Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Der Zombiehaftigkeit das pralle Leben entgegen setzen, 1. Schritt: FC St. Pauli – Kopenhagen 2:0

Da ist phasenweise Musik drin – wenn auch oft jene der ziellos-meditativen Art und Weise, die ewig weiter Schleifen zieht, um sich doch nicht in Schlussakkorden aufzulösen. Immer neues Ausfaden nach grandiosem Auftakt: Ball nicht drin.

Angst keimt auf trotz konzentriertem

und engagierten Auftreten unserer Jungs, dass erneut „bis zum Strafraum gut und dann doch wieder nix“ die Saison prägen könnte.

Natürlich leitet Florian Bruns, anderslautenden Unkenrufen zum Trotze in der ersten Halbzeit nicht nur der schönste, sondern auch der beste Mann auf dem Platz, die Wende mit einem tollen Freistoß ein. Noch ein zweites Mal zappelt der Ball im Netz für uns, weil es Fin Bartels zu blöd ist, sich weiter den Tanz auf engstem Raum unseres neuen Stürmers Mahir Saglik anzuschauen, „Ich mach den einfach mal rein!“, denkt er sich stattdessen wohl – ja, nur ein Testspiel, ja, Brøndby wirkt geistig auf dem Boo’ya-Moon meditierend, Energien für zukünftige Aufgaben sammelnd, und doch, ein wiedererweckter Spirit treibt unsere Boys in Gestreift scheinbar an. Einzelkritiken spare ich mir, weil ich ja eigentlich auch Max Kruse gar nichts Böses will – und Sommerabend, in Stadionluft sein, sich innerlich annähern an die Dramaturgie einer kommenden Saison, schön.

Im Millerntor das Sein wieder als Flow erahnen, der alle Ausschläge auf der Emotionskala bereit stellt, spüren, wie ungeheuer wichtig es mir ist, dort zu sein, wieder dort zu sein – und doch mit mehr Distanz und Vorsicht mich heran zu robben, an die möglichen Erlebnisse, die da kommen könnten. Weil diese seltsame Rückrundentaubheit nicht geschwunden ist, die noch bei 1:8 Niederlagen einen unstpaulianischen Stoizismus und nur bei Abschieden noch einmal Intensitäten erzeugte.

Und wieder will das Gefühl nicht weichen, dass diese Groteske des Keinsiegmehrnachdemderby und die Architektur der neuen Haupttribüne zusammen hängen. Verstärkt noch durch die damit kontrastierende Verwunderung und Freude, dass ein Rothenbach, ein Gunesch, ein Boll, ein Morena, ein Bruns immer noch über den Platz laufen, die uns schon zu Regionalligazeiten beglückten – und doch ist der Zorn sehr gegenwärtig angesichts der Art, wie Eger und Lechner vom Hof gejagdt wurden.

Noch immer schmerzt die Erinnerung an Pressekonferenzen, da ausgerechnet so einer wie Gernot Stenger meinte, im Sinne des FC St. Pauli zu sprechen, als er dem Jolly Rouge die Blutspur andichtete und unmündige Kunden statt Fans forderte. Diese seltsame Zombiehaftigkeit, die Ökonomie erzeugen kann, nirgends besser gezeigt wurde sie als in jenem Untoten-Drama, da im US-Shoppingcenter Konsumenten konsumiert werden, „Dawn of the Dead„, sie wehte riechend durch die Spielweise der letzten Rückrunde, die wie ein Echo noch in Knochen steckt. Meinen zumindest.

Dieses Echo aktiviert sich, wird abgerufen, irrt man durch den Gang, noch immer nicht vertraut, unter der neuen Haupttribüne und findet den Weg zu den Sitzen nicht. Treppauf, treppab, verschlungene Wege, bis endlich auf klebrigem Kunststoff ein Aufstehen-Hinsetzen-Spiel beginnt.

Wollen halt mal ausprobieren, wie es sich auf den pseudocäsarischen Business-Seats sitzt. Stellen fest, dass die schon deshalb zurück gebaut werden müssen, weil man auf ihnen einfach Scheiße sitzt, schwitzend fest klebt; dass die Dinger hoch klappen, wenn man aufsteht, ansonsten aber nur unter wildesten Verrenkungen Passierende an sich vorbei ziehen lassen kann. Kein Wunder, dass da manch ein Business-Hool frustriert mit Bierbechern wirft.

Um uns herum sitzen bayrisch Sprechende und Neureichen-Cocktailbar- und Beachclubpublikum, seltsame Hetenpärchn, die ihre erbärmlich inszenierte Normalität mit ungezügelter Angriffslust zelebrieren, er so ganz Mann, sie so ganz Mädchen – der übliche Zugang zu den Sitzen über die höhere Ebene des Haupttribüneninnenlebens ist uns Pöbel versperrt, andere holen sich V.I.P.-Biere. Vereinzelt wesen Menschen auch in Logen.

Diese seltsame Verachtung den Normalzahlern gegenüber, die wie ein Gift sich in das stengersche, offizielle Vereinshandeln eingeschlichen hat, exakt diese dünstet die soziale Ordnung der Haupttribüne noch bei Testspielen aus, ganz, wie sich das auch in den AGB, dem Datenhandel, der Preisgestaltung und dem Verhalten altgedienten Spielern usw. gegenüber zeigt.

Eigentlich erstaunlich, dass in diesem ganz auf Unwirtlichkeit und Arschtritte abzielenden Ambiente weiterhin Kreativität und Menschlichkeit im emphatischen Sinne sich entfaltet.

So zum Beispiel vor dem Spiel, als, nun, endlich, DIE DESORGANISIERTEN ST. PAULI sich gründen und ihrem Motto „Alle Ziele, alle Richtungen, und keiner kommt an!“ schon in der offenkundig äußerst heterogenen Zusammensetzung, prima!, alle Ehre machen. Oder angesichts der grandiosen Farbgestaltung der Stehplätze Süd, da auch demonstrativ in strahlendem rotschwarz der Jolly Rouge dem Stenger und dem Meeske zeigt, wo das pralle Leben wohnt.

Na ja, wir sind ja dran, dessen Symbolik in eine neue Runde Wirken zu tragen. Achtung Subversion – zieht euch warm an bei der JHV, Mandatsträger!

Die Zombieistik der Rückrunde nach dem Derby soll wieder Musik weichen. Im Spiel ist die ja in Ansätzen vorhanden.

Und Naki setzt noch den richtigen Schlussakkord mit gelungenem Selbstzitat: Umjubelt die Eckfahne mit Totenkopf ausreißen, um sie in fremde Böden rammen zu können. Da freu ich mich plötzlich sogar auf Hansa Rostock …

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