Metalust & Subdiskurse Reloaded

"Nur was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen als verständlich"

Verteufelte gegen sich auflösende Mannschaftsteile des FC St. Pauli 2:0

„Die Vorstellungen begannen immer gegen Mitternacht und waren vor allem bei Jugendlichen und Studenten äußerst beliebt. Durch das Zusammenfinden von Kinobesuchern zu dieser speziellen Tages- bzw. Nachtzeit formte sich eine cineastische Szene, deren kulturelle und intellektuelle Aussagen als Gegenentwurf zum Leben der Elterngeneration und der sogenannten kulturellen Elitesowie dem Mainstream gelten sollte.“

Ja, so isses. Die arbeitende Bevölkerung blieb und bleibt außen vor. Also zumindest jener Teil derer, der morgens früh aufstehen muss. Auch deshalb ja der Zwang zur Lohnarbeit: Damit die Massen nicht zum Nachdenken kommen. Sondern verbissen darauf bedacht werden, dass ihnen niemand diesen Zwang nimmt.

Habe trotzdem nie verstanden, was „Frauentausch“- und „Bauer sucht Frau“-Gucker am Millerntor verloren haben. Obwohl das derer da bestimmt viele sind. Das sind die, die sich am meisten über Formen der Gewalt aufregen, deren Ursachen sie doch zugleich ganzabendlich im Fernsehen glotzen wie die Alm-Kühe.

Ja, es ist an der Zeit, erste Rückblicke zu wagen auf eine Saison, die nun mit einem Abstieg enden wird. Diese merkwürdige Verbiederung, die sich mir erstmals rund um die „Blockade“ beim Rostock-Spiel als Netzwirklichkeit rund um den FC St. Pauli präsentierte und in den schmallippigen Moralattacken des Gernot Stenger rund um den Jolly Rouge gipfelte, die sind einfach korrelativ zu den schlagermovisierten Business-Hools, diese „geh doch nach Hause, Du alte Scheiße“-Fraktion. Diese Typen bilden zu der Law and Order-Freaks die Entsprechung.

Weil das Anarchische, Unreglementierte sich eben diese verzerrten, verfehlten, vermaledeiten Ausbruchs- und Ausdrucksmöglichkeiten sucht als Antwort auf diese Zerrbilder von Moralität, die die „Germany’s next Top Model“-Menschenverächter wie Gift ausstoßen in ihrem Neid auf alles Spontane und Lebendige. Während sie Millerntorausflüge wie Bibelkreise zelebrieren. Das ist tödlich. Ich ehre meine Erinnerungen an Kirchentage mit lila Tüchern in Hannover, aber ich wusste auch, warum ich da nicht stehen geblieben bin.

Das war Erkenntnis 1 des letzten Jahres: Leute wie Schulte und Stenger adaptieren exakt diese Haltung der“Benimm Dich“-Fraktion, um das, was an unserem „Mythos“ gut ist, im Sinne evangelikaler Subjektivierungsweisen zu transformieren, aufzulösen und so zu versuchen, die Kritik an sich in der Haupttribünenherrschaftsarchitektur manifestierenden, ökonomischen Strukturen  abperlen zu lassen und als Klotz am Bein zu behaupten.

Vielleicht haben sie aber irgendwas begriffen, vielleicht auch nicht. Zumindest bei Herrn Spies scheint das so zu sein.

Einigermaßen untergegangen ist ein bemerkenswertes Interview im Abendblatt, das Licht und Schatten als Suchbewegung vollzieht und somit auch als Frage aufgefasst werden kann, was nun an einer Art Nullpunkt, erneuter Abstieg, der Vereinshistorie mit diesem FC St. Pauli anzufangen ist.

Die wohl prägendsten Personen der letzten Jahre, Corny Littmann und Holger Stanislawsky, sind nun weg. In diesem Vakuum wird gerangelt; wenn es jetzt gelingen sollte, Marcel Koller zu engagieren, so wäre das schon deshalb prima, weil man einfach einen leitenden Angestellten für den sportlichen Bereich hätte, bei dem man nicht gleich das Gefühl hat, dass er für den Mythos als solchen steht, wenn man etwas gut oder schlecht findet an seinem Tun. Das war nicht gut für den Verein, dass das bei Stani so war. Ebenso, wie es schlecht ist, wenn Herr Meeske mit seinen Marketingsprechweisen gelebtes Leben annektiert – der soll seinen Job machen und ansonsten vielleicht lieber die Klappe halten.

Viel wichtiger ist, was in Präsidiumsmitgliederhirnen, eben Organ nicht etwa wirtschaftlicher Notwendigkeit, sondern demokratischer Willensbildung im Idealfall, so vor sich geht. Denn das war wohl die zentrale Erfahrung „Erste Liga“: So was wie die Bayern, wie Wolfsburg, wie Leverkusen, wie Hoffenheim ist so dermaßen schlimm, dass man deren Prämissen nicht folgen können kann. Das ist tot wie das Kapital, das es repräsentiert. Solche Operettenarenen mit Familienausflugspublikum sind, was gar nicht geht und doch die erste Liga ziemlich zentral ausmacht.

Was war jetzt eigentlich besser in Liga 1? Der Dortmunder und Leverkusener und Mainzer Fussball. Ansonsten eigentlich nix. Okay, die Bremer Fans.

Mal Promis gucken und ansonsten schäbige Spiele voller Umfallerei, auf Schiedsrichter Eingequatsche von massenmedial bekannten Gesichtern sehen, in denen begnadete und Unmengen an Geld verdienende Individualisten durch gelegentliche Vorstöße  Spiele entscheiden. Mehr war doch nicht. Jede Menge grauenhaftes Publikum, das „erste Liga gucken“ will und sich mit fremden Schals behängt bei Geschäftspartnern auf den Business-Seats tummelte und mit Bierbechern Schiedsrichterassistenten traf. Und sonst? habe ich was vergessen?

Insofern ist wohl Punkt 1 bemerkenswert am zu kommentierenden Abendblatt-Interview:

„Wenn man das mal ganz abstrakt sieht und Zuschauer und Fans als Kunden betrachtet, dann vergisst die Branche gern einmal, nachzuschauen, was der Kunde eigentlich will.“

Nee, Herr Kröger, trotz des sympathischen Nachsatzes zu den Anstoßzeiten: Die Kunden- und Konsumentenrolle isses ja nun gerade NICHT. Allein schon, weil diese Rollenzuweisung jene exkludiert, die sich nicht leisten können, Kunde zu sein. Das Erbe von Reenald Koch ist alles andere als beschwörenswert, gerade jetzt nicht – das einst jedoch ein Benefiz-Spiel für Obdachlose, die, so damals wörtlich, vor dem Stadion WOHNEN, veranstaltet wurde, das fand ich gut. Besser als diese Bezirksamtschefs, die Menschen als Müll betrachten, der unter Brücken weg zu fegen sei.

Die Unterteilung in Kunden- und Nicht-Kunden ist Teil des gesellschaftlichen Problems, das Herr Spies sehr gut auf den Punkt bringt:

„Als ich anfing zum Fußball zu gehen – mein Vater nahm mich in den frühen Sechzigern mit –, waren Leute im Stadion, die alle aus verschiedenen Milieus kamen. Sie waren in der Partei organisiert, viele waren katholisch, alle in der Gewerkschaft. Der Fußball hatte nicht einen so hohen Stellenwert. Diese Milieus haben sich aufgelöst. Krise der Kirche, Krise der Gewerkschaften, Krise der Parteien. Die Leute empfinden die Welt mittlerweile als sehr unübersichtlich. Da bekommt der Fußballklub eine ganz neue Bedeutung als Heimat. Da fühle ich mich Zuhause, da teile ich Werte. Insofern schwappt plötzlich eine gesellschaftspolitische Debatte, die früher gebrochen war in fünf, sechs verschiedene Abteilungen, in den Fußball und konzentriert sich hier am Sonnabend. Ich glaube, dass sich der Fußball dieser gesellschaftspolitischen Bedeutung bislang noch gar nicht bewusst geworden ist. Viele Funktionäre tun so, als wäre das nicht unser Thema. Doch was wir im Profifußball veranstalten ist eminent gesellschaftspolitisch. Und deswegen werden die Auseinandersetzungen auch härter.“

Die Entgegnung von Herrn Kröger, dass bei uns doch politische Parolen Gang und Gäbe seien, zeigt nur einmal mehr das Problem, dessen Teil auch die evangelikalisierten Bibelkreise, die das Millerntor für eine Art Kirchentag halten, darstellen: Dieses Oberflächengequatsche, das unfähig ist, strukturell zu denken. Parolen schwingen kann ja jeder.

Die Analyse von Spies ist ungleich intelligenter, obgleich sie eine Falle enthält, die gesamtgesellschaftlich wirkt: Eben die Annahme, ein „Zurück zur Religion!“ zum Beispiel könne jenen „Kitt“ bereit stellen, der die Integrationsbasis für all die Vereinzelten darstellt. Bei aller Achtung vor der karitativen Arbeit der Kirchen, das isses bestimmt nicht. Gewerkschaften im Gegensatz dazu waren Interessenvertretungen, keine Veranstaltungen zum seelischen Aufbau.

Spies gibt aber auch gar nicht diese Antwort. Er denkt vielmehr über zeitgemäßere Kommunikationswege nach. Ich bekenne mich einmal mehr überrascht, da im Gegensatz zu Gernot Stenger, der noch Medienkampagnen gegen die eigenen Vereinsmitglieder führte wie ein Anwalt, der einen Prozess gewinnen will und somit den Zeugen der Anklage erstmal bestmöglich diffamiert, tatsächlich mit Nachdenken konfrontiert zu werden:

„Spies: Wenn nur drei Prozent der Mitglieder zur Jahreshauptversammlung kommen, auf der das Präsidium gewählt wird, muss ich mir überlegen, ob ich andere Formen der Teilhabe finde. Briefwahl, Voting im Internet – ich weiß es nicht. Aber so kann es jedenfalls nicht weitergehen. Auch da müssen wir jetzt Kreativität nachweisen und uns etwas überlegen. (…) Es gab die Aktion „Warum gehe ich zu St. Pauli?“. Was ist unser Wertekanon, weshalb sind wir eigentlich hier? Das sind ganz kleine Versatzstücke, und genau da müssen wir weitermachen.“

Ja. JA! Wenn nicht jetzt, wann dann? Habe das als Aufforderung an all die Organisierten und Nicht-Organsierten verstanden, nunmehr solche Fragen wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken und gemeinschaftlich Antworten zu suchen. Eine Handreichung nach all den Güllekübeln, die zunächst rund um und auf die Sozialromantiker ausgeschüttet wurden, der, wie üblich äußerst allgemein, auch Orth beipflichtet:

„Wir warten täglich auf das 15.000 Mitglied. Wir haben nicht nur eine aktive Fanszene zu akzeptieren, zu vertreten und mit ihr zu diskutieren, sondern mit unseren einzelnen Mitgliedern. Das ist ein großer Faktor. Wir müssen alle ins Boot holen.“

Und, Spies noch mal:

„Dass die Fanszene immer das Recht hat auf eine eigene Meinung, auf einen eigenen Kopf und nicht immer alles gut finden muss, was das Präsidium tut, ist absolut legitim. Und das ist gerade in so einem demokratischen und diskussionsfreudigen Klub wie bei uns sowieso so. Wir müssen uns aber glaube ich überlegen, dass wir den Dialog im Verein mit unseren Anhängern breiter ziehen. Wir müssen uns insgesamt in eine breitere Vereinsöffentlichkeit rücken, denn was im Stadion passiert – Thema Becherwurf – wird nicht nur durch die aktive Fanszene geprägt. Wir müssen uns andere Dialogformen überlegen. Und wir müssen uns überlegen, wie wir die spieltagsbezogene Kundschaft, die Leute, die mit Haut und Haar St. Paulianer sind aber auch die, die das nicht so intensiv leben, aber gerne am Sonnabend zum Spiel kommen, auch mit einbinden. Wir haben zum Beispiel Sponsorentreffs, die relativ standardisiert ablaufen. Vielleicht sollte man da auch mal sagen, was diesen Verein besonders macht, den Wertekanon verdeutlichen.“

Selbst das „nicht verstehen“ der Anonymität der Sozialromantiker ist was ganz anderes, als den „Jolly Rouge“ mit Blut zu identifizieren.

„Du erlebst hier bei uns und in allen Auswärtsstadien eine Verrohung der Sitten, auch auf den Haupttribünen, auf den Business-Seats.“

Ja, so ist das im Kapitalismus. Wo große Teile der Gesamtgesellschaft – Hartz IV-Empfänger, Abschiebehäftlinge, PoC-Kids, die alltäglich Polizeiterror ausgesetzt sich sehen usw. – eben OBJEKTE dieser Verrohung sind, wäre ja überraschend, wenn jene, die auf der Seite des „Automatischen Subjekts“ agieren, das verfügbar macht und ausschließt, nunmehr sanft wie Lämmer auf Alltagswiesen grasten.

Jedoch: Man wird dem FC St. Pauli nicht gerecht, wenn man im Gegenzug die Super-Nanny mobilsiert. Man muss an die Midnight-Movies anknüpfen.

Um ausnahmsweise einen eigenen Tweet zu zitieren: Wir sind halt das coole Programmkino, wo jeder Film ein Ereignis ist, nicht der große Kinokomplex mit teurer Special Effect-Massenware … oder, Danke, Lichterkarussell, der kleine Punkrock-Gig, bei dem man die Liebe seines Lebens trifft.

Diese subkulturelle Dynamik ist es, die spezifisch für den FC St. Pauli ist. DAS ist der Unterschied zu anderen Traditionsvereinen, die auch nicht bruchlos die Multiplex-Leinwand aufbauen, so wie Dortmund zum Beispiel sich alten Charme bewahrt. Die sind viel größer, haben erfahren, was es heißt, am ganz großen Kommerz beinahe zu scheitern und wurzeln in wenn, dann gewerkschaftsanalogenTraditionen.

Wir nicht. Wir sind geboren aus dem Erbe des „Subito“, des „Dschungel“, der Flora.

Man muss diese Wurzeln gegen die Biederfrauen – und männer und die Business-Hools gleichermaßen verteidigen. Der FC St. Pauli hat eine andere Funktion da, wo er an soziale Bewegungen andockt, als selbst die engagierte Fanbase beim Lokalrivalen die ihre hat. Die haben INMITTEN des Mainstreams zu agieren, wir DAGEGEN. Nur so bewegt sich was.

Ach ja, der fehlte noch bei der Erstliga-Bilanz: Der Derbysieg. Der macht mich heute noch glücklich. Wirklich. Will ich nicht missen, Abstieg hin, Abstieg her. Eben gerade aufgrund des oben Skizzierten …

PS: Wieso im Gegensatz zur Überschrift gar nix über das gestrige Spiel hier steht? Gibt es da was zu zu sagen, was nicht 1000 Mal gesagt wäre? Viel Glück allen Spielern, die uns verlassen werden!

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3 Antworten zu “Verteufelte gegen sich auflösende Mannschaftsteile des FC St. Pauli 2:0

  1. Marcus Mai 2, 2011 um 6:33 am

    Groß-Art-ig.
    Nur eine Anmerkung:Jede Organisation,jede Interessenvertretung,jede Strucktur innerhalb oder außerhalb des Mainstream ist auch immer ein Identitätsangebot und somit eben doch auch Kitt oder wie du so schön schreibst: Seelenaufbau.
    Da kommste nicht raus,denn fernab aller Gedankenleistung ist ist die Suche nach Versammlung immer auch die Suche nach Sozialisation und Geborgenheit.
    Kein Mensch geht ans Millerntor und stellt dann erstaunt fest: Huch,die anderen sind ja auch alle da,nein er weiß es vorher.Ich glaube was „unsere“ Ansammlung so einzigartig macht ist die völlig überstiegene Fähigkeit von dem Rest anzunehmen er würde zu mindestens 80 % exakt so ticken wie Mensch selbst.In deinem Sinne also fast schon ein „automatisches Kolektiv“…und der Witz: Je anonymer desto besser die Projektionsfläche.

  2. momorulez Mai 2, 2011 um 8:29 am

    @Lichterkarussell:

    Dankeschön!

    @Marcus:

    Auch Dankeschön!

    Und mir ging es ja vor allem darum, dass nun gerade die Kirche nicht das sein solle, was als Kitt fungiert 😉 – womit ich keinesfalls wider den Glauben reden will, ist halt nur die Frage, welche Rolle man ihm zuweist.

    Bzgl. St. Pauli: Ja, klar. War tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich hinsichtlich einer Kollektividentität „Wir“ gesagt habe 😀 – wäre mir vorher nicht über die Lippen gekommen. Beim ersten Spiel – bereits auf der Haupttribüne, der alten, sitzend – bin ich noch nicht mal beim Torjubel aufgesprungen. Sah ich als Gruppenzwang. Das hat sich schnell gelegt.

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