Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Bildspur zum Sonntag

38 Antworten zu “Bildspur zum Sonntag

  1. Bersarin Juni 19, 2011 um 4:52 pm

    Es ist dies eine sehr gute Bildspur. Man müßte einen ganz anderen Western drehen, wie es ihn noch nicht gab. Aber sicherlich existiert dieser bei der Vielzahl an Filmen schon. Interessant ist natürlich vor allem das Klischee, das sich bezüglich der Natives bzw. der indigenous people, die wir in kolonialer Weise Indianer nennen, in den Western manifestiert und sich vor allem in unseren Köpfen festgesetzt hat. Denn wir kennen diese vielfältigen Völker lediglich als Indianer, unterschiedslos mit den immergleichen Verhaltensweisen und Lebensmustern; allenfalls ein Paar Stämme sind uns geläufig.

    Was mich jedoch an all den Western, auch den offen rassistischen, interessiert, ist diese Produktion von Mythen und von Bildern: die rettende Kavallerie, der edle Wilde, die bösen Ureinwohner, welche die Segnungen der Weißen nicht begreifen, der böse Weiße, die Frau und der Mann, der Mann und der Mann, der Gute und der Böse, der Abgehalfterte, der Saloon, der Outlaw, Recht und Ordnung, die Landschaft und Landnahme. Die Abschlachtung. Und als Inbegriff des Klischees: Winnetou auf dem Sterbebett, der dann Christ wird.

    Aber selbst dort, wo sich im Western ein Wandel einstellte und berechtigte Anliegen der Indigenen im Hollywood-Kino zur Sprache kamen, bleibt es paternalistisch. Es sind Filme von Weißen für Weiße. Interessant auch, wie das Verhältnis von Schwarzen und Weißen ausgeblendet wurde, schwarze Cowboys kamen praktisch nicht vor. In den 90ern gab es, glaube ich, einen Western, der die Kämpfe einer rein schwarzen Division der Nordstaatenarmee im Bürgerkrieg zeigte.

    Allerdings ist der Western vielschichtig und reicht vom singenden Cowboy über Psychodramen mit ödipaler Struktur (irgend ein Western mit Richard Widmark, der Name fällt mir jetzt nicht ein) bis hin zu High Noon oder die Reflexion auf die reine Gewalt sowie ein Abgesang auf den Western wie in Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“. Aber auch in ihrer Absenz ist der Western immer getragen von den Ureinwohnern. (Was auch wieder ein falscher Begriff ist, die korrekte Benennung scheint mir nicht ganz einfach zu sein, und so zeigt sich wieder einmal, daß sich Rassismus und Marginialisierung bereits in der Sprache niederschlägt.)

    Dies ist immer mitzudenken beim Western: Zerstörung einer Kultur nicht nur durch physische Gewalt, sondern auch durch die der Bilder.

    Es bleibt aber zugleich dieses infantile jungenhafte Spiel, das in der Erziehung und über das Medium antrainiert wurde: immer noch bin ich fasziniert, wenn die Kavallerie einen zünftigen Angriff startet, wenn die Sioux einen Siedlertreck niederreiten und alles kurz und klein holzen oder ein Fort überfallen.

    „Reel Injun“ würde ich mir ja gerne auf DVD holen, es scheint diesen Film aber nirgends zu geben. Aber vielleicht läuft er irgendwann einmal auf Arte oder 3sat.

  2. georgi Juni 19, 2011 um 7:48 pm

    Das lief schon auf arte. Habe ich gesehen. Da ging es um Künstler, die von indigenen Völkern abstammen, die nun endlich in Filmen und Kabarettauftritten Geschichten über sich und ihre nähere soziale Umgebung erzählen können, und dabei neuerdings wirtschaftlichen Erfolg damit haben. Mit Ausnahme von Mrs. Littlefeather, die ganz im Kampf für die Rechte ihres Volkes aufging, und einen Preis zurückwies, den sie für einen anderen, verhinderten Filmemacher entgegennehmen sollte, waren die Künstler ziemlich cool und humorvoll, ironisch. Nichts wegen Ökologie, Rassismus, Foucault, Macht-, Herrschafts- und was weiß ich nicht, für Diskursen, nichts mit Feminismus, Antifa, Antira, Kolonialismus, sondern einfach coole Leute, die sich über die Komplexe der Langnasen lustig machen, Kabarett machen und Filme drehen. Die Leute sahen auch aus wie Amerikaner, und benahmen sich auch so wie Amerikaner. Nur Mrs. Littlefeather entsprach ganz dem Bild einer Apachin, wie Europäer es gern hätten.

    Einen der Filme habe ich vor einem halben Jahr auch bei arte gesehen. Die Geschichte spielte bei den Eskimos. Wenn der Film nicht so furchtbar lang gewesen wäre (glaube 4 Std.), wäre das ein schöner Kinderfilm gewesen.

    ps: Ich habe nichts gegen den Kampf wegen Ökologie, Rassismus, Foucault, Macht-, Herrschafts- und was weiß ich nicht, für Diskursen, Feminismus, Antifa, Antira, Kolonialismus. Es ist nur so, daß gerade diese Kämpfer besonders zu Projektionen neigen, mit denen sie Anhänger indigener Völker belästigen. Momo würde vermutlich von den Indigenen ausgelacht werden.

  3. georgi Juni 19, 2011 um 7:51 pm

    …äh, Bleichgesichter natürlich. Langnasen heißen wir bei den Asiaten.

  4. georgi Juni 19, 2011 um 8:06 pm

    Angehöriger indigener Völker, nicht Anhänger indigener Völker…

    ich brauch Urlaub…

  5. momorulez Juni 19, 2011 um 9:23 pm

    @bersarin:

    Fand das als Ergänzung zur Tonspur bei Dir irgendwie passend, das gibt beides zusammen ein ganz seltsames Spannungsverhältnis 😉 – zudem ich die Western-Mythologie ja auch mag, Karl May-Bücher als Kind verschlungen habe undundund. Immerhin hat der mir auch das ernsthafte Anliegen all der Exekutierten und Genozidierten nahe gebracht, sehr früh, jetzt mal „edle Wilde“ hin und diese abstruse christliche Getue her. Und Weiße werden ja auch wirklich teilweise lächerlichst stereotypisiert, ich meine, John Wayne war in meinen Augen auch nie Sympathieträger. Und Montgomery Clift hat den Cowboy dann auf eine Art gespielt, die schon jenseits vieler Männlichkeitsriten war – und irgendwie doch nicht. Das ja immer dieses Ineins von Aufklärung und Mythologie in der Popkultur. Bin gerade auf dem Boo’ya Moon in Stephen Kings „Love“ gewesen und schreibe deshalb u.U. gerade wirres Zeug; aber da ist halt die in Bildern sich erzeugende Vorstellungskraft, Fantasie, die das Schreiben voran treiben kann, aber wohl die Western voran trieb und deren klischeegesättigte Mythologie, selbst Sujet in ihrer Ambivalenz vom Monströsen bis zum Köstlichen. Und da kann tatsächlich nur die Antwort sein, wie in „Shaft“ z.B. Gegenmythen, ebenso starke Bilder zu erzeugen – auch der Gangsta-Rapper ist halt wenigstens nicht Opfer, angekettet auf irgendwelchen Plantagen. Und gleichzeitig Anlass einer rassifizierten Kriminalistik. Hmmm.

    Ist halt wie bei der Pornographie: Blöde Hetenpornos sind auch männerfeindlich, und Frauen trotzdem die Opfer, zumeist.

    Womit ich aber das eigentliche Anliegen dieses Projektes oben, von dem mir auch nur erzählt wurde, kenne ich auch nur den Trailer, so gar nicht geschmälert werden soll.

    Weil das, was den Pequot und anderen widerfahren ist, eben prototypsich für die Entfaltung der Rationalität auch unseren politischen und ökonomischen Systems ist, und das muss einfach immer wieder in die Köpfe gehämmert werden.

    @Georgi:

    Ja, Du brauchst Urlaub.

  6. ziggev Juni 19, 2011 um 10:00 pm

    es gibt einen Film mit dem Titel „500 Nations“, der die Geschichte der Indianer mehr aus deren Sicht erzählt; ich fand ihn sehr aufschlussreich und interessant. Etwas seltsam ist, dass Kevin Kostner den Moderator gibt, aber was solls. Gibt auch ein Buch mit demselben Titel. (Wird bei Wikipedia auch als Quelle genannt.)

  7. momorulez Juni 19, 2011 um 10:36 pm

    Gibt bei PBS auf der Website auch einen noch aktuelleren Versuch, die Geschichte aus Perspektive der Genozidierten zu erzählen. Suche ich noch mal raus! Kann man komplett auf deren Website gucken.

  8. georgi Juni 20, 2011 um 7:32 am

    Geschichten aus dem Wilden Western, von Indianern und Cowboys sind alles Bleichgesichter-Propaganda, die trotzdem Spaß macht. Cowboys wie John Wayne kommen sogar in Reden des Präsidenten der Vereinigten Staaten vor, der dort die Werte der amerikanischen Nation repräsentieren muß. Selbst Hitler mochte Winnetou, den guten starken Indianer, wegen seiner kriegerischen Tugenden und seinem Wesen, sich selbst ins Recht zu setzen, und seine Feinde ohne Skrupel zu vernichten. Die Bleichgesichter-Gesellschaft ist da der totale Feind, das absolut Böse, das es zu vernichten gilt. Nur Winnetous Freund Old Shatterhand ist da eine Ausnahme, die zeigen soll, daß der Einfluß der Bleichgesichter-Gesellschaft die Menschen moralisch verkommen läßt. D.h. kultureller Genozid einmal andersherum. Karl May war deshalb in der DDR ja verboten.

    Daß es objektive Beschreibungen der Lebensrealität der indigenen Völker nicht gegeben hätte, ist nicht wahr. Karl May zum Beispiel war nie in Amerika oder dem Orient. Trotzdem verfügte er über richtiges und umfangreiches Wissen über diese Weltteile. Da gibt es ja berühmte Ethnologen wie Nimuendaju. Manche Forscher wie Levi Strauss-Kahn projizieren aber auch ihre Ideologie, manchmal auch unbewußt und unbeabsichtigt, in diese Völker.

  9. momorulez Juni 20, 2011 um 8:18 am

    Und, was willst Du jetzt damit sagen? Einen neuen Rekord in der Selbstwidersprüchlichkeit innerhalb eines Kommentars aufstellen?

  10. georgi Juni 20, 2011 um 10:18 am

    Selbstwidersprüchlichkeit?

    Alle Geschichten über den Wilden Westen haben sich nie so zugetragen, wie sie geschildert wurden. Western und Indianergeschichten sind reine Selbstportraits der Bleichgesichter. Sie geben ihre eigenen gesellschaftlichen Normen wieder, nicht die der indigenen Völker. Über sie erfahren wir nur Nebensächliches. Sie dienen nur als Theaterkulisse. Schwule Mädchen aus Damaskus eben.

    Der Film, um den es hier geht, stellt Künstler vor, die Kunst produzieren, in denen sie selbst und ihre ethnischen Gruppen vorkommen.

  11. momorulez Juni 20, 2011 um 10:40 am

    Dann ist doch aber das Plädoyer, sie ihre Geschichte selbst erzählen zu lassen, genau richtig?

  12. georgi Juni 20, 2011 um 10:46 am

    Genau!

    Wobei natürlich zu beachten ist, daß die Indigenen inzwischen teilweise selbst zu Bleichgesichter geworden sind. Die präkolumbianische Zeit ist ja nur noch eine schöne Erinnerung für sie. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch Indigene sind für Projektionen anfällig.

  13. momorulez Juni 20, 2011 um 11:00 am

    „Die Indigenen“ ist ja eh schon eine Projektion als solche, und Kulturen sind immer hybrid – wichtig sind halt wie immer und überall die Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse und eine eigentsändige Aneignung von Traditionsbeständen … habe mal eine sehr spannende Doku über die Entschlüsselung – und somit notwendig Neu-Erfindung – der Maya-Sprache gesehen, und wie immens wichtig deren Neu-Aneignung durch die heutigen Mayas diesen war. Sehr spannend.

  14. Mrsnextmatch Juni 20, 2011 um 1:30 pm

    Der oben erwähnte Arktisfilm ist wahrscheinlich ‚Atanarjuat‘: ‚The “first feature-length fiction film written, produced, directed, and acted by Inuit‘. Toller Film, dramaturgisch, dramatisch, performancetechnisch, optisch. Ganz, ganz bestimmt ist das kein Kinderfilm (woher die Idee? nein, nicht antworten.) und er spielt auch nicht „bei den Es…os“ sondern in der Arktis bei und mit Inuit. http://publicculture.org/articles/view/18/3/atanarjuat-and-the-ideological-work-of-contempor und http://www.isuma.tv/atanarjuat
    Die Finanzierung der Produktion wahr wohl nicht ganz ohne, es gibt viele Gerüchte über mögliche politische Hintergründe bei den Verzögerungen, ‚Filmfondsmissverständnissen‘ und jahrelangen Produktionspausen.

  15. momorulez Juni 20, 2011 um 1:41 pm

    Ah, Danke!

    Der Neil Diamond aus dem Trailer oben ist übrigens ein anderer Neil Diamond, glaube ich 😉 …

  16. ziggev Juni 20, 2011 um 1:43 pm

    ach, es gibt natürlich noch die Althistorikerin Liselotte Welskopf-Henrich und deren „Die Söhne der Großen Bärin“ (und, viel später geschrieben und nicht so erfolgreich wie ihr Erstingsbestseller, „Das Blut des Adlers“).

    Als sich die Veröffentlichung in der DDR verzögerte, ergriff sie selbst die Initiative und holte Gutachten des kulturellen Beirats und von völkerkundlicher Seite ein, die sich darüber einig gewesen seien, dass die Erzählung, geeignet sei, „Karl May und den anderen Schund aus der Phantasie der Jugend zu verdrängen“.

    Karl May warf sie vor, dass seine Phantasie durch die „kapitalistischen Verhältnisse bis zur Unbrauchbarkeit korrumpiert worden“ sei, während ihre dank des Kampfes der Arbeiterklasse einen rechten Weg finden konnte. Abschließen konnte sie das Werk erst mit der Kenntnis der „marxistischen Erkenntnis der Wirklichkeit“.

    Dennoch übernimmt sie viele Motive vom May und anderen, der kauzige Gesell, das treue Pferd u. A., was wohl daran liegt, dass sie ihn anfangs begeistert gelesen hatte (oder auch James Fenimore Cooper), auch einige Quellen. Es ist also auch ein Jugend-Abenteuerroman, und diesem letzteren Umstand verdankt sich vermutlich auch der Riesenerfolg von „Die Söhne der Großen Bärin“. Bei „Das Blut des Adlers“ verhält es sich in beiden Punkten anders.

    Bei ihrer (heimlichen) Karl May-Lektüre hatte sie allerdings bereits festgestellt, dass er ein Lügner sein müsse, und beschlossen Historikerin und Schriftstellerin zu werden. Karl May habe ich irgendwann mal versucht zu lesen, aber nix zu machen. Welskopf-Henrich las ich aber damals sehr gerne.

    Die obigen Zitate stammen auch dem Link bei Wiki zu von Thomas Kramers Aufsatz „Tokei-ihto vs. Winnetou“

    http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/m-kmg/130/index.htm S. 35-47

  17. Mrsnextmatch Juni 20, 2011 um 2:03 pm

    Ja, ein zweiter Neil Diamond! 🙂

    Wenn ich richtig verstanden habe, geht es in diesem Beitrag nicht darum, wie Weiße am besten unterhalten werden, sondern um Fremd- und Selbstrepräsentation. Dabei ist es ganz wurscht, ob May oder Welskopf-Henrich, ob die weiße Massai oder Sarrazin sich was ausdenken und dann ‚die Anderen‘ erfinden. Über und gegen alle Verwirrungen der daran beteiligten Positioniertheiten und z.B. auch Begrifflichkeiten empfehle ich warm und druckfrisch: http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,350,20.html
    Das Inhaltsverzeichnis ist dort einsehbar (achtung, rassistische Ausdrücke!): http://www.noahsow.de/blog/wp-content/uploads/2011/06/Inhaltsverzeichnis-und-Geleitwort.pdf , hier noch Hintergrund: http://unrastwildcat.blogsport.de/2010/01/31/rassismusforschung-wer-repraesentiert-wer-wird-repraesentiert/

  18. momorulez Juni 20, 2011 um 2:37 pm

    Danke für die Links!

  19. momorulez Juni 20, 2011 um 3:27 pm

    @mrsnextmatch:

    Trotzdem auch noch mal eine offene Frage – gibt es da nicht doch noch einen erheblichen Unterschied zwischen Filem und wissenschaftlicher Tätigkeit? Stimme allem zu im Falle des unrastwildcat-Links, halte es für unbestreitbar, dass auch und gerade Kino und Fernsehen, ggf. auch Literatur und Musik fatale rassistische Muster reproduziert und produziert haben.

    Aber sind da nicht zwei Ebenen noch deutlicher zu unterscheiden und zudem – ganz groß gesprochen – im Falle der „Kunst“ im weit verstandenen Sinne noch andere Kriterien anzulegen als im Falle der Wissenschaft?

    Mit den zwei Ebenen meine ich: Es gibt eine Privilegierung im ZUGANG zu Produktions- , Finanzierungs und Distributionswegen insbesondere für weiße Männer. Ja, definitiv, trotz Frau Schäfer-Cord. Es gibt zudem die Mehrheit-Minderheitsrelation. Das gilt für die Wissenschaft wie auch für die meisten Medien (außer vielleicht beim englisch geprägten „Wodunnit“ bei Krimis, kann aber sein, dass ich da die Frauen und den Schriftstellerinnen massiver wahr nehme). Insofern gibt es ein strukturell hegemoniales Macht- und Herrschaftsverhältnis, das aufzulösen wäre.

    Es gibt bei journalistischen oder wissenschaftlichen Arbeiten zudem die Möglichkeit, die eigene Privilegien sich verdankenden Perspektiven zu reflektieren und ansonsten die Schnauze zu halten und einfach zuzuhören (wo ja die Ethnologie meines Wissens am ehesten an Methoden gearbeitet hat, so was auch zu ermöglichen).

    Wie ist das aber jetzt, wenn ich einen Roman schreibe oder einen fiktionalen Film drehe? Ich kann den Weg wählen, einfach PoC und Frauen raus zu lassen, damit ich sie auch ja nicht repräsentiere bzw. nicht eine durch den weißen Blick geprägte Perspektive einnehme. Was dann ja nur zum Verschwinden von Sichtbarkeiten führte.

    Klar kann ich auch vorbereitend ordentlich recherchieren, um so blöde Diffamierungen und Stereotypisierungen bleiben zu lassen, die eigene Perspektive als weiße, männliche explizieren und reflektieren – aber so richtig komme ich da ja aus der „Wer repräsentiert wen“-Frage nicht raus. Insofern, und klar ist auch das mit guten Gründen forderbar, könnte ich einfach mal so lange verstummen, bis sich Hegemonien einigermaßen aufgelöst haben und stattdessen lieber Toni Morrison lesen. Isses das?

    Anschlussproblem ist, dass all diese Gedanken wahnsinnig schnell zu einer Volkshochschulpädagogisierung der Kunst führen können, oder spinne ich?

    Ich meine jetzt nicht, bescheuerte Kolonialklischees in St. Pauli-Karrikaturen aufgreifen oder ständig N-Worte in Texte einstreuen, weil das so schön authentisch ist, also nicht die Nummer, die dumme Satiriker immer fahren, wenn sie den Stammtisch bedienen wollen – aber ist das Problem der Moralisierung von Kunst nicht tatsächlich gegeben? Und kommt nicht so dieses ganze fürchterliche „gut gemeinte“ Zeug zustande, das gerade in Deutschland so unerträglich ist?

    Frage ich mich ständig, so etwas. Betrifft ja auch Frauenfiguren, die man sich hobbyschriftstellerisch ausdenkt. Vielleicht sollte man auch bei „Ich“-Perspektive bleiben, aber geht das nicht auf Kosten der Imagination?

    Und liest man dann nicht Romane wie Sachbücher, guckt Fiction wie Dokumentationen?

    Ein sehr berühmtes Beispiel für die Fremdrepräsentation ist ja das folgende:

    http://www.amazon.de/Ich-werde-eure-Gr%C3%A4ber-spucken/dp/3803122406

    Habe ich seit Jahren rum liegen und noch nicht gelesen – was hälst Du von so was?

    Gab diese Diskussion lebhaft auf dem schwulen Feld bei Michael Chabons „Geheimnisse von Pittsburgh“. wo man einerseits lesen konnte, dass der nicht schwul ist, ich mich aber freute, dass er versucht, sich in schwule Erfahrungen hinein zu versetzen.

  20. momorulez Juni 20, 2011 um 3:46 pm

    Hier noch ein Link zum Thema, der kurioserweise die Kategorie „Migrant“ unbefragt in den Mittelpunkt stellt, ansonsten aber das thematsiert, was ich Ebene 1 – Zugangsmögllichkeiten und Privilegien – genannt habe gut thematsiert, aber über das Werk und wie man da ran gehen könnte auch nix sagt:

    http://kulturrisse.at/ausgaben/032004/kosmopolitiken/die-neuverteilung-der-teilnahme.-antirassistische-politik-und-kunstpraxis

  21. Mrsnextmatch Juni 20, 2011 um 3:56 pm

    Es gibt einen Workshop dazu, writing the other, der setzt sich damit auseinander. http://www.sfwa.org/members/shawl/other/ Anderungen in Medien und Wissenschaft prägen ganz unabhängig von der Intention das öffentliche Bild der Ge-Anderten. Wie mensch damit im eigenen Schaffen umgeht, richtet sich denke ich nach Vorlieben, Moral und Aufklärungsstand. Bei nicht-fiction ist es leicht: einfach mal die Deutungshoheitsfantasie ablegen. Selbst wenn Wallraff einen brauchbaren Film gemacht hätte, oder auch wenn der Zeitungsartikel eines weißen Mannes über die Zumutungen für alleinerziehende Frauen im Berufsleben nett gemeint war: Selbstbestimmte Wissens-, Kunst- und Medienproduktion wurde an diesen Stellen verhindert. Bei Fiction ist es nicht ganz so leicht: Wenn z.B. Männer Frauenfiguren eindimensional und entlang einer Männeranspruchskulisse oder -fantasie entwerfen, haben sie was kaputtgemacht, wenn sie sie gar nicht entwerfen im Zweifelsfall nicht. Was die einen für eine vielschichtige Frauenfigur halten mögen, mögen die anderen für eine Maske halten, die anders als die anderen Figuren im Roman einzig und allein entlang ihrer Funktion entwickelt wurde, was sich oft erst erschließt, wenn mensch selbst sich mit dramaturgischen Gerüsten und Figurentwicklungen befasst hat. Es gibt gelungene Beispiele für ‚writing the other‘, katastrophalen Bockmist, mittelmäßige und übergriffige Versuche (Tagebuch einer Geisha) und gute Leistungen. Natürlich können und werden Dominante immer weiterhin ‚andern‘ oder marginalisierte Perspektiven sich zusammenfantasieren oder aneignen wollen. Es ist einfach wichtig, auf dem Schirm zu haben, dass all das etwas anderes ist als (selbstverständlich auch Fiktionales einschließende) Selbst(re)präsentation, die keine Alternative hat. Es sind zwei völlig verschiedene Genres sozusagen, letzteres originär und verdeckt. Forderungen und Auflösungsideen dazu gibt es so viele (verschiedene) wie Menschen, die davon betroffen sind. Mal ganz spitz formuliert: das ist mal ein Dilemma (hier: dass aus manchen Perspektiven geanderte Figuren entwerfen werden können, aber keine authentischen), das man in der privilegierten Position aushalten muss, so wie wir das ganze othering aushalten können müssen. Es gibt im System von Ungleichheit verschlossene Türen und Zumutungen für alle Beteiligten. Das ist eine davon.

  22. momorulez Juni 20, 2011 um 4:20 pm

    Ich empfinde das ja gar nicht als etwas, was ich nicht aushalten könnte, sondern, Gott, wie soll man es sagen, als Ansporn. Bei nicht-fiktionalen Formen gebe ich mir zumindest Mühe und finde das ganz außerordentlich lehrreich – ich lerne ja gerne. Wir hauen da bestimmt auch oft noch völlig daneben, aber sind dankbar für Hinweise diesbezüglich 😉 … und „authentisch“ ist für mich eh keine ästhetische Kategorie.

    Was ich schwerer auszuhalten finde, ist, dass wenn man z.B. den schwulen Blick ausformuliert, ganz andere Reaktionen erhält, als wenn man es bleiben lässt – und dass man zudem von vornherein weiß, dass man dann für ein sehr kleines Publikum schreibt/macht/tut. Also, ich empfinde eher die nicht-dominante Perspektive als Zumutung 😉 …

    Danke für den Workshop-Tipp!

  23. georgi Juni 20, 2011 um 4:27 pm

    Ja, „Atanarjuat“ war’s! Die Bezeichung „Kinderfilm“ meinte ich nicht abwertend. Warum ist denn „Eskimo“ nun wieder rassistisch?

  24. georgi Juni 20, 2011 um 4:58 pm

    Neben Rassismus gibt es auch andere Motive, falsche Darstellungen über andere Menschen zu verbreiten.

    Da gibt es das künstlerische Ausdrucksmittel der Verfremdung. Man stellt das, was man gern ausdrücken möchte, in einen anderen Kontext, läßt die Handlung in der Zukunft spielen, oder in anderen Weltteilen. Französische Lebemänner haben im 18. Jhdt. zum Beispiel ihre wollüstigen erotischen Phantasien kurzerhand in die Harems der Orientalen verfrachtet, da sie bei sich zu Hause als obszön galten. Dieses Bild des Harems hat sich dann bis heute erhalten.

    Dann gibt es die Projektion, einmal die feindliche und zum anderen in die freundliche, jenachdem, ob man schlechte oder schöne Eigenschaften den betreffenden Völkern unterschiebt, um sie dann entweder als Feind vernichten oder um sie als ideale Gesellschaft verehren zu können.

    Das alles ist kein Rassismus. In allen genannten Fällen hat die Darstellung der betreffenden Völker wenig mit der Realität zu tun. In allen Fällen geht es um Geschichten, die von Bleichgesichtern erfunden wurden, die Bleichgesichtern erzählt werden, und in denen es um Bleichgesichter geht. Verhängnisvollerweise können sich solche Darstellungen zu Vorurteilen verfestigen, die zu Gewalt und Mißverständnissen führen können. Manchmal kann man aber auch darüber lachen, wie über die Darstellung der Indianer in Spielfilmen.

  25. Mrsnextmatch Juni 20, 2011 um 5:37 pm

    @momorulez: klingt wie eine gute Einstellung!

    @ georgi: 1) wie es gemeint ist, ist nicht wichtig für die Wirksamkeit der Aussage. 2) siehe link oben oder einfach auch Fortbildung. 3) Rassismus = Vorurteil plus Macht. Und die Deutungshoheit übrigens bei uns. 4) es verfestigen sich nicht nur Darstellungen zu „Vorurteilen“ und Gewalt sondern entstammen diesen direkt. 5) du ist nicht ‚man‘. Wenn du über missglückte oder rassistische Repräsentation lachen kannst, aha. ‚Man‘ kann das nicht.

  26. georgi Juni 20, 2011 um 6:30 pm

    @Frau nächstes mätsch:
    Kennst Du die Guerilla-Organisation „Tupac Amaru“ aus Peru? Die besteht aus Indios und bezieht sich auf den letzten Inka Tupac Amaru. Die Inka-Zeit erscheint denen wie das gesegnete Goldene Zeitalter. Hier sehen wir ein Beispiel für eine Projektion der Nachfahren des untergegangenen Inka-Reiches auf seine glorreiche Vergangenheit. Hier liegt kein Rassismus vor. In derselben Weltgegend haben sich zahllose Ideologien etabliert, die auf Projektionen in die Indio-Kulturen stützen.

    Rassismus ist außerdem keine geistige Haltung, sondern die kolonialistische Versklaverung und Plünderung fremder Völker. Da das den Prinzipien der freien liberalen Demokratie widerspricht, Bürger nach unterschiedlichen Rechtssystemen zu behandeln, hat man sich etwas einfallen lassen, um diese Ungerechtigkeit und die formale Ungleichheit vor sich selbst zu rechtfertigen. Das ist dann die rassistische Ideologie.

    Antisemitismus und der Z…-haß sind übrigens kein Rassismus.

    wegen 3) Dein Rassismus-Begriff ist einfach nur Moral. Dadurch, indem man jedes Mißbetragen gegenüber Andersartigen auf dieselbe Stufe stellt, schwört man der Herrschaftskritik radikal ab. Deine Antirassisten vom unrast-Verlag stören sich nicht an der Ausplünderung der Welt sondern an der Bezeichnung „Eskimo“. Die Pausenschlägerei hat denselben Stellenwert wie die frühere Lynchjustiz in den Südstaaten. Solche Antirassisten wie Dich sind nützliche Idioten und können leicht von der Herrschaft vereinnahmt werden: Ulrich Wickert spricht zu: „Rassismus in der deutschen Gesellschaft – Erziehung zu Toleranz und staatsbürgerlicher Verantwortung für Andersartige“ oder so ähnlich. Die Bezeichnung „Eskimo“ zeugt hier von Intoleranz.

    wegen 4) Die Tausende von Indianerfilmen haben zwar zu Vorurteilen aber nicht zu Gewalt gegen Indianer geführt. Weitaus üblere Folgen haben andere Genres amerikanischer Holywood-Produktionen, die auch nach Eurem Verständnis nicht rassistisch wären. Ist Euch schon einmal aufgefallen, daß man gern amerikanische Schauspieler wählt, und damit eine Politik mit ihnen assoziiert, die das Publikum aus den Filmen kennt, in denen die Schauspieler mitgespielt haben? In diesen Filmen erfährt das Publikum, wie man Probleme löst. Mit law & order nämlich. D.i. nicht das, was wir unter Recht & Ordnung verstehen würden, sondern wie Westernhelden und Terminator Recht & Ordnung handhaben.

    wegen 5) Im besagten Film-Trailer kommt ein Cree-Indianer vor, der Kabarett macht, und sich genau am in der Öffentlichkeit vorherrschenden Bild über sein Volk seinen Spaß hat.

  27. Sonnenstrahl Juni 20, 2011 um 7:00 pm

    Vielleicht sollte man auch bei „Ich“-Perspektive bleiben, aber geht das nicht auf Kosten der Imagination?

    Gute Beobachtung und Einfühlung können hilfreich sein, um die Grenzen der Ich-Perspektive zu überwinden. Dazu gezieltes Zuhören und Raum geben für die mitunter genauso problematische Selbstperspektive der anderen. Eine reine Ich-Perspektive kann sehr reizvoll sein, ist aber kein allgemeiner Ersatz für einen mehrpoligen Prozess aus Beobachtung, Einfühlung und Teilhabe. An diesen Wechselwirkungen und der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perpektiven, so stelle ich es mir vor, können Imagination und Verfremdung anknüpfen.

    Aber was weiß ich schon davon. Ich freue mich jedenfalls immer, wenn ich bei einem Film zugleich etwas über die Welt erfahre und neue Perspektiven betrachten darf. Darum sehe ich gerne auch gehobene Filmproduktionen aus anderen Ländern. Sofern ich überhaupt mal zum Fernsehen komme. Im Moment langweilt mich das Medium nur noch. Die Gefahr, irgendwelche Dokusoups, Castingdreck, Gerichtsshows, Volksmusiksendungen, flachen Talkrunden oder gescripteten Scheißmist an die Birne geworfen zu bekommen, ist ja trotz Programmvielfalt in den letzten Jahren immer größer geworden.

    Ich glaube, ich entwickel mich da immer mehr zum Fernsehverweigerer, dessen Medienkompetenz bei diesem Medium vor allem in gelangweilter Nichtnutzung besteht. Nicht so toll. Aber viel besser als solche Nervformate ertragen zu müssen, und sei es nur beim Zappen. Ich kann eigentlich garnicht glauben, wenn ich mir den Pseudo-Dokukram aus den Privatsendern vergegenwärtige, mit welcher Einfalt, Repitition und eingeschränkten Erfahrungsperspektive die dafür zuständigen Drehbuchautoren vorgehen.

    Dagegen ist der simpelste Kirmestechno noch ein Musterbeispiel an Komplexität und Vielfalt.

    Meine Idee jedenfalls ist, daß hier, bei den für die Sendungsinhalte verantwortlichen und Sripteverfassern, nicht ein Mangel an Imagination vorgeworfen werden muss, sondern vor allem ein Mangel an Beobachtungsvermögen und Witz. Wenn ich an das Fernsehen in Deutschland denke, wird mir bei dessen Trübheit ganz schwarz vor den Augen.

  28. Mrsnextmatch Juni 20, 2011 um 7:22 pm

    georgi. Versuche nicht, zu belehren, wenn du keine Ahnung hast. Du schreibst lauter Quatsch, der zeigt, dass du über null Bildung verfügst, was Rassismus ist, was Gewalt ist, und wie sie strukturell wirken. Das ist gefährlich, weil es bestenfalls sinnvolle Diskussionen wie diese hier in Gratisnachhilfe für Abwehrer verwandelt, schlimmstenfalls Rassismus tradiert, in weißem Dominanzerhalt z.B. Aber gut, dass es bei dir wenigstens so offensichtlich ist.

    http://www.derailingfordummies.com/

    Ich hoffe, dass dieser Blog ein safe space ist/wird.

  29. momorulez Juni 20, 2011 um 7:30 pm

    @Georgi:

    Quassel hier bitte nicht so ein dummes Zeug, sonst fliegste wie bei Netbitch schlichtweg raus. Dieses ewige Generve, Frauen erzählen zu wollen, was Vergewaltigung ist, nun Nachfahren der Inka und schwarzen Frauen, was Rassismus sei, nervt kolossal. Das ist auch die immer gleiche Leier – Macht wirkt in den Beziehungen, und in dem Moment, wo Du Dich hin stellst und historisch wie auch gegenwärtig nicht mit weiße, männlichen Privilegien ausgestattete Individuen darüber zu belehren, was diese historische und gegenwärtige Zurichtung, die sich auch in Sprachformen manifestiert, anrichtet, biste schon mitten im rassistischen Agitieren drin: Maul stopfen. Desgleichen passiert beim Begriff „Eskimo“, da es eine dieser Zuschreibungen ist, die mit mannigfaltigen entmündigenden und ökonomisch unterbutternden sozialen Praxen korrespondiert. Da kannst Du schlecht das eine vom anderen trennen, das hängt zusammen. Und diese Darstellungen von Siuox etc. in Filmen sind bereits das Resultat von Jahrhunderten des Mordes, des Totschlages, des Landraubs, der Deportation, der provozierten Hungersnöte und natürlich insofern inmitten des rassistischen Denkens angesiedelt, da sie die First Nations als Unzivilisierte darstellen – auch der „edle Wilde“ karrikiert das nur. Und diesen Zustand zementieren sie. Den American Natives wurde u.a. verboten – mittels drakonischer Strafen durchgesetzt – die eigene Sprache zu sprechen (!!!), eigene Spiritualität zu pflegen, und die das stützenden Vorstellungen, von mir aus auch Projektionen, die sich in Western u.a. manifestieren, zementieren u.a. diese Zustände, die ja bis heute anhalten. Noch in den 70ern hat man Natives, die dem Vorbild der Black Panther folgten, mal eben ein paar Morde angehängt, um sie wie ein großen Teil der schwarzen Bevölkerung mal eben einzuknasten. Und dann kommt Georgi daher und referiert über richtige Herrschaftskritik. Du machst Dich doch einfach nur lächerlich. Zudem Du bei den AIM (?) und den Black Panthers tatsächlich sozialistische Visionen finden konntest, anders als bei Honecker.

    Mit Moral hat das an dem Punkt zu tun, da Du Dich fundamental respektlos gegenüber PoC und Frauen verhälst, indem Du ihnen das Recht, sich selbst zu definieren und ihre Erfahrungen zu artikulieren, die eben häufig sexistischer und rassistischer Natur sind, absprichst. Du verhälst Dich wie ein puritanischer Missionar.

    Und natürlich ist Antisemitismus Rassismus, lies doch mal die Nürnberger „Rasse“-Gesetze, und Antiziganismus ebenso. Es gab in der traditionellen Judenfeindschaft freilich die religiöse Begründung, aber ob man nun Juden oder American Natives zur Taufe zwingt, ist irgendwie auch gehüpft wie gesprungen.

    Und ob der Cree sich da lustig macht oder Du, das ist ein Unterschied ums Ganze. ich reiße auch mal Schwulenwitze, aber wag Du das bloß nicht. Genau dieses Lächerlichgemache ist ein entscheidender Baustein rassistischer und sexistischer Agitation.

  30. Mrsnextmatch Juni 20, 2011 um 7:31 pm

    @Sonnenstrahl „Dagegen ist der simpelste Kirmestechno noch ein Musterbeispiel an Komplexität und Vielfalt.“ Chapeau! :-))

    Mir hilft oft BBC schauen, und Dokus aus der Bücherei ausleihen. Deutsche Dokuversuche sind für mich vor allem dann stimmig, wenn sie sich auf den Rahmen beziehen, den die Person, die die Doku gemacht hat, sehr gut kennt. Z.B. dieses tolle ethno-Stück hier: http://www.text-deluxe.de/index.php/2009/leben-und-sterben-in-castrop-rauxel/
    ansonsten sind sie mir zu oft verzerrt durch Präkonzeptionen, Blickwinkelübergestülpe und einfach schlampige Recherche, was z.B. andere Länder und Kulturen angeht.
    Was einige ausländische Sender öfter machen als deutsche, ist, Leute mit „Ferne Länder“-Dokus zu beauftragen, die selbst dort verortet sind. Das gibt dann viel weniger Kuriositätenkabinett und Klischeebestätigung und mehr echte Info. Und das othering fällt dann gern mal weg, ebenfalls einem gemütlichen Abend zuträglich.

  31. momorulez Juni 20, 2011 um 7:39 pm

    @Sonnenstrahl:

    Das deutsche Fernsehen ist so schlimm, weil es so durchformatiert und überheblich volkspädagogisiert ist, das ist ja das Fatale, Und da setzen sich „Manager“ und Apparatschiks durch. Für Imagination lachen die Dich aus. „Geh doch zur Kunsthochschule!“ Und in vielen läuft dann genau das gleiche.

    @mrsnextmatch:

    Das mit dem „Safe Place“ ist ja prinzipiell richtig; ich finde umgekehrt diesen Unsinn, den Georgi verbreitet, einfach so symptomatisch von so einer neuen, alten Richtung dessen, was als links oder was sich dafür hält auftritt, dass es schlicht Quellencharakter hat. Dieser ganze Krempel, der queeren, postkolonialen, feministischen Theorien den „Sprachidealismus“ vorwirft, dem man die harte Ökonomie entgegen zu stellen habe, der eine „Moralisierung“ der Theorie behauptet, aber gar nicht weiß, was das meinen könnte usw.. Postmoderne-Kritik light. Das sprießt gerade aus allen Ecken, Da muss man ja zumindest auf mal sehen, worauf hier anderswo reagiert wird, sonst glauben einem das viele gar nicht. Gerade im Osten ist das ungeheuer präsent.

    Netbitch hat ihn allerdings auch einfach gelöscht, sollte ich von nun an wohl auch tun.

  32. Mrsnextmatch Juni 20, 2011 um 8:04 pm

    @momorulez:

    „Quellencharakter“ ist ein schöner Begriff dafür, à la „er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen“… 🙂 Finde das immer abwägenswert. Wenn ein gewisser „Lehrauftrag“ im Sinne der Betreiber_in ist, wird sie ihm damit gerecht. Aber die Frage bleibt, wem was wo (auf wessen Kosten) demonstriert werden soll. (Wer solche Aktionen/Reaktionen nicht glauben mag, hat vermutlich andere Gründe als einen Mangel an Quellen, denn das Internet ist durchaus übervoll davon.)
    Einen Safe Space finde ich z.B. wo/wenn -wie hier- deutliche Ansagen von Betreiberseite dazu gemacht werden (wobei rituelles devoweling das ganze dann auch noch für alle interessant machen könnte http://paulski.netfirms.com/zpages.php?id=1622 ) und die Diskussion eben nicht auf die random Abwehrer verlagert. Ich finde es auch eine Frage der Zumutbarkeit, was jeweils wo erklärt werden soll: wenn mir das Klavier auf den Fuß gefallen ist, suche ich lieber einen Verbandskasten. In Kommentar-Sections Verhandlungen aus der mehrfach marginalisierten Position heraus mit Herrschaftsphantasierenden zu führen, ist nicht nur eine zu krasse Zumutung sondern auch äußerst schwergängig, schon von der Sache her. ich finde es daher sehr gut, dass ein Frauenblog Kommentare, die die Erfahrungen/Expertise von Frauen in Abrede stellen, nicht zulässt. Warum auch. Deswegen freue ich mich immer, wenn Nachhilfe für Aggressoren mal „über Kreuz“ gemacht wird, z.B. der Feministinnenblog blöde Kommentare zu weißen Positioniertheiten auseinandernimmt oder PoC Blogs gegen doofe Commenter die Transident-Selbstpositionierungen verteidigen. Aus dem Klavier wird dann zumindest ein Keyboard.

    Besonders toll fände ich, wenn es hier im Thema weiterginge, denn das ist echt spannend und sehr besprechenswert. Fallen uns vielleicht gute Beispiele ein für ‚writing/doku the other‘? Ich überlege schon die ganze Zeit… lese aber so selten noch Sachen aus dominanten Perspektiven… meine Hermann Hesse Lektüre ist z.B. schon locker 20 Jahre her, wie hat der das noch mal mit Siddharta etc. gemacht?

  33. momorulez Juni 20, 2011 um 8:48 pm

    Hesse ist bei mir ewig her – habe damals nur den „Steppenwolf“ und „Narziss und Goldmund“ gelesen, und fand beides furchtbar 😀 … meine Literaturkenntnisse sind eh erbärmlich.

    Meine Eindruck ist aber eh, dass die meisten Leute im weiß dominierten, patriachalen Mitteleuropa in ihrem Schwadronieren, Objektivieren und sich im Zugang zum Allgemeinen wähnend das Problem noch nicht mal verstehen, das sich dahinter verbirgt. Was mir tatsächlich erst in Konflikten mit den Georgis dieser Welt so massiv aufgefallen ist. Und dann laufen einem halt irgendwann die DeeDee Brigdewaters dieser Welt, die das Problem mit Bravour auf den Punkt zu bringen vermögen, gewissermaßen von selbst über den Weg, die ich vorher vermutlich gar nicht wahr genommen hätte.

    Es gibt in der ganzen mitteleuropäischen Tradition ein wahnsinniges Problem mit der Gestaltung des Konkreten (damit ist nicht die Tatsache gemeint, sondern das genaue Hingucken). Der gut gemeinte Stellvertreter ragt überall hinein. Sag ich mal ganz ausdrücklich, um mich von Literaturkennern eines besseren belehren zu lassen. Deshalb bleibe ich bei Thomas Mann immer hängen und, um noch mehr zu provzieren, bin auch nie tiefer Faszination Kafkas erlegen. Das ist mir zu – konzeptionell 😀 …

    Und da habe ich schon den Eindruck, dass die Angloamerikaner das besser drauf haben. Ich kenne hier so was wie Hanuf Kureishi in Deutschland zumindest nicht, „Der Buddha aus der Vorstadt“. Manchmal glaube ich auch, dass das den Ländern, die sich ihrer kolonialen Geschichte bewusster sind, leichter fällt.

    Es gibt diese soziologisch ansetzenden Geschichten, wegen denen man Mankell und solche hier liest. Das ist aber diese Konsens-Perspektive, diese irgendwie sozialdemokratisch- volkshochschulmäßige-Grimme-preisige, die sich über alles Konkrete drüber kleistert.

    Im Dokumentarischen oder Quasi-Dokumentarischen ist das ja auch einfacher, da kann man recherchieren, das Recherchierte zusammen fassen – man SPÜRT es dann aber nicht so wie im Fiktionalen. Da hast Du hier nur diese U + E-Trennung, die das wahlweise zu abstrakt macht, Kunst, oder eben irgendwelchen Creative Writing-Handbüchern abgeguckt, die versuchen, Märkte zu antizipieren.

    Man müsste sich Fassbinder, „Angst essen Seele auf“, daraufhin noch mal angucken. Der war zu seinem PoC-Lover zwar das Megaarschloch, ultrabrutal, aber …

    Hier werden Marginalisierungserfahrungen einfach nicht gehört, dabei braucht man die wohl zur Konkretion. Hier wird alles gemittet. Sonnenstrahl schenkt mir ja mit seinen Beobachtungen und Erfahrungen als Flaschensammler mehr Literatur in die Kommentarsektion, als sich auf dem Buchmarkt findet.

    Massenmedial würde das in „37 Grad“ sozialverkitscht, und das, was seine Beobachtungen besonders macht, würde einer sozialen Positionszuweisung weichen. „Süß, aber muck bloß nicht auf! Caritas, aber nicht mehr!“ Filmstiftungsgefördert und gut gemeint …

    Schreibe ich wirr? Das ist irgendwie gerade das, worüber ich ständig rumgrübel …

  34. ziggev Juni 20, 2011 um 8:59 pm

    Vielleicht ist dann ja doch noch einmal Welskopf-Henrich interessant, ich meine „Das Blut des Adlers“, Pentalogie, 1966–1980, da sie zw. 1963 u. 1974 immerhin Reisen in die USA und Kanada unternahm, um das Leben und die Traditionen der Dakota zu studieren. In diesem Buch werden (Wiki zufolge) die historischen Vorgänge auf dem Pine-Ridge-Reservat von der Mitte der 1960er Jahre bis zur Besetzung von Wounded Knee 1973 auf realistische Weise dargestellt.

    Auch soll sie John Okute persönlich gekannt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch mündliche Berichte und schriftliche Aufzeichnungen die Traditionen seines Stammes vor dem Vergessen bewahrte. (Das alles per copy n past aus den Wicki-Artikeln erstellt.)

    mir fällt eigentlich – ganz abseitig – nur Castadedas Don Juan ein und George Orwell, Tage in Burma, ein paar Essays, Einen Elefanten erschießen und zu Rudyard Kipling (beide in Im Inneren des Wals, glaube ich). Hauffs Märchen zählen hier wohl nicht dazu und den Siddarta zu lesen hab ich da gleich abgelehnt ..)

  35. momorulez Juni 20, 2011 um 9:20 pm

    Danke für die Tipps! Goethe und Schopenhauer haben sich meines Wissens auch jeweils recht denkoffen mit nah-, mittel- und fernöstlichem Denken zumindest auseinander gesetzt. Und in der Nachkriegsliteratur haben die Shoah und das „3. Reich“ einfach alles überlagert. Das ist auch so wahnsinnig viel Bildungsbürgerliche Selbstbespiegelung dabei, Walsers „fliehendes Pferd“ und sowas – und ein Handke, den ich ja schon dolle finde, gerade wegen dem, was ich mit dem „Konkreten“ meine, hatte ganz andere Themen. Habe von ihm aber auch viel zu wenig gelesen.

  36. ziggev Juni 20, 2011 um 9:47 pm

    ja, da war doch was, wie du sagt, dann nur E, Stichwort „Kunstmärchen“: eine seltsame Adaption einer anderen (literarischen) Tradition, Goethes „Indische Legende“ – natürlich der Divan – der hat sich ja auch mit deren Literaturen auseinandergesetzt, nur das Ganze eben als KUNST. —

    Und, da bist du vielleicht noch näher dran, Hubert Fichte.

  37. momorulez Juni 20, 2011 um 10:02 pm

    Stimmt! Den ich nie wirklich gelesen habe 😀 – nur die „Pallette“ auszugsweise. Bin ich nicht näher dran. Habe einfach, als ich anfing, ernsthafter Philosophie zu studieren, irgendwann nebenher fast nur noch Krimis gelesen, dann gings direkt los mit 60-Stunden-Wochen und eigener Produktion, und mühe mich in diesem Blog seit geraumer Zeit um Korrektur …

  38. ziggev Juni 20, 2011 um 10:03 pm

    aber das ist jetzt vielleicht etwas zu wild, nun so ein Brainstorming, besonders viel hab ich ja auch nicht gelesen, und die literarische Welt ist soo groß … V. S. Naipaul, hab mal reingeschaut und fands faszinierend. Mit Anfang 20 hab ich bloß mal festgestellt, dass ich eigentlich nichts kannte, und hab mir dann vorgenommen, nur noch Klassiker zu lesen, wenn mir ein Klassiker übern weg läuft, deutsche Nachkriegsliteratur, gar zeitgenössische, kenne ich fast gar nicht und fands meist auch eher öde.

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