Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Juni 2011

Mutiert die soziale Welt zum PC-Game?

„Schon jetzt treffen beschränkte AI-Bots Entscheidungen, die das Leben weiter Teile der Menschheit verändern – man denke etwa an automatisierte Börsenhandelssysteme oder an die Blackbox-Algorithmen, mit denen die individuelle Kreditwürdigkeit berechnet wird. Diese proprietären Systeme verändern menschliches Verhalten, wenn wir uns bemühen, unsere Punktzahl innerhalb ihres Wertesystems hoch zu halten oder zu erhöhen – ganz ähnlich, wie Spieler in Computerspielen sich gedrängt fühlen, höhere Levels zu erreichen.“

Ja, ganz ehrlich, habe gestern erstmals gegoogelt, was eigentlich ein Algorithmus ist. Obwohl man ja weiß, dass darauf zum Beispiel der Erfolg von Google selbst beruht. Friedrich Kittler und solche vertreten ja eh, dass man mit welchen wie mir deshalb gar nicht reden brauche – während wir irgendwelche Ideologien aus dem medialen Geschehen saugen, formen derweil Hard- und Software unser Leben um, und wir kriegen davon gar nix mit.

Umgekehrt ist die Macht der computerisierten Entscheidungssysteme jedem bestens bekannt, der auch nur einen Kleinkredit beantragt. Bemerkenswert auch, dass Sachbearbeiter in Banken und Sparkassen tatsächlich keinerlei Einfluss auf die eingespeisten Parameter haben bzw. ordentlich tricksen müssen, um sie zu umgehen. Was alltäglich geschieht und zu folgenden Überlegungen führt:

„Ich sehe einen Weg, der den Zusammenbruch verhindern könnte, aber die etablierten Interessen werden nur widerwillig den Sprung zu einer weniger effizienten, aber widerstandsfähigeren Gesellschaft mitmachen. Selbst wenn die Vorstände der multinationalen Unternehmen die Risiken allzu schlanker Unternehmensstrukturen erkennen sollten, dürfte die Börse sie strafen, falls sie sich vom Ziel der Hypereffizienz verabschiedeten. Anleger würden sie verklagen und die Aufsichtsräte würden sie aus den Führungsetagen verbannen, bevor ein sinnvoller Wandel eingesetzt hätte.

Die Initiative muss daher vielmehr aus dem Volk kommen – und dabei denke ich nicht an Proteste und Demonstrationen, sondern an den Aufbau und die Erprobung neuer Wirtschaftsformen, digitaler Währungen, Augmented Reality und vermaschte Open-Source-Netzwerke, die eine neue Ökonomie und damit ein soziales Geflecht schaffen, das die etablierten Mächte samt ihren selbsternannten Torwächtern und Lobbyisten eher umginge als stürzte. Solch ein System würde zunächst nur in embryonaler Form geschaffen. Es zöge immer mehr Anhänger an, die aus der bestehenden Ökonomie herausgefallen sind, und setzte sich schließlich durch, wenn eine kritische Masse sich dem neuen System angeschlossen hätte. Man könnte sich auch eine Übergangsphase vorstellen, in der die Menschen mit einem Bein in der alten und mit dem anderen in der neuen Ökonomie stünden, so dass der Übergang nicht so abrupt ausfiele. Man stelle sich nur einmal vor, wie viele gut ausgebildete Menschen es gibt, die gerne einen Neuanfang in einer Welt wagten, in der ihre Schulden – die Erbsünde der freien Märkte – getilgt wären. Entscheidend ist, dass die Verantwortung für Aufbau und Erhaltung der Netzwerkknoten bei einzelnen Gemeinschaften liegt. Für die vernünftige Regulierung sorgt dann eine Gesellschaft, deren Bürger die physische Kontrolle über ihre Infrastrukturnetze ausüben.“

Irgendwer wird jetzt wieder von „strukturellem Antisemitismus“ daher quasseln, zudem da auch noch „Erbsünde“ steht – nichtsdestotrotz tritt hier in der Beschreibung einfach das „automatische Subjekt“ Kapitalismus in seiner digitalisierten Form in Erscheinung und auch, wie es anknüpft an tatsächliche Handlungen in der ganz realen Welt und diese steuert.

Und die Gegenstrategien sind anders verortet als im Einwirken auf demokratische Prozesse in parlamentarischen Systemen, sondern das Denken reflektiert direkt die Produktivkraftentwiclung und fordert einen Wandel der Produktionsverhältnisse.

Das ist schon ordentlich Stoff zum Nachdenken, auch wenn es sich um das Interview mit einem Science-Fiction-Autor handelt – oder gerade deshalb. Ich habe keine Ahnung, wo der politisch verortet ist, habe die Bücher nicht gelesen, er ist mir lediglich auf Amazon-Bestenlisten gestern erstmals über den Weg gelaufen – ein Beleg freilich, wie das, was dort passiert (oder auch in all den i-Shops) meine Wahrnehmung und Aufmerksamkeit tatsächlich lenkt. Muss mir die Bücher wohl mal besorgen und freue mich, wenn mich jemand aufklärt, was sonst so dran ist am Denken des Daniel Suarez oder auch gerade nicht.

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„Derartige Vorgehensweisen sind (…) offenbar kein Einzelfall“

Haben da ein paar Staatsdiener ihre SM-Fantasien ausleben wollen? Kann man so was nicht wechselseitig einvernehmlich machen? Dann kann das Spaß machen … aber so doch nicht:

„Die Betroffenen berichten, dass sie gewaltsam entkleidet wurden und Tritten sowie Schlägen ausgesetzt worden seien. „Ich wurde brutal festgenommen, weil ich Polizisten fragte, warum sie andere Menschen kontrollieren“, sagt Karl Schmidt nach seiner Freilassung nach neun Stunden am nächsten Morgen.“Wenn du nicht mit uns kooperierst, brechen wir dir den Arm oder machen dir die Hoden ab“, sei ihm auf der Wache gedroht worden. Unter Zwang habe man ihm die Kleidung entrissen, ihn nackt fixiert und ihm eine Blutprobe abgenommen, sagt Schmidt.“ (via Blog LK/Facebook)

Dass Polizisten durch Nicht-Eingreifen von Justiz und Politik und einer Immerdar- und Überall-Auslegung des „Gefahr im Verzug“-Kriteriums gerne mal zulangen ist bekannt, angeheizt von Innenministern, die sich bei der Justiz beschweren, wenn diese doch mal ahndet, von Innenministern, die „Präventionsgipfeln“ veranstalten und so bewirken, dass nach und nach sowieso jeder außer Polizisten unter Verdacht stehen wird, wie das bei der Vorrratsdatenspeicherung ja auch schon gewollt ist, und wer unter Verdacht steht, darf dann wohl auch mutmaßlichen Abu-Ghraib-Light-Praktiken ausgesetzt sein, wo schon große Territorien in Großstädten zur permanenten Legitimation von Polizeiwillkür zu „Gefahrengebieten“ erklärt werden  – solche Vorgänge überraschen zwar nicht, es ist aber langsam lächerlich, im Falle der Bundesrepublik noch von einer „funktionierenden Demokratie“ oder gar einem „Rechtstaat“ daher zu quasseln.

Diese Haltung Personen gegenüber zeigt sich halt systematisch, nicht nur ausnahmsweise, die Schikanen gegen Hartz IV-Empfänger, die gelegentlich auch mal zu unmittelbaren Tötung führen, oops, exekutiert, hoppla, na, war ja nur ’ne Schwarze, sind ein anderes Beispiel – die instrumentelle Haltung administrativer und ökonomischer Systeme Menschen gegenüber selbst ist es, die zu solchen verdinglichenden Verhaltensweisen führt. Da mag man den Polizisten noch nicht mal den potenziellen Lustgewinn dabei gönnen …

Bildspur zum Sonntag

Effektiver als jeder Terrorismus: S&P und solche, die Dieter Bohlens der Weltwirtschaft

Manchmal stellt man sie sich ja vor wie eine Jury bei „Deutschland sucht den Superstar“: Wie sie da sitzen und feixen, während ganze Länder vor ihnen tanzen und „performen“. Vielleicht schreibt ihnen ja auch irgendein Gag-Autor die Sprüche für die Verkündigung ihrer CCC-Voten.

Als seltsame über den politischen Verhältnissen schwebende Institutionen, denen niemand anders als die politischen Verhältnisse selbst Macht verleihen, verteilen sie so etwas wie Schulnoten und bringen damit ganze Volkswirtschaften ins Wanken – vermutlich sitzen die Protagonisten der „Rating-Agenturen“ danach in irgendeinem V.I.P.-Club und bespringen die nächste Edelprostituierte, feixend, wie sie es „den Griechen“ gezeigt haben.

Minister wie der Herr Schäuble jammern dann, wie schlecht sie behandelt werden, und Mutti hat Angst um „ihren“ Aufschwung:

„Zwar geht die Agentur davon aus, dass Griechenland von seinen europäischen Partnerstaaten zusätzliche Finanzhilfen erhält. Die Hilfen dürften aber voraussichtlich nur unter einer Beteiligung privater Gläubiger etwa in Form einer Laufzeitverlängerung griechischer Anleihen gewährt werden. In diesem Fall würde die Agentur das Rating auf den niedrigsten Wert „D“ senken, machte S&P klar. Das will die EZB verhindern, denn sie befürchtet eine zu hohe Ansteckungsgefahr für andere angeschlagene Euro-Länder. Damit stecken die Politiker in der Zwickmühle, die für eine Bankenbeteiligung plädieren wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Die Herabstufung nehme nicht die intensiven Unterredungen in der EU und im Internationalen Währungsfonds (IWF) über eine „praktikable Lösung“ zur Kenntnis, kritisierte das Athener Finanzministerium.

(…)


Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte unterdessen, die Schuldenkrise im Euroraum drohe den Aufschwung in Deutschland zu gefährden. In ihrem Video-Podcast vom Samstag sagte sie: „Wir dürfen nichts tun, was den Aufschwung weltweit insgesamt in Gefahr bringt und dann auch in Deutschland wieder in Gefahr bringen würde.“ 

„Private Gläubiger“ kommen ins Spiel, deren Vermögen in der Bankenkrise teils durch Staatsbürgschaften gesichert wurden, wohl gemerkelt. Um das Vermögen griechischer Rentner oder deutscher Hartz IV-Empfänger, kicher, die müssen ihres ja erst aufbrauchen, gröhl, ging es ja nicht.

Was für eine seltsame Art der „Gefahr“ da permanent von ökonomischen und administrativen Strukturen erzeugt wird, um Menschen zu gängeln, das ist schon erstaunlich. Unter anderen Vorzeichen würden Typen wie die von S&P schlicht als Terroristen behandelt. Aber unter solchen Vorzeichen leben wir halt nicht … „Kreditwürdigkeit“ statt Menschenwürde. Was eine zivilisatorische Leistung!

Mehr Kreativität dank DFL!

„Man wird sich daher auch mit einer kommenden neuen AGB Fassung kritisch auseinandersetzen müssen. Bevor das nicht geklärt ist, werde ich aber garantiert kein Fotoupdate machen oder neue Fotos Online stellen. Denn wie ihr wisst, bin ich bei Heimspielen nicht akkreditiert. Und juristisch würde ich auch jedem davon abraten. Ich werde mir auch stark überlegen, ob ich wirklich weiter über Heimspiele schreibe, bevor ich die Neuregelung nicht gesehen habe. Zumindest mit der alten Regelung ist das schon sehr problematisch. Und ein Satz “Dies gilt nur für gewerbliche Angebote.” ist auch nicht der Allheilsbringer, wie ich eben geschrieben habe.

Auch hier gilt: Es ist egal, ob ich der Meinung bin, dass das jetzige Präsidium zu einem Verbot von Blogs fähig ist, wenn so etwas erstmal in der Welt ist, dann wird es irgendwann auch irgendwie benutzen.“

Nachdem sie die Parkausweise in der Hamburger Neustadt etablierten, begannen sie, Ausweise für verschiedende Formen des Aufenthaltstatus im Viertel einzuführen. Darüber wachen private Security-Unternehmen, ähnlich wie in „Planten und Blomen“. „Eine großes Geschenk an den Steuerzahler“, so Bezirksamt-Chef Mitte, Markus Schreiber. Selbstverständlich habe er dafür Extra-Gelder bewilligt.

Priviligiert: Jene mit der „Sondercard plus“, gekoppelt an die Mitgliedschaft im „Superious Supporters-Club Neustadt“ (SSCN), der sich in dieser ehemaligen Kirche am Zeughausmarkt angesiedelt hat. Für schlappe 50.000 im Jahr kann man Mitglied werden, dafür gibt es da Prostituierte
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Studie der Friedrich Ebert-Stiftung zu Homophobie im Fussball: Erste Anmerkungen

Die Friedrich Ebert-Stiftung hat ehrenwerterweise eine Studie zu Rassismus, Sexismus und Rassismus im Fussball veröffentlich. Weniger ehrenwert erhält Dr. Zwanziger, der Amarell-Jäger, erst einmal einen Freibrief im Vorwort (übrigens ein Fall, anhand dessen man das „Definitionsmacht„-Thema auch noch mal diskutieren müsste) – habe nur kurz quer gelesen, halte es für äußerst lesenswert, dennoch, schon beim ersten Durchscrollen fielen mir neben eindeutigen Belegen für allseits verbreitete homophobe Muster prompt seltsame Reduktionen auf:

„Y: Wenn du wüsstest, du hast eine Mannschaft, du spielst mit denen schon
ewig, und dann stellst du irgendwann fest, einer von denen ist schwul.
Würdest du dann mit dem nicht mehr zusammen spielen wollen?
D: Das kann ich jetzt so nicht sagen, weil das was anderes ist. Aber wenn ich
jetzt von vorneherein weiß …, der ist schwul und ich kenne ihn noch nicht
lang, dann tät ich ganz be.. gewiss nicht mit dem in die Dusche rein gehen.“

(Zitat aus einer Probanden-Gruppe)


Die Dramatik der Begegnung mit Schwulen unter der Dusche ist lediglich
durch die Vermeidung des Bückens und der Präsentation des nackten Hinterns
zu entschärfen. Die Präsenz von Schwulen macht für sie diese Situation
zur Bedrohung schlechthin. Schwul steht im Fußball also nicht nur
für die Tabuisierung von Sexualität, sondern auch von Körperlichkeit und
Kontrollverlust. So verbirgt sich hinter Strategien der ‚Wegdefinition’ von
Homosexualität aus dem Fußball auch die Angst vor Körpernähe, Nacktheit
und Verletzbarkeit. Denn mit der körperlichen Nähe geht (wie etwa unter
der Dusche) Nacktheit einher, die es für viele offenbar schwierig macht, eine
implizite Homoerotik auch tatsächlich implizit zu halten (Dembowski 2002,
Pronger 2000: 237). Gleichzeitig schafft sie eine Umgebung für Verletzungsoffenheit,
die es erlaubt, sexuelle Demütigungsrituale auszuleben (Engelfried
2008: 62). So taucht das Thema Duschen bei vielen Diskussionen im Zusammenhang
mit Schwulsein auf und gipfelt in einer durch nichts mehr verbrämten
Beleidigung: „mit einem Analritter dusch’ ich nicht.“ (GD13)“

 

So weit dazu, wie man im zarten Alter von 16 Jahren in Duschkabinen in Homophobie hinein sozialisiert wurde, als man gerade entdeckte, was man begehrt – in der Tat ein Ort, wo einerseits permanent mit nasssen Handtüchern auf nackte Ärsche geklatscht wurde, das „schwul mich nicht an“ jedoch omnipräsent war.

Ist das nicht aber ein bißchen sehr reduziert gedeutet? Kam mir etwas sehr freundlich vor, diese „Angst vor Verletzlichkeit“ – wie kommen a.) Heten darauf, jeder Arsch würde einen anwesenden Schwulen interessieren und b.) wie kommt es zu der impliziten Unterstellung, man würde als Schwuler sofort rein stecken und losrammeln wollen? Die mögliche passive Rolle, das ist mir schon häufig aufgefallen, wird von Heten offenkundig gar nicht in Erwägung gezogen, sondern mutmaßlich ein Modell projiziert wird, das einer aktiven Vergewaltigungsdrohung gleich kommt. Wie kommen die wohl auf so was?

Des weiteren ist diese Scham, plötzlich einem potenziell „sexuellen Blick“ ausgesetzt zu sein, anstatt selbst auf Ärsche zu glotzen, angesichts allseits beobachtbaren Männerverhaltens schon ein Kuriosum. Wieso wollen sie alles dafür tun, Subjekt zu bleiben, das Objekte konstituiert? Hier wäre tatsächlich Sartres Intersubjektivitätstheorie zu erläutern und mit Foucaults Machttheorie zu koppeln.

Vielleicht geht die Studie ja später darauf noch ein, dies alles verweist nämlich exakt auf die Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels, der analog zur „Critical Whiteness“ wichtig ist und oben ja ansatzweise vollzogen wird: Dass nicht die Frage, wie „Homosexualität entsteht“, sondern die Frage nach heterosexuellen Selbstpraktiken und Selbstverständnissen die entscheidende, Heterosexualität also Sujet zu sein hat, will man etwas über Macht- und Gewaltverhältnisse und Pathologien erfahren. Und das im Falle von Männern und Frauen je unterschiedlich.

Nichts wäre banaler als diese Erkenntnis, und doch, wieso trägt sie in öffentlichen Diskussionen so selten Früchte?

Mir ist zudem unverständlich, was daran so schlimm sein soll, wenn einem jemand auf den Arsch glotzt – wenn da nicht diese Vergewaltigungsdrohung von den oben interviewten Heterosexuellen gleich mit antizipiert wird, so scheint es ja zumindest. Nicht, dass mir noch das allzu oft passieren würde,  das man den meinen noch wohlwollend betrachtet; in Zeiten, da es durchaus häufiger vor kam, habe ich es durchaus genossen – auch beim Blick von Frauen. Narzisstische Zufuhr. Klar, kann auch übel enden, das Spiel mit narzißtischer Zufuhr, das ist aber ein anderes Thema.

Wieso eigentlich ist es so schwer, eine Kultur der Erotisierung ohne Gewalt und Übergriffigkeit zu vollbringen? Fragen auch „Straßen aus Zucker“ … spannender Text! (Beides wie so oft via Mädchenmannschaft, wirklich ein prima und ungemein wichtiges Blog).

Polizeistaatliche Tendenzen in Hamburg

„“Die Lage wirkte fröhlich und entspannt“, berichtet ein Teilnehmer. Plötzlich aber fühlten sich die „Bullen“ doch von den Kühen angezogen und gingen mit dem Kampfstock „Tonfa“ auf die Herde los, andere setzten Pfefferspray ein.

„Die sind richtig mit Anlauf durch die Menge gerockert“, sagt ein Augenzeuge. „Dabei war ich schockiert, wie brutal die Beamten vorgingen“, sagt ein anderer „Wie wild schlugen sie auf die Menschen ein“. Einige Verletzte mussten notärztlich versorgt werden.“

Wie schrieb neulich irgendwer irgendwo? Wenn man die erst mal aus ihrer Kaserne lässt … eine ehemalige Senatorin, wenn ich mich recht entsinne, verglich das Auftreten der Polizei in Hamburg gegenüber der Bevölkerung mit jenem einer Besatzungsmacht.  Zumeist wird deren hochaggressives Ausagieren von Weißderkuckuckwas auch nicht geahndet, dann machen derlei „Adventure-Tours“ für testosterongesteuerte Staatsdiener vermutlich gleich doppelt Spaß.

Die Senatspolitik ist in bewährter Hamburger Tradition von Voscherau über Schill bis zu Schwarzgrün wohl weiterhin bemüht, Willkürspielräume zu erzeugen und zu erweitern. Die folgende Spukgeschichte hatte ich ja bereits thematisiert, „Recht auf Stadt“ weiß zu pointieren:

„Am Wochenende des 1. Mai hat die Hamburger Polizei in Erwartung der viel
beschworenen Mai-Krawalle ein großzügig bemessenes Areal, das außer dem
Schanzenviertel auch den größten Teil von St. Pauli-Nord sowie Bereiche von
Altona Altstadt  umfasste, zum so genannten „Gefahrengebiet“ erklärt. In diesem
konnten verdachtsunabhängig Taschen- und Personenkontrollen durchgeführt
sowie Platzverweise ausgesprochen werden.

Wie sich im Laufe der vergangenen Wochen immer mehr herausstellte, wurde von
diesen Repressionsmaßnahmen in einem Umfang Gebrauch gemacht, der mit der
Vorstellung eines  demokratischen Rechtsstaats nur schwer in Einklang zu bringen
ist.

So waren weite Teile des Schanzenviertels nur nach Personenkontrolle betretbar,
wurden Menschen und ihre Taschen routinemäßig gefilzt. Wegen Nichtigkeiten
wurden Platzverweise ausgesprochen, auch gegen Anwohner_innen für ihr
eigenes Wohngebiet. Einzelne Personen wurden stundenlang festgehalten, ohne
dass auch nur im Entferntesten eine Ordnungswidrigkeit oder gar ein
Straftatbestand vorgelegen hätte.

Um Opfer dieser willkürlichen Repression zu werden, reichte es schon,
jugendlichen Alters zu sein, nach Ansicht der Polizei „szenetypische“ Kleidung
(schwarze Pullover) mit sich zu führen oder „migrantisch“ auszusehen. Für fast
zwei Tage wurde das Schanzenviertel zu einer  Geisterstadt, in der de facto eine
Art Ausgangssperre herrschte und ganze Bevölkerungsgruppen unter einen
pauschalen und teilweise offen rassistisch motivierten Generalverdacht gestellt
wurden.“

Letzter Punkt wurde mir mittlerweile aus dermaßen vielen Quellen berichtet, dass es einfach nur erschüttert und entsetzt.
Das Schlimme ist: Es scheint sich kein Schwein dafür zu interessieren. Während in anderen europäischen Ländern der offene Widerspruch zwischen formaler, demokratischer Legitimation und de facto antidemokratischem Handeln der Exekutive die Menschen auf die Straße treibt, geht man hierzulande satt und bieder im Park spazieren mit frisch gebügelten Polo-Shirts und selbstgerechtem Blick und freut sich über Ruhe und Ordnung. Grabesruhe … Dank an die Kühe insofern, dass sie dieser etwas entgegen setzten!

Lasset uns lila Pudel sein!

Gibt offenkundig Prämierungen von rechts namens „lila Pudel“:

„Derzeit nimmt Kemper auf der Liste der „Lila Pudel“ (so die Bezeichnung der Männerrechtler für profeministische Männer)“Platz 136 ein.“

Das ist ja geradezu ein Kompliment. Und, was Kemper erforscht (war er das nicht auch mit „Klassismus“?), fügt sich geradezu bruchlos in Debatten andernorts wie auch hier seit Jahren schon ein:

„Die aktuelle ’neue Männerrechtsbewegung‘ in Deutschland kommt ideologisch eigentlich aus den USA. In Verbindung mit einem Anti-Political-Correctness-Diskurs ist sie in den 1990ern nach Deutschland gewandert. Heute kennen wir diese Haltung ‚man wird das wohl noch sagen dürfen‘ ja zu genüge: Sie ist auch anschlussfähig an rechte und antifeministische Diskurse.“

War ja auch in der Che-Debatte einmal mehr spürbar, diese nackte Angst, irgendwer könne mit ihnen eines Tages so umgehen, wie sie es gewöhnt sind, Anderen gegenüber Macht auszuüben, sie, die weißen, heterosexuellen Männer. Dabei hat das gar keiner vor, doch die bloße Vorstellung erzeugt nackte Panik … die kennen das halt so gut, diese Zurichtung, die sie selbst genüsslich alltäglich vollziehen. Nein, nicht alle.

Lustig auch die versatzstückhafte Kommentarsektion zum verlinkten Interview, kannte ich alle vorher schon.

Sommerpause. Dem Mulm die Macht entziehen.

Manchmal, aber nur manchmal. frage ich mich, ob sie noch unter der Südtribüne wabern – all die Erinnerungen, die Gefühle, die Eindrücke versunkener Ligen, die nach Spielen im Gemäuer mit Wintergarten, im alten Clubheim des FC St. Pauli also, sich tummelten. Das Entsetzen von Fussallmillionären angesichts DIESER Kabinen. Das mußtmaßlich Mulmige, das sie beschlich , bevor sie zu ihren Bussen schlurften. Diese würden mitten durch unsere gröhlende Crowd hindurch fahren, die Lieder sang wie „Und IHR wollt deutscher Meister sein?“ Weil ein Torwart patzte, so what, sie waren Sieger und wussten doch, dass sie insgeheim lieber auf Wiesen hinter bayrischen Gehöften Schweinshaxe grillten als im P1 der Lokalpresse Modell zu stehen. Obwohl doch Uli wacht, dass keiner berichtet, wer da wirklich mit wem knutscht, nachts zwischen 2 und 3 auf der Herrentoilette.

Ach, immer schon nur ein Traum, und doch, was Billig-Comics und Massenplastikware ebenso versprechen wie erlesenste Bootlegs aus den Clubs vergessener Dekaden, hey, mein Violent Femmes Bootleg aus einem Club in Kassel, ein Heiligtum, wie sie bei „Gimme the Car“ sich fast verloren und irgendwie doch durch die Bassläufe hindurch zurück zum Song fanden: Dieses Unterlaufen effenbergscher Seinsweisen und schlipstragender Formalismen, die sich an jedes Tabellenkalkulationsprogramm assimilieren wie der Wachs einst aus Kinderkrimimalromanen an den zu kopierenden Schlüssel, der dann doch nicht passte, diese Unterlaufen als Lebensgefühl
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