Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

„Auf Augenhöhe“ …

Wozu Kunst? Ist die Frage wirklich so zu stellen, dass das Funktionale eindringt in jene dysfunktionale Rationalität, die sich mittels Fuss an Bälle ebenso schmiegen kann wie mittels Farbe an Weltausschnitte, oder die mit Worten komponiert, rhythmisch, an Wahrheitskriterien orientiert, dem Gegenstand sich anähnelt, ihn zärtlich oder widerständig, rund oder gebrochen in die Sprache holt? Oder per Kamera und App sich an Spielerkörpern so ausrichtet, dass diese nicht die Maße der Schenkel, Länge, Umfang, oder deren Geschwindigkeit, nicht die Anzahl der Tore, sondern die Anmut des Neigungswinkels hübscher Hälse beim Kopfball zum Sujet macht und sie visuell umspielt?

Der Performance-Charakter des gestrigen Spiels: Prachtvoll. Eine mächtige Choreographie für den Altgedienten, der vor lauter Wunsch nach „Augenhöhe“ vergessen hat, dass die Kleinen den Großen lieber in die Eier treten sollten. Ganz funktional. Dass man eben jenseits der Ästhetik Typen wie diesem Robben so lange wie kläffende Terrier am Rockschoße knabbern sollte, bis der wütend wird. Hat gestern Lechner vorgemacht, wie das auch hätte  laufen können in dieser Saison.

Man darf jedoch auch die Underdog-Ästhetik nicht unterschätzen. The Big Lebowski. Freaks. Der Fänger im Roggen. On the road. Pasolinis „Mamma Roma“. Der frühe Punk. Und Disco. Ja, vor allem Disco. Wer nichts hat als den eigenen Körper, aber die Marginalsierung tanzend abzuschütteln weiß … ist das nun funktional, oder ist es Erleben?

Zwar gilt es in den einschlägigen Diskutantenkreisen als verpönt, über das Zeichnen einer Figur mittels Sprache, Charakterisierung und Legendenbildung, mit den Mitteln der Narration zu reden oder gar zu schreiben. Die Struktur habe über das Subjekt gesiegt und sei in die Sinnverlustigkeit der Maschinerie Kapitalismus und den Verblendungen und Grausamkeiten, die diese erzeugt, übergegangen. Die stummen Schreie hätten nur  in ihrer Zerstückelung zu Gehör gebracht zu werden. So seien Brocken nur, Spuren des Rest-Sinns der großen Epen und Dramen, fragmentiert auf Brüche hin zu erkunden.

Die „Legende“, die ist abgewandert zu „Deutschland sucht den Superstar“, wo in Einspielern die Backstories der Kandidaten – die letzte Chance des Hartz IV-Empfängers, die Eltern aus dem Libanon werden eingeflogen – das Pilcher-Herz des Zuschauers zur Verzückung treiben. Weil der Bilder- und Textreigen audiovisuell montiert Zusammenhang stiftet, den die Zuschauer selbst nur in ihrer Zeiteinteilung zwischen Arbeitsbeginn, Arbeitsende, Arbeitsamt oder Hausarbeit, zwischen den Anfängen und Enden der Kintertagesstättenöffnungszeiten und Ladenschließungsmodalitäten da seiend abwickeln nach dem Rhythmus des Fernsehprogramms und der Zeit davor und danach.

Jeden zweiten Samstag Heimspiel, und die Zeit davor und danach. Hey, das Storytelling ist immerhin entscheidender Bestandteil der Millerntor-Erlebnisse. Da hat es seine Magie noch nicht verloren. Oder doch? „Mythos“, das ist ja zunächst die Erzählung, die narrative Struktur, die Heldenreise, das Darstellen des manchmal vergeblichen Anrennens gegen antagonistische Prinzipien.

Was ein Plot, diese Stani-Geschichte, 18 Jahre, wow!, Herzen glühen von Transparenten und bekunden Liebe, auf Papier gedruckte Abschiedsschals füllen das Stadionrechteck, eine Rede wie auf einer Beerdigung durch König Bönig. Alles ein bißchen zu dick?

Ein anderes Abschiedsspiel einst hat mich mehr ergriffen. Klar, ganz subjektiv. Erinnere mich noch an irgendein abgefucktes Drittligaspiel bei Sonnenschein, als, damals noch auf der verschrammelten Süd, Uerdingen-Fans fast tranceartig „Stani“-Gesänge anstimmten. Die waren nett, die Uerdinger, und hat deren Maskottchen, diesen albernen Grotifanten, nicht einst der Nulle umgeknockt? Dass dieser disneyhafte Plüschkopf des Kostüms danach als Zeichen der Schande auf einer Laufbahn lag?

An jenem Drittligasaisonabschlussspieltag muss Stanis Verabschiedung als Spieler stattgefunden haben, die Gefühle grooveten soulig, gospelten, und sentimental sah man den ollen Eisenschädel schon in die Versenkung wanken. Es war ein unspektakuläres Scheißspiel in einer unspektakulären Scheißliga, doch hey, wir hatten überlebt, auch dank des gestrigen Gegners und seines Retterspiels, wir hatten uns, wir hatten diesen magischen Ort in dieser traumhaft schönen Stadt, sollen sie doch in anderen Ligen zu DJ Ötzi tanzen und die Hände zum Himmel recken, wir lebten St. Pauli und fühlten uns gut und weinten Stani Tränen nach, nicht wissend, was er uns noch alles an Großartigem bescheren sollte.  Als er eindrucksvoll auferstand. Wir schlurften damals noch zum ehemaligen Schlachthof und soffen weiter … so wie gestern vor der Domschänke ja auch. Da war es schön. Danke euch! Auch wenn ich so schnell weg musste. Der Hund dankte es mir.

Die Story auf dem Platz, das Spiel selbst gestern, hingegen ließ wegen Melodramatik fast schon kalt. Das war – überzeichnet. Die Story stank ranzig nach Klischee. Zwei, drei alte Recken auf unserer Seite opferten sich auf, Bartels auch – die anderen spielten die Rolle derer, denen sowieso schon alles längst scheißegal ist und die eigentlich ja auch ein Robben oder Ribéry sein wollen, aber nicht können. Oder doch nicht mehr sind, bei aller Bewunderung von Asa. Durch lauter „Auf Augenhöhe!“-Gequatsche war ihnen die Hybris zum Ersatz-Ich geworden, das grausam auf die Realität prallte. Nun lagen sie auch dank falscher Einstellung durch den Trainer wund, wollten das wohl nicht mehr spüren und schalteten ab. Oder grübelten über ihren nächsten Vertragspartner. Keine Ahnung. Plot 1, der mit dem Wundliegen, hat einen gewissen Charme für sich. Die Charakterzeichnung im zweiten Fall ist so plump, dass sie wahr sein könnte.

Dass die Bayern-Spieler und deren Fans ein wenig wie die U-Bahn-Schläger noch auf den Kopf der am Boden Liegenden eintraten, geschenkt. „Historischer Sieg“ hat irgendwer von denen getwittert. Haben als Gymnasiasten halt ein paar Möchtegern-Erstklässler verprügelt. Und wahrscheinlich ging es auch gar nicht anders. Das ist wohl gegen die Profispielerehre, absichtlich daneben zu zielen, wenn man zum Tore schießen eingeladen wird. Und über Tore freut man sich beim Fussball, ja, ich weiß. Unsere haben ja vom 1:0 an kräftig mitgeholfen.

Schrieb anschließend eine SMS an den Kumpel, mit dem ich das Hinspiel gesehen hatte. Der ja auch nichts dafür kann, in München aufgewachsen zu sein und dort zu leben. Glückwunsch, klar. Verdienter gewonnen geht ja gar nicht. Aber eben auch „Fühle mit euch!“ Ich meine, ein Leben als Bayern-Fan … das ist doch noch viel demütigender als 1:8 Niederlagen. Ja, ich weiß, ich rette mich hier gerade psychologisch etwas albern, das macht man aber so als St. Paulianer 😀 – trotzdem. Denn: Triumphgehabe, Weißbier, Operettenarena. Und Leute wie Veronica Ferres wohnen im Promi-Viertel Richtung Starnberger See. Irgendwer twitterte neulich, dass so viele große Romane nicht geschrieben würden, weil die Autoren Angst haben, er könne mit Veronica Ferres verfilmt werden. Empfinde diesen Tweet heute noch als mögliche Haltung zum FC Bayern. Trotz Retterspiel.

Seemanns Bräutigam ist das Meer. Hans Albers an seinem reich gedeckten Tisch am Pinnasberg, der auf Ilse Werner wartet, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sie sagt Nein. Wie er guckte auf den reich gedeckten Tisch!

„Auf der Reeperbahn nachfs um halb 1“ wurde gestern auch mal wieder gesungen. Es lag so ein Gefühl der positiven Melancholie des Versagens über dem Stadion. Dieser Moment, da man aufgibt und sich dadurch befreit fühlt. Vielleicht ging es sogar den Spielern so. Dieses „Okay!“ des Loslassens, das einer Traurigkeit Raum gibt, in der es sich gut leben lässt. Die Glücksgefühle beinhaltet. Weil Wunschbilder wieder zu wahrer Liebe werden. Die aus dem „Weil“ wieder ein „Trotzdem!“ macht und sich damit zum Subjekt über das aufschwingt, was zuvor die Qualen der Objektivierung erzeugte. Weil das, was man lebt, ja eben trotzdem sehr, sehr schön ist. Soll doch Kruse sich hin schnöseln, wo er will. Wir bleiben.

Selbst das Feeling auf der bösen Tribüne war gestern von dieser seltsamen, goldenen Heiligkeit erleuchtet, ja, tatsächlich, erleuchtet, die das Millerntor an manchen Tagen erfüllt, wenn das Sankt uns gegenwärtig wird. Das ist ja gar nix Christliches, sondern etwas, das transzendiert, wenn man das will. Zumindest um mich herum pöbelte keiner. Diese Hinrundenaggression des verbal auf die Spieler Eindreschens war geschwunden. Schien mir zumindest so. Selbst nach dem Spiel blieben sehr viele sehr lange stehen und nahmen tiefe Züge Stadionluft in die Sommerpause mit. Wohl, weil sie nichts mehr erwarteten. Dann ist Raum für Neues da.

Und für Kunst. Die gedeiht nur da, wo man sich von Erwartungshaltungen löst. Sonst agiert man wie die Kandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar“. Und irgendwer baut einem, auf Musik montiert, eine Legende von exakt 2 Minuten 30. Um zu verhindern, dass die Sinne schweifen. Zum Beispiel zur Frisur von Mario Gomez. Ich finde die prima, weil sich so viele Heten darüber ereifern. Oder zu Herrn Kinhöfer, der ganz zu Recht Applaus nach dem Spiel erhielt. Wieso Robben uns zuklatschte, habe ich trotzdem nicht verstanden. Vielleicht, weil wir ihm das Einspielen von „Tulpen aus Amsterdam“ bei seinen Treffern ersparten. Oder ihm gefiel das „Zieht den den Bayern die Lederhosen aus!“ beim Stand von 1:6. Oder 1:7. Oder 1:8. Weiß ich jetzt auch nicht mehr.

Fast hätten wir, in der Ruhe der Desillusillusionierung versunken, „Einer geht noch, einer geht noch rein“ so vor uns hin gesummt wie meine Oma, als sie nach über 50 Jahren ihr Stargard wieder gesehen hatte, als dieses so anders aussah im Kern, nur noch Platte und die hübschen Einkaufsstraßen weg, und sie danach in der Hotelhalle ins Nichts unaufhörlich „In einem Polenstädtchen, da lebte einst ein Mädchen, das war so wunder-, wunderschön!“ singsang.

Hey, heute ist Tag der Befreiung! Danke, US- und Rote Armee!!!! Hat meine Oma zum Glück auch so gesehen.


10 Antworten zu “„Auf Augenhöhe“ …

  1. bersarin Mai 8, 2011 um 9:29 pm

    „Man darf jedoch auch die Underdog-Ästhetik nicht unterschätzen. The Big Lebowski. Freaks. Der Fänger im Roggen. On the road. Pasolinis „Mamma Roma“. Der frühe Punk. Und Disco.“

    Sehr richtig, dem stimme ich durchaus zu. Allein schon, weil ich den Film „The Big Lebowski“ sehr schätze, um es mit meinem üblichen Berliner Understatement zu sagen.

    Auch wenn wir nicht in allem einig sind, ist dies ein schöner Text, den ich deshalb nicht mit dem Widerspruch im Detail in seinem Fluß stören möchte. Wir werden auf die Fragmentierung und die Zerstückelung sicherlich noch in anderen Zusammenhängen zu sprechen kommen.

    Danke auch für die Verlinkung und vor allem aber dafür, an den 8. Mai erinnert zu haben.

  2. momorulez Mai 8, 2011 um 9:42 pm

    Ich hatte ja heute auch schon viel Freude mit der Melancholie Deines Textes über Wein, Weib und Gesang! Da ich mich über jene Art des Blicks auf und des Empfindens von Frauen wie auch des Weines tatsächlich nicht profund äußern kann, habe ich geschwiegen 😉 … druchaus berührt und angeregt!

    Wo ich manche Differenzen sehe, habe ich ja lediglich angedeutet – ich halte sehr viel von diesen Beckettschen Ansätzen, sehe sie aber nicht als einzige Möglichkeit. Habe mir gerade eine Biographie zu Handke, eine zu Stephen King als Hörbuch herunter geladen 😀 – ich hänge da einfach zwischen und lese natürlich zuerst die zu Stephen King 😉 . Typisch für mich. Auch, dass ich mir nicht etwa einen Roman, sondern die Biographie herunter geladen habe.

    Na, usw., da wird noch viel zu diskutieren sein!

  3. ziggev Mai 9, 2011 um 2:02 pm

    übrigens, gefällt mir ganz gut, das Bild. Mir Patina und dannb dieser korrodierten, „geronnenen“ und abgeplatzten Ackrylfarbe am Rand und den in grellem Licht dahinter sich ins Abstrakte bzw. in Muster auflösende Figuren. Wie ein eine längst vergangene Geschichte erzähldes Artefakt aus der untersten Moderschicht meines Ateliertisches, naja, so sah es jedenfalls bei mir mal aus 🙂

  4. momorulez Mai 9, 2011 um 2:08 pm

    Danke 😉 – das ist ja ursprünglich ein ganz ordinäres Foto aus der Zeitung, das erst an den Konturen intendiert ungelenk nachgezeichnet ist, dann durch einen „Glow“ (wie ein Blitz von hinten, der die dunkeln Konturen stehen, vom Rest aber nur Ahnungen hinterlässt), dann durch ein Comic-App-gejagdt, das die Umrandungen schärfer zieht, dann wiederum in einem Zeichen-App mit dem, was wie Acryl aussieht, umgeben, dann wieder durch 3 Apps, u.a. dem wundervollen „Grung it“ gerechnet, und irgendwann war es so 😉 – passte zu einem Spiel, in dem die Auflösungserscheinungen so manifest waren.

  5. ziggev Mai 9, 2011 um 3:43 pm

    das erinnert mich an ´95, als ich mit einem atari experimentierte und dann so ein begeisterter Techno-Jungspunt hereinkam, der trotz meiner steinzeitlichen Technik sich an meiner „Arbeit“ interessiert zeigte, und den ich frage, wie die das eigentlich machen mit den „rotierenden“ Beats und so weiter. Antwort: „Alles. Wir nehmen alles und jagen das durch alles, was zu Verfügung steht, durch, kreuz und quer, Synthies, Computer, Effekte.“ 🙂 Und bei dem, was du da geschrieben hast, hörte ich sie wieder, die Beats, bum-bum, boing, tsinng, ..

  6. Pingback: Die 18 zum Abschied – Stani-Truller-Tränen zum Bayern-Spiel beim #FCSP « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  7. momorulez Mai 9, 2011 um 3:57 pm

    Ja, ist auch so – mittlerwile weiß ich ja ungefähr, welches App was macht, aber es ist halt auch ein stetes Rumprobieren, das einfach Spaß macht 😉 …

  8. Pingback: Wer hat mir eigentlich gerade in die Fresse geschlagen? | lichterkarussell

  9. Sonnenstrahl Mai 11, 2011 um 3:13 pm

    Schöner Text

    Der Text ist auch ein Lob des Pessimismus, soweit es ein Pessimismus des mittleren Weges ist. Fand ich ganz passend. Auch in Hinblick auf St. Pauli. Uuunnd lesenswert!

  10. momorulez Mai 11, 2011 um 3:21 pm

    Schon der Mythos ist Aufklärung 😉 …

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