Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Sommerpause. Dem Mulm die Macht entziehen.

Manchmal, aber nur manchmal. frage ich mich, ob sie noch unter der Südtribüne wabern – all die Erinnerungen, die Gefühle, die Eindrücke versunkener Ligen, die nach Spielen im Gemäuer mit Wintergarten, im alten Clubheim des FC St. Pauli also, sich tummelten. Das Entsetzen von Fussallmillionären angesichts DIESER Kabinen. Das mußtmaßlich Mulmige, das sie beschlich , bevor sie zu ihren Bussen schlurften. Diese würden mitten durch unsere gröhlende Crowd hindurch fahren, die Lieder sang wie „Und IHR wollt deutscher Meister sein?“ Weil ein Torwart patzte, so what, sie waren Sieger und wussten doch, dass sie insgeheim lieber auf Wiesen hinter bayrischen Gehöften Schweinshaxe grillten als im P1 der Lokalpresse Modell zu stehen. Obwohl doch Uli wacht, dass keiner berichtet, wer da wirklich mit wem knutscht, nachts zwischen 2 und 3 auf der Herrentoilette.

Ach, immer schon nur ein Traum, und doch, was Billig-Comics und Massenplastikware ebenso versprechen wie erlesenste Bootlegs aus den Clubs vergessener Dekaden, hey, mein Violent Femmes Bootleg aus einem Club in Kassel, ein Heiligtum, wie sie bei „Gimme the Car“ sich fast verloren und irgendwie doch durch die Bassläufe hindurch zurück zum Song fanden: Dieses Unterlaufen effenbergscher Seinsweisen und schlipstragender Formalismen, die sich an jedes Tabellenkalkulationsprogramm assimilieren wie der Wachs einst aus Kinderkrimimalromanen an den zu kopierenden Schlüssel, der dann doch nicht passte, diese Unterlaufen als Lebensgefühl

lebte beim Blick auf das Heiligengeistfeld an Sommerabenden, wenn wir selbst vor Nascimento noch nach Spielen die Welle machten mit Blick auf innerstädtische Weite vor diesem Relikt aus dem Gestern, das „Clubheim“ hieß.

Sind Reste seiner Grundmauern stehen geblieben? Sickert noch Gröhlen und Gelächter durch unterirdische Kanäle, unverschlossene Rinnen und wohl verborgene Regenwurmpassagen wie Nieselregenwasser nach Schmuddelwettertagen, das auch nicht ahnt, wohin es fließt, doch weiß, dass schon ankommen wird?

Manchmal, aber nur manchmal stelle ich mir vor, die Energien von einst würden sich materialisieren und wie Morgennebel aus Gefühl sich gegenseitig umtanzen, schleierhaft und leuchtend. Der Frust über verlorene Spiele würde sich drohend vor dem Frischverliebtsein in neue Spieler und angesichts von Affären mit dem Gegengeradennebenmann oder der Nebenfrau aus der Meckerecke aufbauen, er, der Frust, würde mies machend und doch tief in Wahrheit versunken sein Spiel um die Angst vor der Enttäuschung fortwährend weiter tanzen. Zu diesem schnitzlerschen Reigen gesellte sich die Euphorie in ihren Regenbogenfarben, von Pyroshow durchflackert, und zöge sogar die ironische Distanz auf die Tanzfläche der ewigen Seelengründe, dass diese gar nicht mehr anders könnte, als selber wie ein Vorhang aus der „Credo! Creheeedohoooo!“-Werbung aus der aufgestoßenen Tür zu wehen …

Auch unter den Fundamenten meines neuen, an den Rand gedrängten Sitzplatzes gegenüber des ehemaligen Clubheims wird Humor weiter trocknen, sich filigran kristallisieren und Schriften bilden auf den Fundamenten der geteilten Erinnerungen an die Pissrinne hinter der alten Haupttribüne im Container, an den längst verstorbenen Wurst-Peter und verpeilte Youngster an Bierständen, deren innere Ruhe den wieder hinein drängen wollenden Fussballfan aufwallen ließen in einem Anflug zarter Zornesröte, der Farbe auch manchen Ärgers auf Holzbänken Alteingesessener, jenen über die Neuen mit den bunten Haaren und dem Amüsement über „Sie spielen so schlecht – geil!“, der sich während der Jahrzehnte tradierte und den manche der grantigen, alten Männer konserviert haben, um ihn noch heute als „Alter Stamm“ kulturkritisch in Vereinsorganen breit zu  treten wie ein langweiliges Vorabendprogramm; manch anerkennender Promi-Kommentar über unsere Sangessicherheit hallt ebenso durch die Verborgenheit unter dem Parkhausgang der neuen Haupttribüne wie Freds schlechte Witze – sie formen ein Duett wie zu den Klängen gregorianischer Choräle. Das Entsetzen angesichts von Fahnen, weißer Kreis in rotem Rechteck, im Chemnitzer Fanblock ausgerollt hat sich dort ebenso gehalten, wie auch der Triumph angesichts eines 3:2 gegen den Verein, dessen Fans auf russisch „Wer das liest ist doof“ auf Transparente schruben und uns damit foppten, da wir dort Böses ahnten.

An der Ostsee haben Dominanzbewusste dem Aufkeimen neuen Geistes Christina Schröder entgegen gesetzt: Gegen Extremismus von links und rechts! In diesem Sinne attackierten die dortigen Suptras jüngst Eigengewächse, die Unique Rebels, und denke ich an die nächste Saison, ergänzend an Frankfurt, Cottbus, Braunschweig, Dresden, so frage ich mich, was das Hauptwort zu mulmig wohl ist. Der Mulm?

Er lockt mich, streckt seine klammen Schauderhände nach mir aus, genährt von der Energie der Doofen unter den dortigen Fans, die sich darüber freuen, dass ich den Mulm gleich mit beschwöre. Obgleich ich mich wehre gegen seinen Lockruf, zerrt er mich doch in mystische Sphären jenseits der Erinnerung, wo ich gar nicht hin will – sich neu erfinden bei Ignoranz dessen, was war, autsch, das geht schief und wird in unserem Fall hoffentlich immer wieder zum Aufstand des Verdrängten führen. Nur so können wir den Gegenzauber zum Mulm, der übermächtigen will, entfachen.

An die neue Haupttribüne habe ich mich noch nicht gewöhnt; nicht daran, dass ein Gernot Stenger in Pressekonferenzen spitz verkündete, dass politische Transparente im Stadion ja NICHTS mit Fussball zu tun hätten, ganz wie auch Susis Stangentanz nicht, zugegeben, und dass sie doch “geduldet“ würden.

In solchen Sätzen spukt er, dieser Schadenzauber aus dem Geiste des Mulms, auch weiterhin durch die neuen Gemäuer und rasselt mit den Ketten des Kapitals – dass Ralph Gunesch nun bleibt, scheint wie eine Konzession, wo man es doch eigentlich gerne funkelnder, flexibler und austauschbarer hätte. Unanstrengender. Zerdeppern, um eigene Macht auszubauen, kein neues Ritual und doch kein Liebeszauber.

Noch immer dringt keine Botschaft, die irgendein Zeichen setzen würde, wohin dieser Mikrokosmos mutieren könnte, so dass er den Geistern der Ahnen gerecht würde, aus den Etagen derer, bei denen man das Gefühl bekommt, sie hätten so was wie einen Börsengang nur schlecht verarbeitet; jene, die das operative Geschäft betreiben.

Ein „Ding ohne Namen“, so wie der Blob, ist uns im Namen des Präsidiums erschienen und verfügt nicht über die Ausdruckskraft von „Frankensteins Monster“, sondern eher der von Stephen Kings Nebel.

Kenne das noch gut, als meine Ex-Chefs die Namenlosen aus den Banken und tolle, neue, hochbezahlte Kräfte aus anderen Firmen anschleppten, nachdem sie sich den Mächten des Kapitalmarkts ausgeliefert hatten – nicht mehr nur dieses abgetakelte, alltäglich wohlvertraute Stammpersonal, nee, endlich RICHTIGE Profis statt auch noch Ansprüche stellender Eigengewächse wurden eingekauft.

Endlich welche, die wirklich wissen, wie das geht, dachten sie, solche, denen nicht noch der Ex-Praktikant auf der rechten Schulter sitzt wie ein lauseverlotterter Papagei, der dumme Sprüche drischt und freche Antworten gibt.

Sie trieben aus die wohl gehegten Seelen und fielen geistlos auf die Schnauze, meine Chefs von einst. Viele waren da nicht mehr da, auf die zuvor Verlass war … die Firmenparties zogen um auf Spreeterassen und wurden für Investoren veranstaltet. Wir durften zugucken. Noch.

Irgendwann wollten wir auch gar nicht mehr … wir haben den Geist einfach mit genommen. Die Gefühle des Zurückgewiesenseins hat er überwunden; nun erzählt er uns nun Geschichten von einer besseren Welt jenseits des sinnentleerten Gerede des „man“ und flüstert uns neue Ideen ein … und manchmal, nicht nur manchmal, da summt er in den Gemäuern unserer stets gegenwärtigen Erinnerung sanft und wohltuend „You’ll never walk alone“.

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2 Antworten zu “Sommerpause. Dem Mulm die Macht entziehen.

  1. Sonnenstrahl Juni 5, 2011 um 9:17 am

    Wie kann Mulm übermächtigen? Hinabziehen geht vielleicht noch, aber effenbergsches Übermächtigen? Ich denke, das man muss das Gute erinnern und vergegenwärtigen, gerade dann, wenn es von Mulm überdeckt zu drohen scheint. Das betrifft auch den St. Pauli. Warum sollte es nach einem Abstieg immer weiter hinab gehen? Mit diesen Fans! Mit dieser Selbstnotwendigkeit als Gegenpol im deutschen Fußball!

    Für die schlimmen Chancen steht es 3:18, plus Relegation, also maximal 15 Prozent. 85 Prozent stehen also für ein weiteres Jahr, für denkwürdige Partien und vielleicht sogar für einen überraschenden Aufstieg.

    85 Prozent!

    Der Verein steht im Saft, die Fans bleiben zahlreich, die unvergleichliche Kultur bleibt erhalten, der Verein ist am richtigen Platz. Diese Quote inklusive ihrer Implekationen (auch: ein Nichtabstieg) möchte ich gerne mal für mein eigenes Leben haben. Echt ma!

    Obwohl, im Moment läuft es gut, wenn ich vom Platten absehe, um den ich mich gleich kümmern muss. Das waren wohl knapp über 100 Euro, in den letzten drei Tagen. Ich kann es immer noch nicht fassen, außer die leicht schmerzenden Knochen und Muskeln, sowie der Sonnenbrand trotz Schutzfaktor 30, die vergleichsweise gut fasslich sind.

    Wenn das so weiter geht in den nächsten Tagen, dann hole ich mir von diesem Geld einen analogen Synthesizer vom Feinsten. Um ehrlich zu sein, ich gehe von einer fortgesetzten Glücks- und Müllsträhne aus, und habe heute morgen für 250 ungeheure Euros ebendiesen Synthesizer aus einer Kleinanzeige gefischt und geordert. Der Deal steht, und auf diese Weise macht sogar das Schläucheflicken Spaß.

    Schläucheflicken! Klingt ziemlich unanständig, was? Klingt analog!

  2. momorulez Juni 5, 2011 um 11:06 am

    Prima! Lädst Du Deine Musik irgendwo hoch?

    Und übermächtigen kann der Mulm ja nur, wenn man ihm durch die eigene Angst Macht verleiht 😉 – dann wird er monströs. Insofern haste schon recht …

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