Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Wein- und bierseliger Stream of Conciousness: Zeit für uns zu gehen!

Im Ungefähren dümpeln. Verwirrung, Eindruckswirbel drängen, sie wollen als Worte gerade eben noch und ungefiltert beeindruckt den Weg in die Tastatur finden, runter komme ich eh nicht vor 3 Uhr,  sie wollen fließen wie Rebensaft: Hilfe, ich bin in ein Weinfass gefallen!

All diese Traubensorten, Riessling, Burgunder, Cuvé hybridisiert diese Gattungsweine, wenn ich das richtig verstanden habe, auf Kalk wachsen wollende Pflanzensorten oder auch nicht, an Südhängen rankend, frühzeitig ausgedünnt zur späteren Prachtentfaltung, alte Fässer, die den Geschmack des Holzes nicht mehr abgeben, anders als die jungen Dinger, deren Saft eindringt …… ins Aroma der Gesöffe wie auch Säuren, die  Schluck für Schluck aus Pfützen in Gläsern in Münder wandern, eine Sorte nach der anderen, die Zunge, Gaumen, Nase schmeicheln, den Magen füllen, den Kopf verdrehen – Weinproben, kein Ritual, in dem ich normalerweise mich heimisch fühle und doch haben es Früh- und Grauburgunder in rot und weiß in mein Zuhause geschafft. Rheinhessisch.

„GRAUER BURGUNDER – Ein frecher Burgunder, Zitrusaromen und gelbe Früchte tanzen auf der Zunge.“

„FRÜHBURGUNDER – Feine Aromen nach Waldbeeren und Kirschen geben dieser seltenen Rotweinspezialität einen ganz besonderen, intensiven Charakter.“

Ein Landstrich voller freundlicher Menschen, die in seltsamen Nuschellauten über Vokale hinweg huschen und GEMÜTLICHKEIT ausstrahlen mitsamt ihres karnevalesken Temperaments in Orten mit engen Gassen und Kirchen,

die ein Hauch des Mediteranen umweht, so ÜPPIG, ach, man schaut auf langgestreckte Hügel

und weiß doch, dass die Kargheit des Nordens mehr Wahrheit birgt … was nicht daran hindert, wirklich zu genießen. Den Wein. Die Sicht. Dass man da wieder weg darf.

„1. Liga war schön – Zeit für uns zu gehen!“, so klingt es durch Block J des Stadions am Bruchweg. Ein Ort voller netter Menschen, zuvorkommender Ordner, immer ein Scherz auf den Lippen und wirklich (!) bemüht, uns einen angenehmen Aufenthalt zu gestalten  – „Sonst ist es nie so voll hier am Bierstand!“, Schlangen aus St. Paulianern blähen stolz die Brust der Trinkfestigkeit, „die anderen sind immer drin und gucken Fussball!“, ein Jubel dringt an unser Ohr, aus unserem Block, hey, wird sind in Führung gegangen!

Manchmal hilft es ja, Schnellbierholengehen, dann erhöht sich die Torwahrscheinlichkeit ungemein, es hat sich abgezeichnet, unsere Jungs wollen ihre Würde wieder gewinnen nach der Kapitulation gegen die Bajuwaren aus der Operettenarena, man spürt es. Merkt bereits der Aufstellung an, dieses sollte ein Spiel sein für die, die uns von der Regionalliga hoch in die zweite und dann dazu kommend in die erste geschossen haben, na, ganz so einfach isses nicht, aber fast, Kämpferherzen, Ebbers, Morena, Charles Takyi nicht, Asamoah auch nicht, Bartels darf, der bleibt ja – sie liefern ein prima Spiel.

Das haben die Mainzer offenkundig nicht erwartet, unsere Führung ist verdient, und vor mir singt sich „USP Kurpfalz“, eine hinreißende Boygroup, in Dissonanzen hinein , verpatzt Rituale, ständig den „Gästeblock“ zu Gesängen auffordern, dann aber keinen anzustimmen, na, eigenwillig, ganz so, wie sie auch voller Freude enthusiastisch am Zaun rütteln, auch das mag den Witz der Privatscherze – „Ganz Bingen hasst die Polizei“, „Unser Lieblingsalkoholiker ist der Kümmerling“ – nicht schmälern.

Anrührend, sich vorzustellen, wie Jungs, die sich auf dem Zaun räkeln, dass Susis Stangentanz dagegen aseptisch wirkt, ja, da steht man als alter Sack und giert verborgen, in Bingen sitzen und mit unserem FC St. Pauli fiebern, weil sie ahnen, dass es ein Sehnsuchtsort jenseits dieses“Misstraue der Idylle!“-Feelings der rheinhessischen Dörfer ist, ja, sie haben ja recht …

So sehen übrigens Blockfahnen von unten aus. Immer wieder wird „Always look at the bright side of life“ angestimmt, die Choreo der Mainzer: Imposant – auch wenn der Stadionsprecher sie vorher mit „Und nun die Rheinhessen-Lotterie-Tribüne!“ ankündigt, bevor karnevalsgeübt Stadtpanoramen aus Plane und Stoff in die Höhe gezogen werden. Na ja. Wir wissen schon, dass das mit der Sozialromantik richtig ist.

Das „We love St. Pauli!“ und „Ganz egal, was auch geschieht, wir werden immer bei Dir sein!“ wird mit noch tieferer Inbrunst gesungen als sonst, sollen doch andere „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot!“ anstimmen, wir hingegen feiern schon beim Warmmachen den Eger und den Lechner (deren Verträge nicht verlängert werden, Hinweis für Nicht-St. Paulianer) als die Fussballgötter, die sie sind, weil wir wissen und sie wissen, dass sie immer bei uns und wir immer bei ihnen sein werden, nämlich ganz tief im Herzen drin. Dem Herz von St. Pauli.

Diese, unsere (wir sind unweit der Pfalz) Vereinshymne spielen die Mainzer vor dem Spiel, wie sie auch unsere Mannschaftsaufstellung „zum Nachnamen rufen“ ansagen, sehr nette Geste, es soll nicht die letzte sein. Dass man ihnen den Elfmeter schenkte, können wir nicht sehen, ansonsten ein Spiel wie viele in dieser Saison: Unsere spielen prima auf, verdaddeln die Großchancen und fangen sich den entscheidenden Treffer für den Sieg der Anderen.

Trotzdem ein toller Ausstand aus der Liga. Danke. Und immer wieder unser Einstimmen in dieses musikalisch absurde „Europapokal, Europokal!“-Lied der 05er, keiner weiß so genau, wieso wir das geradezu entfesselt mitgröhlen, noch im Bus auf der Rückfahrt bricht es immer wieder aus uns heraus, „Europapokal, Europapokal!“, wohl als abstiegsbewältigender Galgenhumor und Freude darüber, dass uns solche Musik nicht ins Stadion käme.

Ach, und dann. Also, dass die Mainzer uns noch 10, 15 Minuten gönnten für unsere Abschiedszeremonien, bevor sie ihre wohl eingeübte Choreographie zum letzten Mal am Bruchweg starten, Respekt!, Danke!  Geduldig warten sie ab …

Jetzt plärre ich gleich schon wieder. Nicht nur, dass der so unglaublich hinreißende Florian Bruns minutenlang vor unserem Block steht, einfach nur steht, Hände gefaltet, fassungslos guckt, offenkundig überwältigt, dass auch in frenetischem Jubel ein Abstieg in tiefer Liebe zu jenen der Boys in Brown, bei denen wir wissen, dass sie wissen, worum es geht, zelebriert werden kann – also, als Lechner und Eger noch zur separaten Abschiedszeremonie kommen, ich bin nicht der einzige, der tatsächlich weint.

Hey, was haben wir für Zeit miteinander verbracht!!! 7 Jahre in 3 Ligen, die beiden und wir, wir und die beiden! Was haben wir für euphorische Momente und niederschmetternde Dramen durchlebt – die Tristesse der Drittligaspiele, die überwältigende Pokalsaison, „Pokalfinale, Pokalfinale, wir fahren jedes Jahr …“ (ja, musikalisch auch nicht doller als das „Europapokal“-Lied, ich gebe es ja zu). Zweitligafights, noch’n Aufstieg, hey, das war ja fast mehr Zeit, als man mit guten Freunden verbringt, Jahre der Intensität, der Erlebnisdichte, des zusammen Woche um Woche Erfahrungen Sammelns, und des allmählichen Weges nach oben … das sind Jungs, die man auch im Viertel alltäglich auf der Straße und in Restaurants sieht: Ja, so ungefähr in Erinnerungen und Gedanken gefasst und noch viel mehr derer gehen die Emotionen durch mit der Crowd und den beiden. Puuuh.

Eine Ära endet, und dieser Abschied macht das noch viel deutlicher als der von Stani. Auch Truller wird noch choral die Fussballgöttlichkeit bescheinigt, und erst, nachdem wir völlig verausgabt nach einer durchwachsenen und doch so ungemein erlebnisreichen, aufwühlenden, zwiespältigen, aber mit Derbysieg garnierten Erstligasaison unsere Abschiedsfeierlichkeiten durchheult, durchjubelt, durchlacht, durchsungen haben, starten die Mainzer die ihre. Klar, dass wir denen, die man ja mag, auch noch zujubeln, mit ihnen die Welle machen, zu deren Erstaunen, die haben tollen Fussball gespielt!

Und dann Wein. Viel Wein. Lauter Sorten. Abends, am nächsten Morgen wieder. Hilfe, ich bin ein Weinfass gefallen!

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22 Antworten zu “Wein- und bierseliger Stream of Conciousness: Zeit für uns zu gehen!

  1. Lichterkarussell Mai 15, 2011 um 11:12 pm

    „Kümmerling, du bist unser Lieblingsalkoholgetränk“ – nicht -alkoholiker 😉

  2. momorulez Mai 15, 2011 um 11:14 pm

    Die haben definitiv „Lieblingsalkoholiker“ gesungen 😀 … ! Vielleicht hatten sie ja welchen getrunken 😉 …

  3. Ring2 Mai 16, 2011 um 3:39 am

    Alkoholika

  4. Ring2 Mai 16, 2011 um 3:40 am

    Europapokal

  5. Gabi Mai 16, 2011 um 6:59 am

    Danke, wunderbar geschrieben…

  6. momorulez Mai 16, 2011 um 7:40 am

    Europapokal, Europapokal 😀 – heute nacht wachte ich auf, und es brach wieder aus mir hervor, eruptiv, „Europapokal, Europapokal“ 😉 – Alkoholika kann natürlich sein! Grammatischer Unsinn wäre den Kurpfälzern zuzutrauen gewesen 😉 …

    @Gabi:

    Danke! Habe einfach mal weg gelassen, dass ich mich total gefreut habe, dass auch wir uns trafen, dass man den Bucanero mal in real kennen lernen durfte, dass der Foxxi auch da war und mit Buccanero sogar noch bei der Weinprobe dabei, was sehr schön war auf einem lauschigen Hof in Rheinhessen, dass tolle Leute mit im Bus waren, die kennen zu lernen super war, und die herrlichste Geschichte, die mit Hansa Rostock und einer Leiter zu tun hat, das obliegt auch nicht mir, sie zu berichten 😀 … hätte den Text entfocussiert, sozusagen. Ist aber alles so!

  7. ring2 Mai 16, 2011 um 12:41 pm

    Mutti Mutti, mir gehts guut
    weisst nicht, was Dein Sohn so tut
    Ham die Kogge abgehängt,
    viel Wein eingeschenkt,
    Mutti mir gehts guut!

    😉

  8. bersarin Mai 17, 2011 um 8:38 pm

    Einen schöneren Fall als den ins gefüllte Weinfaß kann es nicht geben. Ich hoffe, die Weine haben gemundet.

    Im Ritual der Weinproben bin auch ich nicht heimisch, wenn da zuviel Schnickschnack dranhängt, wird mir das zu albern und zu gestelzt. Mein einheimisches Reich ist das des Weintrinkens. (Am Wochenende war ich übrigens in Hamburg zum Besuch und habe dort abends sogar Bier statt Wein getrunken.)

  9. momorulez Mai 17, 2011 um 8:52 pm

    Oh, Du durftest unsere wundervolle Stadt genießen? 😉

    Musst natürlich auch ständig an Dich und den Nörgler denken in Rheinhessen beim Wein probieren; für mich und meine in Sachen Wein eher unerfahrene Zunge war das schon spannend, dem Schnickschnack zu lauschen. Vor allem stellte ich fest, wohl eher der Burgunder als der Riessling-Typ zu sein 😉 – so dass ich bei der zweiten Weinprobe auch gar nicht mehr wie wild rum probierte, sondern sehr schnell bei den beiden oben zitierten Sorten blieb, auf die Hügel schauend … war schön. Tolles Wochenende.

  10. momorulez Mai 17, 2011 um 8:55 pm

    PS: Die Tour war organisiert von der „Weinbar St. Pauli“ am Neuen Kamp, erster Teil der Feldstraße – falls es Dich doch mal zum Wein trinken nach Hamburg verschlägt, kann ich diesen sehr unprätentiösen Ort zum Genießen nur empfehlen! Lecker Ziegenkäse-Häppchen gibt es da auch!

  11. bersarin Mai 17, 2011 um 9:19 pm

    Ja, ich war in der schönen Stadt Hamburg zum letzten Tag der Gerhard Richter Ausstellung, weil ich mir das nicht entgehen lassen wollte, aber bisher nie dazu gekommen bin.

    Danke für den Bar-Tip, das schreibe ich mir mal auf. Mir war auch so, als erwähntest Du es schon einmal. Schanzenviertel, Karoviertel, das finde ich schon sehr charmant. Besonders mag ich dort den „Saal II“ und das „Cafe unter den Linden“.

  12. momorulez Mai 17, 2011 um 9:27 pm

    In unmittelbarer Nähe vom „Café unter den Linden“, wirklich SEHR nah, ist mein Büro 😉 – und weil sich bei uns gerade die Arbeit türmt, hab ich die Ausstellung nicht gesehen. Auch wieder Typisch. Am Karo-Viertel fahre ich morgens immer mit dem Bus vorbei. Eigentlich spielt sich mein Leben zwischen „Café unter den Linden“, Millerntorplatz und Musikhalle ab 😀 – ich liebe diesen Lebensraum.

    @USP Kurpfalz:

    Kommt, wenn ihr mich schon in internen Foren verlinkt, lasst mich doch mitlesen 😉 … schickt mir ein Passwort!

  13. Nörgler Mai 17, 2011 um 10:11 pm

    „Einen schöneren Fall als den ins gefüllte Weinfaß kann es nicht geben.“
    Doch – den ins gefüllte Whisky-Faß.

  14. Sonnenstrahl Mai 18, 2011 um 8:57 am

    Stimmt nicht. Ihr vergesst den Fall ins gefüllt Eiswein-Faß. Der krönt alles!

    Ich gehörte bei Weinproben immer zu den Leuten, die sparsamst schluckend und den Geier im Blick auf den Schluss der Verkostung warteten, wo es dann entweder automatisch, oder auf mein Drängen hin Eiswein gab, und das war meist mit weinenden Erzeugern verbunden, welche den kostbaren Tropfen wohl ursprünglich anderen, privateren Zwecken widmen wollten. Eiswein ist es!

    Ach, damals. Naja, kommen vielleicht wieder andere Zeiten. Gestern hat mir jedenfalls der Imbissbetreiber in unserem Haus 15 Euro geschenkt, für meinen Straßenland piratisierenden Straßengarten vor unserem Haus, den ich mit von Lebensmittelhändlern weggeworfenen Pflanzen errichtet habe.

    So, und jetzt gehe ich los und werde das viele Geld für Blumen verjuxen.

  15. momorulez Mai 18, 2011 um 9:10 am

    Geld für Blumen verjuxen ist toll!

    Und ist Eiswein nicht dieses ganz süße Zeug?

  16. Pingback: Und sonst so… | Übersteiger-Blog

  17. bersarin Mai 18, 2011 um 2:54 pm

    Ja, der Whisky, das Erlebnis steht bei mir noch aus, aber er kommt. Demnächst.

    Also, Eiswein geht nur zum Dessert. Da paßt er dann aber sehr gut. Für einfachso paßt bei mir nur ein einziges Glas, und abends beim Schreiben der Texte ist er nicht so inspirierend, weil mich diese Süße um den Verstand bringt und ablenkt.

    Geld für Blumen ausgeben: das ist sehr sehr schön. Das habe ich früher auch für Frauen getan, erntete jedoch meist verständnislose Blicke, die in etwa besagten: „Willst du dich anbiedern bei mir?!“ Seidem kaufe ich mir lieber selber die Blumen. (Das „Cafe unter den Linden“ hatte seinerzeit, als ich da war, schöne Blumen aufgestellt, so meine ich mich zu erinnern. Das fiel mir dort gleich angenehm auf.)

  18. Pingback: #FCSP – Das Ende eines Zyklus » Sankt Pauli - nu*

  19. ring2 Mai 20, 2011 um 7:00 am

    Kümmerling …. du bist mein lieblingsalkoholgetränk. ohne dich macht mein leben keinen sinn. ich hab nur spass wenn ich besoffen bin.

  20. momorulez Mai 20, 2011 um 7:29 am

    Hast Du recherchiert? 🙂

  21. momorulez Mai 21, 2011 um 8:34 am

    http://blog.weinbar-stpauli.de/?p=748#more-748

    Zum Glück kein Foto, auf dem ich zu erkennen wäre, Danke! Aber wer die entsprechenden Weingüter mal checken will, dort stehen die Namen und Links.

  22. Pingback: Für den Erhalt der Proletarisierung des Weintrinkens! Rettet die Weinbar St. Pauli! « Metalust & Subdiskurse Reloaded

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