybris!, da sei der Papst vor, und in der Tradition der Kirchengerichtsbarkeit angesiedelt verfrachtete uns ein Kontrollausschuss des bigotten Fussballbundes auf jene Ausfallstraße, die aussah wie alle Ausfallstraßen dieser Republik, eine triste Reihung von trüben Gebäuden aller Jahrzehnte, Waschbeton-Streifen an Rotklinkerklötzen, daneben ein Restbestand aus Gründerzeiten, einst wohl Bürgerhaus vor der Stadt, und ein Kasten in beige mit gelben Balkonen und Geranien am Balkon daneben. Eingestreut immer mal ein Geldautomat oder ein Autohaus in das lineare Ensemble – Blaulicht und Zwielicht und kurz aufbrandende Kleingruppenchöre „St. Pauli“ begleiten den Marsch vom Bahnhof zum Stadion. Ein Tross wie in einem Endzeitthriller, rein visuell, trottet Richtung Eutin, biegt rechts ab, Menschenströme fließen ineinander – und es sollte doch ein Neubeginn statt Untergang werden … Flut statt Watt.

 

Desorientiert treffen im Gewimmel die Desorganiserten zufällig vor dem Stadion aufeinander, Foxxibaer sammeln wir auch ein, um prompt sich wieder zu zerstreuen; eine Spielstätte, die wie aus einer anderen Ära ins Jetzt ragt, verstaubtes Relikt aus Zeiten, da die Schalke-Arena noch als Monstrum in den Dsytopien wagemutiger Science-Fiction-Autoren weste.

 

Ja, liebes Kartencenter, ich bin immer noch stocksauer, dass keine hinterlegte Karte aufzufinden ist, nachdem ihr zu blöd wart, mir eine zuzuschicken; statt überdacht auf der kleinen Sitztribüne mich zu räkeln, finde ich mich abgeschoben in Block F, hinterste Ecke, wieder.

 

Zunächst schenken Schatten und Wind mir Lebenslust und die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit; was ich sehe, ist vertraut: Ca. 20 engagierte Minuten von Spielern in braun-weiß-gestreift, die wollen, aber nur bis zum Strafraum drücken und danach verdaddeln. Kommt mir bekannt vor. Takyi, Naki, Bruns und Kruse scheinen sich nicht grün, jeder will glänzen und erreicht so das Gegenteil.

 

Bemerkenswert bereits in Halbzeit 1 Sobiech und Kalla, und doch, bald scheint die Luft entwichen, der Versuch der psychologischen Einstellung durch den Trainer aufgebraucht wie eine Flasche leer – und, noch viel schlimmer: Der Schatten in meiner Stadionecke schwindet.

 

Habe schon immer die bewundert, die auf der Gegengeraden sich Sonnenbrände holen, Sonnenstiche fangen, Sonnenblocker tragen und sonnigen Gemüts da trotzdem immer wieder stehen.

 

Für mich hingegen entflammt ein innerer Lllano Estacado, die Sonne scheint mir monströs. Schon meine ich in psychedelischen Visionen Helios vom Sonnengott zum Ungetüm mutieren zu sehen, vom inneren Auge projiziert, erblicke, wie der Koloss von Rhodos zum Großen Alten sich wandelt und er in seinen Flammenwagen steigt, mich zu überrollen – er, der doch sonst Leben spendet, attackiert und flambiert.

 

Wie eine Fata Morgana steigen, luftgespiegelt, Bilder in mir auf aus längst vergessenen Tagen und Nächten, es werde Nacht!, der Karl May-Lektüre, da Menschen inmitten von Sand, Sand, Sand, überall Sand, ihre Pferde schlachten, um deren Blut zu trinken – ich wage es, meinen Platz aufzugeben, wie von Sinnen krieche ich (beinahe krieche ich) zu den Getränkeständen, und sehe Schlangen und Haufen von Menschen, wie Zellhaufen wogend und wabernd wachsen sie um die Holzbarrieren vor den köstlichen Flüssigkeiten und versperren den Weg dort hin … vor dem Kiosk gibt man sich disziplinierter, die lange, ja, wie eine Klapperschlange schien sie mir, deren Ende rasselt und droht, Menschenreihe davor, 30, 40, 50 m lang, wirkt ebenso abschreckend. Zwei Quellen nur, ansonsten stehen da nur Krankenwagen.

 

Erschöpft und dehydriert sinke ich auf Gras, mein Blick sucht Kakteen, deren Saft ich aussaugen könnte … sollte ich einfach gehen, das Stadion verlassen auf der Suche nach dem erlösenden Getränk? Würde ich nicht vertrocknet am Wegesrand zusammen sinken und in die ewigen Jagdgründe einkehren, bis irgendwer aus Ingolstadt mit Doktortitel aus meinen Einzelteilen etwas Neues kombinieren würde?

 

Am Rande des Diliriums, kaum kann ich noch focussieren, den Blick an etwas heften, alles verschwimmt, sehe ich blondes Haar in der Menschenschlange wehen, kurz vor Entgegennahme der rettenden Flüssigkeit, @michaelhein , nur 7 Leute oder so noch vor ihm in der Schlange! Mit letzter Kraft schleppe ich mich zu ihm, und, jaaaaaa!, der Retter sorgt für mein belebend Nass! Bier her, oder ich fall um! Danke!!!

 

Es rinnt meine Kehle hinab wie ein Elixier, das Leben spendet, es durchfährt mich wie Elektrizität, die selbst Leichencollagen zu neuem Sein erwecken könnte – Jubel aus der Kurve: Das 1:0! Boll! Jaaaa! Wer sonst.

 

Wie wiedergeboren zieht es mich zurück in meine gnadenlos dem fernen Wirken explodierender Gase ausgesetzen Stadionecke. Meine vorher so gute Sicht: Jetzt zugestellt, sei‘s drum, die Dehydrierung weicht, bald fällt das 2:0, das kann ich sogar ganz gut sehen. Jubel!!! Zum Glück sehe nicht unser eigenes Tor, angesichts von Raunen und Appläusen ahne ich, dass Tschauner Großes leistet.

 

Ich habe überlebt. Wir siegen. Alles wieder gut.

 

Nach Monaten der Entbehrung ein Sieg, der wie ein belebendes Elixier in unser aller Glieder fährt und den Heimweg sanft umsonnt gestaltet … DSP vereinte alle Ziele, alle Richtungen bis vor einen Kebab-Stand, und komischerweise kommen wir alle wieder in Hamburg an.

 

Da, wo wir hingehören: Unweit des Millerntores. Wo Bier in jeder Kneipe, jeder Tanke, jedem Kiosk auf uns wartet … Prost!

 

PS: Spielberichte auch hier und hier und hier.

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4 Antworten zu “Hitzestich und Rettungstaten: FC St. Pauli – Ingolstadt 2:0

  1. Pingback: Sankt Pauli spielt wieder und dann noch gewonnen « Sankt Pauli Fanclub Braun-Weiß EDEL aus Elmshorn

  2. cut Juli 19, 2011 um 10:40 am

    2:0! Hallo Herr (Tabellen-) Nachbar! 😉 Freue mich, dass es wieder losgeht. Und dann auch noch gleich so gut.

  3. momorulez Juli 19, 2011 um 10:47 am

    Ach, auf die Düsseldorf-Spiele freue ich mich auch schon wieder! Die waren, mal ab von manchen Ergebnissen, immer schön!

  4. Pingback: Sankt Pauli spielt wieder und dann noch gewonnen - Sankt Pauli Fanclub Braun-Weiß EDEL aus Elmshorn

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