Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juli 2011

Identität und Unterschied: Nachgetreten

Abgesehen davon, dass ich eh auf diesen wichtigen Text verweisen wollte, gerade für St. Paulianer wichtig, stelle ich einfach noch mal zwei Antworten auf Beschwerden hinsichtlich diskreditierender Äußerungen und Darstellungen nebeneinander:

Eine Antwort auf die „Tatsch-Screen“-Werbung von Astra:

„Die gesamte dargestellte Szene ist bewusst ironisch überzogen und ersichtlich satirisch überzeichnet, weshalb keine ernsthafte Herabwürdigung der weiblichen Person beanstandet werden kann.

Die Abbildung der Frau in kurzer Hose lässt unserer Meinung nach nicht zwangsläufig auf eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts schließen. In dem von Ihnen kritisierten Fall wird nicht die ständige sexuelle Verfügbarkeit der Frau suggeriert, sondern vielmehr mit ihr zwar in durchaus erotischer und humorvoller, aber weder pornografischer noch herabwürdigender Art und Weise für die Analog-Kampane von Astra geworben. Die dargestellte Abbildung dient vielmehr als humorvolle optische Ergänzung des Slogans.“

Frodos Kommentar hier im Blog:

„Zum Thema:
Es geht bei der Nennung der beiden Namen um das überzeichnete Klischee des Kiezklubs und des Freudenhauses der Liga, welches (zumindest mich) einfach nur noch nervt. Nicht, weil die dort genannten Personen nerven (oder gar ihre sexuelle Orientierung), sondern der Umgang der Medien eben damit.

(…)


Diese Nennung kann man, so wie Du es getan hast, uns offensichtlich diskriminierend auslegen. Ich versichere Dir persönlich, dass es definitiv nicht so gemeint war sondern eben eine Aufzählung weiterer Personen war, die nach Littmann (der ja auch bei vielen Gelegenheiten mit diesem Klischee in den Medien gespielt hat) in die genannten Klischees fallen.
Ich wiederhole: Dies hat nichts mit ihrer sexuellen Ausrichtung, sondern lediglich mit ihrem (ja auch gewollt selbst definiertem) Bild in der öffentlichen Wahrnehmung zu tun, die dann ein weiteres Mosaiksteinchen in das Bild von „den herrlich lustigen Paulis vom Kiez/der Reeperbahn“ setzen würden, völlig ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung.
Kannst Du mir glauben, musst Du nicht.“

Natürlich bin ich auch stinksauer, dass immer noch keine weitere Antwort kam, während sogar interne Threads im Forum über mich diskutierten. Und wo die Unterschiede zum zuerst zitierten Schreiben liegen, das kann ja auch jeder selbst lesen.

Das alles ist aber weit über Redakteure des Übersteiger hinaus von Relevanz – es geht ja darum, inwiefern „überspitzende“ oder „satirische“ Darstellungen von Personen, die nicht der dominanten Kultur zugehörig sind, zur Fortschreibung von Diskrimierung taugen. Deshalb auch der Verweis auf die Comics von Guido Schröter. Man hätte genau so gut die von Ralf König erwähnen können, das ist ja kein Zufall, dass die Verfilmung von der „Der bewegte Mann“ dann heteronormative Propaganda wurde, und bei dem finden sich auch harsch rassistische Karrikaturen in seinen Werken. Worauf nicht zuletzt Rhizom mich brachte, mir war das auch nicht aufgefallen.

Es würde mich übrigens interessieren, ob solche Seiten wie Rhizom oder auch Medienelite, Mädchenmannschaft oder Der braune Mob z.B. den Redakteuren des Übersteiger, aber auch anderen Publikationen im Rahmen des FC St. Pauli bekannt sind. Wenn nicht, wären das – und anderes – Pflichtlektüren, wenn Mensch weiterhin den Anspruch erheben will, in Fragen des Sexismus, Rassismus und der Homophobie die Avantgarde in deutschen Fanszenen zu sein.

Oft wird ja beklagt, dass Mensch, beschäftigt Mensch sich schon länger mit solchen Fragen, irgendein Geheimwissen zur Anwendung bringen würden in erpresserischer Manier. Manchmal hat Mensch jedoch den Eindruck, dass die Leute zwar in der Lage sind, sich Curryrezepte zu ergoogeln, nicht jedoch den Antwortenkatalog des Braunen Mobs.

Des weiteren wollte ich noch einen, wie ich finde, hervorragenden Kommentar vom Pantoffelpunk hervor heben:

„Ich glaube die dargelegte Intention des Übersteigers und halte sie nicht für böse im Sinne einer Trans- oder Homophobie, geschenkt. Dämlich ist das Statement trotzdem, zum einen, weil man es ohne Erklärung als trans- oder homophob interpretieren kann, zum zweiten, weil diese Reflexion über drei Ecken am Ende doch vollkommen kontraproduktiv ist. Vorausgesetzt, Olivia Jones und Lilo Wanders verstünden etwas von Fußball und Geschäft, wären sie im Gegenteil natürlich eine ideale Besetzung für das Präsidium, weil – ich sage einfach mal: ‘unser’ – Statement gegen die Diskriminierung anders* vögelnder, anders sich kleidender, anders hautgefärbter, anders denkender usw. eben kein Klischee sondern Lebenseinstellung ist oder es sein sollte. Darum sollten ‘wir’, darum sollte der FC St. Pauli, auch genau das leben und wenn sich Massenmedien und sonstige Vollpfosten darauf stürzen, es nicht ernst nehmen und zu einem lustigen Teil der schrillen St. Pauli-Party reduzieren, sollte es ‘unsere’ Aufgabe sein, sie dafür auszuzählen, da sie damit nur offenbaren, wie weit es mit ihrer Akzeptanz abweichender Lebenswelten ist. Aber es darf doch nicht unser Ziel sein, möglichst biedere, unauffällige Normopathen ins Präsidium zu hieven, um ja nicht die Klischees der Eindimensionalen zu erfüllen. Setzte man diese Logik fort, gehörte es ja auch zum Alptraum der Übersteigerer, dass sich im Stadion Irokesenträger tummmeln – schließlich erfüllen die das Klischee des linken Anhängers des verrückten Freudenhauses der Liga.

*= ‘anders’ im Sinne von ‘entgegen der (angeblichen) Norm’, ich glaube ja nach wie vor, dass viele Homophobiker nur neidisch sind, weil sie bei ihrer Partnerin nicht in den Po dürfen.“

Deutlich wird ja anhand dessen, wie sehr sich manche in der Fanszene von den medialen Images manipulieren und durch diese formen lassen und im Grund genommen ein Gegenmarketing betreiben, das nicht minder oberflächlich sich an Symbolpersönlichkeiten orientiert. Wer sich von der Mopo abhängig macht in seiner Selbstdefinition – und sei es durch Abgrenzung – hat schon verloren.

Und das zu einem Zeitpunkt, da im Fanartikelkatalog zu Marketingzwecken in ganz tollen Fotos Street-Credibility suggeriert wird, dazu auch PoC missbraucht werden, während zugleich Geschäftsführung und Präsidium die Gentrifizierung u.a. mittels Businessseatversitzplatzung ins Stadion geholt haben. Das ist schon zynisch, wieso sich dann am „Freudenhaus“ abarbeiten mittels der Denunziation von Persönlichkeiten wie Lilo Wanders?

Lilo for President!

Edit: Eine mail habe ich gerade erhalten; da sie substantiell nicht viel anderes enthält als das oben von Astra, sorry, Frodo enthält, wüsste ich nicht, wieso ich nun deren Job übernehmen sollte und sie veröffentlichen. Das Internet sei kein Ort, dergleichen zu diskutieren, weil das Frontenbildung führe. Man behält sich also im Wesentlichen vor, weiter in Hinterzimmern zu klüngeln und privilegierte Distributionswege zu nutzen wie „11 Freunde“ oder eben das eigene Heft. Antworten dürfen dann freundlichst Hierarchien wahrend als Leserbriefe erscheinen.

Männer 😀 …

Edit 2: Es wurde mir entgegen anders lautender Behauptung kein Gastartikel angeboten; hätte ich ihn gefordert, hätte vermutlich keiner Nein gesagt. Und es wurde nicht mir, sondern einer Freundin die Teilnahme an einer Redaktionssitzung angeboten. Raus geschmissen hätte man mich aber vermutlich auch nicht.

Kurze Frage: Wieso gibt jemand …

… mit Usernamen „Ben“ bei Indymedia mein Blog als seine Adresse an? Oder verstehe ich da was falsch? Im Kontext von Schanzenfest und Kommerzialisierungskritik, wozu ich definitiv eine Haltung habe und auch geschrieben habe, aber es ist keine Verlinkung auf einen Text.

Ich möchte da keine Verwirrung aufkommen lassen: Ein „Ben“ bin ich nicht, was keinerlei Haltung zu diesem User zum Ausdruck bringen soll.

Was ich einmal mehr gelernt habe …

Für die Aufklärung über Homophobie sind Schwule zuständig, für jene über Rassismus PoC, und um Islamophobie zu beseitigen, bedarf es permanenter Aktivität von Muslimen. Bei feministischen Themen müssen Frauen ran. Das ist kein Thema für Männer.

Sie haben zudem die Aufgabe, Leute irgendwo „abzuholen“ und sanftmütig in therapeutischer Haltung, geduldig Andere darüber aufzuklären, wie diese selbst ticken. Weil Homophobie, Rassismus und dergleichen ja auch gar kein mehrheitsgesellschaftliches Problem sind, sondern das der Minderheiten.

Minderheitenvertreter sind auch dazu da, ggf. Trost zu spenden, wenn dann doch mal daneben gehauen wurde. Weil das ja alles nicht so gemeint war. Jede Redaktion braucht zu diesem Zweck einen Redaktionsschwulen und und einen Redaktionsschwarzen und eine Redaktionsfrau, die sind dann für schwule, schwarze und Frauen-Themen zuständig. Gnädig lauscht man ihnen. Manchmal. Und wendet sich dann dem Allgemeinen zu.

Insbesondere Minderheiten haben ein Recht darauf, dass man sie diskreditierende  Stereotype in Witze verpackt! Sie haben ein Recht darauf, wie alle anderen auch nicht gemocht und zurück gewiesen zu werden. Dass es wenig Hetenwitze, Weißenwitze oder Männerwitze in dieser Gesellschaft gibt, spielt dabei keine Rolle. Ähnlich ist das Vorhandensein alltäglich zu hörender Schimpfworte, in denen bestimmte Sexualpraktiken, Hautfarben, Herkunft oder weibliche Geschlechtsorgane eine Rolle spielen, kein Hinweis auf eventuell vorhandene gesellschaftliche Machtverhältnisse. Hauptsache, der Herrenwitz wird von Herren gemacht! „Du hast die Haaaaaare schön“ … gacker. Die Alte war beim Friseur.

Für die Definition dessen, was Rassismus, Homophobie usw. IST, wo Benachteiligungen vorliegen, wo Stereotype sich formulieren, ist hingegen die Mehrheitsgesellschaft zuständig, nicht die betroffene Gruppe. Jeglicher Verstoß gegen diese Regel wird mit Empörung geahndet. Und der Verweis auf solche Strukturen ist grundsätzlich stigmatisierend, weil wir doch alle gleich sind.

Das Gefühl, verletzt werden worden zu sein, ist grundsätzlich ein manipulativer Akt ständig beleidigter Minderheiten, die den ganzen Tag damit beschäftigt sind, irgendwo Diskrimierungen zu suchen und sich damit zu beschäftigen, um sich wichtig zu machen und weil sie jemandem schaden wollen.

Ein Recht auf Verletztsein haben ausschließlich jene, die von einer Minderheit der Diskriminierung gescholten werden. Denen hat Mitgefühl zu gelten. Das ist das Schlimmste, was einem in Deutschland passieren kann. Die Artikulation des Verletztseins und Kritik von Minderheiten ist a priori instrumentell, um sich moralische Überlegenheit zu verschaffen. Entsprechend hat jeder von Minderheiten Kritisierte zunächst einmal die Aufgabe, die eigenen Privillegien und die eigene Machtposition abzusichern und die Kritik als unzulässig auszuweisen.

Für Kritik ist zunächst einmal der Kritiker zu kritisieren. Vorsichtshalber versteht man sie zunächst als Satire. Als nächstes ist die Frage zu stellen, aus welcher Ecke die Kritik kommt und welcher Gruppierung sie gilt. Die kritisierte Gruppierung hat sich zunächst einmal zu immunisieren, weil der Kritiker ja gar nicht meint, was er sagt, sondern weil er irgendwem mit irgendwem zusammen etwas will. Hauptsache, man setzt sich mit deren Inhalt nicht auseinander.

Ergänzend ist alles, was man nicht auf Anhieb versteht, kein Grund zum Nachdenken, sondern als Geschwurbel zu stigmatisieren, das nichts anderem als dem intellektuellen Schwanzvergleich dient. Wissens- und Erfahrungsvorsprünge sind als solche verwerflich, weil sie ausschließlich genutzt werden, um Diskurshoheit zu erzielen. Mit Kompetenz oder dem Anliegen, etwas zu erläutern, was vielleicht anderen noch nicht klar ist, hat das grundsätzlich gar nichts zu tun, deshalb kann man da auch nix lernen

Und Lernbereite haben einen Anspruch darauf, dass der mit dem Erfahrungsvorsprung all seine Emotionen ausschaltet. Zwar sind die intimsten und persönlichsten Regungen und Erfahrungen Gegenstand der Diskussion, also jene der Minderheiten- oder Nicht-Dominanten-Position, aber um Aufklärung zu leisten, hat jegliche Emotionalität aus dem Spiel zu bleiben und der, der erläutert, sich selbst zu versachlichen.

In der Tat kollidiert das Schema der Frage nach der Zuständigkeit für ein bestimmtes Thema und jene nach der Markierung der Sprecherposition aller gleichermaßen scheinbar mit der Frage nach der Definitionsmacht darüber, was als diskriminierend gilt.

Scheinbar insofern, dass nur Minderheiten und Dominierte wissen, wie sich machtvolle Diskriminierung anfühlt, aber lediglich eine Selbstreflexion und Verhaltensänderung bei Teilen der Dominanzgesellschaft Abhilfe schaffen kann.

Homophobie, Transphobie, Rassismus etc. werden immer als Probleme von Minderheiten dargestellt. Das sind sie allenfalls sekundär. Das ist Teil des diskreditierenden  Schemas, das zu glauben.

Primär hat die Mehrheitsgesellschaft und die patriachale Dominanzkultur ein Problem, nicht die Marginalisierten. Das entsteht erst sekundär. Wenn diese Erkenntnis sich jemals durchsetzen sollte, wären wir einen Schritt weiter.

Aber, wer es sich einfach machen will, der stelle – natürlich aus Versehen – einfach Vertreter einer Minderheit in den Mittelpunkt einer Diskussion. Er kann sich sicher sein, dass obige Schemata ablaufen werden.

Zum Glück hat die Diskussion gestern bis ins St. Pauli-Forum hinein auch jede Menge deutlich anderer Züge gezeigt. Alle jenen, die dazu beitrugen, ein herzliches Dankeschön. Vielleicht kann man da ja anknüpfen.

Der Übersteiger selbst hat ebenfalls nicht das Anliegen der Kritik als solcher kritisiert. Das fand ich schon mal super. Der ist auch mit diesem Text nur in Randbereichen gemeint, das war jetzt einfach Anlass, mal Grundsätzliches zu schreiben.

Transphobie beim Übersteiger

In der Kommentarsektion dieses Blogs entbrannte vor kurzem die Diskussion, ob es sich beim FC St. Pauli um einen „Safe Place“ handeln würde. Einem Lebensbereich also, in dem man sich als Schwarzer, als Frau, als Schwuler problemlos aufhalten kann.

Von einer schwarzen Freundin wurde dieses dezidiert zurück gewiesen. Koloniale Darstellungstraditionen, Karrikaturen Schwarzer  auf mal eben im Stadion hoch gehaltenen Plakaten, dumme Sprüche gegen PoC-Frauen, wenn diese protestieren. Koloniale Darstellungstraditionen auch in den Comics Guido Schröters im Übersteiger. Dieser, so wurde mir in einem Flughafenbus in München berichtet, habe darauf entgegnet, Karrikaturen überzeichneten nun mal. Wie in Deutschland üblich gibt sich der „Humor“ als Hort des Stereotyps und der fort geschriebenen Diskreditierung – da fühlt sich der Mehrheitsgesellschaftler wohlig befreit von der Tyrannei der „Political Correctness“, weil das ja alles nur Satire sei. Ebenso, ich habe sie nicht gelesen, fand sich im Übersteiger wohl ein Traktat, dass man doch wohl Herrn Schwensen bei seinem alten, rassistischen Nick-Name nennen „dürfe“, was meines Wissens auch mit Gerichtsverfahren einher ging.

Der eine oder andere Leser weiß, warum ich so so weit aushole. Anlass ist eine wahnsinnig witzige Antwort auf eine an sich unverfängliche Frage im aktuellen „11 Freunde Sonderheft“, die, so wurde mir bestätigt, tatsächlich von Mitarbeitern des Übersteiger so gegeben wurde, die Frage bezog sich auf den Saisonverlauf:

„(11 Freunde): Dein größter Alptraum? (Der Übersteiger): Jahreshauptversammlung 2011: Überraschend erklärt das Präsidium den Rücktritt. Der Aufsichtsrat präsentiert als Nachfolger: Lilo Wanders und Olivia Jones. Das Separee von Susis Showbar wird ab sofort in der Halbzeit live auf der Videowand übertragen, und Beate Uhse wird neuer Sponsor. Außerdem kann man ab sofort Astra per Spritze im Fanshop erwerben.“

11 Freunde Bundesliga 2011/12, S. 99., Berlin 2011

Ähem – war Mario Barth der Autor? Ist ja der Brüller. Wie überzeichnet.  Soll wohl die „Freudenhaus“-Klischees rund um den FC St. Pauli aufs Korn nehmen, aber wieso tauchen da nun ausgerechnet zwei in der Öffentlichkeit als Transen auftretende Männer als Alptraum auf? Mal ab davon, dass Gernot Stenger mein persönlicher Alptraum ist, wie zum Teufel kommen weiße Vorort-Familienväter nun ausgerechnet auch so eine spießbürgerliche „Halbwelt“-Fantasie-Aneinanderreihung „Olivia Jones – Lilo Wanders – Susis Showbar – Beate Uhse – Spritze“ als Alptraumszenario? Könnte ja was mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun haben. Eine Selbstreflektion, die beim Übersteiger offenkundig nicht statt findet.

Es gab einst diese offen homophobe BILD-Titelseite „St. Pauli braucht keinen Tunten-Präsidenten“, eines der wenigen Male, da Corny auf schwulenfeindliche Zuschreibungen offen allergisch reagierte. Es gab in der Tat sehr viel an Corny als Präsident zu kritisieren, die homophoben Einsprengsel, die sich natürlich bei Linksspießern immer mal wieder einschlichen, die sind so, hat er sonst jedoch nie gekontert. Weil er wusste, man würde ihm dann vorwerfen, er würde „seine Homosexualität“ instrumentalisieren, um Kritik abzuwehren, kann auch Westerwelle ein Lied von singen, selbst so ein homophober Klassiker ebenso wie diese permanente Behauptung, dass „Homosexualität“ doch gar keine Rolle spielen würde, wenn es um „Leistung“ ginge.

Bei diesem ach so witzigen Szenario, vom Übersteiger entworfen, kam mir sofort dieses Mopo-Titelbild in den Sinn. Obwohl vermutlich die Autoren wie üblich gar nicht schnallten, was sie da mobilisieren, welche Kontexte sie eröffnen, wie sie all das Undiskutierte rund um die Susis Showbar-Frage in reaktionärster Form mit einem transphoben Ressentiment kombinierten, um auch noch indirekt einen Witz über Drogenabhängige hinterher zu schieben.

Natürlich betreibt Olivia Jones eine Table Dance-Bar für Frauen, in der Männer strippen. Natürlich hat Lilo Wanders „Wa(h)re Liebe“ moderiert. Ich weiß noch nicht mal, ob die Witzbolde vom Übersteiger das wissen. Dass das nun freilich unreflektiert verknüpft wird mit Susis Showbar und Beate Uhse, verrührt wird zu einem Gesamtszenario des „Schrillen“, das man doch als St. Pauli-Klischee nicht wolle, hallelujah, das sind Konnotationen, an denen US-Evangelikale ihre Freude hätten.

Das verweist neben der unterschwelligen Homo- und Transphobie solcher Witzchen, die immer mit läuft , ob gewollt oder nicht, wenn man feminisierte Männer als „Alptraum“ (dazu gehören auch Frank Rosts „rosa Röckchen“, witzig!, Männer tragen so was eben nicht, wurde mir mal gemailt, was habe das denn bitte mit Homophobie zu tun?) und dann noch in Führungpositionen, Gott bewahre!, imaginiert werden, eben auch auf eine äußerst drastische Schieflage bei der „Susis Showbar“-Diskussion. Ich will die auch nicht im Stadion haben und wittere da üblen Sexismus; freilich schleicht sich dennoch immer wieder eine Entsolidarisierung von Sex-Arbeiterinnen, ein Zurückweisen eines wichtigen Teils der Viertel-Historie als Freiraum für „Deviante“ und eine EMMA-lastige Pornographiekritik, die sich problemlos mit der US-Rechtsradikaler fusionieren lässt, in die Debatten ein. Das alles war gar nicht wirklich Gegenstand der Diskussion, diese bürgerliche Abgrenzung gegen Sexualität in offener Form, rund um das „Susis Showbar“-Problem, von Einträgen bei Ring2 und Jeky mal abgesehen. Dabei ist das Thema, wenn ich es richtig verstehe, man korrigiere mich, bei der „Slutwalk“-Bewegung. Dass parallel so ein seltsamer Hochzeitsbilder-Hype gerade ausgebrochen ist, fügt sich nahtlos in eben dieses Schema.

Womit auf Magazine wie „Liebe Sünde“ und „Wahre Liebe“ zurück zu kommen wäre und ebenso Olivia Jones Tabledance-Gastronomie: Ursprünglich äußerst progressive Versuche, Sexualität aus der Schmuddelecke zu holen und als Hort der Freiheit in der Vielfalt der Lüste zu begreifen. Dass in manchen Fällen diese Magazine wieder genau bei dem Schmuddel landeten, den sie eigentlich aufheben wollten, ja, das ist richtig; dass ein als Transvestit auftretender Familienvater, ist Lilo Wanders ja, dergleichen moderierte, war in den 90ern immerhin noch möglich. Mit seinen doofen Witzchen attackiert der Übersteiger solche Denkweisen gleich mit, indem er sie im Beate-Uhse-Kontext verortet, ebenso wie mit diesem dämlichen „Titten!“-Titelbild im letzten Herbst.  Ich bin einer Georgette Dee und einem Ernie Reinhardt, also Lilo Wanders, tatsächlich zu tiefem Dank verpflichtet, weil sie mir eine schwule Sozialisation ermöglichten, die in einer heteronormativen Welt nun weiß Gott anstrengend genug war. Der Übersteiger hat wohl was dagegen …

Selbst wenn man diese Reihung als irgendwie stellvertretend für die Klischees des „lustigen und schrillen“ FC St. Pauli begreift, macht das die Sache nicht besser: Persönlichkeiten wie Lilo Wanders oder Olivia Jones sind keine Stellvertreter. Ich würde beide sofort wählen als Präsidentinnen des FC St. Pauli: Geschäftstüchtige, charismatische, kluge und medienerfahrene Persönlichkeiten, die die spießige Fussballwelt ordentlich aufmischten und sich weglachen würden, wenn Rostocker gegen die „schwulen Hamburger“ sängen.

Die Ausgangsfrage war, ob der FC St. Pauli ein „Safe Place“ u.a. für Schwule ist.

Wenn ich solche Aussagen des Übersteiger lese: Nein, ist er nicht. Die finde ich schlimmer als „Schwuchtel“-Rufe im Stadion.

 

Edith: Im Forum wurde darauf hin gewiesen, dass es sich bei „St. Pauli braucht keinen Tuntenpräsidenten“ um eine BILD-Schlagzeile gehandelt hätte. Ich habe das im Text geändert.

Regina Mönchs „freier Westen“

„Bald geht es nicht um Streit, sondern um klare Fronten, um Freund oder Feind und um Kreuzberg als dialogfreie Zone. Sarrazin ist der Feind, das Symbol für das Deutschland der Rassisten. Wer sich mit ihm zeigt, ist beschmutzt. So haben es jene beschlossen, die glauben, die Deutungshoheit über den Ton auf den Straßen zu haben.“

Die Rechtspresse der sich selbstopferisierenden Demagogen ist ja tatsächlich zu immer neuen Stilblüten fähig, wenn die Definierten und Gedeuteten es wagen, Definitionshoheit über sich selbst zu beanspruchen und Fremdzuschreibungen zurück zu weisen.

Tiefe Empörung bricht dann auf.

Es ist ja einigermaßen lächerlich, dass in einem Blatt, das Definitionshoheit HAT, nunmehr zu beklagen, dass Andere diese auch für sich beanspruchen.

Aber das hat ja Tradition im „freien Westen“: Dass irgendwelche Regina Mönchs durch die Weltgeschichte blöken, wie die Anderen seien – wahlweise die „Wilden“, „Unzivilisierten“, „Unterschichten“, die „Homosexuellen“ und „Perversen“ – eben alles, was nicht so ist wie vermutlich Regina Mönch. Nomen est Omen.

Um so erstaunlicher, da sie als Frau Produzierte es doch eigentlich bestens wissen müssen, wie das ist, definiert zu werden. Hat Mann mit ihrereins schließlich auch Jahrtausende so gemacht. „Du bist noch nur hysterisch, Regina“ wäre eine entsprechende Rhetorik. „Na, haste Deine Tage?“. Aus solchem Stoff hat der Sarrazin sein Buch geschneidert, hat mit Millionenauflage Deutungshoheit angestrebt über Millionen, der Banker und Senator, stets mit Machtpositionen gesegnet – und nun, natürlich, ist es der „Mob“, der „Pöbel“ (Broder), der diese „unliebsamen Wahrheiten“ und das heroische Anrennen gegen „Denkverbote“, Aussagen über eben diesen „Mob“ selbst, zu geißeln wagt.

Während jene, die fest stellen, dass es sich bei diesem „freien Westen“ um ein mit Abschiebeknästen, de facto „Racial Profiling“ und Frontex bewehrtes rassistische Regime handelt, bei dem von „post“-kolonial schon gar keine Rede mehr sein kann, von Staatsschutz und Verfassungsschutz mutmaßlich beäugt werden und eifrig Gelder gestrichen bekommen. Regina Mönchs flammendes Plädoyer gegen „Denkverbote“ im Fall von Gesine Lötzsches Nachdenken über den Kommunismus wäre mir auch nicht aufgefallen.

Mit ähnlichen umerzieherischen Lustigkeiten wie jener Regina Mönchs hat man Reservate errichtet, und vermutlich werden die Missionare und Prediger, die dann den „Wilden“ erzählten, wie „wild“ sie sind, ihn ähnlicher Empörung reagiert haben wie Frau Mönch und Herr Sarrazin, wenn die „Wilden“ sich wehrten. Was hinten bei raus kam, war am Wounded Knee zu erleben.

Dialog gibt es nur unter Gleichmächtigen, alles andere wäre verlogen. Und das Zurückweisen von Deutungshoheit Anderer, eben Sarrazins, über das je eigene Leben ist schlicht Selbstverteidigung.

Was für ein übles Land, in dem die Forderung nach Selbstbestimmung in auflagenstarken Zeitungen als „Pöbel“ denunziert wird. Hätten sie doch die Aufklärer, auf die sie sich zu Unrecht berufen, wenigstens mal gelesen, anstatt in die Fußstapfen derer historischer Wirkung zu treten – und zuzutreten, wo immer das geht. Feuilleton-Hooliganism ist das, was Frau Mönch betreibt.

Da sage keiner, das sei einfach so passiert …

… das war der Plan:

„Die realen Nettolöhne von Geringverdienern sind seit der Jahrtausendwende stark gesunken. Bei Beschäftigten in den unteren Einkommensgruppen hätten die Einbußen 16 bis 22 Prozent betragen, berichtete die „Berliner Zeitung“ unter Berufung auf das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Im Durchschnitt aller Beschäftigten seien die Nettogehälter zwischen 2000 und 2010 preisbereinigt um 2,5 Prozent zurückgegangen. Das geht den Angaben zufolge aus neuen Umfrageergebnissen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) hervor.“

Natürlich diente auch dazu Hartz IV, tatsächlich willentlich von Seiten der Exekutive, weil irgendwelche Volkswirte so die Welt sehen: Zur Etablierung eines Billiglohnsektors für Ungelernte und sonstige Überflüssige war die „Reform“ da. Und Billiglohn ist per definition billig und müsse immer noch billiger werden, damit das „Gesamtgleichgewicht“ ohne böse, staatliche Interventionen sich entfalten könne. Hinzu gedacht sei der christliche Gestus der Barmherzigkeit, der „solchen Leuten“ überhaupt noch eine Chance gibt.

Dass dazu die staatliche Intervention, das Drohpotenzial der vermeintlichen „Grundsicherungssysteme“ zu erhöhen, indem man die Sockelzahlungen absenkt, nötig schien, ist nur Teil der neoliberalen Paradoxie: Gegen Staat agitieren, obgleich es den eben auch nur gibt, um eine auf Eigentumsschutz basierende Ordnung gegen andere Grundrechte in Stellung zu bringen. Und gleichzeitig muss man für möglichst viele Eigentumslose sorgen, um den Druck aufrecht erhalten zu können.

Der Logik folgend, dass man in weitestgehend deindustrialisierten Ländern das ungebildete, degenerierte Proletariat nicht mehr gebrauchen kann, es sei denn als Konsument von Billigprodukten, es aber dummerweise da ist, wurde, bevor es nur rum hängt und auf dumme Gedanken kommt, es stattdessen auf Grünstreifen zum Jäten und Säubern geschickt. Mit der Brechstange und staatlicher Erpressung leitete man so obige Entwicklung ein.

Erstaunlich, dass das jemand erstaunlich findet.

 

Breites Panaroma der Neuen Rechten von „antideutsch“ bis Springer-Presse und ihres Antisemitismus

Ich kann die Seite „Hintergrund“ nicht beurteilen, weiß nicht „aus was für einer Ecke“ sie kommt und wie die genannten Quellen, zum Beispiel Ulrich Enderwitz, zu bewerten sind – der zu verlinkende Text freilich bietet ein derart breit gefächertes und gut synthetisiertes Panorama dessen, womit Che, Rhizom, ich und andere, wir uns anderswo und hier seit Jahren argumentativ herum schlagen, dass es mir geradezu den Atem raubte bei der Lektüre.

Und dringt vor allem zum Kern dessen vor, was einen so wütend macht, wenn man auf die in sich zutiefst antisemitischen Muster trifft, die „Antideutsche“ (oder solche, die sich so nannten), Neocons und Evangelikale gleichermaßen reproduzieren, diese vermeintlichen Kämpfer gegen Antisemitismus, diese Geschichtsklitterer, die schon durchdrehen, wenn man sie auf die Nürnberger „Rassegesetze“, das Einüben der Genozid-Techniken in deutschen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent („Ein Platz an der Sonne“) oder die IG Farben verweist, die einen irre machen mit all ihren Verdrehungen, legen sie mit ihrer Agitation los, ganz gleich, ob in Die Welt oder Ultra-Blogs aus Bremen und München:

„Derart stattliche Projektionsleistungen werfen die Frage auf, welche Klischees von Juden sich in der Vorstellungswelt der Urheber solcher Antisemitismus-Vorwürfe verfestigt haben und welche Absichten sie verfolgen: Denn sie greifen nicht etwa ein antisemitisches Vorurteil auf, um es zu entlarven und unschädlich zu machen – sie greifen es auf, um es zu pflegen und als Instrument der Legitimation des Kapitalismus einzusetzen: Sie unterstellen der im Vorurteil enthaltenen falschen Behauptung „Juden = Kapitalisten“ in ihren „Analysen“ einen Wahrheitsgehalt. Danach neutralisieren diese Kritiker des „Antisemitismus in der Linken“ aber den pejorativen Gehalt des Ressentiments, indem sie auf die tatsächlich existierenden kriminellen Potenziale des Antisemitismus verweisen und an seine eliminatorische Kulmination erinnern. Beides interpretieren „antideutsche“ und andere Ideologen als Auswuchs der „antikapitalistischen Revolte“ der subalternen Klassen (genau wie es sich damals die NS-Propagandisten gewünscht hatten, in deren Neusprech das Wort „Faschismus“ durch das Wort „Sozialismus“ ersetzt worden war).

Durch das Festhalten am faulen Kern des antisemitischen Ressentiments, der Gleichsetzung „Juden = Kapitalisten“ in ihrer Argumentation, versuchen sie, jegliche Kritik an der herrschenden Produktionsweise zu diskreditieren. Um ihren Doktrinen politische Wirkmacht zu verleihen, perpetuieren sie ihr um- und wiederaufgerüstetes Vorurteil. Ausgestattet mit der neuen Triebkraft kann es nicht nur als Waffe gegen Kommunisten und andere Kapitalismuskritiker, sondern auch wieder gegen seine ursprünglichen Objekte gerichtet werden.

Der Autor Ulrich Enderwitz spricht von einem „entscheidenden Tabubruch“, den diese vermeintlichen Antiantisemiten begehen: Indem sie „das Spiel des Antisemitismus mitspielen, ihm die Wahl der Waffen überlassen, auf seinem eigenen Grund und Boden gegen ihn antreten, dem bösen Juden, den er als Popanz, hinter dem sich die wirklichen Konflikte verbergen lassen, hochhält, den guten Juden, der den Popanz aus dem Feld schlagen soll, entgegensetzen, verstricken sie sich in das antisemitische Wahnsystem und verraten zugleich die Opfer des faschistischen Antisemitismus.“

 

Unbedingt ganz lesen (via Arne List/facebook). Wie einst werden Juden auch gegenwärtig missbraucht und instrumentalisiert, ein faschistisches Süppchen zu kochen.

Ergänzend  sei noch auf dieses Kuriosum bei Rhizom verwiesen. Als bräuchte man nicht z.B. Martin Luthers Ausfälle zur Kenntnis nehmen, um die prärassistische Ära, also jene der traditionellen Judenfeindschaft, in christlicher Bibel-Exegese zu verorten … stattdessen tröten noch Pseudolinke ins Horn der Restauration zentraler Topoi und politischer Strategien und Praktiken des 19. Jahrhunderts.

Hitzestich und Rettungstaten: FC St. Pauli – Ingolstadt 2:0

 

 

Er irrte verzweifelt nachts durch die engen Gassen der Altstadt, im kühlen November … das Geschöpf, das er erschaffen hatte: So grausig, so hässlich war es ihm geraten, es stieß ihn ab, widerte ihn an – hatte er doch nur auf Physik und Physiologie, nicht jedoch auf die Ästhetik geachtet.

 

Naiv ist es zu Beginn, doch Ablehnung würde das Geschöpf psychisch zur Wut hin formen, dass, ungelenk, es zum Würger wird, weil Bauern schreien, wenn sie es erblicken, und es diese Klänge nicht ertragen kann und einfach nur will, dass sie aufhören …

 

Aus Leichenteilen zusammen gebastelt, unter Leben gesetzt,  suchte Frankensteins Monster Liebe und fand doch nur Zurückweisung und Spott, griff zur Gewalt … ein Roman, ein Klassiker, dem die Autorin im Untertitel die Rolle des modernen Prometheus zuwies. Also jenes Promotheus, der den Menschen die Hitze, das Feuer brachte … und dafür in der schlimmsten Einöde des Kaukasus ohne Speis und Trank an einen Felsen geschmiedet vegetierte.

 

Anstatt Mary Shelley zu danken, dass sie dieses mythische Wesen in ihrer Stadt, Ingolstadt, vom berühmten Doktor erschaffen ließ, identifizieren sie sich ganz wirtschaftsgewundert Mehr von diesem Beitrag lesen

Über das Wesen der Prognose

„In meinen Augen wird es nicht nur nicht um den Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga gehen, sondern vielmehr darum, den angestrebten Platz unter den ersten 25 in Deutschland auch zu halten, sprich, irgendwo um Platz 7 wird der magische FC am Ende landen.“ 

Mir ist euphorisch Bange sozusagen. Prognostiziere einen famosen Entspurt in 2012, nicht ohne um Weihnachten herum bange gen Tabellenende zu beten … Am Ende? Platz 5.

Ja, sie geben sich abgeklärt, meine braun-weißen Freunde und Fanclubmitglieder. Werfen sich in die Pose dessen, der Fakten wägt und wiegt, Maßstäbe schnitzt und Kriterien kritisiert. Naiv wie unsere Urahnen wähnen sie sich so in scheinbarer Sicherheit, zeichnen weiße Kreise, wappnen sich mit vermeintlichem Wissen über die Welt und den Fussball gegen das, was sowieso kommt. Auch Zweckpessimismus ist ein Schadenzauber gegen die Möglichkeit von Erfahrung.

Ja, so sagen sie, alles nur Mutmaßung, alles nur Abwägen, alles nur Spekulation – als seien an so was nicht schon ganze Wirtschaftssysteme zerbrochen. Als käme es auf die Ball- und Zielsicherheit eines einzelnen Spielers an, wenn es um Tore geht – den Kader beurteilen wie Personalbeauftragte, liebe Leute, „Personalentwickler“ nennt man die ja neudeutsch, in großen Unternehmen, jene, die ganz, wie einst Walter Ulbricht träumte, neue Menschen schaffen wollten durch Einwirken auf diese. Ich will stattdessen Abenteurer, Suchende, gebrochene Helden auf dem Platz, die in zielsicherer Dramatik wissen, wann sie wo Flaggen einzurammen haben und wann sie wem die Halsabschneidergeste zeigen!

Ich finde ja, dass man, jenseits des Alters und der körperlichen Verfassung angekommen, wo man noch einen abkriegt, die insgeheime Frage „Bin ich scharf auf den Spieler oder nicht?“ die maßgebliche sein sollte, und wer sie sich nicht stellt, erlebt im Stadion eh nur den halben Genuss. Saglik fällt da bei mir schon mal klar durch. Ich nehme nicht an, dass ihn das stört.

Diese ganze Hochzeitsfotografiererei gerade allerorten im Umfeld des FC St. Pauli ist doch auch nur Selbstkasteiung aufgrund der ungelebten, ja, noch nicht mal das Wagnis der FANTASIE anpeilenden Wunschunterdrückungssystems der buchstäblich herrschenden Ordnung. Sich selbst institutionalisieren, das sind mentale BAUSPARVERTRÄGE, und das angesichts der aktuellen Immobilienpreisentwicklung. Wie albern.

Und da glaubt manch einer an Weltverschwörungen, während allesamt dem „Verschwör Dich gegen Dich“-Motto Tocotronics folgen und dann auch noch PROGNOSTIZIEREN, anstatt sich einzulassen und den Wellen des Lebens zu folgen, in ihre Strudel zu stürzen, auf ihnen zu reiten wie auf dem Rücken feuriger Pferde die Prärie erkundend, wo Murmeltiere täglich grüßen!

Was interessieren angesichts all dessen Tabellenplätze? Habt ihr euch je Gedanken gemacht, wie das Wesen der Prognose AUSSEHEN könnte? Vielleicht ja so? Mehr von diesem Beitrag lesen

Das sind sie: Die modifizierten AGB des FC St. Pauli!