Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Noch mal raus gekramt …

Bei dem im folgenden zitierten Artikel, vor dem Derby  in Mordor in der Frankfurter Rundschau erschienen, war ich damals zunächst genervt, weil er wie von Stani lanciert wirkte – eben, um seinen Wechselambitionen Ausdruck zu verleihen. Reine Spekulation, aber der Lauf der Dinge …

Das las sich nach „Insiderinformationen“, die so zu dieser Zeit in der lokalen Presse nicht erschienen sind. Vor allem die Passage Helmut Schulte betreffend kam mir gestern aus aktuellem Anlass wieder in den Sinn:

„Stanislawski wirkt abgekämpft in der Abnutzungsschleife, die er am Millerntor durchlaufen muss. Er würde gerne mal mit einem Team arbeiten, das es nicht innerhalb weniger Minuten schafft, die Leistungskurve von bundesligatauglich auf amateurhaft abzusenken. Dass er seinen 2012 auslaufenden Vertrag verlängert, ist höchst fraglich. Zumal der Trainer und Sportdirektor Helmut Schulte keine Blutsbrüder mehr werden. Nach außen hin demonstrieren sie zwar ein professionelles Berufsverhältnis, es ist aber kein Geheimnis, dass nur wenige Gemeinsamkeiten sie verbindet und Schulte nur unwillig im Schatten des populären Stanislawskis steht.“

Der Derbysieg überstrahlte kurzfristig das dort Skizzierte; aufmerksam sollte man nun, Monate später, auch noch einmal die Relation Verschuldung – Liquidität lesen, die Bönig aufzeigt. Ebenso jedoch den „Masochismus“ angesichts des „limitierten Kaders“ – wer weiß, wer aktuell so alles gerade meint, wem was auch immer übel nehmen zu müssen im allgemeinen Arschkartenspiel „Wer ist schuld am Abstieg?“.

Ein anderer Artikel, der mir seit Tagen im Kopf herum schwirrt, ist folgender:

„Beim FC St. Pauli hingegen droht der öffentlichkeitswirksame Protest seine Dynamik zu verlieren. Vielleicht liegt es daran, dass manchem Anhänger der rechte Leidensdruck fehlt, vor allem aber daran, dass die Klubführung die Kampagne zunächst geschickt ausbremste. Einige wenige Zugeständnisse machte die Vereinsführung im Gespräch mit dem »Ständigen Fanausschuss«, etwa die Einrichtung einer »Prüfgruppe Marketing«, verfolgte aber ansonsten die Taktik, die »Sozialromantiker« als Gesprächspartner gar nicht erst anzuerkennen. Vizepräsident Gernot Stenger formulierte es in einer Pressekonferenz hübsch verkorkst so: »Wenn Fans an uns Probleme herantragen, dann sind wir gerne bereit, mit den Fans … Moment, ich korrigiere mich … mit den uns benannten Gremien der Fans darüber zu sprechen.«

Seither wird auf Fanseite die Strategiefrage diskutiert. »Der Protest hat sich bisher auf das Bekunden von Meinungen beschränkt. Das war zu Beginn wichtig, doch hat man es versäumt, den Protest auf die nächsten Stufen zu tragen«, konstatiert der Blog »Lichterkarussel« ernüchtert. „

Warum, sollte klar sein … wenn man die Wahrnehmung des „geschickt Ausbremsens“ weiterhin zulässt, ist klar, dass folgendes fortgesetzt werden wird:

„Was geschieht hier? Ganz einfach, der Verein will nicht den Spatz in der Hand (Dauerkarte), sondern er will das renditestärkere Einzelticket und das renditestärkere Saisonpaket. Er will eben keine Dauerkunden mehr, er will Wechselkunden. (Am besten noch mit weniger Bindung an den Verein, dann nerven die nämlich als aktive Fans nicht). Höheres Risiko (nämlich den Nichtverkauf der Einzeltickets), aber der süße Geruch von höherem Gewinn. Kapitalismus pur.“

Die Analogie zu den medienwirksamen Arschtritten gegen Lechner und Eger sollte auf der Hand liegen: Statt sich intensiv identifizierenden Stammpersonals lieber das, was man als „qualitativ hochwertiger“ erlebt, anpeilen – eine auf Menschen bezogene ziemlich widerwärtige Haltung dann, wenn man die eigenen Kriterien des Handelns auf diese Haltung reduziert.

Dieser so oft zitierte „Masochismus“ angesichts dieses, überzeichnet (!!!) wiedergegeben, dysfunktionalen Drecks auf dem Platz und den Rängen, denen man dann vermeintlich kompetentes, an sportlichen Kriterien orientiertes und zahlungskräftigeres Publikum auf neuen Tribünen entgegen fantasiert und vermutlich ergänzend sich „richtige“ Fussballer, nicht solche wie Lechner und Eger, herbei wünscht – ich kenne das nur zu gut von meinem ehemaligen Arbeitgeber.

Diese Einstellung, die „Eigengewächse“, ehemalige Praktikanten und Auszubildende, die eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen mit bringen, als minderwertig anzusehen und dann für teures Geld irgendwelche teuren Leuten einzukaufen (Volksparkisierung pur), die „richtige Profis sind“ (Spies ist Headhunter, by the way) im Zuge der Herbeifantasierens eigener, zukünftiger Größe voller Wachstum und sprudelnden Geldquellen – oh ja, alles durchlitten. Bis zum bitteren Ende.

Man ging an die Börse, holte Investoren hinein (UFA?), und allmählich starb die Firma dahin – die ehemaligen Gesellschafter, echte Patriarchen, wurden irgendwann wahlweise selbst gefeuert oder gingen entnervt, weil sie sich von all den Finanzmarkts-Anzugsträgern nicht mehr hinein quatschen lassen wollten. Epresst vom Schuldendruck, so ist das im Kapitalismus, strebten sie nächsthöhere Ebenen an und brachte so allmählich alles zum Einsturz. Heute ist die Firma tot. Und deren Gründer  träumten abends kiffend und saufend in Kneipen von ihren eigenen Pioniertagen, als alles noch so spontan und lebendig war und die Firma noch eine Familie … haben neulich zufällig einen der Ex-Chefs getroffen, erstmals nach einem Sieg meinerseits vorm Arbeitsgericht. Das erste, was er sagte, war, dass er es einfach auch nicht mehr ausgehalten hat … habe viel von ihm gelernt und bin dafür dankbar.

Dass diese Haltung des „der Nebenmann ist doch nicht gut genug!“ längst in Spielerköpfen angekommen scheint, man sieht es ja fast der Körperhaltung an, dieses „Würden die mir mal den richtigen Pass zuspielen, dann würde ich als Spielmacher auch glänzen, aber so …“. Dieser „Masochismus“ angesichts des „limitierten Kaders“, den Stani der Presse suggerierte, ist mitten in den Köpfen der „Limitierten“ selbst angekommen – und nun Herr Schulte jene vor die Tür, die kämpfend dem entgegen wirken wollten. Und man versucht, die Alteingesessenen, Kritischen und Engagierten durch Verarschung, Dauerkartenpolitik und Kohlschem Aussitzen zu reinen Machtkampfzwecken auch allmählich zu vertreiben. Bestmögliche Methoden, wieder zu den „Untoten vom Millerntor“ zu werden …

Was ist die bisherige Bilanz dieses Präsidiums? Stani weg, Truller weg, ein vornehm formuliert ungeschickt agierender Sportdirektor, der nun per Mopo „an die Kandarre“ genommen werden soll, eine massive Protestwelle unter dem Banner des Jolly Rouge, Nackttänze in einer Loge, die Privilegierung von Business-Hools, die die Sau raus lassen und mit Bierbechern auf Schiedsrichterassistenten werfen – ein Abstieg, somit sinkende Einnahmen, und ein Haufen vergrätzter aktiver Fans, die allmählich in Resignation versinken. WOW! Glückwunsch!

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17 Antworten zu “Noch mal raus gekramt …

  1. pantoffelpunk Mai 12, 2011 um 9:20 am

    Und statt Leute wie Gunesch, Eger und Lechner zu halten, werden für ein paar Hunderttausend Butterbrote Jungtalente aus Dortmund und sonst wo ausgeliehen, die sich nach Gutdünken den Arsch aufreißen – oder eben auch nicht – aber vor allem nach einem Jahr wieder verschwinden, wenn nur ein Verein winkt, der in der Tabelle einen Platz höher steht („Sportlich verbessern! Du willst Dich sportlich verbessern…“) oder 200 Butterbrote mehr bietet – oder, wenn er sich gut gemacht hat, holt sein originärer Arbeitgeber ihn halt zurück.

  2. Kiesel Mai 12, 2011 um 9:58 am

    Interssant, gerade der Rückblick. Da hatte ich einiges doch glatt verdrängt.

  3. Pingback: Bilanz mit 39 Gegenstimmen » Sankt Pauli - nu*

  4. Gatsby Mai 12, 2011 um 11:29 am

    Stimme grundsätzlich zu. Man sollte aber nicht so tun, als wäre die Personalpolitik in Sachen Spieler erst unter dem jetzigen Präsidium derart ausgeprägt. Der Drang, statt junger Talente aus den eigenen Reihen sogenannte „gestandene Profis“ zu verpflichten, war unter Präsidenten wie Weisener oder Paulick noch extremer ausgeprägt (Leute wie Boll, Eger, Lechner etc. hätte man wohl nicht einmal in die erste Liga mitgenommen; ich erinnere an die Aufstiegssaison 2001/02, wo im Anschluss unter Trainer Demuth und Manager Beutel die Hälfte des Kaders gegen überteuerte Neuzugänge ausgetauscht wurde…).

    Was sich offenkundig geändert hat, ist die Einstellung von Fans, denen Werte und Ideale wichtiger scheinen als sportlicher Erfolg und Ligazugehörigkeit. Ob diese Fans die Mehrheit oder Minderheit unter den St. Pauli-Anhängern bilden, kann ich nicht einschätzen (sie sind halt diejenigen, die ihre Meinung offen kundtun).

    Wenn in diesem Zusammenhang Sätze formuliert werden in der Art von „das ist nicht mehr mein St. Pauli“, muss ich mit einer mehr als 25-jährigen Fan-Geschichte am Millerntor aber doch immer schmunzeln. Ein paradiesisches Biotop innerhalb der Profi-Fußballwelt ist der Verein nämlich (noch) nie gewesen, sondern hat sich, wie oben beschrieben, in früheren Jahren weitaus unreflektierter den Mechanismen des Profifußballs unterworfen als er das heute tut.

    Die spannende Frage bleibt: Quo vadis, FC? Eine Antwort darauf vermag ich nicht zu geben – dafür war dieser Verein immer zu sehr für Überraschungen gut, im guten wie im schlechten Sinne…

  5. Nörgler Mai 12, 2011 um 12:50 pm

    Etwas OT, aber vielleicht dennoch interessant:
    Im für die werbungtreibende Wirtschaft relevanten Imageranking der Bundesligavereine steht St. Pauli auf Platz 3. Letzter Platz: FCK.

  6. momorulez Mai 12, 2011 um 12:57 pm

    @Kiesel:

    Mir schwirrte gestern die ganze Zeit dieser FR-Artikel im Kopf rum; als ich ihn noch mal las, war ich selbst verblüfft, dass das, was da drin steht, das ist, worüber jetzt, nachdem die Kinder sich im Brunnen tummeln, unser Tagesgespräch ist. Wir waren irgendwie auch etwas naiv.

    @Gatsby:

    Klar, dass das bei uns nie die Idylle war. Man kann sich aber trotzdem entsetzt zeigen, dass jene, die seit der Regionalliga uns nun wirklich beim Wiederaufbau mit Leib und Seele unterstützen, nun einen Arschtritt kriegen.

    Und ich glaube ja, dass bei uns Identifikation Voraussetzung des sportlichen Erfolges ist bis hin zur Stimmung im Stadion, wie bei anderen kleinen Vereinen ja auch. Ich verstehe diese Alternative immer gar nicht. Ich persönlich mag die zweite Liga lieber, aber in die dritte will ich auch nicht wieder – aber gerade deshalb muss man doch jetzt Wind machen und dafür sorgen, dass nicht wegen irgendwelcher Spirenzchen im operativen Bereich und einer gewissen Dosis mutwilligen Zerstörungswillens, den ich bei dem, was Norbert zu den Dauerkarten schreibt, schon am Werke sehe, nicht das gleiche passiert wie nach dem letzten Erstligaabstieg. Und da hätten wir schlicht nicht überlebt, wenn die Identifikation und der „Mythos“ nicht existiert hätten, guck Dir doch Vereine wie Uerdingen an.

    Ich fande die Asamoah-Verpflichtung prima, zum Beispiel. Aber Typen wie Boll und Lechner haben sich trotzdem den Arsch am meisten aufgerissen.

    Nee, diese Alternativenbildung „Werte“ versus „Erfolg“ funktioniert auch in anderen Bereichen der „freien Wirtschaft“ nicht. Das habe ich echt durchlitten; die Story oben ist ja wahr mit der Firma, in der ich 15 Jahre angestellt war.

  7. momorulez Mai 12, 2011 um 1:04 pm

    @ Nörgler:

    Oh, echt? Dachte, FCK hätte mehr Potenzial 😉 …

    Und das ist nicht Off-Topic, daru gehts. Das reine Formalisieren jenseits von „Markenkern“, Identifikation etc. funzt nicht. Könnte das alles auch ökonomisch-immanent durchanalysieren, das will ich ja nurnicht 😉 …

    Unser Präsdium lebt ja in dem Wolkenkuckucksheim „Ey, 18 Millionen Sympathisanten bundesweit, was interessieren uns Fatzkes wie Eger oder Fans wie Der Kiesel“. Das funzt nur nicht, wenn der Unterbau weg bricht. Und das schnallen die nicht. Du musst ja ein „Produkt“ wie den FC St. Pauli, wenn man schon diese Ekelsprache einbeziehen will, mit Leben füllen, dass kann man nicht über reines Marketing ohne die Basis. Das ist ein Riesenfehler zu glauben, das ginge. Bei uns ist das Basis das Stadionerlebnis, die vielen Auswärtsfahrer und die sozialromantische Einstellung des Publikums. Bei Opel war es lange die geringe Pannenanfälligkeit, die biedere Zuverlässigkeit. Und als dann Controller und ökonomische Formalisten bei Opel los legten und genau diesen Kern aufweichten, sind die fast zusammen gebrochen.

    Das aber tatsächlich Off-Topic, weil ich diese Perspektive schrecklich finde.

  8. flotzge Mai 12, 2011 um 2:48 pm

    Vielleicht können wir mittelfristig eine spielgemeinschaft mit dem hsv eingehen.
    Gemeinsame jugendarbeit und vor allem scouting. Und vielleicht bekommen wir dann ein gemeinsames stadion in pinneberg oder so …

  9. momorulez Mai 12, 2011 um 3:42 pm

    Ja, irgendwie geht das in die Richtung 😦 …

  10. magischerfcblog Mai 12, 2011 um 7:09 pm

    Extrem OffTopic:

    FCK: Man kann immer Witze machen über dieses „wichtig für die Region“ aber es ist das Erfolgsgeheimnis. Die ganze Region und damit auch die örtliche Wirtschaft ist mit diesem Verein derbst verknüpft und dementsprechend wird da auch regional derbst gesponsort.

    Wenn die clever sind (wären?) dann wäre das denen vollkommen wumpe, wo die in einem bundesweitem Ranking stehen. Wichtig ist für die die Region

    (Man Wortspiele, aua)

  11. momorulez Mai 12, 2011 um 7:56 pm

    Wobei ja unser FC St. Pauli für das Viertel auch echt wichtig ist, da ist nur nicht so viel Wirtschaft, die ernsthafte Sponsorentätigkeit entfalten könnte 😉 – und der HSV steht für viele schon für Hamburg, ob wir das wollen oder nicht, ist aber konkret kaum verortbar, mal ab vom Stadion.

    Fällt mir nur auch zu Lelles anrührendem Kommentar drüben bei Dir ein, weil der ja z.B. Stammgast im O-Feuer ist, nicht zufällig oft mit Gunesch, Schulle, Lehmann und Kessler allerdings auch, eben komplett in diesem innenstädtischen Leben aufgeht, das schon ganz schön charakeristisch für uns ist, diese gelebte Urbanität, die über das Etikett des Namens einer Stadt doch weit hinaus geht. Um so trauriger, dass er jetzt weg ist 😦 … der hatte halt die Energie derer, die wissen, worum es geht.

    Und bei allem Verständnis für Corny-Kritik: Das zumindest hat der auch gelebt, aber volle Kanne. Stenger oder Orth kann ich mir mittags vor dem Café unter den Linden sitzend gar nicht vorstellen, ohne dass die da fehl am Platze wirken.

  12. Sonnenstrahl Mai 13, 2011 um 8:53 am

    Momos Begriff „fehl am Platze“ trifft es genau. Eigentlich wollte ich das bestreiten, aber das Konsummuster, Cafébesuche zum Bleistift, ist hier Verkörperung von innerstädtischen Leben und mehr noch, tatsächlich von Identität. Vielleicht kann jemand hier meine gemischten Gefühle bei dieser Argumentation nachvollziehen, als jemanden, der seit vielen Jahren von diesen teils doch identitären Konsummustern ausgeschlossen ist.

    Momos Begriff „fehl am Platze“ trifft es als Beschreibung genau.

    Nur eben nicht als bloße Behauptung einer immerhin selbst gewählten Konsumunfähigkeit eines Fußballspielers, als angebliche Unfähigkeit, im Café unter Lindenbäumen seinen Milchkaffee zu schlürfen und den Salat in der Abenddämmerung genüsslich zu besiegen, sondern auf eine andere Weise, die verblüffend oft auch an anderen urbanen Punkten das Gefühl entstehen lässt: nicht mehr wirklich dem Lebensraum dieser Stadt anzugehören.

  13. momorulez Mai 13, 2011 um 10:35 am

    Mir ging es auch weniger um das Konsummuster, hast aber völlig recht, mich darauf hinzuweisen. All die davon Exkludierten sind für mich da ebenso entscheidend wichtig, deshalb macht mich diese Platzverweispolitik ja so irre. Stenger und solche Leute hingegen stehen für die Exklusionsprinzipien selbst.

  14. Sonnenstrahl Mai 13, 2011 um 12:16 pm

    Die Platzverweispolitik ist noch einmal ein anderes Thema. Das trifft noch einmal andere Gruppen. Wer sich sich als Flaschensammler unauffällig verhält und zum Beispiel darauf achtet, nicht gerade in Gegenwart eines Polizisten in den Mülltonnen zu kramen, wird da kaum Probleme bekommen. Das aktive Exkludiertwerden, zum Beispiel ein Aussperren aus der von der Polizei gesäuberten Shoppinginnenstadt trifft mich auch weniger als der bloße Umstand an meinem Wohnort, dass ich an jedem schönen Café vorbei laufen muss, ja sogar, dass ich die Werbung völlig uninteressiert weglege, weil sie sich nicht mehr an mich richtet, denn ich kaufe kaum noch irgend etwas ein, nicht einmal Nahrungsmittel, wenn man von gelegentlich Milch, Zucker, preiswerte Limonade und bei größerem Sammlungserfolg auch einmal Käse und Aufbackbrötchen zu 35 Cent absieht. Den großen Rest, den ich für Ernährung und Körperpflege benötige, finde ich in den Biotonnen, zumal ich in jahrelanger Übung inzwischen genau die Entleerungstermine kenne und damit auch die Termine, wo sie von den Supermärkten mit guter Ware gefüllt werden, bevor sie zur Firma Refood gehen. Die Tafeln sind mir zu entwürdigend. Stundenlanges Herumwarten für ein bisschen abgegammeltes Gemüse, das in der Regel deutlich schlechter aussieht als meine Funde in den Biotonnen. Um auf das Thema zurück zu kommen, es ist das passive Ausgegrenztsein, das nervt. Dieses Gefühl, welches auf Wirklichkeit verweist und Menschen wie uns sagt: „Fehl am Platze“.

    Das Fehlamplatze stört nicht immer, denn die Shoppinginnenstadt finde ich sowieso grausam, da kann ich gerne auch exkludiert werden. Mir egal.

  15. momorulez Mai 13, 2011 um 1:54 pm

    Danke für diesen Kommentar! Das sind ja Erlebnis- und Erfahrungswelten, deren Artikulation sonst nirgends Raum gewährt wird, skandalöserweise. Finde wichtig, dass man das erfährt.

  16. che2001 Mai 15, 2011 um 2:18 pm

    Das allerdings, ja, puuuuh…

    Da kümmert sich ja heute nicht einmal mehr ein Wallraff drum.

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