Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Monatsarchive: Mai 2011

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„The revolution will not be brought to you by Xerox In 4 parts without commercial interruptions“

Der erste Satz und die letzten beiden Sätze der folgenden Rezension in der FR anläßlich der Veröffentlichung des „I’m new here“-Albums sind seit heute nacht nicht mehr wahr. Ich trauer – und natürlich stimmen die Sätze doch, weil dieses Werk überleben und weiter inspirieren wird. Ich verlinke den Text, weil er gerafft einen Einblick bietet in das Wirken dieses Black Culture-Poeten und zudem nicht verschweigt, dass von manchen der frühe Tod solcher Persönlichkeiten schlicht gewollt und forciert wird:

„I´m New Here“ verarbeitet wenig überraschend die Geschichte von Scott-Heron als prominentestes Opfer jenes War on Drugs, den die US-amerikanische Regierung seit bald dreißig Jahren ohne Erfolg führt. Wegen des Besitzes zum Teil lächerlicher Mengen Drogen werden alljährlich Millionen süchtiger Amerikaner weggesperrt, die in einer Therapie besser aufgehoben wären als im Knast. Die meisten von ihnen sind Schwarze, vor denen sich die weiße Bevölkerungsmehrheit geschützt fühlen möchte.“

Drogenpolitik- und Gesetzgebung ist die gezielte Produktion von Delinquenz; die „Tradition“ der „Rassifizierung“ eben dieser in den USA richtete sich immer auch gegen wortgewaltige Kritiker wie Gil Scott-Heron.

Ergänzend sei verwiesen auf das recht beeindruckende Remix-Album von „I’m new here“ durch Jamie xx – nunmehr wohl zentraler Baustein einer Wiederaneignung des Verstorbenen. Ihm gebührt Dank – Ruhe sanft, Gil Scott-Heron! Wir werden Deinen Zorn fort schreiben …

Besamen und Menstruieren aus Zuchthengst-Perspektive: Die penetrierenden Fortpflanzer und ihr „Schöpfungsmodell“

Okay, Menstruation mag ein ungewöhnliches Thema sein. Das sollte sich wohl ändern. Kann da auch wenig inhaltlich zu beitragen – neulich entbrannte nichtsdestotrotz bei uns im Büro eine Debatte zu diesem Sujet, weil Kate Bush einen Song dazu verfasst hat. Kontrovers wurde das Statement einer namhaften Politikerin thematisiert, dass es doch Unsinn sei, dazu auch noch Lieder zu schreiben, da sei schließlich nichts, was auszeichne, sondern etwas, das nervt, und dann könne man ja auch seine Scheiße vergolden.

Ich enthielt mich jeder Stellungnahme, wie auch, und werde das auch weiterhin  tun – unter den anwesenden Frauen jedoch entfachte die Aussage wahre Jubel- und Zustimmungssstürme. Ich berichte nur.

Der zweite Mann im jedoch im Raum empörte sich  heftigst, was das denn solle, das ermögliche schließlich das Wunder des Lebens. Natürlich ein stolzer Vater mit „Das hab ich gemacht!“-Blick.

Ich mühte mich, die Aussage der Politikerin aus sich heraus stark zu reden, ohne sie mir zueigen zu machen, und wurde arrogant abgewatscht, ich solle doch lieber auch mal mit Frauen schlafen und „Kinder machen“. Von jemandem, mit dem ich seit 10 Jahren intensiv zusammen arbeite und der sich jeglicher Homophobie abhold wähnt.  Dass das Echo der „toten schwulen Sexualität“ gegenüber der „schöpferischen, heterosexuell-männlichen“ da nachklang, erwähnte ich, um mich noch einmal wüst beschimpfen zu lassen, dass ich es wagte, darauf hinzuweisen, was die Scheiße denn solle, er sei doch nicht homophob. („Ja, ja, und Du wurdest wohl aus dem Foucault-Buch geschüttelt!“ sind dann halt die selbstbewussten Sprüche jener, die sich ansonsten darüber ereifern, dass Dritte sich aufregen, wenn man strukturellen Rassismus als solchen benennt.)

Wie üblich bringt den Extremismus der Mitte-Fortpflanzer am besten die NPD auf den Punkt:

„Im sächsischen Landtag hat ein NPD-Abgeordneter die Grünen angegriffen, weil sie sich für Homosexuelle einsetzten, obwohl sie „biologisch nichts zum Fortbestand der Volksgemeinschaft beitragen“.

Jürgen Gansel, der als einer der wenigen Theoretiker in seiner Partei gilt, brachte in seiner sechsminütigen Rede eine ganze Reihe von Beleidigungen gegen Schwule und Lesben unter: So sei gleichgeschlechtlicher Sex „unappetitlich“ und Homo-Paare nichts weiter als „eine beliebige Spaßgemeinschaft“. Ferner seien Homosexuelle generell „Ausreißer aus der Natur“ und eine „Panne der Humanevolution“. Schwulen empfahl der 36-jährige, sich im Straight-Acting zu üben: „In der Öffentlichkeit haben sie aber das Anstandsgefühl der übergroßen heterosexuellen Bevölkerungsmehrheit zu akzeptieren und eine Zurschaustellung ihrer Sexualneigungen zu unterlassen, wie sie etwa auf Schwulenparaden zelebriert wird.“

Das entspricht in etwa dem, was auch ein Herr Mappus vertreten hat und ebenso die Katholische Kirche. Der Papst spricht im Bundestag. Das demographische Argument ist problemlos kopplungsfähig an „Deutschland schafft sich ab“, also einen „Volksbestseller“.

Wie immer in solchen Fällen schießt mir die alte, feministische These durch den Kopf, dass die männliche Wissenschaft aus dem Gebärneid entstanden sei … ebenso Somlus Hinweis neulich, es seien die Initiationsrituale rund um die erste Menstruation verschwunden. Man verzeihe mir ggf. falsche Begrifflichkeiten. Was nicht erstaunlich ist, so lange heterosexuelle Männer dabei zunächst daran denken, wo sie ihren Samen parken können. Vielleicht doch gut, dass Kate Bush darüber Songs geschrieben hat … und, als die Männer und christlichen Kirchen Adenauer-Deutschland noch fest im Griff hatten, dachte meine Tante noch, sie wäre totkrank, als es los ging. Weil ihr niemand davon erzählt hatte. Wohl ein anderes Thema. Oder doch nicht?

Wie im Westen …

„Doch 1974 war Schluß mit der Praxis und der Sommerschule auf Korčula. Die Stalinisten im Apparat hatten endgültig die Nase voll von einer Gruppe von Professoren, die eine pluralistische marxistische Diskussion nicht nur propagierten, sondern seit einem Jahrzehnt auch konsequent in die Praxis umsetzten. Das internationale Renommee, das Sommerschule und Praxis brachten, wog in den Augen des Apparats nicht mehr den echten oder vermeintlichen Ärger auf, den diese Leute verursachten. Die Praxis und die Sommerschule wurden auf die übliche jugoslawische Art verboten: Es wurden ihnen einfach der Geldhahn zugedreht.“

Es sei auf diesem Wege noch einmal begeistert die Geschichtsschreibung des Alten Bolschewiken auf Shifting Reality empfohlen – und ergänzend dazu auch auf die Analogie beim Umbau bundesdeutscher Universitäten seit den späten 80er Jahren verwiesen: Was nicht Verwertungsinteressen dient oder selbst verwertbar ist, wird halt wahlweise ausgetrocknet oder eingestampft. Während zugleich in den Volkswirtschaftsstudiengängen alles an den einen stalinistischen Weg assimiliert wird. Geldhahn zu, Denken tot!

Unsortiertes zum Thema „Horror“ und zu Stephen King

Diese Figur bei Beckett, die während des Dramas immer weiter im Sand versickert und plappert, bis sie erstickt: Ist dies ein Moment, der genau so gut in den Horror-Comics anderer, sich über popkulturelle Mythenaneignung fortschreibenden Traditionen auftauchen könnte? Nur wäre es in solchen Werken Treibsand, und der Schrecken würde manifest ALS Schrecken behandelt?

Der „Faust“ gibt sich mystisch-religiös, ein Teufelspakt, hey!, der „Schimmelreiter“ lässt es geistern – doch, so sehr ich grübel, gibt es im Nachkriegsdeutschland, vor „vereint“ und danach, auch nur irgendetwas als relevant Kanonisiertes, in dem Motive der US-Horrorliteratur sich finden? Okay, der frühe Schlingensief. Ansonsten scheint mir, dass im vollends aufgeklärten, post-nazistischen Deutschland noch nicht einmal der meuchelnde „Hinterwäldler“ wirklich Sujet wurde – obgleich St. Paulianer verprügelnde Hansa Rostock-Fans auf Dorffesten dafür eine prima Vorlage lieferten. Mecklenburg-Vorpommern, wo könnte Horror besser spielen? Vielleicht kenne ich solche Werke auch einfach nicht.

Dann liest man, aufgesaugt vom Text und hinterher leicht schmutzig und doch von der Spannung getrieben sich fühlend ein Werk von Stephen King, in dem – wer „Sara“ lesen will, lese hier nicht weiter – eine schwarze Sängerin, Avantgarde des Blues zur Jahrhundertwende in seiner expliziten Form, eine Vorreiterin von „Hound Dog“, brutal vergewaltigt, dann ermordet wird, weil sie es wagte, sich im Maine von 1901 wie eine Weiße zu verhalten und diese noch da, wo sie drohen, einfach auszulachen: „Sara lacht“. Das nehmen ein paar Jungs aus Maine ihr übel, sehr übel, und furchtbar wird ihr Geist deren Nachfahren heimsuchen, denn Rache ist – verständlich – ihr Ansporn. Auch ihren Beeren sammelnden, 8jährigen Sohn haben sie umgebracht.

Okay, wenn man 6 Millionen ermordete Juden in der eigenen Geschichte bestmöglich ignoriert, indem man wahlweise auf Israel starrt, Muslime als „vormodern“ geißelt oder „die Linken“, als noch mal die Anderen, ich meine nicht die Partei, nun auch noch für Antisemitismus haftbar macht, dann mögen solche Plots tatsächlich wie die Büchse der Pandora wirken.

Vielleicht sind der buchstäblichen Leichen zu viele im Keller, wo man doch Schwule meuchelte und malträtierte, unehelich Schwangere noch in den 50ern in den Selbstmord trieb und Hereros abschlachtete, Osteuropa platt machte, Euthanasie betrieb (in US-Horrorfilmen sind Folter-Praktiken in Psychiatrien häufig Thema) – trotzdem: Ist das, was ein Stephen King von „Carrie“ an durchprobiert, nämlich Literatur, die die Rache der Marginalsierten zelebriert, hier als Genre überhaupt vorstellbar?

Wo Homophobe schon aufgebracht die ETA auf einen projizieren, wenn man sich weigert, Objekt ihrer „Toleranz“ zu sein und stattdessen als Subjekt Grenzen setzt, unterbindet, SIE hinterfragt, so dass sie alles dafür tun, weiter permanent als Richter und Gutachter über DIE ANDEREN zu quatschen, um sich der eigenen Normalität zu versichern? Wo schon Verlautbarungen Volker Becks zum Antisemitismus in der Linkspartei reichen, in Facebook-Kommentarsträngen queer.de zur finsteren Macht zu beschwören und DIE SCHWULEN unter den Verdacht des Denunziantentums zu stellen?

Was ginge wohl ab, würde man UNTERHALTUNGSLITERATUR schaffen, in der die schwarzen Frauen aus Völkerschauen auf dem Spielbudenplatz, denen halb Hamburg am Arsch herum grabbelte, zu Killern werden, die mit eben diesem Hintern ihre Peiniger meucheln und ersticken? Würde ProSieben die Verfilmung senden?

Wenn die zu „Stadtreinhaltungszwecken“ verfeuerten Opfer aus Mölln den biederen Brandstiftern jede Nacht im Schlafzimmer erschienen, bis diese sich selbst abfackelten?

Wahrscheinlich würde das Handlungsaufforderung missverstanden; neben der Volkshochschulhaftigkeit ist jegliche Verarbeitung hierzulande unerwünscht.

Wenn statt der so beruhigenden Stolpersteine – „zum Glück sind die tot und stören uns nicht, während wir uns ins Güte inszenieren“ – die Opfer wiederkehrten und die Städte aufmischten?

Mit solchen Plots verkauft Stephen King weltweit Millionen Bücher, auch in Deutschland, wahrscheinlich, weil man sich am vermeintlich „Primitiven“ der US-Kultur und ihrer Comic-Mythologie so schön distanziert laben kann als überlegen. „Elvis Presley konkurriert doch nicht mit Schönberg!“

Die Amis waren ja schon immer Rassisten, aber WIR?

Wenn in ES die Marginalisierten, „der Club der Verlierer“, das aus Versehen aus dem Makrokosmos in unsere Welt gewanderte Böse besiegen, der Stotterer, der Jude, der Schwarze, der Brillenträger, und das erste Opfer dieses Bösen ein Schwuler ist, dann liegen Möglichkeiten offen, die, hierzulande genutzt, ein Potenzial bergen, das wohl Hysterie bei den Lesern und Zuschauern verursachen würde.

Der einzige mir bekannte „einheimische“ Horror-Plot, der auf Leinwand in den letzten 25 Jahren Erfolge feierte, man korrigiere mich, wenn ich etwas nicht mitbekommen habe, ist „Anatomie“, wo natürlich DIE ANDEREN, eben eine nazistische Mediziner-Sekte, Kristina Schröder wurde aus diesem Geist geboren, Nazis sind ja immer DIE ANDEREN, Pink Swastika, „Koran = Mein Kampf“ , als das Böse erscheinen, wie praktisch, während heteronormativ Lebende diese bekämpfen.

In Teil 2 wird Migration tatsächlich Thema, aber eben in der Opfer-Form, wenn ich mich recht entsinne. Aber, selbstkritisch: Würden nicht wir, die Wächter der PC, sofort aufspringen und uns darüber aufregen, dass nun die Schwarzen, „Migranten“, Schwulen, Frauen PSI-Killer würden?

Nicht, wenn man es wie Stephen King macht – der zeichnet die Welt der aggressiven Spießer, in der sie zu Gespenstern werden, als notwendige Voraussetzung. Die Rachegeister sind ABKÜNFTIG einer nur scheinbaren Normalität, die harsch destruiert wird, IN DER SELBST der Horror wohnt.

Buttgereit begann sein Werk mit dem Führer-Bunker, der dominiert halt, wenn die ganze Nation verzückt ist, dass man in „Der Untergang“ den Hitler so menschlich zeichnet, Lars von Trier lässt grüßen – aber sonst belässt man dergleichen lieber in der Ästhetik der Romantik, dem Schauerroman, das „kalte Herz“, Gebrüder Grimm, wenn solche Stoffe das Licht der Öffentlichkeit erblicken und Sylter Geister-Mythen die Primetime auf Privatsendern füllen. Immer in der gleichen Heimatfilm-Struktur: Das Böse dringt von außen ein in eine heile Welt voller fortpflanzungsbereiter, junger, weißer Menschen.

Bei Stephen King hingegen ist diese Idylle das Trügerische, das Böse erwächst aus den Riten kleinstädtischer Communities, ist deren Zerrbild – und, ganz in der Tradition von „Freaks„, die Ausgegrenzten, Malträtierten schlagen zurück.

Kein Wunder, dass sich an so was hier keiner ran traut (wie gesagt, vielleicht ist mir etwas entgangen, immer her mit den Korrekturen) – halt, ein Gegenbeispiel fällt mir ein: „Der Besuch der Alten Dame“. Kein Horror, aber …

Da sollte man weiter machen … und wem andere Beispiele einfallen, noch einmal: Immer her damit.

Denn diese ganze Begeisterung für das Abstrakte, den zerschmetterter Sinn bei Beckett und Anderen, den die Adorniten pflegen, könnte ja auch darin begründet liegen, dass exakt mit solchen Sujets man sich NICHT auseinander setzen möchte … zumindest nicht in der Kunst. Und schon gar nicht unterhaltend …

Unfassbar, wenn das wahr ist …

Ansgar Heveling verhöhnt den Rechtsstaat …

… indem er dessen Begründung aushebelt und sich somit in die Tradition von Unrechtsurteilen des Bundesverfassungsgerichts aus den 50er Jahren stellt:

„Der CDU-Abgeordnete Ansgar Heveling sieht in dem grünen Antrag einen Versuch „rückwirkend die deutsche Rechtsordnung und damit unsere Rechtsstaatlichkeit“ auszuhebeln. Zwar seien Homosexuelle von der Bundesrepublik „in höchstem Maße diskriminiert und stigmatisiert worden“, die „Rechtssicherheit“ sei aber wichtiger. Es spiele dabei keine Rolle, dass ein Sex-Verbot für Schwule „aus heutiger Sicht unvereinbar mit dem Grundgesetz“ sei. „Die Veränderungen können und dürfen aber auf keinen Fall dazu führen, Entscheidungen des demokratischen Rechtsstaates und seiner Gerichte pauschal als Unrecht zu bewerten.““

Eine Verhöhnung liegt vor, weil der Rekurs auf Grundrechte als sekundär gegenüber historisch situierter Sittlichkeit behauptet wird und daraus geradezu päpstliche Unfehlbarkeitvorstellungen erwachsen. Das ist eine Attacke auf den rationalen Gehalt der Verfassung zugunsten einer quasi-religiösen Überhöhung derselben in einem hochkatholischen Sinne und einer gleichzeitigen Historisierung. Logisch tollkühn, immerhin.

Rückwirkende Korrekturen aufgrund eines historischen Fortschritts der Vernunft ausgeschlossen? Dieses Statement ist nicht nur ein Tritt in die Fresse der direkt und indirekt Betroffenen, ist nicht nur argumentativ hanebüchen, weil mit der selben Begründung im Grunde genommen jede Gesetzesänderung als „pauschale Bewertung als Unrecht“ zuvor bestehenden Rechtes verstanden werden könnte, es ist zudem zu mutmaßen, dass die CDU sich Möglichkeiten für die ZUKUNFT offen halten will. Was sich prinzipientreu gibt, relativiert de facto die Grundrechte wie auch die allgemeinen Menschenrechte. Winfried Kluth hat mögliche zukünftige Schritte ja bereits vorbereitet hat. Der Grundsatz, dass neue Gesetze nicht rückwirkend angewendet werden können, wird zynisch in ein absurdes Theater zur retrospektiven Legitimierung heteronormativer Gewaltherrscher umgewandelt. Was keine Überzeichnung ist.

Eine PAUSCHALE Bewertung eines „demokratischen Rechtsstaates“ wie auch seiner Gerichte läge einer rückwirkenden Aufhebung der Urteile zudem ziemlich offenkundig nicht zugrunde, sondern eine außerordentlich spezifische, die bezogen auf die begründungsfähigen Grundlagen der Rechtsstaatlichkeit vollzogen würde. Systemimmanent argumentiert.

Der §175 in der Fassung von 1935 ist reinstes Nazi-Recht, ein Beleg für Kontinuitäten zwischen dem „3. Reich“ und der Adenauer-BRD zudem. Das Fortbestehen dieses Terrorgesetzes gegen Bevölkerungsteile war immer auch Begründung dafür, dass schwule KZ-Opfer nie entschädigt wurden – man kann sich ja vorstellen, wie Ansgar Heveling argumentiert hätte, wenn die Nürnberger „Rassegesetze“, nicht zufällig im selben Zeitraum erlassen wie der §175, weiter bestanden hätten …
Siehe auch Rhizom.

Wein- und bierseliger Stream of Conciousness: Zeit für uns zu gehen!

Im Ungefähren dümpeln. Verwirrung, Eindruckswirbel drängen, sie wollen als Worte gerade eben noch und ungefiltert beeindruckt den Weg in die Tastatur finden, runter komme ich eh nicht vor 3 Uhr,  sie wollen fließen wie Rebensaft: Hilfe, ich bin in ein Weinfass gefallen!

All diese Traubensorten, Riessling, Burgunder, Cuvé hybridisiert diese Gattungsweine, wenn ich das richtig verstanden habe, auf Kalk wachsen wollende Pflanzensorten oder auch nicht, an Südhängen rankend, frühzeitig ausgedünnt zur späteren Prachtentfaltung, alte Fässer, die den Geschmack des Holzes nicht mehr abgeben, anders als die jungen Dinger, deren Saft eindringt … Mehr von diesem Beitrag lesen

Noch mal raus gekramt …

Bei dem im folgenden zitierten Artikel, vor dem Derby  in Mordor in der Frankfurter Rundschau erschienen, war ich damals zunächst genervt, weil er wie von Stani lanciert wirkte – eben, um seinen Wechselambitionen Ausdruck zu verleihen. Reine Spekulation, aber der Lauf der Dinge …

Das las sich nach „Insiderinformationen“, die so zu dieser Zeit in der lokalen Presse nicht erschienen sind. Vor allem die Passage Helmut Schulte betreffend kam mir gestern aus aktuellem Anlass wieder in den Sinn:

„Stanislawski wirkt abgekämpft in der Abnutzungsschleife, die er am Millerntor durchlaufen muss. Er würde gerne mal mit einem Team arbeiten, das es nicht innerhalb weniger Minuten schafft, die Leistungskurve von bundesligatauglich auf amateurhaft abzusenken. Dass er seinen 2012 auslaufenden Vertrag verlängert, ist höchst fraglich. Zumal der Trainer und Sportdirektor Helmut Schulte keine Blutsbrüder mehr werden. Nach außen hin demonstrieren sie zwar ein professionelles Berufsverhältnis, es ist aber kein Geheimnis, dass nur wenige Gemeinsamkeiten sie verbindet und Schulte nur unwillig im Schatten des populären Stanislawskis steht.“

Der Derbysieg überstrahlte kurzfristig das dort Skizzierte; aufmerksam sollte man nun, Monate später, auch noch einmal die Relation Verschuldung – Liquidität lesen, die Bönig aufzeigt. Ebenso jedoch den „Masochismus“ angesichts des „limitierten Kaders“ – wer weiß, wer aktuell so alles gerade meint, wem was auch immer übel nehmen zu müssen im allgemeinen Arschkartenspiel „Wer ist schuld am Abstieg?“.

Ein anderer Artikel, der mir seit Tagen im Kopf herum schwirrt, ist folgender:

„Beim FC St. Pauli hingegen droht der öffentlichkeitswirksame Protest seine Dynamik zu verlieren. Vielleicht liegt es daran, dass manchem Anhänger der rechte Leidensdruck fehlt, vor allem aber daran, dass die Klubführung die Kampagne zunächst geschickt ausbremste. Einige wenige Zugeständnisse machte die Vereinsführung im Gespräch mit dem »Ständigen Fanausschuss«, etwa die Einrichtung einer »Prüfgruppe Marketing«, verfolgte aber ansonsten die Taktik, die »Sozialromantiker« als Gesprächspartner gar nicht erst anzuerkennen. Vizepräsident Gernot Stenger formulierte es in einer Pressekonferenz hübsch verkorkst so: »Wenn Fans an uns Probleme herantragen, dann sind wir gerne bereit, mit den Fans … Moment, ich korrigiere mich … mit den uns benannten Gremien der Fans darüber zu sprechen.«

Seither wird auf Fanseite die Strategiefrage diskutiert. »Der Protest hat sich bisher auf das Bekunden von Meinungen beschränkt. Das war zu Beginn wichtig, doch hat man es versäumt, den Protest auf die nächsten Stufen zu tragen«, konstatiert der Blog »Lichterkarussel« ernüchtert. „

Warum, sollte klar sein … wenn man die Wahrnehmung des „geschickt Ausbremsens“ weiterhin zulässt, ist klar, dass folgendes fortgesetzt werden wird:

„Was geschieht hier? Ganz einfach, der Verein will nicht den Spatz in der Hand (Dauerkarte), sondern er will das renditestärkere Einzelticket und das renditestärkere Saisonpaket. Er will eben keine Dauerkunden mehr, er will Wechselkunden. (Am besten noch mit weniger Bindung an den Verein, dann nerven die nämlich als aktive Fans nicht). Höheres Risiko (nämlich den Nichtverkauf der Einzeltickets), aber der süße Geruch von höherem Gewinn. Kapitalismus pur.“

Die Analogie zu den medienwirksamen Arschtritten gegen Lechner und Eger sollte auf der Hand liegen: Statt sich intensiv identifizierenden Stammpersonals lieber das, was man als „qualitativ hochwertiger“ erlebt, anpeilen – eine auf Menschen bezogene ziemlich widerwärtige Haltung dann, wenn man die eigenen Kriterien des Handelns auf diese Haltung reduziert.

Dieser so oft zitierte „Masochismus“ angesichts dieses, überzeichnet (!!!) wiedergegeben, dysfunktionalen Drecks auf dem Platz und den Rängen, denen man dann vermeintlich kompetentes, an sportlichen Kriterien orientiertes und zahlungskräftigeres Publikum auf neuen Tribünen entgegen fantasiert und vermutlich ergänzend sich „richtige“ Fussballer, nicht solche wie Lechner und Eger, herbei wünscht – ich kenne das nur zu gut von meinem ehemaligen Arbeitgeber.

Diese Einstellung, die „Eigengewächse“, ehemalige Praktikanten und Auszubildende, die eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen mit bringen, als minderwertig anzusehen und dann für teures Geld irgendwelche teuren Leuten einzukaufen (Volksparkisierung pur), die „richtige Profis sind“ (Spies ist Headhunter, by the way) im Zuge der Herbeifantasierens eigener, zukünftiger Größe voller Wachstum und sprudelnden Geldquellen – oh ja, alles durchlitten. Bis zum bitteren Ende.

Man ging an die Börse, holte Investoren hinein (UFA?), und allmählich starb die Firma dahin – die ehemaligen Gesellschafter, echte Patriarchen, wurden irgendwann wahlweise selbst gefeuert oder gingen entnervt, weil sie sich von all den Finanzmarkts-Anzugsträgern nicht mehr hinein quatschen lassen wollten. Epresst vom Schuldendruck, so ist das im Kapitalismus, strebten sie nächsthöhere Ebenen an und brachte so allmählich alles zum Einsturz. Heute ist die Firma tot. Und deren Gründer  träumten abends kiffend und saufend in Kneipen von ihren eigenen Pioniertagen, als alles noch so spontan und lebendig war und die Firma noch eine Familie … haben neulich zufällig einen der Ex-Chefs getroffen, erstmals nach einem Sieg meinerseits vorm Arbeitsgericht. Das erste, was er sagte, war, dass er es einfach auch nicht mehr ausgehalten hat … habe viel von ihm gelernt und bin dafür dankbar.

Dass diese Haltung des „der Nebenmann ist doch nicht gut genug!“ längst in Spielerköpfen angekommen scheint, man sieht es ja fast der Körperhaltung an, dieses „Würden die mir mal den richtigen Pass zuspielen, dann würde ich als Spielmacher auch glänzen, aber so …“. Dieser „Masochismus“ angesichts des „limitierten Kaders“, den Stani der Presse suggerierte, ist mitten in den Köpfen der „Limitierten“ selbst angekommen – und nun Herr Schulte jene vor die Tür, die kämpfend dem entgegen wirken wollten. Und man versucht, die Alteingesessenen, Kritischen und Engagierten durch Verarschung, Dauerkartenpolitik und Kohlschem Aussitzen zu reinen Machtkampfzwecken auch allmählich zu vertreiben. Bestmögliche Methoden, wieder zu den „Untoten vom Millerntor“ zu werden …

Was ist die bisherige Bilanz dieses Präsidiums? Stani weg, Truller weg, ein vornehm formuliert ungeschickt agierender Sportdirektor, der nun per Mopo „an die Kandarre“ genommen werden soll, eine massive Protestwelle unter dem Banner des Jolly Rouge, Nackttänze in einer Loge, die Privilegierung von Business-Hools, die die Sau raus lassen und mit Bierbechern auf Schiedsrichterassistenten werfen – ein Abstieg, somit sinkende Einnahmen, und ein Haufen vergrätzter aktiver Fans, die allmählich in Resignation versinken. WOW! Glückwunsch!

„Auf Augenhöhe“ …

Wozu Kunst? Ist die Frage wirklich so zu stellen, dass das Funktionale eindringt in jene dysfunktionale Rationalität, die sich mittels Fuss an Bälle ebenso schmiegen kann wie mittels Farbe an Weltausschnitte, oder die mit Worten komponiert, rhythmisch, an Wahrheitskriterien orientiert, dem Gegenstand sich anähnelt, ihn zärtlich oder widerständig, rund oder gebrochen in die Sprache holt? Oder per Kamera und App sich an Spielerkörpern so ausrichtet, dass diese nicht die Maße der Schenkel, Länge, Umfang, oder deren Geschwindigkeit, nicht die Anzahl der Tore, sondern die Anmut des Neigungswinkels hübscher Hälse beim Kopfball zum Sujet macht und sie visuell umspielt?

Der Performance-Charakter des gestrigen Spiels: Prachtvoll. Eine mächtige Choreographie für den Altgedienten, der vor lauter Wunsch nach „Augenhöhe“ vergessen hat, dass die Kleinen den Großen lieber in die Eier treten sollten. Ganz funktional. Dass man eben jenseits der Ästhetik Typen wie diesem Robben so lange wie kläffende Terrier am Rockschoße knabbern sollte, bis der wütend wird. Hat gestern Lechner vorgemacht, wie das auch hätte  laufen können in dieser Saison.

Man darf jedoch auch die Underdog-Ästhetik nicht unterschätzen. The Big Lebowski. Freaks. Der Fänger im Roggen. On the road. Pasolinis „Mamma Roma“. Der frühe Punk. Und Disco. Ja, vor allem Disco. Wer nichts hat als den eigenen Körper, aber die Marginalsierung tanzend abzuschütteln weiß … ist das nun funktional, oder ist es Erleben?

Zwar gilt es in den einschlägigen Diskutantenkreisen als verpönt, über das Zeichnen einer Figur mittels Sprache, Charakterisierung und Legendenbildung, mit den Mitteln der Narration zu reden oder gar zu schreiben. Die Struktur habe über das Subjekt gesiegt und sei in die Sinnverlustigkeit der Maschinerie Kapitalismus und den Verblendungen und Grausamkeiten, die diese erzeugt, übergegangen. Die stummen Schreie hätten nur  in ihrer Zerstückelung zu Gehör gebracht zu werden. So seien Brocken nur, Spuren des Rest-Sinns der großen Epen und Dramen, fragmentiert auf Brüche hin zu erkunden.

Die „Legende“, die ist abgewandert zu „Deutschland sucht den Superstar“, wo in Einspielern die Backstories der Kandidaten – die letzte Chance des Hartz IV-Empfängers, die Eltern aus dem Libanon werden eingeflogen – das Pilcher-Herz des Zuschauers zur Verzückung treiben. Weil der Bilder- und Textreigen audiovisuell montiert Zusammenhang stiftet, den die Zuschauer selbst nur in ihrer Zeiteinteilung zwischen Arbeitsbeginn, Arbeitsende, Arbeitsamt oder Hausarbeit, zwischen den Anfängen und Enden der Kintertagesstättenöffnungszeiten und Ladenschließungsmodalitäten da seiend abwickeln nach dem Rhythmus des Fernsehprogramms und der Zeit davor und danach.

Jeden zweiten Samstag Heimspiel, und die Zeit davor und danach. Hey, das Storytelling ist immerhin entscheidender Bestandteil der Millerntor-Erlebnisse. Da hat es seine Magie noch nicht verloren. Oder doch? „Mythos“, das ist ja zunächst die Erzählung, die narrative Struktur, die Heldenreise, das Darstellen des manchmal vergeblichen Anrennens gegen antagonistische Prinzipien.

Was ein Plot, diese Stani-Geschichte, 18 Jahre, wow!, Herzen glühen von Transparenten und bekunden Liebe, auf Papier gedruckte Abschiedsschals füllen das Stadionrechteck, eine Rede wie auf einer Beerdigung durch König Bönig. Alles ein bißchen zu dick?

Ein anderes Abschiedsspiel einst hat mich mehr ergriffen. Klar, ganz subjektiv. Erinnere mich noch an irgendein abgefucktes Drittligaspiel bei Sonnenschein, als, damals noch auf der verschrammelten Süd, Uerdingen-Fans fast tranceartig „Stani“-Gesänge anstimmten. Die waren nett, die Uerdinger, und hat deren Maskottchen, diesen albernen Grotifanten, nicht einst der Nulle umgeknockt? Dass dieser disneyhafte Plüschkopf des Kostüms danach als Zeichen der Schande auf einer Laufbahn lag?

An jenem Drittligasaisonabschlussspieltag muss Stanis Verabschiedung als Spieler stattgefunden haben, die Gefühle grooveten soulig, gospelten, und sentimental sah man den ollen Eisenschädel schon in die Versenkung wanken. Es war ein unspektakuläres Scheißspiel in einer unspektakulären Scheißliga, doch hey, wir hatten überlebt, auch dank des gestrigen Gegners und seines Retterspiels, wir hatten uns, wir hatten diesen magischen Ort in dieser traumhaft schönen Stadt, sollen sie doch in anderen Ligen zu DJ Ötzi tanzen und die Hände zum Himmel recken, wir lebten St. Pauli und fühlten uns gut und weinten Stani Tränen nach, nicht wissend, was er uns noch alles an Großartigem bescheren sollte.  Als er eindrucksvoll auferstand. Wir schlurften damals noch zum ehemaligen Schlachthof und soffen weiter … so wie gestern vor der Domschänke ja auch. Da war es schön. Danke euch! Auch wenn ich so schnell weg musste. Der Hund dankte es mir.

Die Story auf dem Platz, das Spiel selbst gestern, hingegen ließ wegen Melodramatik fast schon kalt. Das war – überzeichnet. Die Story stank ranzig nach Klischee. Zwei, drei alte Recken auf unserer Seite opferten sich auf, Bartels auch – die anderen spielten die Rolle derer, denen sowieso schon alles längst scheißegal ist und die eigentlich ja auch ein Robben oder Ribéry sein wollen, aber nicht können. Oder doch nicht mehr sind, bei aller Bewunderung von Asa. Durch lauter „Auf Augenhöhe!“-Gequatsche war ihnen die Hybris zum Ersatz-Ich geworden, das grausam auf die Realität prallte. Nun lagen sie auch dank falscher Einstellung durch den Trainer wund, wollten das wohl nicht mehr spüren und schalteten ab. Oder grübelten über ihren nächsten Vertragspartner. Keine Ahnung. Plot 1, der mit dem Wundliegen, hat einen gewissen Charme für sich. Die Charakterzeichnung im zweiten Fall ist so plump, dass sie wahr sein könnte.

Dass die Bayern-Spieler und deren Fans ein wenig wie die U-Bahn-Schläger noch auf den Kopf der am Boden Liegenden eintraten, geschenkt. „Historischer Sieg“ hat irgendwer von denen getwittert. Haben als Gymnasiasten halt ein paar Möchtegern-Erstklässler verprügelt. Und wahrscheinlich ging es auch gar nicht anders. Das ist wohl gegen die Profispielerehre, absichtlich daneben zu zielen, wenn man zum Tore schießen eingeladen wird. Und über Tore freut man sich beim Fussball, ja, ich weiß. Unsere haben ja vom 1:0 an kräftig mitgeholfen.

Schrieb anschließend eine SMS an den Kumpel, mit dem ich das Hinspiel gesehen hatte. Der ja auch nichts dafür kann, in München aufgewachsen zu sein und dort zu leben. Glückwunsch, klar. Verdienter gewonnen geht ja gar nicht. Aber eben auch „Fühle mit euch!“ Ich meine, ein Leben als Bayern-Fan … das ist doch noch viel demütigender als 1:8 Niederlagen. Ja, ich weiß, ich rette mich hier gerade psychologisch etwas albern, das macht man aber so als St. Paulianer 😀 – trotzdem. Denn: Triumphgehabe, Weißbier, Operettenarena. Und Leute wie Veronica Ferres wohnen im Promi-Viertel Richtung Starnberger See. Irgendwer twitterte neulich, dass so viele große Romane nicht geschrieben würden, weil die Autoren Angst haben, er könne mit Veronica Ferres verfilmt werden. Empfinde diesen Tweet heute noch als mögliche Haltung zum FC Bayern. Trotz Retterspiel.

Seemanns Bräutigam ist das Meer. Hans Albers an seinem reich gedeckten Tisch am Pinnasberg, der auf Ilse Werner wartet, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sie sagt Nein. Wie er guckte auf den reich gedeckten Tisch!

„Auf der Reeperbahn nachfs um halb 1“ wurde gestern auch mal wieder gesungen. Es lag so ein Gefühl der positiven Melancholie des Versagens über dem Stadion. Dieser Moment, da man aufgibt und sich dadurch befreit fühlt. Vielleicht ging es sogar den Spielern so. Dieses „Okay!“ des Loslassens, das einer Traurigkeit Raum gibt, in der es sich gut leben lässt. Die Glücksgefühle beinhaltet. Weil Wunschbilder wieder zu wahrer Liebe werden. Die aus dem „Weil“ wieder ein „Trotzdem!“ macht und sich damit zum Subjekt über das aufschwingt, was zuvor die Qualen der Objektivierung erzeugte. Weil das, was man lebt, ja eben trotzdem sehr, sehr schön ist. Soll doch Kruse sich hin schnöseln, wo er will. Wir bleiben.

Selbst das Feeling auf der bösen Tribüne war gestern von dieser seltsamen, goldenen Heiligkeit erleuchtet, ja, tatsächlich, erleuchtet, die das Millerntor an manchen Tagen erfüllt, wenn das Sankt uns gegenwärtig wird. Das ist ja gar nix Christliches, sondern etwas, das transzendiert, wenn man das will. Zumindest um mich herum pöbelte keiner. Diese Hinrundenaggression des verbal auf die Spieler Eindreschens war geschwunden. Schien mir zumindest so. Selbst nach dem Spiel blieben sehr viele sehr lange stehen und nahmen tiefe Züge Stadionluft in die Sommerpause mit. Wohl, weil sie nichts mehr erwarteten. Dann ist Raum für Neues da.

Und für Kunst. Die gedeiht nur da, wo man sich von Erwartungshaltungen löst. Sonst agiert man wie die Kandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar“. Und irgendwer baut einem, auf Musik montiert, eine Legende von exakt 2 Minuten 30. Um zu verhindern, dass die Sinne schweifen. Zum Beispiel zur Frisur von Mario Gomez. Ich finde die prima, weil sich so viele Heten darüber ereifern. Oder zu Herrn Kinhöfer, der ganz zu Recht Applaus nach dem Spiel erhielt. Wieso Robben uns zuklatschte, habe ich trotzdem nicht verstanden. Vielleicht, weil wir ihm das Einspielen von „Tulpen aus Amsterdam“ bei seinen Treffern ersparten. Oder ihm gefiel das „Zieht den den Bayern die Lederhosen aus!“ beim Stand von 1:6. Oder 1:7. Oder 1:8. Weiß ich jetzt auch nicht mehr.

Fast hätten wir, in der Ruhe der Desillusillusionierung versunken, „Einer geht noch, einer geht noch rein“ so vor uns hin gesummt wie meine Oma, als sie nach über 50 Jahren ihr Stargard wieder gesehen hatte, als dieses so anders aussah im Kern, nur noch Platte und die hübschen Einkaufsstraßen weg, und sie danach in der Hotelhalle ins Nichts unaufhörlich „In einem Polenstädtchen, da lebte einst ein Mädchen, das war so wunder-, wunderschön!“ singsang.

Hey, heute ist Tag der Befreiung! Danke, US- und Rote Armee!!!! Hat meine Oma zum Glück auch so gesehen.