Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Über das Wesen der Prognose

„In meinen Augen wird es nicht nur nicht um den Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga gehen, sondern vielmehr darum, den angestrebten Platz unter den ersten 25 in Deutschland auch zu halten, sprich, irgendwo um Platz 7 wird der magische FC am Ende landen.“ 

Mir ist euphorisch Bange sozusagen. Prognostiziere einen famosen Entspurt in 2012, nicht ohne um Weihnachten herum bange gen Tabellenende zu beten … Am Ende? Platz 5.

Ja, sie geben sich abgeklärt, meine braun-weißen Freunde und Fanclubmitglieder. Werfen sich in die Pose dessen, der Fakten wägt und wiegt, Maßstäbe schnitzt und Kriterien kritisiert. Naiv wie unsere Urahnen wähnen sie sich so in scheinbarer Sicherheit, zeichnen weiße Kreise, wappnen sich mit vermeintlichem Wissen über die Welt und den Fussball gegen das, was sowieso kommt. Auch Zweckpessimismus ist ein Schadenzauber gegen die Möglichkeit von Erfahrung.

Ja, so sagen sie, alles nur Mutmaßung, alles nur Abwägen, alles nur Spekulation – als seien an so was nicht schon ganze Wirtschaftssysteme zerbrochen. Als käme es auf die Ball- und Zielsicherheit eines einzelnen Spielers an, wenn es um Tore geht – den Kader beurteilen wie Personalbeauftragte, liebe Leute, „Personalentwickler“ nennt man die ja neudeutsch, in großen Unternehmen, jene, die ganz, wie einst Walter Ulbricht träumte, neue Menschen schaffen wollten durch Einwirken auf diese. Ich will stattdessen Abenteurer, Suchende, gebrochene Helden auf dem Platz, die in zielsicherer Dramatik wissen, wann sie wo Flaggen einzurammen haben und wann sie wem die Halsabschneidergeste zeigen!

Ich finde ja, dass man, jenseits des Alters und der körperlichen Verfassung angekommen, wo man noch einen abkriegt, die insgeheime Frage „Bin ich scharf auf den Spieler oder nicht?“ die maßgebliche sein sollte, und wer sie sich nicht stellt, erlebt im Stadion eh nur den halben Genuss. Saglik fällt da bei mir schon mal klar durch. Ich nehme nicht an, dass ihn das stört.

Diese ganze Hochzeitsfotografiererei gerade allerorten im Umfeld des FC St. Pauli ist doch auch nur Selbstkasteiung aufgrund der ungelebten, ja, noch nicht mal das Wagnis der FANTASIE anpeilenden Wunschunterdrückungssystems der buchstäblich herrschenden Ordnung. Sich selbst institutionalisieren, das sind mentale BAUSPARVERTRÄGE, und das angesichts der aktuellen Immobilienpreisentwicklung. Wie albern.

Und da glaubt manch einer an Weltverschwörungen, während allesamt dem „Verschwör Dich gegen Dich“-Motto Tocotronics folgen und dann auch noch PROGNOSTIZIEREN, anstatt sich einzulassen und den Wellen des Lebens zu folgen, in ihre Strudel zu stürzen, auf ihnen zu reiten wie auf dem Rücken feuriger Pferde die Prärie erkundend, wo Murmeltiere täglich grüßen!

Was interessieren angesichts all dessen Tabellenplätze? Habt ihr euch je Gedanken gemacht, wie das Wesen der Prognose AUSSEHEN könnte? Vielleicht ja so?

(Quelle)

Wollet ihr wecken das? Habt ihr schon mal an selbsterfüllende Prophezeiungen gedacht? Wer erfüllt sich denn selbst PLATZ 5??? Freiwillig? Ausgerechnet? 23? Hä????

Und was da so alles durchwachsen könnte in der Hinrunde! Ich stelle mich doch nicht freiweilllig auf „durchwachsene Hinrunden“ ein, also bitte. Wenn sie denn ihre Ödnis über uns werfen wollen wird wie einen alten Sack, die Hinrunde, okay, dann passiert das eben, aber ich verweigere jegliche Vorabvorstellung dessen.

Waren das nicht genug wesende Gewächse in der letzten Saison, die der Prognose einer total lustigen Erstligaparty folgend in Susis Showbar sich tummelten, weil sie aus dem Alter und der körperlichen Verfassung heraus sind, dass … marodierende Business-Hools vertrieben uns nach Lübeck, morgen, solche, die immer alles im Griff haben, wenn sie die Erfüllung von Business-Plänen prognostizieren, solche, die ihr Controlling auf arme Mitarbeiter hetzen und dafür sorgen, dass bei Versicherungen alle möglichen profitieren, nur die Versicherten bestimmt nicht.

Ja, ich weiß, dass Lovecraft ein Rassist, politisch ein übler Finger war, aber so was wie den Cthulu-Mythos muss man auch erst mal zustande denken. In Pulp-Heften, Groschenromanen, im Ping Pong-Spiel mit Robert Bloch, der „Psycho“ schrieb, und anderen. Wie vermeldet der Che zu recht:

„wobei es allerdings eigentlich nicht „Kutulu Fatagen“, sondern „Chtulhu Fatghnnn“ heißen müsste, was keine menschliche Zunge korrekt aussprechen kann. Dazu müsste man schon der dämonischen Mundart sicher sein“

Uns fehlt einfach die Pop-Mythologie, dieser wundervolle Quatsch, an dem die Amis Spaß haben, dann würden wir jetzt nicht auch noch die Zukunft in den Griff zu bekommen versuchen. Wir würden stattdessen überkandidelte Heldenreisen verfassen, auf Hüter der Schwelle stoßen, Gestaltwandler fürchten und weise Alte zu Rate ziehen. So lange sie nicht politisch wird, die Pop-Mythologie – man darf sie halt nicht zu ernst nehmen.

Aber doch bitte keine Tabellenplätze prognostizieren!

In kruden Geschichten würden wir in Gefahr geraten, fast am Boden liegen, zerstört, leblos beinahe, doch dann, mit letzter Kraft, Boing!, Zack!, Krawumm!, zuschlagen, daran wachsen – die Zweitligasaison, wo in tiefsten Tabellentälern auf einmal Spiele wie jenes gegen Freiburg oder Hoffenheim all unsere Lebensgeister tanzen und kopulieren ließen, Gipfelerlebnisse, Walpurgisnachmittage, als wir dem Leben, der Liebe, dem Einlassen auf das Wunder FC St. Pauli uns hingaben,  ja, so was will ich! Das stelle ich mir gerne vor!

Notfalls bastel ich Voodoo-Puppen zum Erreichen leidenschaftlicher Spielerlebnisse oder fliege auf Drachen nach Solaris, um abzuwarten, welche Besucher mir der Ozean schicken wird, die mir jene Anträge einflüstern, die wir auf der JHV vorlegen werden, damit die Story stimmt. Aber Tabellenplatz? Nö.

Reiche das Stöckchen selbstverständlich trotzdem weiter an den Quotenrocker. Aber Vorsicht, es könnte sich verwandeln, da habe ich keinen Einfluss drauf angesichts der Eigendynamik des MAGISCHEN FC  … in schlangenartige Außerirdische oder wuchernde Pflanzen. Oder in den Kugelschreiber, mit dem man die richtige Geschichte vorschreibt, bevor man sie in Tasten tippt – denn nichts ist, wie es scheint.

PS: Nix für ungut, Ring2 und Kleinertod, die Vorlage musste ich rein machen 😀 …

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13 Antworten zu “Über das Wesen der Prognose

  1. kleinertod Juli 15, 2011 um 8:29 pm

    Hach, einfach schön geschrieben… Und beim Cthulhu-Mythos rennt man mir offene Türen ein, trotz des wahrlich problematischen Autors, da kann ich einfach nicht anders, wo ich seine Werke in meiner Jugend nur so verschlungen habe, in der Übersetzung wie im Original. Vielleicht wird man davon ja auch etwas desorganisiert im Kopf als Langzeitschaden, wer weiß… 😉

    Dazu paßt ein Song vom Album mit dem wunderschönen Titel „Satan, Bugs Bunny and Me“ http://www.leoslyrics.com/the-cassandra-complex/e-o-d-lyrics/

  2. momorulez Juli 15, 2011 um 8:55 pm

    Ich bekenne ja, auf den Lovecraft gerade erst gestoßen zu sein und überwinde hier gerade öffentlich mein Philosophiestudium 😉 …

  3. Pingback: #fcsp – mit ‘nem Stöckchen beworfen zur Saisonprognose getrieben? « Quotenrock by QuoteniRud.us

  4. kleinertod Juli 15, 2011 um 9:25 pm

    H.P. Lovecraft und Algernon Blackwood habe ich in den 80ern nur so verschlungen – gerade bei ersterem unbedingt im Original zu genießen.

  5. momorulez Juli 15, 2011 um 9:43 pm

    Ich war halt damals eher der Existentialisten-Schwarzträger 😉 – nicht so „Gothic“-orientiert. Meine Poe-Phase hatte ich irgendwann mit 15 oder so, eine Fantasy-Phase wohl zeitgleich, aber bis zu Lovecraft bin ich nicht vorgedrungen. Aber zu Huysmanns einmal oder wie der hieß und ein wenig Baudelaire, war da eher francophil.

    Die Sandmann-Comics habe ich auch gerade erst entdeckt, Batman dafür habe ich damals total geliebt. Wo ja auch viel Lovecraft drin steckt, munkelt man.

  6. Sonnenstrahl Juli 17, 2011 um 12:23 pm

    Platz 2. Das ist zur Hälfte Schadenzauber, zur anderen Hälfte ungesunde Skepsis.

    Torwarte: super
    Abwehr: eher besser als in der letzten Saison
    Mittelfeld: immer noch gut genug
    Sturm: verbessert

    Tschauner ist ein guter Torwart, der wird viel Freude machen. Der Zugang von Sobiech und der Verbleib Zambrano sind auch super. Von Saglik halte ich sehr viel, aber der St. Pauli-Sturm ist mir insgesamt noch zu chancentodmäßig. Das kombinationsfreudige Mittelfeld wird aber genügend Chancen erarbeiten und kann den Abgang von Lehmann gut verkraften. Da ein Unterweltteufel aber für etwas Verletzungspech sorgen wird, reicht es nur für Platz 2.

    Es wird eine schöne Saison.

  7. Sonnenstrahl Juli 17, 2011 um 12:39 pm

    Das grüne Seetier finde ich eher niedlich. Das wackelt bestimmt ganz lieb mit den Flügeln und färbt seine Geschmacksbarteln rosaviolett, wenn man es mit Hundefutter oder Biotonnenbananen speist. Wie du auf Solaris kommst, weiß ich nicht. Aber wenn es klappen sollte, müsstest du dort Stockhausen treffen können, von dem ich auch nicht weiß, wie er dahin gelangt ist. Eher glaube ich an das fledermausartig beflügelte grüne Wasserferkel. Solaris. Das ist ein sehr teurer, seltener und sehr guter Synthesizer, gefertigt in Deutschland. Außerdem ist es ein kosmisches Auffanglager für kreative Spinner. Vermutlich herrscht dort an 360 Tagen im Jahr Krieg. Ist ja schließlich nicht so einfach mit den Kreativen. An den Trainer von St. Pauli muss ich mich noch gewöhnen, aber im Zweifel ist die Mannschaft auch so gut und allemal ausreichend spielintelligent (so nennt man das doch, oder?).

    So, ich muss jetzt gleich einen Internetwettbewerb moderieren, die Siegerehrung ausrufen und so. Immerhin bin ich mit meinem Track so gerade knapp in die obere Hälfte gerutscht. Das war meine Wunschplatzierung. Und auf CD komme ich auch noch, das ist schon einmal sicher! Ich darf nur nicht erzählen, mit welch armseligen Mitteln ich die Musik produziert habe.

  8. momorulez Juli 17, 2011 um 1:13 pm

    Meinen Spielbericht habe ich auch gerade geschrieben 😉 – etwas subjektiv und melodramatisch diesmal. Und das grüne Seetier ist natürlich riesengroß und mit göttlicher Macht gesegnet! Gibt es aber auch als Kuscheltier. Solaris, da meinte ich eher das von dem Lem. Da kenne ich aber auch nur den Wikipedia-Eintrag 😀 …

    Viel Glück mit Deiner Musik!!!

  9. Sonnenstrahl Juli 17, 2011 um 1:55 pm

    Solang die GEMA nicht rumstresst, ist schon alles Okay. War spaßeshalber Acid House, was ich noch nie vorher gemacht habe. Ich suche keinen Erfolg und habe trotzdem Spaß. Wenn ein paar Leute dann mit meiner Musik abfeiern, ist alles gut. Sogar bestens. Die Tantiemen dafür landen übrigens bei Bohlen & Co. Ich glaube, ich bin sicher, die GEMA ist deutlich übler als jeder DFB-Kontrollausschuss. Mit dieser nur mit Schimpfwörtern angemessen zu benennenden Mafio-Organisation müßtest du ja regelmäßig zu tun haben. Jedenfalls mit den Formularen der GEMA. Oder arbeitest du GEMA-frei?

  10. momorulez Juli 17, 2011 um 3:21 pm

    Nö, die Formulare kenne ich bestens – aber woher weißt Du das? 😉

  11. Sonnenstrahl Juli 17, 2011 um 4:44 pm

    Daß du diese Formulare durchackerst oder daß ich mich mit der Finanzierung von Bohlen & Co beschäftigt habe? Irgendwo schrubst du was mit Filmen, einen glücklichen Freitag mit netten Kollegen und schönen Ergebnissen. Da kann die deutsche Mafia nie sehr weit weg sein.

  12. momorulez Juli 17, 2011 um 4:57 pm

    Ich bin multimafiös gebunden 😀 -„Selbstständigkeit“ ist ja nur ein anderes Wort für „noch mehr Verstrickungen“.

  13. Sonnenstrahl Juli 17, 2011 um 7:26 pm

    Selbst. Ständig.

    Mit netten Kollegen und guter Auftragslage ist es aber auszuhalten, hoffe ich.

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