Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Unsortiertes zum Thema „Horror“ und zu Stephen King

Diese Figur bei Beckett, die während des Dramas immer weiter im Sand versickert und plappert, bis sie erstickt: Ist dies ein Moment, der genau so gut in den Horror-Comics anderer, sich über popkulturelle Mythenaneignung fortschreibenden Traditionen auftauchen könnte? Nur wäre es in solchen Werken Treibsand, und der Schrecken würde manifest ALS Schrecken behandelt?

Der „Faust“ gibt sich mystisch-religiös, ein Teufelspakt, hey!, der „Schimmelreiter“ lässt es geistern – doch, so sehr ich grübel, gibt es im Nachkriegsdeutschland, vor „vereint“ und danach, auch nur irgendetwas als relevant Kanonisiertes, in dem Motive der US-Horrorliteratur sich finden? Okay, der frühe Schlingensief. Ansonsten scheint mir, dass im vollends aufgeklärten, post-nazistischen Deutschland noch nicht einmal der meuchelnde „Hinterwäldler“ wirklich Sujet wurde – obgleich St. Paulianer verprügelnde Hansa Rostock-Fans auf Dorffesten dafür eine prima Vorlage lieferten. Mecklenburg-Vorpommern, wo könnte Horror besser spielen? Vielleicht kenne ich solche Werke auch einfach nicht.

Dann liest man, aufgesaugt vom Text und hinterher leicht schmutzig und doch von der Spannung getrieben sich fühlend ein Werk von Stephen King, in dem – wer „Sara“ lesen will, lese hier nicht weiter – eine schwarze Sängerin, Avantgarde des Blues zur Jahrhundertwende in seiner expliziten Form, eine Vorreiterin von „Hound Dog“, brutal vergewaltigt, dann ermordet wird, weil sie es wagte, sich im Maine von 1901 wie eine Weiße zu verhalten und diese noch da, wo sie drohen, einfach auszulachen: „Sara lacht“. Das nehmen ein paar Jungs aus Maine ihr übel, sehr übel, und furchtbar wird ihr Geist deren Nachfahren heimsuchen, denn Rache ist – verständlich – ihr Ansporn. Auch ihren Beeren sammelnden, 8jährigen Sohn haben sie umgebracht.

Okay, wenn man 6 Millionen ermordete Juden in der eigenen Geschichte bestmöglich ignoriert, indem man wahlweise auf Israel starrt, Muslime als „vormodern“ geißelt oder „die Linken“, als noch mal die Anderen, ich meine nicht die Partei, nun auch noch für Antisemitismus haftbar macht, dann mögen solche Plots tatsächlich wie die Büchse der Pandora wirken.

Vielleicht sind der buchstäblichen Leichen zu viele im Keller, wo man doch Schwule meuchelte und malträtierte, unehelich Schwangere noch in den 50ern in den Selbstmord trieb und Hereros abschlachtete, Osteuropa platt machte, Euthanasie betrieb (in US-Horrorfilmen sind Folter-Praktiken in Psychiatrien häufig Thema) – trotzdem: Ist das, was ein Stephen King von „Carrie“ an durchprobiert, nämlich Literatur, die die Rache der Marginalsierten zelebriert, hier als Genre überhaupt vorstellbar?

Wo Homophobe schon aufgebracht die ETA auf einen projizieren, wenn man sich weigert, Objekt ihrer „Toleranz“ zu sein und stattdessen als Subjekt Grenzen setzt, unterbindet, SIE hinterfragt, so dass sie alles dafür tun, weiter permanent als Richter und Gutachter über DIE ANDEREN zu quatschen, um sich der eigenen Normalität zu versichern? Wo schon Verlautbarungen Volker Becks zum Antisemitismus in der Linkspartei reichen, in Facebook-Kommentarsträngen queer.de zur finsteren Macht zu beschwören und DIE SCHWULEN unter den Verdacht des Denunziantentums zu stellen?

Was ginge wohl ab, würde man UNTERHALTUNGSLITERATUR schaffen, in der die schwarzen Frauen aus Völkerschauen auf dem Spielbudenplatz, denen halb Hamburg am Arsch herum grabbelte, zu Killern werden, die mit eben diesem Hintern ihre Peiniger meucheln und ersticken? Würde ProSieben die Verfilmung senden?

Wenn die zu „Stadtreinhaltungszwecken“ verfeuerten Opfer aus Mölln den biederen Brandstiftern jede Nacht im Schlafzimmer erschienen, bis diese sich selbst abfackelten?

Wahrscheinlich würde das Handlungsaufforderung missverstanden; neben der Volkshochschulhaftigkeit ist jegliche Verarbeitung hierzulande unerwünscht.

Wenn statt der so beruhigenden Stolpersteine – „zum Glück sind die tot und stören uns nicht, während wir uns ins Güte inszenieren“ – die Opfer wiederkehrten und die Städte aufmischten?

Mit solchen Plots verkauft Stephen King weltweit Millionen Bücher, auch in Deutschland, wahrscheinlich, weil man sich am vermeintlich „Primitiven“ der US-Kultur und ihrer Comic-Mythologie so schön distanziert laben kann als überlegen. „Elvis Presley konkurriert doch nicht mit Schönberg!“

Die Amis waren ja schon immer Rassisten, aber WIR?

Wenn in ES die Marginalisierten, „der Club der Verlierer“, das aus Versehen aus dem Makrokosmos in unsere Welt gewanderte Böse besiegen, der Stotterer, der Jude, der Schwarze, der Brillenträger, und das erste Opfer dieses Bösen ein Schwuler ist, dann liegen Möglichkeiten offen, die, hierzulande genutzt, ein Potenzial bergen, das wohl Hysterie bei den Lesern und Zuschauern verursachen würde.

Der einzige mir bekannte „einheimische“ Horror-Plot, der auf Leinwand in den letzten 25 Jahren Erfolge feierte, man korrigiere mich, wenn ich etwas nicht mitbekommen habe, ist „Anatomie“, wo natürlich DIE ANDEREN, eben eine nazistische Mediziner-Sekte, Kristina Schröder wurde aus diesem Geist geboren, Nazis sind ja immer DIE ANDEREN, Pink Swastika, „Koran = Mein Kampf“ , als das Böse erscheinen, wie praktisch, während heteronormativ Lebende diese bekämpfen.

In Teil 2 wird Migration tatsächlich Thema, aber eben in der Opfer-Form, wenn ich mich recht entsinne. Aber, selbstkritisch: Würden nicht wir, die Wächter der PC, sofort aufspringen und uns darüber aufregen, dass nun die Schwarzen, „Migranten“, Schwulen, Frauen PSI-Killer würden?

Nicht, wenn man es wie Stephen King macht – der zeichnet die Welt der aggressiven Spießer, in der sie zu Gespenstern werden, als notwendige Voraussetzung. Die Rachegeister sind ABKÜNFTIG einer nur scheinbaren Normalität, die harsch destruiert wird, IN DER SELBST der Horror wohnt.

Buttgereit begann sein Werk mit dem Führer-Bunker, der dominiert halt, wenn die ganze Nation verzückt ist, dass man in „Der Untergang“ den Hitler so menschlich zeichnet, Lars von Trier lässt grüßen – aber sonst belässt man dergleichen lieber in der Ästhetik der Romantik, dem Schauerroman, das „kalte Herz“, Gebrüder Grimm, wenn solche Stoffe das Licht der Öffentlichkeit erblicken und Sylter Geister-Mythen die Primetime auf Privatsendern füllen. Immer in der gleichen Heimatfilm-Struktur: Das Böse dringt von außen ein in eine heile Welt voller fortpflanzungsbereiter, junger, weißer Menschen.

Bei Stephen King hingegen ist diese Idylle das Trügerische, das Böse erwächst aus den Riten kleinstädtischer Communities, ist deren Zerrbild – und, ganz in der Tradition von „Freaks„, die Ausgegrenzten, Malträtierten schlagen zurück.

Kein Wunder, dass sich an so was hier keiner ran traut (wie gesagt, vielleicht ist mir etwas entgangen, immer her mit den Korrekturen) – halt, ein Gegenbeispiel fällt mir ein: „Der Besuch der Alten Dame“. Kein Horror, aber …

Da sollte man weiter machen … und wem andere Beispiele einfallen, noch einmal: Immer her damit.

Denn diese ganze Begeisterung für das Abstrakte, den zerschmetterter Sinn bei Beckett und Anderen, den die Adorniten pflegen, könnte ja auch darin begründet liegen, dass exakt mit solchen Sujets man sich NICHT auseinander setzen möchte … zumindest nicht in der Kunst. Und schon gar nicht unterhaltend …

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46 Antworten zu “Unsortiertes zum Thema „Horror“ und zu Stephen King

  1. MartinM Mai 27, 2011 um 1:17 pm

    „(…) trotzdem: Ist das, was ein Stephen King von „Carrie“ an durchprobiert, nämlich Literatur, die die Rache der Marginalsierten zelebriert, hier als Genre überhaupt vorstellbar?“
    Ja! Allerdings bleibt das bei uns, wie so vielen, auf der Ebene der trivialsten Trivialliteratur stecken (die „Gruselkrimi“-Heftromane der 70er Jahre sind voll von solchen Motiven, allerdings leider sehr oft auf einem stilistisch gruseligem Niveau), oder der Fan-Subkultur verhaftet (zuerst in offensichtlicher Nachahmung des großen Vorbildes King, aber später auch immer mehr in der Übertragung kingscher Motive auf deutsche / europäische Verhältnisse).
    Sagen wir es mal so: dieses Sub-Genre ist in Deutschland offensichtlich nicht „mainstream-fähig“ – und (was grundsätzlich etwas anderes ist) auch nicht „literaturfähig“. Weshalb es nicht „mainstream-fähig“ ist, ist leicht einzusehen in einer Gesellschaft, die nicht zuletzt von Selbstgerechtigkeit zusammengehalten wird. (Das „Böse“ kommt in Mainstream-Deutschland stets von „außen“ und von den „Rändern“, und die Rebellion von „unten“ wird gefürchtet und verdrängt.) Weshalb es nicht literaturfähig sein soll, stellt mich dagegen vor ein Rätsel. (Wie so vieles im Literaturbetrieb.)

  2. MartinM Mai 27, 2011 um 1:43 pm

    Eine Marginalie: der m. E. wichtigste deutsche Heftroman-Horror-Autor der 60er bis 80er Jahren, Jürgen Grasmück, alias „Dan Shocker“ war schwer körperbehindert. Er litt an progressiver Muskelschwäche, war seit seinem 16. Lebensjahr Rollstuhlfahrer und starb 2007 im Alter von 67 Jahren. (Kurzbiographie: http://www.zauberspiegel-online.de/index.php?option=com_content&task=view&id=3621&Itemid=147 ). Ich habe Jürgen selbst nie näher kennengelernt, kenne aber Menschen, die mit ihm befreundet waren. Danach verweigerte er sich der üblichen „Schwerbehindertenrolle“ (die eine Außenseiterrolle ist) und forderte sehr selbstbewusst Rechte ein: Wenn z. B. ein Autorentreffen in Räumlichkeiten stattfanden, die nur über eine steile Treppe zu erreichen waren, dann bittete er nicht lange, moserte auch nicht in dem Sinne, dass man doch an barrierefrei zugängliche Räume hätte denken müssen, sondern forderte freundlich, aber bestimmt: „So, ihr vier da, ihr seht kräftig aus, tragt mich da hoch“.

  3. momorulez Mai 27, 2011 um 1:51 pm

    Ah, Danke für die Infos! Unser Gesamteindruck bleibt somit aber ähnlich 😉 …

  4. Sonnenstrahl Mai 27, 2011 um 5:01 pm

    Mit Horror kenne ich mich nicht aus, außer vielleicht an einigen Stellen dem unheimlichen kalten Horror der Mehrheitskultur, beispielsweise den verachtenden Blicken vertrocknender Rentnerinnen aus besseren Stadtteilen, die dir „ich ruf die Polizei!“ hinterherrufen, was etwas merkwürdig Zombiehaftes hat. Oder der kalte Horror einer vom Standpunkt des Ausgeschlossenen vorwiegend als feindlich wahrgenommenen Stadtumgebung, die sich selbst und diejenigen, die in ihr leben müssen, fast vollständig auf Konsum ausgerichtet hat, in ihren Cafés, Clubs, Einkaufzentren und Shoppingmeilen. Oder dem kalten Horror der selbstzufriedenen Ignoranz einer wohlverdienenden kinderreichen Familie, deren Kinder dir einen ganzen Quadratmeter des mühsam errichteten Gartens gründlich platt trampeln, weil sie sich beim Essen im Café mit ihren Eltern ansonsten langweilen würden, wo du fast schon angespuckt wirst, weil du als Schadensersatz zwei Euro zu verlangen wagtest. Aber der Eindruck, so real er auch war, und so sehr er dich in einem Moment zu kränken in der Lage war, der täuscht zugleich darüber hinweg, dass die Stadtumgebung eben nicht nur feindlich ist, dass wohlhabende Rentnerinnen nicht allesamt asoziale, feindsinnige Zombies darstellen, dass Cafébesucher nicht nur deinen Garten zu zerstören versuchen, sondern, schon am nächsten Tag, da spricht mich ein 25jähriger Mann an, mich in meinem Gammeloutfit, der durch Gartenarbeit zusätzlich eingesaut ist, ob ich das ehrenamtlich mache, ob die Stadt den kleinen Straßengarten nicht einfach platt machen würde und es entwickelt sich ein nettes Gespräch, ich ermuntere ihn, es vor seiner Haustür ebenfalls zu versuchen und er gibt mir einfach mal so 1,50 Euro als Belohnung, woraufhin ich ihm die Schönmalve widme, die die nächsten Jahre am großen Baum emporranken soll.

    Ich will damit sagen, vielleicht sind die Gegensätze in Deutschland der Gegenwart nicht ganz so scharf und unversöhnlich, verglichen mit den USA jedenfalls, damit sich auf diesen Realitäten ein gleich scharfer Horror entfalten kann. Dazu kommt, das Verhältnis unserer Gegenwart und unserer horrorhaften Vergangenheit ist trotz mancher Kontinuitäten vor allem vom Bruch geprägt, und sei es, der gewollte Bruch, das Abtun und Verleugnen, bei dem das Instrumentalisieren die höchste Vervollkomnung darstellt. Aber der Bruch bleibt eben, und mag es nur ein gefühlter Bruch sein, und damit fehlt das Bindeglied, um eine entsprechende Horrorgeschichte, die all diese Dinge thematisieren würde, innerlich nachfühlbar und plausibel bzw. geradezu lebenswirklich zu gestalten.

    Ist nur eine Idee. Ich weiß nicht, wieviel daran dran ist.

    Außerdem kommt da vielleicht auch das typisch Deutsche Trennen von E und U dazu, sodass der plakative Horror in der Art eines Stephen King bei uns, ich denke, schlechtere Entwicklungsbedingungen hat.

    Kennt jemand die comic-hafte Verfilmung von Hell Boy vielleicht? Ich mag sie sehr, und halte sie für ein schönes Beispiel für etwas, was es in bzw. aus Deutschland nicht geben kann. Okay, diese Assoziation passt nicht so perfekt zum Thema, aber, nun, vielleicht ja doch.

  5. Sonnenstrahl Mai 27, 2011 um 5:36 pm

    Oh, und noch eine Idee dazu, die ich ausnahmsweise für wirklich hilfreich halte. Es ist nämlich so, denke ich, daß der Gegensatz zwischen Gut und Böse, der ja auch eine Voraussetzung für Horror ist, gerade in den USA eine gänzlich andere kulturelle Bedeutung hat. Was uns als ungeschlacht gilt, als Verkennung der feinen Grau und Zwischenstufen unseres Seins, ist dort Teil der kulturellen DNA, oder wo nicht, doch ein lebendiger Kampfgrund und damit auch Literaturanlass zum Beispiel in Auseinandersetzung mit der religiösen Rechten, die es bei uns in dieser Form nicht gibt. So ist in den USA sehr schnell der Terrorist ein Horrorwesen, das im Rahmen dieser kulturellen DNA nur in seiner Irrationalität, Boshaftigkeit und Fremdheit begriffen werden kann, der Gewaltverbrechner kaum weniger, der politische Gegner wird zum Monster überhöht, erst recht der internationale politische Gegner, sei es Chavez, sei es Russland oder die an Stelle Russland gesetzte Angst vor einem weltweiten Islamismus, der angeblich nichts anderes vor hat, als den weißen, angeblich vorbildlich liberaldemokratischen Kapitalismus der USA, der für die Welt ein leuchtendes Vorbild sei, zu Fall zu bringen, sodass also überall in der Welt islamistischen Nester, Feinde der USA und ihrer Art des Seins, bestehen und auszuräuchern sind. Ich überzeichne es ein wenig, aber dieser kulturelle Irrsinn, der sich mitunter auch bei uns findet, aber nicht in diesem Ausmaß, bildet für Horror, für die reflektierende Kultur eine Folie – die wir einfach nicht haben. Wir haben auch nicht die alltägliche Bedrohnung durch Waffenbesitzer und in diesem Maße die alltägliche Angst der Amerikaner, Opfer einer bewaffneten Auseinandersetzung zu werden. Was bei uns, beispielsweise der Stadtteil St. Pauli, ein Ort des touristischen Interesses ist, wäre in einer amerikanischen Großstadt, ich meine ich übertreibe hier nur wenig, eine Nogo-Area, die allenfalls in Todesfurcht durchquert wird.

    Neben dem alltäglichen Kulturhorror der manichäischen Betrachtungsweise von Outlaws, Verbrechern, Außenseitern und Gegnern, einem überzeichneten Gutbösegegensatz, ist es vielleicht tatsächlich der Unfreiheit erzeugende freie Waffenbesitz, der eine Grundlage für einen von vielfältigen Horrorgefühlen und Verbrechensängsten durchwirkten amerikanischen Alltag bildet, damit auch zugleich eine bessere Grundlage für literarischen Horror.

    Beim spezifisch deutschen Horror müsste man wohl eher von Rosamund Pilcher, verdummender Volksmusik und Traumschiffserien mit Gutwettergarantie im Hauptprogramm sprechen, was, so hoffe ich es jedenfalls, wiederum in den USA eine Unmöglichkeit darstellen würde.

    Was, wenn es so wäre, ich kann das nicht richtig beurteilen, wiederum für die kulturelle Überlegenheit der USA spricht. Was ist das für ein Land, das nach zigmillionenfachen Mord und einer Perfektionismus anstrebenden Mordmaschinerie, keinen Mainstreamhorror kennt, dafür aber an jedem Abend den Pilcherismus, pseudoreale Dämlichkeiten und ein Musikfernsehen, das sich reinweg nur an Blöde richtet?

    Es ist mein Land. Ach, und Fernsehen, das tue ich nur im Notfall. So furchtbar. DAS ist deutscher Horror!
    😉

    Ernsthaft, wenn untote Musikantenstadler sich über ein Kreuzfahrtschiff hermachen würden, um diese grässlich zu meucheln oder in Untote verwandeln, während sie gemeinsam mit einer untoten Sabine Chrisiansen bzw. einem beliebigen Verbandschef der Wirtschaft musizieren und kommentieren, dann anschließend von Hafen zu Hafen fahren, schließlich in Hamburg beim Hafengeburtstag anlanden und der Stadt und ihren Bewohnern den Garaus machen:

    Dieses Buch könnte man in Deutschland verkaufen. Der Plot würde bei uns funktionieren, weil viele diesen Horror tief nachfühlen könnten. Ich jedenfalls könnte es.

  6. Sonnenstrahl Mai 27, 2011 um 5:43 pm

    Boah, fast eine Stunde geschrieben, fantasiert und nachgedacht. Hat Spaß gemacht! 🙂

    Danke für die Vorlage, Momorulez und MartinM!

  7. MartinM Mai 27, 2011 um 7:56 pm

    >>“Ich will damit sagen, vielleicht sind die Gegensätze in Deutschland der Gegenwart nicht ganz so scharf und unversöhnlich, verglichen mit den USA jedenfalls, damit sich auf diesen Realitäten ein gleich scharfer Horror entfalten kann.“<<
    Ich vermute eher nicht. Auch im US-Alltag sind die Kontraste wohl meistens nicht so scharf wie im absichtlich scharf überzeichnenden Horror oder (auch ein "typisches US-Genre") in "Hardboiled Detective"-Stories. Was nicht heißt, dass diese scharfe Zeichnung unrealistisch wäre. Hingegen habe ich in der deutschen Mainstream-Kultur oft den Eindruck, dass statt des Kontrastverstärkers eher der Weichzeichner eingesetzt wird. Eine Konsenskultur, harmoniebedürftig und konfliktscheu. Horror passt da nicht rein, jedenfalls nicht dann, wenn er in Deutschland spielt, "harte Krimis" auch nicht – die kommen in Deutschland aus dem angelsächsischen Raum oder aus Skandinavien, in Deutschland blüht dafür das Genre des "Heimatkrimis" – der gut sein kann, sehr oft sozialkritisch ist, den ich also gar nicht gering schätzen möchte – nur: abgründig, hart, ambivalent, elementar verunsichernd, das ist er meines Erachtens nur sehr selten.
    Anderseits: Rosamund Pilcher ist Britin, stammt also aus einer Kultur mit ausgeprägter Horror-Tradition. Wobei ich mit Brian W. Aldiss der Ansicht bin, dass der Horror einerseits in den scharfen Klassengegensätzen des Victorianischen Zeitalters wurzelt , anderseits in der deutschen "Schauderromantik" ("German Horror" war im 19. Jahrhundert ein stehender Begriff). Pilchers Popularität beruht meines Erachtens nicht so sehr darauf, dass sie eine "heile Welt" mit überschaubaren und lösbaren Konflikten beschreibt, sondern in einer phantasierten Identifikation mit der Oberschicht. (In abgeschwächter Form trifft das auch auf das "Traumschiff" zu – oder "Inga Lindströms" pseudo-schwedische "Heimatfilme".) Es ist Eskapismus pur – genau das, was traditionell eher der phantastischen Literatur zugeschrieben und vorgeworfen wird!

    "Horror" ist übrigens meines Erachtens eher ein Stilmittel, als ein Genre. Es funktioniert zusammen mit Krimi, mit Phantastik (definiert als "das Phantastische bricht in unsere alltägliche Welt ein"), mit Fantasy (definiert als "das Phantastische prägt eine Welt, die nicht unsere alltägliche Realität ist"), mit Science Fiction (einer der m. E. besten Horrorfilme ist "Alien" – zugleich einer der besten SF-Filme). Bis auf das gut etablierte Kriminalgenre sind das bezeichnenderweise Genres, die es im deutschen Sprachraum nicht immer leicht haben.

  8. momorulez Mai 27, 2011 um 8:20 pm

    @Sonnenstrahl:

    Danke für die Co-Autorenschaft 😉 – meine ich ernst, freu ich mich drüber! Zudem der Horror untoter TV-Unterhaltung z.B. auf Kreuzfahrtschiffen tatsächlich eine gut Plot-Idee darstellt 😀 …

    Ob ich die kulturellen Differenzen so ansetzen würde, darüber müsste ich eher noch mal nachdenken. Eher ahnend glaube ich, dass es Sphären in den USA-Massenkulturen gibt oder vielleicht auch gab, die freier sind in der Verarbeitung von Gefühlen, ohne dass gleich ein Sozialpädagoge um die Ecke kommt. Und dass zum Anderen eine Reflektion der je eigenen psychischen Dispositionen gerade in den B-Segmenten der Massenkulturen einfach umfassender möglich ist. Mögen auch manche Moral-Exzesse insbesondere der religiösen Rechten dort noch schärfer ausfallen als hiesige Biedermann-Anwandlungen, zumindest nach ’49 ist wohl unter einem bis heute andauernden Schockzustand bei gleichzeitiger Selbstgerechtigkeit hierzulande einfach nicht das gleiche Repertoire an Gegengiften zu allden Lügen entstanden. Vielleicht liegt das an den bisher noch nicht ganz so krassen Verwerfungen, kann sein. Vielleicht aber auch an einer permanenten Abtötung des „kolektiven Unbewussten“, weil man um dessen fürchterliche Auswüchse weiß.

    So eine literarisch duchdeklinierte Rachefantasie kann ja unglaublich heilsam sein 😀 – das musste ich mir individualpsychologisch erst beibringen, da nicht gleich furchtbar über mich zu erschrecken, sondern es mir zuzugestehen, so lange mir klar ist, dass ich es ja nicht unbedingt ausleben muss. Und da bietet gerade die Distanz, das Bonbonhafte, das U in angloamerikanischen Traditionen bedeutet, formal ein Repertoire, das Zugänge ermöglicht, das E gar nicht können kann. Da fehlt vor lauter Förstern und grüner Heide hier eine ganze Schmutz- und Schund-Tradition. Und ich bin den Amis immer sehr dankbar, dass sie uns eine alternative Gestaltungsweise lehrten.

  9. momorulez Mai 27, 2011 um 8:50 pm

    @Martin:

    Ich glaube, bei Pilcher hast Du recht – aber genau dieses sozialdemokratische Krimi-Verständnis im skandinavischen Raum ist ja eigentlich genau so furchtbar wie das, was hierzulande als „Sozialkritik“ auftritt. Und diese Fantasielosigkeit erst ermöglicht.

    Und ich würde da schon etwas vulgärpsychoanalytischer ran gehen – dass also Angst und Rache z.B. nur in ziemlichen profanen Formen in der hiesigen Tradition thematisiert wurden, verdrängte, emotionale Reaktionen. Und dass Aufklärung tatsächlich wie der weiß Kreis des Magier verstanden wird und somit alles nicht-rationalisierbare wahlweise nicht ernst genommen oder erst recht und im Grunde genommen viel schärfer diabolisiert wird. Die Romantik hat ja eben darauf reagiert, und dummerweise taucht diese Reaktionsweise wie ein jungianischer Schatten ständig in der Politik wieder auf, anstatt ein adäquates Storytelling zu ermöglichen. Außer bei Kafka 😉 …

    Dass nun gerade die Untoten, die Zombies, ein Voodoo-Import, trotzdem es ja auch die Wiedergänger hier gab, so populär sind, ist ja nur ein weiterer Beleg für die jeweilige Dimension des Verdrängten. Da waren hinsichtlich der ausgerotteten Kulturen die Deutschen insbesondere im Grunde genommen auch die Erfolgreichsten, was Vernichtung betrifft, andere Europäer aber auch – was hier an Sinti & Roma-Kulturderivaten oder auch keltischen Strömungen ominipräsent ist, ohne dass die Leute wüssten, wo es her kommt, ist ja auch bemerkenswert. Die Amis wissen wenigstens noch, wem sie den Blues und Voodoo verdanken – was den Völkermord an den American Natives auch nicht besser macht. Der bei Stephen King ja auch oft Thema ist, siehe z.B. „Friedhof der Kuscheltiere“.

    Was mir bei der kürzlich einsetzenden, weiß gar nicht, wie das kam, Beschäftigung mit Stephen King auffiel, war, wie ungeheuer mutig das ist, über all das Übernatürliche und Aliens etc. zu schreiben. Ich würde mir das gar nicht trauen aus Angst, ausgelacht zu werden. Und das ist vermutlich typisch deutsch.

  10. bersarin Mai 28, 2011 um 12:15 pm

    @ Momorulez
    Eigentlich traue ich mich gar nicht, so einen langen Text hier einzustellen. Ich mache es aber trotzdem mal.

    Unterhaltung und Kunst: Dies ist eine Debatte für sich. Ich lasse das zunächst mal beiseite, weil es mir um etwas anderes geht, nämlich um Deine Beobachtung, daß es in der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte nichts gibt, was mit Grusel oder Horror zu schaffen hat, gemessen an der Literatur der USA.

    Um es zunächst bildungsbürgelich aufzuziehen: Im 19. Jhd standen in der Literatur die Gothic Novel oder die schwarzen Romantik gut im Kurs, eine Vielzahl von Romanciers schrieb solche Geschichten von Poe über E.T.A. Hoffmann bis Maupassant und noch Wilde spielt damit. Es wimmelte von Satan, von Undinen, Vampiren, von Geschöpfen der Zwischenwelt. Dies ist das letzte Aufbäumen der Transzendenz. Vorbildlich in der psychologischen Variante bei Hoffmann oder anders noch bei Baudelaire, wo sich die Immanenz und die Transzendenz bereits mischten und auf das deuten, was dann in der dunklen Literatur des 20. Jhds kommt. Das Unheimliche fand in der rasanten Epoche des 19. Jhds einen Ausdruck innerhalb von Mischfiguren, die teils dem Reich des Diesseitigen, teils dem anderen Reich entsprangen. Doch dieses Genre ist mittlerweile abgelebt. Mit dem Tod Gottes hat sich auch Satan zurückgezogen. Schon vor den zwei großen Brüchen des 20. Jhds: dem Ersten Weltkrieg sowie der systematischen, fabrikmäßigen Ausrottung der Juden gab es in der Literatur das Genre des Horrors nicht mehr, zumindest nicht als ernstzunehmendes Phänomen. Zumindest nicht in dieser Form wie im 19. Jhd. Es wanderte der Horror, der mit der Transzendenz operiert, der Objekte belebt, aus gutem Grunde, in die Unterhaltungsindustrie ab und wurde nach vorgefertigten Schemata der Suspense gestaltet und serienmäßig hergestellt. (Wieweit man darauf dennoch rekurrieren kann, bleibt eine andere Frage, die ich schon für wichtig halte, da zumindest sind wir uns wohl einig.) Interessanterweise fand das Moment des Horrors (als Berührung des Übersinnlichen mit dem Sinnlichen) im Film der Weimarer Republik noch einmal einen Ort als jener Horror als Transzendenz in der (deutschen) Literatur erlosch. Und eines der Bücher von Siegfried Kracauer heißt mit Grund „Von Caligari zu Hitler“. (Gut, es gibt die Phantastische Literatur, wie Meyrinks, Der Golem; wesentlich sind dieses Moment des Horrors oder des Grotesken aber in andere Kontinente abgewandert, so nach Süd- und Mittelamerika, wo das unter dem Titel „Phantastischer Realismus“ läuft.)

    Wie sich in der europäischen Literatur der Horror in der Form transformierte, zeigt sich par excellence bei Kafka. Die Hölle ist in die Immanenz abgewandert und hinter diesen Stand gibt es kein zurück. Die Hölle, das sind die anderen, um hier Sartre zu nehmen. Seine Konzeption von Intersubjektivität ist bei Kafka vorgezeichnet. Dagegen sind Spuk und das Einbrechen des Übersinnlichen abgelebte Phänomene. (In anderem Rahmen kann man auch Ibsen und Strindberg noch hinzuziehen. Und es will mir scheinen, daß dieser Wandel im Horror auch im Wandel der Kategorie des Bürgertums gegründet ist.)

    Das Eindringen des Bösen in die Welt ist dann ganz gelungen bei Th. Mann im „Doktor Faustus“ umgesetzt. In der Gegenwartsliteratur (der BRD) hat es sich allerdings verlagert, findet nicht mehr statt. Insofern wäre das in der Tat ein interessantes Romanprojket, diese Aspekte des Bösen, des Horrors, des Unheimlichen, des Fetischs (daß eben Objekte eine Belebung erfahren) anzugehen, ohne dabei in das Stereotype des Groschenheftes zu geraten. Etwas mehr als John Sinclair sollte dies aber schon sein, und nur Trash draufzupapen und das dazugehörige ironische Augenzwinkern mitzuliefern, reicht für ein gutes Buch nicht aus. Aber angesichts der seriellen Vernichtungen, des allgegenwärtigen Atomtodes, Arbeits- und Produktionsbedingungen, für die das Wort Horror harmlos klingt, bleibt eigentlich jeder Genreroman, der mit dem transzendenten Horror und den Fetischen operiert, hinter der Realität zurück. In der gesteigerten Abbildlichkeit, die über Schreckenstransformationen und -metaphern arbeitet, wird sich diese Sache technisch nicht bewältigen lassen. Dies zumindest ist meine Vermutung. Die Schriftsteller selbst werden darüber sicherlich bessere Auskunft geben können.

    Über die Steigerungsmechanismen und die Gruselwünsche im Bereich des Narrativen gibt Goethes Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ gut Auskunft. Sie bringt diesbezüglich einiges auf den Punkt. Und sie zeigt, weshalb diese Form des Horrors – möglicheweise – auch eine überlebte Form ist.

    Wichtiger als der Begriff des Horrors wäre in meinen Augen der des Unheimlichen. Als Gegenwartsautor, der das Unheimliche auf literarisch gelungene Weise zum Ausdruck brachte, fällt mir in einer ersten Assoziation Paul Auster. Oder aber Gert Loschütz, Dunkle Gesellschaft.

    Ich vermute zwar, daß Du diesen Kommentar als den eines typischen bildungsbürgerlichen Adorniten bewerten wirst, aber ich schreibe dies trotzdem hier hinein. Denn das Ausloten des Unbewußten, das Spiel mit Ängsten, Unheimlichkeit und Grauen reizen auch mich. Insofern ist Dein Hinweis auf die US-Amerikanische Kultur und deren Möglichkeiten, mit dem Mittel des Horrors zu spielen und ihn als Stil einzusetzen oder Genres darum zu gruppieren, völlig richtig. Faszinierend etwa, die Figur des Chigurh in Mc Carthys „Kein Land für alte Männer“; ein Mechanismus der Konsequenzlogik: einmal in Gang gebracht, nicht mehr aufzuhalten, radikal den Auftrag ausführend. Das genau verstehe ich unter dem Horror. Oder aber jene zwei Modellbauer Flower und Stone in Austers „Die Musik des Zufalls“. Gleichfalls auch Don DeLilos Der Omega-Punkt. Es ist dies zugleich auch eine Grusel- und Horrorgeschichte; allein über das Aufgreifen der Installation „24 Hour Psycho“ von Douglas Gordon (http://de.wikipedia.org/wiki/24_Hour_Psycho).

    Das Unheimliche kann am Ende nur auf Samtfüßen daherkommen, nicht aber mit dem Hammer des Satans gegen das Autoblech schlagen. Wobei: In Halloween, die Szene, wo Michael Myers in seinem weißen Gewand, gerade der Psychatrie entflohen, auf das Auto den Pärchens springt: das hat schon was. (Viele Lieblingsszenen finde ich in diesem Film. Dies kann nur der Film (als adäquates Medium) darstellen, und dort hat der Horror einen guten Ort gefunden.

    Weshalb aber sprichst Du im Hinblick auf Beckett über die Begeisterung für das Abstrakte und mokierst Dich über die Adorniten? Simon Beckett hat doch ganz handfeste Thriller geschrieben.

    Interessieren würde mich zum Schluß allerdings dennoch, was Du unter dem Begriff der Unterhaltung verstehst.

  11. momorulez Mai 28, 2011 um 12:47 pm

    Ich freue mich über jeden Kommentar von Dir, auch und gerade die langen!!!, und das Gezicke gegen adornitische Bildungsbürgerlichkeit betrifft ja immer nur einen Teilbereich. Dass ich superspannend finde, was Du schreibst, was der Nörgler schreibt, das wisst ihr doch.

    Danke schon mal für all die Hinweise, später mehr!!!

  12. momorulez Mai 28, 2011 um 3:21 pm

    Puh, das sind aber viele Aspekte … und ich steige ja nicht umsonst bei Beckett ein. Auch Leute, die in Mülltonnen wohnen, sind ja nicht nur Diogenes, sondern ggf. auch Mad Max.

    Und auch, wenn ich, glaubt ja hier keiner, durchaus schon Unterhaltung für ein sehr breites Publikum gemacht habe, finde ich sehr schwierig, zu sagen, was das ist. Spontan, und dafür krieg ich dann gleich wieder vom Nörgler auf die Nase, „großes Gefühlskino“. Puccini finde ich unterhaltsam, auch wenn ich bei der Butterfly immer heulen muss. Diese seltsame Befriedigung, die man findet, wenn man bei der Butterfly heult, ist der Effekt von Unterhaltung.

    Bei den Werken, die ich dann auch inhaltlich noch gewichtiger finde, tritt Humor und Reflexion hinzu. Was bei Stephen King der Fall ist. Und dann isses mir im Grunde genommen schnurz, ob das nun Kunst ist oder nicht, weil ich das, was es sagt und wie es sagt, sehr gut finde.

    Was ich an diesen Ami-Traditionen, auch den britischen, weil schon Shakespeare, die Rampensau, das hat, gut finde, ist, dass die eben nicht nur aus jenen Quellen saugen, die als „E“ hierzulande gelten, sondern auch mit John Sinclair viel anzufangen wissen. Ich bin ja doch sehr „camp“ geprägt, und Lynch‘ „Blue Velvet“ ist für mich schon ein Schlüsselerlebnis, weil der da eben nicht das, was als Filmkunst gilt, reflejpktiert, sondern das Trviale, das Melodram, und in der Mitte dessen wohnt die nackte Gewalt. Und das bringt der, auch in Twin Peaks, in einer ganz anderen Stilisierung, einer frecheren frischeren, angstfreieren Form ins Bild als ein Thomas Mann. Bei dem mir schon dessen Haltung und geschraubte Stilistik so auf die Nerven geht, dass ich ihn lieber unter „Kunst“ verbuche und ins Regal stelle und irgendeinen Thriller lese.

    Das Interessante bei einem King ist ja, dass der den Teufel und das Böse im religiösen Sinne außen vor lässt, obgleich er – z.B. in „Friedhof der Kuscheltiere“ – ganz große, metaphysische Fragen stellt. Trotzdem verbleibt er im Psychologischen, die Monstren und Geister sind in den mir bekannten Büchern immer etwas Abgespaltenes Eigenes aus dem Zentrum dessen, was alle leben, selbst ES. Und die EC-Comics liefern die Anregung, das zu behandeln.

    Die wären aber adornitisch gar kein mögliches Material, und das finde ich oft einfach verlogen und soziologisch naiv. Weil man so völlig ignoriert, was sie am Laufen hält, obgleich man doch vorgibt, dies zu analysieren. Das ist dann so ein intellektueller Heimatfilm, der draußen hält, was „unrein“ „entkunstet“ ist und die Massen verdirbt, indem es einfällt in heile Bildungsbürgerwelten. Und dieser sozialdemokratische Realismus, den wir beide hassen, Mankell macht mich irre, knüpft da mehr an das „Kulturindustrie“-Kapitel an , als dass Stephen King mittels dessen kritisierbar wäre.

    Alles übrigens auch ein Grund, warum mir Sartre näher ist als Beckett – der hat ja all den U-Trash geliebt und war voller Kino- und schlechte-Romane-Bilder. Irgendwer hat mal gesagt, er habe die Heideggersche Provinz urbanisiert.

    Natürlich ist all das nach der Shoah eigentlich unmöglich. Trotzdem stehen wir morgens auf, trinken Wein und wollen knutschen.

    Habe ich Dir jetzt eigentlich geantwortet oder nur referiert?

  13. MartinM Mai 28, 2011 um 3:28 pm

    @ momorulez: >>genau dieses sozialdemokratische Krimi-Verständnis im skandinavischen Raum ist ja eigentlich genau so furchtbar wie das, was hierzulande als „Sozialkritik“ auftritt. Und diese Fantasielosigkeit erst ermöglicht. <>Aber angesichts der seriellen Vernichtungen, des allgegenwärtigen Atomtodes, Arbeits- und Produktionsbedingungen, für die das Wort Horror harmlos klingt, bleibt eigentlich jeder Genreroman, der mit dem transzendenten Horror und den Fetischen operiert, hinter der Realität zurück. In der gesteigerten Abbildlichkeit, die über Schreckenstransformationen und -metaphern arbeitet, wird sich diese Sache technisch nicht bewältigen lassen.<<
    Das Genre Science Fiction arbeitete größtenteils mit Schrecken der Zukunft, die sich aus den von dir erwähnten Schrecken der Gegenwart folgerichtig ergibt – und sie bleibt dabei durchaus nicht hinter er Realität zurück. Sie vermeidet aber (meistens) Metaphern, sondern kommt direkt zur Sache: Ein Atomkrieg und seine Folgen z. B. wird als "noch nicht"-Ereignis geschildert; allerdings greifen SF-Autoren oft auf das Mittel der Parabel zurück, teils, um Zensur und "innere Zensur" zu überwinden, teils, weil die realen Schrecken das Maß des Vorstellungsvermögens der Leser / Zuschauer übersteigen. Der Horror darin ist zwar immanent, und nicht transzendent (es sei denn, in "SF-verbrämter" Form, als Mutanten, Außerirdische oder PSI-Talentierte getarnt), aber es gibt kaum eine Literatur, in der es so sehr um Schrecken geht, wie die SF.

  14. MartinM Mai 28, 2011 um 3:31 pm

    @ momorulez: „genau dieses sozialdemokratische Krimi-Verständnis im skandinavischen Raum ist ja eigentlich genau so furchtbar wie das, was hierzulande als „Sozialkritik“ auftritt. Und diese Fantasielosigkeit erst ermöglicht.“

    Ich mag dir da nicht ganz folgen. Sjöwall / Walhöö, als Begründer des politisierten „Schwedenkrimis“ griffen ja das „sozialdemokratisierte“ Schweden von links an – um den Preis aber, dass das düstere Bild des „schwedischen Wohlfahrtsstaates“ als im Kern repressiv und „Aussenseiter“ ausgrenzend und der faschistischen Tendenzen im schwedischen Sicherheitsapparat mitunter hart mit dem erlebten Alltag der Schweden kollidierte. Sie mussten „dick auftragen“, um ihre Kritik im Rahmen der Unterhaltungsliteratur „anbringen“ zu können, um den Preis, dass es unrealistisch wirkt. (Da wäre der Schritt einen phantastischen Roman zu schreiben, nur logisch.)
    Ich mag jedenfalls die Sjöwall / Wahlöö-Krimis gern, ich schätze (abgesehen von seinem Hang zur Selbstgerechtigkeit und politischen Besserwisserei) sogar Henning Mankel. Also durchaus nicht „furchtbar“. „Furchtbar“ ist allerdings die Art und Weise, wie bestimmten Krimi-Themen sozusagen nach Schweden oder die USA „ausgelagert“ werden – nach dem Motto: „bei uns ist es zum Glück nicht so schlimm“.
    Es fällt auch auf, dass die Ziele der Sozialkritik in „Tatort“-Krimis sehr oft nicht (wie etwa ursprünglich bei Sjöwall / Wahlöö) in der „Mitte der Gesellschaft“, sondern bei „Aussenseitern“ gesucht werden. Ein meines Ansicht nach sehr typisches Beispiel, das am Rande mit Horrorelementen spielt, also durchaus in diesen Kontext passt, war der Bremer ARD-„Tatort“ „Abschaum“ (2004), der die Themen „organisierter Kindesmissbrauch“ und „Satanismus“ verband. Die Täter sind Satanisten – und nicht etwa, was genau so logisch und wahrscheinlich realistischer gewesen wäre, Mitarbeiter eines katholischen Kinderheims oder eines reformpadägogischen Internats. Satanisten sind krasse Außenseiter – das „heiße Thema“ würde „kritisch“ angesprochen, ohne dass sich tatsächlich jemand in der behaglichen „Mitte“ beunruhigt fühlen muss. Anderseits verschenkte „Abschaum“ die thematische Steilvorlage, einen „Psycho-Krimi“ mit Horrorelementen zu machen, in dem die Satanisten eben für „das in der Alltagswelt Verdrängte“ stehen. Diese Art von „Sozialkritik, die nicht weh tut und nicht nachbohrt“ kann, da geben ich dir recht, durchaus furchtbar sein.

    @ bersarin: ich fürchte, du unterschätzt die „Trivalliteratur“ (und nicht vom Preis her – „Groschenhefte“ kosteten vielleicht vor 50 Jahren ein paar Groschen 😉 ) Nicht von ungefähr erwähnte ich Jürgen Grasmück – der massenweise klischeehafte Gruselkrimis ausstieß, manchmal alle zwei Wochen einen – der aber weitaus mehr Phantasie und psychologische „Tiefgang“ an den Tag legte, als die Massenproduktion unter Bedingungen der Kulturindustrie vermuten lässt. Um es deutlich zu sagen: er arbeitete unter Bedingungen, die ihn geradezu zwangen, Schund zu produzieren. Andererseits: seitdem die Heftromane an Bedeutung verloren haben, fehlt es in einigen literarischen Genres an talentiertem und motiviertem Nachwuchs, wie ich von Lektoren gehört habe.
    Wie dem auch sei: ich halte die Trennung zwischen „Trival“ und „Hochliteratur“ für zwar aus pragmatischen Gründen gerechtfertigt (anders als die Trennung zwischen „U-“ und „E-Kultur“, die in der Tat höchst fragwürdig ist), aber es wäre falsch, Comictexter oder Heftromanschreiber als bloße, nach Formeln arbeitende, Textproduzenten zu sehen. Steven King kam genau aus „dieser Ecke“.
    Unter anderen Bedingungen (etwa solchen, die es ihnen ermöglicht, sich für einen Roman auch mal mehr Zeit zu lassen) schreiben
    „Aber angesichts der seriellen Vernichtungen, des allgegenwärtigen Atomtodes, Arbeits- und Produktionsbedingungen, für die das Wort Horror harmlos klingt, bleibt eigentlich jeder Genreroman, der mit dem transzendenten Horror und den Fetischen operiert, hinter der Realität zurück. In der gesteigerten Abbildlichkeit, die über Schreckenstransformationen und -metaphern arbeitet, wird sich diese Sache technisch nicht bewältigen lassen.“
    Das Genre Science Fiction arbeitete größtenteils mit Schrecken der Zukunft, die sich aus den von dir erwähnten Schrecken der Gegenwart folgerichtig ergibt – und sie bleibt dabei durchaus nicht hinter er Realität zurück. Sie vermeidet aber (meistens) Metaphern, sondern kommt direkt zur Sache: Ein Atomkrieg und seine Folgen z. B. wird als „noch nicht“-Ereignis geschildert; allerdings greifen SF-Autoren oft auf das Mittel der Parabel zurück, teils, um Zensur und „innere Zensur“ zu überwinden, teils, weil die realen Schrecken das Maß des Vorstellungsvermögens der Leser / Zuschauer übersteigen. Der Horror darin ist zwar immanent, und nicht transzendent (es sei denn, in „SF-verbrämter“ Form, als Mutanten, Außerirdische oder PSI-Talentierte getarnt), aber es gibt kaum eine Literatur, in der es so sehr um Schrecken geht, wie die SF.

  15. bersarin Mai 28, 2011 um 3:55 pm

    Nein, Du hast mir geantwortet und sehr interessant sogar. Ist der schönste Satz Deines Beitrags nun „Trotzdem stehen wir morgens auf, trinken Wein und wollen knutschen.“ oder ist es der Verweis auf Lynch? Was Du zu Lynch schreibst, sehe ich ganz ähnlich. Ich bin beim Filmgucken fast durchgedreht, war völlig euphorisiert als ich in den späten 80ern diesen Anfang von Blue Velvet sah. (Und daß es kurz danach eine Phase gab, wo ich Franks Atmung nachmachte, brauche ich sicher nicht zu erwähnen.) Es kam seinerzeit in der Filmkritik dann die These auf, dieser Film sei Kitsch, was ich für Blödsinn halte. Bzw.: Wenn das Kitsch ist, dann kann ich damit gut leben. Gleiches bei Twin Peaks. Horror und Alltäglichkeit und dann noch eine Fernsehserie innerhalb einer Serie. Ich habe immer vorgehabt, dazu mal was bei mir zu schreiben. (Und da alle, die ich kenne, in dieser Serie erotische Lieblingsfiguren haben, würde mich die Deine interessieren – Insofern Du die Figuren noch präsent hast.)

    Interessant ist dabei, daß sich gerade bei Twin Peaks Menschen über diese Serie einig sind, die sich in ästhetischen Fragen sonst in gar nichts einig sind.

    E und U spielt für mich insofern keine Rolle, weil ich mich bei einem Werk immer frage: Wie ist es gemacht? Da gibt es beim Film natürlich Grenzen, weil der Aspekt des rein Unterhaltsamen nun einmal nicht wegzudenken ist. 90 oder 120 Minuten im Kino unter dem Gesetz kapitalistischer Produktion: da müssen schon einige Menschen zuschauen, damit sich der Film rechnet. Und insofern kann ich auch dem sogenannten trivialen Film, wie etwa dem ganz banalen Western oder eben einem Film wie Mad Max etwas abgewinnen: Es sind Mythen, die erzählt werden. Diese gilt es zu dechiffrieren. Das herauszulesen, was hinter den Bildern steht; die verborgene Geschichte des Films.

    Trotzdem: ich teile – in einer furchtbaren Ambivalenz und hin und her gerissen – zugleich die Thesen Adornos über das Kino: nicht daß man aus jedem Konobesuch dümmer herauskäme, das ist falsch, seit Pabst, Eisenstein oder Godard oder dem surrealistischen Film. Sondern vielmehr die Befunde aus dem Kulturindustriekapitel. Da ist dann diese Kippfigur Adorno – Benjamin. Müßte ich auch noch mal zur Darstellung bringen.

    Und für heute abend habe ich mich zum Weintrinken entschieden. (Mit dem Knutschen wird‘s erst mal nüscht.)

  16. bersarin Mai 28, 2011 um 4:11 pm

    @MartinM
    Jürgen Grasmück: „er arbeitete unter Bedingungen, die ihn geradezu zwangen, Schund zu produzieren.“ Gut, mag sein, aber dann bleibt es eben Schund. Ich lese gerne alles und lasse mich auch vom Gegenteil überzeugen. Insofern müßte ich mir, wenn ich Zeit hätte, diese Texte vornehmen. Ich vermute jedoch, daß in meiner Analyse nicht viel Gutes am Text bliebe. Aber das ist eine Mutmaßung.

    Nebenbei: Sjöwall / Walhöö sind gute Texte. Und auch die Hard-boiled-Story ist eine Sache für sich da kann man drüber reden. Im Rang werden diese Texte nicht auf der Höhen Flaubert, Joyce, Kafka, Proust, Dos Passos, Faulkner, Beckett liegen, doch sei es drum.

  17. Nörgler Mai 28, 2011 um 7:11 pm

    „Er arbeitete unter Bedingungen, die ihn geradezu zwangen, Schund zu produzieren.“
    Dazu war Balzac auch gezwungen.

  18. momorulez Mai 28, 2011 um 7:18 pm

    @Bersarin:

    Knutschen wollte eben auch keiner mit mir 😉 – interessant ist, dass zwei Leute beim FC St. Pauli Sommerfest gleichlautend sagten, sie hätten den Eintrag oben nicht verstanden. Gar nicht kritisch, einfach als Feststellung. Darüber muss ich noch mal nachgrübeln, was das über ihn erzählt, über das, was in ihm drin steckt.

    Auch, was das Kulturindstrie-Kapitel betrifft, geht es mir ja eigentlich wie Dir: Alles falsch und alles richtig. Und ich komm nun auch nicht aus der Fiske-Ecke, die partout ständig in der Popkultur das Emanzipatorische wittern will. Ich glaube aber, dass das Triviale als Sujet wahnsinnig viel her gibt, und deshalb ist „Blue Velvet“ auch kein Kitsch, weil er ja Kitsch als Thema hat. Diese blöden Vögel, von der sie immer quasselt, da kann man sich ZUGLEICH weg schmeißen vor Lachen und weißt trotzdem, wie wichtig dieser Antrieb ist, dem sie folgt. Und genau diese, ja, lustvolle Aneignung des Trivialen ist etwas, das von Adorno und allen, die ihm folgten, völlig unterschätzt wurde, was aus der Zeitgeschichte herausja völlig verständlich ist – der reagierte immerhin auf Stalinismus und Nazismus. Trotzdem, harter Satz, ich schreib ihn trotzdem, stand Mengele an der Rampe und nicht Riefenstahl. Trotzdem haben Bürokraten die Maschinerie in Gang gehalten, auch die Unterhaltungsindustrie, aber eben auch die Wagons, und das war dann trotz allem nicht Heinz Rühmann, der den Zug fuhr. Da hat es in der älteren Kritischen Theoie, klassisch gesprochen, eine Vermengung von Basis und Überbau gegeben, die so nicht haltbar ist. Weil ha TROTZ der Produktionsbedingungen, die ich bestens kenne, auch anderes möglich WAR und auch ein Stephen King, den ich echt nicht unterschätzen würde.

    Ich glaube, widersprich mir, dass das die Hauptdifferenz ist: Ich entwickle das, was ich im weiten Sinne über Ästhetik schreibe und denke, weniger aus den kanonisierten Werken und der Theoriegeschichte heraus, die ich sehr achte, sondern aus den Gegenständen und bewege mich von da aus auf manches zu, auf anderes nicht. Und glaube gelernt zu haben, dass man bei Scooter mehr über die bundesrepublikanische Wirklichkeit lernt als bei den Neubauten, im Guten wie im Schlechten.

    @Martin:

    Ich tendiere zunehmend dazu, diese „gut gemeinte“ Quasi-Soziologie als störend zu empfinden, weil sie verkleistert. Sjöwall/Wallöhist zu lange her, dieses erste „Verdammnis“-Buch mochte ich durchaus, auch was aus der Ecke, wo aber z.B. eine Rachefantasie sehr befriedigend durchgespielt wird 😉 – aber irgendeine Schicht der Erfahrung kommt dann nicht vor, die die guten Amis drauf haben, weil sie nicht eine Moral vorschalten. Das wird mir ja immer unterstellt, ich wolle die Ästhetik moralisieren, ich glaube auch, dass Moral in einem sehr weit verstandenen Sinne hinein spielt – aber GERADE bei Praxis, die sich dem Besonderen widmet, kann das schwer nach hinten los gehen.

  19. momorulez Mai 28, 2011 um 7:20 pm

    @Nörgler:

    Ich glaube, das ist nur die halbe Wahrheit 😉 – die Antwort zu Deinem Kommentar bei Bersarin kommt noch, die hatte ich schon halb fertig, als jemand anrief, dann kam ich nicht weiter, wegen der Bedingungen, unter denen ich arbeite.

  20. bersarin Mai 28, 2011 um 8:09 pm

    Also, für mich gab es da nichts, das man in Deinem Posting zweimal lesen müßte, was aber daran liegen kann, daß die Stammleser in den Bezügen besser drin stecken. Manches ist anspielungsreich, da muß man dann wissen, worum es geht und weshalb Du etwa mit Beckett einsetzt. Ok, Nörgler oder ich ahnen in etwa, welche Bezüge hier mitgemeint sind.

    Die Hauptdifferenz zwischen uns beschriebst Du richtig. Und ich muß sagen, daß ich mich schon gebessert habe. Während meines Studiums war ich derart antikulturindustriell, daß ich mit Freunden beständig Streit hatte. Jede Form von Popmusik war von Übel, selbst Linken, die Beastie Boys hörten, kreidete ich dies an. Ich galt als sehr elitär, versnobt und anstrengend, und es war kein Spaß, mit mir ins Kino zu gehen. Allenfalls wenn eine Frau sehr schön war, hielt ich aus taktischen Gründen meine Klappe 😉

    Was Du im Hinblick auf das sogenannte triviale Sujet betreibst, könnte man in gewissem Sinne als den Benjaminischen oder Kracauerschen Blick bezeichnen, und ich habe das seit einigen Jahren auch schätzen gelernt, versuche dies zumindest über den Film (jnd immer schon über die Photographie) noch herauszuholen. In der Musik geht das bei mir nicht mehr, weil mir die kompletten 90er und 00er Jahre des Pop fehlen und ich zudem kein Musikästhetiker bin. Wenn ich nicht bei Freunden (unfreiwillig) Pop gehört hätte, ich hielte Sonic Youth und Element of Crime für die einzigen Bands, die es gibt 😉

    Was das Triviale betrifft, aus dem sich Dinge herauslesen lassen, da liegen wir gar nicht so auseinander und was diese Passage betrifft:

    „Was ginge wohl ab, würde man UNTERHALTUNGSLITERATUR schaffen, in der die schwarzen Frauen aus Völkerschauen auf dem Spielbudenplatz, denen halb Hamburg am Arsch herum grabbelte, zu Killern werden, die mit eben diesem Hintern ihre Peiniger meucheln und ersticken? Würde ProSieben die Verfilmung senden?“

    Das ist ein sehr gutes Projekt. Wobei ich statt „Unterhaltungsliteratur“ „Literatur“ schriebe. Und da liegen dann über die Form doch die Differenzen, die womöglich nicht gering zu nehmen sind. Der Begriff der Unterhaltung ist mir eben zu angefressen.

    Zu Rühmann und Riefenstahl. Das ist richtig. Sie standen an anderem Platz. In diesen Dingen würde auch ich genaue Differenzierungen aufmachen. Wobei man immer dazu nehmen muß: wir machen das vom Heute her. Wenn Adorno vor Namen wie Jürgen und Horst den Abscheu hegte (Minima Moralia Aph. 123 „Der böse Kamerad“) und darin in Überspitzung und Pointierung die Tötungsmaschine aufblitzen sah, so überzeichnet er einerseits, aber zugleich in einer Weise, die einen Kern trifft. Es sind alle verstrickt in das Verhängnis, und was das schlimmste ist: es fehlte die Besinnung darauf. Daß Adorno hier das Besondere dennoch sieht, zeigen seine übrigen Texte. Aber in der Verdichtung und in der Übertreibung, in der äußersten Subjektivität liegt zugleich das Wahrheitsmoment. Und deshalb bleibt Leni eben Nazi-Leni. (Obwohl ich, das verrate ich aber nur Dir, bei ihrer künstlerischen Arbeit auch Produkte finde, die Faszination auf mich ausüben.)

    Zu Rühmann schreibe ich mal nichts, weil mich der Weißwein gerade so friedfertig macht. Es würde sonst ein sehr böser Text folgen.

  21. bersarin Mai 28, 2011 um 8:28 pm

    „Seine (Sartres) Konzeption von Intersubjektivität ist bei Kafka vorgezeichnet.“ So schrieb ich. Das ist sehr mißverständlich formuliert; fast möchte ich schreiben: falsch. Als ob Kafka irgendein Vorläufer wäre. Vielmehr ist er Dreh- und Angelpunkt, kein verborgenes Zentrum, sondern strukturierend. Sartre bezieht sich (allerdings nicht explizit) in der Konzeption und in der Problematik der Intersubjektivität auf Kafka, borgt von ihm. Dies wollte ich mit diesem Satz ausdrücken.

  22. momorulez Mai 28, 2011 um 8:41 pm

    Er borgt; ansonsten liest er das „Herr und Knecht“-Kapitel ebenso eigenwillig, wie er sich Heidegger, Faulkner, Dos Passos und Husserl aneignet. Lauter produktive Missverständnisse 😉 – der amerikanische Einfluss ist da aber nicht zu unterschätzen.

    Und über Rühmann wie auch Riefenstahl könnte ich ebenfalls viel Böses schreiben, wie ich ja Adorno da gar nix will, weil ich zumindest hinsichtlich der zeitgeschichtlichen Situation, aus der heraus er schreibt, vieles vollkommen verständlich und auch richtig finde.

    Ich frage mich nur mittlerweile oft, wie es kommt, dass, obgleich ja die Basis in mancher Hinsicht furchtbar ist, so viel Tolles in der Kulturindustrie entstehen konnte und würde deshalb die Basis-Überbau-Relation anders bestimmen , als es die ältere Kritische Theorie tat. Das ist aber was für Folgeartikel.

  23. bersarin Mai 28, 2011 um 8:55 pm

    „würde deshalb die Basis-Überbau-Relation anders bestimmen , als es die ältere Kritische Theorie tat. Das ist aber was für Folgeartikel.“ Ja, mach das mal. Ich widerspreche oder lerne da gerne, denke auch, daß das eine wichtige Angelegenheit ist. So wie ich Deinen Blog lese, sind viele Deiner Texte (zu einem Teil) ja auch eine Reaktion darauf.

    Auch über Deinen Horror-Artikel habe ich mich übrigens sehr gefreut, weil ich ihn mit Anregung gelesen habe und dies bei mir gerade diese Twin Peaks-/Lynch-Schiene trifft.

  24. che2001 Mai 28, 2011 um 11:23 pm

    Zu dem Komplex Krimis als Gesekllschaftskritik schreibe ich demnächst was, finde hier Gutes und zu Widersprechendes, bin aber zu leergefickt, um das heute Nacht noch aussprechen zu können, Gleiches gilt für mein Verhältnis zu US-und BRD-Literatur (bin da eher zwischen France und GB angesiedelt, und SF- und Comic fixiert), aber zum Kulturindustrie-Kapitel würde ich doch mal sagen: Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob man das als Kritikbaustein ansieht oder nach dem Prinzip „Danach kann nichts mehr kommen. Ist ja eines meiner Hauptthemen, dass die Kritische Theorie und die DDA selber historisch bedingt und bestimmt ist. Selbst die Bibel ist im Ursprung nur eine Begegnung aus jüdischer Tradition, Hellenismus und Gnosis.

  25. alterbolschewik Mai 29, 2011 um 7:51 am

    @momorules: „Elvis Presley konkurriert doch nicht mit Schönberg!“ Dieses Zitat aus aus einem Kommentar drüben bei Bersarin war in genau dem gegenteiligen Sinn gemeint, in dem Du es zitierst (was schon daraus ersichtlich wird, daß mir der Nörgler sarkastisch zugestimmt hat). Was ich damit meinte ist, daß das Formgesetz, das in gelungenen Werken von Elvis waltet, ein völlig anderes ist, als das in einer Schönbergkomposition. Gerade die Freunde der adornoschen Kunsttheorie sollten sich eher bemühen, aus der Immanenz des Werkes die Kriterien schöpfen, anhand derer sie es beurteilen wollen. Die „gröhlende Gefolgschaft des Elvis Presley“ (Adorno) hat genauer zugehört und die in einem Stück wie „That’s alright“ waltende künstlerische Autonomie erkannt als diejenigen Verächter, die darin nur a priori kulturindustrielle Heteronomie erkennen wollen, ohne auch nur zuzuhören. Mit anderen Worten: Ich halte den King wirklich und ohne jede Ironie für einen der verkanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts.

    Was Horror betrifft bin ich ganz Deiner Meinung und würde hier noch gerne Dan Simmons in die Runde werfen. Sein Carrion comfort ist einer der ganz, ganz großen Romane. Wahrscheinlich wäre es in keinem anderen Genre möglich gewesen, die Notwendigkeit des Eingedenkens der Shoa literarisch zu gestalten. Man könnte stundenlang und erbittert darüber diskutieren, ob das überhaupt geht und ob die Art und Weise, wie Simmons das macht, wirklich gelungen ist oder ob er an seinem selbstgesteckten Anspruch scheitert; aber allein, daß die Diskussion möglich ist beweist den literarischen Rang dieses Buches. Und ja, eigentlich hätte dieses Buch von einem deutschen Autor geschrieben werden müssen, aber es ist bezeichnend, daß es ein Amerikaner war, der es gewagt hat.

  26. momorulez Mai 29, 2011 um 9:08 am

    @bersarin:

    Ich weiß auch gar nicht, wie dieses Horror-Sujet auf einmal über mich herfiel – assoziierend mit dem iPad rumgoogeln, dann läuft einem plötzlich der Stephen King über den Weg, dann liest man sein „Über das Leben und schreiben“ als eBook, und irgendwie 😉 – die Twin Peaks-Wiederholung auf ARTE scheint tatsächlich auch ihren Teil dazu beigetragen zu haben.

    @che:

    Bin gespannt, was dazu von Dir noch kommt 😉

    @AlterBolschweik:

    Also, normalerweise bringt der Nörgler das schon als Abwehr gegen Schmutz und Schund, ganz wie die Eltern in den 50ern auf Comics reagierten 😉 … und ich glaub ja gar nicht an diese reine Immanenz des Formgesetzes. Elvis, den ich über alles liebe, da stimme ich Deinem urteil auch zu, ist ja auch deshalb so bedeutend, weil er Black Culture sozialisiert war als White Trash, und eben den Blues, Gospel, auch Country-Kitsch gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen hat, seine Superhelden-Comics liebte und Jesus-like die ganz normalen Sünden – Medikamentenabhängigkeit, Fressucht, Liebeskummer – des Durchschnittsamerikaners ausagierte. In Zuhälterklamotten mit Lidstrich und gefärbten Haaren in frühen Jahren sehr androgyn auf die Bühne trat – also, das gehört schon alles dazu, und ich halte es für einen Bildungsbürgertrick, diese ganzen mit laufenden sozialen Konnotationen auszuklammern, um den eigenen Klassenstandpunkt verleugnen zu können. Das ist jetzt gar kein Argument gegen das, was der Nörgler zur Kadenz bei Beethoven schreibt, aber auch da spielen so Dinge wie Finanzierbarkeit eines Orchester, Arbeitsteilung in diesem usw. schon auch eine Rolle.

    Insofern ist dieses „immanent gelungen“ immer in Gefahr, trivial zu sein, je weniger komplex das Werk ist, würde ich mal behaupten.

    Dan Simmons, muss ich zu meiner Schande gestehen, müsste ich erst mal googlen. Mach ich aber!

  27. alterbolschewik Mai 29, 2011 um 9:34 am

    Nachtrag: Adorno hätte die grölende Gefolgschaft natürlich nie mit ‚h‘ geschrieben, das ist selbstverständlich eine subjektive Ausdrucksergänzung meinerseits (habe ich unbewußt an Dave Grohl gedacht und daran, daß Adorno wahrscheinlich nicht nur die Beatles, sondern auch die Foo Fighters für schlecht befunden hätte?).

  28. Sonnenstrahl Mai 29, 2011 um 12:26 pm

    Adorno hatte einen Lektor.

  29. momorulez Mai 29, 2011 um 3:30 pm

    Übrigens ganz besonders bei der „Ästhetischen Theorie“ 😉 …

  30. Nörgler Mai 29, 2011 um 5:19 pm

    Zur Figur des Vampirs, die weiter oben angesprochen war:

    Im Maschineriekapitel (KI) sagt Marx über die Große Maschinerie als der „toten Arbeit“– die in den Grundrissen als „die adäquateste Form des captal fixe“ bestimmt ist –, dass sie durch „Einsaugen der lebendigen Arbeit vampyrisch sich belebt.“
    Vampir und Maschinerie beizitzen damit eine wesentliche Gemeinsamkeit: Das Alte, Tote nährt sich vom Jungen, Lebendigen.

  31. Nörgler Mai 29, 2011 um 5:21 pm

    Jessasmaja, „besitzen“ natürlich.

  32. Sonnenstrahl Mai 29, 2011 um 5:29 pm

    Kapitalismus als vampyiristischer, maschinenhafter Horror, welches das Lebendige einsaugt, um nach einem Verdauungsvorgang halbtot wieder auszuspeien?

    Das kann ich mit meinem Erfahrungshorizont auf eine Ebene bringen. Problemlos.

  33. che2001 Mai 29, 2011 um 5:38 pm

    Die „Autonomie“- und „Materialien“-Leute haben daraus ja sogar einen eigenen Theorieansatz entwickelt, in dem die Entwicklungszyklen des Kapitalismus als Menschen-gegen-Mascihine-Ringen und als Verteidigung der Subjektiivität, die eine Selbstbehauptung des Lebens an sich ist gegen die Gleichmacherei durch die Arbeits- und Warenwelt begriffen werden.

  34. ziggev Juni 5, 2011 um 3:57 pm

    erinnert sich jemand noch? Kindliche Phantasiewelten, die sie sich erschaffen, auch wenn die sog. magische Phase vorbei sein müsste? Manchmnal vielleicht auch aus Einsamkeit oder Vernachlässigung sich flüchten. Ich denke zum Beispiel an Danny in „Shining“, der mit seinem Zeigefinger spricht. Oder auch an wirklich magische Momente, in denen plötzlich Dinge oder Pflanzen oder Tiere auf irgendeine, jedenfalls neue Weise belebt erscheinen und das damit verbundene Erschrecken. Es ist im Horror oft nicht nur der Einbruch des Schreckens in die heile sondern auch in die unschuldige Phantasiewelt von Kindern. Besser vielleicht nicht Einbruch, sondern das Hervorbrechen aus dieser. Ich denke natürlich nicht an Kinder-Fantasy als Genre. Aber dieses Motiv oder Ideenverbindung, kindliche Phantasiewelt – Einbruch des Bösen, wird gern aufgegriffen, wie mir Scheint, auch im Horror, z.B. als Aufhänger. Oder auch der Clown in „Es“. Die Phantasiewelt verwandelt sich in realen Schrecken. Die Liste wäre vermutlich lang. die Möglichkeiten sind nicht gering, und wohl alle bereits durchgespielt. Das Kind, durch nichts verdorben, Kinderwelt als heile Welt, als Medium des Bösen, aber auch das Kind als Agent, hinter dessen vordergründigen Unschuld, Naivität sich, gerade weil alles unvermittelt unreflektiert zu Tage liegen scheint, gerade weil bei ihm durch die Kindliche, ungebrochen rückhaltlose Offenheit das Außen zur eigentlichen Oberfläche, quasi zur einen Oberfläche wird, die allertiefsten Abgründe sich auftun können, jedenfalls in der Imagination, aus denen das Böse ungehindert sich Bahn brechen kann.

    Die Kehrseite der Unschuld.

    Das vormoralische Bewusstsein, welches den unpersönlichen, bewusstlosen, unnennbaren Bösen Platz gemacht hat. Oder es wird der Kontrast zu der etwas blödsinnigen Vorstellung, hinter dem verträumten Blick eines Kindes liege eine Allwissenheit, die in Unheimliche gewendet wird, genutzt. Etwa auch das einzige Buch, das ich von St. King gelesen habe, wo es in der sind, die einen kleinen Ort, soweit ich mich erinnere, in den unendlichen Weiten des Südens (von den Vereinigten Staaten) in ihre Gewalt gebracht haben, und alle Erwachsenen, die da durchkommen, abmurksen.

    Worauf ich aber die ganze Zeit hinaus wollte: Die Kehrseite der Kehrseite, die alltägliche, heile, beschauliche Welt, die gern – und das scheint mir ein typisches amerikanisches Phänomen zu sein – mythisiert oder mystifiziert wird. Amerika ist mir ein zu großes Thema, um darüber zu schreiben und die Ursachen für dieses Phänomen auf die Spur zu kommen, es ist die ja auch bloß ein Versuch, aber die Liste der amerikanischen Trivial-Mythen ist unüberschaubar. Aber vielleicht ist dies nur Mythisierung der Verzauberung, die von einem sich unendlich in die Länge ausdehnenden Mittag aus gehen kann, eine Mystifizierung der Trivialmythen, an denen Amerika so reich ist, mer9inerseits, weil ich einfach nie erwachsen werde. In solcher Mythenwelt spielt sich zum großen Teil das ab, was ich Pop nenne. So betrachtet,könnte man das Horror-Genre in Amerika als ein Pop-Phänomen betrachten. Und so habe ich z.B. King-Verfilmungen immer sehr genossen.

  35. momorulez Juni 5, 2011 um 5:05 pm

    „Danse Macabre“ endet Stephen King mit dem Verweis auf die magisch-kindliche Welt … und ich glaube, die Amis können damit freier spielen, nicht nur wegen der Landschaft, sondern weil die einzige Tradition, die im weißen Amerika wirklich wirkt, diese selbstermächtigend-rigide des Protestantismus ist. Und die sah sich konfrontiert mit den mythischen Welten derer, die von eben diesen, im Namen des Guten gemordet und versklavt wurden – „Indianer“ und Schwarze. Ganz fremde Mythen und Voodoo …

    Horror ergibt sich, glaube ich, aus dem Bewusstsein der Gewalt der Puritaner, dieser unglaublichen Brutalität, mit der gegen die American Natives vorgegangen wurde im Glauben, für Gott und Zivilisation zu kämpfen. Und diese Brutalität der Zivilisierungsmission scheint dort, weil verdrängter, zugleich präsenter, während hier eben doch die Shoah alles überlagert.

    Bei King ist ja weniger der Süden – ich weiß allerdings nicht, ob „Kinder des Zorns“ da spielt -, sondern der Nordosten, Neuengland, Kernland der Puritaner, Maine, Massachusetts, Vermont, New Hamsphire, Schauplatz. Das „Lederstrumpf“-Szenario, das des Scarlett Letter, die Wälder und Seen, nicht die Prãrie. Carrie wird Opfer ihrer Mitschüler wegen der puritanischen Mutter, der zweite Roman, „Brennen muss Salem“, spielt nicht zufällig am Ort schlimmster Hexenprozesse, der „Friedhof der Kuscheltiere“, eigentlich Haustiere, ist ein Indianerfriedhof.

    Und in der Tat, habe ich jetzt gelernt, sind es die „Pulps“, Groschenromane, in denen insbesondere H.P. Lovecraft dann auch mythische Außerirdische, die „großen Alten“, einführte, die u.a. in dem hierzulande als Anlass für rechtliche Verschärfungen dienenden „Tanz der Teufel“, ein Splatter-Klassiker, dann z.B. aufgegriffen wird. Der Typ hat sozusagen eine mythische Vorgeschichte einer heiligen, aber böser Schriften erfunden – die wird in „Tanz der Teufel“ verlesen, so als Ableitung vom „Tibetanischen Totenbuch“ und ähnlichen Schriften, aber böse -, weil die USA so was im eigenen kulturellen Fundus nicht hatten. Ähnlich scheinen B-Movies und z.B. die EC-Comics einen eigenen, trivialkulturellen Mythenbestand geschaffen zu haben.

    King beschreibt diesen als hochmoralische Abwehr einer apollinischen Welt gegen dionysische Aufstände, Nietzsche anwendend – das ist aber ganz spannend, wenn man Quellen, auf denen hier aufgebaut wurde, Saturn, der Uranus kastriert, Hiob, der gefolterte Jesus, ist ja auch Splatter, die Gebrüder Grimm – mal liest, als seien sie Trivialliteratur.

    Im Grunde genommen gelingt King so eine Lesart, weil der eine Unterscheidung U und E gar nicht akzeptiert, sich auf Faulkner ebenso beruft wie auf „Cat People“, und man fragt sich wirklich, was für eine schlappe Scheiße die europäischen Trivialmythen hervor gebracht haben – okay, Fantomas, aber das „Traumschiff“? Und zuvor die Klassiker, „Frankenstein“, „Dracula“ und so, klar,

    Er gibt einem Genre, dass er ironisch, weil auch in den USA stândig verboten wurde, konservativ nennt, weil es auf ein Wiederherstellen des Apollinischen zielt, trotzdem einen ganz anderen Drive, weil der Horror, siehe oben, immer aus der Mitte des Biederen, Puritanischen selbst entspringt oder als Rache der Gemeuchelten – „Indianer“-Friedhof – an der „Zivilisation“ erscheint.

    Das ist schon bemerkenswert. Zum Glück ist man mit Batman und „Mumien, Monstren, Mutationen“ auf dem NDR ja auch aufgewachsen. Bin der US-Trivialkultur eigentlich ganz dankbar 😉 …

  36. ziggev Juni 5, 2011 um 9:49 pm

    Das ließt sich sehr schlüssig, was du schreibst. Mir kam auch andauernd in den Sinn, wie Traditionen der First Nations in Filmen aufgegriffen werden, z.T. mytisierend, sehr unterschiedlich – ein Medizinmann ist dann zuständig, wenn was wie Transzendenz ins Spiel gebracht werden soll – , auch Voodoo, wie ich sie ja z.T. gar nicht anders kenne. Nur konnte ich das nicht mit dem Horror, der ein anderes Genre ist, zusammenbringen. Burroughs, der sich gegen Ende seines Lebens, jedenfalls steht es am Ende der Biographie, die ich neulich las, einer schamanistischen Zeremonie unterzog, um den Bösen Geist auszutreiben, den er glaubte, irgendwie in sich zu haben, gelang es schließlich, ihn mit Hilfe des Schamanen zu identifizieren: „Das Häßliche Böse. Der Häßliche Amerikaner. Der Häßliche Amerikaner von der schlimmsten Seite. Genau das ist es.“ Wie zu erwarten, bei Burroughs noch einmal eine andere Variante. Aber ausgerechnet das am Ende seiner Biographie zu lesen hatte mich zuerst doch etwas erstaunt.

  37. che2001 Juni 5, 2011 um 10:37 pm

    @“und man fragt sich wirklich, was für eine schlappe Scheiße die europäischen Trivialmythen hervor gebracht haben“ —– Hochkomplexe Science Fiction und Fantasy, vom Herrn der Ringe bis Perry Rhodan und Atlan, oder Erwachsenencomics belgischer, französischer, spanischer und italienischer Provinienz, z.B. Franquin, Miguelanxo Prado, Milo Manara, Enki Bilal (OK, der ist Serbe, wirkt aber in Frankreich), Lauzier (müsste für Dich, Momorulez interessant sein, schrieb satirische Comics über die postmoderne Literatenszene und die radikale Linke in der Ära Mitterand), Moebius. Das Problem ist: In Deutschland ist das Insider-Literatuir einer in sich abgeschlossenen Szene. Habe Hunderte Bände davon im Schrank stehen.

  38. momorulez Juni 5, 2011 um 10:55 pm

    @Ziggev:

    Das Verhältnis Beat Generation, Trvialmhythen, Popkultur ist eh spannend – genau wie die schmanischen Kulturen, und auch Voodoo, eine hochkomplexe Geschichte … dran bleiben 😉 …

    @Che:

    Mal ab vom Herr der Ringe ist, anders als in den USA, nix davon mainstreamfähig und als angloamerikanischer Import immer akzeptierter – und so sehr man es hassen mag, wenn der Mainstream „unsere“ Subkulturen verwässert, glaube immer noch, dass das der einzige Weg ist … und Science Fiction, also auch „Brave New World“, „1984“, „Herr der Fliegen“ vergesse ich irgendwie immer, letztere sind ja auch E-fähig.

  39. che2001 Juni 5, 2011 um 11:09 pm

    Es ist ein Fehler, SciFi zu vergessen, darin liegt sehr viel Potenzial. Eine liebe alte Genossin nennt ihr Blog danach: Nullzeitgenerator.

  40. momorulez Juni 5, 2011 um 11:28 pm

    Auf den Fehler kommt es auch nicht mehr an 😀 – gab in meiner frühen Jugend irgendeinen Mehrteiler, wo irgendwelche Youngster in die überkuppelte, schwüle, heiße Stadt „dreibeiniger Monster“, Außerirdischer, die den Planeten beherrschen, als Sklaven verschleppt wurden und da immer Salzstangen lutschen mussten, wegen des Schwitzens, den mochte ich. Aber danach hat mich das selten fasziniert …

  41. Sonnenstrahl Juni 6, 2011 um 11:37 am

    Was genau verstehst du unter früher Jugend? Erste Haare, 13 Jahre?

  42. momorulez Juni 6, 2011 um 11:46 am

    Muss so um den Dreh gewesen sein – hatte ich in der Stadtbibliothek gefunden und fand es sauspannend!

    Dass Amazon hier einfach einen Kauf-Link platziert ist allerdings ein Skandal, übrigens, wenn man nur auf deren Seite linken will.

  43. ziggev Juni 6, 2011 um 7:55 pm

    Noch eins: Es wäre noch der Hinterwäldler Karl May zu erwähnen, unter dessen Einfluss bereits Nietzsche stand. Insbesondere muss hier dessen „Zarathustra“ genannt werden. Erst ihm war es vergönnt, Hinterweltlertum und Hinterwäldlertum ineins zu setzen – einer das ganz großen amerikanischen Mythen, Burroughs nichts dagegen:
    „Ich aber sage euch: den Schweinen wird alles Schwein!

    Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen auch das Herz niederhängt: »Die Welt selber ist ein kotiges Ungeheuer.«

    Denn diese alle sind unsäuberlichen Geistes; sonderlich aber jene, welche nicht Ruhe noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt von hinten – die Hinterweltler!

    Denen sage ich ins Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die Welt gleicht darin dem Menschen, daß sie einen Hintern hat …“

  44. che2001 Juni 6, 2011 um 10:24 pm

    Karl May hat sicherlich deutsches Wahrnehmen stärker geprägt als Karl Marx oder Reinhard Mey,.

  45. Sonnenstrahl Juni 7, 2011 um 11:11 pm

    Vom Horror zu Reinhard Mey. Könnte eine deutsche Entwicklung sein.

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